Clara saß auf der Terrasse, geschützt von der niedrigen Hecke, die
das Haus zur Straße hin abschirmte. Auf ihren Knien lag der Roman, den sie
sich vor der Abfahrt am Anleger im Kiosk gekauft hatte. Der Klappentext des
Thrillers hatte interessant geklungen, doch bislang war es ihm nicht gelungen,
sie zu fesseln. Sie hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen, lauschte dem
dumpfen Rauschen des Meeres und atmete tief aus.
Es war die zweite
Woche ihres Urlaubs. Sechs Wochen Sommerferien ließen sich mit
dreißig Urlaubstagen nur organisieren, wenn sie und Michael sich
abwechselten. Die ersten sieben Tage waren sie als Familie hier gewesen:
Strandspaziergänge, Sand in den Betten, Radtouren. Vor drei Tagen hatten
sie Michael zum Anleger begleitet. Emma hatte geweint; Lukas hatte sich nach
außen tapfer gegeben, obwohl seine Unterlippe deutlich zitterte. Clara
hatte den Eindruck gehabt, dass Michael bei der Abreise nicht nur traurig
gewesen war. Vierzehn Tage allein zu Hause – auch wenn er arbeiten musste
– hatten offenbar ihren Reiz. Clara war mit den Kindern in dem
großen, rot geklinkerten Haus ihrer Tante geblieben. Es war eigentlich
viel zu groß, kostete sie aber nichts – außer den Nerven, die
man brauchte, um zwei quirlige Kinder rund um die Uhr zu beschäftigen. Sie
ertappte sich dabei, Michael ein wenig zu beneiden. Doch an diesem Morgen w
aren ihre Eltern angekommen. Unter großem Hallo hatten die Kinder sie
empfangen. Lukas hatte seinem Opa sofort von den Kuttern im Hafen erzählt
und darauf bestanden, sie ihm zu zeigen. Claras Vater hatte überaus
glaubhaft versichert, dass es sicher nichts Interessanteres gebe. Kaum waren die
Koffer ausgepackt, waren die Großeltern mit den Kindern aufgebrochen. Als
Clara eingewandt hatte, sie seien nach der Anreise vielleicht erschöpft,
hatte ihre Mutter nur abgewinkt. „Nimm dir eine Auszeit. dein Vater und
ich schaukeln das schon.“ Jetzt war es mucksmäuschenstill. Clara
genoss die warmen Pflastersteine unter ihren Füßen, ihrem Kaffee und
den Wind, der leise an der Hecke zerrte.
Clara betrachtete das
Buch. Entgegen dem Versprechen „SPIEGEL-Bestseller“, das als
Aufkleber auf dem Cover prangte, hatte es ihre Aufmerksamkeit in den vergangenen
drei Tagen nicht fesseln können.
Sie stand auf, ließ das
Buch auf dem Gartenstuhl liegen und beschloss, den Vorschlag ihrer Mutter, eine
Auszeit zu machen, in die Tat umzusetzen. Ein kurzer Spaziergang zum Strand,
einfach die Gedanken treiben lassen, während die Kinder mit ihren
Großeltern sicher gerade ein riesiges Eis aßen.
Der Weg
zum Strand führte vorbei an den Nachbarhäusern. Vor einem der
Häuser saß Mila, auf einer Holzbank, die Beine lang ausgestreckt, mit
einer Tasse Tee in der Hand und dem Blick auf die weite Dünenlandschaft
gerichtet. Sie trug eine übergroße Sonnenbrille und einen
grobgestrickten Pullover, der im Nordseewind leicht flatterte.
„Na, hat der Rennfahrer Ausgang?“, rief Mila herüber, als sie
Clara die Straße entlangkommen sah. Ein Lächeln huschte über ihr
Gesicht.
Clara musste schmunzeln. Am ersten Morgen auf der Insel
hatte Lukas allein Brötchen holen wollen. Auf dem Rückweg war er mit
dem Fahrrad gestürzt und hatte sich das Knie aufgeschürft. Mila hatte
ihn entdeckt, mit ruhiger Stimme getröstet und bis vor die Haustür
begleitet. Von da an hatten sie einander gegrüßt – ein kurzes
Winken über den Zaun, ein paar Worte beim Bäcker, das angenehme
Gefühl, an einem fremden Ort schon jemanden zu kennen.
Clara
trat an den niedrigen Gartenzaun vor dem kleinen Ferienhaus von Mila.
„Der Rennfahrer lässt sich gerade von meinen Eltern verwöhnen
und denkt sich wahrscheinlich eine hanebüchene Geschichte aus, wie er zu
seinem Pflaster gekommen ist“, erwiderte Clara.
„Das
kann ich mir vorstellen. Wo ist denn dein Mann?“, fragte Mila.
„Michael ist vor drei Tagen abgereist, er musste wieder arbeiten. Ich
habe das Glück, Zeit allein mit meinen Kindern verbringen zu dürfen.
Aber heute sind meine Eltern angekommen.“
„Dann hast du
also etwas Ruhe.“ Mila sah sie kurz an. „Ich könnte uns noch
einen Tee aufsetzen. Setz dich doch zu mir, wenn du magst.“ Clara
zögerte. Mila war ihr sympathisch, und plötzlich hatte sie keine Lust
mehr, allein zum Strand zu gehen. „Warum nicht? Gern.“ Während
Clara sich setzte, ging Mila ins Haus. Kurz darauf kam sie mit einer zweiten
Tasse, einem Becher voll dicker brauner Kandisstücke und einer
Porzellankanne auf einem Tablett zurück. Der Tee roch nach Minze und
Ingwer. Als Mila ihr die dampfende Tasse reichte, berührten sich ihre
Finger für einen Moment. Die Berührung war warm und überraschend
angenehm. Sie saßen nebeneinander auf der Holzbank, sahen den Gräsern
zu, die sich im Wind über den Dünen wiegten, und hörten in der
Ferne das gleichmäßige Rauschen der Nordsee. Das Schweigen zwischen
ihnen fühlte sich nicht unangenehm an. Sie sprachen
über die üblichen Dinge, über die man im Urlaub mit neuen
Bekanntschaften sprach: weshalb sie hier waren, wie lange sie blieben, was
hinter ihnen lag. Mila erzählte von einem stressigen Jahr, unzähligen
Überstunden und einem Bonus, der ihr diese Auszeit auf der Insel ihrer
Kindheit ermöglicht hatte. Clara berichtete von der logistischen
Punktlandung mit den Sommerferien, ihrem abgereisten Ehemann und dem rettenden
Engel in Gestalt ihrer Eltern.
Clara merkte, wie gern sie Mila
zuhörte. Ihre Unabhängigkeit faszinierte sie – diese innere
Ruhe, die so anders war als Claras durchgetakteter Familienalltag. Mila wirkte
wie eine Frau, die mit sich im Reinen war. Doch nicht nur das zog Clara an. Mila
hörte ihr wirklich zu, stellte kluge Fragen und ließ ihren Blick
manchmal einen Moment länger auf Clara ruhen, als es nötig gewesen
wäre.
Drei Tage später, am
Samstagmorgen, saßen Clara, Lukas, Emma und Claras Eltern am
Frühstückstisch im hellen Esszimmer des Ferienhauses. Der Duft von
Kaffee und aufgebackenen Brötchen lag in der Luft. Die Sonne schien; es
versprach ein schöner Tag zu werden. Claras Vater blätterte gut
gelaunt in einem kleinen Reiseführer, dann hob er den Blick. „Gestern
sind wir bei unserer Fahrradtour am anderen Ende der Insel an einem wunderbaren
kleinen Café vorbeigekommen, versteckt hinter den Dünen“,
erzählte er. „Das würde dir gefallen. Da musst du unbedingt
hin.“
Sofort nickten Lukas und Emma eifrig und wollten
wissen, ob es dort auch Kakao mit Sahne gab.
Claras Mutter warf
ihrer Tochter einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu, in dem so viel mitschwang
wie: Nutze die Chance. Dann wandte sie sich an die Kinder: „Ach, ich
weiß nicht. Für Emma ist das noch etwas zu weit, mit dem Fahrrad. Wie
wäre es, wenn ihr stattdessen mit Opa und mir zum Strand geht und ihr zeigt
uns eure Strandburg, die ihr gestern gebaut habt?“ Sie zwinkerte Clara
unauffällig zu. Lukas und Emma murrten zwar kurz, ließen sich dann
aber schnell von Opas Versprechen ablenken, die Sandburg zu
vergrößern. Clara lächelte verstohlen ihrer Mutter an. Mit
diesem kleinen, erfundenen Vorwand hatten sie ihr gerade einen komplett freien
Tag geschenkt.
Nach dem Frühstück packte Clara Proviant
ein und holte ihr Fahrrad aus dem Holzschuppen. Gerade als sie aufsteigen
wollte, kam Mila angeradelt. „Guten Morgen, Clara!“ Sie bremste
neben ihr. Die große Sonnenbrille saß auf ihrer Nase, die blonden
Haare hatte sie zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. „Wo willst du denn
ganz allein hin?“ – „Die Kinder werden heute von meinem Vater
in die Feinheiten des Sandburgenbaus eingeführt. Ich fahre zu dem kleinen
Strandcafé hinter dem Vogelschutzgebiet.“ Mila zögerte kurz.
„Da wollte ich heute Nachmittag auch hin. Hättest du etwas dagegen,
wenn ich dich begleite?“ Clara hatte sich auf einen Tag allein gefreut
– auf Ruhe und darauf, einmal nicht den Wünschen ihrer Kinder zu
folgen. Doch als Mila vor ihr stand, begriff sie, dass sie nicht allein sein
wollte. „Komm mit.“ – „Super. Ich bringe nur schnell
meine Brötch en rein. Für eine Rast habe ich außerdem zwei
Zimthörnchen.“ Wenig später ließen sie die
Backsteinhäuser hinter sich. Die Straße öffnete sich zur weiten
Deichlandschaft, und die erste frische Meeresbrise strich ihnen ins Gesicht.
Links erhoben sich sanfte Dünen, bewachsen mit windschiefem Sanddorn und
wilden Hagebutten; rechts lagen die saftig grünen Salzwiesen. Möwen
kreisten über ihnen, begleitet vom gleichmäßigen Surren der
Fahrradketten. Je näher sie dem Vogelschutzgebiet kamen, desto stiller
wurde es.
Am großen Eingangsschild des Naturschutzgebietes
hielten sie an. „Sollen wir zur Aussichtsplattform gehen?“ Clara,
die das Fahrradfahren nicht gewohnt war, stimmte nur zu gern zu. Sie stellten
ihre Fahrräder ab und folgten einem sandigen Naturpfad. Es dauerte nicht
lange, und sie erreichten eine hölzerne Aussichtsplattform. Die beiden
ließen sich auf eine Bank fallen und genossen den Blick über die
unberührte Landschaft. In der Ferne sahen sie die Silhouetten der
Nachbarinseln. Clara lehnte sich zurück und streckte ihre Beine aus.
Mila holte die Zimthörnchen aus ihrem Rucksack und Clara die
Thermoskanne mit dem Friesentee. Sie atmeten tief durch und blickten über
das weite Watt, während sie die Hörnchen aßen und sich den
Becher, den Clara dabei hatte teilten. „Einfach mal raus“, sagte
Clara, fast mehr zu sich selbst als zu Mila, während sie ihre müden
Beine ausstreckte. „Ich wusste gar nicht, wie sehr mir das gefehlt
hat.“
Mila lehnte sich neben ihr auf der Bank zurück,
den Blick ebenfalls in die Ferne gerichtet, wo die Nachbarinseln wie
Scherenschnitte am Horizont lagen. „Man verliert sich im Alltag so schnell
selbst, oder?“, erwiderte sie. „Umso schöner, dass man manchmal
jemanden trifft, bei dem man gar nichts erklären muss – als
würde man sich schon ewig kennen.“
Clara betrachtete
Mila von der Seite. Einige helle Strähnen hatten sich aus ihrem Dutt
gelöst und bewegten sich im Wind. Ihr Leinenhemd lag locker über den
Schultern, die Hände ruhten entspannt auf den Oberschenkeln. Clara mochte
diese selbstverständliche Lässigkeit. Ihr Blick glitt über Milas
Gesicht, blieb kurz an ihren Beinen hängen und wanderte zurück zu
ihren Händen. Mila schien den Blick zu spüren. Sie drehte den Kopf und
schmunzelte hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille.
„Alles gut?“, fragte sie amüsiert.
Clara blinzelte
kurz, schüttelte sich innerlich und lächelte zurück. „Ich
war nur in Gedanken“, antwortete sie und nahm noch einen Schluck von dem
warmen Tee.
„Sollen wir weiter?“, fragte Mila Clara. „Es
ist nicht mehr weit bis zu dem Café.“
Clara blickte
noch einmal über die Dünenlandschaft.
„Was?
Ähm, ja. Lass uns weiter.“
Sie stiegen wieder von der
Aussichtsplattform hinab, folgten dem Naturpfad zu ihren Fahrrädern und
fuhren die letzten Meter der Strecke. Wenige Minuten später erreichten sie
das kleine Café.
Sie stellten ihre Fahrräder ab und
steuerten die kleine Terrasse an. In der warmen Nachmittagssonne war noch ein
Tisch mit Blick ins Grüne frei. Der leichte Sommerwind wehte ihnen angenehm
um die Nase, während sie kurz in die Karte sahen. „Nach der
Fahrradtortur“ – Claras Hintern und ihr Sattel würden heute
sicher keine Freunde mehr werden – „brauche ich definitiv etwas, das
mich nach vorne bringt“, sagte Clara und lächelte. „Ich glaube,
ich nehme einen Aperol Spritz.“ „Gute Wahl“, erwiderte Mila
und winkte kurz den Kellner herbei. „Für mich bitte ein kühles
Bier.“ Nachdem die Getränke da waren und sie kurz angestoßen
hatten, bestellten sie noch ein Stück Kuchen, das sie sich teilten.
Während sie den Kuchen aßen und ihre Getränke genossen, fanden
sie zurück zu ihrem entspannten Gesprächsrhythmus, der sie einander
auf der Bank schon so sy mpathisch gemacht hatte.
Als sie am
frühen Abend in die kleine Straße einbogen, in der ihre Häuser
standen, hielten sie vor Milas Gartentor. „Es war ein wirklich
schöner Tag“, sagte Clara. „Danke, dass du mitgekommen
bist.“ „Du hast mich mitgenommen. Ich muss mich also
bedanken“, erwiderte Mila lächelnd. Dann nahm sie Clara zum Abschied
in den Arm. Es war ein Impuls, dem schönen Tag geschuldet, und Clara
erwiderte die Umarmung. Sie drückten sich, Clara spürte Milas
Körper an ihrem. Sie verweilten kurz in der Umarmung, lang genug, dass
Clara Milas Köper deutlich an ihrem wahrnahm.
Die folgenden
beiden Tage waren anstrengend gewesen. Claras Eltern waren zwar da, wollten aber
ebenfalls Urlaub machen. Ihr Vater hatte sich in sein neues E-Bike verliebt, und
so verbrachten die beiden viele Stunden auf ihren Fahrrädern. Clara
beschäftigte Emma und Lukas – oder versuchte wenigstens zu
verhindern, dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlugen.
Jetzt endlich, an einem dieser perfekten, warmen Sommertage mit strahlendem
Sonnenschein, hatte sie eine Pause. Die Kinder tobten drüben im flachen,
seichten Wasser der Priele, sicher und glücklich mit ihren Eimern und
Förmchen beschäftigt. Clara saß allein auf ihrem großen
Strandtuch im warmen Sand.
Sie trug einen schlichten marineblauen
Badeanzug. Mit Mitte vierzig, nach zwei Schwangerschaften und Jahren eines
kräftezehrenden Familienalltags, war sie sich ihres Körpers nur allzu
bewusst. Er war weicher und runder als früher, gezeichnet von feinen Spuren
des Mutterseins. Es hatte sie einige Zeit gekostet, sich wieder an ihren
Körper zu gewöhnen. Heute, im warmen Sonnenlicht, empfand sie einen
unerwarteten Stolz.
Als Schritte im Sand neben ihr knirschten, hob
Clara den Kopf und blinzelte gegen die Sonnenstrahlen an.
Mila
stand neben ihr. Sie hatten sich zwei Tage lang nicht gesehen, seit ihrer
Radtour. Nun stand Mila da, barfuß, in einem sportlichen Bikini, der ihre
durchtrainierte, schlanke Figur perfekt zur Geltung brachte. Ihre Haut war
gebräunt, die blonden Haare fielen locker über ihre Schultern. Eine
natürliche, unaufdringliche Athletik, die Clara nicht etwa
einschüchterte, sondern deren Anblick sie für eine Sekunde den Atem
anhalten ließ.
„Na?“ Mila schaute auf sie herab
und lächelte, während sie sich mit einer fließenden Bewegung
einfach neben Claras Handtuch in den Sand fallen ließ. „Die Ruhe vor
dem Sturm?“
Clara atmete aus und erwiderte das Lächeln.
Die Anspannung der vergangenen Tage fiel von ihr ab. Zugleich spürte sie,
dass sich etwas verschoben hatte. Die Vertrautheit von der Radtour war sofort
wieder da, doch sie war nicht mehr unschuldig.
Während Mila
sich im Sand abstützte und zu den Kindern hinübersah, blieb Claras
Blick an den Wassertropfen auf ihrem Schlüsselbein hängen. Er wanderte
weiter über ihren Bauch und die ruhige Bewegung ihres Atems. Clara zwang
sich, zum Meer zu sehen. Wenige Sekunden später sah sie wieder hin. Die
Erinnerung traf sie unvermittelt: jene Sommer im Freibad ihrer Jugend, in denen
die bloße Nähe eines bestimmten Menschen ihren Körper in
Alarmbereitschaft versetzt hatte. Nur dass dieser Mensch jetzt eine Frau war.
Mila drehte den Kopf zu ihr, bemerkte ihren Blick und schmunzelte
amüsiert.
Statt zu zucken oder auszuweichen, hielt Clara stand
– wenn auch mit heftig klopfendem Herzen. Sie beschloss, die Offensive zu
ergreifen, bevor ihre Gedanken sie verrieten.
„Schöner
Bikini übrigens“, sagte sie und hoffte, gelassener zu klingen, als
sie sich fühlte, als ihr die Plumpheit, ihrer Worte, gewahr wurde.
Mila blinzelte überrascht, ließ ihren Blick langsam und
prüfend über Clara wandern, ehe das Amüsement in ihren Augen
einem dunkleren Funkeln wich. „Danke“, erwiderte sie leise und
rührte sich nicht von der Stelle. „Deiner steht dir auch verdammt
gut.“
Claras Puls beschleunigte sich. Sie wandte den Blick
zum gleißenden Wasser, doch das Kribbeln unter ihrer Haut blieb.
Am Abend lag die Dämmerung über der Insel, und
die Luft war noch warm vom Tag. Clara trat mit einem Müllbeutel in den
Vorgarten. Im Haus war nach dem abendlichen Chaos endlich Ruhe eingekehrt: Ihre
Eltern saßen mit Tee im Wohnzimmer, die Kinder schliefen. Als Clara die
Mülltonne öffnete, fiel ihr Blick zu Milas unbeleuchtetem Haus. Auf
der Holzbank neben der Eingangstür saß eine schmale Silhouette. Mila
hatte die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen. Claras Herz schlug
schneller. Sie sah zurück zum Küchenfenster. Ihr Vater trat gerade ans
Fenster. „Clara? Gehst du noch einmal weg?“ –
„Nein“, antwortete sie zu hastig. Sie räusperte sich.
„Ich möchte nur kurz Luft schnappen.“ – „Gut.
Schlaf nachher gut.“ Kurz darauf erlosch das Licht. Die Dunkelheit legte
sich über die Straße. Clara warf den Müllbeutel in die Tonne.
Ihr Verstand sagte ihr, d ass sie ins Haus zurückkehren sollte. Ihre
Füße trugen sie stattdessen zu Milas Gartentor. Mila hob den Kopf.
Als sie Clara erkannte, hellten sich ihre Züge auf. Wortlos rückte sie
auf der Bank zur Seite. Clara setzte sich. Ihre Oberschenkel berührten sich
beinahe, und die schmale Lücke zwischen ihnen schien plötzlich voller
Möglichkeiten.
Sie saßen schweigend in der warmen
Sommernacht. Aus der Ferne kam das gleichmäßige Rauschen des Meeres.
Die Spannung zwischen ihnen war deutlich genug, dass Clara sie nicht mehr
für Einbildung halten konnte.
Schließlich wandte sich
Mila, Clara zu. Im spärlichen Licht glänzten ihre Augen.
„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe noch eine Flasche
Wein drinnen...“ Es war eher eine Feststellung denn eine Frage.
Bevor Clara etwas erwidern konnte, stand Mila auf und verschwand im Haus.
Clara blieb allein auf der Bank zurück, den Blick in den Himmel gerichtet.
Die Nacht war hereingebrochen, und die ersten Sterne waren zu sehen. Sie atmete
tief durch. Eigentlich hatte sie das Gefühl, aufstehen und gehen zu
müssen. Sie dachte plötzlich an Michael, was sie schon länger
nicht mehr von sich aus getan hatte. Doch sie blieb, wo sie war.
Nach wenigen Augenblicken kam Mila zurück. In einer Hand hielt sie zwei
dicke Wassergläser, in der anderen eine Flasche Rotwein mit
Schraubverschluss.
Mila stellte die Flasche und die Gläser auf
den kleinen Tisch vor ihnen. „Andere Gläser habe ich nicht gefunden,
aber sie passen, glaube ich, zur Qualität des Weines.“ Ein
flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen.
Clara
nahm die Flasche mit einem gespielten Kennerblick in die Hand. „Zumindest
kein Lambrusco“, stellte sie belustigt fest, dann goss sie ihnen beiden
die Gläser ein.
Als sie ihre Gläser in der Hand hatten,
stießen sie an.
„Auf uns und darauf, dass wir uns
getroffen haben!“, prostete Clara Mila zu.
Sie nahm einen
großen Schluck. Der Wein war schwer und schmeckte nach Kopfschmerzen am
Morgen. Der vertraute Rhythmus zwischen ihnen kehrte zurück, jene
Vertrautheit, die sie seit ihrem ersten Gespräch spürten.
Ob es daran lag, dass sie dort im Schutz der Dunkelheit saßen, an ihrer
Verbundenheit oder an dem Alkohol, der langsam seine Wirkung entfaltete, konnte
Clara nicht sagen. Plötzlich nahm ihr Gespräch einen anderen Verlauf,
wurde ernster.
Mila senkte den Blick und erzählte von ihrer
letzten Beziehung. Sie sei nicht an einem Streit zerbrochen, sondern langsam zu
einer Gewohnheit geworden. Seitdem habe Mila niemanden mehr aus Bequemlichkeit
lieben wollen. „Und trotzdem“, sagte sie leise, „ist
Alleinsein manchmal leichter als die Angst, wieder im falschen Leben zu
landen.“ Für einen Moment war von ihrer sonstigen Gelassenheit nichts
zu sehen. Clara sah die Unsicherheit dahinter – und mochte sie dafür
noch mehr.
Clara hörte zu, gefesselt von Milas
offensichtlicher Einsamkeit. Und ehe sie es verhindern konnte, spürte sie,
wie sich der Knoten in ihrer eigenen Brust löste.
Ohne dass
Mila groß nachgefragt hätte, begann Mara von, von Michael zu
erzählen. Sie erzählte, dass sie seit seiner Abreise kaum telefoniert
hatten, dass sich der Kontakt auf ein paar dürftige WhatsApp-Nachrichten
beschränkte – und selbst die kamen nur dann, wenn Clara ihm ungefragt
Fotos von den spielenden Kindern schickte, damit er das Gefühl hatte, auf
dem Laufenden zu sein.
Als Clara verstummte, verband sie beide
dieselbe Erfahrung: allein zu sein, obwohl eigentlich jemand da war. Michael war
kein schlechter Mann. Vielleicht war genau das das Problem. Es gab keinen
großen Verrat, keinen eindeutigen Bruch – nur eine Entfernung, die
mit jedem Jahr selbstverständlicher geworden war. Clara begriff, wie weit
sie sich voneinander entfernt hatten und wie wenig sie dieser Gedanke noch
erschreckte.
Sie saßen noch eine Weile da, sprachen nicht
viel; beide waren bei sich und dem, was sie durch die Erzählungen der
anderen über sich herausgefunden hatten. Sie hatten die Flasche Wein
ausgetrunken und spürten seine Wirkung.
„Ich sollte wohl
wieder rübergehen“, sagte Clara und erhob sich.
Mila
begleitete sie zum Gartentor.
„Ich...“ Clara wusste
nicht, was sie sagen wollte oder sollte.
„Ich auch“,
sagte Mila und nahm sie zum Abschied in den Arm.
Als sich ihre
Körper näher kamen, sahen sie sich an. Im Nachhinein, als Clara
später im Bett lag, wollte sie Mila eigentlich nur einen Abschiedskuss
geben. Sie hatte ein tiefes Gefühl der Verbundenheit empfunden und wollte
diesem Ausdruck verleihen.
Als Milas Lippen ihre berührten,
war der Kuss zunächst zaghaft. Dann öffnete Mila den Mund, und etwas
in Clara gab nach. Verlangen breitete sich in ihr aus, heiß und
unerwartet. Mila küsste sie mit einem Wechsel aus Zögern und
Entschlossenheit, der Clara den Atem nahm. Der Kuss war intensiver als alles,
was Clara erwartet hatte – genährt von der Nähe dieses Abends,
von ihrer Einsamkeit und vom Reiz einer Grenze, die sie beide gerade
überschritten.
Als sich ihre Lippen voneinander lösten,
blieben ihre Stirnen noch kurz aneinander gelehnt. Beide atmeten schwer, Claras
und Milas Brust hob und senkte sich im gleichen, schnellen Takt. Ein leises,
fast ungläubiges Lächeln huschte über ihre Gesichter, ehe sie
sich langsam und behutsam voneinander lösten, um die schier
erdrückende Intensität des Moments zu entschärfen. Sie traten
beide einen Schritt zurück, hielten einander die Hände. Dann, ohne ein
Wort zu sagen, drehte Clara sich um, ging die kurze Strecke zu ihrem Haus
über die mondbeschienene Straße.
Als Clara später
in ihr Bett schlüpfte, trug sie ein warmes, rauschhaftes Hochgefühl in
sich. Sie fühlte sich lebendig – und das lag gewiss nicht nur am
Wein.
Am nächsten Morgen wurde Clara von lauten Kinderstimmen
und dem Klappern von Geschirr in der Küche, einer Etage tiefer, geweckt.
Ihr Kopf tat weh, aber nicht so sehr, wie sie am Abend davor befürchtet
hatte. Dann kam die Erinnerung und mit dieser das Gefühl, Michael betrogen
zu haben. Sie drehte sich auf die Seite, zog die Decke über den Kopf; durch
die Daunen hörte sie ihr Handy vibrieren. Sie tastete mit der Hand auf dem
Nachttisch, ohne unter der Decke hervorzukommen. Als sie ihr Handy ertastete,
schaute sie unter der Decke auf das Display: Es war eine WhatsApp von Michael:
„Wie geht es den Kindern?“
Clara wollte
das Handy an die Wand schmeißen, blieb aber unter der Decke – hier
konnte sie niemand sehen. Sie schloss die Augen, und in diesem Moment erinnerte
sich ihr Körper an Milas weiche Lippen, an ihre vorsichtige und zugleich
fordernde Zunge, und sie spürte ein warmes Kribbeln im Bauch.
Der Kuss mit Mila war nicht das erste Mal, dass sie eine Frau geküsst
hatte. Während ihres Studiums, wenn sie mit Freundinnen gefeiert hatte,
hatten sie den ein oder anderen Kuss ausgetauscht. Doch das war ein Ausdruck von
Lebensfreude gewesen, aus dem Moment heraus und meist nach sehr viel mehr
Alkohol als zwei Gläsern Wein. Und es hatte sich nie so angefühlt.
Dann trat Michael vor ihr inneres Auge. Natürlich war es ein
Betrug gewesen. Nicht weniger, weil Mila eine Frau war. Vielleicht fühlte
es sich sogar bedeutsamer an, weil Clara sich in diesem Kuss lebendiger erlebt
hatte als seit Jahren. Der Gedanke machte ihr Angst. Bereuen konnte sie ihn
trotzdem nicht.
Am Frühstückstisch sprach Clara wenig.
Sie trank ihren Kaffee und kaute abwesend ihr Schokoladenhörnchen. Die
Kinder waren ungeduldig und wollten mit ihrem Großvater zum
Abenteuerspielplatz. Clara wünschte ihnen viel Spaß und war froh, als
sie mit ihrem Opa das Haus verließen. Sie wollte sich gerade mit ihrem
zweiten Kaffee auf die Terrasse setzen, als ihre Mutter sie ansprach.
„Alles ok, Clara?“ Sie hatte den Ton angeschlagen, den sie immer
anschlug, wenn sie wusste, dass etwas nicht stimmte, aber nicht wusste, was.
„Alles ok“, antwortete Clara in demselben Ton, in dem sie
immer antwortete, wenn sie fürchtete, dass ihre Mutter ihr auf die Schliche
kommen könnte.
„Mmh“, machte ihre Mutter.
„Ich war gestern Abend noch bei Mila. Sie hatte eine Flasche
billigen Wein, und als ich gegangen bin, war sie leer. Wenn ich eine Aspirin
nehme und in Ruhe meinen Kaffee trinke, bin ich wieder auf dem Damm.“
„Aha“, machte ihre Mutter und glaubte ihr kein Wort.
„Setz dich nach draußen, ich bringe dir deine Aspirin, und dann gehe
ich einkaufen.“
Clara blieb auf der Terrasse sitzen. Immer
wieder kehrte sie zu denselben Fragen zurück. Was bedeutete dieser Kuss?
Wohin konnte er führen? Wahrscheinlich nirgendwohin. Was wollte sie? Mila
wiedersehen. Was wollte Mila? Das wusste sie nicht. Wie sich der Kuss für
Mila angefühlt hatte, glaubte Clara zu wissen. Was Mila heute darüber
dachte, war eine andere Frage. Als ihre Mutter gegen Mittag zurückkam, gab
Clara zu, dass es ihr nicht gut ging. „Kann ich etwas für dich tun?
“ – „Könnt ihr mir heute den Rücken freihalten? Ich
würde gern allein am Strand spazieren gehen.“ Ihre Mutter musterte
sie. „Ist etwas mit Michael? dein Vater und ich haben uns schon
…“ – „Nein, Mama.“ Clara klang schärfer, als
sie wollte. Michael war nicht das, worüber sie gerade sprechen konnte.
„Entschuldige.“ Ihre Mutter nickte. „Schon gut. dein Vater und
ich gehen mit d en Kindern Eis essen und danach ins Inselkino. Und weil du mich
angefahren hast, bekommen beide vier Kugeln mit Sahne.“ Sie nahm Clara in
den Arm und küsste sie auf die Stirn. Clara war ihr dankbar.
Als Clara die Straße betrat, schaute sie hinüber zu Milas Haus; die
Bank war leer. Augenblicklich waren die Zweifel wieder da und der irrationale
Gedanke, Mila könne sich vor ihr verstecken. Clara beschloss, einen Umweg
zu gehen, und ging in die andere Richtung. Sie verbrachte die nächsten zwei
Stunden damit, sich die gleichen Fragen zu stellen wie auf der Terrasse. Sie
lief am Meer entlang und ließ sich treiben. Es trieb sie vor Milas
Gartentor.
„Hallo, Clara.“
Sie fuhr
zusammen, drehte sich um – hinter ihr stand Mila. Sie trug eine schwarze
kurze Hose und ihr Bikinioberteil, über der Schulter ihren Rucksack, ihre
blonden Haare waren nass. In diesem Moment wusste Clara, dass sie zwei
Möglichkeiten hatte: Zum einen konnte sie jetzt versuchen, sich in
Smalltalk zu flüchten, oder sie konnte sich ihren Ängsten stellen.
„Hallo, Mila“, antwortete sie. „Warst du schwimmen?
“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, ärgerte sie sich über
ihre Flucht in den Smalltalk.
„Ja, ich war am Strand, habe
sogar Glück gehabt, und es war ausnahmsweise mal Flut.“ Sie
lächelte sie an.
Clara wollte schon wieder ansetzen und den
nächsten Smalltalk-Satz raushauen, als Mila sie unterbrach:
„Ich habe zwar keinen Wein mehr, aber zwei Flaschen Bier im
Kühlschrank.“
Mila öffnete das Gartentor und ging
an ihr vorbei. Während Clara hinter Mila herging, wanderte ihr Blick wie
von selbst nach unten. Milas Beine fesselten ihren Blick – lang, mit
festen Waden und Oberschenkeln, die erst kurz unter dem Hintern in der kurzen
Hose verschwanden. Ihr Blick glitt unaufhaltsam weiter nach oben, blieb an dem
sanften Wiegen von Milas Hüften hängen und fixierte schließlich
ihren runden, festen Po, der sich unter dem engen Stoff der Shorts abzeichnete.
Clara erschrak darüber, wie sehr sie Mila berühren
wollte. Früher hatte sie attraktive Frauen mit beiläufiger Bewunderung
angesehen. Jetzt verengte sich ihre Wahrnehmung auf Milas Körper, auf die
Bewegung ihrer Hüften und darauf, wie viel, wenig Stoff zeigen konnte. Mila
erzählte etwas über das Schwimmen im Meer. Clara hörte die Worte,
ohne ihren Sinn zu erfassen.
Ein heißes Ziehen erfasste
Claras Unterleib. Ihr Mund wurde trocken. Zugleich schämte sie sich
für die Hartnäckigkeit ihres Blicks. Sie fühlte sich wie einer
jener Männer, die einer Frau auf der Straße nachstarrten und sich
ihren Teil dachten.
Sie zwang sich, zur Bank, zum Rasen und zu den
verwelkten Blumenbeeten zu sehen. Doch immer wieder kehrten ihre Augen zu Mila
zurück. Nicht, weil Milas Körper ihr gehörte, sondern weil Clara
ihn begehrte – und weil sie hoffte, dass Mila dieses Begehren erwiderte.
Mila ging vor ihr die zwei Stufen zur Haustür hoch und
steckte den Schlüssel in das Schloss. Als sie die Tür öffnete,
drehte sie sich zu Clara um. Clara schaute zu ihr auf, erwartete, dass Mila
ihrem Blick ablehnend begegnen würde. Stattdessen sah sie ein Aufblitzen
des Erkennens in Milas Augen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Was ist?“, fragte Mila. Es lag eine spielerische Neugier in ihrer
Stimme; ihre Stimmlage hatte etwas Herausforderndes. Clara spürte, wie ihr
die Hitze in die Wangen stieg. Mila blickte sie noch immer an, ihr Blick
wechselte zwischen Claras Augen und ihren Lippen hin und her. Zu sehen, dass sie
Mila mit ihren Blicken nicht verschreckt hatte, dass sie in Milas Augen den
Widerhall ihrer eigenen Gefühle zu sehen gemeint hatte, jagte Clara eine
heftige Gänsehaut über den Körper. „Nichts“, Clara
stockte. „Ich habe nur Durst.“ Sie ging die zwei Stufen hoch, ihr
Herz hämmerte, sie wollte an Mila, die noch immer im Türrahmen stand,
vorbeigehen, dabei spürte sie Milas Fingerspitzen auf ihrem Unterarm.
„Ich habe nur noch zwei Bier. Möchtest du jetzt eins trinken oder
später?“ „Später“, erwiderte Clara. Als Clara an
Mila vorbei ins Haus ging, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Die
plötzliche Stille des Hauses sorgte bei Clara für ein Gefühl der
Sicherheit; hier drinnen waren nur sie zwei. Clara stand einfach nur da, sie
wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, was nun kommen würde. Ohne ein
Wort zu sagen, trat Mila vor sie. Ihre eigenen Hände zitterten leicht, und
in ihren Augen lag dieselbe nervöse Aufregung, die auch Clara spürte.
Doch anders als Clara zögerte Mila nicht. Sie hob beide Hände, legte
ihre Handflächen warm an Claras Wangen und hielt ihr Gesicht behutsam
zwischen den Händen, bis Clara ihrem Blick begegnete. Als Milas
Lippen sich Claras näherten, sie ihren!
Atem auf den Lippen spürte, schloss Clara die Augen. Der Kuss war nicht
fordernd, sondern ein vorsichtiges Vortasten. Mila küsste sie langsam und
gab Clara die Zeit, die sie brauchte. Clara spürte Milas weiche Lippen und
wie vertraut sie sich anfühlten; sie schmeckte das Salz des Meeres, in dem
Mila noch vor einer halben Stunde geschwommen war. Sie nahm ihren Geruch wahr
– eine warme Mischung aus Sonnemilch, Salz und ihrer Haut. Als Mila
begann, mit den Daumen sanft über Claras Kieferknochen zu streicheln,
veränderte sich etwas: Clara ließ sich fallen und genoss Milas
Berührung, die anders war als alles, was Clara kannte: weicher,
aufmerksamer und zugleich ebenso entschlossen. Mila zog Clara einen Schritt
näher, ihre Hände glitten langsam nach unten – über den
weichen Bogen des Halses, über Claras Schlüsselbein, bis sie
schließlich auf Claras Schultern ruhten. Die Berührung war ein
tastendes Er kunden, getragen von einer zarten Entschlossenheit. Clara schloss
die Augen und gab sich diesem Sog hin. Für einen Sekundenbruchteil zuckte
ein leiser, panischer Gedanke durch ihren Kopf – Was tue ich hier?
–, doch die Wucht der körperlichen Anziehung wischte die Unsicherheit
zugleich fort. Mit jedem Zentimeter, den Mila näher rückte, schien der
Raum der Möglichkeiten, der sich Clara bot, weiter zu werden. Als Milas
Hände weiterwanderten – die eine fest und warm über ihren
Rücken strich, während die andere sanft über ihre Taille glitt
und den Stoff ihres Shirts berührte –, durchfuhr Clara ein Schauer,
der ihren gesamten Körper elektrisierte. Ihr Atem stockte, als Milas Mund
den ihren wiederfand. Dieser Kuss war nicht mehr das vorsichtige Abtasten von
zuvor. Er wurde tiefer und fordernder. Milas Lippen öffneten sich, und ihre
Zunge suchte und fand Claras in einem zunehmend drängenden Rhythmu s. Mila
löste eine Hand von Claras Rücken, !
fasste an den Saum ihres T-Shirts und zog es mit einer fließenden
Bewegung über Claras Kopf. Nackt bis auf den BH stand Clara im schummrigen
Flur. Mila betrachtete Claras Körper; in ihren Augen spiegelten sich
Bewunderung und ihr Verlangen. Langsam wanderten Milas geschickte Finger nach
hinten, öffneten den Verschluss des BHs und streiften ihn von Claras
Schultern. Clara hielt für eine Sekunde den Atem an. Da stand sie –
nackt vor einer Frau. Es war ein tiefes, fast schwindelerregendes Erstaunen, als
ihr bewusst wurde, wie anders sich diese Haut anfühlte: weicher,
wärmer, als der gewohnte, feste Körper eines Mannes. Im nächsten
Augenblick beugte Mila sich vor, nahm Claras linke Brust in den Mund,
während Daumen und Zeigefinger ihrer anderen Hand die sensible Knospe der
rechten Brust zwischen sich nahmen und rollten. Clara stöhnte leise auf.
Ihr eigener Körper reagierte mit einer heftigen, ungewohnten
Sensibilitä t auf diese Zärtlichkeit, fast so, als würde sie
sich selbst völlig neu entdecken. Ihre Knie wurden weich, und sie klammerte
sich an Milas Schultern, unfähig, sich auf den Beinen zu halten,
während Mila ihre Brüste mit Zunge und sanften Bissen so lange
verwöhnte, bis die Haut glänzte und ihre Nippel sich hart
aufrichteten. „Komm mit“, flüsterte Mila heiser. Sie
lösten sich voneinander und gingen in das kühle, gedämpfte
Halbdunkel des Schlafzimmers. Claras Kniekehlen trafen auf das Ende des Bettes,
und Mila ließ Clara sanft nach hinten auf die Matratze sinken. Clara
lehnte sich auf die Ellbogen und beobachtete mit glühendem Blick, wie Mila
sich vor ihr auszog. Mila streifte ihre kurze Hose ab und zog den knappen Slip
aus, sodass ihr vollkommen nackter Körper im Dämmerlicht vor Clara
stand. Clara sog jedes Detail in sich auf: Milas Körper war straff und
athletisch, die Haut von der Sonne gebräunt, mit schmaler Taille und
festen, runden!
Brüsten, deren dunkle Warzenhöfe sich im Halbdunkel scharf von der
helleren Haut absetzten. Jede Kontur strahlte eine pure, natürliche
Sinnlichkeit aus, die Clara den Atem raubte. Mila kletterte auf das Bett und
legte sich eng neben Clara. Ihre Lippen trafen sich in einem tiefen, fordernden
Kuss. Ihre Hände begannen, den Körper der anderen zu erforschen. Es
war ein intensives Ausprobieren, ein stummes, zitterndes Gespräch ihrer
Körper, die sich gegenseitig verrieten, was sie wollten. Milas Hände
strichen über Claras flachen Bauch und wanderten über ihre
Oberschenkel, während Claras Hände Milas Rücken entlangglitten,
über die Wirbelsäule nach unten wanderten, Milas Pobacken umfassten
und sie streichelten. Mila rutschte tiefer, und als Clara Milas Lippen über
ihren Venushügel gleiten spürte, schloss sie die Augen und legte den
Kopf in den Nacken. Milas Zunge glitt über Claras feuchte Schaml ippen.
Mit einer gierigen Hingabe begann Mila, sie zu kosten. Sie saugte an Claras
Klitoris, während ihre Zunge ihren Kitzler umspielte. Clara spürte,
wie Milas Finger tief in ihre feuchte Spalte glitten und sich in ihr bewegten.
Clara verlor jedes Gefühl für Zeit, ihre Hände gruben sich in die
Laken, ihr Becken schnellte bei jeder neuen Berührung unkontrolliert nach
oben, und ein lauteres, heiseres Stöhnen hallte durch den Raum, angefeuert
von Milas eigenem, keuchendem Atem, bis sich die Spannung in einem
überwältigenden Höhepunkt löste. Zitternd und schwer atmend
glitt Clara nach oben, während Mila sich unter sie legte. Jetzt wechselte
die Dynamik – Clara wollte Mila nun ebenso aufmerksam begegnen, wie Mila
ihr begegnet war. Sie spreizte Milas Schenkel, betrachtete Mila, wie sie dort
lag, ihre Beine geöffnet, ihre Brüste, die sich hoben und senkten. Sie
beugte sich vor, strich mit ihren Fingerspitzen ü ;ber Milas weiche
Brüste, umkreiste ihre Hö!
fe, ihre Hand glitt über ihren straffen Bauch, der sich so anders
anfühlte, als die männlichen Körper, die sie gestreichelt hatte.
Sie wanderte weiter mit ihrer Hand über Milas Wölbung, hielt kurz
inne, wusste im ersten Moment nicht wie. Langsam ließ sie ihren Finger
über Milas Spalte fahren, beobachtete, wie ihre feuchten Lippen auf die
Berührung reagierten. Sie erhöhte den Druck und Milas Schoß
öffnete sich ihr, langsam drang ihr Finger in Mila ein. Clara wurde mit
einem leisen Stöhnen belohnt. Milas Becken hob sich, Clara bewegte ihren
Finger langsam in ihr, suchte den Punkt, den sie bei sich suchte, diese kleine
raue Stelle, stellte fest, dass auch Mila diese besaß, wenn auch etwas
tiefer, doch als sie sie fand, ihren Finger darauflegte, stöhnte Mila auf,
langsam, nahm sie einen zweiten Finger dazu. Begann, ihre Hand langsam vor und
zurück zu schieben, dabei Mila beobachtend, die sich auf die Unte rlippe
biss und ihren Blick aus halb geöffneten Augen erwiderte. Claras Vor- und
Zurück- wurde zu einem Kreisen, dann legte sie ihren Daumen auf Milas
Kitzler. Während ihr Daumen kreisend und mit stärker werdendem Druck
Milas Klitoris bespielte, warf Mila den Kopf in den Nacken, stieß
keuchende, flehende Laute aus und klammerte sich an Claras Hüften. Clara
spürte, dass sie Milas kreisendes Becken richtig gelesen hatte, und begann,
sich nun fordernder in Mila zu bewegen. Sie spürte Milas feuchte Lust auf
ihren Fingern unter ihrem Daumen, sah es in ihrem Schoß. Und Clara hielt
den Rhythmus, den Milas Körper ihr vorgab. Als Mila sich unter ihrer Hand
anspannte, wusste sie, dass sie nicht mehr suchen musste. Als Mila zitternd vor
ihr lag, zog Clara sich vorsichtig zurück. Sie legte sich neben Mila,
fühlte noch das Echo ihres eigenen Höhepunktes in ihrem Schoß.
Sie zog Mila zu sich, küsste sie sanft. Schlie&szl ig;lich kamen sie zur
Ruhe, lagen nebeneinander, sahe!
n sich an – vertraute Gesichter, die vor dem gerade Geschehenen auf
einmal ganz anders aussahen. Zwei Frauen, die den Körper der anderen
erforscht hatten, wie sie es bisher nur mit ihrem eigenen getan hatten. Ihre
Lippen fanden sich wieder, zärtlich, die andere schmeckend. Clara glitt
langsam nach oben, umschlang Mila mit ihren Beinen, sie fühlte die
schweißnasse Haut von Milas Brüsten an den ihren. Dann schob Clara
ihren Oberschenkel tief zwischen Milas Beine. Sie begannen langsam; jede
Vorwärtsbewegung entlockte Mila ein heißes, überschlagenes
Keuchen, während sie ihre Hände in Claras Po grub und sie mit aller
Kraft noch fester gegen sich drückte. Es war ein Beben von feuchter Haut
auf feuchter Haut, ihre Körper verschmolzen. Die Reibung ihrer pochenden
Schamlippen schuf eine Hitze, die wie flüssiges Feuer durch ihre
Unterleiber rollte. Clara verlor völlig jedes Zeitgefühl; ihr Atem
ging stoßw eise und flach. Ihre Bewegungen wurden schneller,
zielgerichteter, drängender. Sie stieß ein heiseres, rohes Schreien
aus, als der finale Orgasmus über sie herfiel. Im selben Bruchteil einer
Sekunde riss Mila den Kopf in den Nacken, und die Spannung löste sich
beinahe gleichzeitig. Sie hielten einander fest, bis das Zittern langsam
nachließ, bis sie schwer, schweißgebadet und in tiefer, atemloser
Stille ineinander versanken.
Die Stille, die sich im Schlafzimmer
ausgebreitet hatte, war warm, klar und völlig frei von Zweifeln.
Draußen rauschte das Meer, drinnen war nur ihr gemeinsamer, langsam
ruhiger werdender Atem zu hören. Clara lag dicht an Mila geschmiegt, ihr
Kopf auf Milas Schulter, während der Schweiß auf ihren Körpern
langsam trocknete.
Vielleicht war es für beide nur eine Pause
gewesen – ein Ort außerhalb ihrer eigentlichen Leben. Clara wusste
nicht, ob Mila es genauso empfand.
Mila strich Clara langsam
über den Rücken und zog die leichte Decke über sie. Sie mussten
sich in dieser Nacht nichts versprechen. Clara schloss die Augen, atmete den
Geruch von Salz, Sonnenmilch und warmer Haut ein und genoss den Frieden, der
sich in ihr ausbreitete. Bald würden sie in ihre eigenen Welten
zurückkehren.
Das erste fahle Morgenlicht schlich sich ins
Zimmer, als Clara die Augen öffnete. Mila schlief dicht neben ihr, einen
Arm um Claras Taille gelegt. In den Stunden zuvor hatten sie sich noch einmal
geliebt – leiser, langsamer und mit einer erschöpften
Zärtlichkeit. Clara löste sich vorsichtig aus der Umarmung. Mila
öffnete die Augen. Einen Moment sahen sie einander schweigend an. „Du
musst zurück?“, Es war weniger ein Frage, als viel mehr eine
Feststellung. Clara nickte. „Bereust du es?“ Clara dachte an
Michael, an die Kinder und an die Tür, die sie in sich selbst geöffnet
hatte. „Nein“, erwiderte sie.
Clara zog sich an. An der
Tür drehte sie sich noch einmal um. Mila lag unter der hellen Decke und sah
ihr nach. „Wir sehen uns“, sagte Clara. Es war kein Versprechen,
aber auch kein Abschied.
Am nächsten Vormittag schien die
Sonne bereits heiß vom Himmel, als Clara mit ihren Kindern die
Straße in Richtung Strand ging. Die Luft roch nach Salz und Pinien.
Als sie an dem kleinen Haus vorbeikamen, saß Mila mit einer Tasse
Kaffee auf der Bank. In dem Moment, als sie Clara sah, hellte sich ihr Gesicht
auf. Sie blickten sich an, dieser Blick barg ein Geheimnis, dass nur sie beide
kannten. „Guten Morgen“, sagte Clara.
Dann nahm Clara
die Hände ihrer Kinder und ging mit ihnen zum Strand. Hinter den Dünen
rauschten die Wellen. Sie spürte die Sonnenstrahlen warm auf ihrer Haut.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ian Modest).
Der Beitrag wurde von Ian Modest auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2026.
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