Die vier großen Städte der Doppelbarone und ihre reichen Besitzungen werden weit östlich von einem steil aufragenden Schiefergebirge begrenzt, das sich nach Norden bis zum Meer erstreckt. Das südliche Ende des Schiefergebirges wird von „der Schlucht“ markiert, die sich in östlicher Ferne verliert. Ihre Tiefen sind beinahe zur Gänze vom tosenden Wasser der „Schnellen“ gefüllt und ohne aufwendige Hilfsmittel nicht zu überwinden.
Ja, die Schlucht wäre wohl vollends unpassierbar, gäbe es nicht in weiter Ferne hie und da eine Brücke, die auf die andere Seite hinüberführt. Diese Brücken werden von der männlichen Bevölkerung einiger weniger Dörfer entlang der Schlucht instand gehalten. Diese angrenzenden Orte werden ohne Unterschied einfach nur „Schluchtendorf“ genannt. Das hat Vorteile, denn dorthin will ohnehin niemand – und die wenigen Wanderer aus dem Osten kommen eben schlicht aus „Schluchtendorf“.
Jenseits der Schlucht, bis auf wenige hundert Schritte an den tosenden Abgrund heranrückend, erstreckt sich der „Eisenholzwald“ in alle Richtungen. Mächtige, eichenähnliche, gewaltige Bäume, die jeder Axt widerstehen, solange sie nicht selbst zu sterben bereit sind. Und selbst dann bedarf es einer langen, harten Arbeit, um einen Baum zu fällen, und noch längerer, ihn in handliche Stücke für das Feuer oder die Weiterverarbeitung zu zerlegen. Auch ihre Früchte, die tatsächlich den Eicheln der uns bekannten Baumart ähneln, bergen manche Geheimnisse.
Zweimal im Jahr überquert die Dorfjugend die nächstgelegene Brücke, um die am Waldrand liegenden „Eicheln“ zu sammeln. Sie verkaufen ihre Beute an regelmäßig heranfahrende Bestaller der Doppelbaronischen Armee, welche die exzellenten Flugeigenschaften dieser eisenharten Schleudergeschosse sehr zu schätzen weiß. Die Dorfkinder sorgen so für einen beträchtlichen Teil des Familieneinkommens.
Aber die Eichel vermag noch weit mehr als Köpfe aus großer Entfernung zu durchstoßen: Eine einzige Eichel kann einen erwachsenen Mann zwei Monate lang sättigen – vorausgesetzt, er trinkt in dieser Zeit ausreichend frisches, klares Wasser. Allerdings kann jeder Mann dies nur dreimal im Laufe seines Lebens tun. Auch muss er das Alter von fünfzehn Wintern überschritten haben. Die Eicheln scheinen etwas im Körper des Verzehrenden zurückzulassen. Verzählt er sich oder versucht er die Frucht zu überlisten, wird augenblicklich ein Wachstumsimpuls in der Eichel geweckt: Eine junge Eisenholzeiche lässt den unglücklichen Esser auf der Stelle zerplatzen, treibt an seiner Statt die Wurzeln in den Untergrund und lässt das tödlich überraschte Gesicht auf ihrer Rinde erscheinen.
Die Doppelbarone versuchten einst, eigene Wälder in ihrer unmittelbaren Umgebung zu schaffen, indem sie Zum-Tode-Verurteilte zwangen, ein halbes Dutzend dieser Eicheln auf einmal oder kurz nacheinander zu schlucken. Es passierte … nichts, außer einem kräftigen Durchfall für die Delinquenten. Es scheint, als wirke die Angst der zum Verzehr Gezwungenen auf die Eicheln wie der unreife Körper eines Kindes: Der Wachstumsimpuls bleibt aus, ebenso wie das Sättigungsgefühl. Die den weiblichen Körpern eigenen Lebenssäfte unterdrücken die Wirkung der Eicheln im Übrigen ebenso wie die der unfertigen Kinderkörper.
Trifft man auf einen männlichen Bewohner von „Schluchtendorf“, fällt sofort seine unzufriedene Grundstimmung auf. Die Männer haben außer der Brückenwartung, der Sorge um die Wege und den wenigen Beständen an Kleinvieh, Pferden und Ochsen so gut wie nichts zu tun. Sie würden wohl die Brücken verrotten lassen, um dann mehr daran arbeiten zu müssen – wenn nicht ihre Kinder dabei in Gefahr gerieten. Außerdem werden sie mit der Zeit zänkisch und träge, was wohl vor allem an der Ernährung durch ihre Frauen liegt.
Die Frauen des Dorfes ernten und verarbeiten regelmäßig die Frucht einer wilden, reichlich vorkommenden Pflanze, der sie den Namen „Blattmusknolle“ gegeben haben. Diese gallertige, große, am Boden wuchernde Frucht wird mit einer Art Schabeeisen vom blätterigen Untergrund gekratzt. Dabei atmen die Frauen wohl besonders belebend wirkende Pollen ein, denn sie gestatten ihren Ehemännern nie, ihnen bei der Arbeit zu helfen. Allerdings steigt die Geburtenrate nach jeder Erntesaison erheblich, sodass es im Haus nur selten kein Kindergeschrei gibt.
Viele der pubertierenden jungen Männer des Dorfes machen sich auf, um in den weit im Südosten liegenden Fleischsteppen ihren Mut zu beweisen. Zurückgekehrt ist noch niemand. Böse Zungen behaupten allerdings, dass die jungen Kerle nach zwei oder drei Tagen ihre Route in westlicher Richtung ändern, um so bald wie möglich ihr Glück in der Armee (oder den Gasthäusern) der Doppelbarone zu suchen. Wie dem auch sei: Es ist noch kein einziger dieser jungen „Helden“ ins Schluchtendorf zurückgekehrt.
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heiko Buchmeier).
Der Beitrag wurde von Heiko Buchmeier auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
yahoo.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Heiko Buchmeier als Lieblingsautor markieren

Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde
von Anne Degen
Zusammen mit Freunden am Kamin zu sitzen bedeutet:
Gute Gespräche führen, den Tag geruhsam ausklingen lassen, seinen Gedanken und Träumen nachhängen ...
Der Gedichtband „Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde“ von Anne Degen will genau das: Den Leser als guten Freund, mit Gedichten, die wie kleine Geschichten aus dem Leben erzählen, am Träumen teilhaben lassen.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: