Dieter Hoppe

Die zwei Bäume

Es war Winter.

Von draußen hörte man den Wind, wie er rauschend durch die Wipfel der Bäume streifte. Es war kein wildes Getöse, eher wie ein weites streichen über feinen Stoff. Durch die Fenster sah man, wie die Schneeflocken hin und her geschoben wurden. Ganz so, als wenn sie ein gemeinsames großes Ballett aufführen wollten. Es waren große Schneeflocken. Nicht solche, wo man noch einzelne Schneekristalle sehen konnte. Sie hatten sich zusammengefunden zu Gemeinschaften, so dass man meinen konnte, dass sie die Erde schnell zudecken wollten, um ihr die ersehnte Ruhe zu geben.

In der Stube war es weitaus gemütlicher.

Die Frauen der Familie hatten sich zusammengefunden, wie sie es immer taten, um den Winter zu begrüßen. Keine wusste mehr, wie lange das schon so war, dass man sich zusammensetzte, wenn die ersten Wintertage kamen. Die Männer des Hauses hatten niemals solche Zusammenkünfte gehabt. Was wohl zum einen daran lag, dass sie immer schon viel außer Haus zu arbeiten gehabt hatten. Aber auch daran, dass sie immer nur eingeheiratet hatten und sie somit nicht diese innige Bindung zu den anderen der Familie hatten. Und das Erbe wurde schon seit langen Jahren nur von den Töchtern weitergegeben. Keiner wusste, wieso es schon seit Generationen keine Söhne gab. Auch zu diesem Winteranfang trafen sie sich wieder in der großen Stube.

Da waren die beiden Urenkel, sich in der Ecke ihrem Spiel mit ihren Puppen hingebend. Drei Enkelkinder, noch recht jung, doch schon alt genug, dass zwei von ihnen einen Mann gefreit hatten. Deren beide Mütter, welche, wenn auch reifer, immer noch hübsch anzusehen waren. Die beiden Omas, von der Zeit gezeichnet, aber immer noch mit einem fröhlichen Gesicht. Und die Älteste, schon an die hundert Jahre alt. Man konnte, wenn man sie ansah, glauben, dass sie vieles in ihrem Leben gesehen und erlebt hatte. Ihre Haare waren etwas schütter. Doch ihre blauen Augen strahlten von Güte und Witz. Auch ihr Verstand war noch immer klar und ungebrochen. Sicher, wenn sie dann aufstand, wusste man, dass sie schon eine Greisin war. Doch auch das nahm sie würdevoll hin und ohne die geringste Spur von Gram über die verlorene Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen.

Gerade stand sie vor dem Fenster und schaute, als einzige, dem Treiben der Schneeflocken zu. Doch, ihre Gedanken schienen weit weg zu sein, und nicht nur bei den Flocken vor dem Fenster. „Komm Mutter.“, alle nannten sie nur Mutter, da sie ja die Mutter von allen war, „setz dich halt zu uns und steh doch nicht am kalten Fenster herum! Wirst dich noch erkälten!“ Eine der Enkelinnen stand von dem reich gedeckten Tisch auf und wollte sie an den Tisch führen. „Komm doch zu uns an den Ofen und steh nicht so alleine am Fenster. Was erhoffst du dort zu sehen? Wo sind deine Gedanken, wenn du da heraus schaust?“ Die alte Frau am Fenster reagierte augenscheinlich nicht auf das Gesagte. Nur ihre Augen schienen irgendwo in der Ferne irgendetwas zu sehen. Neugierig schaute ihre Enkelin in dieselbe Richtung. Nun ja. Sie sah den Schnee, der fiel. Sie sah Bäume in einiger Entfernung. Und sie sah, sehr weit weg, ein paar Häuser auf dem anderen Berg, welche an einem Wanderweg standen, der um eine Lichtung führte, wo gerade zwei Menschen im Windschatten wanderten. Doch nichts, wo sie etwas Interessantes sehen konnte. „Sag Mutter, was siehst du da?“ Die Augen der alten Frau wurden mit einem Mal aus ihrer Sicht gerissen. Sie sah neben sich, sah ihrer Enkelin in die Augen. „Ich dachte an eine alte Geschichte. An eine Frau und einen Mann, die zusammen glücklich sein wollten. Vor einer langen Zeit. Vor einer ganz langen Zeit...“ „Magst du dich mit mir an den Kamin setzen und die Geschichte uns allen erzählen?“ Die alten Augen erhellten sich. „Sicher, wenn du sie hören willst?“ „Es wird sicher eine schöne Geschichte sein. Und ich glaube, nicht nur ich mag sie hören. Wollen wir nicht alle die Geschichte hören?“, sagte sie in die Runde hinein. Alle schauten neugierig zu der alten Frau. Alle bemerkten, dass sie einen ganz besonderen Ausdruck in ihrem Gesicht hatte. Nun wollten alle die Geschichte hören. Sie drehte sich vom Fenster ab und ging langsam zu ihrem Sessel, nahe am Kamin. So nah, dass die Wärme gut tat, doch so weit entfernt, dass es nie zu heiß werden konnte. Sie setzte sich umständlich in den Sessel. Schaute in das Feuer im Kamin. Eine Zeitlang schien sie den Flammen bei ihrem Tanz um das Holz zuzuschauen. Doch sie sammelte nur die alten Bruchstücke zusammen, die sie in ihrem Kopf hatte. Alle schauten in ihr Gesicht. Irgendwie schien es so, als würde sie mit einem Mal um Jahre jünger aussehen.

Ein Knacken des brennenden Holzes schien sie in das Jetzt zurückzurufen. Mit einem ernsten Gesicht sagte sie in die Flammen: „Wisst ihr, es mag alles komisch sein, was ich euch nun erzählen werde. Nehmt die Geschichte als eine Phantasiereise oder nehmt sie für wahr. Es ist einerlei. Nur verlacht sie nicht! Hört zu und versucht euch darin vielleicht zu finden.“ Erstaunte Blicke wurden am Tisch gewechselt. Niemals vorher hatte die alte Frau so geredet. Alle rückten ein wenig näher zu ihr heran. Die Jungen setzen sich auf den Boden vor dem Sessel. Und irgendwie schien sie nun der Mittelpunkt dieser Runde zu sein.

Es war vor vielen Jahren. Ein Mädchen und ein junger Mann. Sie kannten sich von Kindesbeinen an, da sie Nachbarn waren. Auf irgendeine seltsame Weise fühlten sie sich schon immer zu einander hingezogen. Die Eltern mochten es nicht, wenn sie sich miteinander abgaben, da es andere Pläne gab. Es war noch die Zeit, wo es die Heirat gab, bei der es nicht um Liebe oder dergleichen ging, sondern darum den Hof zu retten oder um neue Ländereien dazu zu bekommen. So war es schon abgesprochen, dass das Mädchen in einen großen Hof, weit weg, einheiraten sollte. Auch der junge Mann sollte eine Frau heiraten, wo es auch wieder viel Land gab. Alles war so abgesprochen und per Handschlag der Eltern besiegelt. Auf Dinge wie Liebe oder so ein Schmarrn wurde dabei natürlich nicht geachtet. Dazu waren die anderen Interessen ja auch viel zu wichtig. Doch weder das Mädchen, noch der junge Mann wollten ihre angedachten Partner haben. Und so sahen sie sich immer, wann es auch nur irgendwie einzurichten war. Doch immer sehr heimlich. Denn man wollte die Eltern ja nicht misstrauisch machen oder gar erzürnen. So verging Jahr um Jahr und irgendwann waren sie in dem Alter, wo es ans Heiraten gehen sollte. Die Termine für die Hochzeit waren schon ausgemacht. Die Beiden hatten nur noch eine kurze Zeit. Diese verbrachten sie so oft wie möglich an einem Ort, den sie sich ausgesucht hatten - am Rande einer Lichtung auf einem Berg. Ein kleines Eck, das im Sommer einen kühlenden Schatten spendete. Und im Winter schütze es vor den Winden und etwas vor Regen und Schnee. Es war eine einsame Gegend, so dass sie dort tun und lassen konnten, was immer ihnen gefiel. Daher machten sie diesen Ort zu ihrem Ort. So oft es ihnen möglich war, waren sie dort. Schauten den Wolken zu oder den Tieren des Waldes. Träumten von einem gemeinsamen Heim. Sie hielten sich fest. Trösteten sich, wenn einer traurig war. Und als die Zeit dafür gekommen war, verschmolzen sie miteinander. An diesem Ort war ihnen alles egal. Es war ihr Ort, alles was hier war, war nur für sie beide da. Und niemals gab es hier Streit, nur schöne Zeiten wurden hier verbracht. Doch irgendwann kam dann der Tag, an dem junge Frau heiraten sollte. Am letzten Tag, den sie hier verbrachten, verschmolzen sie noch einmal miteinander und versprachen sich, dass sie sich immer wieder hier treffen wollten. Auch wenn es schwierig sein würde, da sie weit weg leben würde. Und zum Abschied schworen sie sich Treue und machten einen Baum aus, wo der eine auf den anderen warten würde. Immer am ersten des Monats.

Damals war es ja nicht so, dass man sich anrufen oder einen Brief schreiben konnte. Denn das wäre alles zu verräterisch gewesen. Sie küssten sich ein letztes Mal, als die Sonne den Himmel golden färbte. Und sie gingen wortlos auseinander.

Der Mann wartete dann an jedem ersten des Monats auf sie. Doch er war immer alleine dort. So kam auch sein Tag der Hochzeit dann irgendwann. Doch auch weiterhin war er an jedem ersten des Monats an dem verabredeten Baum. Wenn er dann den ganzen Tag dort verbrachte, träumte er sich hin zu den Tagen, da sie zusammen dort gewesen waren.

Die junge Frau hatte einen guten Mann geheiratet. Er kümmerte sich um alles, war arbeitsam, sagte dem Brandtwein nicht zu sehr zu und behandelte sie auch immer gut. Doch es war ja auch an der Zeit, dass ein Nachkomme gezeugt werden musste. So tat sie alles, was eine folgsame Frau dazu tun musste. Denn, auch wenn ihre Gedanken an einer kleinen Lichtung oben auf einem Berg hafteten, so war sie doch pflichtbewusst genug, dass sie eine Ehefrau war. Alsbald hatten ihre Bemühungen Erfolg. Und sie gebar ein gesundes Mädchen. Der Bauer, als er es erfuhr, war betrübt. Denn ein Mädchen würde den Hof nicht halten können. Aber es war ja wichtig, dass der Hof in der Familie bleiben würde. Der Frau war es nicht verborgen geblieben, dass der Bauer keine Freude an dem Mädchen hatte. Daher bemühte sie sich, dass ein weiteres Kind geboren würde. Diesmal waren alle Anstrengungen umsonst. Der Bauer war immer mehr im Felde und auf den Ländereien als bei ihr. Alles wurde kälter. War es vorher schon schwer, dass sie nicht mit dem Mann zusammen sein konnte, der auf der Lichtung wartete (dessen war sie sich stets gewiss), so wurde es nun fast unerträglich. Eines Tages fasste sie den Entschluss auf die Lichtung zu gehen. Sie verabschiedete sich von ihrem Ehemann mit den Worten, dass sie einige zeitlang ihre Eltern besuchen wolle. Dem Bauern war es einerlei. Er wünschte ihr eine gute Reise und gab ihr die Kutsche. Nun ja, die Reisen früher waren alles andere als gemütlich. Und so brauchte sie viel länger, als sie geplant hatte. Sie kam nicht am ersten des Monats an, sondern erst am dritten Tag. Einen Monat würde sie nicht bei ihren Eltern bleiben können. Auch wenn sie freundlich empfangen wurde und auch der Bauer es wohl nicht eilig hatte, dass sie wieder nach Hause käme, so konnte das doch nicht sein. Traurig setzte sie sich in den Kräutergarten, den sie aus ihrer Kindheit kannte, und überlegte wie sie ihrer Liebe eine Nachricht zukommen lassen könne. Irgendwann, als die Sonne den Himmel golden färbte, setzte sich eine Eule auf die Gartenhecke und schaute interessiert zu der Frau, die in ihren Gedanken hing. Diese Eule war keine normale Eule. Sie war irgendwie anders. Sie konnte in den Gedanken der Menschen lesen. So wusste sie, wieso die Frau im Garten so traurig da saß. Sie machte sich auf den Weg, den herbeigesehnten Mann zu finden. Auf seinem Hof fand sie ihn dann auch. Sie unternahm jede Anstrengung, dass sie ihm auffallen musste. Doch da er auch nicht glücklich verheiratet war und auch schon viele erste Tage des Monats umsonst gewartet hatte, sah er nicht mehr als das, was gemacht werden musste. Doch irgendwie schaffte es die Eule dann doch, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Just in dem Moment kam es ihm vor, als wenn da eine Stimme in seinem Kopf sagte, dass er zu der Lichtung gehen solle. Am nächsten Tag zur Mittagsstunde! So etwas hatte er noch nie erlebt, nicht in den ganzen Jahren. Doch er beschloss am nächsten Tag dorthin zu gehen. Auch wenn es verrückt war. Denn wozu? Der Erste war vorbei. Und was sollte ihn dort erwarten? Doch der Entschluss war da. Also würde er gehen.

Die Eule machte sich auf den Weg zu der Frau. Auch sie schien nun eine Stimme zu hören, dass sie mit ihrer Tochter auf die Lichtung gehen solle. Es erging ihr nicht anders als dem Mann. Doch auch sie beschloss dorthin zu gehen.

Die Sonne war kurz davor, ihren höchsten Stand zu erreichen, als der Mann die Lichtung erreichte. Er setzte sich unter den verabredeten Baum. Alles war so wie er es erwartet hatte. Er war alleine. Der Aufstieg hatte ihn etwas müde gemacht, so dass er schläfrig wurde und in einen ruhigen Schlaf verfiel.

Als die Sonne dann ihren höchsten Stand erreichte, so dass die Schatten am kleinsten waren, kam auch die Frau auf die Lichtung. Alles hatte sich im Laufe der Zeit verändert. Die Bäume sahen fremd aus. Es waren ja auch schon ein paar Jahre ins Land gezogen. Daher fand sie sich nicht mehr wirklich zurecht. Ein Baum jedoch zog sie an. Sie meinte deswegen, das wäre der verabredete Baum. Sie setzte sich darunter. Auch ihr war nun schummerig. Sie schlief ein. Ihrer Tochter war es langweilig, so dass sie sich Beschäftigung suchte. Sie schritt die Lichtung ab. Irgendwann fand sie dann einen schlafenden Mann. Neugierig näherte sie sich ihm. Auf irgendeine merkwürdige Art war er ihr nicht wirklich fremd. Nun auch müde, legte sie sich einfach zu ihm unter den Baum. Von irgendwoher erklang der Ruf einer Eule. Der Mann wachte auf und sah das schlafende Mädchen bei sich unter dem Baum. Sofort erkannte er das Gesicht. Er wähnte sich um Jahre zurück versetzt. Aber das konnte ja nicht sein. Vorsichtig stupste er das schlafende Kind an. Sie schlug die Augen auf. Doch nichts Ängstliches war in ihrem Gesicht. Es schien ihn zu erkennen, ohne ihn zu kennen. „Wer bist denn du? Und wie kommst du her?“, fragte der Mann. „Ich bin die Ruth und du? Ich bin mit meiner Mutter hergekommen, sie schläft dort drüben“, sie zeigte in die Richtung. „Ich bin der Franz. Lass uns zu deiner Mutter gehen.“ Er nahm die Hand der Kleinen und ging voller Ungeduld, voller Freude, doch dennoch sehr ruhig zu ihr hin, kniete sich ins Gras zu ihr, nahm ihre Hand. Sie schlug ihre Augen auf. Sie wurden groß. Eine unendliche Freude, vermischt mit riesiger Liebe, strahlte ihm aus ihren Augen entgegen. Mit einem Ruck hatte sie ihn in ihre Arme geschlossen. Sie herzte ihn. Küsste ihn. Ruth saß dabei. Es kam ihr ganz normal vor, dass ihre Mutter das tat. Denn irgendwie hatte sie den Mann auch gerne. Kinder machen sich da nicht so viele Gedanken. So saßen sie dann den ganzen Tag unter dem Baum und redeten. Spielten ab und an mit dem Kind. Irgendwann besorgte Franz ein Wildbret und sie aßen und redeten weiter. Nach dem Mahl war die Kleine eingeschlafen. Franz und sie kamen sich nun endlich viel näher. Sie hielten sich in den Armen. Und sie sagte ihm ihren Wunsch, dass sie von ihm einen Jungen empfangen wolle. Er hatte sich das lange schon gewünscht. Doch er wollte seinen Sohn bei sich haben. Er wusste nicht ein, nicht aus. Denn es war alles so, wie er es sich in den Jahren vorgestellt hatte. Die Sonne färbte den Himmel wieder golden. So wie vor Jahren. Und er hörte in seinem Kopf wieder die Stimme. Dass es richtig wäre. Dass die Zeit nun reif dafür sei. Und so verschmolzen sie. In einer Ekstase, die sie beide vergessen hatten. Als sich ihr Atem wieder beruhigte, lagen sie beieinander und schauten sich den Mond an. „Ich werde ab heute nicht mehr auf dich hier warten. Wenn jemals wieder die Zeit reif sein wird, dass wir uns sehen werden, werde ich es wissen.“ Sie schaute in die Sterne. Eine kleine Träne rollte ihre Wange herunter. Doch sie wusste, dass es so am besten sein würde. Auch sie dachte sich, dass er wohl auch die Stimme hören würde, die sie im Kopf gehabt hatte. Kurz bevor der neue Tag geboren wurde, die Zeit, wo die Welt den Atem anhält und alles ganz ruhig und still ist, trennten sie sich.

Die Frau gebar einen Sohn. Und ihr Ehemann war hocherfreut. Doch sie wusste um das Geheimnis. Denn alle Züge in seinem Gesicht, waren die des Mannes, den sie liebte. So vergingen Jahre. Keiner der beiden suchte mehr den Platz auf, den sie zu dem ihren gemacht hatten.

Irgendwann starb dann der Bauer auf dem Felde, als ein Pferd mit dem Pflug ausgebrochen war. Es war ein scheußlicher Anblick gewesen. Doch, so merkwürdig es auch war, keiner trauerte wirklich um ihn. So waren sie nun alleine. Die Arbeit wurde härter, doch auch eine nicht erkennbare Zufriedenheit breitete sich aus. Alles war irgendwie schöner als zu der Zeit, als der Bauer noch lebte. Erklären konnte sie sich das nicht. Denn er war nie böse gewesen. Sie hätte sich keinen besseren Mann vorstellen können. Außer..... Na ja. Außer ihn. Ihren Franz. Und immer häufiger kam ihr der Gedanke an ihn. Nur sie traute sich nicht, dass sie sich ihm nähern könne. Denn man wollte ja nimmer auf sich warten.

Franz hatte es nicht so gut getroffen. Sein Hof verkam. Eine Missernte nach der anderen.

Eine Tochter hatte er gezeugt. Doch auch die machte ihm keine Freude. Irgendwie hing er immer an seiner Liebe. Aber er wollte ihr nicht unangenehm werden, so dass er sich immer wieder am Riemen riss, wenn die Sehnsucht größer wurde.

Als er eines Abends allein an einem Bach saß und das Glucksen des Wassers hörte und den darin treibenden Blättern nachschaute, wie sie den Bachverlauf entlang tänzelten, kam eine Eule daher geflogen. Sie setzte sich nicht allzu weit von ihm hin, schien ihn zu beobachten. Wieder kam eine Stimme in seinen Kopf. „Geh fort“ schien sie zu sagen. „Geh dahin, wo dein Herz ist!“ Er verstand nicht, was das bedeuten sollte. Und dennoch machte er sich am nächsten Tag auf den Weg zu der Lichtung. Er verbrachte den ganzen Tag dort oben. Doch nichts passierte. Als der Mond aufging, kam die Stimme wieder. „Geh dahin, wo dein Herz ist!“ Es kamen Zweifel in ihm auf. Sollte sein Herz doch an seinem Hof hängen? An seiner ihm angetrauten Frau? Hatte er das in all den Jahren nur nicht erkannt? Und er ging zurück.

Doch auch da war keine wirkliche Freud. Er versuchte sie zu behandeln, wie es seiner Ehefrau gebührte. Doch immer wieder kam die Stimme: „Geh dahin, wo dein Herz ist!“ Er verstand den Sinn nicht. Nichts wurde besser. Bis eines Tages ein Blitz den Hof in Schutt und Asche legte. Seine Tochter, seine Frau und alles, was er besaß wurde ein Raub der Flammen. Er stand vor einem Schutthaufen. Sein ganzes Leben war dahin. Nur die Stimme blieb: „Geh dahin, wo dein Herz ist!“

Da nichts mehr da war, was ihn halten konnte, machte er sich auf den Weg. Lange Monate wanderte er durch das Land. Er wusste nicht, was seinen Weg bestimmte. War er müde, schlief er irgendwo. Wenn er Hunger verspürte, erlegte er Wild. Einen Bogen machte er um die Städte, die auf seinem Weg lagen. Nach und nach wurde er immer abgerissener, so dass keiner mehr den Mann in ihm sah, der er einmal gewesen war. Wie ein Bettler zog er durch das Land. Einsam und verlassen. Hin und wieder traf er Menschen, die ihm ein wenig halfen, mit Geld oder mit guten Wünschen. Er nahm das Geld und hörte sich die Wünsche an, ohne sie zu behalten. Außerdem schien ihn eine Eule zu begleiten. Dazu begleitete ihn immer wieder die Stimme: „Geh dahin, wo dein Herz liegt!“ Doch er wusste nicht mehr, wo das sein sollte. So zog er durch das Land, ohne wirklichen Plan. Seine Haare wurden länger, seine Kleidung armseliger.

Die Frau hatte gehört, was ihm widerfahren war. Sie ließ nach ihrem Franz suchen. Doch niemand konnte etwas über ihn sagen. Außer dass er irgendwann auf die Reise gegangen war. So blieb ihr nur eines: Sie stellte eine Kerze in ihr Fenster. Und jeden Abend zündete sie die Kerze an. Hoffte, dass er irgendwann das Licht sehen würde. So dass er zu ihr finden würde. Da sie nun tun und lassen konnte, was sie wollte, reiste sie ab und an zu der Lichtung. Doch nie fand sie, was sie dort suchte.

Eines Tages wurde Franz krank. Fieber schüttelte seinen Körper. Und im Fieberwahn hörte er wieder die Stimme: “Gib nicht auf! Und gehe dahin, wo dein Herz liegt!!!!“ Die Stimme wurde immer lauter. Entkräftet fiel er in einen Graben. Der Schnee setzte ein. Kraftlos sah er zu, wie der Schnee ihn langsam immer weiter zudeckte. Er spürte, wie er immer kälter wurde. Wie die Müdigkeit in ihm immer unerträglicher wurde. Zuerst kämpfte er noch gegen den aufkommenden Schlaf an, der den sicheren Tod bedeuten würde. Nur wurde es immer verlockender, diesem letzten Schlaf nachzugeben. Er fand es immer angenehmer zum letzten Male einzuschlafen. So schloss er dann ergeben die Augen.

Zu der Zeit fuhr eine Kutsche mit einem jungen Mann die Straße entlang. Es war ein kräftiger junger Mann. Etwas verwöhnt vom Leben. Aber doch mit wachem Blick. Mit einem Mal sah er eine Eule, die auf dem Weg lag. Sie schien einen gebrochenen Flügel zu haben. Da er im Grunde ein gutes Herz hatte, beschloss er der Eule zu helfen. Er hielt die Kutsche an und versuchte sie zu fangen. Doch immer, wenn er in ihre Nähe kam, kaum mehr als zwei, drei Schritte, flatterte die Eule und entkam ihm. Bis sie in einen Graben fiel. Der junge Bursche sprang hinterher und erschrak. Da lag ein Toter. Bedeckt vom Schnee. Erschrocken hielt er inne, die Eule zu fangen. Er betrachtete den Toten. Der junge Bursche bemerkte die kleinen Nebelschwaden, die dem Toten aus seinem Mund entkamen. Der Fremde schien nur tot! Er lebte noch! Nachdem er ihn von der Schneedecke befreit hatte, schulterte er den Mann und trug ihn zu der Kutsche. Als er an der Kutsche ankam, war die Eule auch schon da. Irritiert sah er die Eule an. Sie schien ihn mit ihrem Blick zu durchbohren: „Bring in heim! Dahin, wo sein Herz ist!“ Er vernahm die Worte, doch der Sinn blieb ihm verborgen. Wo sollte sein Herz liegen? Aber darum könnte man sich ja auch später noch kümmern, wenn er das alles überleben sollte. Es war nicht mehr viel Leben in ihm, so dass man sich nun erst mal beeilen müsste. Franz kam nur einen kleinen Augenblick zu sich, in dem Moment, als er in ein Haus getragen wurde. Das einzige, was er mitbekam war, dass eine brennende Kerze in einem Fenster stand. Dann verfiel er wieder in diesen verlockenden Schlaf.

Die Frau des Hauses hatte mitbekommen, dass ihr Sohn nach Hause gekommen war. Sie kam aus dem Stall, öffnete die Türe zu ihrem Haus. Sie sah einen Bettler, der auf dem Boden lag. Und ihren Sohn, wie er sich um den Mann kümmerte. Erschrocken fragte sie, was denn los sei? Der junge Mann erklärte schnell die Lage, dass er ihn gefunden habe. In dem Moment rief der Kranke im Fieberwahn: „Gott, wo ist denn mein Herz?“

Diese Stimme erkannte sie sofort! Es war ihr Franz! Er hatte zu ihr gefunden! Nach der ganzen Zeit! Sie nahm ihn in den Arm: “Dein Herz ist hier.“ Sie hieß ihren Sohn, der etwas verwirrt dastand, dass er ihn in ihre Kammer bringen solle. Dort entkleidete sie ihn und legte sich zu dem kalten Körper. Schmiegte sich an ihn. Gab ihm Wärme, spendete ihm Kraft. Sprach zu ihm. Irgendwann in der Nacht kam er für einen Moment zu sich, fühlte, dass er gewärmt wurde. Auf unerklärliche Weise wusste er, dass er angekommen war. Dass SIE ihn wärmte. Sie sah nur sein Lächeln. So wusste sie auch, dass er sie erkannt hatte, trotz seines Zustandes.

Der Arzt kam erst am nächsten Tag. Und es dauerte noch eine Woche, bis Franz wieder zu sich kam. Und noch einen weiteren Monat, bis er aufstehen konnte.

Sie beschlossen nun, nie mehr voneinander zu gehen, egal was die Leute sagen würden. Oder gegen welche Sitten sie verstoßen würden. Sie waren überglücklich, dass sie sich wiedergefunden hatten. Die Menschen tuschelten. Und auch ihr Sohn und ihre Tochter verstanden es nicht, was da geschehen war. Doch den beiden war das einerlei.

Auf dem Hof machte sich auf eine merkwürdige Art Frieden breit.

Alle verstanden sich gut. Ausgesprochen gut.

Als der Sommer gekommen war, hatte Franz wieder zu Kraft gefunden. Doch die Stimme war noch einmal in ihren Köpfen gewesen. Sie hatte sich von Beiden verabschiedet. Aber auch bemerkt, dass man sich im Sommer auf der Lichtung wieder treffen würde.

Irgendwann an einem heißen Sommertag gingen sie den Berg hinauf zur Lichtung. Der Weg war beschwerlicher geworden. Doch gemeinsam halfen sie sich. Spornten sich an. Und waren dann irgendwann oben angelangt.

Sie legten sich unter ihren Baum und schliefen erst mal aneinandergeschmiegt ein. Irgendwann wurden sie von einer Stimme geweckt. „Na ihr beiden. Habt ihr endlich zueinander gefunden? Merkt ihr erst jetzt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als die Liebe, die zwei Menschen für sich gefunden haben?“ Sie schauten sich um. Doch sie sahen nur eine Eule über sich. Verwundert schauten sie sich in die Augen. Beide meinten sie, noch zu träumen. An den Händen gefasst streckten sie sich, wie man es so macht, nach einem Schlaf, wenn man sich liebt. Und just in dem Moment flog die Eule von ihrem Ast und setzte sich auf ihre Hände. Erstarrt schauten beide die Eule an, die sich auf ihren Händen niedergelassen hatte.

„Ihr seid füreinander geschaffen. Ihr hättet nie auseinander gehen dürfen!! Wenn eure Zeit um sein wird, dann werde ich dafür sorgen, dass ihr nie mehr getrennt werdet. Lasst euch bei eurer letzten Reise hier am Waldrand nieder. Sagt das euren Kindern! Sie werden es dann schon tun. Doch einen Wermutstropfen habe ich für euch. Eure Nachkommen werden immer nur Töchter sein! Dieses Gewinnstreben, das euch getrennt hat, ist ein Einfall der Männer. Und ich will nie wieder, dass zwei Menschen, die sich lieben, getrennt werden! Und auch das Erbe soll immer nur auf Frauen übergehen! Es tut mir leid um euren gemeinsamen Sohn. Aber erklärt es ihm, er wird das verstehen. So lebt denn wohl!“

Als die Stimme in ihren Köpfen das letzte Mal verstummte, breitete die Eule ihre Flügel aus und flog, in immer größeren Kreisen, von den beiden hinfort. In der darauf folgenden Nacht verschmolzen sie nach langer Zeit wieder miteinander. Trotz ihres Alters, war es von einer Intensität, wie man sie selten auf der Welt erlebte. Von einer Reinheit. Von einer Weichheit. Alles, was in den Jahren an unerlebtem Gefühl in den beiden geschlummert hatte, wurde erlebt. Auf dem Höhepunkt ihrer Verschmelzung war es, als wenn sie in gleißendem Licht vergingen. Als sie wieder zu Atem kamen, sahen sie die Sterne. Doch für beide gab es keinen Ort, der hätte wertvoller gewesen sein können. Nichts, was hätte wichtiger gewesen sein können, als das Beisammensein, das sie hatten. Als der Mond die Lichtung in ein seltsam helles Licht tauchte, sah alles aus wie in einem Traum. Als der Nebel aus der Wiese aufstieg, liefen beide umeinander, so wie Gott sie geschaffen hatte. Sie balgten und jagten sich, als wenn sie um Jahrzehnte jünger gewesen wären. Erst am nächsten Morgen verließen sie den verzauberten Ort. Den Ort den sie nur noch einmal besuchen sollten, um dann für immer zusammen zu sein.

Als sie zu Hause angekommen waren, riefen sie ihren Sohn und ihre Tochter zusammen und erzählten ihnen, was die Stimme ihnen gesagt hatte. Beide erklärten sich mit allem einverstanden. Der Sohn hatte sowieso schon ein Auge auf eine Frau geworfen, welche nicht auf einem Hof leben wollte. Und somit stand dem nichts im Wege, dass die Tochter alles erben solle. So wie es in den nächsten Generationen sein würde.

Franz und seine Liebe verbrachten noch 37 wundervolle Jahre miteinander, bis beide an einem sonnigen Tag nicht mehr aus dem Nachtschlaf erwachten. Doch diese Jahre waren angefüllt mit Liebe, mit einem umeinander sorgen. Mit Freude, mit Zärtlichkeiten und gemeinsamem Stützen und aneinander geschmiegt sein.

Ihre Kinder erfüllten ihnen den Wunsch und betteten sie zur letzen Ruhe auf ihrer Lichtung. An der Stelle, wo es im Sommer schattig und kühl war und im Winter der Wind nicht so stark blies. Als die Trauergemeinde gegangen war und die Sonne unterging, wurde die Lichtung in gleißendes goldenes Licht gehüllt. Eine Eule landete auf dem Grab. Sie legte zwei Samen in den Boden. Dicht beieinander. Verneigte sich vor dem Grab und entschwand dahin, wo sie vor Jahren hergekommen war.

Aus den Samen wurden zwei Bäume. Der eine stark und männlich. Der andere zart und weiblich. Beide begannen ein Spiel der Liebe. Sie wuchsen umeinander. Schmiegten sich aneinander, so wie es Verliebte halt machen. Wenn man sie sich anschaut, dann weiß man, was es heißt sich gegenseitig zu stützen. Und wie es sein muss, wenn zwei Herzen sich aneinander schmiegen. Keines kann ohne den anderen sein. Und keines will ohne den anderen. Ineinander verflochten, untrennbar.

Die alte Frau vor dem Kamin schaute in das Feuer. Schweigen war in der Runde. „Das ist es, woran ich denke, wenn ich am Fenster stehe und in die Ferne schaue.“ Die Enkelin nahm die alte Frau in den Arm. „Das war aber eine sehr schöne Geschichte. Schade, dass es das nicht in Wirklichkeit gibt.“ Allgemeines Zustimmen in der Runde. „Mein kleines Kind, wer will das wissen? Für die einen ist es so. Und die anderen wissen, wie es wirklich ist. Das wird jeder für sich selbst entscheiden, wenn er in sich hinein hört!“ Seltsame Blicke begleiteten diesen Ausspruch.

Es wurde an diesem Tag noch viel gelacht und geredet. Und ein wenig wurde die Geschichte vergessen.

Doch an diesem Tag begab es sich, dass ein verliebtes Paar einen Berg erklomm, bis es auf eine Lichtung kam. Und am Rand der Lichtung, dort wo im Sommer die Bäume Schatten und Kühle spenden, im Winter der Schnee nicht so heftig fällt und der Wind nicht so stark bläst, sahen die beiden zwei Bäume, die ineinander gewachsen dastanden. Sich an Stellen gegenseitig abstützend, aussehend wie ein Paar, das miteinander verschmelzt, ineinander verflochten. Beide standen vor dem Baum. Aneinander geschmiegt. Die Kraft spürend, die von diesen beiden Bäumen ausging.

Von irgendwo her eine ganz leise Stimme: “...da wo dein Herz liegt!“

Nach einiger Zeit gingen die beiden, sich gegenseitig haltend, zusammen weiter....



Geschrieben wurde diese kleine Geschichte auf einem "fliegenden Teppich" in einem alles wechselnden Gebirge....

Ach ja... Die beiden Bäume gibt es wirklich.
Dieter Hoppe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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