Heinz-Walter Hoetter

Der Traum des jungen Borwin

 

 

 

 


Es war einer jener Nächte, in denen der Himmel so schwarz und samtig erschien, dass man beinahe das Flüstern der funkelnden Sterne hören konnte. Inmitten dieser Stille stand der junge Borwin auf dem Balkon seines kleinen Zimmers und blickte hinauf in die Unendlichkeit.


 

Manchmal, so dachte er, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als der Kapitän eines riesigen Luftschiffes zu sein, nein, nicht irgendeines Schiffes, sondern ein Luftschiff der Träume, das all jene mitnimmt, die einfach nur fortgetragen werden wollen, ganz egal wohhin, nur immer der Sehnsucht nach.

Borwin war ein Träumer, wie so viele Menschen in seinem Alter. Ein junger Mann, dessen Herz von einem tiefen, unstillbaren Verlangen durchdrungen war, dem Verlangen nach einem völlig neuen Leben, das frei ist von Ballast, von Schmerz, Angst und Sorgen war. Es sehnte sich nach Frieden, Glück und Harmonie.


 

Tag für Tag fühlte er die Last seiner irdischen Existenz, die auf seinen Schultern wie ein unsichtbares Gewicht aus Blei lag. Er lebte in einer Welt, die oft rau und unerbittlich schien, in der Pflichten und Normen den Alltag bestimmten. Doch in seinem Innern glühte eine Hoffnung, eine Hoffnung auf einen Neubeginn, so strahlend und schön wie der erwachende Morgen im Licht einer aufgehenden Sonne.

An diesem Abend geschah es zum ersten Mal, als Borwin im Bett die Augen schloss und schlafen wollte. Plötzlich spürte eine sanfte Brise, die seinen ganzen Körper umhüllte. Das leise rufen einer sanften Stimme erfüllte die Luft seines Zimmers, als ob eine unsichtbare Melodie ihn rief. Langsam öffnete er die Augen, und dann sah er es.


 

Hoch über ihm schwebte ein majestätisch aussehndes Luftschiff, geschaffen aus schimmerndem Silber und schwebender Transparenz, das im hellen Mondlicht funkelte wie aus einem fernen Welt. An seinen Seiten flatterten Fahnen aus goldenem Sternenstaub und die Gondel schien aus purem Licht geformt zu sein.

Borwinn konnte sich jetzt nicht mehr zurück halten. Mit einem raschen Schritt stieg er das Treppchen hinauf, das sich zu ihm aus dem Luftschiff herabließ. Eine Stimme, weich wie ein fernes Echo, begrüßte ihn: „Willkommen, Kapitän Borwin! Das Luftschiff der Träume wartet auf dich und all jene, die sich forttragen lassen wollen in eine wunderschöne Zukunft des Friedens, der Liebe und der Harmonie. Sie warten schon auf dich! Steig ein, mein Freund!“

Verwundert und zugleich voller Freude ging er an Bord. Das Schiff erwachte zum Leben, seine Ruder schlugen lautlos durch den nächtlichen Himmel, während es in Richtung Horizont davon schwebte. Keine Karten, keine Pläne und keine festgelegten Zeitleisten bestimmten ihre Reise, nur erfüllt von dem Wunsch, das Ferne und Unbekannte zu erkunden.

Je weiter sie flogen, desto leichter wurde Borwins Herz. Alle Lasten und Ängste begannen auf wundersame Weise von ihm abzufallen, als würden sie von der unsichtbaren Hand des Luftschiffes sanft beiseite gefegt. In den Gesichtern der anderen Passagiere sah er dasselbe Leuchten, denselben Glanz kindlicher Neugier und Abenteuerlust.

Sie flogen vorbei an gewaltigen Wolkengebirgen, deren Gipfel in allen Farben des Regenbogens schimmerten. Sie überquerten tiefe, grüne Täler und weite Landschaften aus funkelndem Nebel und überflogen blaue Ozeane, die wie flüssiges Glas glänzten.


 

Jedes Ziel, jede Landschaft war ein Spiegelbild der inneren Wünsche jedes Einzelnen an Bord des geheimnisvollen Luftschiffes. Hier konnten Träume wachsen und Wirklichkeit werden, die auch tief verborgen in Borwins Innern lagen. So etwas hat er im wahren Leben weder gefunden, noch erlebt.

 


 

Inmitten dieser Reise begegnete er einer geheimnisvollen Gestalt, einer Frau mit Haaren wie goldgelber Honig und Augen, die alle Farben des Himmels zu tragen schienen.


 

Sie stellte sich ihm als Oneiroi vor, Hüterin der Träume und Begleiterin der Reisenden. „Du bist noch gefangen“, sagte sie sanft und fuhr fort: „gefangen in der Macht des Lebens, das jeden Menschen dazu zwingt, die Welt mit irdischen Sinnen zu sehen und zu erfahren. Doch auf diesem Schiff der Träume lernst du, nur mit dem Herzen zu sehen.“

Gemeinsam erkundeten sie die verborgenen Welten, die sich hinter dem Schleier der Wirklichkeit verbargen. Sie lernten, dass das Luftschiff der Träume nicht einfach nur ein Vehikel, sondern eine Brücke zu einem neuen Bewusstsein darstellte, einem tiefen Bewusstsein, in dem Frieden, Glück und Harmonie nicht nur einfach Ideen, sondern gelebte Wirklichkeit waren.

Tage, Wochen und Jahre vergingen, aber nicht wie gewohnt, sondern verschwammen zu einem zeitlosen Tanz unglaublicher Möglichkeiten.


 

Schließlich stand Borwin am Bug des Luftschiffes und sah, wie am fernen Horizont ein Land auftauchte, ein Land aus Licht, bunten Farben und unendlicher Freiheit.

„Das ist unser Ziel“, flüsterte Oneiroi, „das Land, das unerkannt im Innern eines jeden Menschen verborgen liegt. Dort wollen alle hin, auch du.“

Mit einem Herzen, leicht wie eine Feder und erfüllt von der Gewissheit, dass jeder Neubeginn möglich ist, durfte Borwin das Luftschiff vorsichtig und mit Bedacht auf dieses geheimnisvolle Land zu steuern.


 

Es war die Reise, von der alle Menschen seit Anbeginn ihrer Existenz immer wieder erzählt haben, denn es war eine Reise zu ihrer eigenen Seele und zum Zentrum allen Seins.

Ja, und so flog das Luftschiff der Träume weiter, unbeirrbar, geduldig und voller Hoffnung. Es nahm alle mit, die sich dazu bereit erklärten, einfach loszulassen, um sich forttragen zu lassen.


 

Wohin? Das kann eigentlich niemand so genau sagen, weil das für immer und ewig ein tiefes Geheimns bleibt. Aber vielleicht spielt das ja auch gar keine Rolle, wenn man mit dem Luftschiff der Träume unterwegs ist, denn es kennt die heimlichen Sehnsüchte eines jeden Menschen, von denen er träumt.

Denn manchmal ist der Weg selbst schon das Glück, und das Luftschiff der Träume das Versprechen, dass jeder von uns irgendwann dorthin gelangen wird, wo die Seele für immer zu Hause ist.


 

(c)Heiwahoe

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