Klaus-D. Heid

STRESS

Wie könnte es auch anders ein! Logisch, dass das Ei wieder einmal zu weich war. Der Morgen fing ja schon gut an! Und der Kaffee? Schmeckte er heute nicht etwas bitter? Es war eindeutig ein Fehler, die Marke zu wechseln. Typisch Hannelore. Was musste sie auch wieder nur auf den Preis achten? Andreas blockierte wahrscheinlich immer noch das Bad. So ging es jedenfalls nicht weiter! Verdammt! Weshalb ist denn die Marmelade nicht auf dem Tisch? Ist es zuviel verlangt, zumindest morgens das Nötigste auf dem Tisch vorzufinden? Was verlangte er denn schon? Nachher im Büro hatte er genug auszustehen. Da musste er sich nicht auch noch von der Familie tyrannisieren lassen! Das Ei zu weich – und die Marmelade verschwunden. Der Kaffee taugt nichts. Fehlt nur noch, dass die Butter wieder einmal im Kühlschrank gestanden hatte. Wie soll man sich sein Brötchen schmieren, wenn die Butter steinhart ist? Warum denken Frauen nicht mit? Was geht bloß in Frauenköpfen vor? Hannelore hat doch – weiß Gott – nicht zuviel zu tun. Das bisschen Hausarbeit überfordert sie wohl kaum! Der wagen! Wenn der Wagen heute morgen wieder Probleme machte, würde er zu spät ins Büro kommen! Irgendwann reicht es! Die Karre war ein einziges Elend! Erst vor drei Monaten musste er den Kühler reparieren lassen. Interessierte es überhaupt jemanden, was der ganze Spaß kostete? Was denkt sich Andreas eigentlich, wenn er stundenlang das Bad blockierte? Was trieb ein sechszehnjähriger Bengel so lange im Bad? Morgen würde er ein ernsthaftes Wort mit seinem Sohn wechseln. Die Zeit drängt! Wo hat Hannelore bloß die Hose hingelegt? Konnte sie seine Sachen nicht jeden Tag an die gleiche Stelle legen? Sein Tag war doch wirklich hart genug. Das Hemd hätte Hannelore gründlicher bügeln müssen. Dieser eine Fleck am Kragen. War der nicht schon in der letzten Woche vorhanden? Was tat Hannelore bloß den ganzen Tag über? War das die Badezimmertür? Na endlich! Noch eine Minute länger – und er hätte auch gleich zu Hause bleiben können! Diese verdammte Hektik! Armin Bode wartete doch nur auf einen Fehler von ihm! Zu gerne würde sein Kollege zum Chef rennen, um ihn anzuschwärzen! Nur Missgunst und Neid! Als wenn es nichts Wichtigeres im Leben gab! Der Kaffee hat wirklich miserabel geschmeckt! Hatte Hannelore die fälligen Rechnungen bezahlt? Und wenn nicht? Wenn Hannelore vergessen hatte, die Rechnung an Grobecker zu überweisen? Grobecker war nicht der Typ, mit dem zu spaßen war! Warum ist denn die Zahnpasta nicht an dem Platz, wo sie hingehört? Seit wann nimmt denn der Bengel die Zahnpasta seines Vaters? Was kam als Nächstes? Würde er sich heimlich den Wagen seines Vaters nehmen, um ihn vollends zu Schrott zu fahren? Konnte Hannelore nicht besser aufpassen, was der Junge so alles trieb? Eine kahle Stelle am Kopf? Tatsächlich? Eine erste kahle Stelle? Ein schlechtes Zeichen! Mit dem Kaffee fing alles an und mit einer beginnenden Glatze setzte es sich fort! Wahrscheinlich dauerte es nicht mehr lange, bis er eine vollständige Glatze hatte! Und dann? Im Büro würden sie ihn auslachen! Er hatte es ohnehin sehr schwer, sich gegen die Jüngeren durchzusetzen. Alle sägten an seinem Stuhl. Ob sie ihn vielleicht schon abgeschrieben hatten? Was sollte er tun, wenn er plötzlich mit fünfzig Jahren auf der Straße stand? Das Haus war noch lange nicht abbezahlt! Schon jetzt war es verdammt schwierig, Monat für Monat die Raten aufzubringen. Die Seife riecht sehr komisch. Da liegen lauter Bartstoppeln im Waschbecken! Dieser Bengel! Kann die Jugend von heute nicht ein bisschen ordentlicher sein? Es ist doch Hannelores Aufgabe, dem Jungen ein paar ganz selbstverständliche Regeln beizubringen! Soll er sich damit auch noch auseinandersetzen? Auch noch? Hier liegt ja die Hose! Und die Socken? Hannelore? Hannelore? Was treibt die denn schon wieder! Hat sie die Socken vielleicht...? Ach ja. Sie hat! Hätte ich mir ja auch denken können! Zumindest daran hat sie gedacht! Die Zeit drängt! Was ist nun mit dem Auto? Ob es anspringt? Reparaturkosten sind im Moment nicht drin! Aber Busfahren? Was denken sich dann die Kollegen? Garantiert spekulieren sie sofort, dass er seinen Führerschein angeben musste. Man kennt das ja. Irgendeiner quatscht dann was von Alkohol – und schon ist er als Säufer verschrien. Ein Scheißtag ist das heute! Nichts ist so, wie sonst. Andererseits klappt auch sonst nicht allzu viel. Hannelore kann sich ruhig mehr Mühe geben, ihm ein paar Sachen abzunehmen! Der Junge auch! Die jungen Leute haben nur noch sich selbst im Kopf! Ob sie im Büro schon nachdachten, wer seinen Schreibtisch bekommen würde? Hatte Hannelore nun die Rechnungen bezahlt? Und warum kann sie noch nicht mal Eier hart kochen, wie er es nun mal mag? Der Junge musste endlich lernen, dass man das Waschbecken reinigt, bevor man das Bad verlässt! So geht es jedenfalls nicht weiter! Immer blieb alles an ihm hängen!

„Jürgen?“

Was will sie denn nun schon wieder? Kann Hannelore nicht mal was erledigen, ohne ihn damit zu belästigen? War das zuviel verlangt?

„Jürgen?“

„Was ist denn? Ich habe keine Zeit! Wahrscheinlich springt die Karre wieder nicht an! Und denk nächstes mal daran, dass...“

„Jürgen? Was treibst Du denn da im Bad?“

„Was? Was soll die blöde Frage?“

„Kommst Du nicht wieder ins Bett? Heute ist doch Sonntag – und es ist erst vier Uhr früh! Und lass den Jungen schlafen! Du weißt doch, dass er noch immer diese Magen- und Darmgrippe hat! Also komm schon und schlaf endlich weiter...!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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