Es war eine erlesene Gesellschaft, die sich in dem mondänen Saal versammelt hatte. Die Damen hüllten sich in extravagante Abendkleider und die Herren trugen Anzüge aus feinstem Zwirn. Zwischen ihnen huschten Bedienstete hin und her, die den Gästen Getränke und Kanapees reichten. Die Stimmung war ausgelassen. Eine fünfköpfige Band lockte mit ihren Rhythmen immer mehr Pärchen auf das Parkett.
Auf einer Balustrade hatte eine junge Frau einen Platz gefunden. Ihre Garderobe unterschied sich von der der anderen Besucherinnen. Sie wirkte antiquiert oder wie das Kostüm einer exotischen Künstlerin, die im Laufe des Abends vor dem illustren Publikum auftreten wollte. Vielleicht lag es daran, dass ihr weder Getränke noch ein kleiner Imbiss angeboten wurden. Erstaunlich war auch, dass sie von den zahlreichen männlichen Gästen, die ohne Partnerinnen durch den Saal defilierten, ignoriert wurde, denn sie wirkte sehr attraktiv.
Ihr schien dieses Desinteresse nichts auszumachen. Sie inhalierte den Rauch ihrer Zigarette und beobachtete das Geschehen. Hätte sie jemand wahrgenommen, wäre ihm aufgefallen, dass sie offenbar nach einer bestimmten Person Ausschau hielt, die jedoch noch nicht anwesend sein konnte, jedenfalls ließ sie das nicht erkennen.
Erst als ein etwa fünfzigjähriger Herr mit einer sehr jungen Begleiterin den Saal betrat, erhob sie sich abrupt. Sobald die Beiden an ihr vorübergegangen waren, heftete sie sich an ihre Fersen. Der Mann schien nicht zu bemerken, dass sie verfolgt wurden, doch die Frau schaute sich mehrmals nach ihr um. Nach dem letzten Umdrehen verfinsterte sich ihre Mine und sie flüsterte ihrem Begleiter etwas zu, worauf der sich ebenfalls umwandte und anschließend nur mit dem Kopf schüttelte.
„Außer dir kann mich niemand sehen“, rief die Verfolgerin der Frau zu. „Und dass du mich sehen kannst, sollte dir Angst einflößen. Denn ich bin hier, um mich für die Untaten deines Ahnen an dir zu rächen, so wie ich es ihm angedroht habe, als er in diesem Raum ein Blutbad an meiner Familie und mir anrichtete.
Damals lachte er mir ins Gesicht und meinte, dass er seine Schuld gerne an die ihm nachfolgenden Generationen weiterreichen würde. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass tatsächlich jemand von seinen Nachfahren für seine Untat büßen müsste.“
Die junge Frau erblasste. Scheinbar wusste sie darüber Bescheid, welcher Fluch auf ihrer Familie lastete.
„Vielleicht beruhigt es dich“, meinte die Fremde, die mittlerweile nach vorn gekommen war und sich bei der jungen Frau untergehakt hatte, „dass du nicht allein sterben wirst, sondern inmitten dieser noblen Herrschaften.“
Das Mädchen konnte nicht antworten. Ihr Begleiter wäre wahrscheinlich sehr verärgert gewesen, wenn sie plötzlich ein - aus seiner Sicht - Selbstgespräch begonnen hätte. Außerdem war niemand mehr da, an den sie ihre Erwiderung richten konnte. Wie ein Phantom schien sich die geheimnisvolle Frau in Luft aufgelöst zu haben.
Am anderen Morgen berichteten die Medien der Stadt von einer gewaltigen Explosion in einem der exklusivsten Vergnügungstempel der Metropole. Über Ursachen und Hintergründe hielten sie sich bedeckt. Aber allen war ein Fakt eine Schlagzeile wert: nämlich der, dass eine junge Frau und ein älterer Herr wie durch ein Wunder die Katastrophe unverletzt überlebt hatten, während alle anderen Gäste sowie das Personal des Etablissements in den Trümmern des Gebäudes umgekommen waren.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.08.2026.
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