Lesedauer: vier Minuten (ohne KI)
Warum vergibt der TÜV für die gepeinigte Seele eigentlich noch keine Prüfplakette ?
Man stelle sich vor, das Leben hätte eine Hauptuntersuchung !
Nicht irgendwann nach dem Tod, wenn ohnehin keiner mehr reklamieren kann, sondern regelmäßig.
Alle zwei Jahre, sauber dokumentiert, mit Stempel und Plakette ( siehe Schlusszeichnung ) .
Der Mensch fährt dazu mit seiner Biografie auf eine Hebebühne, während ein amtlich bestellter Lebenssachverständiger mit ernster Miene unter das Fahrzeug, pardon: unter die Existenz, schaut.
„Baujahr ?“ „1957.“ „Erstbesitzer ?“ „Ja.“ „Unfallfrei ?“ „Ja.“ Nichtraucher und Bleifreitrinker !? „Ja.“-„Jadoch“ !
Der Prüfer macht einen Strich auf seinem Klemmbrett. „Dacht' ich's mir.“
Dann wird die Vernunft überprüft, die emotionale Bremsanlage, die soziale Beleuchtung und schließlich der Wirklichkeitskontakt.
Beim Charakter findet man leichten Rost, bei der Geduld deutlichen Verschleiß und an der Selbstüberschätzung offenbar noch Originalteile.
„Die Frage ist“, sagt der Prüfer, „ob dieses Leben noch verkehrssicher ist.“
„Verkehrssicher !?“
„Selbstverständlich. Sie wollen doch nicht behaupten, dass jeder einfach so mit seiner Rest-Existenz weiterhin auf die Menschheit losgelassen werden kann.“
Hier beginnt das sokratische Gespräch !
„Sagen Sie“, fragt der Geprüfte, „wer entscheidet eigentlich, was ein gutes Leben ist ?“
Der Prüfer schaut ihn an, als hätte er gerade nach dem Sinn eines Schraubenschlüssels gefragt.
„Dafür gibt es Kriterien !“
„Welche ?“
„Messbare.“
„Was ist mit dem, was sich nicht messen lässt ?“
„Dann wird es schwierig.“
„Das heißt also, wenn etwas nicht messbar ist, ist es weniger wert ?“
„Nein. Es ist nur schlechter verwaltbar.“
Das klingt zunächst vernünftig. Genau darin liegt die Gefahr.
Denn der Mensch hat sich inzwischen daran gewöhnt, sein Leben nicht mehr danach zu beurteilen, ob es wirklich gelebt wurde, sondern danach, ob es sich nachweisen lässt.
Wir führen Tagebuch, Bewegungsprotokoll, Gesundheitsstatistik und Kalender und können am Ende eines Tages exakt sagen, wie viele Schritte wir gemacht haben, aber nicht mehr, warum wir eigentlich irgendwohin gegangen sind.
Ist das der eigentliche Fortschritt: Wir wissen immer genauer, was wir getan haben, und immer weniger, wozu ?
„Aber“, wendet der Geprüfte ein, „ist nicht gerade das Nachdenken über das eigene Leben eine Form von Prüfung ?“
„Natürlich“, sagt der Prüfer !
„Dann wäre doch der Mensch, der zweifelt, möglicherweise besser geprüft als jener, der ständig von sich überzeugt ist.“
Der Prüfer legt den Stift nieder.
„Das ist zu philosophisch.“ und „nicht abrechenbar.“
Nun meldet sich, irgendwo aus dem Off, die Stimme des Prof.-Naturwissenschaftlers:
„Wenn Sie ES genau nehmen, besteht der gesamte Mensch aus Materie, die irgendwann beschlossen hat, über ihre eigene Existenz nachzudenken.“
Der Prüfer runzelt abermals die Stirn.
„Dafür gibt es eine Prüfplakette ?!“
„Nein“, sagt die Prof.-Stimme. „Dafür gibt es bislang nur das Universum.“
Das ist metaphysisch gesehen, vom imaginären Erstbeweger her, ein ausgesprochen schlechter Prüfvorgang.
Keiner vergibt Zertifikate, führt null Personalakten und bestätigt nicht einmal den Sinn des eigenen Verfahrens.
Der Kosmos lässt Sterne entstehen, Galaxien kollidieren und irgendwo dazwischen einen Menschen morgens aufstehen und sich fragen, ob er für heute genügend Sinn produziert hat.
Nun, genau ist das der Punkt !
Wir haben aus dem Leben seither eine Prüfung gemacht, weil wir Angst davor haben, dass es keine Prüfungsordnung gibt.
Wir möchten wissen, ob wir richtig gelebt haben. Wir möchten eine Instanz, die am Ende sagt: bestanden. Gut gemacht.
Lebensführung ordnungsgemäß. Keine wesentlichen Mängel.
Nur: Wer sollte das beurteilen ?
Sokrates hätte vermutlich gesagt: ein ungeprüftes Leben sei nicht lebenswert, was zunächst nach einer Aufforderung zur Selbstprüfung klingt.
Heute könnten wir daraus allerdings mühelos ein ganzes LGA oder MüV-Prüfzentrum bauen.
Am Ende stünde dort ein Mensch vor dem Schalter und fragte:
„Habe ich bestanden ?“
Der Prüfer würde freundlich lächeln.
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“
„Warum nicht ?“
„Sie leben noch.“
„Wann bekomme ich das Ergebnis ?“
Der Prüfer schiebt das Klemmbrett zur Seite.
„Wenn Sie tot sind.“
„Und dann ?“
„Dann ist die Prüfung abgeschlossen.“
„Was habe ich davon ?“
Der Prüfer schaut ihn lange an. „Nichts.“
Eine Pause.
„Aber Sie hätten immerhin eine gültige Plakette gehabt.“
Wäre das nicht die groteskeste Form des menschlichen Irrtums !?
Wir halten ein geprüftes Leben für ein wertvolles Leben, obwohl sein eigentlicher Wert möglicherweise genau darin liegt, dass es sich jeder abschließenden Prüfung entzieht.
Denn ein Leben ist kein Gebrauchtwagen !
Es darf klappern. Es darf Umwege fahren. Es darf gelegentlich die falsche Ausfahrt nehmen. Es darf sogar Rost ansetzen.
Zitat: Haltbarkeit – siehe Bodenblech !
Nur eines sollte man ihm nicht nehmen: die Möglichkeit, unterwegs festzustellen, dass man überhaupt unterwegs ist.
Denn vielleicht ist die einzige wirklich gültige Prüfplakette die, die man niemals bekommt.
Nicht, weil man durchgefallen wäre !
Sondern weil das Leben selbst die Prüfung ist und der Prüfer längst mitfährt.
Wenn am Ende tatsächlich jemand fragt:
„Bestanden ?“
Dann wäre da die ehrlichste Antwort:
„Bestanden ? – Keine Ahnung ! “
Aber ich bin zeitlebens einigermaßen gut damit gefahren – über Berge und durch tiefe Täler.“ ... und ...
Vielleicht war „genau das“ die bestandene Prüfung !?!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2026.
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