Ian Modest

Fremde Nähe

Clara saß auf der Terrasse, geschützt von der niedrigen Hecke, die das Haus zur Straße hin abschirmte. Auf ihren Knien lag der Roman, den sie sich vor der Abfahrt am Anleger im Kiosk gekauft hatte. Der Klappentext des Thrillers hatte interessant geklungen, doch bislang war es ihm nicht gelungen, sie zu fesseln. Sie hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen, lauschte dem dumpfen Rauschen des Meeres und atmete tief aus.

Es war die zweite Woche ihres Urlaubs. Sechs Wochen Sommerferien ließen sich mit dreißig Urlaubstagen nur organisieren, wenn sie und Michael sich abwechselten. Die ersten sieben Tage waren sie als Familie hier gewesen: Strandspaziergänge, Sand in den Betten, Radtouren. Vor drei Tagen hatten sie Michael zum Anleger begleitet. Emma hatte geweint; Lukas hatte sich nach außen tapfer gegeben, obwohl seine Unterlippe deutlich zitterte. Clara hatte den Eindruck gehabt, dass Michael bei der Abreise nicht nur traurig gewesen war. Vierzehn Tage allein zu Hause – auch wenn er arbeiten musste – hatten offenbar ihren Reiz. Clara war mit den Kindern in dem großen, rot geklinkerten Haus ihrer Tante geblieben. Es war eigentlich viel zu groß, kostete sie aber nichts – außer den Nerven, die man brauchte, um zwei quirlige Kinder rund um die Uhr zu beschäftigen. Sie ertappte sich dabei, Michael ein wenig zu beneiden. Doch an diesem Morgen w aren ihre Eltern angekommen. Unter großem Hallo hatten die Kinder sie empfangen. Lukas hatte seinem Opa sofort von den Kuttern im Hafen erzählt und darauf bestanden, sie ihm zu zeigen. Claras Vater hatte überaus glaubhaft versichert, dass es sicher nichts Interessanteres gebe. Kaum waren die Koffer ausgepackt, waren die Großeltern mit den Kindern aufgebrochen. Als Clara eingewandt hatte, sie seien nach der Anreise vielleicht erschöpft, hatte ihre Mutter nur abgewinkt. „Nimm dir eine Auszeit. dein Vater und ich schaukeln das schon.“ Jetzt war es mucksmäuschenstill. Clara genoss die warmen Pflastersteine unter ihren Füßen, ihrem Kaffee und den Wind, der leise an der Hecke zerrte.

Clara betrachtete das Buch. Entgegen dem Versprechen „SPIEGEL-Bestseller“, das als Aufkleber auf dem Cover prangte, hatte es ihre Aufmerksamkeit in den vergangenen drei Tagen nicht fesseln können.

Sie stand auf, ließ das Buch auf dem Gartenstuhl liegen und beschloss, den Vorschlag ihrer Mutter, eine Auszeit zu machen, in die Tat umzusetzen. Ein kurzer Spaziergang zum Strand, einfach die Gedanken treiben lassen, während die Kinder mit ihren Großeltern sicher gerade ein riesiges Eis aßen.

Der Weg zum Strand führte vorbei an den Nachbarhäusern. Vor einem der Häuser saß Mila, auf einer Holzbank, die Beine lang ausgestreckt, mit einer Tasse Tee in der Hand und dem Blick auf die weite Dünenlandschaft gerichtet. Sie trug eine übergroße Sonnenbrille und einen grobgestrickten Pullover, der im Nordseewind leicht flatterte.

„Na, hat der Rennfahrer Ausgang?“, rief Mila herüber, als sie Clara die Straße entlangkommen sah. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Clara musste schmunzeln. Am ersten Morgen auf der Insel hatte Lukas allein Brötchen holen wollen. Auf dem Rückweg war er mit dem Fahrrad gestürzt und hatte sich das Knie aufgeschürft. Mila hatte ihn entdeckt, mit ruhiger Stimme getröstet und bis vor die Haustür begleitet. Von da an hatten sie einander gegrüßt – ein kurzes Winken über den Zaun, ein paar Worte beim Bäcker, das angenehme Gefühl, an einem fremden Ort schon jemanden zu kennen.

Clara trat an den niedrigen Gartenzaun vor dem kleinen Ferienhaus von Mila.

„Der Rennfahrer lässt sich gerade von meinen Eltern verwöhnen und denkt sich wahrscheinlich eine hanebüchene Geschichte aus, wie er zu seinem Pflaster gekommen ist“, erwiderte Clara.

„Das kann ich mir vorstellen. Wo ist denn dein Mann?“, fragte Mila.

„Michael ist vor drei Tagen abgereist, er musste wieder arbeiten. Ich habe das Glück, Zeit allein mit meinen Kindern verbringen zu dürfen. Aber heute sind meine Eltern angekommen.“

„Dann hast du also etwas Ruhe.“ Mila sah sie kurz an. „Ich könnte uns noch einen Tee aufsetzen. Setz dich doch zu mir, wenn du magst.“ Clara zögerte. Mila war ihr sympathisch, und plötzlich hatte sie keine Lust mehr, allein zum Strand zu gehen. „Warum nicht? Gern.“ Während Clara sich setzte, ging Mila ins Haus. Kurz darauf kam sie mit einer zweiten Tasse, einem Becher voll dicker brauner Kandisstücke und einer Porzellankanne auf einem Tablett zurück. Der Tee roch nach Minze und Ingwer. Als Mila ihr die dampfende Tasse reichte, berührten sich ihre Finger für einen Moment. Die Berührung war warm und überraschend angenehm. Sie saßen nebeneinander auf der Holzbank, sahen den Gräsern zu, die sich im Wind über den Dünen wiegten, und hörten in der Ferne das gleichmäßige Rauschen der Nordsee. Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich nicht unangenehm an. Sie sprachen über die üblichen Dinge, über die man im Urlaub mit neuen Bekanntschaften sprach: weshalb sie hier waren, wie lange sie blieben, was hinter ihnen lag. Mila erzählte von einem stressigen Jahr, unzähligen Überstunden und einem Bonus, der ihr diese Auszeit auf der Insel ihrer Kindheit ermöglicht hatte. Clara berichtete von der logistischen Punktlandung mit den Sommerferien, ihrem abgereisten Ehemann und dem rettenden Engel in Gestalt ihrer Eltern.

Clara merkte, wie gern sie Mila zuhörte. Ihre Unabhängigkeit faszinierte sie – diese innere Ruhe, die so anders war als Claras durchgetakteter Familienalltag. Mila wirkte wie eine Frau, die mit sich im Reinen war. Doch nicht nur das zog Clara an. Mila hörte ihr wirklich zu, stellte kluge Fragen und ließ ihren Blick manchmal einen Moment länger auf Clara ruhen, als es nötig gewesen wäre.

 

Drei Tage später, am Samstagmorgen, saßen Clara, Lukas, Emma und Claras Eltern am Frühstückstisch im hellen Esszimmer des Ferienhauses. Der Duft von Kaffee und aufgebackenen Brötchen lag in der Luft. Die Sonne schien; es versprach ein schöner Tag zu werden. Claras Vater blätterte gut gelaunt in einem kleinen Reiseführer, dann hob er den Blick. „Gestern sind wir bei unserer Fahrradtour am anderen Ende der Insel an einem wunderbaren kleinen Café vorbeigekommen, versteckt hinter den Dünen“, erzählte er. „Das würde dir gefallen. Da musst du unbedingt hin.“

Sofort nickten Lukas und Emma eifrig und wollten wissen, ob es dort auch Kakao mit Sahne gab.

Claras Mutter warf ihrer Tochter einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu, in dem so viel mitschwang wie: Nutze die Chance. Dann wandte sie sich an die Kinder: „Ach, ich weiß nicht. Für Emma ist das noch etwas zu weit, mit dem Fahrrad. Wie wäre es, wenn ihr stattdessen mit Opa und mir zum Strand geht und ihr zeigt uns eure Strandburg, die ihr gestern gebaut habt?“ Sie zwinkerte Clara unauffällig zu. Lukas und Emma murrten zwar kurz, ließen sich dann aber schnell von Opas Versprechen ablenken, die Sandburg zu vergrößern. Clara lächelte verstohlen ihrer Mutter an. Mit diesem kleinen, erfundenen Vorwand hatten sie ihr gerade einen komplett freien Tag geschenkt.

Nach dem Frühstück packte Clara Proviant ein und holte ihr Fahrrad aus dem Holzschuppen. Gerade als sie aufsteigen wollte, kam Mila angeradelt. „Guten Morgen, Clara!“ Sie bremste neben ihr. Die große Sonnenbrille saß auf ihrer Nase, die blonden Haare hatte sie zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. „Wo willst du denn ganz allein hin?“ – „Die Kinder werden heute von meinem Vater in die Feinheiten des Sandburgenbaus eingeführt. Ich fahre zu dem kleinen Strandcafé hinter dem Vogelschutzgebiet.“ Mila zögerte kurz. „Da wollte ich heute Nachmittag auch hin. Hättest du etwas dagegen, wenn ich dich begleite?“ Clara hatte sich auf einen Tag allein gefreut – auf Ruhe und darauf, einmal nicht den Wünschen ihrer Kinder zu folgen. Doch als Mila vor ihr stand, begriff sie, dass sie nicht allein sein wollte. „Komm mit.“ – „Super. Ich bringe nur schnell meine Brötch en rein. Für eine Rast habe ich außerdem zwei Zimthörnchen.“ Wenig später ließen sie die Backsteinhäuser hinter sich. Die Straße öffnete sich zur weiten Deichlandschaft, und die erste frische Meeresbrise strich ihnen ins Gesicht. Links erhoben sich sanfte Dünen, bewachsen mit windschiefem Sanddorn und wilden Hagebutten; rechts lagen die saftig grünen Salzwiesen. Möwen kreisten über ihnen, begleitet vom gleichmäßigen Surren der Fahrradketten. Je näher sie dem Vogelschutzgebiet kamen, desto stiller wurde es.

Am großen Eingangsschild des Naturschutzgebietes hielten sie an. „Sollen wir zur Aussichtsplattform gehen?“ Clara, die das Fahrradfahren nicht gewohnt war, stimmte nur zu gern zu. Sie stellten ihre Fahrräder ab und folgten einem sandigen Naturpfad. Es dauerte nicht lange, und sie erreichten eine hölzerne Aussichtsplattform. Die beiden ließen sich auf eine Bank fallen und genossen den Blick über die unberührte Landschaft. In der Ferne sahen sie die Silhouetten der Nachbarinseln. Clara lehnte sich zurück und streckte ihre Beine aus.

Mila holte die Zimthörnchen aus ihrem Rucksack und Clara die Thermoskanne mit dem Friesentee. Sie atmeten tief durch und blickten über das weite Watt, während sie die Hörnchen aßen und sich den Becher, den Clara dabei hatte teilten. „Einfach mal raus“, sagte Clara, fast mehr zu sich selbst als zu Mila, während sie ihre müden Beine ausstreckte. „Ich wusste gar nicht, wie sehr mir das gefehlt hat.“

Mila lehnte sich neben ihr auf der Bank zurück, den Blick ebenfalls in die Ferne gerichtet, wo die Nachbarinseln wie Scherenschnitte am Horizont lagen. „Man verliert sich im Alltag so schnell selbst, oder?“, erwiderte sie. „Umso schöner, dass man manchmal jemanden trifft, bei dem man gar nichts erklären muss – als würde man sich schon ewig kennen.“

Clara betrachtete Mila von der Seite. Einige helle Strähnen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst und bewegten sich im Wind. Ihr Leinenhemd lag locker über den Schultern, die Hände ruhten entspannt auf den Oberschenkeln. Clara mochte diese selbstverständliche Lässigkeit. Ihr Blick glitt über Milas Gesicht, blieb kurz an ihren Beinen hängen und wanderte zurück zu ihren Händen. Mila schien den Blick zu spüren. Sie drehte den Kopf und schmunzelte hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille.

„Alles gut?“, fragte sie amüsiert.

Clara blinzelte kurz, schüttelte sich innerlich und lächelte zurück. „Ich war nur in Gedanken“, antwortete sie und nahm noch einen Schluck von dem warmen Tee.
„Sollen wir weiter?“, fragte Mila Clara. „Es ist nicht mehr weit bis zu dem Café.“

Clara blickte noch einmal über die Dünenlandschaft.

„Was? Ähm, ja. Lass uns weiter.“

Sie stiegen wieder von der Aussichtsplattform hinab, folgten dem Naturpfad zu ihren Fahrrädern und fuhren die letzten Meter der Strecke. Wenige Minuten später erreichten sie das kleine Café.

Sie stellten ihre Fahrräder ab und steuerten die kleine Terrasse an. In der warmen Nachmittagssonne war noch ein Tisch mit Blick ins Grüne frei. Der leichte Sommerwind wehte ihnen angenehm um die Nase, während sie kurz in die Karte sahen. „Nach der Fahrradtortur“ – Claras Hintern und ihr Sattel würden heute sicher keine Freunde mehr werden – „brauche ich definitiv etwas, das mich nach vorne bringt“, sagte Clara und lächelte. „Ich glaube, ich nehme einen Aperol Spritz.“ „Gute Wahl“, erwiderte Mila und winkte kurz den Kellner herbei. „Für mich bitte ein kühles Bier.“ Nachdem die Getränke da waren und sie kurz angestoßen hatten, bestellten sie noch ein Stück Kuchen, das sie sich teilten. Während sie den Kuchen aßen und ihre Getränke genossen, fanden sie zurück zu ihrem entspannten Gesprächsrhythmus, der sie einander auf der Bank schon so sy mpathisch gemacht hatte.

Als sie am frühen Abend in die kleine Straße einbogen, in der ihre Häuser standen, hielten sie vor Milas Gartentor. „Es war ein wirklich schöner Tag“, sagte Clara. „Danke, dass du mitgekommen bist.“ „Du hast mich mitgenommen. Ich muss mich also bedanken“, erwiderte Mila lächelnd. Dann nahm sie Clara zum Abschied in den Arm. Es war ein Impuls, dem schönen Tag geschuldet, und Clara erwiderte die Umarmung. Sie drückten sich, Clara spürte Milas Körper an ihrem. Sie verweilten kurz in der Umarmung, lang genug, dass Clara Milas Köper deutlich an ihrem wahrnahm.

Die folgenden beiden Tage waren anstrengend gewesen. Claras Eltern waren zwar da, wollten aber ebenfalls Urlaub machen. Ihr Vater hatte sich in sein neues E-Bike verliebt, und so verbrachten die beiden viele Stunden auf ihren Fahrrädern. Clara beschäftigte Emma und Lukas – oder versuchte wenigstens zu verhindern, dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlugen.

Jetzt endlich, an einem dieser perfekten, warmen Sommertage mit strahlendem Sonnenschein, hatte sie eine Pause. Die Kinder tobten drüben im flachen, seichten Wasser der Priele, sicher und glücklich mit ihren Eimern und Förmchen beschäftigt. Clara saß allein auf ihrem großen Strandtuch im warmen Sand.

Sie trug einen schlichten marineblauen Badeanzug. Mit Mitte vierzig, nach zwei Schwangerschaften und Jahren eines kräftezehrenden Familienalltags, war sie sich ihres Körpers nur allzu bewusst. Er war weicher und runder als früher, gezeichnet von feinen Spuren des Mutterseins. Es hatte sie einige Zeit gekostet, sich wieder an ihren Körper zu gewöhnen. Heute, im warmen Sonnenlicht, empfand sie einen unerwarteten Stolz.

Als Schritte im Sand neben ihr knirschten, hob Clara den Kopf und blinzelte gegen die Sonnenstrahlen an.

Mila stand neben ihr. Sie hatten sich zwei Tage lang nicht gesehen, seit ihrer Radtour. Nun stand Mila da, barfuß, in einem sportlichen Bikini, der ihre durchtrainierte, schlanke Figur perfekt zur Geltung brachte. Ihre Haut war gebräunt, die blonden Haare fielen locker über ihre Schultern. Eine natürliche, unaufdringliche Athletik, die Clara nicht etwa einschüchterte, sondern deren Anblick sie für eine Sekunde den Atem anhalten ließ.

„Na?“ Mila schaute auf sie herab und lächelte, während sie sich mit einer fließenden Bewegung einfach neben Claras Handtuch in den Sand fallen ließ. „Die Ruhe vor dem Sturm?“

Clara atmete aus und erwiderte das Lächeln. Die Anspannung der vergangenen Tage fiel von ihr ab. Zugleich spürte sie, dass sich etwas verschoben hatte. Die Vertrautheit von der Radtour war sofort wieder da, doch sie war nicht mehr unschuldig.

Während Mila sich im Sand abstützte und zu den Kindern hinübersah, blieb Claras Blick an den Wassertropfen auf ihrem Schlüsselbein hängen. Er wanderte weiter über ihren Bauch und die ruhige Bewegung ihres Atems. Clara zwang sich, zum Meer zu sehen. Wenige Sekunden später sah sie wieder hin. Die Erinnerung traf sie unvermittelt: jene Sommer im Freibad ihrer Jugend, in denen die bloße Nähe eines bestimmten Menschen ihren Körper in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Nur dass dieser Mensch jetzt eine Frau war.

Mila drehte den Kopf zu ihr, bemerkte ihren Blick und schmunzelte amüsiert.

Statt zu zucken oder auszuweichen, hielt Clara stand – wenn auch mit heftig klopfendem Herzen. Sie beschloss, die Offensive zu ergreifen, bevor ihre Gedanken sie verrieten.

„Schöner Bikini übrigens“, sagte sie und hoffte, gelassener zu klingen, als sie sich fühlte, als ihr die Plumpheit, ihrer Worte, gewahr wurde.

Mila blinzelte überrascht, ließ ihren Blick langsam und prüfend über Clara wandern, ehe das Amüsement in ihren Augen einem dunkleren Funkeln wich. „Danke“, erwiderte sie leise und rührte sich nicht von der Stelle. „Deiner steht dir auch verdammt gut.“

Claras Puls beschleunigte sich. Sie wandte den Blick zum gleißenden Wasser, doch das Kribbeln unter ihrer Haut blieb.

 

Am Abend lag die Dämmerung über der Insel, und die Luft war noch warm vom Tag. Clara trat mit einem Müllbeutel in den Vorgarten. Im Haus war nach dem abendlichen Chaos endlich Ruhe eingekehrt: Ihre Eltern saßen mit Tee im Wohnzimmer, die Kinder schliefen. Als Clara die Mülltonne öffnete, fiel ihr Blick zu Milas unbeleuchtetem Haus. Auf der Holzbank neben der Eingangstür saß eine schmale Silhouette. Mila hatte die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen. Claras Herz schlug schneller. Sie sah zurück zum Küchenfenster. Ihr Vater trat gerade ans Fenster. „Clara? Gehst du noch einmal weg?“ – „Nein“, antwortete sie zu hastig. Sie räusperte sich. „Ich möchte nur kurz Luft schnappen.“ – „Gut. Schlaf nachher gut.“ Kurz darauf erlosch das Licht. Die Dunkelheit legte sich über die Straße. Clara warf den Müllbeutel in die Tonne. Ihr Verstand sagte ihr, d ass sie ins Haus zurückkehren sollte. Ihre Füße trugen sie stattdessen zu Milas Gartentor. Mila hob den Kopf. Als sie Clara erkannte, hellten sich ihre Züge auf. Wortlos rückte sie auf der Bank zur Seite. Clara setzte sich. Ihre Oberschenkel berührten sich beinahe, und die schmale Lücke zwischen ihnen schien plötzlich voller Möglichkeiten.

Sie saßen schweigend in der warmen Sommernacht. Aus der Ferne kam das gleichmäßige Rauschen des Meeres. Die Spannung zwischen ihnen war deutlich genug, dass Clara sie nicht mehr für Einbildung halten konnte.

Schließlich wandte sich Mila, Clara zu. Im spärlichen Licht glänzten ihre Augen.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe noch eine Flasche Wein drinnen...“ Es war eher eine Feststellung denn eine Frage.

Bevor Clara etwas erwidern konnte, stand Mila auf und verschwand im Haus. Clara blieb allein auf der Bank zurück, den Blick in den Himmel gerichtet. Die Nacht war hereingebrochen, und die ersten Sterne waren zu sehen. Sie atmete tief durch. Eigentlich hatte sie das Gefühl, aufstehen und gehen zu müssen. Sie dachte plötzlich an Michael, was sie schon länger nicht mehr von sich aus getan hatte. Doch sie blieb, wo sie war.

Nach wenigen Augenblicken kam Mila zurück. In einer Hand hielt sie zwei dicke Wassergläser, in der anderen eine Flasche Rotwein mit Schraubverschluss.

Mila stellte die Flasche und die Gläser auf den kleinen Tisch vor ihnen. „Andere Gläser habe ich nicht gefunden, aber sie passen, glaube ich, zur Qualität des Weines.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen.

Clara nahm die Flasche mit einem gespielten Kennerblick in die Hand. „Zumindest kein Lambrusco“, stellte sie belustigt fest, dann goss sie ihnen beiden die Gläser ein.

Als sie ihre Gläser in der Hand hatten, stießen sie an.

„Auf uns und darauf, dass wir uns getroffen haben!“, prostete Clara Mila zu.

Sie nahm einen großen Schluck. Der Wein war schwer und schmeckte nach Kopfschmerzen am Morgen. Der vertraute Rhythmus zwischen ihnen kehrte zurück, jene Vertrautheit, die sie seit ihrem ersten Gespräch spürten.

Ob es daran lag, dass sie dort im Schutz der Dunkelheit saßen, an ihrer Verbundenheit oder an dem Alkohol, der langsam seine Wirkung entfaltete, konnte Clara nicht sagen. Plötzlich nahm ihr Gespräch einen anderen Verlauf, wurde ernster.

Mila senkte den Blick und erzählte von ihrer letzten Beziehung. Sie sei nicht an einem Streit zerbrochen, sondern langsam zu einer Gewohnheit geworden. Seitdem habe Mila niemanden mehr aus Bequemlichkeit lieben wollen. „Und trotzdem“, sagte sie leise, „ist Alleinsein manchmal leichter als die Angst, wieder im falschen Leben zu landen.“ Für einen Moment war von ihrer sonstigen Gelassenheit nichts zu sehen. Clara sah die Unsicherheit dahinter – und mochte sie dafür noch mehr.

Clara hörte zu, gefesselt von Milas offensichtlicher Einsamkeit. Und ehe sie es verhindern konnte, spürte sie, wie sich der Knoten in ihrer eigenen Brust löste.

Ohne dass Mila groß nachgefragt hätte, begann Mara von, von Michael zu erzählen. Sie erzählte, dass sie seit seiner Abreise kaum telefoniert hatten, dass sich der Kontakt auf ein paar dürftige WhatsApp-Nachrichten beschränkte – und selbst die kamen nur dann, wenn Clara ihm ungefragt Fotos von den spielenden Kindern schickte, damit er das Gefühl hatte, auf dem Laufenden zu sein.

Als Clara verstummte, verband sie beide dieselbe Erfahrung: allein zu sein, obwohl eigentlich jemand da war. Michael war kein schlechter Mann. Vielleicht war genau das das Problem. Es gab keinen großen Verrat, keinen eindeutigen Bruch – nur eine Entfernung, die mit jedem Jahr selbstverständlicher geworden war. Clara begriff, wie weit sie sich voneinander entfernt hatten und wie wenig sie dieser Gedanke noch erschreckte.

Sie saßen noch eine Weile da, sprachen nicht viel; beide waren bei sich und dem, was sie durch die Erzählungen der anderen über sich herausgefunden hatten. Sie hatten die Flasche Wein ausgetrunken und spürten seine Wirkung.

„Ich sollte wohl wieder rübergehen“, sagte Clara und erhob sich.

Mila begleitete sie zum Gartentor.

„Ich...“ Clara wusste nicht, was sie sagen wollte oder sollte.

„Ich auch“, sagte Mila und nahm sie zum Abschied in den Arm.

Als sich ihre Körper näher kamen, sahen sie sich an. Im Nachhinein, als Clara später im Bett lag, wollte sie Mila eigentlich nur einen Abschiedskuss geben. Sie hatte ein tiefes Gefühl der Verbundenheit empfunden und wollte diesem Ausdruck verleihen.

Als Milas Lippen ihre berührten, war der Kuss zunächst zaghaft. Dann öffnete Mila den Mund, und etwas in Clara gab nach. Verlangen breitete sich in ihr aus, heiß und unerwartet. Mila küsste sie mit einem Wechsel aus Zögern und Entschlossenheit, der Clara den Atem nahm. Der Kuss war intensiver als alles, was Clara erwartet hatte – genährt von der Nähe dieses Abends, von ihrer Einsamkeit und vom Reiz einer Grenze, die sie beide gerade überschritten.

Als sich ihre Lippen voneinander lösten, blieben ihre Stirnen noch kurz aneinander gelehnt. Beide atmeten schwer, Claras und Milas Brust hob und senkte sich im gleichen, schnellen Takt. Ein leises, fast ungläubiges Lächeln huschte über ihre Gesichter, ehe sie sich langsam und behutsam voneinander lösten, um die schier erdrückende Intensität des Moments zu entschärfen. Sie traten beide einen Schritt zurück, hielten einander die Hände. Dann, ohne ein Wort zu sagen, drehte Clara sich um, ging die kurze Strecke zu ihrem Haus über die mondbeschienene Straße.

Als Clara später in ihr Bett schlüpfte, trug sie ein warmes, rauschhaftes Hochgefühl in sich. Sie fühlte sich lebendig – und das lag gewiss nicht nur am Wein.

Am nächsten Morgen wurde Clara von lauten Kinderstimmen und dem Klappern von Geschirr in der Küche, einer Etage tiefer, geweckt. Ihr Kopf tat weh, aber nicht so sehr, wie sie am Abend davor befürchtet hatte. Dann kam die Erinnerung und mit dieser das Gefühl, Michael betrogen zu haben. Sie drehte sich auf die Seite, zog die Decke über den Kopf; durch die Daunen hörte sie ihr Handy vibrieren. Sie tastete mit der Hand auf dem Nachttisch, ohne unter der Decke hervorzukommen. Als sie ihr Handy ertastete, schaute sie unter der Decke auf das Display: Es war eine WhatsApp von Michael:

„Wie geht es den Kindern?“

Clara wollte das Handy an die Wand schmeißen, blieb aber unter der Decke – hier konnte sie niemand sehen. Sie schloss die Augen, und in diesem Moment erinnerte sich ihr Körper an Milas weiche Lippen, an ihre vorsichtige und zugleich fordernde Zunge, und sie spürte ein warmes Kribbeln im Bauch.

Der Kuss mit Mila war nicht das erste Mal, dass sie eine Frau geküsst hatte. Während ihres Studiums, wenn sie mit Freundinnen gefeiert hatte, hatten sie den ein oder anderen Kuss ausgetauscht. Doch das war ein Ausdruck von Lebensfreude gewesen, aus dem Moment heraus und meist nach sehr viel mehr Alkohol als zwei Gläsern Wein. Und es hatte sich nie so angefühlt.

Dann trat Michael vor ihr inneres Auge. Natürlich war es ein Betrug gewesen. Nicht weniger, weil Mila eine Frau war. Vielleicht fühlte es sich sogar bedeutsamer an, weil Clara sich in diesem Kuss lebendiger erlebt hatte als seit Jahren. Der Gedanke machte ihr Angst. Bereuen konnte sie ihn trotzdem nicht.

Am Frühstückstisch sprach Clara wenig. Sie trank ihren Kaffee und kaute abwesend ihr Schokoladenhörnchen. Die Kinder waren ungeduldig und wollten mit ihrem Großvater zum Abenteuerspielplatz. Clara wünschte ihnen viel Spaß und war froh, als sie mit ihrem Opa das Haus verließen. Sie wollte sich gerade mit ihrem zweiten Kaffee auf die Terrasse setzen, als ihre Mutter sie ansprach.

„Alles ok, Clara?“ Sie hatte den Ton angeschlagen, den sie immer anschlug, wenn sie wusste, dass etwas nicht stimmte, aber nicht wusste, was.

„Alles ok“, antwortete Clara in demselben Ton, in dem sie immer antwortete, wenn sie fürchtete, dass ihre Mutter ihr auf die Schliche kommen könnte.

„Mmh“, machte ihre Mutter.

„Ich war gestern Abend noch bei Mila. Sie hatte eine Flasche billigen Wein, und als ich gegangen bin, war sie leer. Wenn ich eine Aspirin nehme und in Ruhe meinen Kaffee trinke, bin ich wieder auf dem Damm.“

„Aha“, machte ihre Mutter und glaubte ihr kein Wort. „Setz dich nach draußen, ich bringe dir deine Aspirin, und dann gehe ich einkaufen.“

Clara blieb auf der Terrasse sitzen. Immer wieder kehrte sie zu denselben Fragen zurück. Was bedeutete dieser Kuss? Wohin konnte er führen? Wahrscheinlich nirgendwohin. Was wollte sie? Mila wiedersehen. Was wollte Mila? Das wusste sie nicht. Wie sich der Kuss für Mila angefühlt hatte, glaubte Clara zu wissen. Was Mila heute darüber dachte, war eine andere Frage. Als ihre Mutter gegen Mittag zurückkam, gab Clara zu, dass es ihr nicht gut ging. „Kann ich etwas für dich tun? “ – „Könnt ihr mir heute den Rücken freihalten? Ich würde gern allein am Strand spazieren gehen.“ Ihre Mutter musterte sie. „Ist etwas mit Michael? dein Vater und ich haben uns schon …“ – „Nein, Mama.“ Clara klang schärfer, als sie wollte. Michael war nicht das, worüber sie gerade sprechen konnte. „Entschuldige.“ Ihre Mutter nickte. „Schon gut. dein Vater und ich gehen mit d en Kindern Eis essen und danach ins Inselkino. Und weil du mich angefahren hast, bekommen beide vier Kugeln mit Sahne.“ Sie nahm Clara in den Arm und küsste sie auf die Stirn. Clara war ihr dankbar.

Als Clara die Straße betrat, schaute sie hinüber zu Milas Haus; die Bank war leer. Augenblicklich waren die Zweifel wieder da und der irrationale Gedanke, Mila könne sich vor ihr verstecken. Clara beschloss, einen Umweg zu gehen, und ging in die andere Richtung. Sie verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, sich die gleichen Fragen zu stellen wie auf der Terrasse. Sie lief am Meer entlang und ließ sich treiben. Es trieb sie vor Milas Gartentor.

„Hallo, Clara.“

Sie fuhr zusammen, drehte sich um – hinter ihr stand Mila. Sie trug eine schwarze kurze Hose und ihr Bikinioberteil, über der Schulter ihren Rucksack, ihre blonden Haare waren nass. In diesem Moment wusste Clara, dass sie zwei Möglichkeiten hatte: Zum einen konnte sie jetzt versuchen, sich in Smalltalk zu flüchten, oder sie konnte sich ihren Ängsten stellen.

„Hallo, Mila“, antwortete sie. „Warst du schwimmen? “ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, ärgerte sie sich über ihre Flucht in den Smalltalk.

„Ja, ich war am Strand, habe sogar Glück gehabt, und es war ausnahmsweise mal Flut.“ Sie lächelte sie an.

Clara wollte schon wieder ansetzen und den nächsten Smalltalk-Satz raushauen, als Mila sie unterbrach:

„Ich habe zwar keinen Wein mehr, aber zwei Flaschen Bier im Kühlschrank.“

Mila öffnete das Gartentor und ging an ihr vorbei. Während Clara hinter Mila herging, wanderte ihr Blick wie von selbst nach unten. Milas Beine fesselten ihren Blick – lang, mit festen Waden und Oberschenkeln, die erst kurz unter dem Hintern in der kurzen Hose verschwanden. Ihr Blick glitt unaufhaltsam weiter nach oben, blieb an dem sanften Wiegen von Milas Hüften hängen und fixierte schließlich ihren runden, festen Po, der sich unter dem engen Stoff der Shorts abzeichnete.

Clara erschrak darüber, wie sehr sie Mila berühren wollte. Früher hatte sie attraktive Frauen mit beiläufiger Bewunderung angesehen. Jetzt verengte sich ihre Wahrnehmung auf Milas Körper, auf die Bewegung ihrer Hüften und darauf, wie viel, wenig Stoff zeigen konnte. Mila erzählte etwas über das Schwimmen im Meer. Clara hörte die Worte, ohne ihren Sinn zu erfassen.

Ein heißes Ziehen erfasste Claras Unterleib. Ihr Mund wurde trocken. Zugleich schämte sie sich für die Hartnäckigkeit ihres Blicks. Sie fühlte sich wie einer jener Männer, die einer Frau auf der Straße nachstarrten und sich ihren Teil dachten.

Sie zwang sich, zur Bank, zum Rasen und zu den verwelkten Blumenbeeten zu sehen. Doch immer wieder kehrten ihre Augen zu Mila zurück. Nicht, weil Milas Körper ihr gehörte, sondern weil Clara ihn begehrte – und weil sie hoffte, dass Mila dieses Begehren erwiderte.

Mila ging vor ihr die zwei Stufen zur Haustür hoch und steckte den Schlüssel in das Schloss. Als sie die Tür öffnete, drehte sie sich zu Clara um. Clara schaute zu ihr auf, erwartete, dass Mila ihrem Blick ablehnend begegnen würde. Stattdessen sah sie ein Aufblitzen des Erkennens in Milas Augen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Was ist?“, fragte Mila. Es lag eine spielerische Neugier in ihrer Stimme; ihre Stimmlage hatte etwas Herausforderndes. Clara spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Mila blickte sie noch immer an, ihr Blick wechselte zwischen Claras Augen und ihren Lippen hin und her. Zu sehen, dass sie Mila mit ihren Blicken nicht verschreckt hatte, dass sie in Milas Augen den Widerhall ihrer eigenen Gefühle zu sehen gemeint hatte, jagte Clara eine heftige Gänsehaut über den Körper. „Nichts“, Clara stockte. „Ich habe nur Durst.“ Sie ging die zwei Stufen hoch, ihr Herz hämmerte, sie wollte an Mila, die noch immer im Türrahmen stand, vorbeigehen, dabei spürte sie Milas Fingerspitzen auf ihrem Unterarm. „Ich habe nur noch zwei Bier. Möchtest du jetzt eins trinken oder später?“ „Später“, erwiderte Clara. Als Clara an Mila vorbei ins Haus ging, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Die plötzliche Stille des Hauses sorgte bei Clara für ein Gefühl der Sicherheit; hier drinnen waren nur sie zwei. Clara stand einfach nur da, sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, was nun kommen würde. Ohne ein Wort zu sagen, trat Mila vor sie. Ihre eigenen Hände zitterten leicht, und in ihren Augen lag dieselbe nervöse Aufregung, die auch Clara spürte. Doch anders als Clara zögerte Mila nicht. Sie hob beide Hände, legte ihre Handflächen warm an Claras Wangen und hielt ihr Gesicht behutsam zwischen den Händen, bis Clara ihrem Blick begegnete. Als Milas Lippen sich Claras näherten, sie ihren! Atem auf den Lippen spürte, schloss Clara die Augen. Der Kuss war nicht fordernd, sondern ein vorsichtiges Vortasten. Mila küsste sie langsam und gab Clara die Zeit, die sie brauchte. Clara spürte Milas weiche Lippen und wie vertraut sie sich anfühlten; sie schmeckte das Salz des Meeres, in dem Mila noch vor einer halben Stunde geschwommen war. Sie nahm ihren Geruch wahr – eine warme Mischung aus Sonnemilch, Salz und ihrer Haut. Als Mila begann, mit den Daumen sanft über Claras Kieferknochen zu streicheln, veränderte sich etwas: Clara ließ sich fallen und genoss Milas Berührung, die anders war als alles, was Clara kannte: weicher, aufmerksamer und zugleich ebenso entschlossen. Mila zog Clara einen Schritt näher, ihre Hände glitten langsam nach unten – über den weichen Bogen des Halses, über Claras Schlüsselbein, bis sie schließlich auf Claras Schultern ruhten. Die Berührung war ein tastendes Er kunden, getragen von einer zarten Entschlossenheit. Clara schloss die Augen und gab sich diesem Sog hin. Für einen Sekundenbruchteil zuckte ein leiser, panischer Gedanke durch ihren Kopf – Was tue ich hier? –, doch die Wucht der körperlichen Anziehung wischte die Unsicherheit zugleich fort. Mit jedem Zentimeter, den Mila näher rückte, schien der Raum der Möglichkeiten, der sich Clara bot, weiter zu werden. Als Milas Hände weiterwanderten – die eine fest und warm über ihren Rücken strich, während die andere sanft über ihre Taille glitt und den Stoff ihres Shirts berührte –, durchfuhr Clara ein Schauer, der ihren gesamten Körper elektrisierte. Ihr Atem stockte, als Milas Mund den ihren wiederfand. Dieser Kuss war nicht mehr das vorsichtige Abtasten von zuvor. Er wurde tiefer und fordernder. Milas Lippen öffneten sich, und ihre Zunge suchte und fand Claras in einem zunehmend drängenden Rhythmu s. Mila löste eine Hand von Claras Rücken, ! fasste an den Saum ihres T-Shirts und zog es mit einer fließenden Bewegung über Claras Kopf. Nackt bis auf den BH stand Clara im schummrigen Flur. Mila betrachtete Claras Körper; in ihren Augen spiegelten sich Bewunderung und ihr Verlangen. Langsam wanderten Milas geschickte Finger nach hinten, öffneten den Verschluss des BHs und streiften ihn von Claras Schultern. Clara hielt für eine Sekunde den Atem an. Da stand sie – nackt vor einer Frau. Es war ein tiefes, fast schwindelerregendes Erstaunen, als ihr bewusst wurde, wie anders sich diese Haut anfühlte: weicher, wärmer, als der gewohnte, feste Körper eines Mannes. Im nächsten Augenblick beugte Mila sich vor, nahm Claras linke Brust in den Mund, während Daumen und Zeigefinger ihrer anderen Hand die sensible Knospe der rechten Brust zwischen sich nahmen und rollten. Clara stöhnte leise auf. Ihr eigener Körper reagierte mit einer heftigen, ungewohnten Sensibilitä t auf diese Zärtlichkeit, fast so, als würde sie sich selbst völlig neu entdecken. Ihre Knie wurden weich, und sie klammerte sich an Milas Schultern, unfähig, sich auf den Beinen zu halten, während Mila ihre Brüste mit Zunge und sanften Bissen so lange verwöhnte, bis die Haut glänzte und ihre Nippel sich hart aufrichteten. „Komm mit“, flüsterte Mila heiser. Sie lösten sich voneinander und gingen in das kühle, gedämpfte Halbdunkel des Schlafzimmers. Claras Kniekehlen trafen auf das Ende des Bettes, und Mila ließ Clara sanft nach hinten auf die Matratze sinken. Clara lehnte sich auf die Ellbogen und beobachtete mit glühendem Blick, wie Mila sich vor ihr auszog. Mila streifte ihre kurze Hose ab und zog den knappen Slip aus, sodass ihr vollkommen nackter Körper im Dämmerlicht vor Clara stand. Clara sog jedes Detail in sich auf: Milas Körper war straff und athletisch, die Haut von der Sonne gebräunt, mit schmaler Taille und festen, runden! Brüsten, deren dunkle Warzenhöfe sich im Halbdunkel scharf von der helleren Haut absetzten. Jede Kontur strahlte eine pure, natürliche Sinnlichkeit aus, die Clara den Atem raubte. Mila kletterte auf das Bett und legte sich eng neben Clara. Ihre Lippen trafen sich in einem tiefen, fordernden Kuss. Ihre Hände begannen, den Körper der anderen zu erforschen. Es war ein intensives Ausprobieren, ein stummes, zitterndes Gespräch ihrer Körper, die sich gegenseitig verrieten, was sie wollten. Milas Hände strichen über Claras flachen Bauch und wanderten über ihre Oberschenkel, während Claras Hände Milas Rücken entlangglitten, über die Wirbelsäule nach unten wanderten, Milas Pobacken umfassten und sie streichelten. Mila rutschte tiefer, und als Clara Milas Lippen über ihren Venushügel gleiten spürte, schloss sie die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Milas Zunge glitt über Claras feuchte Schaml ippen. Mit einer gierigen Hingabe begann Mila, sie zu kosten. Sie saugte an Claras Klitoris, während ihre Zunge ihren Kitzler umspielte. Clara spürte, wie Milas Finger tief in ihre feuchte Spalte glitten und sich in ihr bewegten. Clara verlor jedes Gefühl für Zeit, ihre Hände gruben sich in die Laken, ihr Becken schnellte bei jeder neuen Berührung unkontrolliert nach oben, und ein lauteres, heiseres Stöhnen hallte durch den Raum, angefeuert von Milas eigenem, keuchendem Atem, bis sich die Spannung in einem überwältigenden Höhepunkt löste. Zitternd und schwer atmend glitt Clara nach oben, während Mila sich unter sie legte. Jetzt wechselte die Dynamik – Clara wollte Mila nun ebenso aufmerksam begegnen, wie Mila ihr begegnet war. Sie spreizte Milas Schenkel, betrachtete Mila, wie sie dort lag, ihre Beine geöffnet, ihre Brüste, die sich hoben und senkten. Sie beugte sich vor, strich mit ihren Fingerspitzen ü ;ber Milas weiche Brüste, umkreiste ihre Hö! fe, ihre Hand glitt über ihren straffen Bauch, der sich so anders anfühlte, als die männlichen Körper, die sie gestreichelt hatte. Sie wanderte weiter mit ihrer Hand über Milas Wölbung, hielt kurz inne, wusste im ersten Moment nicht wie. Langsam ließ sie ihren Finger über Milas Spalte fahren, beobachtete, wie ihre feuchten Lippen auf die Berührung reagierten. Sie erhöhte den Druck und Milas Schoß öffnete sich ihr, langsam drang ihr Finger in Mila ein. Clara wurde mit einem leisen Stöhnen belohnt. Milas Becken hob sich, Clara bewegte ihren Finger langsam in ihr, suchte den Punkt, den sie bei sich suchte, diese kleine raue Stelle, stellte fest, dass auch Mila diese besaß, wenn auch etwas tiefer, doch als sie sie fand, ihren Finger darauflegte, stöhnte Mila auf, langsam, nahm sie einen zweiten Finger dazu. Begann, ihre Hand langsam vor und zurück zu schieben, dabei Mila beobachtend, die sich auf die Unte rlippe biss und ihren Blick aus halb geöffneten Augen erwiderte. Claras Vor- und Zurück- wurde zu einem Kreisen, dann legte sie ihren Daumen auf Milas Kitzler. Während ihr Daumen kreisend und mit stärker werdendem Druck Milas Klitoris bespielte, warf Mila den Kopf in den Nacken, stieß keuchende, flehende Laute aus und klammerte sich an Claras Hüften. Clara spürte, dass sie Milas kreisendes Becken richtig gelesen hatte, und begann, sich nun fordernder in Mila zu bewegen. Sie spürte Milas feuchte Lust auf ihren Fingern unter ihrem Daumen, sah es in ihrem Schoß. Und Clara hielt den Rhythmus, den Milas Körper ihr vorgab. Als Mila sich unter ihrer Hand anspannte, wusste sie, dass sie nicht mehr suchen musste. Als Mila zitternd vor ihr lag, zog Clara sich vorsichtig zurück. Sie legte sich neben Mila, fühlte noch das Echo ihres eigenen Höhepunktes in ihrem Schoß. Sie zog Mila zu sich, küsste sie sanft. Schlie&szl ig;lich kamen sie zur Ruhe, lagen nebeneinander, sahe! n sich an – vertraute Gesichter, die vor dem gerade Geschehenen auf einmal ganz anders aussahen. Zwei Frauen, die den Körper der anderen erforscht hatten, wie sie es bisher nur mit ihrem eigenen getan hatten. Ihre Lippen fanden sich wieder, zärtlich, die andere schmeckend. Clara glitt langsam nach oben, umschlang Mila mit ihren Beinen, sie fühlte die schweißnasse Haut von Milas Brüsten an den ihren. Dann schob Clara ihren Oberschenkel tief zwischen Milas Beine. Sie begannen langsam; jede Vorwärtsbewegung entlockte Mila ein heißes, überschlagenes Keuchen, während sie ihre Hände in Claras Po grub und sie mit aller Kraft noch fester gegen sich drückte. Es war ein Beben von feuchter Haut auf feuchter Haut, ihre Körper verschmolzen. Die Reibung ihrer pochenden Schamlippen schuf eine Hitze, die wie flüssiges Feuer durch ihre Unterleiber rollte. Clara verlor völlig jedes Zeitgefühl; ihr Atem ging stoßw eise und flach. Ihre Bewegungen wurden schneller, zielgerichteter, drängender. Sie stieß ein heiseres, rohes Schreien aus, als der finale Orgasmus über sie herfiel. Im selben Bruchteil einer Sekunde riss Mila den Kopf in den Nacken, und die Spannung löste sich beinahe gleichzeitig. Sie hielten einander fest, bis das Zittern langsam nachließ, bis sie schwer, schweißgebadet und in tiefer, atemloser Stille ineinander versanken.

Die Stille, die sich im Schlafzimmer ausgebreitet hatte, war warm, klar und völlig frei von Zweifeln. Draußen rauschte das Meer, drinnen war nur ihr gemeinsamer, langsam ruhiger werdender Atem zu hören. Clara lag dicht an Mila geschmiegt, ihr Kopf auf Milas Schulter, während der Schweiß auf ihren Körpern langsam trocknete.

Vielleicht war es für beide nur eine Pause gewesen – ein Ort außerhalb ihrer eigentlichen Leben. Clara wusste nicht, ob Mila es genauso empfand.

Mila strich Clara langsam über den Rücken und zog die leichte Decke über sie. Sie mussten sich in dieser Nacht nichts versprechen. Clara schloss die Augen, atmete den Geruch von Salz, Sonnenmilch und warmer Haut ein und genoss den Frieden, der sich in ihr ausbreitete. Bald würden sie in ihre eigenen Welten zurückkehren.

Das erste fahle Morgenlicht schlich sich ins Zimmer, als Clara die Augen öffnete. Mila schlief dicht neben ihr, einen Arm um Claras Taille gelegt. In den Stunden zuvor hatten sie sich noch einmal geliebt – leiser, langsamer und mit einer erschöpften Zärtlichkeit. Clara löste sich vorsichtig aus der Umarmung. Mila öffnete die Augen. Einen Moment sahen sie einander schweigend an. „Du musst zurück?“, Es war weniger ein Frage, als viel mehr eine Feststellung. Clara nickte. „Bereust du es?“ Clara dachte an Michael, an die Kinder und an die Tür, die sie in sich selbst geöffnet hatte. „Nein“, erwiderte sie.

Clara zog sich an. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Mila lag unter der hellen Decke und sah ihr nach. „Wir sehen uns“, sagte Clara. Es war kein Versprechen, aber auch kein Abschied.

Am nächsten Vormittag schien die Sonne bereits heiß vom Himmel, als Clara mit ihren Kindern die Straße in Richtung Strand ging. Die Luft roch nach Salz und Pinien.

Als sie an dem kleinen Haus vorbeikamen, saß Mila mit einer Tasse Kaffee auf der Bank. In dem Moment, als sie Clara sah, hellte sich ihr Gesicht auf. Sie blickten sich an, dieser Blick barg ein Geheimnis, dass nur sie beide kannten. „Guten Morgen“, sagte Clara.

Dann nahm Clara die Hände ihrer Kinder und ging mit ihnen zum Strand. Hinter den Dünen rauschten die Wellen. Sie spürte die Sonnenstrahlen warm auf ihrer Haut.

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