Dirk Schuh

Blickkontakttango

Sie ist durchschnittlich groß, blond und man findet 174 Sommersprossen in ihrem Gesicht, wenn ich mich nicht verzählt hab.


Der Zug nimmt seine Fahrt auf, wir sitzen uns in der Doppelsitzgruppe gegenüber. In ihren unberingten Händen hält sie einen Grisham. Ich vergnüge mich derweil an der aus den Knopfkopfhörern strömenden Stimme Janis Joplins, während ich aus dem Fenster schau. Sie war eine Rebellin, eine verzweifelte Seele, ein freier Geist und entschied sich zu sterben. Hat man immer eine Wahl?
Mein Gegenüber kramt in ihrer Tasche und findet ihren Stein der Weisen: ein kleines, gelbes Wörterbuch. Der Grisham scheint original, Sprache inklusive.
Am Fenster zieht nun das Bordell vor dem Gebirge vorbei, gleich wird Porta erreicht. Ich würde gern weiter die triste Schönheit eines verregneten Tages geniessen, aber mein Blick findet sich immer wieder in ihrem Antlitz wieder. Sie trägt einen feinen blauen Lidstrich und sanft roten Lippenstift. Dabei hat sie das gar nicht nötig- Denk ich mir. Sie ist doch so natürlich schön. Die normalen Zugfahrgeräusche- der Motor, das Fahrtwindpfeifen, small talk Unrat- scheinen sie zu stören, drum legt sie das Buch wieder weg. Als ich einen dritten Blick riskiere, schlägt mir für den Hauch eines Moments ein Paar der blauesten Augen entgegen, die ich seit langem bewundern durfte, dann sieht sie leicht verstohlen auf den Boden.
Ich höre Puck, auf meiner Schulter sitzen, sagen: “Die Spiele des Blickkontakttangos sind eröffnet.“ Die Regeln sind klar, obgleich sie eigentlich alles nur unnötig kompliziert gestalten. Man sieht den anderen an, bis dieser das merkt und zurücksieht, dann wechselt man die Blickrichtung, damit der andere einen ungestört betrachten kann. Am Ende ist dann entweder einer von beiden so genervt,dass er eine totale Änderung der Situation in Kauf nimm oder man kommt bis zum Ende der Spielzeit nicht weiter und geht unentschieden seiner Wege.
Ein paar Mal seh ich sie zu lang an, das gibt natürlich leichten Punktabzug, aber ansonsten ergibt sich ein ausgeglichenes Blickrennen mit Chancen auf beiden Seiten.
Es wird wohl mal wieder remis.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dirk Schuh).
Der Beitrag wurde von Dirk Schuh auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Hauskater Moritz erzählt selbst von Ernst Dr. Woll



In Märchen, in Fabeln, können Tiere sprechen. Was in dieser Weise in den 9 Kurzgeschichten ein Hauskater erzählt basiert auf vielen wahren Begebenheiten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Dirk Schuh

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Eine Hommage an Iwan Gontscharow von Dirk Schuh (Glossen)
Liebe auf dem ersten Blick von Selma I. v. D. (Liebesgeschichten)
Schnell wird man ein Ewald von Rainer Tiemann (Kindheit)