Horst Fleitmann

Smalltalk in der Hölle

Smalltalk in der Hölle

Ich bin tot. Gestorben. Woran? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bin ich tot.

Wissen Sie, dieses Gefühl ist nicht zu beschreiben. Keine Harfenklänge oder singenden Engel, kein Glücksgefühl oder eine Lichtgestalt, die auf mich zukommt, kein Tunnel, in den ich gehe. Vielleicht ist das Gefühl, tot zu sein, ja bei jedem Menschen anders. Eines kann ich aber mit Bestimmtheit sagen: Tot sein tut nicht weh.

Ich werde sofort nach meinem offensichtlich unvorhergesehenen Ableben in einen riesigen, überdimensionierten Raum geleitet, in dem sich noch abertausende andere Menschen befinden.

Alle diese ebenso Toten sind in ein weißlich graues Gewand gekleidet, haben fragende Augen und werden, wie ich, von irgendjemandem in eine Kammer geführt. Jeder Tote hat hier also sein eigenes Zimmer.

Eh ich mich versehe, sitze ich in einem kleinen, spartanisch eingerichteten Raum und blicke durch ein Fenster auf die wahnsinnig große Schar von gleich gekleideten toten Menschen. Ich warte auf das, was jetzt wohl passieren wird. Da spüre ich die Anwesenheit einer Person ohne Gesicht, die mir eine Menge Blätter und Formulare auf meinen Tisch legt, an dem ich gerade sitze. „So“, sagt die Stimme, „jetzt schau mal, was du alles unerledigt zurückgelassen hast.“ „Wo bin ich?“, frage ich.

„Wonach sieht es denn aus?“, höre ich.

„Ist das hier der Himmel oder die Hölle?“ Nun will ich es wissen, bekomme jedoch keine Antwort auf die Frage.

„Also die Hölle“, sage ich, bekomme darauf aber wieder keine Antwort. Ich habe komischerweise überhaupt keine Angst, auch nicht vor der eigenartigen Stimme, die ich zwar akustisch nicht höre, die aber trotzdem zu mir zu sprechen scheint. Es herrscht ansonsten eine absolute Stille. Gespenstisch.

„Schau hin und sieh, wem du neben den unerledigten Dingen auch noch wehgetan hast“, vernehme ich die Stimme wieder. Und in dem Moment sehe ich alles das, wovon ich bereits zu Lebzeiten wusste, dass es nicht richtig war, als ich es machte.

„Und jetzt?“ frage ich wieder. Du wirst hier nicht versauern, sage ich mir. Im gleichen Moment weiß ich, dass dies nicht das Vorzimmer zur Hölle ist, sondern dass ich wahrscheinlich mitten in der Hölle sitze.

Niemand, absolut niemand dieser tausenden von Menschen beachtet mich. Keiner beachtet überhaupt irgendjemand anderen. Jeder sieht nur sich selbst. Einige wenige Menschen, die offensichtlich nicht zur großen Masse gehören, lachen und haben strahlende Augen. Besonders fällt mir auf, dass diese strahlenden Menschen farbig gekleidet und immer zu zweit sind. Jeder hat einen Begleiter oder eine Begleiterin und verschwindet am Horizont im Nichts.

„Wo gehen diese Menschen hin?“, frage ich. „Sie sind fertig mit allem“, bekomme ich als Antwort.

Irgendwie weiß ich, dass dieses „Sie sind fertig“ gleichzusetzen ist mit dem Gang in den vermeintlichen Himmel oder ins Paradies. Wie auch immer wir diesen von allen Menschen ersehnten Bereich bezeichnen.

„Und ich, was passiert jetzt mit mir?“ frage ich wieder. „Schau her“, sagt die unhörbare Stimme. „Wenn du erkennst, was du nicht oder falsch gemacht hast, kannst du es aufs Neue versuchen. Willst du das oder möchtest du hier weiter nachdenken?“ „Muss ich wieder als Baby starten?“ frage ich. „Wie hättest du es gerne? Meinst du, du schaffst es in der kurzen Zeit, die dir bleibt? Wenn du möchtest, gehst du gleich zurück.“

„Wie viel Zeit habe ich noch?“ frage ich. „Wenn du fertig bist, wirst du geholt“, sagt die Stimme wieder. „Gut“, sage ich, „ich habe mir alles gemerkt. Wie komme ich zurück?“

„Hast du mir einen Schrecken eingejagt.“ Mein Bruder schaut mich ganz entgeistert an.

„Was ist los?“ frage ich wieder und blicke ungläubig auf das Werbeschild an der Hauswand.

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„Du bist gerade umgekippt. Ich dachte schon, du hättest einen Infarkt.“ Mein Bruder ist noch immer besorgt.

„Wie lange war ich weg?“, frage ich.

„Zwei, drei Sekunden. War wohl nur ein Schwächeanfall. Komm, wir müssen uns beeilen, wir sind spät dran.“

„Sag den Termin ab“, bitte ich meinen Bruder. Er schaut mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Und so ist es ja eigentlich auch. Irgendwie.

Inzwischen hat sich einiges geändert. Sie wissen schon. Aber wem kann ich das erzählen? Glaubt mir ja kein Mensch. Und Sie? Überlegen Sie mal, wie oft ist es Ihnen vorgekommen, dass Sie vor einer Situation stehen, in der ein anderer Mensch genau das Gegenteil von dem tut, was Sie erwartet haben?

Sehen Sie, jetzt wissen Sie, warum.

 

(c) Horst Fleitmann 2026

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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