Die Natur bekommt Konkurrenz
Es war einmal eine Zeit, da war die Herstellung besonders schöner, kluger oder kräftiger Kinder ein ausgesprochen analoges Geschäft. Man ging auf Bälle, in Cafés, auf Hochzeiten oder einfach auf die Straße und hielt Ausschau. Die Besten Männer rangen um die hübschesten Frauen, die hübschesten Frauen wiederum nicht selten um die interessantesten Männer. Am Ende entschied die Natur – mit ihrem bekannt unzuverlässigen Humor.
Und dann kam der Fortschritt.
Nun soll das Kind nicht mehr bloß das Ergebnis von Liebe, Zufall, Hormonen und einer gewissen biologischen Unvernunft sein. Es soll – wenn es nach manchen Zukunftsvisionären geht – bestellt werden können. Intelligenz? Bitte etwas mehr. Augenfarbe? Blau, aber ein kräftiges Blau. Körpergröße? Überdurchschnittlich. Schönheit? Selbstverständlich. Vielleicht noch sportliches Talent, musikalisches Gehör und eine gewisse mathematische Begabung. Wenn man schon dabei ist, könnte man auch gleich einen guten Charakter anklicken.
Die Natur hat dagegen nur ein äußerst dürftiges Bestellformular: Junge oder Mädchen? Und selbst daran hält sie sich nicht immer.
Besonders hübsch ist die Sache bei Paaren, die sich von ihren zukünftigen Kindern eine Kombination ihrer besten Eigenschaften erhoffen. Arthur Miller und Marilyn Monroe sollen einmal sinngemäß über ihre möglichen Kinder gescherzt haben. Marilyn sagte: Wenn unsere Kinder so klug werden wie du und so schön wie ich, wäre das doch wunderbar.
Miller soll darauf geantwortet haben: „Und was machen wir, wenn es umgekehrt kommt?“
Damit wäre eigentlich schon ziemlich viel über die Gefahren des Designerbabys gesagt.
Denn die Natur ist ein erstaunlich schlechter Personalberater. Sie hält sich nicht an Lebensläufe, Auswahlverfahren oder Excel-Tabellen. Sie kann aus zwei hochintelligenten Eltern ein Kind machen, das lieber den ganzen Tag Fußball spielt. Aus zwei bildschönen Menschen kann ein Kind entstehen, das aussieht wie der Postbote. Und zwei mittelmäßig begabte Eltern können einen Nobelpreisträger hervorbringen – zur ewigen Verärgerung der Verwandtschaft.
Genau diese Unberechenbarkeit scheint uns inzwischen zu stören.
Mit dem Base-Editing stehen Verfahren zur Verfügung, mit denen sich das Erbgut von Embryonen gezielter verändern lässt als bisher. Noch sind die Methoden keineswegs sicher genug, um daraus bedenkenlos ein menschliches Leben entstehen zu lassen. Es gibt weiterhin unbeabsichtigte Veränderungen. Die Wissenschaft ist also noch nicht beim perfekten Kind angekommen.
Aber sie arbeitet daran.
Und hier beginnt das eigentlich Interessante: Wenn irgendwann die technischen Risiken ausreichend klein geworden sind, bleibt die viel schwierigere Frage übrig: Was wollen wir eigentlich verändern?
Ein schweres Erbleiden zu verhindern, klingt zunächst vernünftig. Wenn Eltern eine Krankheit an ihr Kind weitergeben könnten und es keine andere Möglichkeit gibt, dieses Schicksal zu verhindern, ist die ethische Diskussion eine andere als bei der Bestellung von „Mädchen, 1,78 Meter, blaue Augen, IQ 145“.
Denn irgendwann könnte aus Medizin Kosmetik werden.
Und aus Kosmetik Optimierung.
Und aus Optimierung ein gesellschaftlicher Wettbewerb.
Dann hätten wir nicht mehr nur Eltern, die ihrem Kind die bestmögliche Zukunft wünschen. Wir hätten Eltern, die fürchten, ihr Kind könne gegenüber dem Nachbarskind einen genetischen Wettbewerbsnachteil haben.
„Was hat euer Sohn bekommen?“
„Nur die Krankheitsresistenz und ein gutes Immunsystem.“
„Ach so. Unsere Tochter hat zusätzlich noch mathematische Begabung, musikalisches Gehör und eine überdurchschnittliche Ausdauer.“
„Und Augenfarbe?“
„Smaragdgrün.“
„Verdammt. Das hätten wir auch nehmen sollen.“
So könnte die neue Eugenik aussehen: nicht unbedingt mit Uniformen, Fahnen und staatlichen Zuchtprogrammen, sondern mit Kreditkarte, App und Premium-Abo.
Vielleicht gibt es irgendwann die Basisversion für 9.999 Euro: keine schwere Erbkrankheit.
Die Komfortversion: + Intelligenz, + Körpergröße, + sportliches Talent.
Und für besonders ambitionierte Eltern das Premium-Paket: „Genetic Excellence“.
Natürlich würde die Werbung versprechen, dass niemand zu etwas gezwungen werde. Jeder könne selbst entscheiden.
Das ist beruhigend.
Denn genau so funktionieren Wettbewerbe besonders gut: Niemand muss teilnehmen. Es reicht, wenn alle Angst haben, zurückzufallen.
Wer würde seinem Kind freiwillig eine schlechtere Ausgangsposition geben, wenn die anderen Kinder genetisch optimiert werden?
Und schon wäre aus der individuellen Freiheit ein gesellschaftlicher Zwang geworden.
Die Ironie dabei ist, dass wir Menschen seit Jahrtausenden versuchen, unsere Kinder zu verbessern. Wir geben ihnen Bücher, Klavierunterricht, Zahnspangen, Nachhilfe, Vitamine, Laufschuhe und irgendwann vielleicht einen Personal Trainer. Nun könnten wir den ganzen Aufwand möglicherweise abkürzen und schon vor der Geburt ansetzen.
Das hätte immerhin einen praktischen Vorteil: Das Kind könnte später nicht mehr sagen, seine Eltern hätten es nie gefördert.
Sie hätten es bereits im Embryonalstadium getan.
Allerdings hat die Natur einen entscheidenden Vorteil gegenüber unseren Genlaboren: Sie kennt die Zukunft nicht.
Wir übrigens auch nicht.
Wir wissen nicht, welche Eigenschaften in dreißig Jahren wertvoll sein werden. Vielleicht ist unser heutiges Schönheitsideal dann vollkommen lächerlich. Vielleicht wird eine bestimmte Körpergröße zum Nachteil. Vielleicht wird besonders hohe Intelligenz ohne besondere Gelassenheit eher zur Belastung. Vielleicht braucht die Gesellschaft in Zukunft vor allem Menschen, die geduldig zuhören können.
Das wird schwierig in der Bestellung.
„Bitte einmal Empathie, mittelgroß, sehr zuverlässig. Und vielleicht etwas Humor.“
„Welchen Humor?“
„Das wissen wir noch nicht. Der gesellschaftliche Geschmack ändert sich.“
Genau darin liegt die große Anmaßung des Designerbabys: Wir müssten nicht nur wissen, welches Kind wir wollen, sondern auch, welche Eigenschaften ein gutes Leben ausmachen.
Und das wissen wir schon bei Erwachsenen kaum.
Wir können nicht einmal zuverlässig vorhersagen, wen ein Mensch heiratet, welchen Beruf er liebt oder ob er mit 40 plötzlich beschließt, Opernsänger zu werden. Aber wir wollen das genetische Grundprogramm für die nächsten Generationen optimieren?
Vielleicht sollte man sich deshalb daran erinnern, dass ein Kind kein Produkt ist.
Es ist auch kein Projekt.
Und schon gar keine Luxusausstattung der Eltern.
Natürlich dürfen und sollen wir schwere Krankheiten verhindern, wenn wir das können. Aber zwischen Heilung und Optimierung verläuft eine Grenze, die wir sehr sorgfältig markieren müssen. Denn wer heute über „bessere“ Gene entscheidet, muss sich fragen lassen: Besser für wen? Und nach welchem Maßstab?
Die schönsten Menschen sind schließlich nicht automatisch die glücklichsten. Die klügsten nicht automatisch die vernünftigsten. Und die erfolgreichsten schon gar nicht automatisch die angenehmsten.
Die Natur hat uns mit einer ziemlich chaotischen Mischung ausgestattet.
Vielleicht ist genau das ihre größte Leistung.
Denn aus der Kombination von Eigenschaften, die niemand bestellt hat, entstehen manchmal Menschen, die niemand hätte planen können.
Und wenn die Wissenschaft eines Tages tatsächlich ein nahezu perfektes Designerbaby herstellen kann, sollte man deshalb vielleicht als Erstes prüfen, ob es wenigstens eines kann:
über sich selbst lachen.
Denn wenn nicht, ist es vermutlich doch nicht perfekt.
Und Arthur Miller hätte wahrscheinlich auch dazu noch einen passenden Einwand gehabt.
Vielleicht wäre das Kind am Ende nämlich weder so klug wie der Vater noch so schön wie die Mutter.
Sondern einfach nur so überzeugt davon, dass es beides sei.
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Istvan Hidy).
Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
t-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Istvan Hidy als Lieblingsautor markieren

Alltagsrosen - gereimtes Leben - Großdruck
von Christa Siegl
Die Autorin entführt den Leser in ihre gereimte Geschichtenwelt einerseits mit Ironie die schmunzeln läßt, anderseits regen lebensnahe Themen zum Nachdenken an. Die Gedichte muntern auf und zaubern ein Lächeln aufs Gesicht und in das Herz.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: