Rosemarie Behrendt

Jockel



 

 


 



Da sitze ich nun im Garten der Villa Mittelhof, schaue auf mein Blatt Papier und mir fällt einfach nichts ein. „Schreiben, was wir so sehen“, hat Manfred uns aufgetragen. Meine Mitstreiter sitzen verteilt auf mehreren Bänken.

Was sehe ich? Die Bäume sind grün, der Rasen auch. Den spielenden Kindern zuzusehen, macht Spaß. Einige Eltern spielen mit, andere sind genervt und ermahnen ihre Sprösslinge, doch etwas leiser zu sein. Aber darüber schreiben?

Huch, was ist denn das? Ich bekomme einen furchtbaren Schreck. Eine feuchte Hundeschnauze stupst an meine rechte Wange.

„Hey, wer bist denn du?“, frage ich. 

„Ich bin der Jockel“, antwortet der Hund. 

„Du kannst sprechen?!“ 

„Ja, ich habe die menschliche Sprache gelernt. War gar nicht so einfach.“ 

„Bist du allein hier?“ 

„Nee, mein Herrchen liegt hinten im Garten und schnarcht. Mir war langweilig und ich habe dich beobachtet. Du siehst sehr nachdenklich aus, fast verzweifelt. Was ist los mit dir?“ 

„Ach, ich gehöre zu einer Schreibgruppe, aber mir fällt nichts ein. Ich habe wohl eine Schreibblockade.“ 

„Mach dich doch nicht so fertig und geh mit mir spazieren!“, meint Jockel. „Na gut, drehen wir eine Runde.“

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, einen sprechenden Hund zu begleiten. Unterwegs kommt uns ein Schäferhund entgegen.

„Hallo Freddie, wie geht es dir?“, fragt Jockel. 

„Danke, gut. Wen hast du denn da dabei? Wo ist dein Herrchen?“ 

„Der pennt und schnarcht sich die Seele aus dem Leib. Die Frau hier habe ich im Garten vom Mittelhof aufgegabelt. Ist ganz nett.“

So so, ich bin also nur „ganz nett“, denke ich vor mich hin. So ein Schlawiner! Der soll froh sein, dass ich mich um ihn kümmere.

Was sehe ich da? Ein Eiscafé! „Lieber Jockel, magst du ein Eis?“ 

„Nichts lieber als das!“, bekomme ich freudestrahlend zur Antwort.

Ich suche einen Tisch, und der wunderschöne Golden Retriever läuft schwanzwedelnd neben mir her. Schon kommt der Kellner und ich bestelle für uns beide einen Eisbecher.

„Für den Hund auch eine Portion Eis?“, fragt der Kellner erstaunt. 

„Na klar!“, antworte ich.

Während wir auf unser Eis warten, schmiegt Jockel sich nah an mich heran. Ich streichle ihn; sein Fell fühlt sich warm und weich an. Es geht uns beiden gut. Das Eis wird serviert und der Hund bekommt sein Schälchen unter dem Tisch.

„Sowas habe ich noch nicht erlebt!“, lässt mich der Kellner wissen. Ich auch nicht, denke ich.

So, nun sollte ich Jockel aber langsam zu seinem Herrchen zurückbringen. Am liebsten würde ich ihn mit zu mir nach Hause nehmen, aber in meiner kleinen Wohnung würde er sich sicher nicht wohlfühlen. Wir betreten wieder den Mittelhofgarten.

Plötzlich sitze ich wieder auf meiner Bank. Vor mir liegen zwei voll beschriebene Papierseiten. Da ist die Fantasie wohl mit mir durchgegangen – Jockel gibt es nur im Traum. Schade, es war wirklich schön mit ihm! 🐶

Rosemarie Behrendt  

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