Die Party war laut, bunt und angenehm chaotisch.
Künstlertypen trafen auf Menschen mit ganz normalen Berufen, und niemand schien sich daran zu stören, dass die einen über ihre neuesten Ideen und die
anderen über ihre neuesten Probleme redeten.
Ralf, fünfundzwanzig, Saison-Schriftsteller aus Überzeugung und Bequemlichkeit, stand mit einem Glas Wein am Rand der Tanzfläche.
Dann sah er Sarah.
Sie war zweiundzwanzig, attraktiv, selbstbewusst und hatte dieses Lächeln, bei dem man nicht sofort wusste, ob es einem galt oder der ganzen Welt.
Einige Minuten später tanzten sie zusammen.
Später saßen sie etwas abseits.
„Und was machst du beruflich?“
„Datenverarbeitung.“
Ralf nickte ernst.
„Sehr gut. Dann sind wir ja fast schon füreinander bestimmt.“
Sarah lachte.
„Wieso das denn?“
„Ich schreibe. Du kannst meine Texte in den Computer eingeben.“
„Und wenn du nichts schreibst?“
„Dann hast DU einen sicheren Arbeitsplatz.“
„Und wenn ich dich irgendwann nicht mehr mag?“
Ralf hob sein Glas.
„Dann habe ich ein ernstes Computerproblem.“
Sarah lachte wieder.
Es war ein kleiner, alberner Dialog.
Aber Jahre später würde Ralf sich an jedes Wort erinnern.
Vor allem an eines.
Sarah hatte damals gesagt:
„Manchmal macht man im Spaß schon seine eigene Zukunft.“
Sie heirateten.
Es war keine spektakuläre Ehe.
Gerade deshalb war sie glücklich.
Sarah arbeitete, Ralf schrieb. Wenn er schrieb, tippte sie seine Manuskripte in den Computer. Wenn er nicht schrieb, kümmerte er sich um den Haushalt.
Sie stritten natürlich auch.
Über Kleinigkeiten.
Über Geld.
Über Freunde.
Über die Frage, wer eigentlich den Müll hinausbringen sollte.
Aber selbst ihre kleinen Streitigkeiten hatten etwas Beruhigendes.
Denn am Abend waren sie wieder zusammen.
Und Ralf liebte Sarah.
Nicht vernünftig.
Nicht maßvoll.
Absolut.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.08.2026.
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Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus
von Florian Seidel
Rapunzel in Puppengesprächen, Adoptivkinder auf Zeitreisen, Fragebögen, Bekundungen am Bauch der Sonne. Rätsel und Anspielungen, die uns, an Hand scheinbar vertrauter Muster, in die Irre führen. Florian Seidel hält seine Gedichte in der Balance zwischen Verschweigen und Benennen, zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Jeden Augenblick könnte alles aus dem Gleichgewicht geraten, uns mitreißen, uns enden lassen in einem Augenblick der Verwirrung. Die in dem Gedichtband „Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus“ versammelten Texte schildern Suchbewegungen. Glückspiraten, Tiger, Jäger und andere Unbehauste in jenen Momenten, da die Realität Schlupflöcher bekommt und wir uns selbst im Spiegel sehen. Ein ungewöhnlich großes Sprachgefühl und vor allem die Bildhaftigkeit machen die Qualität dieser Lyrik aus.
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