Istvan Hidy

Die Brauereibranche und das Bier

Das Bier hat ein Problem.

Nein, das Bier hat natürlich kein Problem. Es hat in den vergangenen fünftausend Jahren ziemlich überzeugend bewiesen, dass es mit sich selbst ganz gut zurechtkommt.

Das Problem hat die Brauereibranche.

Die Menschen trinken weniger Bier. Und das ist für eine Branche, deren Geschäftsmodell auf Menschen beruht, die Bier trinken, eine unangenehme Nachricht. Man könnte nun darüber nachdenken, warum das so ist. Man könnte die veränderten Gewohnheiten der Kundschaft akzeptieren. Man könnte Qualität, Handwerk und Geschmack in den Mittelpunkt stellen.

Oder man macht das, was die moderne Wirtschaft immer macht, wenn die Nachfrage schwächelt:

Man erfindet das Produkt neu.

Und so wird aus dem guten alten Bier plötzlich ein Hochleistungsgetränk.

Belgische Forscher arbeiten an funktionellen Bieren. Protein fürs Nach-dem-Sport, Magnesium für den Schlaf. Man wartet eigentlich nur noch auf das Bier mit Omega-3 fürs Herz und das Bier mit Kollagen für die Haut.

Der Mensch trinkt also nicht mehr einfach Bier.

Er optimiert sich.

Mit Bier.

Das ist vermutlich die nächste Stufe der Zivilisation.

Dabei hat das Bier seinen Lebenslauf längst abgearbeitet. Es hat Durst gelöscht, Kalorien geliefert, Feste begleitet und Menschen zusammengebracht. Es hat Generationen durch Hochzeiten, Fußballspiele, Stammtische, Kirmes und Betriebsfeiern gebracht.

Und jetzt soll es auch noch etwas für die Gesundheit tun.

Nach fünftausend Jahren Dienstzeit kommt offenbar der Personalchef und sagt:

„Sie müssen sich weiterentwickeln.“

Das Bier schaut vermutlich etwas ratlos aus dem Glas.

„Was soll ich denn noch machen?“

„Mehr können.“

„Ich bin Bier.“

„Eben. Das reicht heute nicht mehr.“

Also kommen die Innovationen.

Alkoholfreies Bier beispielsweise. Eine durchaus sinnvolle Entwicklung, wenn jemand Biergeschmack möchte, aber keinen oder kaum Alkohol trinken will. Nur ist auch das technisch eine kleine Verrücktheit: Man kann Bier zunächst ganz normal brauen, produziert dabei Alkohol und entfernt ihn anschließend wieder. Und weil mit dem Alkohol auch Geschmack verschwindet, muss man hinterher versuchen, den Geschmack wieder hineinzubekommen.

Man könnte es auch einfacher ausdrücken:

Man braut Bier – und baut es anschließend wieder zurück.

Dafür braucht es Forschung, Technik und Geld.

Das Ergebnis soll dann möglichst genau so schmecken wie das Produkt, das man ursprünglich hergestellt hat.

Das ist Innovation.

Und dann kommt die künstliche Intelligenz.

Mehr als 400 Biere werden chemisch analysiert, dazu kommen Bewertungen von Konsumenten. Die Maschine soll herausfinden, welche chemische Zusammensetzung den Menschen besonders gut schmeckt.

Fünftausend Jahre Biergeschichte haben offenbar nicht ausgereicht.

Jetzt muss die KI ran.

Vielleicht braucht sie ein paar Milliarden Rechenoperationen, um am Ende festzustellen:

Hopfen schmeckt gut.

Man darf gespannt sein, wann der erste Algorithmus ein Pils bestellt.

Aber bei aller Ironie gibt es eine Erfindung, die man tatsächlich verteidigen darf: das Reinheitsgebot.

Nicht, weil es jede moderne Entwicklung verhindern müsste. Nicht, weil Bier seit dem Mittelalter für alle Zeiten auf vier Zutaten festgelegt sein sollte. Sondern weil in einer Zeit, in der man Bier mit Proteinen, Mineralstoffen und wer weiß was noch alles anreichern möchte, die Beschränkung auf das Wesentliche plötzlich mehr als nur sympathisch wirkt.

Wasser, Malz, Hopfen, Hefe.

Mehr muss ein Bier nicht können.

Es muss nicht beim Schlafen helfen.

Es muss keinen Muskelaufbau fördern.

Es muss keine chemische Formel erfüllen, die eine künstliche Intelligenz zuvor aus 400 Bieren errechnet hat.

Es muss nicht „funktionell“ sein.

Es darf einfach schmecken.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Provokation in einer Branche, die ständig von Innovation spricht.

Denn wenn die Menschen weniger Bier trinken, wird man das Problem nicht dadurch lösen, dass das Bier plötzlich Protein enthält. Man kann die Flasche noch so intelligent machen – am Ende muss sie jemand öffnen wollen.

Das Bier jedenfalls sollte man in Ruhe lassen.

Es hat seinen Teil getan.

Fünftausend Jahre lang.

Es hat uns begleitet, während Imperien entstanden und verschwanden, während sich Sitten und Moden änderten und ganze Wirtschaftssysteme kamen und gingen.

Und nie hat es verlangt, Magnesium enthalten zu dürfen.

Vielleicht sollte die Brauereibranche deshalb nicht das Bier neu erfinden.

Vielleicht sollte sie sich daran erinnern, warum es überhaupt einmal erfunden wurde.

Ein Getränk gegen den Durst.

Ein Genussmittel.

Ein Stück Kultur.

Und manchmal einfach ein Grund, mit Freunden zusammenzusitzen und zu sagen:

„Na dann – Prost.“

Ein Prost auf das Reinheitsgebot.

Und vor allem:

Ein Prost auf das Bier.

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