Nicolai Rosemann

Psycho Virus

Aus gesammelte Geschichten von Alpha Centauri

Bestimme ich die Stärke meines Feindes, während meine Gestalt nicht wahrnehmbar erscheint, so kann ich meine Stärke konzentrieren, während der Feind unvollständig ist. Die Entfaltung militärischer Kriegskunst findet sich im formlosen. Weißet keine Form auf und selbst der sinnestiefste Spion suchet euch vergebens und der Weise kann keine Pläne gegen euch schmieden. – Sun Tsu, Die Kunst die des Krieges

„Was soll dieser Auftritt schon wieder? Ich habe andere Dinge zu tun!“
„Eine gute Frage. Die Antwort folgt sofort. Aber zuerst habe ich noch eine Frage.“ sagte Pro-fessor Orlov. Zakharov seufzte. „Stellen Sie ihre Frage.“
„Erinnern Sie sich an das Kommandonetzwerk?“ fragte Orlov.
„Das Kommandonetzwerk?“ fragte Zakharov und grübelte einen Moment. „Sagt mir im Moment nichts. Klären Sie mich auf, Professor.“
„Es war ein Geheimprojekt wie eben das, das ich ihnen grade präsentiert habe. Nur leider waren die Spartaner in dieser Beziehung schneller. Sie haben aber dafür einen hohen Preis gezahlt, als die Prometheus-Seuche sie beinahe halbierte. Außerdem ist es jetzt überholt.“ antwortete Orlov. Zakharov hob die Hand. „Wie soll ich das verstehen? Ist überholt?“
„Sehen Sie, Dekan. Das Kommandonetzwerk koordiniert die Truppen. Einerseits brechen uns die Truppen links durch, wir schicken unsere Truppen hin. Nur auf der anderen Seite laufen kurz drauf die Spione über die Grenzen.“
„So weit wäre ich auch alleine gekommen.“
„Nur was würden sie sagen, wenn ich ihnen sage dass das Netzwerk Geschichte ist?“
„Ich wäre sehr glücklich, Professor.“ antwortete Zakharov.
„Dann freuen Sie sich, Dekan. Die Spione, die bis jetzt unsichtbar unsere Grenzen verletzten sind nicht mehr unsichtbar. Sobald sie einen Kontrollpunkt passieren wollen…“ Orlov machte eine Geste von Ohr zu Ohr. „Sie werden festgenommen, verhört und dann terminiert.“
„Und was ist mit den Spionen, die uns ganze Kompanien gestohlen haben?“ fragte Zakharov.
„Sie kommen gar nicht erst an unsere Kompanien ran. Und wenn doch, werden sie ein für alle mal ausgelöscht.“ antwortete Orlov. „Aber an sich sollten sie gar nicht so nahe ran kommen, das das nötig wird. Keine Datenverluste mehr, keine Feindübergriffe, keine Diebstähle. Alles wird uns sofort gemeldet oder meist werden sogar unverzüglich Gegenmaßnahmen ergriffen.“
„Ausgezeichnet. Gute Arbeit.“ lobte Dekan Zakharov und lächelte breit.
„Wir sind relativ sicher.“ stimmte Orlov hinzu und packte zusammen.
„Was heißt relativ?“ fragte Zakharov plötzlich.
„Nun ja. Das System baut darauf auf, dass die Bürger uns unterstützen. Sind sie aber durch etwas verärgert oder nicht ganz loyal zu unserer Gruppierung, fällt es allgemein leichter einzudringen. Und das kann unser System noch immer untergraben. Also sollten wir auch dafür sorgen, dass sie es erst gar wagen, gegen uns vorzugehen.“
„Was wäre ein Mittel dagegen. So, wie Sie reden haben sie sicher einen Plan.“ sagte Zakharov. Orlov nickte zustimmend. „Projekt P.“
„Hören Sie auf mit Projekt P!“ schrie Zakharov böse.
„Aber Dekan. In den nächsten Monaten wird Herkules wieder ein Periphelum auslösen. Dann sind die Schwärme zu groß, selbst für unsere Elite-Talente. Ein Schwarm stellt kein Problem dar, aber ein Teufelsschwarm ist schlichtweg zuviel für sie.“
„Sehen Sie Orlov. Schon wieder ein Punkt gegen Projekt P. Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, das Wohl tausender Bürger auf einen Schwarm Würmer ankommen zu lassen. Erinnern Sie sich noch an meinen Besuch im Labor?“
„Das war ein Unfall, Dekan. Das werden sie wohl nicht als Muster nehmen.“ sagte Orlov enttäuscht. Zakharov stöhnte enttäuscht. „Doch, das tu ich. Der Mann starb, vor meinen Augen und wir machen Machtlos!“
„Hier.“ sagte Orlov und reichte Zakharov ein Klemmbrett. „Die PSI-Daten eines Talents. Das sollte Sie überzeugen. Der Senat hat schon dafür gestimmt, es fehlt nur noch ihr Okay.“
Zakharov überflog die Daten, hauptsächlich Statusberichte, Diagramme und Tabellen. Aber auf dem letzten Blatt stand ganz klein ein Wort, mit Kugelschreiber geschrieben, dann mit einem Stempel überstempelt. „Schwarmtauglich. Was heißt das?“
„Dass dieses Talent im Moment einen Schwarm kontrolliert, aber jederzeit einen großen übernehmen könnte.“ antwortete Orlov geduldig.
„Natalija? Sie soll ein Durchschnittstalent sein?“ fragte Zakharov.
„Ja, aber…“ wollte Orlov sagen. „Natalija war eine geraume Zeit lang meine persönliche Assistentin. Sie ist mehr als durchschnittlich. Sie ist die Beste!“
„Nun ja…äh…nein. Auf jeden Fall brauchen wir die Psycho Viren. Als Polizei und vor allem an der Front!“
„An der Front?“ fragte Zakharov.
„Denken Sie an General Hain. Täglich fallen tausende Männer und Frauen an der Front gegen die Spartaner. Hain weigert sich aber Atomwaffen einzusetzen.“
„Aus gutem Grund: wegen der UN-Charta. Er würde sie einsetzen, würde ich ihr welche schicken.“ unterbrach der Dekan. Orlov winkte aber. „Jetzt mal ehrlich, Dekan. Was würden sie dafür geben, wenn dieses Sterben auf einen Schlag enden würde. Zumindest für uns. Die Antwort heißt…“
„Projekt P.“ setzte Zakharov fort.
„Dekan. Lady Deidre hat schon seit geraumer Zeit einen Haufen Psycho-Viren im Einsatz. Wieso verwehren Sie uns diesen Vorteil im Kampf?“
„Weil…“
„Dekan. Ein Melder von der Front. Er sagt es wäre dringend.“ meldete plötzlich die Sekretärin von Zakharov.
„Er soll eintreten.“ befahl Zakharov. Ein Soldat der Universitäts-Armee trat ein. Seine Stiefel waren blank poliert, seine pechschwarze Uniform war makellos. Er schlug die Hacken zusammen und salutierte stramm. „Dekan.“
„Was ist so wichtig, dass sie eine geheime Zusammenkunft unterbrechen?“ fragte Zakharov.
„Ich habe in den letzten Tagen alle Frontabschnitte besucht und eine Lagebericht erstellt. Diesen habe ich mit dann mit den aktuellen Berichten verglichen. Im Moment sieht es so aus: Die zwei Kompanien unter Lieutenant Bauer in Sektor vier wurden ausgelöscht, bis auf den letzten Mann. Dieser Abschnitt ist verloren. In Sektor sieben muss sich Lieutenant Vebba durch den Wald kämpfen und hat ebenfalls schwere Verluste erlitten. Aber laut seinem Bericht wird er morgen durchbrechen.“
„Schicken Sie sofort Lieutenant Eddington mit der Universitätsfront vier dorthin. Wir müssen dort endlich durchbrechen!“ befahl Zakharov. Der Soldat notierte sich den Befehl und setzte dann fort. „Colonel Kling meldet die Besetzung der Kolonie Sparta-Kommandozentrale. Die Basis ist gesichert und nicht mehr unter Beschuss.“
„Sehr gut.“ sagte Zakharov und rieb sich die Hände.
„Aber leider fehlt es in allen Frontabschnitten immer noch an Mensch und Material.“ beendete der Soldat den Bericht. Zakharov sah Orlov an, Orlov lächelte zurück. Schließlich seufzte Zakharov.
„Professor Orlov. Geben Sie mir den Bericht. Ich gebe die Bestätigung. Schicken Sie die Einheiten raus und machen Sie diesem Zirkus ein Ende!“ befahl Zakharov und fetzte seine Unterschrift unter die Bestätigung. Orlov lächelte zufrieden. Zakharov schickte den Soldaten dann mit einer Meldung für General Hain zurück an die Front, Orlov verließ das Büro um die Einheiten aufzustellen.

Einige Stunden später stand Dekan Zakharov am Fenster seines Büros und sah nach draußen. Am Horizont braute sich ein Gewitter zusammen.
„Ich hoffe Hain weiß, was sie da tut.“ murmelte Zakharov. „Sie lässt die Hölle in den Krieg ziehen.“
Am Rand der Stand wimmelten sich die Psycho-Viren in ihren Feldern. Eine Gruppe Menschen ging auf die zu, sie wurden von bewaffneten Soldaten mit Flammenwerfern eskortiert. Die Männer stellten sich in einer Reihe auf. Plötzlich nahm das Gewimmel der Viren Form an. Acht perfekte Quadrate bildeten sich vor den Stadttoren.
„Erstaunlich. Ich glaube ich habe Orlov Unrecht getan.“ murmelte Zakharov. Die Schwärme änderten wieder ihre Form und bildeten Kreise. Ihre Trainer stellten sich mitten hinein und wurden von ihren Viren zum Hafen getragen. Dort trieb bereits eine weitere Plattform aus Psycho-Viren auf dem Wasser. Die Trainer führten ihre Viren hinauf und legten ab. Zakharov wandte seinen Blick zu den Flugfeldern. Auch dort waren Fungusfelder, aus denen sich plötzlich die gefürchteten Heuschrecken von Chiron erhoben.
Der Trainer spielte mit ihnen einen Moment lang und ließ sie diverse Konstellationen bilden. Doch schließlich bildeten sie eine Pfeilform und folgten der Insel aus Psycho-Viren zum anderen Kontinent.
„Jetzt wird sich zeigen, ob ich das richtige getan habe.“ murmelte Zakharov. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und sah die Berichte durch. Er hoffte, dass sie sich bald zu seinen Gunsten ändern würden.
Bald. Oder hatte er die Hölle auf das Paradies losgelassen? Die Zeit würde es zeigen.

Ein weiterer Teil aus dem Zyklus von AC.
Dies wird wohl der letzte Teil sein, in dem Zakharov die Hauptrolle spielen wird (die anderen sind bereits online).
Aber es werden noch einige andere Geschichten folgen. In diesen werden aber andere Gruppierungen zu Wort kommen.
Nicolai Rosemann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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