Heinz-Walter Hoetter

Die Storie vom Schwarzen Mann

 

 

Der „Schwarze Mann“ gilt im Volksglauben als unheilvolle Schreckgestalt. Die meisten Kinder kennen ihn aus einem Fang- oder Laufspiel und singen dabei: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er kommt? Dann laufen wir!“

 

***

Einige Jungen liefen lachend hin und her. Sie brüllten dabei über die Straße, bis ihre lauten Stimmen gegen die steinerne Mauer des alten Dorffriedhofes prallten und als Echo wieder zurückkehrten.

 

Es war ein grauer Novembernachmittag und vom nah gelegenen Fluss kroch wabbernder Nebel herauf. Er lag bereits zwischen einigen kleinen Gräbern des Friedhofs und breitete sich immer weiter aus.

Jakob, der Älteste der Gruppe, warf mehrere Kieselsteine ins vorbei fließende Wasser und drehte sich kurz darauf zu den anderen Jungs herum, weil er ihnen Angst machen wollte.

 

Der Schwarze Mann“, sagte er mit verstellter Stimme, „holt heute Nacht wieder ein Kind!“

Die anderen lachten.

„Vielleicht dich“, meinte Emil.

„Mich?“ Jakob grinste. „Der würde sich nicht trauen, mich zu holen. Außerdem gibt es den doch gar nicht. Ich wollte euch nur Furcht einflößen bei diesem gruseligen Nebel, der da auf uns zukommt.“

„Meine Großmutter hat immer gesagt, er sei früher wirklich gekommen“, murmelte Lukas halblaut vor sich hin. „Jedes Mal, wenn die Kinder und Jugendlichen über ihn gelacht und verspottet haben, ist am nächsten Morgen ein Bett leer gewesen in dem Dorf.“

„Deine Großmutter hat bestimmt auch behauptet, der Mond sei ein Loch im Himmel“, antwortete Jakob höhnisch und fuhr fort:„ Du glaubst auch jeden Unsinn, den man dir erzählt.“

Jakob sprang plötzlich auf die niedrige Friedhofsmauer und breitete beide Arme weit aus.

„Hör mich an, Schwarzer Mann! Wenn du existierst, dann komm doch! Hol mich! Ich warte auf dich! “

Der dichte Nebel unten am Fluss bewegte sich auf einmal. Nur ein wenig, wie ein langsames Wogen zwischen den Grabsteinen.

Die Jungen verstummten augenblicklich.

Dann raschelte es in der Nähe der Mauer.

Emil schrie auf und alle rannten davon. Nur Jakob blieb stehen. Sein Gesicht war ein wenig blass geworden vor Schreck, doch er zwang sich zu einem gequälten Lachen.

„Das war doch nur so eine blöde Katze oder ein anderes Viech, das hier herum schleicht“, sagte er.

Aber als er von der Mauer runtersprang, um den anderen zu folgen, sah er am Ende des Weges eine schwarze Gestalt.

Sie war groß, dünn und ganz in Schwarz gekleidet.

Sie stand dort, wo der Nebel am dichtesten war. Ihr Gesicht war nicht richtig zu erkennen. Nur zwei rote Augenpunkte schimmerten unter einem tief herabgezogenen Schlapphut hervor.

Jakob blinzelte und schaute genauer hin, doch die Gestalt war plötzlich verschwunden.

 

Zusammen mit den anderen Jungs ging er ins Dorf zurück. Sie wollten sich am nächsten Tag wieder treffen.

In dieser Nacht schlief Jakob bei offenem Fenster. Seine Mutter hatte mehrmals gesagt, er solle es schließen, weil der Nebel vom Fluss heraufziehe. Außerdem könne er sich erkälten, wenn das Fenster offen steht. Doch Jakob hatte nur gelacht.

„Soll der Schwarze Mann doch kommen. Vor dem habe ich keine Angst.“

Gegen Mitternacht erwachte er wegen eines kratzenden Geräusches.

Zuerst wusste er nicht, was es war.

Das Zimmer war kalt. Nicht kühl, sondern richtig eisig. Sein Atem stand weiß vor seinem Gesicht. Das Fenster, das er auf Geheiß seiner Mutter doch noch geschlossen hatte, stand jetzt wieder sperrangelweit offen. Jakob verließ das Bett und ging zum Fenster hinüber, um es erneut zu schließen. Er schaute dabei in die fahle Nacht hinein.

Draußen lag der Garten im Mondlicht. Und dort stand wieder die gleiche Gestalt, die Jakob im dichten Nebel auf dem Dorffriedhof gesehen hatte. Der Junge erschrak bis ins Knochenmark.

Schwarz gekleidet, reglos, mit einem langen Mantel, der sich leicht hin und her bewegte, obwohl kein Wind ging. Auf dem Kopf hatte er wieder diesen großen Schlapphut. Sein Gesicht war bleich wie altes Wachs, seine roten Augen glühten. Der Mund war zu einem finsteren Grinsen verzogen und legte dabei seine weißen Zähne frei.

Noch einmal blickte Jakob ängstlich runter in den Nebel verhangenen Garten vor dem Haus seiner Eltern.

Der schwarze Mann hob auf einmal langsam seine rechte Hand. Jakob sah mit Schrecken, wie er kurz darauf auf das offene Fenster zu schwebte. Seine Füße berührten den Boden nicht mehr. Unter ihm war kein Schatten zu sehen.

„Mama!“, schrie Jakob jetzt in panischer Angst.

Der Schwarze Mann kam näher und näher.

Jakob rannte vom Fenster weg hinüber zur Schlafzimmertür.

Er wollte weglaufen.

 

Doch er konnte sie nicht öffnen.

Er schlug mit aller Kraft dagegen und rief immer wieder: „Mama, Mama. Hilf mir! Der Schwarze Mann will mich holen!“

Im nächsten Augenblick beugte sich die dunkle Gestalt durch das offene Fenster hinein ins Zimmer, obwohl sein Körper viel zu groß dafür war. Seine Arme verlängerten sich, dünn und knochig, bis seine fingernden Hände Jakob erreichten.

„Ich hab doch nur Spaß gemacht“, flüsterte der Junge vor lauter Angst.

Das Grinsen des Schwarzen Mannes wurde breiter.

„Das tun sie alle“, sagte er höhnisch.

Seine Stimme klang so, als würden mehrere Personen gleichzeitig sprechen.

„Bis sie nicht mehr lachen. So wie du jetzt.“

Jakob schrie, als die langen Finger nach seinen Füßen packten. Er trat und biss in seiner Verzweiflung wild um sich, schlug mit den Fäusten auf die dunkle Gestalt ein. Doch die Haut und die Knochen des Schwarzen Mannes waren kalt und hart wie Eisen.

„Ich will nicht mit! Lass' mich los! Bitte, bitte!“, schrie der Junge immer wieder.

„Du hast mich doch gerufen. Jetzt bin ich da und hole dich.“

Mit einem Ruck wurde Jakob von der Tür weg gerissen.

Er krallte sich in den Teppich. Seine Fingernägel brachen und fingen an zu bluten. Für einen kurzen Augenblick schaffte er es, sich am Bettpfosten festzuhalten, an dem er vorbei rutschte.

Dann neigte sich der Schwarze Mann zu ihm herab und sagte mit einem hämischen Lachen im Gesicht: „Na, wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

Jakob fing an zu weinen. „Ich“, stammelte er mit geschlossenen Augen.

„Und wenn er kommt?“

 

Bitte, lass mich hier. Ich werde nie wieder nach dem Schwarzen Mann rufen“, schluchzte Jakob voller Verzweiflung und in Panik.

Der Junge konnte sich nicht mehr am Bettpfosten festhalten, weil er gnadenlos mitgerissen wirde. Schließlich verschwand er zusammen mit der unheimlichen Gestalt durchs offene Fenster nach draußen in den wabbernden Nebel hinein und waren bald nicht mehr gesehen.

Am nächsten Morgen fand seine Mutter das Fenster sperrangelweit offen. Jakobs Bett war leer, die Bettdecke war an einigen Stellen zerrissen.

 

An der Tür, auf dem Boden davor und am Bettpfosten entdeckte die Polizei mehrere Blutspuren, die zum Fenster hin führten. Sie nahmen an, dass Jakob wohl von einer unbekannten Person brutal entführt worden sein musste.

Sie suchten die ganze Umgebung ab, im Wald und in den verlassenen Schuppen am Ortsrand. Sie befragten die Jungen, die Jakobs Freunde waren. Emil berichtete den Polizeibeamten gegenüber vom Friedhof. Lukas erzählte: „Jakob“, sagte er, „hätte dort nach dem Schwarzen Mann gerufen, der wirklich gekommen war. Wir alle haben in gesehen.“

Die Polizei schrieb alles auf. Natürlich glaubte niemand an einen düsteren, schwarzen Mann, der aus dem Nebel gekommen war, um Kinder zu erschrecken und zu holen.

Der Fall blieb ungelöst, bis heute.

Viele Jahre vergingen. Die Jungen wurden erwachsen und verließen das Dorf. Manche zogen fort, andere heirateten, gründeten eine Famile und bekamen selbst Kinder. Über Jakob sprach bald kaum noch jemand mehr.

Nur Lukas behielt das Spiel von damals im Gedächtnis und wie Jakob auf die Friedhofsmauer stand und gerufen hatte: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Später kehrte Lukas in sein Dorf zurück. Er war inzwischen Lehrer geworden und unterrichtete die Kinder in der alten Schule, die auf der gleichen Straße lag, wie der kleine Dorffriedhof und am Fluss.

 

Eines regnerischen Nachmittags hörte er eine Gruppe von Kindern auf dem Schulhof rufen: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

Lukas trat ans Fenster. Wieder kam der seltsam aussehende Nebel vom Fluss herauf. Dann, zwischen den kahlen Bäumen, stand eine schwarze Gestalt.

Lukas erkannte das Gesicht sofort.

Es war der Schwarze Mann. Seine Haut war grau, seine roten Augen glühten böse und auch das Grinsen war dasselbe.

Lukas wich entsetzt vom Fenster zurück. Auf dem Schulhof verstummten die Kinder und liefen zurück ins Schulzimmer.

„Herr Lehrer?“, fragte ein kleines Mädchen. „Warum ist die Tür von alleine aufgegangen?“

Lukas drehte sich um.

Die Klassenzimmertür stand auf einmal weit offen. Dahinter lag kein Flur, sondern nur ein dichter, dunkler Nebel.

Aus dem wabbernden Nebel kam eine grollende Stimme.

„Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

Die Kinder sahen Lukas an und fingen laut an zu schreien.

Er hätte sie warnen können. Er hätte sie rechtzeitig zur Hintertür führen können oder die Fenster einschlagen müssen, um nach Hilfe rufen zu können. Doch Lukas war wie gelähmt vor Schreck.

Dann hörte er die finstere Gestalt lachen.

Und plötzlich wusste Lukas, warum der Schwarze Mann wieder gekommen war.

Er holte sich nicht die Kinder, die am lautesten über ihn gelacht und gespottet haben. Er holte sich die, die am Ende allein zurückblieben waren..., und das war er selbst.

„Niemand“, antwortete Lukas heiser.

 

Der Nebel kroch über die Türschwelle.

„Und wenn er kommt?“

Lukas sah zum Fenster und griff nach der Hand einer Schülerin neben sich.

„Dann laufen wir.“

Alle Kindern rannten jetzt zu einer Tür, die in ein zweites Klassenzimmer nebenan führte.

Doch Lukas blieb stehen.

Zum ersten Mal sah er den Schwarze Mann direkt vor sich, der jetzt die Hand nach ihm ausstreckte, dann fiel hinter Lukas die Klassenzimmertür mit lautem Krach ins Schloss. Die Kinder waren in Sicherheit, alle, bis auf ihn.

 

Einige Zeit später.

Das Klassenzimmer war leer. Auf der Tafel stand nur ein kurzer Satz, der mit weißer Kreide offenbar flüchtig dorthin gekritzelt worden ist.

„Er hat mich mitgenommen!“


Seitdem erzählen sich die Erwachsenen im Dorf, dass der Schullehrer Lukas wohl in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein muss und sich heimlich auf und davon gemacht habe. Damit war die Sache für sie erledigt. Man wollte nicht mehr darüber sprechen.

 

Auch der Schwarze Mann sei nur eine alte Geschichte, eine böse Märchengestalt, um Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen.

Doch manchmal, wenn im November der Nebel vom Fluss heraufsteigt und über die Gräber des kleinen Dorffriedhofs zieht, sieht man dort manchmal eine schwarze, finstere Gestalt auftauchen, wenn einige Kinder in der Nähe wieder einmal spielen und rufen: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

 

(c)Heiwahoe

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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