Eric Beyer

Regen auf dem Fenster

Es ist kalt. Erbärmlich kalt. Ich ziehe mir was über. Langsam stehe ich auf aus meinen Stuhl. Ich sehe mich um. Nichts. Nichts erwähnenswertes. Eine gähnende Leere, die dieses Zimmer verbirgt. Und doch ist etwas da. Nein, es kann nicht leer sein. Die Schrankwand, das Schöne Bild von den einen Urlaub und das Radio, das sich mit mir unterhält. Es ist nicht leer, das Zimmer, es ist nur kalt.
Ich glaube, ich schließe das Fenster. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Glas an der Wand. Es ist Kunst. Der Regen formt eigenartige Kunst auf der Glasscheibe, die immer wieder wechselt. Ich bleibe stehen. Ich sehe mir das Fenster an. Wie Fernsehschauen ist das, denke ich. Ich schreite heran und lege meine Hand auf den Hebel. Wenn man nahe genug am Fenster steht, kann man durch den Regen auf die Straße davor blicken. Die Regentropfen formen im Wind ebenfalls kunstvolle Formen. Auf den Dächern, auf der Straße, in der Luft, einfach überall. Es ist unwirtlich draußen. Hier in dem Zimmer ist es gemütlich. Es stehen Menschen auf der Straße. Es gehen Menschen die Straße entlang. Sie gehen im kalten Regen über die nasse Straße.
Was denken diese Menschen?
Woran denken diese Menschen?
Ich weiß es nicht. Ich denke es mir. Sie müssen noch etwas erledigen. Nur was? Warum muss jemand im Regen stehen, wo es doch so warme Stuben wie diese gibt? Ich blicke weiter hinab auf die Straße. Sie wirkt noch kälter als der Regen. Die grauen Häuser an der Seite scheinen sich in ihr zu spiegeln. Es sieht erbärmlich aus, aber interessant.
Ich schrecke auf. Ein Blitz fuhr hinab auf das Dach des Nachbarhauses. Ich sah es, als ich auf die Straße blickte. Nichts ist weiter geschehen. Ich will nun wieder zurück in meinen Stuhl. Ich drehe mich, gehe auf den Stuhl zu und lasse mich in ihn sinken. Ich schaue nach oben. Der Regen auf der Fensterscheibe bemalt die weiße Wand, auch die schneeweiße Decke.
Aus dem Radio tönt Musik. John Lennon, "Imagine". Würde ich meine Nationalität für den Frieden aufgeben? Meine Religion? Den Grossteil meiner Identität aufgeben, damit diese Welt nie wieder menschliches Leid sehen muss? Schwierige Fragen. Gute Fragen aber doch, doch sie kümmern mich nun nicht mehr. Ich muss an etwas anderes denken. Ich dachte an mein Vorhaben. Es musste heute sein. Warum musste es heute sein? Warum jetzt, warum hier? Es war doch egal wann? Morgen wird es wieder regnen oder es scheint die Sonne, das ist gleich. Wochentage sind belanglos. Verantwortung trage ich keine. Pah! Dumme Menschen seid ihr! Das einzige, wofür ich verantwortlich bin, das bin ICH! Für mich fühlt sich sowieso niemand verantwortlich. Niemand!
Ich tue es euch gleich! Ich kann euch zwar nichts nehmen, aber ich werde mir etwas nehmen!
Das werde nur ich mir nehmen!
Ich beruhige mich und denke über meine Zukunft nach. Sie ist wie die Decke. Sie sieht malerisch aus. Aber es ist nur eine unwirkliche Vision, ein Spiegel von kaltem Regen auf dem Fenster. Das Prinzip der Hoffnung hat längst versagt. Ich bin ein Außenseiter dieser Gesellschaft, die sich sozial und gerecht schimpft. Ich klage nicht, ich überlebe in dieser Gesellschaft trotzdem. Verhungern muss hier keiner. Es geht immer weiter sagt man. Immer weiter geradeaus muss man gehen. Geradeaus, nicht nach oben soll man gehen. Gehen ohne Zukunft, ohne Aussicht auf eine Änderung, auf eine Verbesserung. Der regelmäßige Gang zum Sozialamt, zwischen Ausländern, Pennern und Säufern. So wird man eingestuft, das ist die Repräsentation meiner Gesellschaft. Niemals in meinem Leben habe ich für Lohn gearbeitet. Es ist ein Teufelskreis, der sich von dem Schulabgang her bis heute hinzieht. Keinen schönen Tag hab ich seitdem erlebt. Ich bin nichts mehr seitdem.
Es wird Zeit. Ich gehe zur Schrankwand und hole die Packung Schlaftabletten aus der rechten, oberen Schublade. Hinter der großen, mittleren Tür der Schrankwand steht noch die halbleere Flasche Doppelkorn von gestern Abend. Der Klang des Radios verstummt in meinem Kopf. Es sind nur noch hohe und tiefe Töne, die ich irgendwo hinter mir registriere. Nein, es sind eher tiefe Töne. Ich nehme die Flasche Doppelkorn aus der Schrankwand. Ich habe sonst nichts andres zu trinken. Wasser ist zu dreckig, wegen dem vielen Regen. Jedenfalls sagen die Vermieter, es wäre nicht gut, bei Regen das Leitungswasser zu trinken.
Ist jetzt sowieso egal.
Ich drehe die Flasche auf.
Nein, du Trottel! Du musst die Tabletten zuerst in den Mund nehmen!
Noch nicht einmal das machst du jetzt richtig!
Ich bin wahrscheinlich aufgeregt.
Ich nehme also die Tabletten in den Mund, zehn Stück.
Ich führe den Flaschenhals langsam, bedächtig zu meinem Mund. Das Glas berührt meine Lippen.
Mein Herz klopft mein persönliches Requiem.
Entschlossen, halbwegs würdevoll abzutreten, kippe ich die Flasche schnell nach oben.
Der scharfe Todessaft durchströmt meine Kehle.
Es brennt! Schreien möchte ich!
Doch es fließt weiter. Weiter hinab in meinen Rachen.
So geht es, schmerzlich. Mit Tränen in den Augen stelle ich fest: die Flasche ist leer.
Ich werfe sie weg wie etwas Widerliches, wie alle, die mich hier hin trieben.
Meine Beine lassen nach.
Ich falle rücklings auf den harten, kalten Betonboden.
Du hast das richtige getan, sage ich mir.
Weniger der Schmerz, mehr die Angst ließ mir weiterhin die Tränen fließen.
Heiß rennen sie über meine kalte Backe.
Ich spüre, wie mein Leben aus meinen Augen rennt.
Da habt ihrs! Ich bin nur wegen euch gestorben! Hoffentlich seit ihr die ersten, die meine verfaulte, stinkende Leiche zu Gesicht bekommen!
Es wurde kalt, kälter in meinem Herz, doch der Alkohol überfühlt das.
Wie zum Abschied versuche ich mit meinen Möbeln zu sprechen.
Ich sage was zu dem Stahlbett, zur Schrankwand, ja sogar was zu dem Stuhl.
Nun ist es aus. Bis hier hin und nicht weiter!
Ich spüre wie die Müdigkeit meine Füße hochkroch, langsam, aber bestimmt.
Du Feigling! Schlaftabletten! So ein feiger Hund bist du!
Ist egal. Ich war nur für mich allein hier in diesem Zimmer, in dieser Sozialwohnung, was mir für drei Jahre ein Zuhause war.
Ich flenne, ich Memme.
Ich flenne nach meinem alten Leben, nach meinem alten, aussichtslosen Kampf.
Noch nicht einmal sterben konnte ich.
Ich darf nicht weiter nachdenken was noch hätte kommen können. Ich muss aufhören zu denken! Ich muss es schneller erledigen!
Ich versuche mich aufzurichten, in der Hoffnung ein Messer zu finden.
Schnell! Schnell!
Ich torkle rum, reiße die Schrankwand um und mache den Stuhl kaputt.
Ein schöner Tod ist das!
Dabei fällt mir wieder die Decke ins Auge. Schön ist der Regen schon.
Da dachte ich noch ein letztes mal nach, dachte über diese große Dummheit nach.
Vielleicht hättest du noch was gefunden?
Wie viele Mädchen hättest du noch kennen lernen können?
Vielleicht hättest du mit ihr ein Haus am Meer gekauft, irgendwann einmal, hättest eine Familie gegründet und wärst glücklich geworden?
Du hättest jeden Abend auf ihr glattes Blondes Haar geschaut wie es den Sonnenuntergang spiegelt. Dein Sohn, nein, deine Tochter, ach alle beide hätten vor euch im Sand des Meerstrandes gespielt, während ihr beide euch sinnlich umarmt, liebevoll streichelt und du sie sanft auf ihre vollen, roten Lippen küsst.
Was passiert nach dem Tod? Genau das? Vielleicht im Himmel, wenn du das glaubst.
Ich muss weg.
Ich muss schnell aufhören über die Zukunft, die möglich gewesene, nachzudenken.
Raus aus den Stuhl!
Ich torkele zum Fenster.
Mit Mühe und Not bringe ich meine Hand an den Hebel.
Ich drehe ihn.
Ich steige auf das Brett.
Der Regen benetzt mein Gesicht, durchnässt meine Klamotten.
Ein Schritt und alles ist vorbei.
So werde ich also mein Ende finden.
Doch wider aller Erwartungen spüre ich keinen Hass, keine Wut,
sondern Angst, Trauer und Reue.
Es gibt nun kein Zurück mehr.
Nun sterbe ich also, ich kleiner, unbedeutender Hund.
Ich tue den Fuß vor, meine Hände rutschen immer weiter vom glitsch nassen Fensterrahmen.
Und nun sind sie in der Luft, so auch ich. Ich falle, falle

falle...................................

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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