Heinz-Walter Hoetter

Die Geister der Fremden aus dem All


 

 


 

Der Sturm hatte im Laufe der Nacht zugenommen. Bleischwere Wolken trieben auf die hohen Berge und die umliegende Landschaft zu, als wollten sie die kleine Stadt Oldale Town unter sich begraben.

Tom Hoover stand an diesem Morgen mit seinem Fahrrad unter dem gläsernen Vordach einer Bushaltestelle in der Innenstadt und blickte prüfend zum Himmel hinauf. Ein leichtes, wärmendes Kribbeln lief über seine Haut. Es fühlte sich an, als flösse ein schwacher Strom durch sein gesamtes Nervenkostüm.

Vielleicht bekomme ich Fieber, grübelte er so vor sich hin.

Tom schüttelte den Gedanken ab. Seine Arbeit rief. Sechs Zeitungen waren noch auszutragen. Auf jeden Fall wollte er vor dem kommenden Regen wieder zu Hause sein.

Es war Samstag, kurz vor sieben. Tom schwang sich auf sein Rad und griff noch während der Fahrt nach einer Zeitung. Wenige Minuten später hielt er vor einem Haus mit einer massiven Eichentür an, drückte die kupferfarbene Briefkastenklappe hoch und schob das Blatt durch den Schlitz.

Dann radelte er weiter.

Eine weitere Zeitung war für eine vornehme Villa am unteren Ende der Straße bestimmt. Gerade hatte Tom das verschnörkelte Eisentor erreicht, als ein heftiger Donnerschlag die Stille zerriss. Blitze zuckten gleichzeitig über den Himmel und tauchten die Stadt in ein fahles, unwirkliches Licht.

Tom erschrak. Er steckte die Zeitung in den Briefkasten, schloss die Satteltaschen und machte sich auf den weiteren Weg.

Der Regen setzte ein.

Erst tröpfelte es sporadisch, dann prasselte es auf einmal so heftig auf Straßen und Dächer, dass die Welt binnen Sekunden hinter einem grauen Vorhang aus Wasser verschwand. Tom schob sein Fahrrad in die freie Toreinfahrt eines großen Hauses an der Straße zum Markt und wartete.

Da erzitterte plötzlich der Boden.

Ein gewaltiger Knall ließ die Scheiben in den umliegenden Häusern bersten. Am Marktplatz stieg eine dichte Wolke aus Rauch und Staub über die Dächer. Überall heulten Sirenen auf. Menschen strömten trotz des Regens aus ihren Häusern und versammelten sich am Ort der Explosion.

Tom ließ sein Fahrrad stehen und rannte den anderen hinterher.

Die Druckwelle hatte Glasscherben, Schilder und Ladeneinrichtungen über den gesamten Platz verteilt. Niemand wusste zunächst, wo die Detonation genau stattgefunden hatte. Doch bald zeichnete sich im nachlassenden Staub die Silhouette des Museums ab.

Zwei Streifenwagen jagten über den weiten Vorplatz. Beamte drängten die Schaulustigen zurück. Feuerwehr, Rettungswagen und ein Notarztfahrzeug trafen ein. Männer in Schutzkleidung verschwanden im rauchenden Innern des Museums.

Tom blieb am Absperrband stehen. Das Kribbeln auf seiner Haut wurde immer stärker.

Dann hörte er eine Stimme. Nicht mit den Ohren, sondern in seinem Bewusstsein.

„Tom!“

Er drehte sich um. Niemand schien ihn anzusehen. Die Menschen redeten durcheinander, Handys wurden zum Fotografieren gezückt und der unaufhörliche Regen schlug auf die Schirme.

„Tom Hoover!“

Die rufende Stimme kam aus dem Museum.

Tom trat einen Schritt vor.

„Zurück da!“, rief ein Polizist.

Aber in diesem Moment öffneten sich die Türen im unbeschädigten Eingangsbereich des Museums wie von selbst.

Ein bläuliches Licht quoll aus dem Innern. Es war kein Licht, das Schatten warf. Es verschluckte sie förmlich. Die Regentropfen, die auf die offenen Türen fielen, schienen im Eingangsbereich zu erstarren.

Tom spürte auf einmal einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Und plötzlich wusste er, was geschehen war.

Das Museum beherbergte seit Jahren eine Ausstellung über die Geschichte der Materie. Im Zentrum stand ein unscheinbarer schwarzer Würfel, angeblich ein Fragment eines uralten Meteoriten. Tom hatte ihn als Kind gesehen. Die Tafel daneben erklärte die vier klassischen Aggretzustände: fest, flüssig, gasförmig und Plasma.

Doch der Würfel war kein Meteorit.

Er war ein Gefäß aus einer anderen Welt.

Er war etwas, das nicht auf der Erde entstanden war.

Die Explosion hatte ihn schlagartig geöffnet.

Ein Feuerwehrmann taumelte aus dem Museum. Sein Helm war geschmolzen, doch seine Kleidung war unversehrt. Er starrte in den Regen und flüsterte:

„Es ist durch die Wände gegangen.“

Hinter ihm bewegte sich der Staub.

Nicht wie Rauch. Nicht wie Nebel.

Er floss und erhob sich gegen die Schwerkraft.

Die bläuliche Wolke stieg aus dem Museum, glitt über den Platz und breitete sich zwischen den Menschen aus. Wo sie jemanden berührte, blieb dieser erstarrt stehen. Ein Polizist hob die Hand, mitten in der Bewegung. Eine Frau mit geöffnetem Mund hielt wie eine leblose Figur inne. Der Regen prallte auf ihr Gesichte und schien an unsichtbaren Schichten abzugleiten.

Tom wich zurück.

Die Stimme wurde deutlicher.

„Wir haben dich endlich gefunden“, sagte eine leise Stimme zu ihm.

„Wer seid ihr?“, fragte Tom.

Niemand hörte seine Worte. Dann flimmert der Himmel über ihm.

Die Wolkendecke riss auf. Zwischen den Bergen erschien ein schwarzer Spalt, so tief, dass Tom darin keine Sterne, sondern Bewegung sah. Etwas Riesiges schob sich hinter der Atmosphäre entlang.

Ein zweiter Knall ließ die Stadt erzittern.

Tom fiel auf ein Knie. Das Kribbeln wurde zu einer fast unerträglichen Hitze. Unter seiner Haut leuchteten feine Linien auf, als hätte jemand ein Netz aus flüssigem Silber durch seine Adern gezogen.

Im Museum begann eine Sirene zu heulen.

Dieselbe Sirene, die seit Jahrzehnten in der Eingangshalle stand und nie funktioniert hatte.

Aus dem Gebäude kam ein Mann gelaufen. Er trug keinen Schutzanzug, sondern einen grauen Mantel. Sein Haar war weiß, sein Gesicht schmal und erschöpft.

„Tom!“, rief er.

Tom kannte ihn.

Es war Dr. Elias Venn, der Direktor des Museums. Ein Mann, der jedes Jahr an Toms Schule Vorträge hielt und behauptete, die Menschheit stehe kurz davor, „die Grenzen des Außergewöhnlichen zu überschreiten“.

„Was ist das?“, rief Tom.

Der Museumsdirektor blieb wenige Meter vor ihm stehen. Hinter ihm schwebte eine riesige blaue Wolke aus dem Museum.

„Der fünfte Zustand“, sagte Elias Venn zu Tomm. „Nicht fest, flüssig, gasförmig oder Plasma. Etwas, das Materie nicht verändert, sondern ihr Bewusstsein gibt.“

Tom starrte ihn an.

„Bewusstsein?“

„Der Würfel war ein Samen. Wir glaubten, er müsse aktiviert werden.“ Venns Gesicht verzerrte sich. „Wir haben uns geirrt. Es sucht keinen Ort. Es sucht einen Träger, um weiterleben zu können.“

Das Leuchten unter Toms Haut wurde heller.

Der Museumsdirektor sah auf seine Hände.

„Sie suchen dich. Warum ausgerechnet kann ich nicht sagen.“

Tom erinnerte sich an den Morgen. An das komische Kribbeln seiner Nerven. An die Zeitungen, die er ausgetragen hatte, während er von Haus zu Haus geradelt war.

Er blickte über den Platz.

Die blaue Wolke hatte sich nicht nur im Museum oder davor ausgebreitet. Dünne Fäden liefen durch die Straßen, verschwanden in Kanaldeckeln, krochen an Hauswänden hoch und folgten sogar den Wegen, die Tom mit seinem Fahrrad genommen hatte.

Jede Zeitung, die er angefasst hatte, war mit dem bläulichen, fast unsichtbaren Nebel in Berührung gekommen. Die Briefkästen dienten als Verteiler. Die Stadt Oldale Town war offenbar längst infiziert worden.

„Ihr habt die Fremden in die ganze Stadt gebracht“, sagte Tom.

Der Museumsdirektor senkte den Blick.

„Nein. Du hast sie hinein gelassen. Du bist wie ein Medium für sie.“

Tom spürte etwas in seinem Kopf. Erinnerungen, die nicht seine waren. Fremde Landschaften. Meere aus Licht und Wesen ohne Körper, die sich durch Gedankenkraft verständigten. Eine Zivilisation, die sich vor Milliarden Jahren in reine Energie verwandelt hatte, um den Tod ihres Sonnensystems zu überleben.

Und nun war sie hier, aber nicht als Invasoren, sondern als Fortsetzung ihrer eigenen Zivilisation.

„Wir sterben“, sagte die Stimme in ihm und fuhr fort: „Deine Welt ist jung. Sie kann uns mittragen. Wir können mit euch ohne Schmerz zusammenleben.“

Tom presste die Hände an die Schläfen.

„Ihr könnt nicht einfach Menschen übernehmen.“

„Wir übernehmen niemanden von euch. Wir verbinden uns auf friedlichem Wege. Wir wollen nur in euch wohnen. Hilf uns doch!“

„Das ist dasselbe!“, antwortete Tom.

„Für euch vielleicht, aber nicht für uns. Wir existieren tief in eurem Innern, ohne euch zu schädigen. Wir sind nur da und stören euch nicht. Aber wir können euch zu einer neuen Zukunft verhelfen, die schön und friedlich ist.“

Über Tom tat sich ein Spalt am Himmel auf, der immer größer wurde. Eine Welle blauen Lichts senkte sich auf die gesamte Stadt herab.

Dr. Elias Venn packte Tom am Arm.

„Du musst dich jetzt entscheiden. Wenn du sie ablehnst, wird die Verbindung kollabieren. Alles, was sie berührt haben, wird dann völlig ausgelöscht. Sie werden mit uns sterben.“

Tom blickte über den Platz.

Die erstarrten Menschen standen im Regen. Hinter den Fenstern waren regungslose Gestalten zu sehen. In der Ferne hörte er seine Mutter. Sie rief seinen Namen, obwohl sie mehrere Straßen entfernt war.

Tom dachte an die letzten Zeitungen, die er noch verteilen musste, an den langweiligen Samstagmorgen, an sein Zuhause und das Kleine und Unbedeutende, das plötzlich kostbarer für ihn war, als jedes fremde Universum, aus dem die Fremden gekommen waren..

„Und wenn ich zustimme?“

„Dann bist du nicht mehr nur Tom Hoover.“

„Was bin ich dann?“

Der Museumsdirektor sah zu den Sternen am Himmel hinauf und antwortete mit erhabener Stimme:

„Etwas Neues und einmaliges, Tom. Wir werden uns alle zum Guten hin verändern. Ich weiß es. Die Fremden werden dafür sorgen. Sie haben es mir schon gesagt.“

Die sich ausdehnende blaue Welle erreichte den Marktplatz und umhüllte Toms Körper.

Instinktiv schloss er die Augen.

In ihm öffnete sich eine geistige Tür, die ihn von Grund auf zu verändern schien.

Er sah die fremde Zivilisation, ihre schreckliche Angst, ihre unendliche Einsamkeit in Raum und Zeit. Er verstand jetzt, dass sie keine Eroberer waren, sondern verzweifelt nach einer neuen Welt suchten, in der sie einfach nur weiter existieren konnten.

 

Dann sprach Tom in Gedanken zu ihnen und die Gestalten aus reinem Licht lauschten voller Hoffnung seinen stillen Worten.

 

Ihr seid wirkliche friedliche Wesen. Das ist der Grund, warum ich euch zustimmen werde, in uns wohnen zu dürfen. Kommt deshalb alle zu uns! Die Menschen werdem euch freundlich empfangen. Ich habe gesehen, dass ihr über unglaublich fantastische Fähigkeiten verfügt, die die gesamte menschliche Zivilisation auf eine völlig neuen Entwicklungsstufe heben wird. Mit euch zusammen gehen wir auf einen leuchtende Zukunft zu, weil ihr aus reinem, schöpferischem Geist besteht, der über ein unendliches Wissen verfügt. Auch ich bin jetzt bereit, einen von euch in mein Bewusstsein zu lassen. Lasst uns miteinander in Frieden leben.“

 

Die Geister der fremden Wesen ließen sich jetzt nach und nach unbemerkt in das Bewusstsein eines jeden Menschen nieder. Seit dem veränderten sie sich sukzessive und mit ihnen ihre Zivilisation auf der ganzen Welt, die schon bald eine unglaublich futuristische wurde.

 

Es dauerte auch nicht mehr lange, da gab es keine Gewalt mehr, keine sinnlosen Kriege oder Krankheiten. Leid und kein Elend gehörten schon bald der Vergangenheit an und der Planet Erde wurde nach und nach durch den unglaublich schöpferischen Geist der Fremden zu einem wahren Paradies.

 

Aber das wirklich Bemerkenswerte an der ganze Geschichte war, dass die Menschen plötzlich immer älter wurden, aber trotzdem gesund, kräftig und agil blieben.

 

Das alles tat der der Geist der Fremden aus dem All aus lauter Dankbarkeit für die Menschheit, dass sie in ihrem Bewusstsein weiter leben durften.

 

Ja, die menschliche Zivilisation hatte sich wirklich von Grund auf verändert und ging mit großen Schritten auf eine wundervolle Zukunft zu, die immer mehr zu leuchten begann.

 

(c)Heiwahoe

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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