Isolde Heinrich

Das rollende Fass

 

Evi schob die beiden Koffer ins Schlafzimmer. Sie hatte keine große Lust, sie auszupacken. Wie immer hatten sie viel zu viel mitgenommen. Was heißt sie? Hans war es nicht, nur sie selbst. Sie wollte immer für alle Eventualitäten gerüstet sein, für Hitze und Kälte, Regen und Wind, für Bergtouren genauso wie für Abendveranstaltungen. Ihr Mann fand das alles übertrieben, auch für eine noch so romantische Freiluftaufführung zog man keine extravagante Abendgarderobe an. Ihr zweiwöchiger Urlaub in Italien war vom Wetter her sehr angenehm gewesen, von der Stimmung her weniger. Evi wusste, dass Hans nur eines liebte: Das Segeln. Ihr zuliebe verzichtete er bei einer gemeinsamen Reise darauf, aber schon übernächste Woche würde er wieder an die Nordsee mit seinen Kumpels zu ihrem Segelboot fahren. Diese Aussicht erfreute ihn ungeheuer und betrübte sie im selben Maß. Sie wäre dann wieder allein zu H ause mit ihrer beständigen Sorge, die ihr als stille Wut zu schaffen machte. Sie könnte deshalb einfach nichts zu ihrer eigenen Freude unternehmen. Das nützte zwar niemandem, aber Jahr für Jahr war es dasselbe. Sie war sich sicher gewesen, dass er jetzt in Italien permanent, wenn auch unausgesprochen, das Segeln vermisst hatte, zuerst als sie bei der kleinen Familie ihrer Tochter in Verona waren und das Baby hüteten, damit die jungen Eltern auch einmal ausgehen konnten. Wenn sie nur zu zweit an den lauen Abenden auf der Terrasse saßen, las er, solange es einigermaßen hell war, seine Seglerzeitung, während er hin und wieder am Rotwein nippte, wobei er wahrscheinlich lieber Bier getrunken hätte. Von Gesprächen keine Spur. Wenn Evi etwas sagte, hörte er nicht zu. Dann schwieg sie eben auch. Manchmal weinte das Kleine und Evi ging zum Kinderbettchen und blieb als Ersatz im abgedunkelten Zimmer bei der ihre Mama vermissenden Vera, flüsternd und summend. Nicht viel besse! r war es in der zweiten Woche gewesen, als sie in ein komfortables Ferienhaus hoch über dem Gardasee umzogen. Sie machten ganz wie früher schöne Wanderungen, erfreuten sich am guten Essen und lernten auch ein nettes Ehepaar kennen, aber Hans blickte oft versonnen ins Tal hinunter, wo der blaue Streifen des Sees winzige weiße Dreiecke zeigte, die sich schnell bewegten. Also war der Wind gut! Und er konnte ihn nicht nutzen.

Evi trat auf den Balkon ihres Einfamilienhauses hinaus. Die Blumen waren teilweise in ihren Kästen verdorrt, hatte Karla, die Zugehfrau, wohl vergessen zu gießen. Sie sah, wie Hans den Rasenmäher in Stellung brachte. Das Gras war in den letzten Tagen ziemlich gewachsen und es war höchste Zeit zum Mähen. Der Motorenlärm störte sie und sie schloss die Balkontür hinter sich. Seufzend machte sie sich jetzt doch ans Auspacken. Das meiste war unbenutzt und konnte gleich aufgeräumt werden. Warum sie die beiden angeblich spannenden Romane nicht gelesen hatte, war ihr schleierhaft. Was hatte sie im Urlaub eigentlich davon abgehalten?

Sie schloss die Schränke und trug die Schmutzwäsche schnell in den Waschkeller. Plötzliche Stille. Hans war fertig mit Mähen. Er kam verschwitzt herunter und fragte, wo sein Ölzeug wäre. Woher sollte sie das wissen? Wahrscheinlich war es an der Nordsee. Er verschwand ärgerlich und Evi wollte- sofort ebenfalls verstimmt- die Waschmaschine anwerfen. Sie ging natürlich nicht, schon war sie im Begriff, Hans zu rufen. Er war im hinteren Keller noch auf der Suche nach seinen Seglersachen. Ach Gott, klar, sie musste sie doch erst wieder anschließen.

Es war nichts Frisches fürs Mittagessen im Haus. Sie holte schnell etwas Vorgekochtes aus der Tiefkühltruhe. Einkaufen war für den Nachmittag geplant. Da rief Leon, der ältere Sohn, an und erkundigte sich nach ihrer Rückreise. Er würde mit den beiden Buben zu ihr kommen, wenn Papa auf dem Meer sei. Noch seien die beiden in England auf einem Englischkurs. In der Freizeit würden sie dort, verzeih, auch Segeln lernen. Evi versuchte zu lachen, stattdessen rief sie ohne einen Kommentar Hans ans Telefon.

Natürlich war das Ölzeug nicht im Haus. Die Vier ließen doch alles immer „oben“. Die Vier- das waren Hans, sein Bruder Ludwig und ihr Jugendfreund Peter, alle um die 60 und dazu als einzige Frau Eleonore, dessen 2. Frau und zwanzig Jahre jünger, eine begeisterte Seglerin. Schon der klangvolle Name war für Evi ein rotes Tuch. Sie war äußerst eifersüchtig auf diese sehr attraktive Frau, zugegebenermaßen nicht nur sportlich, sondern auch charmant und dazu sehr gut aussehend. Angeblich waren die 3 Männer lediglich ihre Sportsfreunde, aber Evi glaubte das nicht. Sie hatte sie genau bei ihren Besuchen hier beobachtet. Die verführerische Eleonore verdrehte allen Männern den Kopf, sogar ihrem Sohn Leon, was auch Christa, ihre Schwiegertochter, bemerkte. Aber seit 2 Jahren waren sie alle nicht mehr hier zusammen gewesen. Vielleicht, weil Evi keine Einladung mehr ausgesprochen hatte?

Hans hatte sein Auto schon am Vorabend vollgepackt und war frühmorgens unverhohlen glücklich abgefahren. Die letzten Tage davor tat er alles, um Evi zu erfreuen, er war ungewöhnlich zuvorkommend und führte sie zum Essen aus, ging ohne Widerrede auf eine Einladung der Nachbarn mit und brachte Pralinen und einen großen Blumenstrauß nach Hause. Er vermied es, vom Segeln zu reden und besprach am Telefon mit seinen Leuten nur das Nötigste in ihrer Hörweite. Das alles beeindruckte Evi wenig, litt sie doch jetzt schon an einem Gefühl der Hilflosigkeit und der Zurücksetzung. Hochseesegeln war bekanntlich lebensgefährlich, vor allem, wenn man schon in fortgeschrittenem Alter war und es nur einmal im Jahr betrieb. Aber wäre ihr ein wiederholtes Mal denn lieber gewesen? Wenig erfreut fing sie an, das Chaos, das Hans hinterlassen hatte, zu beseitigen. Kochen fiel heute aus. Sie erhielt ein Video aus Italien, das die kleine Vera in Sze ne setzte. In ihrem geblümten Windelhöschen tappte sie zu einer Musik im Hintergrund irgendetwas singend hin und her und schlug die Patschhändchen nicht immer treffsicher zusammen. Ihre Tochter Hanna war stolze Mama und wollte ihre einsame Mutter erfreuen. Evi fand Vera „ganz goldig“ und behauptete, dass bei ihr selbst wirklich alles in Ordnung wäre.

Und was soll’s? Hans war doch nur 2 Wochen weg, dann war sein Urlaub sowieso zu Ende. Und könnte sie so nicht viel im Garten arbeiten und ungestört das Haus auf Vordermann bringen? Wenn auch bald die Kinder da wären, hätte sie doch Ablenkung genug. Die halbwüchsigen Enkel müssten gefüttert und unterhalten werden und Leon war doch zu ihr immer ganz anders als sein Vater. Als sie mit dem leidigen Aufräumen weitgehend fertig war, ging sie mit einer Tasse Kaffee und dem einen hochgepriesenen Roman in ihre Laube, um die Ruhe zum Lesen zu genießen. Sie kam nicht weit. „Die schwarze Wolke“ handelte von einer unaufgeklärten Brandstiftung, durch die aller Wahrscheinlichkeit nach das geliebte Kind und die ungeliebte Schwiegermutter der Heldin ums Leben kamen. Der Brand wurde sehr ausführlich beschrieben und bald fielen Evi die Augen zu. Sie erwachte, als Hans anrief und sagte, dass er trotz einigen Staus gut angekommen s ei. Er und die anderen wären schon mit ihrer Nordkurs, dem Boot, du weißt, beschäftigt. Nach kurzem Schweigen erklärte Evi wieder mit tonloser Stimme nun auch ihrem Mann, dass bei ihr alles in Ordnung sei. Das Buch lag am Boden.

Die Vier waren sich voller Vorfreude in die Arme gefallen. Die salzige Luft am Meer war herrlich. Sie richteten die Kajüten her und verstauten ihre Vorräte. Mit dem Boot schien alles in Ordnung. Morgen könnten sie bei dem zu erwartenden Wind schon mal kurz die Segel setzen und natürlich vorher die Formalitäten gemeinsam erledigen. In ihrer Stammkneipe wurden sie von Jens, dem Wirt, auf Seemannsart hart aber herzlich begrüßt. Er arbeite gerade seinen Sohn ein, der würde hoffentlich ein guter Nachfolger. Wie als Beweis rief er: „Kai, bring doch unseren Gästen schon mal ein Bier!“ Der Junge brauchte dafür allerdings eine ganze Weile. „Geht aufs Haus!“ brummte Jens und kümmerte sich selbst darum.

Beim täglichen Segeln vor gutem Wind fühlten sich die vier Landratten bald wieder in ihrem Element. Sie genossen die Weite des immer mal wieder rauen Meeres und seine nicht geringen Herausforderungen, versorgten sich meistens an Bord oder ertrugen dann an Land geduldig Kais Servierversuche und die gespielte Verzweiflung seines Vaters. Eleonore tat wie immer alles, um die Männer bei Laune zu halten, aber sie packte genauso gut mit an. Schon bald war eine Woche um. Heute war Samstag und sie machten am Morgen eine kürzere Fahrt, weil sie dann noch einkaufen und später in der Stadt zum Essen gehen wollten. Hans musste nochmals zum Boot zurück, er hatte sein Handy vergessen. Das kurze Alleinsein konnte er nutzen, um Evi anzurufen. Sie ging nicht ran. Umso besser, es gab nichts Wichtiges zu besprechen. Um den Weg zu den anderen im Supermarkt abzukürzen, nahm er nicht die hölzerne Treppe, die in einem Bogen von der Mole zur Straße führte, s ondern sprang daneben auf die große betonierte Rampe, die zu betreten eigentlich verboten war. Sie fiel von der Reparaturwerkstatt ganz oben auf dem Deich steil bis zum Wasser ab und hatte natürlich Schienen, um die Boote hinaufziehen oder wieder zu Wasser lassen zu können. Da musste er aufpassen, um nicht zu stolpern, aber seine Seglerschuhe boten gute Bodenhaftung und Hans erreichte schnell die Mitte der abschüssigen Bahn. Oben vor den offenen Toren sah er Kai, der mit einem großen Rucksack und mit rechts und links 2 vollen Taschen anscheinend gerade vom Einkaufen kam. Hans winkte und Kai blieb stehen, nickte nur. Vor ihm jagten sich ein paar Hunde zwischen 3 mannshohen Ölfässern vor der Bootswerft. Der größere Rüde sprang besonders hoch und stieß an eines der Fässer. Es fiel um und geriet ins Rollen, schon hatte es die schiefe Bahn erreicht. Mit einem lauten Schrei warnte der Junge Hans vor der Gefahr. Der sprang auc h gleich zur Seite, geriet aber mit einem Fu! ß zwischen die Schienen. Er konnte sich nicht schnell genug befreien, wurde unausweichlich von dem ratternden Ungetüm an Kopf und Brust getroffen und fiel bewusstlos hinterrücks über den Rand der Mole mit der rasenden Tonne im Gefolge. Doch bevor er in das dunkle ölige Brackwasser geschleudert wurde, stülpte sich das Fass über ihn. Kai war die gefährliche Rampe hinuntergerannt, laut um Hilfe schreiend. Zwei Männer aus der Werft setzten den Notruf ab und warfen Kai einen Rettungsring zu. Aber Hans war nicht zu sehen. Er musste in der Tonne sein! Hilfe kam schnell, aber die Hoffnung auf Rettung war inzwischen schon geschwunden. Die bei schweren Unfällen am Meer erprobten Helfer konnten bei ihrem sofortigen Taucheinsatz den leblosen Körper bergen. Der Puls kaum mehr zu fühlen, aber durch seine Ohnmacht war der Verunglückte nicht ertrunken. Mit Hubschrauber wurde er so schnell wie möglich nach Hamburg gebracht, w&aum l;hrend der völlig verstörte Kai nur unter krampfartigem Schluchzen über den Hergang des schrecklichen Unfalls berichten konnte. Jens fand Eleonore und die beiden Männer fröhlich plaudernd im Markt an der Kasse. Sie waren völlig geschockt. Die Polizei ermittelte schon. Fremdverschulden, Verbotsübertretungen, ja, war alles nicht wegzuleugnen, aber nur eines war wichtig, dass Hans überlebte. Ludwig fand es besser erst seinen Neffen Leon anzurufen, der es dann seiner Mutter schonend beibringen sollte. Leon und seine Söhne waren gerade heimgekommen, so war erst seine Frau am Telefon. Es dauerte eine Weile, bis Leon, schon sehr beunruhigt, seinen Onkel nach dem Grund des Anrufs fragte. Viel Trost konnte Ludwig, der selbst sehr betroffen war, natürlich nicht spenden Die Lage war höchst kritisch. Nachdem sich Leon einigermaßen gefasst hatte, wollte er sofort wieder aufbrechen. Sollte er seiner Mutter sein Kommen ankündigen? Besser nicht.

Als Evi – überrascht- den Wagen ihres Sohnes vor der Tür sah, dachte sie, er habe etwas wahnsinnig Wichtiges vergessen, aber als er sie wortlos umarmte, wusste sie, dass etwas mit Hans sein musste. Heute war es nicht mehr möglich, aber sie konnten morgen zusammen nach Hamburg fliegen und in den nächsten Tagen mit dem Wagen von Hans zurückfahren.

Als Evi das Krankenzimmer betrat, bot sich ihr das Bild, das sie sich in ihren schlimmsten Befürchtungen seit Jahren vorgestellt hatte. Von Kopf bis Fuß und bis zur Unkenntlichkeit bandagiert, immer noch im Koma, lag Hans da, an unzählige Maschinen angeschlossen, die ihn am Leben hielten. Auch an den nächsten Tagen gab es immer noch keine Veränderung zum Guten. Nach ärztlicher Aussage würde es auch nichts bringen, wenn sie beide noch länger blieben. Mutter und Sohn schwiegen fast die ganze Heimreise über und rangen innerlich um Fassung. Als nach Wochen der Patient endlich transportfähig war, wurde er in ein Krankenhaus im Süden verlegt. Gottlob, er hatte überlebt und seine Gesundheit wurde ganz allmählich wieder hergestellt. Am schlimmsten war immer noch die Atemnot, da die gebrochenen Rippen die Lunge verletzt hatten. Erst im Frühjahr gelangen ihm die ersten Gehversuche. Er war in den vorläufigen Ruhestand v ersetzt worden und ganz auf die Fürsorge Evis angewiesen. Sie fügten sich beide in das Unvermeidliche. Trotz aller Vorsätze kam Evi von ihrer vorwurfsvollen Stimmung nicht mehr los, während Hans die zu seinem Glück notwendige Geduld aufbringen konnte.

Nach 3 langen Jahren -oder waren es schon 4 ? – trafen sich die Vier wieder, aber diesmal nur an einem ruhigen Binnensee zu einer Segelwoche.

Wasser und Wind waren zweifellos ideal - aber es war einfach nicht mehr dasselbe…

Kein Wunder, vermissten sie doch ihre alte Nordkurs, die inzwischen eine andere Crew über aufgepeitschte Wellen trug, wovon sie nur noch insgeheim träumen konnten.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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