Ich sitze im Sessel und beobachte den Türken Murat, wie er auf einer Couch im Aufenthaltsraum die sexy deutsche Nymphomanin Laura abfingert. Das scheint niemanden zu stören. Wenn ich mich einer Frau nähern will, gibt es dagegen sofort Terz. Die Beiden essen zu ihrer immer schärfer werdenden Nummer eine fettige Pizza Diavolo, zu der sich Murat noch extra Oliven und Pizzabrötchen mit einem dickflüssigen Knoblauchdip hat liefern lassen. Der Pizzaservice liefert gewissenhaft auch in die geschlossene Klapsmühle, selbst wenn die Boten da nicht gerne hinkommen. Pizzaservicesse sind in der Psychiatrie sehr beliebt, weil den meisten Leuten das Essen da nicht schmeckt und es ihnen zu wenig ist. Es ist 22 Uhr 15. Eine Schwester stellt noch eine Schale mit duftenden Orangen auf den Tisch. Ich nehme mir eine und schäle sie. In meiner Psychose denke ich, dass mir die Orangen Gottes Kraft wieder zuführen, das Licht Jesu. Ich lutsche die Orange aus, auch um Kraft gegen den oft aggressiven Murat zu haben. Aber der ist heute nicht auf Gewalt aus. Er befummelt Laura und hält ihr Vorträge über den Islam, und warum Christen und Ungläubige alle in die Hölle kommen, während er die Salami mit Schweinefleisch von der Pizza nascht. Laura kichert ab und zu dämlich und grabbelt in Murats Lockenhaaren herum.
Ein junger Afghane kommt herein. „Was macht ihr hier?“, bellt ihr, „ihr seid nicht halal, ihr Mutterficker!“. Murat erschrickt. Mit dem Afghanen, dessen richtigen Namen keiner kennt, ist nicht zu spaßen. Laut eigenen Angaben hat er in Afghanistan für den IS gekämpft. „Lan, das Essen ist nicht halal!“, keift er. „Bitte Allah auf Knien um Vergebung, sonst…“ . Ein Pfleger kommt in den Raum, und packt den Afghanen an der Schulter. „Wir sind hier nicht im islamischen Staat, Herr Ahmadzai“. Ahmadzai – einer seiner vielen Namen- lässt sich ohne Murren aus dem Saal führen. Murat schreit vor Erleichterung auf. „Lass feiern, Kartoffel!“, ruft er mir zu, „Nimm dir Pizzabrötchen!“. Das Eis zwischen Murat und mir ist gebrochen. Ich quetsche mich neben ihn und Laura auf die Couch, und wir tauchen die restlichen Pizzabrötchen gemeinsam in den Knoblauch-Dip.
In einem anderen Sessel sitzt ein traurig wirkender, alter Mann mit ganz lieben Augen. Plötzlich packt es mich. Ich stehe auf und streichle ihm die Wange. „Schön, dass sie da sind!“, rufe ich. Da steht der Mann abrupt auf, salutiert und geht im Stechschritt weg, während er mit Hitlerstimme Befehle bellt. Meine liebe Geste war für ihn wohl zu viel des Guten. Draußen ertönt Krach. Eine laute Stimme ruft: „Ich bin der Teufel! Heil Satan, Vivat dem deutschen Reich!“. Ich gehe gucken. Zwei Pfleger jagen einen laut schreienden Neuankömmling den Gang hinunter bis zur Glastür. Die ist dem Rasenden egal. Er donnert volle Kanne durch, die Pfleger fliegen hinterher. Alle drei landen in den Glasscherben.
Ich will nicht in mein Zimmer. Dort ist der aggressive Autist Schmidt, der immer seinen Penis vor mir herausholt und sich einen wichst. Außerdem geht er oft auf mich los. Er ist doppelt so stark wie ich, und hat aus undefinierbaren Gründen einen Hass auf mich. Als er sah, dass ich ein Kreuz um den Hals trage, zwang er mich, das Kreuz im Klo runterzuspülen.
Ich gehe auf den Innenhof. Dort ist kein Dach und man kann frische Luft schnappen oder rauchen. Eine junge blonde Osteuropäerin sitzt da, die ich ganz süß finde. Sie kann nur kein Deutsch. Wir reden mit Händen und Füßen. Es ist zu merken, dass ich ihr auch gefalle. Plötzlich sagt sie: „Knäckebrot.“. Ich hole welches aus dem Aufenthaltsraum, wo Murat mittlerweile auf Laura liegt. Ich gehe wieder nach draußen. Die Osteuropäerin lacht. Sie schnappt mir das Knäckebrot aus der Hand und läuft davon, in den Regen. Ich lache und laufe hinterher. Schließlich kriege ich sie zu fassen. Ich will sie küssen, aber sie dreht sich kokett weg. Dann passiert das Unglaubliche. Sie zieht sich die Hose herunter und schiebt sich das Knäckebrot in den Hintern. Für einen Moment bin ich wirklich frappiert. Denn genau das beschreibe ich in meiner Quader-Quadrolsky-Kurzgeschichte „Meine Tage sind deine Nächte“. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Menschen wirklich so etwas machen würden. Kurz frage ich mich, ob das Mädchen meine Geschichte wohl kennt – auf Facebook kann man sie ja mit Translator in allen möglichen Sprachen lesen- und mich foppen will. Es ist nicht herauszufinden. Das Mädchen hat sich seine Hose wieder hochgezogen und das Knäckebrot weggeschmissen. „Name?“, frage ich sie und setze hinzu: „Ich heiße Patrick.“. „Lola.“, antwortet sie. Ein böser Verdacht beschleicht mich.
Das Mädchen nimmt mich bei der Hand und führt mich in ihr Zimmer. Sie holt ihr Smartphone aus der Nachttischschublade und zeigt mir ein Foto: Sie vor ein paar Jahren mit geschorenen Haaren und spermaverschmiertem Mund. Ich muss fast kotzen. „Nie wieder!“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „Bist du Hure?“, frage ich. „Ich war.“, sagt sie. Lolas Bettnachbarin hebt den braunlockigen Kopf. „Glaub ihr nichts!“, sagt sie, „Die geht immer noch anschaffen. Sie hat einen Deal mit der Klinikleitung, dass sie hier gewisse Privatpatienten verwöhnt.“. Mir bleibt der Mund offen stehen. „Murat und Özgür kommen jede Nacht hierher, und sie bläst ihnen einen. Sie heißt auch nicht Lola, sie heißt Nadescha.“. Man lernt nie aus. Was war ich doch, obwohl ich Städter war, über 40 Jahre für ein Landei gewesen. Ich lasse die beiden allein. Nadescha tut mir leid.
Ich gehe den Gang hinunter zu meinem Zimmer. Jemand kehrt die Glasscherben weg. Auf dem Boden ist noch Blut. Die taffe Floriane guckt aus ihrem Zimmer. „Den haben sie in die Fixierung getan!“, sagt sie mit breitem Hamburger Slang. „Hier, Patrick, nimm noch eine Kiwi!“. Sie drückt mir eine runde Südfrucht in die Hand. „Danke, Flori!“; sage ich. Die manisch-depressive Floriane kenne ich schon mein Leben lang. Sie ist ein Original in unserem Stadtteil. Ich kenne sie sowohl aus der Psychiatrie, als auch von „draußen“. Sie hat ihr Herz auf dem rechten Fleck. Als ich weitergehe, holt sie eine Mundharmonika heraus, und spielt gekonnte Bluestöne.
Ich gehe in mein Zimmer. Kurz hoffe ich, dass Schmidt schläft. Pech gehabt. Schmidt empfängt mich. Zusammen mit dem anderen aus unserem Zimmer, einem undurchsichtigen Roma. Schmidt packt mich und wirft mich aufs Bett. „Nenn mir die Namen aller Christen, die du kennst!“; sagt er mit schnarrender Stimme. Der Roma holt ein Messer hervor und hält es an meinen Hals. Ich zittere um mein Leben. Nenne irgendwelche Namen. „Die Namen sind nicht echt!“; grunzt Schmidt, „Du schläfst heute auf dem Boden. Vitali, nimm das Messer weg.“. Immer wieder bezweifle ich, dass Schmidt wirklich Autist ist. Ich halte ihn für satanisch besessen. Schmidt will in meinem Bett liegen und es vollwichsen. Wahrscheinlich will er so Jesus Christus aus dem Bett exorzieren. Ich lege mich auf den Fußboden. Was für eine Scheiße. Aber die beiden sind echt gefährlich. Immer, wenn ich wieder hochkommen will, ruft Schmidt; „Ich zertrete dir den Kopf, du Schwein!“. Endlich habe ich das Gefühl, dass Schmidt schläft. Ich rapple mich hoch. „Du Schwein!“, schreit Schmidt, kommt aus dem Bett und tritt mir gegen den Kopf. Im selben Moment geht das Licht an. Ein Pfleger steht in der Tür. „Herr Schmidt, was machen sie denn da?“. Der Pfleger packt Schmidt, der wehrt sich mit Händen und Füßen. Mit der Hilfe zweier weiterer Pfleger gelingt es, Schmidt in den ganz geschlossenen Bereich zu zerren, und ihn dort auf ein Fixierbett zu schnallen.
Anschließend gehe ich mit den Pflegern auf den Innenhof. Es regnet noch. Einer der Pfleger reicht mir eine Zigarette. Die brauche ich jetzt auch. Ich seufze: „Mir kommt Schmidt dämonisch besessen vor,,,“ sage ich. „Das kann ich nicht beurteilen.“, sagt einer der Pfleger, „Aber eins weiß ich. Herr Schmidt hat einen Rochus auf Christen. Er ist katholisch aufgewachsen, und ist jahrelang als Kind von seinem Pfarrer missbraucht worden…“. Harte Zeiten. Ich beschließe, irgendwie meinen Frieden mit Schmidt zu machen. Irgendwann komme ich hier auch wieder raus, und dann sehe ich ihn vermutlich niemals wieder. Obwohl…glaube ich das wirklich? Man sieht sich immer zweimal… Diese Wahrheit hat sich irgendwie in meinem Leben bewährt.
Ich starre in den Himmel. Denke an Murat und Laura, an Floriane und Nadescha, an den alten Mann, den ich in den Hitler-Wahn gestreichelt hatte… und an meine liebe Mama, die sich vermutlich zu Hause wieder große Sorgen um mich macht. Eine Nacht in der geschlossenen Klapsmühle. Eine Nacht in den 2020ern mitten in Deutschland.
In Memoriam Gaby Manke und Lucas Steiner
©Patrick Rabe
Mittwoch, 26. August 2026
Zum Begriff "Hure": Ich weiß natürlich, dass das heute Sexarbeiterin heißt, aber in dem Millieu, das ich schildere, ist es die natürliche Sprache, bei den Worten zu bleiben, wie sie seit den 1990ern üblich sind. Abgesehen davon finde ich es völlig okay, wenn Sprache sich organisch entwickelt. Wogegen ich aber etwas habe, ist politisch korrekter Speech, der uns Bürgern von Politikern und Medien aufoktroyiert wird. Ich bezweifle, dass sich Diskriminierung durch die Änderung von Sprache beseitigen lässt. Nach meiner Erfahrung wird die Diskriminierung dank der auf Zwang veränderten Sprache noch schlimmer, weil rechte Menschen durch diesen Zwang zusätzlich aufgestachelt werden.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2026.
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