Heinz-Walter Hoetter

Die vergessenen Seelen des Planeten Mandolar



 

Als der Planet Mandolar ganz unerwartet eigenartige Signale von sich gab, war Commander Max Ironwill der Einzige an Bord, der sie zuerst hören konnte.

Nicht, weil seine Ohren äußerlich anders waren als die der übrigen seiner menschlichen Besatzung, sowie der zwölf künstlichen Androiden-Persönlichkeiten an Bord des interstellaren Raumschiffes
Coral Liberator, nein, es war schlichtweg sein überaus extrem empfindliches Gehör: Commander Max Ironwill besaß nämlich die unglaubliche Fähigkeit, Töne und Frequenzen im Ultraschallbereich wahrnehmen zu können. Und genau diese Anomalie seines Gehirns machte ihn zu einer einzigartigen Ausnahme unter den Menschen.

 

Kurz darauf meldete sich der zentrale Bordcomputer.

„Commander“, sagte er, „ein Planet kann keine Signale aussenden. Es muss also etwas anderes sein, das sich auf der Oberfläche von Mandolar befindet.“

Commander Max Ironwill stützte sich mit beiden Händen auf die wuchtige Navigationskonsole und blickte durch die breite Panzerglas-Frontscheibe der Steuerzentrale hinaus in die Schwärze des Alls.

 

Vor ihm wurde der Planet Mandolar sichtbar, der einsam wie eine dunkelgraue Perle auf dem breiten Panoramabildschirm erschienen war, umgeben von einem Ring aus glitzerndem Staub.

„Dann stimmt da unten etwas nicht. Ich höre das Signal ganz deutlich“, antwortete der Commander.

„Die Physik lügt nicht“, sagte der Bordcomputer.

Max Ironwill war etwas genervt: „Natürlich tut sie das nicht, aber manchmal macht sie vielleicht Ausnahmen. Was geht da auf Mandolar bloß vor sich?“

 

***
 

Die Coral Liberator war ein interstellares Forschungsraumschiff der dritten Klasse, was bedeutete, dass sie nur schwach bewaffnet und für eine kriegerische Auseinandersetzung nicht geschaffen war. Außerdem war sie bereits mittlerweile zu alt geworden, aber noch nicht reif genug für die Verschrottung. Sie verrichtete ihren Dienst trotz allem dennoch äußerst treu und zuverlässig.

 

Der befehlsmäßige Auftrag der Crew lautete inoffiziell, den Planeten Mandolar zu finden und zu lokalisieren, eine neue Sprungroute heraus zu finden, diese neu zu berechnen, um dann anschließend mit der Coral Liberator zum Mutter-Stützpunkt auf Terra zurück zu kehren. Das Raumschiff hatte bereits eine lange Reise durchs All hinter sich und befand sich in einer fremden Galaxie, weit weg von der Erde.

Das Problem war nur: Mandolar sollte es eigentlich nicht mehr geben. Laut der zentralen Datenbank der intergalaktischen Föderation hat man ihn irgendwann aus den vorhandenen Sternkarten der Raumflotte gelöscht und dann einfach vergessen. Ein ganzer Planet wurde aus den wichtigen Routen-Aufzeichnungen getilgt, als hätte ihn jemand mit einem gigantischen Radiergummi entfernt.

 

***

Als Commander Max Ironwill von der vereinigten Planetenflotte wieder einmal auf eine Erkundungsmission in die unendlichen Weiten des Universums geschickt wurde, bekam er kurz vor seiner Abreise heimlich Besuch von einem hohen Mitglied der intergalaktischen Föderation, von dem man wusste, dass er einer streng religiösen Sekte angehörte. Er bat den Commander darum, nach dem verschwunden Planeten Mandolar zu suchen und sagte: „Finden Sie heraus, was aus ihm geworden ist. Allerdings verlange ich von Ihnen absolute Verschwiegenheit in dieser Sache. Ich möchte die ganze Angelegenheit vorerst geheim halten. Dafür habe ich meine ganz persönlichen Gründe.“

 

Der Commander sagte zu und der Mann verschwand wieder.

 

***

 

Einige Jahre zuvor.

Die einzige Tochter des Commanders hieß Salome. Sie war eine unternehmungslustige, gut aussehende junge Frau gewesen, die aber nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater alle Verbindungen zu ihm gekappt hatte. Sie machte sich später, ganz ohne ein Wort zu sagen, heimlich auf und davon, tauchte danach nie wieder auf und wurde später irgendwann als verschollen gemeldet. Was mit ihr da draußen in der Unendlichkeit des Alls geschehen war, darüber konnte niemand etwas genaueres sagen. Man vermutete aber, dass sie sich wohl einer fundamentalistisch ausgerichteten und sehr religiösen Gruppe von Kolonisten angeschlossen haben muss, um mit ihnen zusammen in der Galaxie nach besiedlungsfähigen Planeten zu suchen. Und wenn sie einen finden würden, das hatten sie nach ihren eigenen Angaben jedenfalls vor, wollten sie dort eine neue Zivilisation nach ihren eigenen Vorstellungen verwirklichen.

 

***

„Commander“, meldete sich Leutnant Sera Venn, „ich empfange das Signal jetzt auch und kann es gut verstehen.“

„Humanoid?“

„Kann ich noch nicht sagen.“

„Feindlich?“

„Darüber habe ich noch keine ausführlichen Informationen. Aber ich werde es bestimmt heraus finden.“

Der Commander drehte sich um und fragte skeptisch: „Nun, was bleibt uns denn jetzt eigentlich noch übrig?“

Der Leutnant legte den Kopf zur Seite. „Das seltsame Signal scheint von vielen Wesen zu kommen und hört sich sehr traurig an. Manchmal erscheint das Signal auch nur aus einer einzigen Stimme zu bestehen. Sie wechseln sich gegenseitig ab, was schon sehr ungewöhnlich ist.“

Im Kommandoraum wurde es auf einmal ganz still.

Einer der Androiden-Persönlichkeiten auf der Brücke, offiziell als MORA-9 bezeichnet, hatte die Signalimpulse in Töne übersetzt und auf die Lautsprecher übertragen. Ein tiefer, zitternder Akkord erfüllte den Raum, der sich irgendwie menschlich anhörte. Zuerst war ein Chor von vielen Stimmen zu hören, dann wieder nur eine einzelne. Manche flüsterten, andere jammerten und einige schienen zu weinen.

Dann rief plötzlich eine laute Stimme: „Max Ironwill!“

 

Der Commander zuckte schlagartig zusammen, denn damit hatte er nicht gerechnet.

Niemand an Bord nannte ihn eigentlich so. Die gesamte Mannschaft des Raumschiffes sagte nur Commander zu ihm.

 

Wieder rief die Stimme: „Max Ironwill! Du bist spät dran. Wo warst du die ganze Zeit?“

„Wer ist da?“, fragte Commander Ironwill gefasst, aber energisch, zurück.

„Ich“

„Das ist keine Antwort.“

Die Stimme fuhrt fort: „Keiner von uns hat die Katastrophe überlebt. Auch ich nicht.“

Dann wurde unten auf der Oberfläche des Planeten plötzlich eine helle, pulsierende Öffnung sichtbar.

Das gewaltige Raumschiff stoppte und verharrte vorerst in seiner eingenommenen Position im Orbit.

Der Commander gab vorsorglich den Befehl aus, den Abstand zum Planeten Mandolar zu vergrößern. Er witterte eine Falle oder ähnliches. Einen Moment später heulten die Umkehrtriebwerke brüllend auf, doch komischerweise blieb der Planet immer in gleicher Entfernung hinter ihnen, als würde das Raumschiff ihn im Schlepptau hinter sich herziehen.

MORA-9 meldete sich mit nachdenklich klingender Stimme:

 

Commander! Wir haben uns vielleicht gar nicht von der Stelle bewegt. Eine unbekannte Kraft hält uns gefangen. Der Abstand zum Planeten Mandolar hat sich überhaupt nicht vegrößert.“

Verdutzt antwortete der Commander: „Was? Das gibt es doch nicht! Wie ist das möglich?“

Während die Mannschaft im Maschinenraum fieberhaft sämtliche Energie in die Triebwerke leitete, begann sich das Signal zu verändern. Es wurde noch klarer. Aus dem Stimmengewirr schälte sich abermals eine einzelne heraus, diesmal war es unüberhörbar eine weibliche Stimme, die Max Ironwill nur zu gut kannte. Es war offenbar die Stimme seiner Tochter Salome. Mehrmals hinter einander rief sie: „Papa, komm' nach Hause!“

Der Commander schloss die Augen.

Sera Venn trat neben ihn. „Könnte das wohlmöglich ihre Tochter sein, Commander? Wie ist das möglich?“

„Ich weiß es nicht. Es kann sich um eine Täuschung handeln. Sie würde heute das Wort Papa niemals in den Mund nehmen. Das hat sie nur früher zu mir gesagt, als sie noch klein und unschuldig war. Später tat sie das nicht mehr, nach unserem furchtbaren Streit, den ich heute sehr bereue.“

Die Stimme lachte auf einmal laut auf.

 

War es wirklich Salome? Es war eigentlich nicht ihre Art, wie Max Ironwill wusste, dass sie sich so benahm. Das Lachen war einfach zu glatt, irgendwie gestellt und zu perfekt, als wäre sie künstlich erzeugt worden.

„Wer bist du wirklich?“, fragte der Commander mit ernster Mine.

„Wir sind das, was übrig geblieben ist, wenn eine neu aufgebaute Zivilisation stirbt und dann vergessen wird.“

Auf den Bildschirmen an der Wand erschienen plötzlich eine Reihe von Bildern. Da waren wunderschöne Städte unter einem violetten Himmel zu sehen, mit modernen Wohntürmen, die es überall in der ganzen Landschaft gab. Wesen, die sich untereinander Namen gaben und in Frieden miteinander lebten. Die Bilder wechselten in schneller Reihenfolge. Dann sah man plötzlich Raumschiffe aufsteigen. Einige von ihnen schienen den Planeten verlassen zu wollen, doch sie stürzten wieder zurück und zerschellten auf der Oberfläche inmitten von größeren Ansiedlungen. Man konnte sehen, wie Teile der Bevölkerung in panischer Angst vor etwas davon lief und sich in Sicherheit bringen wollten. Manche blieben plötzlich stehen und fielen einfach um.

„Die Auslöschung stand ihnen kurz bevor. Sie versuchten, den Planeten zu verlassen, doch sie schafften es nicht“, sagte MORA-9.

„Wie und durch was wurden sie ausgelöscht?“, fragte Leutnant Sera Venn.

„Wir wurden alle durch eine schreckliche Katastrophe ausgelöscht“, antwortete die Stimme voller Bitterkeit und sagte: „Auch die Erinnerungen an uns.“

Max Ironwill verstand auf einmal die Zusammenhänge. Mandolar war scheinbar zu einem einzigen Friedhof für die damaligen Kolonisten von der Erde geworden. Sie wurden später aus allen Datenbanken entfernt und ihre bestehende Zivilisation gleich mit. Doch etwas ist übrig geblieben von ihnen, als sie verloren und dem Untergang geweiht waren. Es war das kollektives Bewusstsein, das jetzt offenbar keinen Körper mehr brauchte, weil sie sich alle in eine Form von geistiger Energie verwandelt haben.


„Warum habt ihr uns gerufen?“, fragte der Commander.

„Weil wir wollten, dass ihr uns endlich findet.“

„Und das soll der einzige Grund sein?“

„Für uns schon, die vergessen worden sind.“

„Ich mache euch einen Vorschlag. Wir kommen zu euch runter, wenn ihr damit einverstanden seid“, sagte der Commander spontan.

Max Ironwill wusste, dass es der reinste Wahnsinn war, auf einen völlig zerstörten Planeten hinabzusteigen, weil es gefährlich werden konnte. Er wusste auch, dass später jeder Befehl dazu vielleicht ein „Warum?“ nach sich ziehen könnte.

Trotzdem zog er seinen Raumanzug an.

Der Leutnant hielt ihn am Arm fest. „Sie müssen nicht selbst gehen, Commander.“

„Warum nicht?“

„Die Sache erscheint mir suspekt und gefahrvoll zu sein. Es könnte eine Falle sein. Ich kann Sie aber nicht aufhalten, wenn Sie da runter gehen wollen.“

„Ja, ich weiß. Doch ich bin der amtierende Befehlshaber und übernehme die volle Verantwortung für alles.“

„Das ist aber kein Grund.“

Max Ironwill sah Sera Venn an. „Für Schuldige schon. Ich habe da einen bestimmten Verdacht und werde mit einem der Shuttle auf die Oberfläche gehen, genau dorthin, wo das Signal seinen Ursprung hat.

 

Etwas später.

Auf der Oberfläche von Mandolar lag knietiefer Staub und jeder Schritt versank darin. Hier hatte es einmal eine blühende Zivilisation gegeben, doch jetzt war sie verschwunden. Gleichzeitig kehrten aber beim Commander auch persönliche Erinnerungen an längst vergangene Zeiten zurück.

Auf einmal drangen Bilder von einer glücklichen Familie in sein Bewußtsein. Max Ironwill fing wie im Fieber an zu sprechen. Er sah Salome als Kind, sah sie auf seinen breiten Schultern sitzen, er steichelte sie durch ihre langen Haare und beide lachten zusammen. Dann kam der Tag, an dem er zu einem Einsatz aufbrach und versprach, rechtzeitig zu ihrem nächsten Geburtstag wieder da zu sein. Doch er hatte es nicht geschafft und kam nie zurück zu ihr. Eine einzige Fehlentscheidung, ein fehlerhafter Sprung durch die Zeit, der nur Entsetzen und Grauen hervor rief. Danach eine große Zahl von tödlich verunglückten und schwer verletzte Besatzungsmitglieder des damaligen Raumschiffes, dessen Kommandant er gewesen war. Nach diesem schrecklichen Unglück, fernab der Erde, hatte der Commander seine Tocher nie wieder gesehen.

„Das sind keine guten Erinnerungen“, sagte Leutnant Sera Venn, der plötzlich hinter dem Commander stand und seinem Chef in einem anderen Shuttle vorsorglich gefolgt war.

„Nein“, sagte Max Ironwill bitter. „Ich weiß. Was in der Vergangenheit geschehen ist, das alles kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Was geschehen ist, das ist geschehen. Ich habe Salome zutiefst enttäuscht, weil ich als Vater nicht mehr zu ihr zurück gekehrt bin.“

Ganz unerwartet öffnet sich vor den beiden plötzlich ein gewaltiges Tor. Es hatte keine Wände und keinen Boden, nur einen tanzenden Rahmen aus schwebenden, schwarzen Steinen. Im Inneren stand eine seltsame Gestalt, die zwar aussah wie ein Mensch, sich aber ständig verformte, fast so, als würde sie aus einer flüssigen Substanz bestehen.

„Ihr müsst uns mitnehmen. Wir sind alle zu einem einheitlichen Bewusstsein verschmolzen“, sagte die Erscheinung mit hallender Stimme.

„Wohin sollen wir euch denn mitnehmen?“

„Wir wollen zurück zu unserer Heimat, zurück zur Mutter Erde! Dorthin, wo man sich an uns erinnert und wo wir nicht mehr vergessen werden.“

Commander Max Ironwill dachte an sein Schiff. Die Coral Liberator konnte kein solches energiereiches Bewusstsein transportieren, weil sie dafür keine technischen Voraussetzungen besaß, um diese freie Energie zu binden.

„Nein“, sagte er mit konsequenter Stimme.

Das Wesen flackerte. „Was sollen wir denn jetzt machen? Sie waren doch auf der Suche nach uns, Commander. Ich habe es in ihren Gedanken lesen können.“

„Das ist nicht ganz richtig. Ihr habt uns gerufen, weil ich eurem Signal gefolgt bin, das ich hörte.“

„Ihr seid doch der Commander. Ihr könnt die Entscheidungen treffen. Nehmt uns also mit!“

„Genauso ist es. Ich muss entscheiden und nicht ihr. Die Coral Liberator ist dafür nicht ausgelegt. Ich kann euch beim besten Willen nicht mitnehmen. Es geht einfach nicht.“

 

Dann ging er im nächsten Augenblick auf das sich ständige Form verändernde Wesen zu.

Leutnant Venn räusperte sich dezent hinter ihm und fragte: „Was tun Sie da?“

Max Ironwill ließ sich nicht aufhalten und setzte sich auf einen kleinen Felsen, der sich direkt vor den schwebenden Steinen befand. Der Boden unter ihm vibrierte.

„MORA-9!“, rief der Commander mit eindringlicher Befehlsstimme in sein Mikrofon: „Öffne sofort alle Kanäle und zeichne hier alles auf!“

„Das könnte vielleicht die Sende- und Empfangsanlage überlasten“, antwortete MORA-9.

„Ich weiß. Tu es trotzdem!“

„Was soll denn übertragen werden?“

Max Ironwill blickte in das sich ständig verändernde Antlitz des Wesens.

 

Alles, was ich jetzt gleich sagen werde.“

Dann fing der Commander wie unter einem fremden Zwang zu erzählen an.

Nicht von seinem Raumschiff Hyperion Reach. Nicht von seinen zahlreichen interstellaren Missionen. Er erzählte von seiner Tochter Salome, von ihren ersten wackligen Gehversuchen, ihren ersten babbelnden Worten als kleines Mädchen, ihrem ersten spontanen Lächeln, ihrem späteren zügellosen Ärger als junge Frau und ihrer penetranten Hartnäckigkeit, die sie ihrem Vater immer wieder aus Frust entgegen brachte. Sie war wirklich keine einfache Persönlichkeit gewesen und hat schon als Mädchen ihren Eltern oft Ärger gemacht.

 

Die gesamte Mannschaft hörte zu.

 

Der Androide MORA-9 speicherte jedes einzelne Detail direkt ab und fügte die Namen der Toten hinzu, die über die Lippen seines Commanders kamen, der von den eigenen Verlusten und von schrecklichen Dingen sprach, die damals während seiner Reisen durchs All passiert sind. Er erzählte von Besatzungmitgliedern, die auf einem fremden Planeten unweigerlichen dem Tod ausgesetzt waren, wofür er die Schuld trug. Er sprach auch von einer vormals intakten Familie, die er vor vielen Jahren auf der Erde aus purer Verantwortungslosigkeit zurückgelassen hatte, weil er lieber nach Abenteuer in den unendlichen Weiten des Universums gesucht hat. Max Ironwill wusste, dass es Erinnerungen an seine eigene Familie waren, die er vor langer Zeit aus egoistischen Gründen verlassen hatte. Und es war seine Tochter Salome, die ihn genau aus diesen genannten Gründen nie verziehen hatte.

Auf der Coral Liberator war die gesamte Besatzung mucksmäuschenstill. Keiner sagte ein Wort.

Erinnerungen strömten vom Planeten Mandolar in die stillen Räume des wartenden Raumschiffes.

Das Wesen in der Mitte des Energietores fing auf einmal zu weinen an, zwar nicht wie ein Mensch, aber es waren trotzdem Tränen, die wie kleine Lichttropfen aussahen.

 

Wir werden uns eine neue Welt suchen müssen. Ich wollt uns nicht, noch nicht einmal in euren Erinnerungen, obwohl wir einmal Menschen waren wie ihr!“, rief die verblassende Stimme, danach löste sich die Gestalt langsam auf.

 

Eine Weile später stieg eine leuchtende Kette von summenden Energiewesen hinauf in den mit dunklen Wolken überzogenen Himmel des Planeten Mandolar. Dann verschwanden sie nach und nach irgendwo zwischen den funkelnden Sternen in der Unedlichkeit des Universums. Keiner wusste, was ihr Ziel war und wie lange sie in diesem Zustand der reinen Energie ohne Verlust existieren können im All.

Auf der Brücke des Raumschiffes Coral Liberator sagte MORA-9 über Intercom plötzlich: „Commander, hier geschieht etwas sehr seltsames.“

„Was?“

„Auf unseren Bildschirmen läuft ganz ohne unser Zutun ein Film ab. Es tauchen zahlreiche Namen auf, die wohl von den ehemaligen Kolonisten auf Mandolar stammen. Es werden auch die Namen von Städten angezeigt, von Flüssen, schönen Landschaften, große Wälder und hohen Bergen. Es werden Szenen von Oberfläche des Planeten gezeigt, auf der aber keine Bewohner mehr sehen sind, sondern nur noch zerstörte Ruinen ehemaliger Städte. Die Bilder zeigen jetzt eine leere und tote Welt, die vor langer Zeit einmal voller Leben gewesen sein muss.“

 

Der Bordcomputer speicherte alles ab. Es waren die letzten bildhaften Erinnerungen an eine Zivilisation auf Mandolar.

Dann erloschen die Bildschirme nach und nach und gingen in ein erstarrtes Schwarz über. Im gleichen Moment wurde die Coral Liberator aus ihrer unsichtbaren Fesseln wieder frei gelassen.

Max Ironwill saß noch immer vor dem riesigen Ring aus schwebenden Steinen, die sich jetzt langsam aufzulösen begannen.

 

Als Leutnant Sera Venn nach ihm sah, waren die Haare von seinem Commander weiß wie Schnee geworden.

„Sind sie weg?“, fragte Max Ironwill plötzlich mit abwesendem Blick in seinen Augen.

„Ja, sie sind alle weg und haben den Planeten Mandolar für immer verlassen. Die Seele deiner Tochter war mit Sicherheit auch unter ihnen. Von ihr kam wohl auch offenbar das Signal. Vor langer Zeit muss hier mal eine schreckliche Katastrophe stattgefunden haben. Man hätte die Kolonisten vielleicht noch retten können, aber niemand tat etwas. Warum, das konnte ich bisher nur zum Teil heraus finden. Vielleicht hatte die intergalaktische Föderation keine andere Wahl, denn eine gefährliche Seuche war unerwartet unter den Bewohnern auf Mandolar ausgebrochen, was schließlich auch zum Untergang ihrer Zivilisation geführt haben muss. Unsere Biowissenschaftler müssen irgendwie völlig versagt haben, weil sie keinen geeigneten Impfstoff gegen diese furchtbare Seuche finden konnten. Man entschloss sich zuletzt dazu, den Planeten einfach zu isolieren. Dann wurde er aus allen Datenbanken der intergalaktischen Föderation gelöscht. Er verschwand förmlich von der Bildfläche und geriet bald in absolute Vergessenheit.“

 

Der Commander hatte nachdenklich zugehört. Dann machten sich beide auf dem Weg zu ihren wartenden Shuttles und kehrten zur Coral Liberator zurück.

 

Max Ironwill wusste jetzt, was mit seiner Tochter passiert war, als sie damals heimlich und ohne ein Wort des Abschieds zu sagen einfach weggegangen war. Er wusste jetzt auch, das seine Tochter Salome hier auf Mandolar zuletzt gelebt und schließlich umgekommen war. Mit den anderen Seelen zusammen ist sie dann nach ihrem Tod in das kollektives Bewusstsein aller aus reiner Energie aufgegangen und jetzt mit ihnen zusammen auf der Suche nach einem Ort des ewigen Friedens in der Unendlichkeit des Universums.

 

Tief in seinem Innern hoffte der Commander daher, dass alle einstigen Seelen von Mandolar diesen Ort da draußen auch finden mögen, damit sie endlich zur Ruhe kommen können. Das galt auch für seine Tochter Salome.

 

 

Commander Max Ironwill

 

 

ENDE

 

(c)Heiwahoe

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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