Eines der ganz wenigen Rockkonzerte, die KM jemals besucht. Wohl das einzige, zu dem er zusammen mit seiner Schwester Sabine fährt, nach Basel nämlich, eine eher kurze Reise. Joan Armatrading tourt mit dem Album „The Key“. Es ist das zweite oder, je nach Zuordnung, dritte Rockpop-Werk der vormalig romantischen, feministischen englischen Gitarren-Singer/Songwriterin. Schwester Sabine hat dem LP-Pool der Geschwister Mattes noch nie besonders viel beigesteuert. Und davon mochte KM etliches von Anfang schon nicht: Gianna Nannini, Antonello Venditti, Edoardo Bennato. (Sie war im Vorjahr einige Monate in Padua gewesen, weil sie erst einmal Italienisch lernen musste, damit sie, wie sie sich aus unerfindlichen Gründen in den Kopf gesetzt hatte, Englisch und Italienisch am Dolmetscherinstitut Heidelberg studieren kann. Von dorther diese Cantautori, die KM als wirkliche Rocker nicht akzeptieren will. Die Nannini vielleicht, aber sie schreit ihm zu oft zu unmelodiös.)
In der Sporthalle St. Jakob vor den Toren Basels, viele Jahre später vom Architektenteam Degelo umgebaut, zu dieser Zeit steht sie als schlichte Betonschuhschachtel aus dem Jahr 1976 östlich der Stadt in der Birssenke herum, kommt die 32-jährige, schwarze Karabikerin aus Birmingham schlecht an. Genau wegen den harten E-Gitarrensolos der Platte „Walk Und Ladders“, die sich in Richtung New Wave weiterentwickeln wollte, darum auch ganz schön viel Synthie-Soundmauer hat, sind die Geschwister hier. Das in seiner Mehrheit weibliche und wie die Sängerin über 30 Jahre alte Basler Publikum hat damit wohl eher nicht gerechnet. (Was die Geschwister nicht kümmert, Menschen über 30 sind eine andere Generation, die Armatrading allerdings auch.)
Schon die Wartezeit vor dem Konzert, während man mit Steely-Dan-Songs bedudelt wird, scheint sie zu verstimmen. Die schmucklose Halle, in der es nie dunkel wird, ist alles andere als ausverkauft oder wenigstens „gut besetzt“. Dann lassen sie es vorne krachen mit dem Eröffnungsstück „I'm Lucky“ aus der geliebten letzten Platte vor „The Key“, eben jenem, in dem Armatrading versichert, es gehe ihr so blendend, dass sie unter Leitern angstfrei durchlaufen könne. Das kitzelt genau wie von Langspielplatte! Jedenfalls meint man das, wenn man mal live dabei ist. Aber halt leider nicht mehr wie „Cool Blue Stole My Heart“ oder „Show Some Emotion“, viel zu kommerziell, scheinen die älteren Fans zu finden und geizen mit Applaus. Die Geschwister können es kaum glauben, wie man ein klasse Konzert so kalt ablaufen lassen kann. Als Nicht-Popkonzert-Konsumenten sind sie nicht vertraut mit der ewigen Treue mitteleuropäischer Fans zu dem, was sie irgendwann mal sehr geliebt hatten und was jetzt schnöde von was Anderem ersetzt werden soll.
Schaut man heute aufs aus sämtlichen „Favourite“-Listen verschwundene „The Key“ zurück, wird man schon auch zugeben, dass seinerzeit der erste Höhepunkt der „neuen“ Joan Armatrading schon wieder abflaute. Ausgenommen „Dop The Pilot“ - und vielleicht noch „Call Me Names“ - ist es durchweg schwächer als der Vorgänger. Die Künstlerin rauscht nun jahrelang in eine tiefe Form- und Popularitätskrise. Sie verschwindet aus den Zeitschriften und Musiksendungen, macht seit ihrem Comeback in den 1990-er Jahren dann allerdings öfters wieder Musik, die genau nach dieser Anfangs-Achtziger-Ära klingt.
Die Schwester und KM, die, von zahlreichen Besuchen im Basler Sprechtheater abgesehen, des Nachts nie in der nahegelegenen Großstadt unterwegs sind, sind wieder mal mit dem Nahverkehrszug auf der deutschen Seite (und verbilligten Fahrkarten für sich in Ausbildung befindende Angehörige von DB-Beamten) gekommen, ab dem Badischen Bahnhof weiter in der dunkelgrünen Tram über Wettsteinplatz, Bankverein, Aeschenplatz. Ein kleiner Ausflug in eine Fremde, vor deren Gefahr man sich zuverlässig geschützt weiß. (Sonst hätte die Mutter daheim sich doch auch in den Weg gestellt.)
Wie es mit Joan Armatrading weitergeht, werden sie kaum noch erfahren. Die Schwester verlegt ihre Plattensammlung nach Heidelberg ins Studentenheim, hört dann ganz auf, noch etwas dazuzukaufen. KM ist nach seinem Coming-out noch „Sounds“-Abonnent (genauer gesagt, im Januar dieses Jahres gab es das letzte Heft, „Musikexpress“, „Spex“ und später „Rolling Stone“ dann nur noch sporadisch, hingegen weiterhin Hören entsprechender Radiosendungen, sofern es diese überhaupt noch gibt). Er entwickelt sich mit derartigen Impulsen in Richtung „richtiger Soul“ (Marvin Gaye), Electropop (Soft Cell, später Pet Shop Boys und OMD), Jazz (Wolfgang Dauner, Volker Kriegel) sowie das, was man in den Achtzigern „Party Jazz“ nennt (Sade, The Style Council, Kid Creole and the Coconuts). Bald sehen die Geschwister, deren Lebensmittelpunkte nicht länger in Rheinfelden, sondern in Freiburg und Heidelberg sind, sich kaum noch persönlich, unterhalten sich über Musik überhaupt nicht mehr, weil die Interessen dort zu weit auseinander liegen.
Die Frage, ob die einstige Vorlieben der Schwester auf Homosexualität hätten hindeuten können, wird sich KM erst nach Jahren stellen. Den jungen Leuten ist am Abend in der Jakobshalle auch nicht aufgegangen, dass sie sich unter mehreren weiblichen Homosexuellen befinden. Die Musikerin selbst wird um ihr lesbisches Leben viele Jahre geschickt herum schreiben, singen und entsprechenden Journalistenanfragen ausweichen. Ab den Jahren 2010 und 2011, als ihr doch noch mal das Comeback glückt und sie eine eingetragene Partnerschaft mit einer Frau eingeht, interessiert diese Frage auch nicht mehr wirklich.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2026.
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Infinity: Zeitgenössische, zärtliche Lyrik aus Wien - Hietzing
von Heinrich Soucha
Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.
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