Mike Arnold

Kartharsis



Die Welt war zu der Größe eines kleinen Zimmers geschrumpft. Es war nur spärlich eingerichtet. Neben der schweren Stahltür stand ein Tisch aus braunem Nussholz. Auf ihm Papiere und Karten sinnlos verstreut. Die Karten trugen die Emanationen eines Willens, der schon lange die Stärke seines Anfanges verloren hatte. An der Wand stand ein Feldbett mit schäbigem Bezug, neben dem das Blut der blonden Frau gerann. Ihr Körper war noch nicht erkaltet und die Augen trugen noch das Echo des Lebens in sich. In der hinteren Ecke des Raumes stand ein großer Sessel. Die Erschütterungen der Einschläge spürte er nicht mehr. Zu lange hatten sie schon gewütet, als das sein Geist ihnen noch Aufmerksamkeit schenkte. Das Licht der kleinen Lampe erhellte die dräuenden Winkel der Kammer nicht. Es schien, als ob es vom Tod gedämpft wurde. Die Luger in seiner Hand wog schwer. Er dachte nichts, er fühlte nichts. Alles in ihm hatte sich in Katatonie gehüllt. Langsam hob sich seine Hand, nur um auf der Hälfte des Weges einzufrieren. Seine Augen richteten sich wieder auf diese Welt.Verwunderung erschien wie ein Schimmer in seinen Augen, als der Raum plötzlich anwuchs und gleichzeitig kollabierte. Fast gleichzeitig erfüllte ihn das Gefühl in einem großen Raum zu sein und dann im Inneren eines Stahlsarges. Etwas sickerte in den Raum, füllte ihn mit dichter Dunkelheit. Träge, besonnen und doch entschlossen. Diese Dunkelheit umfloß ihn, schmeichelte seiner Haut und lies ihn frösteln. Erkennen glomm in seinen Augen und alle Farbe verließ sein Gesicht. Erst war es nur ein Raunen, ein Erahnen von Präsenz doch stetig formten sich die Wellen zu einem Muster.
Die Welt hielt den Atem an und verstummte.
Das Dröhnen der Geschütze, verschlungen, genauso wie die Geräusche seines Atems.
Die Stimme
?Es ist geworden, wie ich es dir sagte!? Kalt, wie die Klinge eines Dolches durchschnitt sie die Stille. Sie war um ihn und in ihm. Sie war Es.
?Nicht wahr??
Er wollte antworten. Nur widerwillig gehorchte seine Zunge den stummen Befehlen. Seine Lunge füllte sich.
?Nein!?
Es war mehr gehaucht, als gesprochen. Die Stimme, die Zehntausende in ekstatische Verzückung fallen lies hauchte nur noch. Enttäuschungsschwanger laborierte sie im Raum.
?Nein, nein!! Du hast mir Größe versprochen!?
?Gab ich sie dir nicht?? Es klang nach Lachen.
?nein, es ist eine Pharse. Die ist keine Größe, keine Größe.?
Es folgte eine klingende Stille
Doch, schau um dich. Lass deinen Blick wandern und erkenne das, was du erreicht hast. Es wird sich dir offenbaren. Millionenfache Wut schreit deinen Namen und fordert Rache. Ist dies nicht Größe??
?Größe?? Er kostete das Wort und es schmeckte nach Hohn.
?Größe ist es nicht.? Er zitterte jetzt. ?Du Lügner!? Fast hätte er geschrien.
?Ich trachtete nach der Reinheit, nach Perfektion. Nach Größe, die sich an Erfolgen misst. Und nicht das hier.? Seine Hand machte eine fahrige Bewegung, die den Raum umfaßte. ? Perfektion? Du hast sie doch erschaffen. Du hast Lämmer zu Schlächtern gemacht. Hast die Welt erschüttert, an ihren Urfesten gerüttelt. Dies ist Reinheit, die deinem Willen entsprang.? Ein kurzes Lachen erklang, das die Essenz der Stimme in Materie und Klang verwandelte.
Trotz regte sich in ihm. ?Aber ich...?
?GENUG?
Die imperative Erschütterung hätte beinahe die Welt zerstört. Die Stimme hatte keinen Klang, keine Betonung, aber eine Melodie der Äonen.
?Für Dialektik bleibt keine Zeit.? Wie ein kleines Kind nickte er und zügelte seinen Willen. Ich wollte dir Etwas zeigen!?
Eine Andeutung von leid schleppte sich durch den Morast seiner Wahrnehmung.
In ihrer linken Hand hielt sie einen Stoffbären, dessen Füllung durch aufgeplatzte Nähte quoll. Der kleine, nackte Körper war zerschunden und pulsierte wie eine schwärige Wunde. Sein Fokus glitt auf die Augen der Kleinen. Dort brach sich die Liebe der Welt in der Einsamkeit tiefer verlassener Täler der Hoffnungslosigkeit. Die schwarzen Haare klebten vor Dreck aneinander. Nur eine schwarze Locke fiel auf die Stirn des Mädchens. Eine Frage perlte von den tiefen seines Verstandes an die Oberfläche. ?Wer ist dieses, dieses Wesen?? Fragte er dann doch.
?Erkennst du sie nicht? Schau sie an!?
Da war sie doch, die Angst. Sie kroch durch seine Eingeweide und fraß sich durch den Panzer seines Hochmutes.
?Wer ist sie?? Hauchte er. Ein plötzliches Erkennen durchzuckte ihn. Etwas barst. Die Kälte verdichtete sich zu schwarzen Schwingen, die ihn umflirrten. Diese Nase, die Stellung des Mundes. Schrill kreischte sein Schrei durch den Raum und die Düsternis.
?Ja, jetzt erkennst du sie. Fleisch von deinem Fleisch, Blut von deinem Blut. Geschändet, gefoltert und vernichtet in deinem Namen. Erkennst du die Perfektion, die Reinheit?? Das Mädchen machte einen Schritt auf ihn zu. Hoffnung erklomm die Pfade ihrer Schmerzen und Trauer. Ihre nackten Füße erzeugten keinen Laut auf dem Boden. Die Hoffnung wuchs in ihren Augen. Sehnsucht nach Geborgenheit trieb sie auf ihn zu. Mit schreckensweiten Augen versuchte er den Arm zu heben, um die Hoffnung nicht zu sehen, die ihn zu verbrennen drohte. Ein letzter Schritt trennte die beiden von einander.
?Lass das nicht zu, bitte?
?Du wolltest doch Größe sehen. Nun sieh hin.?
Das Mädchen blieb abrupt stehen und rieb sich wie nach langem Schlaf die Augen. Ihr Fokus glitt aus der Hoffnung auf sein Gesicht zurück und...
Erkannte ihn! Der Sturm in ihr riß sie um und sie taumelte. Die Wahrheit erklang in ihr mit tausend Geschützen, Patronen, zerfetzten Leibern, ausgemergelten Gesichtern und jungen Männer, die nach ihren Mütter schrien. Die Hoffnung verschwand in der zerreißenden Leere der Ohnmacht. Mühlen gleich wurde der Schimmer zerrieben und zerfetzt.
?Ja dies ist Reinheit?
?Der Schmerz!? schrie etwas wie ein Tier und nur einen Moment später zu verstummen. In der Stille, die folgte, erklang sein Wimmern feige und verloren.
In dem kleinen Gesicht litt die Menschheit und blutete. Er blickte in den Spiegel seiner Taten. Die Macht der Wahrheit kumulierte in einem Wort. Die Fügung des Gleichgewichts in einer Geste. Das kleine Mädchen streckte die Hände aus. Etwas unbeschreibliches verdichtete sich.
?Warum!!?
Die Dunkelheit explodierte durch den Lauf der Luger. Die Welt atmete aus

?Ja dies ist Reinheit?
Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.03.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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