Conny Kirsten

Katharsis

Katharsis

Ich schreibe Worte der Emotionen, doch es ist nur die Vernunft, die richtet, die ordnet, Wort an Wort reiht. Wo ist das Fließende, das Sprühende, die Energie, die Lust am Sein, am Schaffen, an der Kreativität? Die Worte bleiben hohl, leer, sie vermögen es nicht, meine Seele flüssige Tinte werden zu lassen, die langsam auf dem Papier trocknet; meine Gedanken verdorren unter meinen Fingern.

Das Drama des Seins, das mich ereilt, es ruft, es lockt, es tänzelt um mich herum, kalter Schweiß bricht mir aus, ich winde mich, ich kann nicht anders, wie getrieben, gehetzt einem fliehendem Tier gleich, jagen Nervenzellen und versuchen, sich mit der Amygdala zu verbinden, ich drehe mich weiter, fühle den Staub der Zeit, die Schwere der Welt, durch den Wind, durch das Wasser, durch die Erde um mich herum, und das Feuer jagt die Elemente an mir vorbei, vernichtet das mühsam Erschaffene, das zerbröselt und löscht alles aus.

Ich starre auf kaltes Papier voll schwarzer Asche und ergebe mich meinem Schicksal.

Da höre ich Klänge, eine Flöte, die mich lockt, auf die Beine bringt, die Drums, die Gitarre, den Bass, die mich drehen lassen, ich wiege mich, tanze, stampfe mit den Füßen tief in die Erde zu diesem Rhythmus, oh Musik! Inspiration und lasse alle Worte dahinziehen, vergehen, verschwinden, meine Füße stampfen lauter und immer heftiger in die Erde; ich drehe mich weiter und wiege mich und lasse alle Vernunft von dannen ziehen, ich gebe mich hin, durchlebe alle Takte und Noten, die Augen geschlossen und fühle, wittere, bin in diesen Harmonien, die mich beherrschen, die ich mit meinem Körper vereinnahme, in jeder Zelle spüre, aufsauge und das Drehen wird stärker, meine Füße schneller, meine Arme wirbeln und meine Haare ziehen im Sturm hinter mir her, die Elemente jagen sich und an mir vorbei, reißen mich mit und schließlich lasse ich los und treibe und tanze und singe und bin aufgelöst im göttlichen Klang.

Da endet die Musik, ich komme allmählich zu mir, ich bebe, zittere, lache und frohlocke, denn ich war aufgelöst in allem und ich war alles und nichts und ich habe mich so stark und egal gefühlt, denn ich war nicht mehr Ich und das war das Seltsamste und Wundervollste überhaupt….

Und die Gefühle werden wieder zu Gedanken und ich schreibe aus mir heraus, aus meinem Impuls, den Klänge zum Schwingen gebracht hat, ich schwinge weiter, während ich verfasse, meine Energie in Worte verwandle; eine Urgewalt hat mich durchzogen und noch ganz in ihrem Bann bin ich wieder im Sein, verwandelt, frei, denn so entsteht Schmerz und Lust und Freude und Kraft und ich bringe dies zu Papier, warmes Papier, nicht mehr weiß, sondern bunt, voller Gedanken und Gefühle, eingetaucht in diese schwarze Tinte, durch Klänge in Buchstaben getaucht.

Das Werk ist vollendet, eine Kraft hat sich ihren Weg geebnet, ich war der Körper, der Kanal, das Instrument. Der Geist aus der Musik hat wieder erschaffen und mich aus der Tiefe erweckt.

Für  F.N.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Conny Kirsten).
Der Beitrag wurde von Conny Kirsten auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Conny Kirsten als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gedanken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Conny Kirsten

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

last woman standing II von Conny Kirsten (Sonstige)
Vincent van Gogh: Seelenfeuer von Christa Astl (Gedanken)
7 Punkte, warum Sie als Mann NIEMALS ... von Helena Ugrenovic (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen