Dirk Schuh

Pendlergedanken

Letztens hab ich sie wieder gesehn. Oh, wie wunderschön sie doch ist.


Sie hat kurze, schwarze Haare, dunkle Augen und einen Teint, der eine grazile Synthese aus blass und gebräunt darstellt. Ihre tollen Lippen werden zudem durch ein piercing noch unterstützt. Sie studiert, wie ich, und sie pendelt von Minden nach Bielefeld, wie ich. Aber mehr weiss ich nicht. Wenn ich sie erblicke, bemerkt sie auch mich, ohne mich jedoch nur eines Blickes zu würdigen. Ich erkenne es an ihrem Gesicht. Allerdings weiss ich nicht, ob sie mich mag oder einfach nur meine Existenz hinnimmt.
Dort stand sie wieder, am Bahnhof. Ihre Mimik sagte wieder hi, während ihre Augen schwiegen. Ich kann so nicht arbeiten. Eigentlich würde ich sie ansprechen, aber im Moment geht alles recht schief und ich könnte die Ablehnung der schönsten Pendlerin nicht ertragen.
Als der Zug kam, stiegen wir zufällig nebeneinander ein, setzten uns aber in verschiedene Abteile. Bielefeld fungierte als Spiegel. Nebeneinander stiegen wir wieder aus. Wieder ohne Blick. Ich hätte zerbersten können. Stattdessen ging ich einfach etwas schneller. Ihre Schönheit stieß mich plötzlich ab wie ein Magnet. Aber schon in der UBahnStation holte mich das quälende Schicksal wieder ein. Erneut stand sie in meiner Nähe und schenkte einzig den vorbeifahrenden Bahnen ein leichtes Lächeln. Ich wurde wütend, wollte weg. Da bot sich die erste Bahn Richtung Uni an, die Schöne machte keine Anstalten einzusteigen. Normalerweise würde auch ich auf die nächste warten, weil die hier imer zu voll ist. Ich mag UBahn-Enge. Das hat etws sehr atmosphärisches. Aber in der ersten wird dieses Erlebnis völlig ad absurdum geführt. Zuviel ist zuviel! Nur heut hatte ich genug. Ich wollte weg von ihr! Leider bekam der Typ vor mir den letzten theoretischen Platz. Ihm huschte ein sanftes Lächeln übers Gesicht, als er mich hinter der sich schließenden Tür verschwinden sah. Seine Angst, er müsse wieder aus dem Walhalla des Zuges heraus, weil sein Körper den Sensor der Türschlossautomatik behinderte, hatte sich nicht erfüllt. Er fühlte sich privilegiert und fuhr davon. Immerhin konnte ich einen Menschen glücklich machen. Ich drehte mich um und sofort stach mir wieder mein Problem ins Auge oder vielmehr stach ein paar Meter neben mir,denn da sah sie hin. Mir reichte es! Ich hörte lieber Musik aus dem discman und schaltete sie aus. Natürlich verschwand sie aber nicht aus meinem Kopf und immer wieder ertappte ich mich dabei,wie ich aus dem Augenwinkel überprüfte,ob sie noch da war.
Dann kam die Bahn, unsere Bahn. Sie bemühte sich halbwegs um Einlass,während ich ruhig auf den letzten Platz baute. Aber wir kamen nicht voneinander los. Wieder stand sie neben mir,ohne dass ich etwas dafür getan hätte. Die Tür schloss sich. Noch klebten 2 verspätete Studenten wie Fliegen an der Scheibe, aber die gaben schon bald auf.
In der UBahn neben einer attraktiven Frau zu stehen, ist tückisch. Man reibt sich unweigerlich aneinander.
Zum Glück stand noch eine Metallstange neben uns, dadurch wurde das Ganze etwas abgemildert. Mein anderer Nachbar in der Enge war männlich,darum hielt ich meinen Rucksack zwischen uns. Er hätte sonst auf falsche Gedanken kommen können.
Ich betrachtete ihre rechte Hand,mit der sie sich festhielt. Sie war sanft und nicht fanatisch fraulich bearbeitet. Man konnte etwas Schmutz unter ihren Fingernägeln sehn. Sie trug auch keinen Ring, das war gut. Ich hätte mich sofort in ihrem Hinterkopf verlieren können. Ich atmete tief und gleichmäßig, gleichmäßig tief. Welche Shampoo sie wohl benutzt? Ich wollte ihr am liebsten durch die Haare streichen, ihre Hand streicheln. Warum nur unternehm ich nichts?
Dann kam die Universitätshaltestelle. Wir stiegen beide aus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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