Ich bin eine ganz besondere Bank. Ein Künstler hat mich geschaffen.
Er hat mich aus Holz geschnitzt. Auf blauen Untergrund ist meine
Sitzfläche mit bunten Herzen bemalt. Viele Menschen gehen an mir
vorbei. Sie wissen nicht, ob sie sich auf mich setzen dürfen. Das ist
schade, ich belausche gerne Gespräche. Ständig werde ich von allen
Seiten fotografiert. Doch eines Tages hatte ich ein besonderes Erlebnis.
Ein Mann nahm auf mir Platz. Schon in die Jahre gekommen, silbergraue
Haare, sehr attraktiv. Er schaute verträumt auf den See, schien mit dem
Alleinsein glücklich zu sein. Plötzlich sprach ihn eine Frau an:
"Darf ich mich zu ihnen setzen?" fragte sie.
Der Mann erschrak, sagte dann aber höflich:
"Natürlich, setzen sie sich." Die beiden schauten sich an.
"Markus, bist du das?"
"Jasmin, das kann doch nicht wahr sein. Wie lange ist das her?"
Ich, die Bank, dachte mir: "Das wird spannend. Es stellte sich heraus,
dass die beiden in den 70iger Jahren ein Paar waren."
Markus: "Du siehst sehr gut aus, hast dich gar nicht verändert."
Jasmin: "Danke für das Kompliment, aber der Zahn der Zeit hat auch an mir genagt.
Bis auf dein weißes Haar bist du auch noch der Alte."
Markus lacht: "Na ja, nun übertreibe mal nicht. Dass wir uns gerade hier
in Neuruppin treffen, ist Fügung. Zufälle gibt es nicht, es sollte so sein.
Wie ist es dir in den vergangenen Jahren ergangen?"
Jasmin: "Ich bin viel gereist, habe zwei Jahre in Italien gelebt. Das war schon immer
mein Traum."
Markus: "Das war der Grund, warum es mit unserer Beziehung nicht geklappt
hat. Du wolltest frei sein."
Jasmin: "Das stimmt. Ich fühlte mich eingeengt."
Markus: "Gerne hätte ich mit dir eine Familie gegründet, aber du wolltest keine
Kinder."
Jasmin: "Damals war es noch üblich, dass eine Frau zu Hause bleibt um nur für
die Familie und den Haushalt da zu sein. Das war mir zu wenig. Ich habe dich geliebt,
doch es wäre nicht gut gegangen mit uns. Meine Vorstellungen vom Leben waren
anders. In Italien war ich mit Giovanni zusammen. Rate mal, was er von mir wollte."
Markus: "Viele Bambinis?"
Jasmin: "Genau! Seine Mutter war der Meinung, dass ich endlich heiraten muss, sonst
werde ich eine alte Jungfer. Ich konnte sie beruhigen. Die Gefahr besteht schon lange nicht
mehr, klärte ich sie auf. Dafür hatte sie nur ein müdes Schulterzucken übrig. Was hast du
aus deinem Leben gemacht?"
Markus: "Ich habe geheiratet und bin geschieden. Meine Ehe hat nicht lange gehalten.
Aber ich habe eine Tochter und einen Sohn. Die beiden haben mich schon dreimal zum glücklichen
Opa gemacht. Meine Enkelkinder halten mich jung. Jan ist 18 Jahre alt, Marlies 14 und der
jüngste im Bunde, Martin, ist gerade 10 geworden."
Jasmin: "Was ist in deiner Ehe schief gelaufen?"
Markus: "Ich habe meine Frau nicht so geliebt wie dich damals. Das hat sie gespürt. Nach
5 Jahren hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Es war aus und vorbei."
Jasmin: "Das tut mir leid. Ich besuche alte und kranke Menschen. Das füllt mich aus. Kindern
aus der Nachbarschaft lese ich vor. Ich mag die Kids, nur für eigene fühlte ich mich nicht
stark genug. Gerne möchte ich dir noch viele Fragen stellen."
Markus: "Die Bank wird mir zu unbequem. Es gibt an der Seepromenade ein nettes Cafe.
Ich lade dich zu Kaffee und Kuchen ein. Hast Du Lust?"
Jasmin: "Oh ja, lass uns gehen."
Ich, die Bank denke: "Och nee, gerade jetzt, wo es spannend wird. Ich werde nie erfahren,
ob die beiden wieder zusammenfinden. Kaum sind sie weg, nehmen zwei Frauen auf
mir Platz. Sie schauen auf den See und schweigen. Wie langweilig ist das denn?"
Rosemarie Behrendt
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2026.
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