Günter Weschke

Das Erwachen der Natur

Noch lag der Morgen wie ein silberner Schleier über den Wiesen. Tauperlen hingen an den Gräsern, und zwischen den kahlen Zweigen der alten Bäume schimmerte ein erster, kaum wahrnehmbarer Streifen Morgenlicht.

Der Winter hatte lange geherrscht.

Doch nun geschah etwas.

Ganz leise zunächst.

Unter der dunklen Erde regte sich ein Samenkorn. Es spürte die Wärme der Sonne, die immer tiefer in den Boden drang. Ein winziger grüner Trieb schob sich nach oben, durchbrach die Erde und reckte sich dem Licht entgegen.

Zur gleichen Zeit öffnete sich im nahen Wald die erste Blüte.

Eine Amsel saß auf einem niedrigen Ast und begann zu singen. Erst zaghaft, dann immer kräftiger. Ihr Lied flog über die Wiesen, als wollte sie allen Geschöpfen verkünden:

„Wacht auf! Der Winter ist vorbei!“

Und tatsächlich – überall begann sich etwas zu bewegen.

Bienen summten zwischen den ersten Blumen. Ein Schmetterling flatterte über den warmen Waldboden. In den Bäumen schwollen die Knospen an, und dort, wo gestern noch graue Zweige gewesen waren, zeigten sich heute winzige grüne Blätter.

Sogar der alte Bach, der monatelang unter einer dünnen Eisschicht geschwiegen hatte, begann wieder zu murmeln.

Er floss über die Steine, glitzerte in der Sonne und schien dabei ein uraltes Lied zu singen.

Der Frühling war gekommen.

Ein alter Mann, der jeden Morgen durch diesen Wald ging, blieb stehen und lauschte. Er hatte viele Frühlinge erlebt. Mehr, als er zählen konnte.

Doch jedes Jahr berührte ihn dieser Augenblick aufs Neue.

Er sah zur Sonne hinauf und lächelte.

„Du kommst immer wieder“, sagte er leise.

Der Wind strich durch sein Haar, als wollte die Natur ihm antworten.

Und vielleicht tat sie es tatsächlich.

Denn in diesem Augenblick fiel ein einzelnes Blütenblatt von einem jungen Baum herab und landete genau auf seiner Hand.

Der alte Mann betrachtete es lange.

Dann verstand er.

Das Erwachen der Natur war mehr als der Beginn eines neuen Frühlings.

Es war eine Erinnerung.

Daran, dass nach jedem Winter wieder ein Morgen kommt.

Dass selbst unter der kältesten Erde neues Leben wartet.

Und dass die Welt, so alt sie auch sein mag, jeden Frühling aufs Neue lernt, zu blühen.

Der Mann ging weiter.

Hinter ihm sang die Amsel.

Vor ihm lag der sonnige Weg.

Und ringsum erwachte die Natur – still, geheimnisvoll und wunderschön.

Noch haben wir Hochsommer,es ist sehr heiß, aber der nächste Frühling wird zu uns kommen, freuen wir uns darauf.

 

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