Walter Strasser

Ende der Kindheit

Ende der Kindheit

Das tiefgrün schimmernde Bodenglas der zerschlagenen Bierflasche hatte das gluckernde Bächlein hinter dem Hof in ein träges, waberndes Moosbad verwandelt. Luise, zwei gesunde Jahre älter als ich – die gute Luise –, hatte wie immer eine Idee: „Wir könnten hineingehen und mit den Füßen darin herumwaten.“

Das Grün, sagte sie mit felsenfester Überzeugung, würde sich niemals mehr von unseren Füßen lösen. „Für immer und ewig wird es an uns kleben.“

„Ewiglich?“, fragte ich, damals kaum neun Jahre alt und noch voller kindlicher Ängste.

„Natürlich“, antwortete sie mit einem dramatischen Augenrollen, bevor sie laut auflachte – ein Lachen, klar und glockenhell, das sie nur zeigte, wenn wir zusammen unterwegs waren. Es war ansteckend, dieses Lachen, das von einem Funken Abenteuerlust und kaum genutzter Unbeschwertheit lebte, der so sehr zu ihrem Wesen gehörte.

„Du Dummkopf“, rief sie schließlich, immer noch lachend, „natürlich nicht! Du bist wirklich so schrecklich zimperlich. Schau lieber mal in den Himmel, aber durch das Glas hier.“

Ich drückte den Flaschenboden fest an mein Auge und staunte. „Grün“, sagte ich entzückt. „Ich habe noch nie einen grünen Himmel gesehen.“

Luise lachte wieder, und ihre Augen funkelten – wie sie immer funkelten, voller Leben und einem unerschöpflichen Drang, die Welt zu entdecken. „Du hast noch nie einen grünen Himmel gesehen? Dann schau einfach genauer hin!“

Sie nahm meine Hand, und wir liefen die kleine Anhöhe hinter dem Hof hinauf; das feuchte Moos klebte noch an unseren Füßen Oben angekommen, hielt ich das Glas erneut ans Auge und blickte hinauf: Ein sanftes, schimmerndes Grün, das sich weit über uns ausbreitete.

„Das ist der Himmel für Träumer“, flüsterte Luise leise an meiner Seite. „Nur wenige können ihn so sehen wie wir.“

Ich starrte gebannt nach oben, fasziniert von der fremdartigen Schönheit dieser Farbe. „Warum ist er grün?“, fragte ich schließlich, fast ehrfürchtig.

Luise zuckte mit den Schultern und lächelte. „Vielleicht, weil wir hier im Moosbad stehen. Vielleicht, weil wir an etwas glauben, das größer ist als wir selbst.“ Sie deutete auf das grüne Bodenglas in meiner Hand. „Wahrscheinlicher aber ist es das Glas da. Der Himmel hat nur die Farbe des Glases. Weiter nichts.“

Ich hielt das Glas fester und flüsterte: „Ich möchte wissen, ob es hinter dem Himmel mehr gibt als dieses Grün … oder dieses ewig langweilige Blau.“

Luise drehte den Kopf zu mir. Ihr Lächeln war warm, aber ihre Augen hatten einen ernsten Glanz. „Der Himmel?“ Sie ließ sich Zeit, bevor sie antwortete, als wollte sie die Worte sorgsam wählen. „Der Himmel ist ein Ort der Wunder. Ein Ort, an dem das Grün – oder was auch immer du darin sehen willst – ewig währt. Dort gibt es keinen Hunger, keine Schläge, keinen Schmerz. Alles leuchtet dort.“

Und so standen wir da, und für eine kleine Ewigkeit blickte ich selig zum grünen Himmel hinauf. Die Zeit schien stillzustehen, bis Luise plötzlich die Stille brach. Ihre Stimme klang kühl, fast verbittert. „Nachts ist er jedoch schwarz. Der Himmel – nur schwarz.“

Die Worte trafen mich wie ein unerwarteter Schlag. Ich ließ den Flaschenboden in meine Hosentasche gleiten und schaute sie an, leicht verärgert, verletzt von der Schwere, die sie so unvermittelt in unsere Leichtigkeit geworfen hatte.

Luise war erst zwölf Jahre alt, aber es war, als trüge sie eine Welt an Erfahrung auf ihren schmalen Schultern. Ihre feingliedrige Gestalt, die sonst so zart wirkte, verriet eine innere Stärke, die weit über ihr Alter hinausging.

Wir hatten oft aus Jux gemeinsam nach oben gespuckt, um uns dann lachend zur Seite zu ducken, bevor die Spucke als an uns klebendes Pech wieder hinabfiel. Doch dieses Mal war es anders. Luise spuckte hoch – und blieb einfach stehen, unbewegt, als wäre sie bereit, das Herabfallende zu empfangen.

„Schwarz“, wiederholte sie leise, fast tonlos. „Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war.“

Sie nahm den Flaschenboden aus meinen Händen, wirbelte ihn gedankenverloren ein wenig herum und gab ihn mir dann zurück. Dann drehte sie sich um und ging wortlos davon.

Ich blieb zurück, allein mit dem weiten Himmel über mir und dem Geheimnis des Moosbads unter meinen Füßen. Die Leichtigkeit so vieler vergangener Sommer war verflogen. Ich hob das Glas erneut an mein Auge, doch als ich hindurchsah, hatte sich alles verändert.

Die Farbe.

Der ganze Himmel.

Der Flaschenboden –

blutbeschmiert.

Rot.

„Er ist da!“, rief Luise mir aus der Ferne zu. „Er ist einfach da!“

„Wer denn?“, rief ich erschocken zurück.

„Er! Er … Der Tag.“


 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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