Silke Schück

Casandra

Cassandra findet eines Morgens einen seltsamen Garten vor ihrem Fenster. Als sie ihn betritt, stürzt sie unversehens in ein Wunderland. Ein Wunderland für Erwachsene, wohlgemerkt.

Eine lustvolle Reise ...

An diesen Garten konnte Cassandra sich beim besten Willen nicht erinnern. Er konnte sich unmöglich vor ihrer Wohnung befinden, auch wenn sie gerade von dort gekommen war. Zum einen war er viel zu große und zu blühend. Gestern noch war es Winter gewesen. Schnee und Hagel regneten vom grauen Himmel.
Zum anderen, und dieser Punkt verwirrte sie besonders, wohnte sie im dritten Stock. Sie hatte nicht einmal einen Balkon, geschweige denn einen solchen Garten.
Aber er war da. Sie spürte das Gras unter den bloßen Füßen. Der Duft der blühenden Blumen kitzelte ihre Nase.
Der Himmel war wolkenlos blau, kein Lüftchen regte sich.
Unsicher wandte Cassandra sich um und stieß einen leisen Ruf aus. Das gesamte Haus war fort. Um sie herum war nunmehr nur noch der Garten. Bunte Blüten, Wiesen und Bäume. Große Schmetterlinge tanzten über die ebene Fläche, in den Baumkronen sangen die Vögel um die Gunst der Sonne.
In einiger Entfernung sah sie eine Ansammlung roter Pilze.
Unschlüssig drehte Cassandra sich einmal um sich selbst, zuckte die Schultern und ging auf den Pilzkreis zu.
Überrascht stellte sie fest, dass die Pilze ungewöhnlich groß waren. Von einem der hüfthohen Gewächse stiegen dünne Rauchkringel in den friedlichen Himmel auf.
Cassandra tat einen Schritt auf den größten der Pilze zu und begann zu
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Sie fiel. In der Wiese war ein Loch, aber es konnte unmöglich so groß gewesen sein, wie jenes, durch das Cassandra hinabraste, denn ansonsten hätte sie es doch bemerken müssen. Wenn sie sich reckte, konnte sie mit Mühe die Wand berühren.
Unter ihren Fingern fühlte sie in der Dunkelheit jedoch keineswegs Erde oder Steine, sondern hölzerne Regale. Was darin lag, vermochte sie nicht zu sagen, also griff sie im Fallen zu und zog etwas an sich.
Es wog schwer in der Hand. Sie betastete den Gegenstand mit den Fingern, fühlte seine glatte, längliche Form. Er war aus Metall, kühl und schwer und kam ihr irgendwie bekannt vor.
Ein Phallus! ging es ihr durch den Kopf. Vor Überraschung hätte sie ihn beinahe fallen gelassen. Sie befühlte den Gegenstand genauer und bemerkte verwirrt, dass das künstliche Glied äußerst detailgenau geformt war.
Einen kurzen, aber wirklich nur einen kurzen Moment lang, war sie versucht, dieses Spielzeug zu behalten, es vielleicht sogar (nur ganz kurz) zu benutzen (es wog so schön in der Hand). Aber da sie nicht wusste, wem er wohl gehören mochte, legte sie den Phallus eilig zurück.
Vielleicht gab es da in den Regalen noch mehr solcher Dinge? Wenn es doch nur Licht gegeben hätte!
Gerade als sie einen anderen Gegenstand herausziehen wollte, war ihr Sturz zu
Ende.
Sie prallte mit einem Seufzer auf einen Stapel Decken und Kissen, der freundlicherweise unter dem seltsamen Loch angehäuft worden war. Es war ein ziemlicher Berg, luftig weich, aus Samtbezügen und feinsten Daunenfederkissen, in den sie völlig einsank.
Verwundert krabbelte sie daraus hervor, strich sich eine widerspenstige Haarlocke aus der Stirn und schaute vom Kissenberg herunter.
Was war das für ein Ort?
Eindeutig ein Kaninchenbau, nur viel viel größer. Cassandra stand schon auf mindestens zwei Metern Kissen und noch immer hätte sie noch einmal so viel an Höhe benötigt, um die Decke aus dunkler, duftiger Erde zu berühren.
An der hing übrigens ein Kronleuchter. Ein besonders schöner, funkelnder kristallener Lüster. Und an den Wänden, Cassandra konnte es kaum glauben und errötete heftig, hingen Bilder im Stile der Renaissance mit sehr pikanten, man konnte sagen eindeutigen, Szenen.
Dann gab es einen gemütlichen Sessel mit goldenem Bezug, daneben ein Bücherregal, das jeden Augenblick zu bersten schien, so voll war es gestopft.
Weiter hinten in der Höhle stand ein wuchtiger Schreibtisch, überladen mit bekritzeltem Papier, und einem Globus darauf. Doch dieser hatte keineswegs die Form einer Kugel, noch waren darauf die Umrisse der ihr bekannten Welt. Es war ein buntes Ei, dessen Länder mehr wie zufällige Farbkleckse aussahen.
Schließlich gab es auch noch eine altmodische, gusseiserne Küche, auf deren Kohleherd ein verbeulter Teekessel lustig blubberte. Ordentlich war die Küche jedoch nicht, im Ausguss stapelte sich das Geschirr und überall lagen ausgetrocknete Teebeutel herum. Bestimmt Grüner-Tee-Vanille, dachte Cassandra, die glaubte, das an den gelben Pappschildchen der Beutel erkennen zu können.
Der Esstisch, kaum zu sehen unter noch mehr schmutzigem Geschirr, stand vor einem etwas kitschigen Marmorkamin, in dem ein gelangweiltes Feuerchen brannte. Der Kamin wurde von zwei riesigen, grauen Doggen flankiert. Die waren allerdings aus Porzellan.
Des weiteren gab es zwei Türen und einen Gang, der irgendwo hinführte.
Einige Augenblicke stand Cassandra staunend und unschlüssig auf ihrem Kissenberg, als eine der Türen aufflog und der Hausherr das Wohn-Schlaf-Küchenzimmer betrat. Er musste wohl der Hausherr sein, denn zum einen trug er einen altmodischen, dunkelroten Samtmorgenmantel, zum anderen Hasenohren auf dem Kopf.
Cassandra wäre beinahe von ihrem Aussichtspunkt geplumpst, so überrascht war sie ob des seltsamen Bewohners.
Er war groß wie ein Mann, nein, eigentlich war es ein Mann. Aber irgendwie auch ein Hase (oder Kaninchen - den Unterschied konnte sie sich einfach nicht merken). Auf seinem Kopf wuchsen zwei lange Löffel, braun wie sein halblanges, verwirbeltes Haar, mit zartrosa Innenseiten. Ansonsten war er schlank, ging auf zwei Beinen und hantierte mit zwei Armen, ganz wie ein Mensch.
“Potzblitz!“ entfuhr es Cassandra, als der Hasenmann zum Herd ging, um einen Tee aufzusetzen (wobei er einen Beutel aus seiner Tasche zog, in einen Becher warf und Wasser drauf goss). Da war ein kleiner, runder Bommelschwanz. Braun mit schwarzen Tupfen.
“Potzblitz!“ rief auch der Hausherr, als er die fremde Stimme hörte. Er fuhr herum und verschütte dabei den frischen Tee auf den ausgetretenen Teppich (der abwechselnd von fadem Blau und ekeligem Grau war).
“Potzblitz!“ rief er noch einmal und stellte die tropfende Tasse auf die Spüle.
Er fuhr sich mit der Hand über die Löffel, als sein Blick Cassandra entdeckte. “Potzblitz!“ sagte er erneut, dieses Mal sogar noch lauter.
Cassandra konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, denn unter dem Morgenmantel trug er ein weißes Hemd, eine burgunderrote Weste (mit der obligatorischen Uhrenkette daran), dazu eine gestreifte Samthose und an seinen Füßen rosafarbene Hasenpuschen.
“Potzblitz, was gibt es denn da zu kichern?“ wollte er wissen und wippte ungeduldig mit dem rechten Fuß, so dass die Plüschohren des Hasenhausschuhs heftig wackelten.
Cassandra errötete und schwieg.
“Und was machst du auf meinem Bett?“
“Ich ... bin zufällig hier gelandet.“ antwortete sie verlegen.
“Zufällig? Nicht absichtlich? Schade. Dann runter da.“ Er winkte mit der Hand.
Umständlich kletterte Cassandra vom Kissenberg herunter.
Ihr wurde bewusst, dass sie nur ihr Nachthemd trug, ein altmodisches, hellrosa Ding. Schüchtern blieb sie neben dem Bett des Hasen stehen.
“Schon besser. Wollen mal sehen, wen wir hier haben.“ Er trat näher. Sein Gesicht war recht hübsch, ein wenig mager vielleicht. Seine Nase schnupperte gelegentlich und in seinen dunklen Augen blitzte es seltsam.
Fasziniert betrachtete sie seine Ohren, die ihm wirklich aus dem Kopf wuchsen. beinahe hätte sie sich vorgebeugt und die Löffel berührt, aber das erschien ihr unschicklich.
“Mmh, ja, gar nicht so übel.“ bemerkte er.
Cassandra errötete wieder und tat einen Schritt zurück, denn der Hasenmann (oder Mannhase?) beschaute eingehend und ungeniert ihr Gesicht, ihre Brüste unter dem dünnen Stoff und ihre Hüften, die sich ebenfalls deutlich abzeichneten.
“Was erlauben Sie sich?“ brachte sie mühsam hervor.
Er blickte sie verwirrt an. “Wo habe ich nur meine Manieren? Ah, hier in der Morgenmanteltasche. Sind noch etwas verknittert, verzeihen Sie.“ Er tat eine tiefe Verbeugung, bei der seine Ohren wirbelten. “Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, hübsche Dame: Mein Name ist Unmöglich. Absolut Unmöglich. Auch Herr Unmöglich genannt. Meines Zeichens Verführer schöner Frauen und Verfasser anrüchiger Liebeslyrik.“ Er verbeugte sich noch einmal. “Mit wem habe ich die Ehre?“
Cassandra schaute ihn fassungslos an und brachte nur ein brüchiges “Cassa ...“ heraus.
“Casa? Ein hübscher Name. Bedeutet Haus, wenn ich nicht irre.“
“Cassandra!“
“Cassandra? Viel besser, viel schöner noch als Haus. In der Tat.“
Unmöglich wiederholte seine Verbeugung.
“So, jetzt muss ich meine Manieren wieder ablegen. Eigentlich darf ich sie nur an Sonntagen tragen, da sie ansonsten so schnell abnutzen.“ Er grinste sie anzüglich an.
Cassandra betrachtete ihn noch immer mit großen Augen.
“Du bist mir etwas schweigsam, Cassandra, ich hoffe, nicht auch im Bett?“
“Was ... was erlauben Sie sich?“
Der Hasenmann winkte ab: “Alles. Aber nenne mich doch einfach Unmöglich, das ist persönlicher, meine Süße.“
“Sie sind ... unverschämt!“
“Unmöglich. Sag doch du, meine kleine Stute.“
Cassandras Gesicht rötete sich noch weiter. “Ich bin nicht hier, um mir so etwas gefallen zu lassen!“
“Warum solltest du sonst hier sein?“ Sein Blick hing wieder begierig an ihren Brüsten.
“Ich ... weiß nicht, warum ich hier bin. Plötzlich war vor meinem Fenster ein Garten und auf der Wiese standen große Pilze. Dann stürzte ich in ein Loch und landete hier.“
“Habe ich mir gedacht. Ich hoffe, du hast nichts aus meinen Regalen entwendet? Das machen sie nämlich immer.“
“Sie? Willst du behaupten, hier fallen häufiger Frauen durch das Loch?“ fragte sie entgeistert.
“Jede Woche so ein oder zwei. Im Frühjahr auch mehr.“
Sie schnappte nach Luft: “Warum?“
Er blickte sie übertrieben genervt an: “Weil sie gepimpert werden wollen. Darum.“
“Was?!“ keuchte Cassandra.
“Aber natürlich. Das wollen sie. Darum hüpfen sie in meinen Bau.“
“Ich bin nicht gehüpft, ich bin zufällig hineingefallen.“
“Klar, das Loch ist ja auch so winzig, dass man zufällig hineinfällt.“
Cassandra funkelte ihn wütend an: “Ich bin bestimmt nicht hier, um mich von dir ...“ Sie fuchtelte wild in der Luft herum.
“Pimpern.“ sagte er trocken.
“... um mich von Dir pimpern zu lassen.“ fauchte sie zurück.
“Immer das selbe Theater. Warum solltest du im Nachthemd in mein Bett fallen, wenn nicht dafür?“
“Ich weiß es nicht. Das ist ein dummer Zufall.“
“Dummer Zufall - von mir aus. Trotzdem werden wir pimpern.“
“Werden wir nicht! Ich gehe einfach und höre mir das nicht länger an.“
Wutentbrannt stapfte Cassandra an dem Mannhasen vorbei zu Tür, aus der er eben gekommen war.
Sie riss sie auf und stand in einer engen, überfüllten Speisekammer. Sie war voller Marmeladenkrüge. Darauf stand Selleriemarmelade. Cassandra heulte auf und schlug die Tür zu.
“Ist gut für die Potenz.“ meinte Unmöglich.
Sie funkelte ihn an und öffnete die zweite Tür. Dahinter war ein kleines Badezimmer mit einer altmodischen Wanne und einem Nachttopf.
“Dann eben durch den Gang!“ rief sie und stürmte davon.
Unmöglich schüttelte den Kopf und nahm sich seines Tees an.
Der Gang war hoch und dunkel, aber gänzlich gerade, so dass das Licht aus der Wohnhöhle Cassandra den Weg zeigte. Sie eilte vorwärts, eingehüllt in den feuchten Duft frischer Erde. Sie musste sehr tief unter dem Garten sein. Bei diesem Gedanken wurde sie etwas bang, als lege sich das Gewicht der Welt auf ihre Brust. Aber sie lief weiter, bis sie sich schmerzhaft den Kopf anstieß. Sie tastete in der zunehmenden Dunkelheit umher und stellte fest, dass sich der Tunnel mehr und mehr verengte, je weiter sie lief. Schließlich kam sie nur noch gebückt, dann kriechend und bald gar nicht mehr weiter. Einen Moment kämpfte sie mit den Tränen, dann sammelte sie ihren Zorn und rauschte in Unmöglichs Gemächer zurück.
“Das ist ein ganz mieser Trick!“ schrie sie wütend.
Er saß in seinem Sessel, der ein Schaukelsessel war, nippte ungerührt an seinem Tee und blätterte in einem dicken, ledergebundenen Buch.
“Hören Sie, Mister Hase, entweder lassen Sie mich jetzt gehen, oder es passiert etwas!“ tobte Cassandra.
Doch der Hasenmann beachtete sie nicht.
Wutschnaubend entriss sie ihm das Buch. “Hören Sie mir gefälligst zu. Ich will ...“ Ihr Worte verloren sich, als sie in das Buch blickte. Es enthielt Malereien, sehr freizügige Darstellungen sich vereinigender Paare, so genau und deutlich gemalt, dass sie lebendig schienen.
Mühsam nahm Cassandra den Blick vom Buch. Ihr war warm. Vielleicht vom Laufen und der Wut, vielleicht aber auch ...
“Ich will hier raus.“ sagte sie erneut, aber die Wut war fort.
“Aber natürlich willst du das. Ich täte auch nichts lieber, als eine Rabatztante wie dich vor die Tür zu setzen. Ich kann es aber nicht.“
“Was soll das heißen, du kannst das nicht?“
Er zuckte die Schultern. “Man kommt einfach hinein, aber nicht so einfach wieder heraus.“
“Wie kommt man heraus?“
Er grinste sie an: “Man muss hinaus gepimpert werden, um es salopp zu formulieren.“
Cassandra lachte laut auf. “Das ist ja eine tolle Masche. Nötigung, so nennt man das.“
Er strich sich über die Ohren. “Ja, im gewissen Sinne kann man das so nennen. Du hast es nötig und ich auch.“
Sie funkelte ihn wütend an, sagte aber nichts.
“Du kannst aber auch gerne hier bleiben, wenn du nicht willst. Es ist nicht unbedingt so toll für zwei Personen, genügt aber. Die Selleriemarmelade ist ganz vorzüglich.“
“Bah, ich verzichte.“
“Wie du willst. Ich lese jetzt weiter, wenn es dich nicht stört.“
“Es stört mich aber.“
Unmöglich zupfte nachdenklich an einem Löffel. “Und was schlägst du ansonsten vor?“
“Es kann doch nicht sein, dass ich hier nur heraus kommen, wenn ich mit dir ... schlafe.“
“Pimpern. Schlafen kannst du alleine.“
“Nenne es wie du willst. Du weißt, was ich meine.“
“Das ist ja nicht meine Idee. So ist es nun einmal unter dem Wunderland.“
“Unter dem Wunderland? Willst du mir sagen, dass hier ist das Wunderland von Alice?“
“Jepp.“
“Das ich nicht lache. Und du bist das weiße Kaninchen?“
“Nein, sein Halbbruder.“
“Und der Osterhase ist dein Vater.“
“Mein Onkel.“
Cassandra knirschte mit den Zähnen. “So hat das keinen Zweck.“
“Du hast mich gefragt. Ich habe nur geantwortet.“
“Das carrollsche Wunderland ist aber eigentlich jugendfrei. Da wird niemand zu unsittlichem Verhalten gezwungen.“
“Schön ausgedrückt. Das hier ist eben der Teil für Erwachsene.“
“Großartig. Und bei Erwachsenen dreht sich alles nur um Sex?“
“Das meiste.“
Cassandra hob verzweifelt die Hände.
“Ich weiß nicht, warum du dich so anstellst, meine Süße. Du bist erwachsen, hattest seit zwei Monaten keinen gescheiten Liebhaber mehr, gierst nach gutem Sex und bist jetzt hier eingeschlossen mit einem der besten Liebhaber im Wunderland.“
“Woher weißt du das mit den schlechten Liebhabern?“ brauste Cassandra auf.
“Habe ich geraten.“
“Blödmann.“
“Ist mir ein Vergnügen.“ Er nahm einen großen Schluck Tee.
“Und ein Angeber bist du auch noch.“
“Das wirst du erst wissen, wenn du es mit mir versucht hast.“
Einige Zeit saßen sie schweigend da.
Unmöglich hatte ein neues Buch aus dem Regal gezogen und war ganz darin vertieft.
Cassandra setzte sich ein Stück von ihm weg auf den Boden und grübelte vor sich hin. Unmerklich wanderte ihr Blick hinüber zum Bücherregal. Manchmal schien es leise zu knirschen, als würde es auseinanderbrechen. Die Bücher und Gedichtbändchen drehten sich nur um das eine Thema.
Entnervt starrte sie Unmöglich an, aber der ließ sich nicht stören.
Und bald war ihr Blick auf das Buch gerichtet, das aufgeschlagen neben ihr lag.
Aus den Augenwinkeln sah es so aus, als wäre das Bild lebendig, als würden die zwei Paare darauf sich hemmungslos vergnügen. Wenn sie jedoch genauer hinsah, fror das Bild ein, aber Cassandra hätte schwören können, dass die vier Figuren sich nur zusammenrissen, um noch heftiger fortzufahren, wenn sie den Blick abschweifen ließ.
Irgendwo schlug eine Uhr fünf Schläge, aber sie konnte nicht sagen, woher das Geräusch kam, denn in der Höhle gab es keine.
“Teezeit.“ murmelte Unmöglich leise und nahm einen weiteren Schluck.
“Das ist mir doch zu blöd!“ rief sie.
Er sah nicht auf, sondern antwortete abwesend: “Ich finde, es ist ein gutes Buch.“
“Ich meine doch nicht das Buch.“
Unmöglich sah sie über den Rand des dicken Folianten auf seinem Schoß an.
“Du bist noch hier?“
“Scherzkeks. Wo soll ich denn sonst sein? Ich komme hier doch nicht weg.“
“Ich erinnere mich. Gefällt es dir hier?“
“Nein.“
“Schade. Du kannst dir gerne Tee machen oder ein Brot mit Selleriemarmelade. Eigentlich käme mein Neffe um diese Zeit zum Tee vorbei, aber er ist immer verabredet.“
“Hat der es gut.“
“Keineswegs. Es ist immer die selbe Verabredung und die Gäste sind nicht sehr erbaulich.“
“Schnapphase, Hutmacher und Haselmaus?“ fragte Cassandra vorsichtig.
“Richtig.“
“Das ist doch total verrückt!“
“Die Haselmaus geht. Sie schläft mehr, als dass sie verrückt ist. Bei den beiden anderen könntest du Recht haben.“
Cassandra hob hilflos die Schultern und schlenderte zur Küche hinüber, kochte Wasser und brühte sich einen Tee auf.
“Und warum sollte ich also hier weg können, wenn wir miteinander schlafen?“
“Pimpern.“ Unmöglich hob den Blick. In seinen dunklen Augen glitzerte es. Er sagte: “Schallwellen.“
“Schallwellen?“ Cassandras Schultern sackten herab. “Also ... erkläre es mir.“
Er klappte das Buch zu. “Ganz einfach: Der Tunnel hat ein ausgezeichnetes Gehör. Wenn deine Lustlaute gut genug sind, wird das Echo darin so stark, dass er sich dehnt.“
“Das ist doch absurd! Lustlaute? Du meinst, ich muss nur Stöhnen und Seufzen, dann kann ich hier raus?“
Er nickte.
“Das kann ich auch allein. Dafür brauche ich dich nicht.“
Unmöglich zupfte an einem seiner Löffel: “Das sagen sie immer, laufen in den Tunnel, seufzen und stöhnen. Sehr unterhaltsam. Aber es kommt auf den richtigen Takt an, und den kenne nur ich.“
“Dann verrate ihn mir.“
“Ich kann ihn dir nur zeigen.“
Cassandra giftete ihn an, dann blickte sie nachdenklich in den langen Gang.
“Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagst? Vielleicht kannst du mir gar nicht hier heraus helfen.“
“Das kannst du in der Tat nicht wissen.“ grinste er.
Sie schwiegen wieder einige Zeit. Cassandra versuchte still zu sitzen, aber es gelang ihr nicht. Sie rutschte unruhig umher, stahl Flusen vom Teppich oder trommelte mit den Finger eine hektische Melodie.
Schließlich sprang sie auf. “Also gut! Bevor ich hier verkümmere. Aber eins sage ich dir, Hase: Keine Ferkeleien, damit das klar ist. Wir vergnügen uns so viel, dass der verfluchte Gang aufgeht, und dann verschwinde ich von hier.“
Unmöglich blickte sie ruhig an: “Von mir aus. Wir hören auf, wann immer du möchtest. Wenn du möchtest.“
Er legte das Buch auf einen Stapel neben seinem Sessel und erhob sich.
Cassandra stand etwas verunsichert da und beobachtete ihn.
Sich langsam nähernd, musterte er sie aufmerksam. Eine Spur Amüsiertheit lag in seinem Lächeln, aber in seinen Augen glitzerte die Lust so deutlich, dass Cassandra angenehm erschauderte.
Unmöglich stand vor ihr, betrachtete sie einige Momente, ehe er langsam eine Hand hob und sanft ihre Wange berührte. Seine feingliedrige Hand strich über ihr Gesicht wie ein Windhauch.
Sein Duft umfing sie, und sie war überrascht, wie angenehm er war. Sanft, männlich, mit einem animalischen Unterton darin, der ihr die Röte in die Wangen trieb.
Er beugte sich vor und küsste sie. Für einen Moment sträubte sie sich, versuchte seinen Lippen zu entgehen, aber seine Hand hielt sie zurück, und im nächsten war sie schon in diesem Kuss gefangen.
Als er sich von ihr löste, brannte die Erregung in ihrem Gesicht und pochte in ihrem Herzen. Sie blickte ihn aus verklärten Augen an. Dann küsste er sie wieder, weniger sanft, sondern leidenschaftlicher, drängender, während seine Hände über ihren Körper fuhren, sie berührten, neckten, aufweckten.
“Was ... was geschieht hier?“ fragte sie verwirrt, nach Atem ringend.
Er legte sanft einen Finger auf ihre Lippen und lächelte.
Dann beugte er sich vor und küsste ihre Brüste durch den dünnen Stoff ihres Nachthemdes. Sie seufzte auf und krallte ihre Hände in sein Haar, berührte seine Ohren, die weich und warm waren. Das Spiel seines Mundes war außergewöhnlich und sie begann hastig, ihr Nachthemd hoch zu ziehen, damit sie seine Lippen auf ihrer nackten Haut spüren konnte.
Er hielt inne und betrachtete ihre bloßen Brüste, ehe er sie liebkoste und die Knospen benetzte. Seine Hände strichen weiter über ihren Körper, über ihre Schenkel, ihr Gesäß. Fanden einen Weg in ihren Schoß und berührten ihr entflammtes Geschlecht unter dem Stoff ihres Höschens. Im nächsten Augenblick hatte er es herunter gezogen und drängte sie sacht zurück, bis sie in den Kissenberg glitt und schwer atmend vor ihm lag. Das Haar zerzaust, das rosa Nachthemd bis über die Brüste gerollt, ihre Schenkel leicht gespreizt.
Er lächelte, ließ seinen Blick über ihren Leib gleiten, und begann, sich zu entkleiden. Morgenrock, Hemd und Hose fielen zu Boden, bis er nackt und überraschend kräftig vor ihr stand. Nur die Hasenpuschen nahm er nicht ab, und hätte sie nicht sein aufgerichtetes Glied vor sich gesehen, hätte sie darüber geschmunzelt.
Langsam ließ er sich zwischen ihren Beinen nieder, strich mit den Fingern über die weiche Innenseite ihrer Schenkel, öffnete sacht ihr Geschlecht, während sie tiefer und tiefer in die Kissen zurücksank. Ihr war, als würde sie schweben.
Als er sich auf sie legte und langsam in sie eindrang, entfuhr ihrem Mund der erste Lustlaut, ganz leise und genüsslich.
Und bald glich sich ihr Stöhnen und Seufzen seinen Bewegungen an, er gab den Takt vor und sie fiel willig darin ein, sandte dem Tunnel ihre Lustmelodie entgegen.
Bald wurde er schneller, beinahe rasend, und die Erde schien unter seinem Ansturm zu zittern. Sie klammerte sich an ihn, blickte benommen in sein angestrengtes Gesicht, sah seine Ohren hektisch auf- und abwippen, umfasste sein Gesäß, um ihn tiefer in sich zu spüren, und stürzte in einen heftigen Höhepunkt, als sie seinen Bommelschwanz berührte.
Im nächsten Moment erlag auch er seiner Lust und lag schwer atmend auf ihr, eng umschlungen inmitten des Kissenberges. Erregt und erhitzt.
Eine Weile später strich er sanft mit den Fingern über ihre Lippen, neckte ihre Nase und lächelte sie an. “Der Weg ist nun frei.“
Sie nickte nur und zog sein Gesicht zu sich heran, um ihn zu küssen.
“Ich wünsche dir eine gute Heimreise.“ sagte er, eine Tasse dampfenden Tees in der Hand, den Morgenmantel nur lose zusammengeknotet. Seine Haare waren zerzaust, seine Ohren hingen links und rechts am Kopf herab.
“Danke.“ Cassandra zog ihr Nachthemd zurecht, blickte sich noch einmal in der Höhle um, winkte zum Abschied und betrat den Tunnel.
Der Tunnel führte in einer sachten Steigung aufwärts. Die Luft war erfüllt von einem seltsamen, feucht-herben Geruch, der bald in den würzigen Duft von Moos und Blättern überging.
Obwohl es dunkel war, kam Cassandra gut voran.
Sie lief lange unter der Erde dahin, verwirrt darüber, wie tief sie durch das Kaninchenloch gefallen war.
Sie grübelte gerade darüber nach, ob das alles nur ein Traum, oder ob sie wirklich in ein Wunderland gepurzelt war (zugegeben, eines für Erwachsene), als ein träges Licht die Umrisse des Tunnels aus der Dunkelheit schälte. Es war eine weiche, grünliche Helligkeit, die über die erdbraunen Wände strich.
Bald hörte Cassandra Geräusche, es klang wie das Rauschen von Blättern und Singen fremdartiger Vögel.
Sie raffte ihr Nachthemd und eilte das letzte Stück des Ganges entlang, um im nächsten Augenblick auf einer kleinen, ruhigen Lichtung zu stehen.
Durch die Baumwipfel, eingefärbt vom dichten Blattwerk, drang zartes, smaragdfarbenes Tageslicht.
Die Bäume standen eng zusammen, schufen dunkle, geheimnisvolle Schatten zwischen ihren Stämmen.
Cassandra blickte sich aufmerksam um, schob eine widerspenstige Locke aus ihrer Stirn und beugte sich zum Kaninchenloch herab, aus dem sie eben getreten war. Es war nun winzig, gerade große genug für einen Zwerghasen.
Sie schürzte die Lippen und ging langsam auf den Waldrand zu.
Es schien keinen deutlichen Weg zu geben, aber zwischen zwei besonders hohen Bäumen glaubte sie einen dünnen Pfad zu erkennen.
Entschlossen lenkte sie ihre Schritte in das würzige Halbdunkel des Waldes.
Ein dichter Moosteppich bedeckte den Waldboden, der so weich war, dass Cassandra das Gefühl hatte, zu schweben oder auf Wolken zu spazieren.
Nach der erdrückenden Wanderung unter der Erde, war sie froh, zumindest den Himmel hinter dem Blätterdach erahnen zu können, und sie schritt fröhlich aus.
Der liebliche Gesang unsichtbarer Vögel begleitete sie, und Cassandra stimmte leise in ihr Lied ein.
Doch was war das für ein seltsamer Wald?
Das war doch nicht ... das konnte doch unmöglich sein! Aber doch ...
Neugierig trat sie näher und schob einige dichte Blätter zur Seite.
Eine sanfte Röte stieg ihr in die Wangen und sie verbarg ihre Entdeckung wieder hinter den Blättern. Aber nicht lange, und sie musste sich erneut davon überzeugen.
Und wirklich, das waren keine normalen Äste, auch kein normaler Stamm!
Er war aus Holz, ja, aber seine Form ... es war eindeutig die Form eines Phallus.
Verwirrt sah Cassandra sich um. Überall um sie herum ragten und
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die Stämme und Äste der Bäume in der Form aufgerichteter Glieder empor. Wuchtige Stämme, dicke Äste und dünne Zweiglein.
Benommen ging Cassandra weiter den schmalen Pfad entlang, der nun deutlicher hervortrat.
Bewegten sich die phallischen Äste in ihre Richtung? Cassandra blieb stehen, blickte sich nervös um, aber die Bäume schienen sich nicht für sie zu interessieren.
Bald befand sie sich auf einem breiten Weg, der immer tiefer in den seltsamen Wald führte.
Die Schatten zwischen den Bäumen verdichteten sich und mit jedem Schritt wuchs in ihr das Gefühl, von verborgenen Augen beobachtet zu werden.
Plötzlich vernahm sie ein leises Seufzen.
Cassandra blieb stehen und lauschte.
Das Geräusch wiederholte sich und kam deutlich hinter einer Biegung des Pfades hervor.
Langsam näherte sie sich der Quelle des Lautes und erblickte eine Person, die auf einem umgestürzten Baumstamm saß, einem riesigen, borkigen Phallus.
Es war eine junge Frau, jünger als Cassandra, fast noch ein Mädchen. Ihr blondes Haar leuchtete im Zwielicht des Waldes, ihre blasse Haut war so weiß wie frische Milch.
Ihr Seufzen war eine seltsame Mischung; ein leichtes Schluchzen, aber gleichzeitig ein sehnsüchtiger Klang.
Als Cassandra näher trat, blickte die Fremde auf. Sie hatte ein hübsches, unschuldiges Gesicht, mit himmelblauen Augen und einem zarten Mund. Ihre Brüste waren klein und fest, ihre helle Haut glatt und rein. In ihrem Schoß zeigte sich ein zartes Dreieck ebenso blonden Haares.
Doch auf ihren Schultern leuchteten rote Kratzer, nicht tief, aber doch ein Kontrast zu ihrer milchigen Haut.
“Hallo.“ sagte Cassandra und setzte sich unweit des Mädchens auf den anrüchigen Stamm.
Die Fremde schaute sie einige Zeit schweigend an, dann seufzte sie erneut, wieder in jenem sonderbaren Tonfall, halb schluchzend, halb sehnsüchtig.
“Ist alles in Ordnung mit dir?“
Das Mädchen nickte, schüttelte aber gleich darauf den Kopf, und zwar so heftig, dass ihre blonden Locken aufstoben.
“Was hast du?“ fragte Cassandra freundlich und rückte etwas näher.
“Sehnsucht.“ seufzte das Mädchen und zitterte leicht dabei. “Solche Sehnsucht!“ Ihre Brüste wippten leicht, als sie sich vor und zurück wog.
“Wo nach?“
“Nach ihm!“ hauchte die Frau und umschlang ein Knie.
“Wer ist er?“
“Der Kater.“
“Der ... Kater?“
Das nackte Mädchen nickte.
“Hat er dich so gekratzt?“ fragte Cassandra und deutete auf die Kratzer.
Die andere nickte erneut und sagte mit verträumter Stimme: “Ja ...“
Cassandra schaute sie verwirrt an: “Du scheinst ihm nicht böse darüber zu sein.“
“Nein.“ seufzte die Fremde. “Es ist seine Art, er kann nicht anders. Aber er ist so gut.“ Eine zarte Röte überzog ihre milchig-weiße Haut.
“So ... gut?“ fragte Cassandra vorsichtig, weil sie ahnte, worum es hier ging (und sie hatte Recht).
“Einfach himmlisch. Was machen da schon ein paar Kratzer.“
“Das muss doch weh tun.“
Die Fremde lächelte sehnsüchtig: “Ja ..., aber ohne wäre es nur halb so schön.“
Cassandra zupfte verlegen ihr Nachthemd zurecht und blickte auf den Boden.
Das Mädchen seufzte wieder.
“Und er ist ein Kater?“
“Ja, und was für einer!“
“Und er grinst.“ riet Cassandra.
“Manchmal. Nicht so viel wie sein Vetter, aber dafür hat er andere Qualitäten.“ antwortete das Mädchen hingerissen.
“Im ...“ ließ Cassandra offen.
“... Pimpern! Ganz recht!“ vollendete die andere begeistert.
Cassandra errötete nun ihrerseits. Dieses Wunderland drehte sich wirklich nur um das EINE. Und die sie umgebenden phallischen Formen nervten sie mittlerweile.
“Das passt ja irgendwie zusammen. Ein unmögliches Kaninchen und ein ... pimpernder Kater. Mir genügt es langsam. Ich glaube, ich gehe lieber weiter.“
“Wie du willst. Aber ich bleibe hier und warte auf ihn. Mein Verlangen ist so groß, meine Sehnsucht so wohlig. Ich liebe seinen getigerten Schwanz und seine Krallen.“ sang das Mädchen selbstversunken.
Cassandra verabschiedete sich und ließ den umgestürzten Phallusstamm samt zerkratzter Frau hinter sich.
Bald war sie noch tiefer in den Wald eingedrungen. Der Gesang der Vögel wurde leiser, sank zu einer sachten Melodie herab. In den Wipfeln spielte der Wind, während das grüne Zwielicht in dicken Säulen auf den bemoosten Boden fiel.
Plötzlich sah sie einen Schatten, eine flinke Bewegung zwischen den Lichtstrahlen. Erschreckt fuhr Cassandra herum, aber was immer es gewesen sein mochte, war wieder verschwunden.
Langsam ging sie weiter, ein kribbelndes Gefühl im Nacken, als würde sie von geheimnisvollen Augen beobachtet.
Wieder eine schattenhafte Bewegung, direkt neben einem der Bäume.
Cassandra wurde unruhig, blieb stehen und drehte sich einmal um sich selbst.
Das Lied der Vögel war verstummt, selbst der Wind traute sich nur noch leise zu wispern.
“Hallo, ist da jemand?“ fragte sie zögerlich, aber nur die Stille des Waldes antwortete.
Sie atmete tief ein und wollte gerade ihren Weg fortsetzen, als sie etwas auf einem Baum bemerkte.
Es war ... ein Grinsen. Das hämische Grinsen messerscharfer Zähne. Sonst nichts. Es schwebte in der Luft, direkt über einem niedrigen Ast. Verrückt, dachte Cassandra (und damit hatte sie wiederum Recht).
“Grinsekatze, bist du das?“ rief sie der Erscheinung zu.
Das Grinsen wurde noch breiter (sofern das überhaupt möglich war), dann verschwand es plötzlich.
“Nein, bin ich nicht.“ sagte eine knurrende Stimme hinter Cassandra.
Sie fuhr heftig herum.
Da saß ein Kater (ein Monstrum von einem Kater, genauer gesagt) vor ihr auf dem Weg und grinste fies. Sein Fell war dunkel, beinahe schwarz, aber im Zwielicht konnte sie darin ein getigertes Muster erkennen, das nach hinten zum Schwanz hin deutlicher wurde.
Der Kater hob eine Pfote, ließ rasiermesserscharfe Krallen heraus springen und fuhr sich damit wie mit einem Kamm über den Kopf. Dabei legte er diesen schief und die Ohren an, um nur noch breiter zu grinsen. Unter seinem glänzenden Fell spielten die Muskeln.
“Hübsches Höschen, das du da trägst.“ sagte er mit öliger Stimme.
Cassandra zog ihr Nachthemd glatt und schaute ihn böse an.
Der Kater war fertig mit seiner Verschönerung und zog die Krallen wieder ein.
“Du bist ... du bist der, der das Mädchen vorhin ...“
“Ganz genau der. Freut mich, dass du schon von mir gehört hast.“
“Du bist der Vetter der Grinsekatze!“ platzte Cassandra heraus.
Der Kater wedelte abschätzig mit einer Pfote. “Du meinst, der Vetter der Edamerkatze. Grinsekatzen sind wir alle.“ Dabei entblößte er noch mehr seiner blitzenden Zähne. “Und du bist ...?“
“Cassandra.“ gab sie zögerlich zur Antwort.
Der Kater erhob sich und umrundete sie langsam, seine funkelnden Augen musterten sie eindringlich. “Cassandra, so so. Gefällt mir, gefällt mir durchaus.“
“Hör auf damit!“ rief sie und legte ihre Hände vor ihren Schoß, den der freche Kater genüsslich anstarrte.
“Aber warum denn?“ fragte er scheinheilig und setzte sich wieder vor sie.
“Es ist anzüglich!“ antwortete sie erbost, errötete aber heftig.
“Nein, pfui! Böser Kater.“ gab er mit zuckersüßer Stimme zurück. Sein getigerter Schwanz zuckte vor Vergnügen.
“Sag mir lieber, wie ich aus diesem Wald herauskomme. Er scheint kein Ende nehmen zu wollen.“
“Das kommt darauf an, wo du hin möchtest.“
“Nach Hause.“
Sein Grinsen verschwand. “Ach, das ist ein weiter Weg. Bist du sicher, dass du ihn gehen willst?“
“Aber natürlich!“ sagte sie entschlossen.
Das Grinsen kehrte zurück. Es wuchs langsam von einem Ohr zum nächsten. “Dann könnte ich es dir verraten.“
“Das wäre nett von dir.“
Der Kater machte ein betrübtes Gesicht: “Das wäre nett, wie wahr, aber wer hat behauptet, ich sei nett?“ Er gab dem Grinsen einen verschlagenen Beiklang.
“Ich kann mir denken, was du willst. Vergiss es!“ rief sie heftig.
Das Untier (denn ein solches musste es sein), strich um sie herum.
“Warum so prüde? Ich bin wirklich ein ganz ausgezeichneter Liebhaber.“
“Ich bin nicht prüde! Aber ich werde nicht mit einem Kater ...“
“... pimpern.“ sprang er hilfsbereit ein.
“Pimpern! Genau. Werde ich nicht.“ Sie stampfte entschlossen mit dem Fuß auf.
“Ach, wenn es nur das ist. Ich kann mich auch in einen Hund verwandeln.“
“Nein!“
Er miaute kläglich. “Oder auch in einen Menschen. Ich frage mich, warum ihr ins Wunderland kommt, wenn ihr immer nur den Standard wollt.“
Ehe Cassandra ihm widersprechen konnte, vollzog der Kater eine eigenartige Metamorphose.
Sein Körper begann sich zu dehnen, wuchs und wuchs. Seine Glieder verformten sich, das prächtige Fell zog sich zurück, hinterließ glatte, helle Haut. Sein Schädel zog sich in die Länge, streifte seine Katzenhaftigkeit ab, um zu einem menschlichen Haupt zu werden. Oder zumindest beinahe. Die Ohren waren die einer Katze, sein kurzes Haar schimmerte in einem getigerten Muster, seine Augen waren gelblich, immer noch die einer Felidae. In seinem hübschen Gesicht stand unverrückbar das Grinsen, aus zwei Reihen strahlend weißer Zähne.
Sein nackter Leib war geschmeidig und wohlgeformt. Ein kräftiges Glied ragte zwischen seinen Beinen auf.
Doch seine Hände waren noch immer Pfoten, samtweich, und an seinem Gesäß tanzte zitternd ein getigerter Schwanz.
“Besser?“ lachte er und vollführte eine Drehung, damit die staunende Cassandra all seine Vorzüge betrachten konnte.
Ihr fehlten die Worte. Er war wirklich ein ausgesprochen hübscher Kerl. Und dieses Grinsen ... Es war ein wenig lausbübisch, ein wenig zynisch und durch und durch anzüglich.
Wer wollte Cassandra also verübeln, dass sie schwach wurde?
Im nächsten Moment hatte er sie ergriffen und an sich gezogen, schmiegte sie an seinen warmen Körper. Seine weichen Pfoten strichen über ihre Haut, zart wie ein Sommerwind. Seine Küsse waren wie Schmetterlinge und schienen jeden Winkel ihres Leibes zu liebkosen.
Einen Moment sträubte sie sich noch, dann ergab sie sich ihm mit einem Seufzen.
Ihr Nachthemd glitt zu Boden, auch ihr Höschen, und sie stand nackt im grünen Zwielicht des wundersamen Waldes.
Wieder zog er sie an sich, rieb sein verlangendes Fleisch an ihr. Sein Mund fand den ihren und sie spürte seine drängende Zunge. Seine Pfoten waren nun fordernder, umwarben ihre Brüste, erkundeten ihre Kehrseite und bald ihren Schoß.
Sie ließ es mit sich geschehen, eingefangen im Glanz seiner gelben Augen, beinahe hypnotisiert von seinem strahlenden Grinsen.
Er miaute begehrlich, als er ihre wachsende Erregung spürte.
Dann drehte er sie geschickt um, drängte sie auf alle Viere.
Sie fühlte das weiche Moos unter ihren Händen, dann seinen Phallus, der in sie eindrang.
Bald steigerte sich seine Begierde und seine Liebkosungen wurden wilder, heftiger, während Cassandra vor Lust kaum zu atmen vermochte.
Als sie keuchend ihrer Erlösung entgegen trieb, fühlte sie einen sanften Schmerz an ihrer Schulter. Ein wollüstiges Brennen, als seine Krallen zart über ihre erhitzte Haut glitten.
Sie schrie vor Lust und weichem Schmerz auf, dann begann sie heftig zu zittern.
Mit einem langgezogenen Miauen und wild peitschendem, getigerten Schwanz zollte der Kater ihr schließlich Tribut.
Sie ruhten erschöpft auf dem duftenden Moos, das smaragdgrüne Licht lag warm auf ihren geröteten Körpern.
Verträumt strich Cassandra über das Haupt ihres Liebhabers, der es ihr mit einem wohligen Schnurren dankte.
“Wohin muss ich mich also wenden?“ fragte sie später.
Der Kater hatte seine ursprüngliche Gestalt angenommen und war in eine Katzenwäsche vertieft. Nachdem er fertig war, setzte er sich in einen Sonnestrahl und grinste breit. “Um aus dem Wald zu gelangen, musst du einen Ritter finden, der dich auf seinem Ross hinaus bringt.“
“Was ist das denn für ein Unsinn?“
Er hob entschuldigend eine Pfote: “Ist mir nur so eingefallen. Hier treiben sich gelegentlich Ritter herum, ich dachte, du könntest einen von ihnen unterhaltsam finden. Am besten nimmst du einfach diesen Weg. Er führt dich direkt aus dem Wald.“
Die Pfote deutete auf einen schmalen Durchgang zwischen zwei phallischen Bäumen.
“Besten Dank.“ sagte Cassandra, streifte ihre spärliche Kleidung über und winkte dem Kater zu.
“Ich habe zu danken.“ miaute er.
“Grüße mir deinen Vetter.“ rief Cassandra ihm im Gehen zu, aber da begann er schon, sich aufzulösen.
Als letztes hing noch sein Grinsen in der Luft, breit und strahlend, dann war auch das verschwunden.
Sie schüttelte den Kopf, grinste selbst und machte sich daran, den Wald zu verlassen.
Abrupt erreichte sie den Waldrand. Im einen Moment war sie noch umgeben vom smaragdgrünen Zwielicht, im nächsten trat sie zwischen den phallischen Bäumen in blendende Sonnenstrahlen heraus.
Die klare Luft war erfüllt vom Duft zarter Blüten und dem Tanz von farbenfrohen Schmetterlingen.
Vor ihr lag eine sanfte Hügellandschaft aus tiefgrünen Wiesen und einem hellen Weg, der sich vergnügt in der Ferne verlor.
Cassandra schlenderte ihn entlang, froh, dem bedrückenden Wald entkommen zu sein. Ihre Schultern, da wo der aufdringliche Kater sie gekratzt hatte, brannten etwas.
Sie folgte dem Weg, ohne einer Seele zu begegnen, bald lag der Wald nur noch als dunkle Linie weit hinter ihr, bis er schließlich gänzlich hinter den grünen Hügeln verschwunden war.
Und dieses
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der Landschaft schien kein Ende zu nehmen. Sie stieg Hügel um Hügel hinauf und wieder hinunter, aber stets wartete auf der anderen Seite das gleiche Bild.
Bald war Cassandra es leid und setzte sich frustriert an den Wegesrand.
Sie ärgerte sich einige Zeit über dieses Wunderland, in dem es scheinbar nur mit erotischen Verwicklungen weiter ging (und damit hatte sie Recht), dann legte sie sich ins weiche Gras und betrachtete den Himmel.
Ruckartig setzte sie sich auf und schüttelte wütend die Fäuste. Denn die wenigen Wolken dort oben gaben keine Ruhe. Ein ferner Wind hielt sie in Bewegung und formte in trägem Wechsel mehr als eindeutige Figuren.
Gerade zog ein Paar über sie hinweg, an den Hüften innig vereint. Bald war es ein immenser Phallus, dann wieder angenehm runde Brüste oder ein wohlgeformter Po.
Cassandra seufzte resignierend und schloss die Augen, um einen Moment später eingeschlafen zu sein.
Als sie erwachte, schien sich nichts verändert zu haben. Die Sonne stand noch am selben Punkt, die Wolken zogen in der selben Unverschämtheit über sie hinweg.
Dennoch fühlte sie sich ausgeruht und räkelte sich genüsslich.
Zu ihrer Verwunderung musste sie feststellen, dass in einiger Entfernung eine Ansammlung von Bäumen stand, zwischen deren Wipfeln eine dünne Rauchfahne aufstieg.
Wie konnte ich das nur übersehen, fragte sie sich, und kam zu dem Schluss, dass sie vom vielen Wandern zu erschöpft gewesen sein musste, um sie zu bemerken (was nicht ganz stimmte, da die Bäume vor ihrem Nickerchen noch nicht dort gestanden hatten).
Sie pflückte eine duftende, zartrosa Blume (deren Name ihr nicht einfallen wollte), steckte sie sich ins Haar und ging auf die Bäume zu.
Wie erfreut war sie, zwischen ihnen ein gemütliches Häuschen zu entdecken, gelb angestrichen, mit blauen Läden und einem leuchtend roten Dach.
Ein Kiesweg führte zur Eingangstür, vor der ein livrierter Lakai stand. Es war ein Salamander, und seine Kleidung hing viel zu groß an seinem schlanken Körper.
Den Kopf gegen die Wand gelehnt, döste er im Sonnenlicht.
Cassandra trat näher, der Kies knirschte unter ihren Schritten, und räusperte sich leise.
Der Diener öffnete träge ein Auge, dann gähnte er und versuchte Haltung anzunehmen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Die altmodische, weißhaarige Perücke drohte ihm immer wieder vom Kopf zu rutschen, während er die viel zu weite Kniebundhose festhalten musste.
“Einen schönen guten Tag.“ grüße Cassandra.
“Guten Tag, Mädchen.“ antwortete der Salamander mürrisch.
“Bist du der Pförtner?“
“Nur die Vertretung. Die fette Kröte ist in der Reinigung.“
“In der Reinigung?“
“Mit ihrem Verstand ist etwas nicht in Ordnung, musst du wissen.“
“Aber was soll sie dann in der Reinigung?“
Der Lurch seufzte: “Ihr Verstand muss gewaschen, gestärkt und gebügelt werden, was denn sonst.“
Darauf wusste Cassandra keine Erwiderung.
Schließlich, als der Lakai bereits wieder die Augen schloss, fragte sie: “Wem gehört dieses Haus?“
Ein Auge öffnete sich müde. “Weiß ich´s? Ich bin nur die Vertretung.“
“Ist es vielleicht das Haus der Herzogin?“
“Mag sein. Irgendein Frauenzimmer wird schon darin wohnen.“
“Ist sie sehr hässlich?“ fragte Cassandra, die sich vage daran erinnerte, dass die Herzogin hässlich war.
“Sie ist ein Mensch, die sind alle hässlich.“ antwortete der Salamander schlecht gelaunt, aber überzeugt.
“Das war nicht nett!“
“Was soll es. Ich bin nur die Vertretung.“
“Darf ich hinein?“
“Warum nicht. Aber ich weiß nicht, ob ich hineingehen würde, wenn ich du wäre.“
“Was meinst du damit?“ fragte sie verunsichert.
“Weiß ich nicht. Kam mir nur so in den Sinn.“
“Dann sag doch lieber gar nichts.“
“Wie du meinst. Vielleicht muss ich auch in die Reinigung.“
Darauf schwieg er, schloss die Augen und war kurz darauf eingenickt.
Cassandra zögerte einen Moment, dann ergriff sie die Klinke und öffnete die Tür.
Ihre Überraschung war groß, als sie in einem riesigen, majestätischen Saal stand, an dessen Wänden vergoldete Stuckarbeiten prangten und hohe, marmorierte Spiegel hingen. In einem mächtigen Kamin loderte ein Feuer und durch die großen Fenster fiel angenehmes Tageslicht.
Cassandra trat einen Schritt zurück, wieder vor das kleine, unscheinbare Häuschen. Donnerwetter, dachte sie, ein solcher Saal kann unmöglich in ein so winziges Häuschen passen. Aber er tat es dennoch.
Der Lurch hatte ein Auge geöffnet und musterte sie skeptisch.
Cassandra hob geziert den Kopf und schritt erhobenen Hauptes hinein, ihr altrosa Nachthemd mit einer Hand raffend, als sei es ein feines Ballkleid.
Hinter ihr schloss sich die Tür mit lautem Knall.
Nun sah sie sich genauer im Saal um. Er war wirklich groß. Sie vermochte kaum das andere Ende zu erkennen.
Hier und da standen teure, zerbrechliche Stühlchen und Tischchen, meist golden bemalt, mit roten Samtbezügen.
Langsam ging sie über den glatten, spiegelblanken Boden, immer weiter in den Raum hinein.
Bald sah sie in seiner Mitte ein riesiges Himmelbett, das Holz mit kunstvollen Schnitzereien verziert, der Himmel mit einer freizügigen Szene aus dem Garten Eden bestickt.
Wie verführerisch weich das Bett doch wirkte. Als sei es ein Stückchen Himmel. Am liebsten wäre sie hinein gesprungen, um darin zu versinken, aber Cassandra war nicht mehr allein.
Vor der Schlafstatt stand eine hochgewachsene Frau in einem perlmutfarbenen, prächtigen Kleid, mit feinen Perlen und zarten Schleifchen bestickt, der Rock aufgebauscht und rund, als bedecke er einen Vogelkäfig.
Das Haar der Frau war von einem sehr hellen Blond und lag in langen, dichten Locken auf ihren Schultern. Das feine Gesicht mit einer spitzen Nase war stark gepudert, so dass der kleine Schönheitsfleck auf ihrer linken Wange deutlich zur Geltung kam.
Ihre Augen waren geschlossen, ihr Kopf leicht zur Seite geneigt, ihr Mund eine Winzigkeit geöffnet. Sie atmete schwer und fächerte sich mit einem Fächer aus weißen Schwanenfedern Luft zu.
Die Dame öffnete träge die Augen, als sie Cassandra bemerkte. Ihr Blick war verschleiert, ein wenig abwesend.
“Mach einen Knicks.“ sagte sie mit zarter, seufzender Stimme.
Cassandra blickte sie unsicher an, tat aber, wie geheißen.
“Gut.“ sagte die Dame. Dabei seufzte sie kurz und irgendwie lustvoll.
“Was möchtest du, mein Kind?“
Cassandra gefiel der Begriff Kind überhaupt nicht. Die Dame mochte nur unwesentlich älter als sie selbst sein.
“Ich weiß nicht.“ gab sie zu.
Die Dame zog eine dünne Augenbraue hoch, dann seufzte sie wieder. “Ach .... Aber du musst doch wissen, was du willst, mein Kind.“
Cassandra blickte zu Boden. “Ich weiß es eben nicht.“
“Willst du dich als Magd anstellen lassen? Die Köchin könnte dringend Hilfe gebrauchen.“
“Ich mag keinen Pfeffer.“
“Das ist ... ach ... schade.“ Wieder ein helles, lustvolles Seufzen. “Aber du magst doch Kinder, oder etwa nicht?“
“Doch, schon.“ gab Cassandra widerwillig zu.
“Und sicherlich auch Tiere.“
Cassandra nickte.
“Ach ... Dann könntest du auf mein Kind Acht geben. Die Köchin ist dazu kaum geeignet.“
“Das Kind? Das ist doch sicherlich ein Ferkel!“ rief Cassandra aus.
“Ich sehe schon, du magst es ... ach ... nicht. Dabei ist es krank und niest ganz schrecklich.“
“Das liegt am Pfeffer.“ erinnerte sich Cassandra.
“Wohl kaum. Pfeffer ist gesund. Es wäre viel kränker, wenn es keinen Pfeffer hätte.“ meinte die Dame.
Cassandra traute sich nicht, zu widersprechen.
“Dann setze dich doch, während wir überlegen, was wir mit dir ... ach ... anfangen.“
Auf den Wink der Herzogin (für die sie die Dame hielt, obwohl sie in Erinnerung hatte, dass die eigentlich hässlich sein müsste) zog sie sich ein Stühlchen heran und wollte gerade darauf Platz nehmen, als sie bemerkte, dass in der Mitte des Polsters ein eigenartiger Gegenstand angebracht war. Errötend stellte sie den Stuhl wieder beiseite. In seiner Mitte ragte ein feiner, goldener Phallus auf.
“Ich stehe lieber.“
Das zarte Gesicht der Herzogin verzog sich, ihre Lider flatterten, ihre Lippen bebten und sie brach in ein langgezogenes Seufzen (mehr ein Stöhnen, fand Cassandra) aus. In ihr blasses Gesicht trat eine heftige Röte und in ihre Augen ein verschleierter Glanz.
Sie atmete tief ein und fächerte sie hektisch Luft zu. “Wie gut ....“ gurrte sie und seufzte.
Cassandra hatte sie mit großen Augen angeblickt, aber ihre Überraschung wuchs noch, als die Herzogin ihren weiten Rock hob und eine Gestalt darunter hervor kam.
Es war eine hübsche Frau, nur bekleidet mit einer weißen Rüschenschürze und einem Häubchen (das etwas verrutscht war).
Die Dienerin machte einen Knicks (wobei Cassandra nicht umhin kam, ihr festes, bloßes Gesäß zu betrachten) und entfernte sich eilig.
Ehe die Dame ihr Kleid wieder sinken ließ, konnte Cassandra erkennen, dass sie darunter nackt war.
“Was schaust du so, mein Kind? Es ist herrlich, unentwegt geküsst und liebkost zu werden. Möchtest du es auch einmal versuchen?“ Und sie hob ihr Kleid etwas an.
Cassandra schüttelte den Kopf und rief: “Nein!“ Dann, etwas leiser, höflicher: “Nein, lieber nicht.“
Die Herzogin seufzte enttäuscht: “Schade, du hast einen sehr sinnlichen Mund.“
Cassandra errötete.
Die Frau im prächtigen Kleid ging geziert zu einem niedrigen Tischchen und betätigte ein zerbrechliches Glöckchen. Sein Klang war kaum verklungen, da erschien eine weitere Dienerin, ähnlich der ersten, ihre Brüste etwas üppiger, ihr Gesicht jedoch weniger hübsch.
Die feine Dame lupfte ihren Rock und die Dienerin schlüpfte zwischen ihre Beine. Dann senkte sich der Stoff wie ein Theatervorhang über das Schauspiel.
Cassandra machte noch immer große Augen.
Die Herzogin seufzte und fing wieder an, sich Luft zuzufächern.
“Ach ... was möchtest du also, mein Kind?“
“Nach Hause.“
“Und warum ... ach ... kommst du da zu mir?“
Cassandra zuckte die Schultern. “Es gab nur dieses Haus und da dachte ich, ich frage einmal nach dem Weg.“
“Nein, wie goldig. Ach ... Ich kann dir leider gar nicht helfen.“ Ihre Lider flatterten erneut und sie fächerte heftiger.
“Dann gehe ich wohl wieder.“
“Ach ... Das musst du ... ach ... wohl.“
Cassandra machte einen höflichen Knicks und wandte sich ab.
“Und die Moral ist: Wenn du dein Herz auf der Hand hältst, halte es nicht, sondern spiele es aus.“ rief die Herzogin. Und versank darauf in eine Reihe lustvoller Seufzer.
Cassandra hielt inne: “Was meinen Sie wohl? Ich verstehe die Moral nicht ganz.“
“Das ... ach ... macht nichts. Ich kann dir nicht helfen, aber vielleicht ... ach ... die Königin. Komm noch einmal zu mir, mein Kind.“
Als Cassandra vor ihr stand, reichte die Dame ihr eine goldgeprägte Einladungskarte.
“Zum Croquetspiel?“ fragte Cassandra vorschnell.
“Ach ... Nein, zu einer Orgie, mein Kind. Ich bin eingeladen, aber du siehst, ich kann nicht hingehen. Du kannst für mich dort erscheinen.“
Cassandra stotterte: “Das ... ist … sehr … äh … großzügig. Aber ich weiß nicht, ob ich ...“
Die Dame strich ihr sanft über die Wange. “Nur keine Scheu, mein Kind. Du wirst schon Lust bekommen, hinzugehen. Und nun ... ach ... ach ... mach´s gut.“
Und damit verschleierte sich ihr Blick hinter flatternden Lidern.
Cassandra verließ eiligst den Saal und stand bald wieder vor dem gelben Häuschen.
Die Sonne schien noch immer hell und warm, als wäre sie am Himmel festgeklebt, der Lakai döste an die Hauswand gelehnt, seine viel zu weite Hose war ihm bis auf die Knie hinab gerutscht.
Sie hielt noch immer die Einladung in den Händen. Es war eine große Karte, auf die ein goldenes Herz geprägt war. Sie öffnete sie und darin stand:

Von ihrer Majestät, der herzlichen Königin:

Einladung zu Speis und Trank, mit anschließender

Orgie.

Wir bitten um das Erscheinen der Herzogin.

Noch während sie die Zeilen las, löste sich das Wort Herzogin auf und stattdessen stand dort in schwungvollen Goldlettern: Cassandra.
Als sie weiter ging, war sie sich ziemlich sicher, nicht zu diesem Fest zu gehen (aber wir wissen ja, wie es mit solchen Entscheidungen geht).
Einige Momente betrachtete Cassandra die hübsche Einladung (sie hatte bisher noch selten goldgeprägte Karten bekommen, schon gar nicht von einer Königin), dann schüttelte sie den Kopf und warf sie zu Boden.
Ich gehe doch nicht zu einer Orgie - Königin hin, Königin her, sagte sie zu sich selbst und lief schleunigst davon.
Wieder ging es Hügel
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vorbei an saftigen Wiesen, bunten Blumen und vergnügten Schmetterlingen (die zu Cassandras Leidwesen mitten in der Paarungszeit waren).
Es kam ihr schließlich vor, als wäre sie schon eine Ewigkeit (oder auch zwei) gelaufen, aber die Umgebung änderte sich kein Stück, ja, sie hatte das Gefühl, immer den gleichen Hügel hinauf und hinab zu rennen.
Und tatsächlich war es auch so, denn als Cassandra sich wütend an den Wegesrand setzte, lag da die Einladung der Königin im Gras.
Ich bin die ganze Zeit im Kreis gelaufen, dachte sie und hob frustriert die Karte auf.
“Oder gar immer nur den selben Hügel hinauf und hinunter. Wie komme ich nur fort von hier?“ rief sie laut und rupfte eine Blume aus, die bei dieser groben Behandlung kläglich klingelte (es war eine Glockenblume).
“Sie läuft einfach nicht schnell genug.“ sagte eine Stimme hinter ihr. Es waren kratzige, zittrige Worte, wie aus einer alten Kehle. Aber dennoch klangen sie irgendwie frech.
“Aber einen hübschen Hintern hat sie.“ meinte eine zweite Stimme, ebenso rostig wie die erste.
Cassandra fuhr herum, dass ihr altrosa Nachthemd nur so wirbelte.
Da war plötzlich eine hölzerne Bank neben dem Pfad. Darauf saßen zwei sehr seltsame Gestalten (obwohl es im Wunderland eigentlich Gang und Gebe war, seltsam zu sein). Sie waren alt. Die Haut hing in schweren Falten an ihren wohl einst feisten Körpern. Ihr spärliches Haar war grau und lugte unter bunten Kappen hervor, deren Farben längst von der Sonne ausgebleicht waren.
Ihre Mondgesichter waren eingefallen, unter den kugelrunden Augen lagen tiefe Tränsäcke. Die dicken Nasen waren rot und großporig, auf den Spitzen mit geplatzten Äderchen überzogen. Hinter ihren schlaffen Lippen lagen gelbliche Zahnreihen.
Sie trugen weiße Latzhosen, die ihnen nunmehr viel zu weit waren und vor Schmutz nur so starrten. Dazu Ringelhemden in verblasstem Blau und Rot.
“Ja, einen sehr hübschen. Und ich habe so eine Ahnung, dass sie vorne herum auch ganz klasse ist.“ kicherte der linke der beiden beim Anblick dessen, was er unter ihrem wehenden Nachtgewand sah.
“Oh, ja!“ seufzte der andere.
Sie lachten heiser und hielten sich dabei die Bäuche.
Neben ihnen im Gras lagen einige rostige Kochtöpfe, ein verbogener Regenschirm und eine zerbrochene Klapper.
“Ihr seid ...“ rief Cassandra überrascht aus (vergaß dabei aber nicht, ihr Nachthemd herunterzuziehen).
Der Linke winkte mit schlaffer Hand ab (es sah so aus, als wollte er eine dicke Fliege vertreiben): “Sind wir nicht.“
“Nein, ganz bestimmt nicht. Du verwechselst uns.“ fügte der andere ohne Unterbrechung hinzu und wedelte ebenso mit der Hand.
“Oh, und wie du uns verwechselst.“
Sie legte den Kopf schief und musterte die beiden seltsamen Greise: “Dann seid ihr wohl ihre Großväter oder Großonkel oder so.“
“Sind wir nicht.“
“Sind wir ganz bestimmt nicht. Zeigst du uns noch einmal deine Kehrseite?“
“Was fällt euch denn ein, ein junges Mädchen so zu belästigen!“ rief Cassandra wütend (dabei hatte sie vergessen, dass sie es gar nicht mochte, Mädchen genannt zu werden - sie hatte sich bereits daran gewöhnt).
Die beiden Greise in der weiten Kinderkleidung schauten sie aus großen, betrübten Augen an.
“Ach, wir sind alt und einsam. Wir haben nur uns, diese unbequeme Bank und ein paar rostige Töpfchen.“ seufzte der Linke und dicke Tränen kullerten über seine faltigen Wangen.
“Jetzt hast du es geschafft, jetzt weint er. Und wenn er weint, muss ich es auch.“ schluchzte der Rechte.
Im Nu heulten die beiden ganz herzerweichend, dass ihnen dicke Tränenströme die alten Gesichter benetzten.
“Wir sind so einsam.“ heulten sie im Chor, zogen besonders schmutzige Taschentücher aus ihren weiten Latzhosen und schnäuzten sich geräuschvoll.
Obwohl sie es besser wusste, bekam Cassandra Mitleid mit den beiden.
“Weint doch nicht.“ sagte sie sanft.
Aber die beiden schnieften nur noch mehr, so dass ihre faltigen Leiber zitterten.
“So einsam.“
“Ganz einsam. Niemals eine hübsche Person. Niemand, der uns auch nur eine kleine Freude gönnt.“
Vor ihren Füßen hatten sich bereits Pfützen gebildet und es sah nicht so aus, als wollten die beiden ihr Weinen einstellen.
Sie sahen wirklich ganz elend aus.
Cassandra ärgerte sich einen Moment über sich selbst, dann seufzte sie (irgendwie hatte sie sich schon mit den seltsamen Notwendigkeiten dieses amoralischen Wunderlandes abgefunden) und sagte: “Hört schon auf zu heulen. Es macht mir auch eigentlich nicht viel aus.“
Damit wandte sie sich um und zog ganz langsam ihr Nachthemd herauf. Stück für Stück über ihre glatten Schenkel, immer weiter hinauf, bis der Saum über ihr Gesäß glitt.
Die beiden Heulsusen hielten sich umklammert und betrachteten das Schauspiel mit tränenfeuchten Kugelaugen.
Cassandra blickte sie frech über die Schulter hinweg an.
Aber sofort heulten die beiden wieder los, heftiger als zuvor, und klammerten sich dabei aneinander fest.
“Keine wahre Freude gönnte sie uns.“
“Keine ganz und gar wahre. Sie spielt mit uns. Oh, wie grausam sie ist.“
“So grausam. Für sie ist es nur ein Stückchen Stoff. Nur ein Stückchen! Aber für uns ist es so grausam.“
Und, auch wenn es kaum möglich war, sahen die beiden auf der Bank noch elender aus als zuvor.
Cassandra verdrehte die Augen, ließ ihr Nachthemd wieder sinken, zog ihr Höschen aus und wiederholte die kleine Vorführung.
Wieder stieg der Stoff langsam in die Höhe, verweilte einen zögerlichen Augenblick, um dann ihr glattes, festes Gesäß zu entblößen.
Die beiden Greise waren ganz still (und, was Cassandra nicht sehen konnte, grinsten ganz triumphierend).
“Genügt euch das?“ fragte sie und bedeckte sich wieder.
Die beiden schauten betrübt.
“Ach, könnten wir vielleicht auch ...“
“Nein, keineswegs.“ sagte Cassandra fest und zog ihr Höschen wieder an.
“Ach, schade.“ seufzten sie im Chor. Einen Augenblick schienen sie wieder mit einem Heulkonzert beginnen zu wollen, aber bei Cassandras entschlossenem Blick entschieden sie sich doch lieber dagegen. Mit zerknitterten Taschentüchern, die ebenso dringen einer Wäsche bedurften wie ihre Hosen, wischten sie sich die Gesichter ab.
Die Tränenpfützen waren bereits ausgetrocknet.
“Jetzt hattet ihr euer Vergnügen. Sagt mir dafür, wie ich von hier fort komme.“
Die beiden Greise schauten sich an, steckten die runden Köpfe zusammen und tuschelten leise.
Dann setzten sie sich ordentlich hin, räusperten sich und sagten feierlich: “Du musst nur schnell genug rennen.“
“In welche Richtung denn?“
“In gar keine. Du musst auf der Stelle rennen.“ sagte der Linke ungehalten.
“In wirklich gar keine. Du bist sehr dumm.“ ergänzte der andere.
“Und ihr seid ziemlich unfreundlich.“
Darauf hoben die beiden beleidigt die Köpfe und schwiegen.
Cassandra blickte sie böse an, dann ging sie ein paar Schritte von ihnen fort, atmete tief durch und fing an zu laufen.
“Schneller!“
“Noch viel schneller!“
Cassandra fing an zu rennen, schneller und schneller. Ihr Nachthemd wehte heftig (und zeigte zur Freude der beiden Bankbewohner deutlich ihre Konturen), ihre Haare hüpften auf und ab (wie auch ihre Brüste). Immer flinker und flinker rannte sie, ohne sich von der Stelle zu rühren.
Bald drohte ihr die Puste auszugehen, aber die beiden Greise feuerten sie jetzt mit rostigen Stimmen an: “Noch schneller! Schneller!“
Cassandra rannte und rannte, bis es schneller nicht mehr ging.
Und plötzlich verschwamm die Landschaft um sie herum, wurde undeutlich, als blicke sie aus dem Fenster eines rasenden Zuges. Nur, dass sie sich nicht von der Stelle rührte, sondern die Landschaft an ihr vorbei flog. Bäume, Hügel, Wiesen - alles jagte an ihr vorbei.
Verblüfft blieb sie stehen.

“Weg ist sie.“ jauchzte der Linke.
“Und wie weg. Ich dachte schon, sie schafft es nicht.“ sagte der andere.
“Und wie auch ich das dachte. Aber sie hat es geschafft.“
“Ja, ganz schön geschafft. Wo sie wohl hin sein mag?“
“Eine interessante Frage. Ich weiß es nicht.“ gestand der Linke.
“Ich auch nicht. Meinst du, wir hätten ihr sagen müssen, dass sie fest an ein Ziel denken muss, während sie rennt? Ansonsten kommt sie wer-weiß-wo heraus.“
“Das hätten wir ihr sagen sollen. Aber ich habe es vergessen. Bin wohl zu alt.“
“Sehr alt. Schade drum, um das junge Ding.“
“Sehr schade.“
Sie schwiegen betrübt.
“Hatte aber einen hübschen Hintern, die Kleine.“ sagte schließlich der Linke.
“Sehr hübscher Hintern. Ich habe auch ein wenig was von vorne gesehen.“ gluckste der Rechte vergnügt.

Cassandra hatte in der Tat wenig bis gar nicht darüber nachgedacht, wohin sie eigentlich wollte.
Keuchend hielt sie in ihrem Lauf inne.
Mit einem Schlag kam ihre Umgebung zum Stillstand, gewannen die unscharfen Umrisse Gestalt.
“Wo bin ich denn hier gelandet?“ rief sie überrascht, denn von der Hügellandschaft war weit und breit nichts mehr zu sehen. Auch der Himmel war hinter einer niedrigen Zimmerdecke verschwunden.
Cassandra stand inmitten eines Lädchens, denn ein solches musste es sein, da es eine kleine Theke und viele, viele hölzerne Regale gab.
Es erinnerte sie an einen alten Tante-Emma-Laden, mit seinen ausgetretenen Holzdielen, den winzigen, sanft erblindeten Schaufenstern und seinem heimeligen Duft nach Alter und Gemütlichkeit.
Auf dem polierten Tresen stand eine uralte Registerkasse, daneben eine Waage und ein großes Glas bunter Bonbons.
Neugierig sah Cassandra sich um und bald entdeckte sie hinter der Kasse einen Schaukelstuhl in dem eine Frau saß, ganz vertieft in ein Schachbrett.
Sie wollte die Spielerin nicht stören (Cassandra war sehr zur Höflichkeit erzogen worden), also begann sie zwischen den Regalen hindurch zu schlendern und sich die Auslage anzusehen.
Es mutete nicht überraschend an, dass es kein gewöhnlicher Krämerladen war. Ganz und gar nicht gewöhnlich, es sei denn, bei Tante Emma gab es derlei Dinge, wie sie Cassandra hier vorfand.
Das erste Regal enthielt eine beachtliche Sammlung von Reitbedarfsutensilien, nämlich Peitschen und Gerten.
Vielleicht ist das hier ein Reiterlädchen, überlegte Cassandra, aber überzeugt war sie davon nicht.
Da gab es klassische Reitgerten, eine lange Bullenpeitsche, Peitschen mit vielen Lederbändern oder breiter Berührungsfläche.
Im nächsten waren allerlei Lederfesseln, Geschirre und Halsbänder ausgelegt, und Cassandra akzeptierte mit einem Seufzer, dass diese Begegnung sich auch nur wieder um das EINE drehte.
Mit einer leichten Schüchternheit betrachtete sie die Fesselgerätschaften. Da waren lederne Arm- und Beinfesseln, Demutsriemen und Halsfesseln. Metallene Spreizstangen und Halsbänder, Ketten und Ringe.
Dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich einer anderen Auslage zu.
Aber ach, es wurde nicht besser. Hier waren es phallische Spielzeuge in teils aberwitzigen Größen, dort glitzernde Ketten mit kleinen Clips daran, bunte Kugel, freizügige Mieder, frivole Unterwäsche.
Cassandra schwirrte der Kopf, die warme Luft machte sie schwindlig (ganz zu schweigen von der Wärme in ihrem Leib). Sie wusste nicht, wo sie hinblicken sollte.
“Du musst etwas kaufen.“ sagte eine meckernde Stimme.
Cassandra atmete tief ein und lehnte sich erschöpft an ein Regal.
Die Verkäuferin schaute hinter der Kasse hervor.
Sie war weder alt noch jung, auch wenn ihr Haar weiß war wie das von Tante Emma. Ihr Gesicht war sehr liebenswürdig, erinnerte mit der seltsamen Nase und den leicht einfältigen Augen aber an ein gutmütiges Schaf. Sie trug einen hässlichen Rock in Blümchenmuster und ein gestricktes Tuch auf den Schultern.
“Wie bitte?“ fragte Cassandra, die sie nicht verstanden hatte.
“Kaufen. Du musst etwas kaufen.“ sagte die Frau, wandte sich aber bereits wieder dem Schachbrett zu.
“Ich ... Ich will aber gar nichts kaufen.“
Die Verkäuferin bewegte einen Springer über das schwarz-weiße Muster.
“Du musst. Dies ist ein Laden, also muss du etwas erstehen.“
“Aber wenn ich doch davon nichts will!“ rief Cassandra und hob hilflos die Hände.
“Warum bist du sonst hier?“ fragte die Frau und zog den Springer wieder zurück. Dabei kaute sie nachdenklich auf ihrer Unterlippe.
“Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet hier gelandet bin. Seit ich durch das Kaninchenloch gefallen bin, lande ich ständig irgendwo, wo ich gar nicht hin will.“ versuchte sie zu erklären.
“Ausreden, nichts als Ausreden.“
“Nein, gar keine Ausrede! Eben war ich noch bei den beiden Greisen und dann renne ich und bin plötzlich hier.“
“Weil du hier sein wolltest. Also kauf etwas.“ Ein Bauer tat einen vorsichtigen Schritt nach vorne.
“Ich möchte nichts.“
“Wie du meinst. Spielst du Schach?“ Der Bauer wurde von einem schwarzen Läufer überrannt.
Sie schüttelte den Kopf: “Nein, leider nicht.“
“Das ist schade. Ist ein nützliches Spiel. Zum Beispiel, wenn du es nicht kannst, dann musst du etwas kaufen.“
Cassandra verdrehte resigniert die Augen. Dann kam ihr ein rettender Gedanke: “Ich habe aber zufällig gar kein Geld. Ich trage nur dieses Nachthemd.“
Die Verkäuferin blickte von ihrem Spiel auf. “Das ist aber nicht nett von dir. Du kannst doch nicht einfach hier erscheinen, ohne Geld zu haben.“
“Ja, das tut mir leid. Aber nichts für Ungut. Ich gehe dann mal lieber. War nett, mit Ihnen zu plaudern.“ Damit ging Cassandra hinüber zur Ladentür. Leider war das Fenster so erblindet, dass sie unmöglich sehen konnte, was draußen auf sie wartete.
Als sie ihre Hand auf die Klinke legte, sagte die Verkäuferin in beiläufigem Ton: “Ist leider abgeschlossen.“
Und das war es in der Tat.
Wütend fuhr Cassandra herum. “Das ist Freiheitsberaubung.“
“Du bist hier erschienen, ohne die Tür zu benutzen, das ist Hausfriedensbruch.“ Dabei setze ein weißes Pferd den schwarzen König ins Schach.
“Ich kann aber nichts kaufen. Wie geht es also weiter?“ fragte Cassandra mürrisch.
Die Frau blickte auf, musterte das Mädchen abschätzig und zog die Stirn in Falten.
“Etwas musst du nehmen, anders geht es nicht. Wenn du nicht bezahlen kannst, musst du es eben abarbeiten.“
“Abarbeiten!?“ rief Cassandra entsetzt und sah sich im Raum um. Die erotischen Spielzeuge sprangen ihr förmlich entgegen. “Was verstehen Sie unter abarbeiten?“
Der König entkam dem Angriff des Springers.
“Teller waschen kannst du hier nicht. Aber etwas testen.“
“Testen?“ Cassandras Befürchtungen nahmen zu.
“Ausprobieren. Ich komme selbst nicht dazu.“
“Aber ...“
“Das ist mein Angebot. Oder du lernst das Schachspiel und bleibst hier.“
“Oh, weh. Aber was soll ich denn ausprobieren?“ fragte Cassandra schwach.
Die Verkäuferin rollte mit den Augen. “Such dir was aus.“
“Ich weiß aber nicht was.“ kam die Antwort mit hochrotem Kopf.
Ein schwarzer Bauer bedrängte keck die weiße Dame.
“Dann lass den Zufall entscheiden.“
Cassandra nickte benommen.
Dann trat sie zwischen die Reihen der Regale (weit weg von den Peitschen), schloss die Augen, drehte sich einmal um sich selbst, und streckte vorsichtig die Hand aus.
Sie spürte ein hölzernes Fach, dann berührten ihre Finger eine kühle Oberfläche.
Gerade als sie die Augen eine Winzigkeit öffnen wollte, keifte die Verkäuferin: “Nicht schummeln!“
Cassandra zuckte zusammen und griff blindlings zu.
“Was ist das?“ entfuhr es ihr.
ES WAR EIN EIGENDARTIG
GEFORMTER GEGENSTAND
AN SEINER SPITZE EHER SCHMAL
DANN SICH LANGSAM VERBREITERND
IMMER BREITER WERDENT
UM DANN PLÖTZLICH DÜNNER
ZU WERDEN
UND IN EINEM ABSCHLIESENDEN SOCKEL
AUSZULAUFEN
EIN DING GANZ AUS ELFENBEIN.






Es lag recht schwer in ihrer Hand.
Die Verkäuferin blickte auf. “Ah, was zum Vergnügen. Sehr fein. Viel Spaß damit.“
“Wofür ...“ Cassandra fehlten die Worte.
Die Frau rollte wieder mit den Augen. “Dummes Kind, ein Spielzeug für rückwärtige Vergnügungen - du verstehst?“
Cassandra überlegte einen Moment, machte große Augen und stellte es hastig wieder zurück. “So groß? Nein, danke.“
“Dann nimm eben etwas anderes. Aber beeil dich.“
Wütend ergriff Cassandra sich einen Elfenbeinphallus mittlerer Größe.
“Dort drüben ist eine Kabine, da kannst du ihn ungestört probieren.“
Es war eine kleine Umkleidekabine mit einem Stühlchen darin, einem hohen Spiegel und einem roten Vorhang.
Cassandra trat unschlüssig hinein und zog sorgfältig den Vorhang zu, damit die Verkäuferin auch ja nichts sehen konnte (aber die war nur an ihrem Schachspiel interessiert).
Sie betrachtete noch einmal das Spielzeug in ihrer Hand (es war ausgesprochen fein, ja künstlerisch gearbeitet), dann lupfte sie ihr Nachthemd, zog das Höschen etwas herab und begann mit dem Testen.
Und es testete sich sehr gut.
Als sie mit geröteten Wangen wieder hervortrat, blickte sie geniert zu Boden, weil ihr Versuch vielleicht etwas laut gewesen war.
Aber die Schachspielerin schien das nicht gestört zu haben. Sie hatte bereits eine neue Partie begonnen.
“Die Tür ist auf, du kannst nun gehen.“
“Wollen ... Wollen Sie denn nicht mein .. Urteil?“ fragte Cassandra unsicher.
“Nein, es war kaum zu überhören.“
“Dann guten Tag.“
“Guten Tag.“
Cassandra verließ verwirrt das seltsame Geschäft, das Spielzeug noch immer in der Hand.
Ein kränkliches Glöckchen schellte beschwerlich, als sie hinaus an die frische Luft trat.
Da war ein breiter Weg, der um eine Biegung verschwand, ein herrlicher See (der zum Nacktbaden einlud), zarte Birken und eine Wiese mit trägen Kühen.
Als Cassandra sich umblickte, sah sie das winzige Lädchen. Es hatte ein Strohdach und war ganz allerliebst. Allerdings klebte direkt hinter ihm ein großes, prunkvolles Gebäude, ein wenig wie ein altmodisches Theater.
Neugierig umrundete sie das Haus und stand vor dem Eingang des rückwärtigen Gebäudes.
Es war tatsächlich ein Schauspielhaus. Es gab einen kleinen Kartenverkauf mit einem schnarchenden Verkäufer darin, allerlei Schaukästen und eine große Werbetafel über dem Eingang.
Ein Angestellter war dabei, die Lettern zu wechseln.
Gerade fielen ein C,
ein a
und ein s
zu Boden.
“Das gibt es doch nicht!“ entfuhr es ihr.
Da stand:
Cassandra
Und darunter:
erotisches Schauspiel
Im vordersten Schaukasten waren zwei Zeichnungen von ihr, die sie in eindeutiger Pose in der kleinen Kabine zeigten.
Verwirrt und empört stand Cassandra vor dem Schaukasten (sie dachte ernsthaft darüber nach, sich beim Geschäftsführer zu beschweren), als die Türen aufschwangen und eine Schar Herren aus dem Theater kamen.
Sie waren in altmodische Anzüge gekleidet, mit Hüten, Schlips und Regenschirm. Manche trugen Aktentaschen mit sich, andere hatten den Mantelkragen hochgeschlagen, um etwas anonymer zu sein. Sie pafften qualmende Zigarren oder sogen an bauchigen Pfeifen. Sie lachten und hielten sich die dicken Bäuche, formten mit wollüstigem Blick weiblichen Linien in der Luft. Es wurden mehr und mehr, so viele, dass sie kaum in das Innere des Gebäudes passen konnten.
Und als sie Cassandra erblickten, hoben sie zu einem lauten Rufen an. In ihren Augen glitzerte es, ihre Gesichter röteten sich noch mehr.
Das Mädchen stand einen Moment fassungslos da, dann schrie auch sie, als der Pulk auf sie zu stürmte, wild mit den Armen rudernd, rufen, johlend, lachend.
Cassandra flüchtete (wobei sie das Elfenbeinspielzeug verlor, dass die Menge mit Begeisterung und einer wüsten Prügelei auflas), rannte hinunter zum See und verbarg sich zwischen den jungen Birken, bis die Männerschar erfolglos abgezogen war.
Kaum war die Männerschar an ihr vorbei, schlüpfte Cassandra zwischen den jungen Birken hervor und eilte zum Ufer des Sees, denn dort hatte sie ein weißgestrichenes Ruderboot entdeckt. Es dümpelte träge im Wasser und war an einem Pfahl am Ufer festgemacht.
Eilig löste sie das Tau, sprang ins Boot (das beinahe kenterte) und ergriff eines der Ruder.
Sie ignorierte geflissentlich, dass der Griff einem Phallus nachempfunden war, und stieß sich vom Ufer ab.
Nicht, dass sie wusste, was sie tat. Der Gedanke an Flucht hatte sie nicht nachdenken, sondern einfach handeln lassen (für die kleine Vorstellung in der Kabine genierte sie sich sehr).
So trieb sie schon ein gutes Stück vom Ufer entfernt dahin, als sie sich zu fragen begann, wohin die Flucht denn eigentlich führen sollte.
Sie blickte sich um und sah eine kleine Insel in der Mitte des Sees. Sie war von hohen Kiefern bevölkert, die so dicht standen, dass sie eine undurchdringliche Mauer bildeten.
Entschlossen ergriff Cassandra die anrüchigen Ruder und begann kräftig zu rudern (was denn auch sonst?).
Aber das Wasser war sehr widerspenstig.
Nicht, dass sie gegen starke Wellen angehen musste. Nein, der See lag unbewegt vor ihr. Es war das Wasser selbst, das irgendwie kaum zu berudern war.
Erschöpft legte Cassandra eine Pause ein. Am Himmel tanzten ein paar (wohlerzogene) Wolken, aber eine Sonne war weit und breit nicht zu sehen. Dennoch war ihr sehr warm (obwohl sie doch kaum etwas trug).
Hier und da trieb etwas im Wasser; es sah aus wie große Stücke Tang oder der helle Umriss eines Fisches.
Und in der Luft hing ein schwerer Duft, sehr würzig, ein wenig fischig, aber nicht unangenehm, sondern schmackhaft.
“Schmackhaft?“ fragte sie sich und beugte sich neugierig über Bord (wobei sie ganz entzückend ihren Popo zeigte - aber leider war niemand da, es zu sehen).
“Hallo, du.“ sagte eine blubbernde Stimme, und vor ihr tauchte ein Fisch aus dem Wasser auf.
Vor Schreck stolperte Cassandra zurück (und setzte sich dabei unsanft auf besagtes Gesäß), so dass ihr kleines Boot bedenklich schaukelte.
“Was hast du denn?“ fragte der Fisch, der nicht über den Bootsrand blicken konnte. “Geht es dir gut? Ist etwas?“
“Du hast mich erschreckt!“ gab sie zur Antwort, rieb sich die schmerzende Stelle und besah sich ihren Gesprächspartner.
Er war eben ein Fisch (sie wusste nicht, was für einer), groß wie ein Hund (wohlgemerkt, ein Hund mittlerer Größe), mit silbrigen Schuppen, starren Augen und einem breiten Maul. Er hatte den Kopf aus dem Wasser gestreckt und trieb neben dem Boot dahin.
“Das tut mir leid. Dabei bin ich doch nur ein Fisch. Zugegeben, ein prächtiger, aber erschreckt hat sich noch nie jemand vor mir. Ich glaube, es gefällt mir.“ In seiner trägen, blubbernden Stimme klang so etwas wie Begeisterung an.
“Gewöhne es dir gar nicht erst an, es ist nicht nett.“ mahnte Cassandra.
“Wie du meinst. Wer bist du?“
“Cassandra. Und du?“
“Blubb.“
“Blubb?“
“Blubb.“ und dabei blubberte er genüsslich.
In diesem Augenblick zog ein Schwarm seltsamer Vögel dicht über das Wasser dahin. Cassandra hielt sie erst für Möwen, aber als sie unweit des Bootes vorbeizogen, rieb sie sich verwundert die Augen. “Was sind denn das für Vögel?“
“Keine Vögel. Es sind fliegende Schnitzel.“
“Fliegend was?“
“Schnitzel. Die letzten ihrer Art.“
Tatsächlich sahen die Leiber der fliegenden Wesen aus wie frische, unpanierte Schnitzel mit weiß gefiederten Flügeln.
“So etwas gibt es doch gar nicht!“ rief Cassandra.
“Doch, aber nicht mehr lange. Jedes Jahr fliegen sie gen Süden. Aber dort werden sie verspeist. Bald gibt es keine mehr. Das dort sind die letzten. Sie werden nie wieder fliegen.“ blubberte der Fisch traurig.
Sie beobachteten, wie die Schnitzelschar einen weiten Bogen flog, sich dann höher und höher schraubte und schließlich immer kleiner wurde. Dann schwiegen sie traurig.
“Du bist mal eine angenehme Gesellschaft, Blubb. Du redest nicht immer über das EINE.“ lenkte Cassandra ab (den sie mochte es gar nicht, traurig zu sein und bekam davon immer Bauchschmerzen - aber vielleicht war das auch nur Hunger).
“Ich darf es nur nicht. Früher war ich ein schöner Prinz, sehr potent, musst du wissen. Ich hatte viele, sehr viele willige Frauen.“
Cassandra verdrehte die Augen, aber der Fisch ließ sich in seiner Geschichte nicht stören. Er fuhr fort: “Aber einmal da pimperte ich mit der Tochter einer bösen Hexe, die uns auch prompt überraschte. Sie war sehr wütend und verwandelte mich daraufhin in einen Fisch.“
“Das tut mir leid.“
“Wenn du mich küsst, werde ich erlöst, und wir könnten ...“
“Kein Bedarf.“ meinte Cassandra.
“Schade. Aber eigentlich bin ich gerne ein Fisch. Man hat so wenig Verpflichtungen. Nur die Essenszeit ist etwas stressig.“
“Gibt es nicht genug?“
“Es gibt sogar reichlich. Kannst du es nicht sehen? Ich bin zum Glück sehr geschickt und schon zwei Mal vom Löffel gesprungen.“
Cassandra blickte ihn verständnislos an: “Vom ... Löffel gesprungen? Du meinst, einem Raubfisch entkommen?“
“Was denn für ein Raubfisch? Nein, ich meine den Löffel von der Essenszeit.“
“Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Der Fisch blubberte amüsiert: “Was, meinst du, ist das hier wohl?“
Verwirrt sah Cassandra sich um. “Na, ... ein See mit einer Insel.“
“Nein, es ist Suppe.“
“Suppe?“
“Natürlich.“
Verblüfft betrachtete Cassandra das Wasser. Es war in der Tat seltsam, ein wenig fettig. Und das Treibgut war kein Seetang oder Fisch, sondern Suppengrün und Brotstückchen. Und der Duft war der nach Fischsuppe.
“Das ist doch verrückt. Ich treibe in einem Ruderboot auf einem Suppensee.“
“Kein Boot, sondern eine Suppenschale.“
Als Cassandra diese Worte hörte, war es tatsächlich kein hölzernes Boot mehr, in dem sie saß, sondern eine weiße Porzellanschüssel mit zartblauen Blümchen darauf.
In den Händen hielt sie keine Ruder, sondern verzierte Suppenlöffel.
“Das gibt es doch nicht!“ (Aber das gab es doch - langsam sollte sie sich doch daran gewöhnt haben)
“Ich empfehle dir aber, erst näher an der Insel zu speisen. Da ist die Brühe schmackhafter. Und nicht schlürfen, das hören wir nicht gern.“ blubberte der Fisch.
“Ich habe aber keinen Appetit. Kannst du mir sagen, was sich auf der Insel befindet?“
“Es ist aber ein ausgezeichnetes Süppchen, du solltest es probieren. Die Insel? Ich bin ein Fisch, Mademoiselle, und das Land ist mir zuwider.“
“Ich dachte ja nur ...“
“Bedaure, damit kann ich nicht dienen. Wäre ich eine falsche Suppenschildkröte, dann wäre ich sicherlich schon einmal an Land gegangen. Aber ich bin es nicht. Und nun entschuldige mich, ich habe zu tun.“
Damit tat der Suppenfisch (ob falsch oder echt, wusste Cassandra nicht) einen Sprung und verschwand in den Fluten.
Cassandra ruderte weiter, wich mühsam einem großen Stück aufgeweichten Brotes aus und erreichte endlich den kleinen Inselstrand.
Sie zog die Suppentasse an Land (und achtete dabei darauf, keine Brühe an die Füße zu bekommen, denn die war hier sehr heiß) und setzte sich in den Sand.
Die Suppenwellen brandeten leise ans Ufer und rollten gemütlich aus.
Hinter dem Strand erhob sich der Wall dichter Kiefern, zwischen denen es kein Durchkommen zu geben schien. Auch waren sie allesamt so hoch gewachsen, dass sie unmöglich etwas dahinter erblicken konnte.


Sechstes Kapitel? Sechste Episode? Sechs? Sex? Sex! Sexte Episode.

Nachdem sie ein Weilchen geruht hatte, machte Cassandra sich daran, die Insel zu erkunden.
Am Waldrand war der angenehme Kiefernduft stark genug, das Fischaroma zu überdecken.
Die Bäume schienen uralt zu sein und standen so dicht beisammen, dass es für sie kein Durchkommen gab.
Einige Zeit wanderte sie den Strand entlang, wobei sie verwundert feststellte, dass die Insel viel größer war, als es von ihrer Suppentasse aus den Anschein gehabt hatte.
Am Himmel zogen Wolken auf und es sah bald nach einem heftigen Unwetter aus, das sich über dem See zusammenbraute.
Hoffentlich schadet das nicht dem Geschmack der Suppe, dachte Cassandra.
Plötzlich glaubte sie Stimmen zu hören, ganz schwach, ein wenig fipsig, wie von aufgeregten Kindern. Sie kamen zwischen den Bäumen hervor.
Cassandra versuchte etwas zu erkennen, aber vergeblich. Schließlich suchte sie sich einen einigermaßen breiten Zwischenraum und begann, sich zwischen zwei Stämmen hindurch zu zwängen.
Wie gut, dass ich nichts von der fettigen Suppe genommen habe, keuchte sie. Dennoch wollte sie kaum hindurch passen. Sie wandte sich, zog und zerrte, schien für einen Augenblick stecken zu bleiben (sehr ungünstig, weil sich ihr Popo gerade in kecker Anmut zwischen den Stämmen befand), ehe sie hindurch war.
Allerdings blieb ihr altrosa Nachthemd dabei unglücklich (zumindest für Cassandra) an einem Ast hängen. Es gab ein reisendes Geräusch und als sie das Malheur betrachtete, fluchte sie leise (und sehr ungezogen). Ihr Nachtgewand war nun an der linken Seite geschlitzt und zeigte sehr viel Bein.
Über ihr ertönte ein vielstimmiges Kichern, kindlich und wie der Klang zarter Glöckchen.
Auf den Ästen der alten Bäume (die zum Glück fest schliefen), saßen unzählige kleine Gestalten, faustgroß, mit zarten Körpern und glitzernden Flügelchen. Die meisten von ihnen waren nackt, lagen engumschlungen beisammen (und taten, was man nackt und engumschlungen so tat) oder tranken Wein aus winzigen Kelchen.
Cassandra blickte wütend zu ihnen auf, denn offenbar amüsierten sie sich königlich über ihr Ungemach.
“Was fällt euch ein, so über mich zu lachen!“
Woraufhin die Feen (denn um solche handelte es sich eindeutig) nur noch mehr kicherten.
“Was fällt uns ein?“ sangen sie im Chor und kreischten vor Vergnügen und winkten Cassandra zu.
Die schüttelte drohend die Faust, aber das sorgte für keinen nennenswerten Eindruck.
“Ihr unverschämten Feen!“ schimpfte Cassandra wie ein Rohrspatz (vor allem, weil die meisten Paare trotz Gelächter nicht in ihren anzüglichen Aktivitäten inne hielten).
“Unverschämt! Genau un-ver-schämt!“ jubelten die Feen.
“Ach, schert euch doch fort.“
“Nicht doch, nicht doch, Mädchen.“ rief eine besonders vorwitzige Fee. Dabei ließ sie sich vom Baum fallen, nur um im nächsten Moment vor Cassandras Gesicht zu schweben.
Es war eine hübsche Fee (aber das waren sie ohnehin alle), mit langem, schwarzem Haar, einem Stupsnäschen, makelloser Haut, kleinen, spitzen Brüsten und schillernden Flügeln.
“Du bist schön, wenn du so zornig bist.“ trällerte die Fee.
“Zisch ab!“ sagte Cassandra mit zornesrotem Gesicht. Dabei versuchte sie, die Fee zu fangen, aber das kleine Wesen entschwand ihr lachend. Die anderen Feen stimmten in das Gelächter ein.
“Lasst mich in Ruhe!“
“Sei doch nicht böse. Du kannst es dir erlauben, Bein zu zeigen.“
Cassandra knirschte mit den Zähnen, aber die Fee schlug einen Purzelbaum und lächelte gewinnend.
“Sei doch nicht so verkrampft. Kein Grund, sich zu genieren. Möchtest du etwas Wein?“
Den wollte Cassandra gern (sie war sehr durstig), aber zum Glück fiel ihr rechtzeitig ein, dass man von Feen keine Speisen und Getränke annehmen durfte (ansonsten musste man ihnen zudiensten sein oder ewig im Feenreich bleiben). “Nein, doch lieber nicht.“
“Ganz wie du meinst.“ grinste die Fee. Ihre flatternden Flügel schillerten in den schönsten Regenbogenfarben.
“Wo bin ich hier?“ fragte Cassandra.
“Ach, nur eine kleine Feenparty. Nichts besonderes. Wir treffen uns einmal im Monat hier, um ein bisschen auszuspannen.“
“Auszuspannen?“ fragte Cassandra skeptisch und beobachtete ein Feenpaar, das sich unweit von ihr ganz unzüchtig einander hingab.
“Du weißt schon - etwas Wein trinken, reden und sich vergnügen.“
“Sieht mir eher wie eine Orgie aus.“
“Du hast noch keine Feenorgie miterlebt, Mädchen.“ kicherte die Fee.
Die Aufmerksamkeit der anderen Feen war geschwunden, die meisten kümmerten sich wieder um einander und den Wein.
“Etwas Feenstaub könnte dir nicht schaden.“ schlug die Fee vor.
“Kann ich damit fliegen?“
“So viel habe ich leider nicht vorrätig. Aber du würdest locker werden und könntest dich mit uns vergnügen.“
“Mit euch ... vergnügen?“ fragte Cassandra spitz.
“Nun zieh nicht so ein Gesicht. Wir Feen sind sehr gut im Umgang mit euch Menschen. Du würdest die höchsten Wonnen erleben.“
Cassandra errötete heftig.
“Genier dich doch nicht so. Sicherlich die Erziehung deiner werten Frau Mama. Ist meistens so.“
“Lass meine Mutter aus dem Spiel.“ schnappte Cassandra.
Die Fee setzte sich auf ihre Schulter und hob entschuldigend die Hände: “Ich meine ja nur. Du solltest mein Angebot nicht ausschlagen. Wir verteilen unseren Feenstaub nicht einfach an jeden.“
“Also ich weiß nicht ...“ sie fühlte sich geschmeichelt.
“Du bist eine so hübsche Person. Wir tun das gerne für dich.“
Cassandra sah sich unsicher um. Die Feen sahen ganz zauberhaft aus (was sollten sie auch sonst tun), und das Spiel ihrer glitzernden Flügel wirkte irgendwie hypnotisch. “Vielleicht ...“
“Nicht nur vielleicht, Mädchen. Wir werden dir nichts böses tun. Komm, tritt in die Mitte des Kreises.“
Und tatsächlich hatten die Feen einen Kreis gebildet, indem sie sich bei den Händen hielten und über Cassandras Kopf schwebten. Alle sahen nun feierlich aus (wenn auch nicht völlig ernst).
Wie verzaubert stand Cassandra da, lauschte auf den fremdartigen, verführerischen Singsang der Feen und spürte, wie ihr Herz im angeregten Takt dazu schlug.
“Zieh dich aus, Mädchen.“ flüsterten die Feen.
Benommen kam Cassandra der Aufforderung nach. Erst glitt ihr zerrissenes Nachthemd zu Boden, dann ihr Höschen, bis sie nackt da stand.
Die schwarzhaarige Fee stieg hoch über Cassandras Kopf, verweilte dort einen Moment und ließ dann eine winzige Hand voller Feenstaub hinabrieseln.
Es war ein zartes, glitzerndes Pulver (von dem manchen glauben, es werde aus dem Regenbogen selbst gemacht), das in allen Farben schillerte und sich wie ein sanfter Sternenschauer über sie ergoss. Er berührte ihre Haut und war dabei gleichzeitig warm und kalt, legte sich auf ihre Augen, kitzelte in ihrer Nase und benetzte ihre Lippen.
Der Geschmack war schöner und berauschender, als alles, was sie jemals gekostet hatte.

Sie schien zu schweben. Irgendwo, im süßen Nichts.
Da war eine tiefe Dunkelheit um sie, intensiv wie die Schatten zwischen den Sternen.
Einen Moment fühlte sie sich ängstlich und verloren, aber dann tauchten die ersten zarten Lichter darin auf.
Ihr Körper pulsierte warm und köstlich, eine Woge Erregung darin, wie von lieblichem Wein.
Die Lichter umfingen sie, es schienen Myriaden zu sein. Und in ihrem Schein vermeinte sie winzige, geflügelte Gestalten zu erkennen, die glöckchenzart lachten.
Die ersten Berührungen waren wie sanfte Nadelstiche, weckten ihren Körper, der vorher nur in tiefem Schlummer gelegen hatte.
Es war ein Streicheln und Erkunden, ein Erobern und Kitzeln, ein Necken und Fordern.
Sie waren überall. An ihrem Mund, dem sie zarte Küsse stahlen. An ihren Ohren, denen sie lustvolle Seufzer schenkten. An ihren Brüsten, die sie sachte berührten. Auf ihrem Bauch, prickelnd und neckend. An ihren Schenkeln, weniger sanft, aber um so erregender. An ihrem Geschlecht, so einfühlsam, dass es ihr die Sinne raubte.
Bald zerfloss sie unter den Liebkosungen, war ganz darin gefangen, ganz davon eingenommen. Darin verloren, darin bewahrt.
Ihr Lustseufzen perlte von ihren Lippen und stieg hinauf in die Dunkelheit, in der jetzt klar und rund der Mond stand.
Ihr Körper zitterte, wurde warm, bald heiß, krümmte sich vor Anspannung zusammen, um dann endlich in Erlösung zu entspannen.
Die Lichter jubilierten, ließen ihr einige Atemzüge, ehe sie sich wieder auf sie herabsenkten ...

Cassandra schreckte hoch.
Hatte sie geträumt? Sie fühlte sich müde und unwirklich, als wäre sie gerade einem Traum entfallen.
Unter sich spürte sie weiches Moos und einen benebelnden Kiefernduft.
Sie öffnete die Augen, aber es war tiefe Nacht und die Schatten der Bäume umgaben sie wie schützende Freunde.
Sie seufzte zufrieden, zog das Nachthemd über sich zurecht und schlief bald wieder ein.

Als sie erneut erwachte, war es helllichter Tag.
Die Erinnerungen an die vergangene Nacht waren seltsam verschleiert. Sie erinnerte sich an kleine Lichtpunkte, an den Mond und die Bäume und an ...
Cassandra errötete heftig und streifte ihr Nachthemd über.
Was für ein Traum, dachte sie. Was für ein wollüstiger Traum.
Verwirrt, erregt und durchaus geniert, wanderte sie weiter.

Sie irrte lange in dem Wald umher. Hier und da gab es schmale Durchgänge, aber dahinter warteten nur weitere Bäume.
Bald war das Gefühl des Traumes verflogen und machte einer sachten Frustration Platz. Irgendwie wusste Cassandra, dass sie in die Mitte der Insel gelangen musste, aber es wollte ihr nicht gelingen.
Plötzlich drang zwischen den Bäumen ein trauriger Singsang hervor. Cassandra blieb stehen und lauschte. Es war eine lispelnde Stimme, die zwischen jeder Zeile herzerweichend seufzte, schniefte und dann mit zitternden Worten fort fuhr.

Drachenhausen ist nicht mehr,
es brannte ab, das ist verquer.
Dabei war es doch feuerfest,
nun gibt es nur nen Ascherest.

Drachhausen war ein schöner Ort,
ach, wie gerne war ich dort.
Im runden Turm, hoch oben da,
wie traurig, dass es das nun war.

Dort gab´s immer Tee und Kekse,
jetzt nur noch Ruinen - ekkse.
Die Drachensoße war auch fein,
alles dahin, oh, wie gemein.

Drachenhausen gibt´s nicht mehr,
dabei sehne ich mich so sehr,
nach meiner einst´gen Heimatstadt,
aber ach, die ist nun platt.

Mir bleiben nichts als Erinnerungen,
deshalb habe ich dies Lied gesungen,
so einsam und verlassen war ich nie,
mein Drachenhausen ist dahi´.

Und dann weinte der Sänger ganz hemmungslos.
Leise näherte Cassandra sich einem Spalt zwischen zwei dicken Stämmen, und konnte dahinter auf einer kleinen Lichtung eine Gestalt erkennen.
Es war ein kleiner, grüner Drache. Er reichte ihr gerade einmal bis zur Hüfte und hatte eine niedliche Schnauze, aus der mit jedem Seufzer kleine Rauchwölkchen aufstiegen. Dicke Drachentränen kullerten aus seinen Augen, während er unruhig mit den kleinen Flügeln flatterte. Vor sich auf einem Baumstumpf hatte er eine Kanne Tee, ein feines Tässchen und einen Teller duftender Kekse stehen, aber er rührte nichts davon an.
“Hallo, du.“ rief Cassandra sanft.
Der kleine Drache schreckte auf, stieß die Teekanne um, deren Inhalt über die Kekse lief, und war mit einem Satz zwischen den Bäumen verschwunden.
“Ich wollte dich nicht erschrecken. Komm bitte zurück, kleiner Drache. Du musst nicht traurig sein.“
Aber der Drache erschien nicht mehr, auch nicht, um sein Teeservice abzuholen.
Traurig wanderte Cassandra weiter.
Cassandra wanderte lange Zeit zwischen den uralten Bäumen umher und es schien, als wäre sie nunmehr die einzige lebende Seele dort. Nicht einmal Vögel zwitscherten hoch oben in den Ästen.
Es gab eine Reihe von Bäumen, die so dicht standen, dass sie eine unüberwindbare Palisade bildeten.
“Was mag nur dahinter sein?“ fragte sie sich, aber es gab niemanden, der ihr eine Antwort hätte geben können.
Sie fühlte sich zunehmend einsam und dachte an ihr Zuhause, das nun so weit und unerreichbar fort zu sein schien.
“Ob ich jemals wieder dorthin gelange? Ob ich dort jemals wieder glücklich sein kann?“ sinnierte sie, ohne zu einem rechten Schluss zu kommen, denn sie musste sich eingestehen, dass es ihr im Wunderland doch irgendwie gefiel.
Als sie schon glaubte, ewig im Kreis gerannt zu sein, stand sie plötzlich vor einem schmiedeeisernen Tor, das links und rechts von einer efeuberankten Säule eingefasst war.
Oben auf der rechten saß ein steinerner Löwe, den Kopf majestätisch erhoben, eine Pranke auf einen Schild gestützt, dessen Wappen völlig verwittert war.
Die linke Säule trug früher einmal einen Zwilling des Löwen, aber sein Platz war jetzt leer, nur der Schild stand noch an seinem Platz.
Hinter den rostigen Gitterstäben sah Cassandra einen weitläufigen Garten. Er war von sattem, dunklem Grün, ein wenig herbstlich eingestimmt, mit dichten Büschen, hohen Bäumen und wilden Blumen. Hier und da meinte sie das Schimmern einer Marmorfigur erkennen zu können. Es gab einige Springbrunnen, kleine und große, einen halb zerfallenen Pavillon und die Ruinen eines alten Landhauses, von dem nur mehr überwucherte Mauern geblieben waren.
Der Garten war schon seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden und die Pflanzen wuchsen und wucherten vor sich hin.
“Huch!“ stieß Cassandra aus, denn vor ihren Füssen geschah etwas seltsames.
Eine Gruppe Blätter rannte freudig quiekend an ihr vorbei und unter den Stäben des Tores hindurch. Die Blättchen hatten Arme und Beine, es waren vielleicht zwanzig an der Zahl, und sie schienen sehr vergnügt zu sein.
“Nein, so etwas!“ sagte Cassandra verblüfft.
Als sie aufblickte, sah sie aus den Augenwinkeln, wie der steinerne Löwe herzhaft gähnte. Er hielt sich nicht einmal die Pranke vor das Maul.
Cassandra blickte ihn neugierig an, aber der Wächter war sofort wieder in seine Ausgangshaltung verfallen und tat so, als würde er das Mädchen nicht bemerken.
“Ich habe gesehen, wie du gegähnt hast, also tu nicht so, als könntest du dich nicht regen.“ rief sie ihn an.
Der Löwe tat weiterhin, als wäre er unbeweglich, aber seine Schnauze zuckte ganz leicht.
“Los, deine Tricks nutzen dir nichts.“
Einen Moment hielt sich der Wächter tapfer, dann knirschte er geräuschvoll mit den Zähnen.
“Also gut, was willst du?“ seine Stimme klang, als würden zwei schwere Steinplatten übereinander mahlen.
“Hinein.“ sagte Cassandra und deutete auf den Garten.
Das Tor wurde in der Mitten von einer rostigen Kette zusammengehalten.
Der Löwe gähnte wieder und legte den Kopf schief: “Ich habe keinen Schlüssel.“
“Wer hat ihn denn?“
“Niemand. Er ging vor langer Zeit verloren.“
“Also kann man nicht hinein?“
Er musterte sie abschätzig: “An dir ist kaum was dran, vielleicht passt du so hindurch.“
Cassandra fand sehr wohl, dass genügend an ihr dran war (manchmal etwas zu viel), aber sie verkniff sich eine Antwort und zog die Gitter auseinander, so weit es die alte Kette zuließ.
Und tatsächlich, mit etwas Mühe könnte sie hindurch passen. Sie wollte es gerade probieren, als der Löwe brummte: “Nicht so eilig, Mädchen. Ich bin der Wächter des Gartens. Bevor du ihn betrittst, muss ich dich noch auf ein paar Regeln hinweisen.“
Cassandra verdrehte die Augen, denn Regeln hatte sie noch nie gemocht.
Der steinerne Wächter räusperte sich, schüttelte seine Mähne (die sich natürlich nicht auflockerte, da sie nach wie vor aus Stein war) und sagte mit stolzer Stimme: “Erstens: Sei immer nett und höflich. Zweitens: Sprich nicht mit vollem Mund. Drittens: Beachte Erstens. Viertens: ...“ Hier stockte er und kam ins Grübeln. “Viertens: ...“ versuchte er es erneut, aber es wollte ihm nicht einfallen. “Viertens habe ich wohl vergessen. Vielleicht gab es auch kein Viertens.“ Er blickte sie verwirrt an.
“Was sind denn das für Regeln? Die haben doch gar nichts mit einem Garten zu tun.“
“Sie könnten aber.“ verteidigte sich der Wächter.
“Können sie nicht.“ sagte Cassandra angriffslustig.
“Ach, was soll es. Ich habe sie nicht gemacht, die Regeln. Du kennst sie nun, also darfst du eintreten.“
“Herzlichen Dank.“ Cassandra deutete eine schnippische Verbeugung an, die der Löwe sehr majestätisch aufnahm, und schlüpfte zwischen den Torflügeln hindurch, wobei ihr Nachthemd ein paar rostbraune Flecken abbekam.

“Viertens: ...“ grübelte der Löwe weiter nach. “Viertens, ich kann schwören, dass es ein Viertens gab. Was war es nur? Ach, ich werde alt. Und seit der andere Wächter fort ist, wohl auch ein wenig eigenartig. Viertens? Viertens? Viertens! Ich hab´s - Viertens: Sprich nicht mit den Figuren.“
Der Löwe brummte zufrieden, schloss die Augen und nickte ein.

Cassandra hatte den kleinen Monolog des Löwen nicht mitbekommen. Vielmehr war sie stracks den Kiesweg entlang gegangen und hatte sich neugierig umgeschaut.
“Ein bisschen viel Aufhebens um so einen verwilderten Garten.“ dachte sie laut. Denn das Grünzeug wucherte ganz wunderbar, hatte bald Treppen, bald Springbrunnen eingenommen und wob einen dichten Teppich über die alten Ruinen.
Die Luft war feucht und schwer.
Aber der Garten war seltsam leer. Es gab keine Schmetterlinge oder Bienen, nicht einmal Vögel, die in den Baumkronen sangen. Alles wirkte verlassen, ein wenig unheimlich sogar.
Langsam schlenderte sie den Pfad entlang und versuchte, die brüchigen Mauern in der Mitte des Gartens zu erreichen, aber der Weg bog immer wieder ab und setzte alles daran, sie davon fort zu führen.
Cassandra seufzte und begnügte sich damit, einfach weiter in den Garten zu gehen.
Er war sehr groß, und schon bald verlor sie das Eingangstor aus den Augen.
In den Springbrunnen stand fauliges Wasser, in dem totes Blattwerk trieb.
“Schön ist es hier aber nicht.“ sagte sie halblaut, um sich etwas Mut zu machen.
Schließlich setzte sie sich auf den zerbröckelnden Rand eines Brunnens und betrachtete missmutig den Riss in ihrem Nachthemd.
Sie fragte sich gerade, wohin die laufenden Blätter entschwunden waren, als sie ein leises Rascheln hinter sich hörte.
Vorsichtig drehte sie sich um. Hinter dem Brunnen befand sich ein hohes Gebüsch, dass zitterte und raschelte, als wäre ein heftiger Wind hineingefahren.
“Ist da jemand?“ rief Cassandra, aber es kam keine Antwort und das Rascheln hörte sofort auf.
Zögerlich balancierte sie auf dem marmornen Rand entlang, bis sie vor dem Gebüsch stand und lauschte. Aber nun war es wieder geisterhaft still.
“Da ist doch jemand!“ sagte sie laut und zog das Geäst mit einem Ruck auseinander.
Da war auch tatsächlich jemand. Unmittelbar hinter den Zweigen befand sich ein nacktes, helles Gesäß, makellos und sehr knackig.
Cassandra stieß einen überraschten Schrei aus und wäre um ein Haar rückwärts in den Springbrunnen gepurzelt. Sie ruderte wild mit den Armen und um nicht hineinzufallen, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich abzustützen. Was sie ausgerechnet an der entblößten Kehrseite tat.
Das Gesäß war glatt und fest, ein wenig kühl und ganz eindeutig aus Stein. Cassandra war eine Sekunde erleichtert, aber als sich der Stein unter ihrer Berührung heftig nach vorne bewegte, stieß sie wieder einen leisen Schrei aus.
Der hatte ein Echo weiter vorne aus dem Gebüsch.
Cassandra hüpfte flink vom Brunnenrand, umrundete das Bassin und trat von der anderen Seite an das Gebüsch.
“Ich war es nicht, Schatz, wirklich. Jemand hat mich geschubst.“ sagte eine männliche Stimme.
“Nie kannst du auch nur eine Sekunde still halten. Männer!“ keifte es zurück.
“Ich war es wirklich nicht. Irgendjemand hat mir heftig an den Po gegriffen!“
“Das hättest du wohl gerne. Du bist und bleibst ein alter Lustmolch.“
“Zufällig bleibt mir kaum etwas anderes übrig! Und warum dann nicht das Beste daraus machen?“
“Das Beste? Du bist unverbesserlich. Das Beste wäre, wenn du mir mal ein wenig Ruhe gönnst. Aber nein, den Herrn interessiert es gar nicht, ob ich in Stimmung bin, oder nicht.“ kam die wütende Antwort.
Cassandra belauschte das Gespräch mit großen Augen.
“Du immer mit deiner Ruhe. Meine Bedürfnisse kümmern dich gar nicht.“ rief der Mann.
Das Gebüsch raschelte heftig.
“Deine Bedürfnisse können mir gestohlen bleiben. Da, du tust es schon wieder!“
“Na, jetzt bin ich so aufgeregt, da kann ich nicht anders.“
“Warum bin ich nur mit diesem Mann gestraft?“ beschwerte sich die Frau.
Cassandra trat näher und zog neugierig einige Äste zur Seite.
Sie blickte in das Gesicht einer Frau. Ein hübsches Gesicht, sehr ebenmäßig, mit einer feinen Nase, einem sinnlichen Mund und lockigem Haar. Nur dass es aus Marmor war, wenn auch keineswegs leblos.
Mit vor Staunen offenem Mund betrachtete Cassandra die Statue.
Sie befand sich auf allen Vieren, gänzlich entkleidet, und hinter hier stand ein ebenso nackter Mann, mit einem kräftigen Körper und einem ansehnlichen Gesicht.
(Und beide hielten gerade ganz und gar nicht still, wie es sich für Statuen eigentlich gehörte.)
Cassandra stand wie angewurzelt da und gaffte die beiden an.
“Siehst du, was habe ich dir gesagt? Bestimmt hat sie mir an den Po gegriffen.“ keuchte der Mann.
“So sieht sie aus.“ stöhnte die Frau.
Cassandras Augen wurden immer größer, aber so sehr sie es auch wollte, sie konnte sich vor Überraschung nicht bewegen.
“Ihr scheint es zu gefallen.“ sagte der Mann. Und das Gebüsch zitterte sehr heftig.
Die Frau verzog in einer kurzen Ekstase den Mund, dann lächelte sie Cassandra an.
“So, jetzt können wir uns um unseren Besuch kümmern.“ sagte sie.
Der Mann keuchte noch einmal heftig, dann hielt er endlich still.
“Du musst ihn entschuldigen. Er ist ein wenig exhibitionistisch veranlagt.“
“Bin ich nicht. Es ist nur mal eine willkommene Abwechslung.“ verteidigte er sich.
Die Statue zwinkerte Cassandra zu: “Männer - sie finden immer einen Grund, um sich schnell mal zu vergnügen.“ Es wirkte aber nicht, als wäre sie allzu verärgert darüber.
Endlich fand Cassandra ihre Stimme wieder: “Ihr ... Ihr seid aus Stein!“
“Und ich dachte schon, du wärst es.“ feixte der Mann.
Die beiden Marmorfiguren posierten auf einem breiten Sockel, der halb in altem Laub verborgen war.
“Aus Stein!“ wiederholte Cassandra nicht sehr intelligent.
“Feinster Marmor, meine Liebe. Ordinären Stein wirst du hier vergeblich suchen.“ erklärte die Frau.
“Ja, aber ....“ setzte Cassandra an, doch ihr fehlten die Worte (zudem irritierte sie der Umstand, dass ihre Gesprächspartner nackt waren und noch immer in inniger Verbundenheit vor ihr posierten).
“Wir dürften uns nicht bewegen, meinst du?“ fragte die Frau.
Cassandra nickte benommen.
“Wie selbstsüchtig von dir. Meinst, wir Marmorfiguren müssen dazu verdammt sein, ewig und drei Tage bewegungslos zu sein?“
“Nein, das meine ich nicht. Nur, also ...“
Der Mann schüttelte den Kopf: “Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, dies ist ein Lustgärtchen. Lust, du verstehst. Hier dreht es sich nur ums Vergnügen.“
“Und warum sollen wir uns nicht auch vergnügen? Nur, weil wir aus Stein sind?“ ergänzte die Frau.
“Nein, so meine ich das nicht.“ sagte Cassandra schüchtern. “Es ist nur, ... ich wusste nicht, dass Steine überhaupt ... leben können ... und dass sie dann ...“
“Pimpern?“ fragte die Frau.
Cassandra seufzte und nickte resigniert (sie konnte dieses Wort nicht ausstehen).
“Da hast du wieder was gelernt. Aber sei beruhigt, wir pimpern nur, weil dies ein verzauberter Lustgarten ist. Ansonsten gibt es hier nicht viel zu tun.
“Ihr meint, ihr müsst für immer und ewig so ...?“ fragte Cassandra entgeistert.
“Ganz genau.“ antwortete der Mann. “Wenn du uns jetzt vielleicht entschuldigen würdest, wir haben zu tun. Es sei denn, du möchtest zuschauen?“
“Nein, nein danke.“ Cassandra wich zurück und deckte die Zweige wieder über das steinerne Pärchen.
Beinahe sofort setzte das wilde Rascheln wieder ein und das Mädchen machte, dass es davonkam.
Sie wanderte einige Zeit weiter durch den Garten.
Immer häufiger sah sie zwischen den Bäumen und Sträuchern, zumeist bedeckt von Blattwerk und Efeuranken, marmorne Statuen.
Und allesamt waren sie nackt.
Manche mit sich allein, andere zu zweit oder gar zu dritt.
Oft erschienen sie wie gewöhnlicher Stein, aber kaum war Cassandra an ihnen vorübergegangen, da raschelte und rauschte es ganz gehörig hinter ihr.
Bald taten ihr die Füße weh vom vielen Umherwandern, ohne dass sie der Ruine auch nur ein Stück näher gekommen wäre. Und einen weiteren Ausgang, geschweige denn einen Weg zurück, schien sie auch nicht finden zu können.
“Wäre ich doch nicht über den Suppensee gefahren.“ seufzte sie. Aber es half alles Seufzen nicht (das tat es nie).
Schließlich suchte sie sich eine einzelne Figur, um vielleicht etwas sinnvolles zu erfahren (aber daran hegte sie hier im Wunderland ziemliche Zweifel).
Es war eine äußerst hübsche Venus, mit einem frischen, bloßen Körper, glattem Haar und einem Lächeln, das selbst die Mona Lisa erbleichen lassen konnte.
Sie stand auf einem Podest, den Blick in den Himmel gerichtet, eine zierliche Hand erhoben, als erwarte sie, dass der Wind sich die Ehre gab, ihr einen zarten Kuss darauf zu geben, die andere schamhaft über ihren Schoß gedeckt.
Cassandra räusperte sich leise.
Die Venus senkte ein wenig den Kopf und blickte sie unter schweren Lider (da sie aus Stein waren, waren sie zwangsläufig schwer) an und lächelte sanft.
“Entschuldigen Sie, Fräulein Statue.“ sagte Cassandra höflich (verzichtete aber darauf, einen Knicks zu machen).
Die Angesprochene nickte erhaben.
“Vielleicht könnten Sie die Freundlichkeit besitzen, mir den Weg aus dem Garten zu weisen, oder, falls Sie ihn kennen, den Weg zum alten Haus.“
Die Statue veränderte ihre Haltung, hob nun auch die andere Hand anmutig in den Himmel.
Cassandra schaute sie verwirrt an: “Dürfte ich fragen, was Sie da machen?“
Die Stimme der Figur war klar und hell, auch wenn ein mahlender Unterton darin mitschwang (verständlich bei einer steinigen Zunge): “Ich koste den Wind. Er geht heute nicht sehr stark, leider, aber ich kann ihn dennoch am ganzen Leib spüren. Er liebkost mich, musst du wissen.“
“So etwas habe ich mir schon gedacht.“ seufzte Cassandra, die gehofft hatte, dass die Statue einfach nur um des Posierens Willen posierte.
“Du möchtest also einen Weg aus dem Garten wissen?“
“Sehr gerne. Bitte entschuldigt, wenn ich es sage, aber für mich ist es doch etwas langweilig hier.“
“Ah, das ist es immer für euch Menschen.“ meinte die Statue und ihr hübscher Mund verzog sich einen winzigen Augenblick, als lege sich ein Schatten über ihr Gesicht. Aber er war sofort wieder verschwunden, so dass Cassandra es nicht bemerkte.
“Bitte, wissen Sie einen Weg hinaus?“
“Aber natürlich kenne ich einen.“ antwortete die Figur und öffnete dabei etwas ihre Schenkel, um eine sachte Brise einzufangen.
“Könnten Sie ihn mir verraten?“
“Aber gerne. Du musst in den Brunnen hinabklettern. An seinem Grund findest du einen Tunnel, der dich von hier fort führt.“
Cassandra sah sich aufmerksam um, aber sie konnte weit und breit keinen Brunnen sehen. “Welcher Brunnen denn?“
Die Venus erhob erhaben eine Hand und deutete hinter sie. “Dort, mein Kind. Du musst nur richtig schauen.“
Cassandra folgte dem Deut, aber da war nur der Garten mit seinen wilden Blumen und Sträuchern.
“Ich kann keinen sehen.“
“Schau genau hin.“
Cassandra konzentrierte sich und schaute ganz genau hin. Und tatsächlich, jetzt sah sie einen steinernen Brunnen, zwei Steinwürfe von ihr entfernt, ganz umkränzt von Efeuranken.
“Ich könnte schwören, dass er eben noch nicht dort gestanden hat.“ meinte Cassandra, aber die Statue lächelte nur wissend. “Vielen Dank.“
“Nichts zu danken, Menschenkind.“ kam die Antwort, die jedoch in einem lustvollen Seufzen unterging, als ein starker Wind über den Garten brauste.
“Das muss das Gewitter sein.“ dachte Cassandra und beeilte sich, zum Brunnen hinüber zu laufen.
Und tatsächlich ballten sich mit einem Mal dicke, graue Wolken über dem Garten zusammen. Der Wind wurde kräftiger und fuhr nun seinerseits in die Blätter, um darin zu rascheln und zu rauschen.
Es wurde ein heftiges Unwetter, und ehe Cassandra den Brunnenschacht erreichte, fielen bereits dicke, warme Regentropfen nieder.
In weiter Ferne grummelte der Himmel und entlud sich dann in Donner und Blitz.
“Nur schnell!“ mahnte sie sich und stand endlich vor dem Brunnen. Er war aus grauem Stein, beinahe vollständig verborgen unter wildem Efeu.
Cassandra zog die Ranken zur Seite und blickte in das graue Zwielicht hinunter.
“Sieht nicht sehr einladend aus.“ meinte sie.
An der Innenseite führten rostige Eisenvorsprünge in die Tiefe.
Cassandra zögerte einen Moment, blickte sich noch einmal im Garten um, in dem nun die Blätter nur so wirbelten, bekam einen dicken Regentropfen auf die Nase und machte sich daran, in den Brunnen hinab zu klettern.

Der Löwe öffnete noch einmal ein Auge.
“Viertens: Sprich nicht mit den Figuren. Sie mögen die Lebenden nicht. So heißt es richtig.“ brummte er.
Dann überlegte er einen Moment und sagte zu sich selbst: “Das hätte ich dem Mädchen sagen sollen. Aber ich bin wohl selbst zu sehr Figur.“
Damit nickte er zufrieden, senkte die Schnauze auf seine Pranke und schlief ein.

Während über ihr das Unwetter losbrach, kletterte Cassandra eilig die rostigen Stiegen hinab.
Es war ein mühsamer Abstieg und bald schmerzten ihre Beine und Arme.
Einmal brach eine der Stiegen und beinahe wäre sie in den Brunnenschacht hinabgestürzt, aber sie konnte sich gerade noch festhalten.
Immer weiter ging es hinab. Das Licht des Brunnenrandes wurde immer schwächer, bis es bald ganz verschwunden war.
Das Tosen des Unwetters war nur noch ein dumpfes Grollen, das sich mit dem Klang ihres Herzens mischte.
“Jetzt wird es aber unheimlich.“ sagte sie zu sich selbst.
Seltsamerweise wurde es nicht ganz dunkel um sie herum. Es herrschte noch immer eine diffuse Helligkeit, die von den Moosbüscheln ausging, die hier und da an den feuchten Steinen kauerten.
“Hoffentlich bin ich bald unten angelangt.“ flüsterte sie.
Immer weiter hinab, tief hinein in die Erde ging es.
“Der Sturz in den Hasenbau war viel angenehmer.“ keuchte sie (dabei hatte sie ja nichts tun müssen - Cassandra war manchmal sehr gemütlich).
Und plötzlich, als es schon nicht mehr tiefer in die Erde hätte gehen können, weil sie dann schon wieder an der anderen Seite hinauf klettern würde (zumindest hatte sie ein solches Gefühl), war ihr Abstieg beendet.
Verwirrt stand sie mit beiden Beinen auf festem Boden.
Hier gab es kein Wasser. Es war nur feucht und die Luft roch muffig.
Nachdem sie sich etwas erholt hatte, taste sie vorsichtig umher und fand eine hölzerne Tür in der Wand.
Der Riegel war verrostet und sie musste rütteln und schütteln, bis er knirschend nachgab.
Mit lautem Quietschen schwang die Tür auf, so dass Cassandra sich die Ohren zuhielt.
Dahinter lag ein enger Tunnel, aus dem tanzendes Fackellicht waberte. Er sah nicht unbedingt einladend aus.
“Viele Möglichkeiten habe ich ja wohl nicht.“ seufzte sie (sie hatte nämlich keine Lust, den langen Weg wieder hinauf zu klettern).
So betrat sie den Gang, der in einer geraden Linie in der Ferne verschwand. Seine Wände waren aus schweren Gesteinsbrocken, wie bei einer Burgmauer, und alle zwanzig Schritte hing eine tropfende Pechfackel.
Kaum war sie einige Meter gegangen, da fiel die Tür hinter ihr zu (und zwar mit einem lauten Krachen) und der Riegel schob sich knirschend wieder an seinen Platz.
“Jetzt habe ich allerdings nur noch eine Möglichkeit.“ sagte sie schaudernd.
Mutig ging sie weiter. Aber es gab nichts, vor dem sie hätte Angst haben müssen. Es war nur ein leerer, gerader Tunnel tief unter der Erde.
Und da sie das Wandern langweilig fand, dachte sie über dies und das nach, bis ihr siedend heiß einfiel, dass sie die Einladung der Königin verloren hatte.
Erst war sie darüber erschrocken, dann lächelte sie zufrieden, da sie ja ohnehin nicht hatte hingehen wollen (aber da sollte sie sich lieber nichts vormachen - wir wissen, dass sie hingehen wird).
Bald verbreiterte sich der Gang und erinnerte Cassandra sehr an das Verließ unter einer Burg, und wirklich fand sie auch bald eine Kerkerzelle. Zum Glück war sie leer und das Gittertor stand weit offen.
Jetzt wird es doch ein wenig unheimlich, dachte sie.
Es gab weitere Zellen, an denen sie vorbei kam, alle so leere und verlassen wie die erste.
Das muss aber eine große Burg sein, dass sie so viele Zellen besitzt, überlegte Cassandra und gab das Zählen bald auf.
Umso überraschter war sie, als sie in eine der Zellen blickte und diese keineswegs leer war. Das schwere Gitter war verschlossen und auf der Pritsche an der Wand lag eine Gestalt und schlief.
Cassandra trat vorsichtig näher, etwas ängstlich, aber zu neugierig, um einfach weiter zu gehen.
Es war ein Mädchen (was Cassandra nur wenig überraschte) und es war nackt (was sie gar nicht überraschte).
Es lag zusammengerollt da und seine blasse Haut schimmerte in der Dunkelheit.
Ein wenig mulmig wurde Cassandra bei diesem Anblick schon, denn sie war ja auch ein Mädchen (zumindest nannte sie hier jeder so) und seit dem Riss im Nachthemd mehr oder minder nackt.
Aber die schlafende Gestalt sah ganz friedlich aus, so dass Cassandra leise weiter schlich.
Jetzt war ihr, als würde sie in weiter Ferne ein Seufzen vernehmen und gelegentlich ein leises Schnalzen.
Sie fand eine weitere Zelle, in der ebenfalls ein nacktes Mädchen schlief.
Der Gang verlief nun nicht mehr geradlinig, sondern in Kurven und hinter jeder Biegung befand sich eine Zelle, allesamt verschlossen. Und endlich ruhte eine der Insassinnen nicht, sondern saß sich räkelnd auf der hölzernen Pritsche.
Cassandra klopfte zaghaft gegen die Gitterstäbe und flüsterte: “Hallo.“
Das Mädchen, es war rothaarig, drehte sich zur Tür. Sie war hübsch, mit heller, glatter Haut, einem einladenden Schoß und spitzen Brüsten.
Cassandra versuchte angestrengt, den Anblick zu ignorieren.
“Oh, hallo.“ sagte die Gefangene und schob sich eine Strähne hinter das Ohr (eine sehr kokette Geste). “Warum bist du aus deiner Zelle gegangen?“
“Bin ich nicht. Ich bin keine Gefangene.“ flüsterte Cassandra.
Die Rothaarige dämpfte ihre Stimme keineswegs, sie klang nur etwas sehnsüchtig. “Du Arme. Wer bist du dann?“
“Sei doch leise! Ich bin Cassandra und ich bin hier, um dich zu retten.“ Bei ihrer Antwort errötete sie heftig, da Cassandra das überhaupt nicht hatte sagen wollen, aber die Worte kamen ihr großherzig und mutig vor, deshalb nickte sie heftig, um sich selbst zu bestätigen.
“Mich befreien? Aber warum denn?“ fragte das Mädchen.
Cassandra sah sie verwirrt an: “Weil ... du hier eingesperrt bist?!“
“Ja, und?“
“Wie ja, und? Ich befreie dich.“ (das sagte sie, obwohl sie überhaupt keine Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte).
“Aber ich möchte nicht befreit werden.“
“Du möchtest nicht ...?“ Cassandra fehlten die Worte.
“Ich bin doch freiwillig hier.“
“Frei ... freiwillig?“
“Aber ja.“
“Das verstehe ich nicht. Warum sitzt du freiwillig in einer dunklen Kerkerzelle?“
“Es gehört dazu.“
“Wozu?“ Cassandra wurde nun wieder ein wenig mulmig.
“Zum Spiel.“
Nervös blickte sich Cassandra um, aber niemand schien ihr Gespräch bemerkt zu haben. Der Gang war leer und still, nur in der Ferne war das Seufzen und Schnalzen zu hören.
“Was denn für ein Spiel?“
Das Mädchen verdrehte die Augen. “Du bist wirklich nicht von hier. Das Spiel, in dem wir Gefangene sind.“
“Was für ein blödes Spiel.“
In den Augen der Rothaarigen blitze es auf: “Keineswegs. Gefangene sitzen nicht nur in ihren Zellen, sie werden auch ... verhört.“
“Verhört?“
Das Mädchen schloss die Augen und seufzte: “Sie werden gefesselt, manchmal geknebelt und dann ...“
“Das reicht!“ Cassandra unterbrach sie mit hochrotem Kopf.
“Was denn?“ fragte die Gefangene mit gespielter Unschuld.
“Das alles ... dieses Spiel. Das ist ...“
“Himmlisch!“
“Nein, es ist ...“
“Aufregend!“
“Nein, es ...“
“Sinnlich!“
“Nein!“
“Lustvoll!“
Cassandra verzog wütend den Mund. Nicht einmal Gefangene waren hier normale Gefangene, nein sie waren ... Lustsklaven (bei diesem Wort wurde das Rot ihrer Wangen noch dunkler).
“Du hast ja keine Ahnung.“ seufzte die Rothaarige.
“Hab ich wohl!“
“Hast du nicht!“
“Hör auf damit!“
“Nein!“
Cassandra stampfte wütend mit dem Fuß auf.
“Du bist hübsch, wenn du zornig bist. Möchtest du nicht vielleicht doch mitspielen?“ fragte die Gefangene.
Cassandra schüttelte heftig den Kopf.
“Schade.“
“Wie komme ich hier heraus?“
Das nackte Mädchen räkelte sich auf der Pritsche. “Gar nicht.“
“Was?!“ Cassandra schnappte nach Luft.
“Gottchen, bist du leichtgläubig. Natürlich kommst du hier heraus.“ (Leichtgläubig war Cassandra in der Tat.)
“Puh!“
“Du musst nur durch die Folterkammer.“
Nun seufzte Cassandra: “Das hätte ich mir denken können.“
“Warum fragst du dann?“
“Es hätte ja auch einen anderen Ausweg geben können.“
“Tut es aber nicht.“
“Und wenn mich die Wächter erwischen?“
“Dann hast du Glück gehabt.“ seufzte die Rothaarige sehnsüchtig.
“Ich will aber kein Glück haben. Zumindest nicht, wenn es mit Fesseln und Knebeln zu tun hat.“
“Warte, bis die Wächter Mittagspause machen, dann kannst du hinaus schleichen.“
“Das hört sich besser an.“
“Bist du prüde.“
“Bin ich nicht!“
“Und ob.“
“Und du bist gemein!“
“Weine bloß nicht.“
Cassandra funkelte sie zornig an: “Das muss ich mir nicht bieten lassen!“
Und damit stapfte sie davon (so gut das mit bloßen Füßen ging).
Die Rothaarige lachte vergnügt hinter ihr her, während sie um eine Biegung ging.
Es gab weitere versperrte Zellen, aber Cassandra verzichtete darauf, sich mit den anderen Gefangenen zu unterhalten. Sie wollte nur endlich hinaus. (Wir wollen natürlich lieber, dass sie erwischt wird - aber das wäre wirklich gemein, oder?)
Bald wurde das Seufzen lauter und klang nun mehr wie ein Stöhnen (worauf Cassandra wieder errötete) und das seltsame Schnalzen ... “Klingt wie der Knall eine Peitsche.“ murmelte Cassandra leise. (Genau.)
Sie setzte unwillig ihren Weg fort.
Hoffentlich ist bald Mittagspause, das ist ja kaum zum Aushalten, dachte sie.
Sie erreichte endlich eine schwere Holztüre am Ende des Ganges.
Dahinter waren die eindeutigen Laute nun ganz eindeutig zu vernehmen.
Cassandra setzte sich vor eine der Zellentüren, ohne sich der schlummernden Gefangenen bemerkbar zu machen, und wartete.
Das war ziemlich zermürbend, weil es absolut nichts zu tun gab und die Geräuschkulisse auch nicht unbedingt zu einem Nickerchen einlud.
“Nimmt das denn nie ein Ende?“ seufzte sie und zupfte unbewusst an einem losen Faden ihres Nachthemdes (wodurch der Riss noch etwas größer wurde - jetzt zeigte sie wirklich sehr viel Bein).
Als sie schon aufstehen und zum Brunnen zurückgehen wollte, ertönte ein lauter Gongschlag.
“Mittagspause!“ rief eine männliche Stimme hinter der Tür. Darauf gab es zustimmendes Gemurmel, protestierende Seufzer, ein Türenschlagen und schließlich Stille.
Cassandra schlich zur Tür, drückte leise die Klinke herunter und hielt die Luft an, als sie nach innen aufschwang.
Es war ein großer Raum, beinahe ein Saal, mit einer hohen Kuppeldecke (wegen dem guten Widerhall). An seinem Ende führte eine Treppe zu einer weiteren, geschlossenen Tür. Und dazwischen ... standen einige Möbelstücke, die Cassandra schlucken ließen. Ein blank polierter Käfig, eine Streckbank (die allerdings nicht strecken konnte) und etliche Stricke und Ketten, die von der Decke oder den Wänden hingen.
“Du meine Güte!“ entfuhr es Cassandra (die dergleichen nicht gewohnt war).
Denn es war nicht so, dass die Möbel einfach so herum standen. Nein, sie wurden benutzt.
Im Käfig saß eine junge Frau (oder ein Mädchen, wie hier alle Welt sagte) auf allen Vieren, als wäre sie ein Raubtier.
Auf die Streckbank war ebenfalls eine Gefangene gebunden, eine weitere an einen thronartigen Stuhl und zwei an Ketten an der Wand. Und (das muss wohl nicht betont werden, aber ich tue es dennoch) sie alle waren nackt.
Der Mädchenleib auf der Bank glänzte vor Schweiß, ihr Brustkorb mit den vollen Brüsten hob und senkte sich, während um ihre Lippen ein verklärtes Lächeln spielte.
Die beiden Angeketteten hoben bei Cassandras Eintreten erschöpft die Köpfe, lächelten selig und seufzten leise.
Vorsichtig durchquerte Cassandra den Saal, peinlich bemüht, den Blick auf ihre Füße zu richten, um ja nicht zu viel von dem seltsamen Raum zu sehen.
Aber das gelang ihr natürlich nicht (wir wissen ja selbst, wie das mit der Neugier so ist) und gelegentlich linste sie auf einen Tisch, nur um heftig zu erröten.
Was lagen dort wohl für Requisiten? Na, Peitschen und Reitgerten, Bein- und Armfesseln, Ketten und sogar Knebelbälle (obwohl Cassandra so etwas noch nie in Wirklichkeit gesehen hatte, wusste sie sofort, was das war). Und natürlich noch etliche Spielzeuge, große und kleine, dicke und dünne, bekannte und unbekannte.
Wie das wohl ist, hier Gefangene zu sein, fragte sich Cassandra und schüttelte gleich darauf heftig den Kopf, denn natürlich wollte sie das gar nicht wissen. Oder zumindest nicht so richtig. Vielleicht nur so ein Bisschen. Beglückt sahen die Mädchen ja aus, trotz der Ketten (oder nicht gerade deshalb?)
Sie passierte den Käfig und das Mädchen darin drängt ihren Oberkörper gegen die Gitter, so dass einer der Metallstäbe zwischen ihren Brüsten lag. Dabei legte sie den Kopf schief und musterte Cassandra mit glitzernden Augen.
Der wurde dabei doch etwas mulmig und sie beeilte sich, die Treppe zu erreichen und die Stufen mit wehendem Nachthemd hinauf zu eilen (wobei man sehr deutlich ihr hübsches Gesäß bewundernd konnte).
Keuchend hielt sie am Ende der Treppe inne und blickte noch einmal in den Saal zurück. Nein, solche Vergnügungen waren ganz bestimmt nichts für sie (dachte sie zumindest).
Hinter der Tür war kein Laut zu hören, so dass Cassandra leise die Klinke herunter drückte und in den leeren Gang dahinter schlüpfte. Er war breit und mit Fackeln hell erleuchtet. An seinem Ende führte eine Wendeltreppe in die Höhe.
Cassandra wollte schon losgehen, als sie aus einem Durchgang neben der Treppe leise Stimmen hörte.
Sie schlich näher und schaute vorsichtig hinein.
Dahinter befand sich ein großer Raum mit vier Betten an der Wand, einem breiten Bücherregal voller dicker Bücher, einer gemütlichen Teeküche und einer einladenden Sitzecke.
Und vier äußerst gutaussehenden Männern! Ihre Uniformen hatten sie fein säuberlich zusammengefaltet und auf ihre Betten gelegt und saßen nun in Morgenmäntel angetan herum.
Einer las in einem Buch, zwei spielten eine Partie Schach und der letzte Wächter kochte Tee (wieder der obligatorische Grüntee-Vanille mit viel Milch).
Einer war blond, einer schwarz-, ein anderer braunhaarig und der letzte hatte sich den Kopf kahl geschoren.
Was Cassandra da unter den (nur locker umgebundenen) Morgenmänteln erahnen konnte, ließ sie beinahe einen Pfiff ausstoßen, aber sie riss sich gerade noch so zusammen. Von diesen Vieren würde ich mich ja doch vielleicht auch gefangenen nehmen lassen, dachte sie und zupfte unbewusst ihr Nachthemd zurecht.
“Der Tee.“ sagte der Kahlköpfige und stellte seinen Kollegen die Tassen hin.
“Ist Zucker drin?“ fragte der Blonde, ohne vom Schachbrett aufzusehen (er war in einen schwierigen Zug vertieft).
“Nein.“
“Gut, ich muss ein bisschen auf meine Figur achten.“
“Du? Das ich nicht lache. Du hast kein Gramm Fett.“ meinte der Braunhaarige, legte sein Buch zur Seite und trank seinen Tee in kleinen Schlucken.
“Was liest du?“ fragte der Kahlköpfige.
“Über die soziale Arbeitsteilung - für mein Fernstudium.“
“Klingt interessant.“
“Ist es. Soziologie ist meine Leidenschaft.“
“Ich dachte, die Rothaarige in Zelle 27 ist deine Leidenschaft.“ sagte der Schwarzhaarige und schlug einen Turm seines Gegners.
“Die auch. Ich glaube, ich kümmere mich nach der Mittagspause um sie.“
“Gute Idee.“ meinte der Kahlköpfige.
“Habt ihr von dieser Orgie gehört, die die König geben wird?“ erkundigte sich der Blonde.
“Natürlich. Nur schade, dass wir nicht eingeladen sind.“ seufzte der Braunhaarige.
“Vielleicht holen sie uns ja dazu, wenn sie etwas ausgelassener sind.“ meinte der Schwarzhaarige und musste zusehen, wie sein Gegner ihm die Dame nahm.
Einige Zeit schwiegen sie, die hübschen Gesichter entrückt bei ihren Gedanken an die Orgie.
“Die Pause ist gleich vorbei.“ meinte der Kahlköpfige.
Der Schwarzhaarige schüttelte der Kopf und legte seinen König um: “Irgendwann musst du auch mal verlieren.“
“Ich verliere nie.“
Die vier Männer standen auf und gingen zu ihren Betten, um ihre Uniformen anzulegen.
Es waren schwarze, enge Modelle, mit einem roten Herzen auf der Brust, Reithosen und glänzenden Offizierstiefeln.
Vorher legte sie jedoch ihre Morgenmäntel ab. Darunter waren sie sehr nackt, weshalb Cassandra auch nach Luft schnappte. Vier kräftige, hübsche Männer im Adamskostüm, das ließ sie für den Moment jeglichen Fluchtgedanken vergessen. (Sie spielte sogar mit der Idee, sich entdecken zu lassen - aber das würde sie niemals zugeben.)
Als die Männer gerade ihre polierten Stiefel anzogen, riss sich Cassandra endlich von ihrem Anblick los und huschte am Durchgang vorbei zur Wendeltreppe.
Weiße Marmorstufen führten so weit nach oben, dass ihr beim Hinaufblicken schwindlig wurde.
Nur schnell die ersten Windungen hinauf, denn die Wächter verließen leise lachend ihre Kammer.
Die schwere Holztür ging und es war still. Zumindest für wenige Augenblicke, denn dann setzte das leise Stöhnen wieder ein. Sie hörte es noch einige Zeit, während sie die Stufen hinauf ging. An deren Ende (an das sie schon gar nicht mehr geglaubte hatte, so lang war die Treppe), gab es eine kleine Tür, durch die sie schlüpfte.
Es war ein kleines Zimmer mit zartroter Stofftapete (auf die mit Goldfäden allerlei frivole Motive gestickt waren, was Cassandra aber nicht bemerkte), zerbrechlichen Stühlchen, einem runden Tischchen und einem funkelnden Kronleuchter.
Die Tür, durch die sie getreten war, sah von hier aus wie ein Teil der tapezierten Wand. Eine weitere, klassische Tür mit goldener Klinke führte aus dem Raum hinaus.
Und auf dem Tischchen lag etwas, das golden im Licht der Kronleuchters funkelte.
Neugierig trat Cassandra näher (wir wissen schon, was es ist - nicht wahr?) und blickte darauf.
Dann seufzte sie ergeben und nahm die Einladungskarte auf, die da lag.
“Mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“ seufzte sie (und damit hatte sie Recht!).
Dann ging sie zur Tür und drückte die Klinke herunter.
“Wo ich hier wohl bin?“ fragte Cassandra sich leise. (Leider fiel ihr gar nicht auf, dass der Türgriff die Form eines Phallus´ besaß - sie wäre bestimmt errötet.)

Wo sie hier war? Was für eine Frage! Manchmal müssen wir uns über Cassandra doch wundern. Wo soll sie sein, wenn nicht im Schloss der Königin?
Wir können es ja kaum erwarten.
Endlich ist Cassandra im Schloss der Königin angelangt. Die Einladung in der Hand, macht sie sich auf zum großen Finale.
Und wir sind mit dabei.

Hinter der Tür lag ein langer Flur, auf dessen einer Seite weiße, mit feinen (anrüchigen) Schnitzereien verzierte Türen waren, auf der anderen hohe Fenster.
Durch diese konnte Cassandra in einen prächtigen Garten blicken. Er war voll der schönsten Blumen in sorgfältig angelegten Beeten auf ordentlichen Wiesen. Dazwischen standen Marmorstatuen oder fröhlich plätschernde Springbrunnen.
Zwar waren die Beete wie nackte Leiber angelegt, aber dennoch fand Cassandra den Garten sehr schön. In seiner Mitte befand sich sogar ein kleines Heckenlabyrinth.
Doch obwohl die Sonne warm von einem wolkenfreien Himmel schien, flanierte niemand auf den Kieswegen entlang.
Cassandra schlenderte den Gang hinab, die goldverzierte Einladung in der Hand.
Sollte sie eine der vielen Türen probieren?
Aber wer wusste schon, was sich dahinter befand? (Und an erotischen Verwicklungen mangelte es Cassandra nun ja nicht - deshalb wollen wir ihr einen Augenblick Ruhe gönnen.) Sie ging tapfer weiter.
Bald erreichte sie eine Treppe, die schwungvoll hinab führte. Dabei wurde sie breiter und breiter, bis es eine äußerst erhabene Treppe war.
An deren Ende befand sich eine große Eingangshalle. An deren Decke hing ein gewaltiger, funkelnder Lüster, die Wände waren mit barocken Stuckarbeiten verziert (und ja, sie zeigten eindeutige Szenen). Es gab drei weitere, imposante Treppen, eine doppelflüglige Eingangstür und eine weitere ins Innere des Schlosses.
Vor dieser standen zwei Wächter, die Hellebarden stolz erhoben, den Blick bewegungslos in die Ferne gerichtet.
Cassandra trat erst einmal nicht näher, denn die beiden Soldaten waren nackt. Oder zumindest beinahe. Sie trugen nur ein Geschirr aus schwarzem Leder, das einmal um ihre Oberschenkel führte, um ihren Bauch, über ihre Schultern und auf der Brust von einem großen, roten Herzen zusammengehalten wurden. (Sie waren also wirklich so gut wie nackt.)
Cassandra stand einige Zeit bewegungslos am Fuß der Treppe und wusste nicht so recht weiter. In ihrem zerrissenen Nachthemd kam sie sich in einem solchen Prunkschloss fehl am Platze vor, auch wenn sie eine Einladung besaß.
Außerdem gab es ja eine Tür hinaus in den Garten, und es schien ihr eine viel bessere Idee, einfach zu verschwinden (aber wir werden ja sehen).
Also probierte sie eine der Doppeltüren und war sehr überrascht, dass diese unverschlossen war.
Sie trat hinaus ins Sonnenlicht. Es war sommerlich warm und die Blumen dufteten ganz entzückend.
Über eine breite Treppe folgte sie dem Kiesweg ein Stück in den Garten hinein.
Das Schloss war wirklich riesig, mit drei hohen Türmen in der Mitte und ganz rot gestrichen. Es lief genau am Eingangsportal spitz zu, was Cassandra ganz richtig vermuten ließ, dass es die Form eines gewaltigen Herzens hatte.
Wenigstens nicht die Form eines Phallus´, dachte sie (das nun nicht, aber wenn sie nur die drei Türme etwas genauer betrachtet hätte ...)
In der Ferne schien der Garten von einer hohen Mauer eingefasst zu sein.
Cassandra ging zwischen der Blumenpracht (die hinter ihrem Rücken leise über ihr zerrissenes Nachthemd tuschelte) hindurch in Richtung des Labyrinths.
Es war klassisch gehalten, aus hohen, tiefgrünen Hecken, mit marmornen Torbögen und einer Bank davor.
Und auf der saß ein kleiner, grüner Drache, derselbe, dem sie im Feenwald begegnet war. Nur war er nun nicht mehr traurig, sondern stieß vergnügt Rauchkringel in die Luft. Neben ihm auf der Bank lag eine bunte Postkarte, die er immer wieder betrachtete und dabei fröhlich gluckste.
“Hallo, du.“ sagte Cassandra, die hoffte, dass man Drachen, wenn sie klein waren (und dieser reichte ihr gerade einmal bis zur Hüfte), mit Du anreden durfte.
Der war erst einmal sehr überrascht und verschluckte sich an einem Rauchkringel.
“Oh, hallo.“ hüstelte er.
“Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe.“
“Mich erschreckt? Aber ich bin doch ein Drache!“ Dabei reckte er stolz das Köpfchen.
“Ja, natürlich. Entschuldige. Darf ich mich zu dir setzen?“
“Aber gerne.“ Und damit nahm er seine Postkarte auf und rückte etwas zur Seite.
Cassandra setzte sich neben ihn und seufzte behaglich. “Was ist das für eine Karte?“
“Die? Oh, die ist von meinem Onkel Hugobert aus Drachenhausen.“
“Drachenhausen?“
“Das ist, wo ich wohne. Es ist abgebrannt.“
“Das tut mir leid.“
“Aber sie bauen es wieder auf. Schöner noch als vorher!“ rief er glücklich.
“Das ist gut. Was machst du dann aber hier?“
“Ein kleines Päuschen. Ich fliege gleich weiter.“
“Du kannst fliegen?“
Er flatterte heftig mit zwei kleinen Schwingen: “Aber natürlich! Ich bin doch ein Drache, kein Tatzelwurm.“
“Könntest du mich ein Stück mitnehmen? Ich möchte nämlich gerne fort von hier.“ fragte Cassandra hoffnungsvoll.
“Bist du denn eine Jungfrau?“
Cassandra errötete: “Nein.“
“Dann geht es nicht. Meine Tante Ernabert hat gesagt, ich darf nur Jungfrauen mitnehmen. Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber ich halte mich lieber daran.“
“Ähem ... ist schon gut. Dann gehe ich eben zu Fuß.“
“Da wirst du nicht weit kommen.“ Dabei stieg der kleine Drache auf die Bank, hielt seine Postkarte sorgfältig fest und begann mit den grünen Schwingen flattern.
“Warum nicht?“
“An allen Ausgängen stehen Ungeheuer.“
“Ungeheuer?“
“Schreckliche Ungeheuer!“
“Oh!“
“So, nun muss ich los, ansonsten komme ich zu spät zu Tee und Keksen.“
Er erhob sich trudelnd in die Luft.
“Auf Widersehen, Drache.“
“Auf Wiedersehen!“ er stieg höher, winkte vergnügt, verlor die Konzentration und krachte in eine Hecke.
“Nichts passiert!“ rief er und steig wieder auf, höher und höher (aber nicht zu hoch, da er etwas Höhenangst hatte) und flog davon.
Cassandra winkte ihm nach, bis er verschwunden war.
“Schreckliche Ungeheuer?“ fragte sie sich laut. “Was müssen das für Ungeheuer sein, die sogar einem Drachen Angst machen, auch wenn er mickrig ist!“
Sie schauderte und beschloss, den Ungeheuern lieber fern zu bleiben.

Der kleine Drache gewann an Höhe, geriet in einer Windböe noch einmal ins Trudeln und machte sich dann auf gen Norden (zumindest glaubte er, es wäre Norden).
Als er die Mauer erreichte, die sehr hoch und nur zu überwinden war, wenn man fliegen konnte, hielt er inne und zuckte aufgeregt mit dem Schwanz.
Ein Ausgang war ganz in der Nähe und er überlegte, ob er nicht noch einmal einen Blick auf das Ungeheuer, das dort Wache hielt, riskieren sollte (Drachen waren einfach schrecklich neugierig).
Also ging er tiefer und flog dicht über den Eingang hinweg.
Vor dem Tor stand ein kleines Häuschen, in dem das Ungeheuer saß und Eintrittskarten verkaufte.
Es war eine ältere Frau mit gestrengem Gesichtsausdruck, die mürrisch dreinblickte, als sie den Drachen sah.
Der quiekte erschrocken und flatterte eiligst davon.
Die Königin stellte nur Schwiegermütter als Kartenverkäuferinnen ein, wusste der Drache, und sein Onkel Torstenbert hatte ihn mehrfach ermahnt, dass Schwiegermütter das Schlimmste und Schrecklichste überhaupt waren. Onkel Torstenbert musste es wissen, denn er war ein mächtiger roter Drache und ihm machte nicht viel Angst.
Erleichtert, das Mädchen im zerrissenen Nachthemd vor den schrecklichen Ungeheuern gewarnt zu haben, flog der kleine Drache davon.

Blieb ihr wohl oder übel nur das Schloss und die Orgie. Missmutig betrachtete sie die Einladung in ihrer Hand (und wunderte sich etwas, dass an deren linken unteren Ecke ein kleiner Coupon für ein Freigetränk bei McQueen war). Dann den Eingang zum Labyrinth. (Cassandras Neugier stand der von Drachen in Nichts nach.)
“Soll ich hineingehen oder nicht?“
Cassandra zögerte einen Augenblick, dann trat sie durch den kleinen Torbogen, dessen Säulen an ... (an was wohl?) ... erinnerten.
Die Hecken verströmten einen schweren, würzigen Duft und waren hoch genug, dass sie ein erfrischendes Halbdunkel schufen.
Sie überlegte, ihren Weg mit einem Bindfaden zu markieren, aber da von ihrem Nachthemd danach nicht mehr viel Brauchbares übrig geblieben wäre, entschied sie sich dagegen.
Das Labyrinth ist ja nur klein, es kann nicht allzu schwierig sein, den Weg zu finden, dachte sie.
So entschied sie sich, erst einmal nach links zu gehen. Dann nach rechts und ein Stück geradeaus.
“Ist doch ganz einfach zu merken.“ sagte sie und landete in einer Sackgasse.
Folglich ging sie wieder zurück, stand aber plötzlich an einer Kreuzung, die dort vorher nicht gewesen war.
“Oh, oh ...“ hauchte sie nur.
Sie wandte sich um und ging wieder zurück, aber da war nun keine Sackgasse mehr, sondern eine weitere Abzweigung.
“Verflixt, wie bin ich nur auf die Idee gekommen, mich in diesen Irrgarten zu wagen? Das könnte noch Stunden so gehen.“ ärgerte sie sich und stapfte mit wehendem Nachthemd weiter.
Sie nahm eine Abzweigung nach links, dann eine nach rechts und hatte bald völlig die Orientierung verloren.
“Das ist viel größer, als es überhaupt sein dürfte!“ rief sie wütend, aber niemand hörte ihre Beschwerde.
Schließlich riss sie einige Blätter von den Hecken und häufte sie als Markierung in der Mitte des Weges auf. “Das wäre doch gelacht!“
Dann bog sie um eine Ecke, fand eine Sackgasse vor, drehte triumphierend um und suchte verzweifelt den Blätterhaufen.
“Er muss doch hier sein!“
War er aber nicht.
“Das gibt es doch nicht.“
(Und ob!)
Sie sah sich um und entdeckte das Häuflein hinter sich, just an der Stelle, von der sie gerade gekommen war.
“Das ist doch Betrug. Hier hält sich niemand an die Regeln!“ schrie sie.
(Upps! Welche Regeln?)
Ein wenig verzweifelt war sie schon, fast den Tränen nahe, denn ihr wurde doch übel mitgespielt. Aber es waren nicht ihre Tränen, die da ein plätscherndes Geräusch erklingen ließen, sondern das fröhliche Treiben eines Springbrunnens.
Mit neuem Mut folgte Cassandra dem Klang, kam um eine Biegung und stand auf einem kleinen, sonnendurchfluteten Platz. Sechs Gänge liefen sternförmig davon fort.
Durstig wie sie war, wollte sie sich mit einem Schlückchen kalten, klaren Wassers erquicken, aber als sie gerade am Brunnenrand angelangt war, ballten sich ihre Hände zu Fäusten.
Das war doch wirklich eine unerhörte Gemeinheit!
Die Mitte des Brunnens nahm ein hoch aufgerichteter, steinerner Phallus ein, aus dem das klare Wasser sprudelte. Und an ihn schmiegten sich drei nackte Frauenfiguren, wobei die schillernde Flüssigkeit ihnen die Gesichter benetzte und dann durch die Täler zwischen ihren steinernen Brüsten hinabrann.
“So kann ich nicht trinken.“ seufzte sie und ruhte sich aus.
Nach einer kleinen Pause setzte sie ihren Weg fort, indem sie willkürlich eine der Passagen wählte. “Es spielt ohnehin keine Rolle, welchen Weg ich nehme.“ (Und so war es.)
Bald irrte sie wieder im Heckenlabyrinth umher, probierte bald diesen bald jenen Weg.
Einmal hielt sie inne, weil sie direkt hinter einer Heckenwand ein Geräusch hörte. Etwas Großes, das sich dahinter bewegte. Aber das Blattwerk war so dicht, dass sie nicht hindurchblicken konnte.
Dann ertönte ein Schnauben, als wäre das Etwas enttäuscht, nicht hindurch zu können.
Cassandra verhielt sich ganz still und schlich davon.
Aber das Wissen, nicht mehr allein im Irrgarten zu sein, beunruhigte sie. Es schien, als würden die Schatten langsam tiefer, während die Hecken sie nun wie Gefängnismauern umgaben.
“Ich komme hier nie wieder heraus!“
(Das wollen wir doch nicht hoffen!)
“So eine blöde Idee, in diesen Irrgarten zu gehen ...“
Sie bog um eine Ecke und stand plötzlich einer Gestalt gegenüber. Im ersten Moment erschrak sie heftig, aber dann erkannte sie erleichtert, dass es ein Spiegel war und die Gestalt ihr Ebenbild. Sie kicherte erleichtert.
Es war ein mannshoher Spiegel, eingefasst in Marmor. Der Rahmen war mit sehr detailreichen Figürchen verziert, Männlein und Weiblein, allesamt unbekleidet und in heftigen Vereinigungen verbunden.
“Ich bin froh, dass du es bist.“ begrüßte Cassandra ihr Ebenbild und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.
Aber ihr Spiegelbild befolgte die Bewegung nicht, sondern starrte sie an. “Darüber kannst du froh sein.“ sagte es.
Cassandra schnappte nach Luft.
Das war ein Spiegel und darin ihre Spiegelung, aber die verhielt sich ganz unüblich, nämlich eigenständig.
“Das gibt es doch nicht!“
“Du solltest dich mittlerweile daran gewöhnt haben.“ meinte die Spiegelcassandra in unfreundlichem Ton.
“Wie ... wie sprichst du denn mit mir?“
“Wie soll ich mich denn sonst mit einer feigen Langweilerin unterhalten?“ Ihr Spiegelbild blickte Cassandra mit blitzenden Augen an.
Die war ziemlich verwirrt, da es nicht unbedingt nett ist, von sich selbst beleidigt zu werden.
“Feige?“ brachte sie schließlich hervor.
“Und verklemmt.“
“Das stimmt gar nicht!“
Die Spiegelcassandra lachte hämisch. Dann packte sie mit beiden Händen den Ausschnitt ihres Nachthemdes und riss es sich vom Leib.
“Du ... du trägst kein Höschen.“ entfuhr es Cassandra, als sie sich nackt sah.
“Es ist äußerst unpraktisch, deshalb trage ich nie eins.“ Dabei glitten die Hände des Spiegelbildes über den Spiegelleib, legten sich forsch auf die schwelenden Brüste und kniffen lustvoll in die kirschroten Knospen.
“Was machst du?“ fragte Cassandra und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
“Nach was sieht es denn aus, Dummchen?“ Eine Spiegelhand wanderte hinab, strich über den Spiegelbauch, dann über die Spiegelschenkel und legte sich auf das Spiegelgeschlecht.
“Hör´ sofort damit auf!“ schrie Cassandra.
“Bestimmt nicht.“ lachte ihr Ebenbild.
Die Spiegelfinger glitten flink auf und ab und aus dem Spiegelmund drang ein leises Seufzen.
“Aufhören!“ befahl Cassandra und hämmerte gegen das kalte Glas.
Mit geröteten Wangen und verklärtem Blick schaute ihr Abbild zu ihr heraus: “Das ist so gut!“
Cassandra stampfte wütend mit dem Fuß auf: “Das mag sein, aber jetzt ist es genug.“
“Versuch es doch selbst einmal.“
“Bestimmt nicht hier.“
“Wie langweilig du bist.“
“Bin ich nicht!“
“Und so verklemmt.“
“Zumindest exponiere ich mich nicht in aller Öffentlichkeit.“
“Aber das macht doch gerade den Reiz aus.“
Die Beine des Spiegelbildes zitterten.
“Nicht für mich.“
“Oh, doch. Doch ... doch ... doch ...“ seufzte das Ebenbild, dann stöhnte es auf und presste die Schenkel in heftiger Ekstase zusammen.
Cassandra sah sie missbilligend an.
“Stell dich nicht so an, Cassandra. Du willst es doch.“
“Will ich nicht.“
“Warum bist du sonst hier?“
“Ich ... ich weiß nicht. Zufall ...“
“Weil du dich nach all dem sehnst. Es erwächst aus den Tiefen deines Verlangens.“
“Nein ...“
“Aber ja doch, Dummchen. Das alles kommt aus dir. Es könnte nicht ohne dich sein. Es sind wollüstige Träume, verborgene Sehnsüchte, verbotene Früchte. Alles, was du gerne hättest, dich aber nicht traust, dir zu nehmen.“
“Du meinst, dass alles, was mir hier passiert ist, nur geschieht, weil ich es ersehnt habe?“
“So ähnlich, ja.“
“Das hier ist ein Traum?“
“Nein und Ja.“
“Tolle Antwort.“
Das Spiegelbild lachte. “Zerbrich dir nicht über alles den Kopf, genieße es einfach.“
“Das ... das kann ich nicht.“
“Lerne es.“
“Das ist nicht so einfach.“
“Du hattest genügend Zeit. Hoffentlich hast du wenigstens ein bisschen was gelernt.“
“Warum?“
“Weil er hinter dir her ist.“
Cassandra schluckte, denn plötzlich lag eine seltsame Spannung in der Luft.
Die Schatten schienen sich zu verdunkeln und die würzige Luft nahm eine sehr herbe Färbung an.
“Was ... was ist los?“
“Er kommt.“
“Wer er?“
“Er.“ sagt das Ebenbild nur.
Auch im Spiegel war eine Änderung eingetreten. Die Hecken waren verschwunden und stattdessen wogte ein rötlicher Nebel dahin. Die Spiegelbildhaare peitschten in einem heftigen Sturm. Das zerrissene Nachthemd wurde ergriffen und davon gewirbelt.
“Wer kommt?“ schrie Cassandra, obwohl es auf ihrer Seite des Spiegels noch immer reglos und still war.
“Die Essenz deines Verlangens.“
“Was?“
“Er ist deine verborgensten Lüste.“
Hinter dem nackten Spiegelbild zeichneten sich die Umrisse eine Gestalt ab. Ein großer Schatten, der langsam aus dem roten Nebel hervor wuchs.
Ein Schnauben ertönte, ein dunkler, animalischer Laut, von dem Cassandra nicht wusste, ob er aus dem Spiegel kam, oder hinter einer der Hecken lauerte.
“Gleich ...“ seufzte das Spiegelbild und schloss die Augen. Ihr Spiegelleib drückte sehnsüchtige, ergebene Erwartung aus.
Die Gestalt wurde deutlicher. Ein Mann, groß und kräftig, der hinter dem zierlichen Ebenbild aufragte.
Ein muskelbepacktes Wesen, mit dunkelbraunem, fast schwarzem Fell.
Cassandra verspürte Panik in sich aufsteigen und wäre am Liebsten fortgelaufen, aber irgend etwas hielt sie fest. Wie gebannt starrte sie auf die Gestalt.
Ein schwerer Geruch nach Moschus lag in der Luft, die aufgeladen war wie vor einem heftigen Gewitter.
Das Wesen stand nun hinter der Spiegelcassandra. Es war gewaltig. Stark und animalisch. Der Männerleib mit dichtem Fell bewachsen. Und der Kopf ...
Der Kopf war der eines Stieres. Mit brutalen Hörnern und flammenden Augen, deren sengender Blick Cassandra erfasste.
Dann trat das Spiegelbild zur Seite und kniete sich vor das Wesen.
Und Cassandra schrie entsetzt und fasziniert auf. Das Wesen stampfte unruhig mit den behuften Füßen, während zwischen seinen Beinen ein monströser, zuckender Phallus aufragte.
Dann rannte sie los.
Das Spiegelbild lachte.
Ein plötzlicher Wind pfiff durch den Irrgarten.
Cassandra hörte das Heulen und Grunzen des Minotaurus ganz dicht hinter sich. Etwas Gewaltiges schien durch die Hecken hinter hier zu pflügen.
Sie wagte nicht, sich umzudrehen.
Einmal glaubte sie, seinen heißen Atem in ihrem Nacken zu spüren, aber sie rannte nur noch schneller, jagte durch das Heckenlabyrinth, betete, nur nicht in eine Sackgasse zu geraten.
Jetzt tobte ein Orkan in den Gängen, zerrte an den Blättern, riss an ihrem Nachthemd, peitschte ihr ins Gesicht, während das Wesen dicht hinter war.
Keuchend passierte sie Marmortor um Marmortor, hastete an den nicht enden wollenden Heckenmauern entlang, bog um eine Ecke, taumelte und stolperte plötzlich ins Freie.
Heftig atmend, mit wild pochendem Herzen, sah sie sich um. Aber es war alles still, kein Lüftchen regte sich und schon gar kein monströser Minotaurus.
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich erschöpft auf die Bank.
Hatte sie sich das alles nur eingebildet? War sie eingenickt und hatte schlecht geträumt? Ihr kam es wie ein Traum vor.
Das Labyrinth wirkte ruhig und idyllisch, vor seinem Eingang tanzte ein bunter Schmetterling. Cassandra musterte ihn mit einem mulmigen Gefühl.
Nur ein Traum?
Sie drehte sich um und ging entschlossen hinüber zum Schloss.
Kam es ihr nur so vor, oder reckten sich die drei Türme noch stolzer und höher in den strahlendblauen Himmel?
Als sie die Marmortreppe zum Eingang erreichte, blickte sie sich nochmals im Garten um.
Dann zuckte sie die hübschen Schultern und trat ein.
Viel verändert hatte sich nicht, außer, dass die beiden Torflügel hinter den fast nackten Wächtern sich gerade schlossen. Sie glaubte, einen wohlbekannten Bommelschwanz dazwischen gesehen zu haben.
“Wer wohl alles zu einer solchen Orgie kommt? Hoffentlich nicht die beiden Alten!“ sagte Cassandra und trat entschlossen vor die beiden Wächter. Sie hatten wirklich prächtige ... Hellebarden.
Sie hielt ihnen die Einladung hin, worauf sich die beiden Türen wie von Geisterhand öffneten.
So erhaben wie es ihr Nachthemd zuließ, stolzierte Cassandra hinein.
Und die Türen schlossen sich wieder hinter ihr.
Dabei hörte sie ein leises Keuchen und als sie sich umblickte, sah sie an jedem Türgriff eine kleine, geflügelte Elfe. Sie schienen Cassandra nicht zu beachten und unterhielten sich mit fipsigen Stimmchen.
“Ein blöder Job!“ keuchte die eine.
“Beklag dich nicht, immerhin wird er gut bezahlt.“
“Da hätte ich lieber einen Tag als Lichtzauber bei einem Magier verbracht.“
“Warte es ab, wenn alle Gäste da sind, haben wir Pause, können uns den Bauch voll schlagen und bei der Orgie mitmischen.“
“Na hoffentlich. Da kommt der nächste Gast.“
Die beiden Elfen (übrigens nackt - aber man konnte leider kaum etwas erkennen, so klein waren sie) schwiegen und öffneten langsam die Türflügel.
Cassandra beeilte sich, von der Tür wegzukommen.
Der Saal, in dem sie sich befand, war sehr lang, beinahe mehr ein riesiger Gang, der sich in der Ferne verlor.
Es herrschte ein vorteilhaftes Halbdunkel, obwohl es keine Fenster oder Lampen gab.
Hinter ihr öffneten sich die Türen und ehe sie wusste, was sie tat, verbarg sie sich hinter dem erstbesten Möbelstück.
Aus irgendeinem Grund wollte sie noch von keinem der Gäste gesehen werden.
Der Neuankömmling war sehr lang und dünn, in der Dunkelheit sah er mehr wie ein Strich aus, ein Wunder, wie er durch die Tür gepasst hatte.
Als er langsam an Cassandra vorbei ging, erkannte sie jedoch, dass es ein ganz normaler Mann war, der nur einen überdimensional langen Zylinder auf dem Kopf trug.
Er ging gebeugt und o-beinig, weil ihm das Gewicht seiner Kopfbedeckung zu schaffen machte.
Er übte einen Satz ein und sprach ihn mal laut, mal leise, mal traurig, mal kläglich: “Ich bin nur ein armer Hutmacher, Eure Majestät.“ Ganz als wollte er vorsorglich sein Sprüchlein parat haben, falls ihm ein Missgeschick passierte. Zwischen den Sätzen kicherte er allerdings sehr vergnügt, ja fast ein wenig hinterhältig.
Und als er mit seinem Zylinder in einem Kronleuchter hängen blieb, fluchte er ganz unanständig, bis er sich daraus befreit hatte.
Na, er war schon immer ziemlich unhöflich gewesen, dachte sich Cassandra und wartete, bis er außer Sicht war, ehe sie hervorkam.
Dabei zog sie einen Flunsch, denn bei ihrem Versteck hatte es sich um einen mannshohen goldenen Phallus gehandelt (aber das hätte sie sich eigentlich denken können).
Sie ging langsam den Saal hinab.
Und was war das für ein Saal!
Links und rechts befanden sich riesige Gemälde an den Wänden, so hoch, dass Cassandra sich davor ganz winzig vorkam.
In den Bildern ging es natürlich nur um das EINE. Und zwar in äußerst freizügiger Art und Weise. Da waren nackte Damen und Herren, die sich vergnügten. Mal alleine, mal gemeinsam. Zu zweit, zu dritt oder zu viert. Sie spreizten ihre Schenkel dem Betrachter entgegen, zeigten ganz schamlos ihre Geschlechter, ihre Brüste und sinnlich geöffneten Münder. Besonders irritierend war, dass ihre Augen lebendig und den Blick des Betrachters spöttisch zu erwidern schienen.
Mit jedem Bild wurden die Szenen delikater, bald konnte man sie nur noch als unzüchtig bezeichnen.
Cassandra hatte schon ganz rote Ohren und bemühte sich, den Blick abzuwenden.
Also starrte sie auf den Teppich, aber der war auch nicht besser. Auch hier vergnügten sich Paare in wilder Ekstase.
Cassandra wurde schrecklich warm in ihrem Nachthemd.
Ihre Wangen waren gerötet und ihr Blut schien sich mit jedem Schritt mehr und mehr zu erhitzen. Ihr Puls rauschte in ihren Ohren, ihre Handflächen waren ganz feucht.
Die anzüglichen Bilder stürzten nur so auf sie ein, wirbelten in ihrem Kopf durcheinander, entzündeten sie, bis die Lust in ihr brannte.
Cassandra wusste bald kaum noch wie ihr geschah. Jetzt hallte ein lautes Stöhnen und Seufzen von den Wänden wieder, manchmal war ihr, als es käme aus ihrem eigenen Mund.
Dann glaubte sie den Duft nackter Leiber um sich zu haben, oder von begierigen Fingern berührt zu werden, die über ihren erhitzen Leib strichen.
Es war kaum noch zum Aushalten.
Und als endlich die Tür am Ende des Saals auftauchte, sehnte Cassandra sich schließlich nur noch nach süßer Erlösung (Ja!) ...

“Das genügt!“
“Was ... was soll das heißen?“
“Schluss, aus - es reicht!“
“Ja, aber ...“
“Ich mache da nicht mehr mit!“
“Ich hör´ wohl nicht recht. Du kannst nicht einfach ... nicht einfach ... aufhören.“
“Kann ich sehr wohl. Und ich tue es auch!“
“Aber die Geschichte ... sie kann doch nicht ohne dich weiter gehen.“
“Du bist der Erzähler, dir wird schon was einfallen.“
“Cassandra, das ist nicht dein Ernst!“
“Und ob. Ich gehe nach Hause.“
“Das geht nicht. Diese Geschichte ist deine Geschichte. Sie funktioniert nicht ohne dich.“
“Das ist mir schnuppe. Ich habe genug.“
“Genug?“
“Von diesen Verwicklungen. Von Sex und diesen schrecklichen Bewohnern.“
“Unmöglichen Bewohnern, meinst du wohl.“
“Unterbrich mich nicht!“
“Entschuldige.“
“Mir geht dieses Wunderland gehörig auf die Senkel.“
“Ich fand es ganz amüsant, Cassandra.“
“Kann ich mir vorstellen. Du erzählst ja nur. Musst du vielleicht barfuss durch die Gegend laufen?“
“Nein, ich trage Hausschuhe, wenn ich schreibe.“
“Siehst du! Und wird vielleicht irgendwo auch nur erwähnt, wie unangenehm es ist, mit nackten Füßen umher zu laufen? Nein, kein Wort davon.“
“Das tut mir leid. Ich wusste nicht ...“
“Und dieses Nachthemd! Ich hasse blassrosa. Eine schreckliche Farbe. Ich bin doch nicht meine Großmutter. Aber es kommt noch schlimmer - es ist auch noch kaputt. Weißt du, wie peinlich es ist, mit zerrissenem Nachthemd vor wildfremden Leuten zu stehen?“
“Nein, ich ...“
“Nichts weißt du, das ist es. Der große Herr Erzähler amüsiert sich prächtig. Aber wie ich mich fühle, das interessiert ihn nicht.“
“Aber ... aber du hast dich doch auch vergnügt.“
“Manchmal.“
“Immerhin.“
“Und jetzt ist es genug. Ich gehe Heim.“
“Cassandra, bitte, das kannst du doch nicht tun.“
“Und wie ich das kann.“
“Nur noch diese Geschichte.“
“Oh nein, gerade diese Geschichte nicht mehr. Was zu viel ist, ist zu viel.“
“Aber die Orgie ... alle warten auf dich. Herr Unmöglich, der grinsende Kater, die Herzogin und sogar eine echte Königin.“
“Die können mir gestohlen bleiben.“
“Sie werden sehr traurig sein.“
“Dann geh doch selbst hin, Herr Erzähler.“
“Wie bitte? Ich soll ...“
“Ganz genau.“
“Ich kann doch nicht zu einer Orgie gehen.“
“Kannst du nicht?“
“Nein.“
“Aber ich kann?“
“Ja.“
“Da hast du dich aber geschnitten, mein Lieber. Ich gehe nicht!“
“Doch!“
“Nein!“
“Bitte.“
“Danke.“
“Bleib doch.“
“Keine Chance.“
“Cassandra, bitte ...“
“Tschüß.“
“Cassandra, komm sofort zurück! ... Hörst du nicht? ... Cassandra, ich befehle dir ... Bitte! ... Du kannst doch nicht einfach ... Cassandra? Cassandra! ... Die ist unmöglich!“
ENDE

Ich hoffe euch gefällt diese geschichte und freue mich über jegliches komentar egal ob gut oder nicht
liebe grüsse silke
Silke Schück, Anmerkung zur Geschichte

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Der Beitrag wurde von Silke Schück auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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