Fünf Uhr morgens, es ist noch dunkel, doch das macht ihm nichts aus, er singt aus vollem Hals. Zwar klingen seine Töne leicht knirschend, doch das tut seiner Begeisterung keinen Abbruch. Bald gesellt sich ein weiterer Frühaufsteher zu ihm und flötet ihm in seine Melodie. Unwillig schüttelt der Hausrotschwanz den Kopf. „Hör mal du, such‘ dir gefälligst einen anderen Platz, um den Mädels zu imponieren! Hier singe ich!“
„Pah“, der Amselmann mustert ihn von oben bis unten und flötet unbeirrt weiter.
„Hey, cooler Platz hier. Darf man sich zu euch gesellen?“, ein weiterer Vogel landet auf dem Ast. „Gestatten, Rudi Rotkehl mein Name“, sagt’s und stimmt einen silberhellen Gesang an. Bei so viel Höflichkeit kann auch der Hausrotschwanz nicht mehr meckern. „Hans“, murmelt er und bald ist ein munteres Konzert im Gange.
„Zilpzalp“, ertönt es plötzlich neben ihnen. Verblüfft hält das Trio inne. „Zilpzalp-Zilpzalp“, schon wieder.
„Entschuldigung, aber kannst du auch was Anderes?“, fragt Rudi Rotkehl höflich. Der Zilpzalp schüttelt den Kopf und zilpt weiter.
„Der kann nur seinen Namen rufen“, ein Buchfink sitzt etwas weiter oben und klärt auf. „Ich bin übrigens Berni Buchfink und ich kann fünf Strophen hintereinander trällern“, nachdem man sich ordentlich miteinander bekannt gemacht hat geht das Konzert weiter.
Nur der Zilpzalp und Addi Amsel haben sich nicht vorgestellt, sondern unbeirrt weitergeflötet und gezilpt.
Plötzlich wird es laut, denn es lassen sich auf einen Schlag drei Spatzen auf dem musikalischen Baum nieder und tschilpen um die Wette. Begleitet werden sie von einem Star, der sich einen Spaß daraus macht, die gefiederten Sänger zu imitieren.
„Verflixt noch einmal, die Sonne ist noch nicht einmal ganz aufgegangen! Könnt ihr nicht woanders herum lärmen!“, ein verstrubbelter Kopf guckt aus einem Fenster um gleich darauf wieder zu verschwinden.
„Krawumm“, das Fenster wird zugeschlagen.
Rudi Rotkehl wendet sich verblüfft an seine Mitsänger. „Was für ein merkwürdiges Balzverhalten. Ob er mit diesem unmelodischen Gesang wirklich ein Weibchen anlocken kann…“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2026.
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Spiegelungen des Daseins: HImmel und Erde: Hommage an das Leben
von Jürgen Wagner
Die Gedichte aus den Jahren 2013-16 erzählen von der ‚Hochzeit‘ von Himmel und Erde. Ob in der kraftgebenden Schärfe des Rettichs oder in der Vitalität der Jahrtausende schon lebenden Eibe, ob in der Weisheit alter Geschichten oder im Wunder der Liebe, ob in spirituellen Erfahrungen oder in den Weiten des Alls: überall begegnen sich Licht und Dunkel, oben und unten. Unsere gewohnte Alltagswelt bekommt etwas von ihrem wahren Glanz wieder, wenn wir uns ein Stück dafür öffnen.
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