Manfred H. Freude

WAS WISSEN WIR SCHON VON MUSIK

Wir haben noch nicht den Ton gefunden. Den richtigen Ton.
Den Ton, der uns durchdringt.
Bis zu den Fußsohlen.
Und der uns aufrichtet.
Wie ein Artist der eine Tänzerin
auf einer Hand über seinem Kopf hinaufwindet.
Und der Ton schwebt durch das Zirkuszelt der Welt,
um wieder hinab auf die Unterlippen zu schweben,
wie fliehendestes Gänsedaunen.
Wo beginnt der Ton, kommt er her?
Aus dem Mutterleib?
Entsteht er, in der roten Röhre die uns auspresst, ausspeit?
Ans Licht, zum Schrei? Schreie Mensch!
Ist der Schrei der Ton, der die Welt erschrickt?
Tiere werden still geboren. Nur der Mensch schreit bei der Geburt.
Doch welcher Mensch hört schon die Töne, die die übrige Kreatur noch hört, wenn das menschliche Ohr schon lange nichts mehr vernimmt. Wenn nur Insekten die Schwingungen des Tons fühlen. Wenn kein Ton mehr da ist.
Und? Wo ist der Ton, wenn kein Mensch und kein Tier mehr da ist?
Wenn du schreist, und nichts, gar nichts und gar keiner da ist der dich hört. Hört der Baum sein eigenes Blatt fallen?
Erlebt die Stille das Weltall.
Sein oder nicht Sein, das Zählt.
Der Ton ist nicht außen, nur in dir selbst.
Wo man nichts hört, wo kein Ohr. Kein Hirn, das Töne sortiert,
(wie Kubanische Zigarrendreherinnen, die nur beste Blätter sortieren und auf ihren festen Oberschenkeln rollen, mit drallen Lippen die Spitzen formen „paa“ und mit breiter Zunge das Deckblatt festkleben. Bei diesen Tönen zieht eine Gänsehaut über den Körper, die man nicht einmal im Kubanischen Sozial-Club erhält, )
...wenn man sie denn vernimmt.


Wenn man nichts hört, nur Stille.
Wie auf den Spitzen des Himalaja.
Wo die Luft zu dünn zum atmen und zum denken.
Kein aufheulendes Motorrad.
Vielleicht finden wir den Ton in einem der Schreine in den Tälern. „Oom“ dieser Ton eingeschlossen in einer kleinen Schatulle.
Dieser Ton soll von Buddha selbst in diesem Gefäß eingeschlossen sein. Darüber baute man eine riesige Stupa aus Ton.
Kannst du ihn hören? Kannst du hören, noch?
Kannst du den Ton begreifen? Greifen?
Greifen wie eine Stubenfliege im Flug fangen. Zack, hab sie und halte sie ans Ohr. “ssssssss“.
So sammeln wir die Töne. Bis wir eine Mappe, eine Schatulle, ein Album füllen mit Tönen.
Wir kaufen uns welche dazu. In der Oper, im Konzert.
Und wir tauschen. Wir tauschen so lange, bis sich herausstellt, wer die meisten Töne hat; hass`de Töne?
Und plötzlich ist die Welt wieder voller Töne, überall.
Wo wir immer stumm und taub waren.
Wir hören wieder. Wir sortieren und überhören.
Wir filtern die besonders guten Töne, die unserer Sammlung fehlen.
Irgendwann werden wir den richtigen Ton finden, der uns durchdringt bis zu den Fußsohlen.
Unsere Endorphine werden frei und wir sehen unser
inneres Bayreuth und Salzburg, in einem Atemzug.
Wir sind angekommen.
Wie schön wäre es gewesen, hätten wir jemanden an die Hand genommen.
Wir wären dann nicht so alleine im Dunst der Töne.
© 2003 Manfred H. FREUDE


************************* Autoreninfo ******************************


Manfred Hubert Freude (* geb. am 02.04.1948 in Aachen NRW)
Kunst-, Musik- und Lyrik,
diverse Gedichte (auch in Mundart Aachener Platt) er lebt seit 1948 in Aachen. *********************************************************************
Aachen den 31. Juli 2003

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FREUDE - Das dichterische Werk 2002 - 2006. Freude beim Lesen von Manfred H. Freude



Gedichte Edition. Manfred H. Freude, geboren in Aachen, lebt und arbeitet in Aachen. Erste Gedichte 1968. Er debütierte 2005 mit seinem Gedichtband: Alles Gedichte – Keine Genichte. Weitere Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien, Zeitschriften; Prosa und Lyrik im Rundfunk und in weiteren sechs Gedichtbänden. 2007 wurde eines seiner Dramen mit dem Titel: Im Spiegel der Ideale aufgeführt; 2008 sein Vorspiel zum Theaterstück: Faust-Arbeitswelten. Sein letzter Gedichtband heißt: Vom Hörensagen und Draufsätzen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennungen. Er studiert an der RWTH Aachen Literatur, Kunst und Philosophie.

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