Klaus-D. Heid

Countdown

Arturo Genardi verstand die Welt nicht mehr. Was wollte dieser Mann nun von ihm? Hielt er ihn nur zum Narren? Machte er sich einen Spaß daraus, Genardi das Leben schwer zu machen? Auf jeden Fall schien er etwas gegen Ausländer zu haben. Aber warum nur? Hatte Genardi irgendetwas getan, dass diesen Mann reizte? Lag es an Genardis typisch italienischem Aussehen? Mochte der Typ keine Männer mit lockigem schwarzen Haar? Verdammt! So jedenfalls konnte sich ein Genardi nicht behandeln lassen! Der nicht sehr große, aber stämmige Italiener holte tief Luft. Wenn der Mann nicht gleich sein Verhalten änderte, würde Genardi für nichts mehr garantieren können. Ein einziges mal würde er nun die Frage stellen, die über Krieg oder Frieden entschied.

„Was wollen Sie?“

Gleichzeitig versuchte Genardi, seinem Gesichtsausdruck jenen gewissen autoritären Touch zu verleihen, den er selbst so bei seinem Vater gefürchtet hatte.

„Sie haben verstanden, ja? Ich frage, was sie wollen...!“

Keine Antwort. Unschlüssig wanderten die Augen des Mannes hin und her.

„Signore? Geht es ihnen nicht gut? Ist alles in Ordnung? Warum antworten sie mir nicht?“

Was sollte Genardi noch machen? Er hatte es mit freundlichen Worten versucht. Er hatte einen grimmigen ungeduldigen Blick aufgesetzt. Er hatte den Mann angeschwiegen, um ihn nicht zu irritieren. Musste Genardi ihm erst eine Ohrfeige verpassen, bevor er sagte, was er wollte? Genardis Zorn stieg langsam aber sicher auf ein Level an, dass bei heißblütigen Italienern zu sehr überraschenden Reaktionen führen konnte.

„Signore? So geht es nicht! Bitte sagen sie jetzt sofort, was Sie wollen... oder ich werde...“

Was würde er? Er konnte doch unmöglich dem Mann ins Gesicht schlagen. Sollte er ihn einfach von der Polizei abholen lassen? Polizei? Genardis brauchten keine Polizei! Noch nicht einmal, als die Genardis noch eine angesehene reiche Familie in Florenz waren, hatten sie jemals die Hilfe der Carabinieri in Anspruch genommen. Immer hatten die Genardis ihr Problem alleine gelöst!

„Zum letzten mal, Signore! Entweder sie sagen nun, was Sie wollen, oder ich weiß nicht mehr, was ich tue!“

Genardis Hände verkrampften sich zu schlagbereiten Fäusten.

„...also?“

Der Mann, dessen Augen sich nun auf einen bestimmten Punkt fixierten, lächelte Genardi plötzlich an, als sei ihm kein bisschen bewusst, in welcher Gefahr er sich befand. Mit dem unschuldigen Ton eines Ahnungslosen antwortete er:

„Zitrone! Ich glaube, ich möchte nur eine Kugel Zitrone...!“

Endlich! Genardis Fäuste entkrampften sich wieder, während er eine Kugel Zitroneneis in das Waffelhörnchen fallen ließ.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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