Kristin Sperling

Der Tod jagt Menschen ohne Schutzengel

Es ist dunkel, aber diese Dunkelheit ist mir angenehm. Ich mache die Augen auf und stehe in einem dunklen Raum ohne Grenzen. Ich weiß, dass ich nichts zu befürchten habe, denn bald kommst du, der, auf den ich mich jedes Mal so sehr freue. Ich erblicke den hellen Schimmer deiner Haare, wie es glänzt, obwohl kein Licht drauf fällt. Ich bewundere dich , denn du bist mein Ein und Alles. Ich weiß, dass du es weißt, aber du machst dir sicher nichts daraus, denn du bist mein Schutzengel. Du trägst immer dunkle Sachen, heute einen schwarzen Mantel. Dein blondes Haar, das dir bis zu der Hüfte reicht, umschlingt, wie Schlangen, deinen eleganten Körper. Aber ich weiß, dass du nur angenehme Wärme ausstrahlst. Ich weiß, dass du mir nie wehtun würdest. Ich liebe dich, obwohl ich es nicht darf, so wie du dich mir, trotz des Verbotes Gottes, zeigst.
Ich höre deine Stimme mich zart begrüßen. Du legst deine Hand auf meine Wange und streichelst mir einige meiner dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Es ist wie ein Ritual, diese Bewegung machst du immer, wenn du mich begrüßt. Und jedes Mal schließe ich die Augen, warte einige Sekunden, diese zarte Berührung genießend, bis du deine Hand fort nimmst. Denn wenn ich dann die Augen aufmache, werden wir, wie jedes Mal, an irgendeinem anderen Ort sein.
Bilde ich es mir ein oder lässt du deine Hand diesmal länger als sonst auf meiner Wange? Es ist diesmal wirklich eigenartig, denn du lächelst anders als sonst und wenn ich die Augen aufmache und deinen, für mich überraschend,entschlossenen Blick erkenne frage ich verwundert: „Was ist?“ Meine Stimme wird von einem klaren Echo begleitet. Ich schaue mich um und wundere mich einmal mehr über deine Einfälle. Wir befinden uns in einem Höhleneingang hoch in den Bergen. Weißer Schnee glänzt in der Sonne auf den Spitzen der Berge um uns, und eine angenehme Kälte dringt durch meinen hellgrünen Schlafanzug.
Ich fange an zu frösteln, deine legen sich Arme um mich, drücken meinen Rücken an deine Brust. Ich kuschele mich in deine schützende Arme und wünsche mir nichts anderes, als dass du mich nie wieder loslässt. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastehen, aber eine unangenehme Unruhe breitet sich in mir aus. Nie zuvor haben wir die Zeit meines Traumes so verschwendet. Nicht, dass ich diese Situation nicht mag, aber bis jetzt hast du, mein Engel, dessen Namen ich nicht wissen darf, kein Wort gesagt. Ich befreie mich, gegen meinem eigentlichen Willen, aus deiner Umarmung.
In deinen leuchtenden grünen Augen sehe ich Angst, als ich mich zu dir drehe. „Vor was...“ kann ich nur fragen, bevor du deinen Finger auf meine Lippen legst und diese so versiegelst. Ich blinzle mit den Augen. Deine zitternde Stimme ist fast ein Flüstern: „Ich kann es nicht mehr länger aushalten, Niko!“ Vorsichtig nehme ich deine Hand und entferne sie von meinen Lippen, jedoch nicht weit weg von meinem Gesicht. „Was? Was kannst du nicht aushalten?“
Die erste selbst gefundene Antwort, die mir einfällt, ist, dass mir was passieren wird und du mich nicht warnen darfst, aber dem sei nicht so. Du macht mehrmals deinen Mund auf und zu, bekommt aber keinen Ton heraus, zittert am ganzen Körper: „Was ist denn? Wovor fürchtest du dich? Wer oder was tut dir so weh?“ frage ich immer lauter werdend, das Echo um mich herum ignorierend. Panik durchfließt meinen gesamten Körper und lässt mich erschaudern. Ich will dich beruhigen, werde jedoch selbst zunehmend nervöser. Es ist sicher nur ein Reflex, der mich dich einfach umarmen lässt. Auch wenn ich zwei Köpfe kleiner bin als du, so schaffe ich es trotzdem dich -meinen Engel- auf diese Art und Weise geistlich festzuhalten.
Du schaust überrascht zu mir hinunter und versuchst dich zu beruhigen. Ich höre dein Herz rasen, dann wieder deine Stimme, du schaust gen Himmel, während du sprichst: „Hätte ich vor etwas Angst würde ich nicht hier sein, Kanako ...es ist nur...ein Engel... egal welcher Klasse, darf das nie... niemals in seinem unendlichem Leben aussprechen, weder zu einem anderen Engel noch zu einem Menschen. Es schmerzt physisch, wenn ich das trotzdem tue – wenn ich das ausspreche, aber noch schlimmer ist der seelische Schmerz, wenn ich´s dir verschweige und gerade diesen Schmerz halte ich nicht aus...Niko“ Du sprichst langsam und ruhig , legst dabei deine Hände auf meinen Rücken und streichelst mich, spielst mit meinem Haar. Dann lässt du mich mit sanfter Gewalt zu dir aufschauen.
Meine Augen weiten sich, als sich deine Lippen sanft auf die meinen legen. Ein Kribbeln geht durch meinen ganzen Körper, berührt jeden Nerv und lässt mich erschaudern. Ich mache die Augen zu und lasse das angenehme Gefühl auf mich wirken. Nach einer viel zu kurzen Zeit löst du dich von mir und ich höre und spüre dich, die wunderschönsten drei Wörter gegen meine Lippen hauchen: „Ich liebe dich.“
Als ich die Augenlieder wieder aufschlage muss ich den harten Schlag der Realität auf meinem Leibe spüren. Der Wecker piept laut und kündigt ein Verschlafen, wie jeden Morgen an. Es ist nun ein mal schwer morgens um 6:30 Uhr aufzuwachen, wenn man so schöne Träume hat.
Ich hüpfe schnell in meinen Rock und hole so schnell es geht meine Bluse aus dem Schrank. Während ich sie anziehe, laufe ich schnell in die Küche und schalte die Kaffeemaschine ein. Im allmorgendlichem Rhythmus werden 2 Toasts gemacht , die Krawatte aus der Hosentasche nebenbei umgebunden und versucht, notdürftig zu glätten. Ich eile ins Bad um mir schnell die Zähne zu putzen und die wie immer in alle Richtungen abstehenden Haare zu stylen. Nachdem ich damit fertig bin, muss ich wieder in die Küche, schmiere etwas Nutella auf die inzwischen fertigen Toasts, schnappe noch ein paar Reisbällchen, packe alles ein und laufe nach draußen. Ganz viel Arbeit in Form von Unordnung für meine Mutter hinterlassend, die ich mit einem lauten Türeknallen aufgeweckt habe.
Im Bus, den ich erst einmal einholen muss, finde ich endlich für die nächste halbe Stunde, die ich bis zu Schule brauche, meine Ruhe. Ich schaue zum Fenster und überarbeite noch mal meinen Traum, den ich bei der ganzen Hetzerei fast losgelassen hätte. Immer wieder taucht dieser wunderschöne Engel in meinen Träumen auf, immer wieder. Ich lege mein Gesicht auf die Fensterscheibe, damit ich mich abkühlen kann. Zu schön war der heutige Traum gewesen, aber so viele Fragen stellten sich plötzlich wie von selbst.
Wir haben in den Träumen schon seit meiner Kindheit etwas unternommen. Es hatte immer Spaß gemacht und jeder Traum kam mir zu kurz. Er hatte sich als mein Schutzengel vorgestellt und hätte sich eigentlich gar nicht zeigen dürfen, Gottes Strafe fürchtend, aber nun sind wir schon mein ganzes bisheriges Leben - 17 Jahre- zusammen und keiner hat uns je was angetan, aber nun.....
Seinen Namen verraten hat er mir auch noch nie, aber mir genügt es, wenn ich weiß, dass er bei mir ist, dass er mich schützt und für mich da ist...mehr noch...er liebt mich...er erwidert meine Gefühle... ich werde rot und lächele in mich hinein, meinen Kopf noch weiter zu der Fensterscheibe drehend, andere Menschen um mich herum ignorierend.
Ich steige aus und gehe Richtung Schulhof, immer noch in Gedanken versunken. Ja, ich bin in ihn verliebt, schon seit langem, mit niemandem habe ich mich je so sehr wohl gefühlt, wie mit ihm, meinem Schutzengel. Nein, es ist nicht seinetwegen das ich noch nie einen Freund hatte. Das liegt eher daran das jeder der es länger mit mir aushält,es nur auf meine Hilfe in schulischen Dingen abgesehen hat. Manchmal frage ich mich ob das alles vielleicht Gottes Absicht war. Wieso macht Gott das? Wieso lässt er mich einen so wunderschönen, sanften und zarten Schutzengel haben, wieso ausgerechnet dann, wenn ich ihn nicht lieben darf?
Etwas zwingt mich anzuhalten und umzudrehen, zu dem Schulgarten zu schauen. Ich sehe ein Pärchen hinter einem Baum auf dem Schulgelände. Zuerst werde ich neidisch, dass ich nicht wie diese zwei in aller Öffentlichkeit mit meinem Schatz rumknutschen kann, doch mein Engel zeigt sich nur in meinen Träumen. Ich erinnere mich an seinen Kuss, doch zu schnell vergingen die Erinnerungen an die Gefühle, die dabei freigesetzt wurden, weil es nur ein Traum war. Weil man normalerweise in Träumen nichts empfindet. So ließen meine Sinne alles los und egal wie sehr ich mich anstrenge, ich kann mich nicht erinnern, was ich bei seinem Kuss empfand.
Die Stimme des Mädchens, die zu dem Pärchen gehört, das ich beobachte weckt mich ein weiteres Mal aus meinen Gedanken: „Sensei nicht...es könnte uns jemand sehen...“ Der Mann drückt sie noch mal an sich, küsst sie, verabschiedet sich aber dann leise. Ich drehe mich weg und gehe so schnell es geht weiter. Lehrer! Das war ein Lehrer und seine Schülerin! So was ist doch verboten. Einen Augenblick empfinde ich Verachten gegenüber den beiden. Für so was wird man doch aus der Schule geworfen, dem Lehrer kann´s ja egal sein, aber der Schülerin...
Ich stottere in meinen Gedanken, als ich merke, dass unsere Beziehung nicht anders ist, als die des Pärchens. Sowie Lehrer und Schülerin würden wir von anderen bestimmt verachtet, bestraft und getrennt werden nichts als Schaden davon tragend. Er würde vielleicht sogar verbannt und ich...? „Der Tod jagt Menschen ohne Schutzengel“ sagte er einst, aber auch nach dem Tod würden wir uns nie wiedersehen. Die schlimmste Strafe ist es sicher, getrennt zu werden. Meine Laune sinkt immer weiter und meine Schritte verlangsamen sich, aber ich komme noch rechtzeitig. Ich lächele bitter. Normalerweise würde ich jetzt, im Bewusstsein, meinen Engel ansprechen wollen, aber ich spüre, dass ich ihn heute in Ruhe lassen sollte. Wieso? Das weiß ich selber nicht. Und wäre dem nicht so, hätte sich der Schutzengel gerade jetzt gemeldet, aber stattdessen werde ich von einem brutalen Arm, der sich schwer um meine Schulter legt, begrüßt. „Ganz schön knapp“, mit diesen Worten werde ich von meinem Kumpel Ray auf eine besonders „sanfte“ Art und Weise begrüßt.
„Geht´s nicht ein bisschen fürsorglicher?“ versuche ich mit einem falschen Lächeln, um meine Traurigkeit zu verstecken, aber zu gut kennt mich der Größere. Gleich darauf zieht er mich mit in die Klasse, wo sich schon die meisten versammelt haben. Wir nehmen Platz an unseren Einzeltischen, die nebeneinander stehen. Zeit fürs Unterhalten auf der Fensterbank ist nicht mehr geblieben, denn schon in wenigen Minuten wird der Lehrer reinkommen. „Willst du mir nicht was erzählen?“ fragt der Hellhaarige freundlich lächelnd.
Ich mime einen auf ahnungslos: „Nein... sollte ich?“ Ray macht eine schnelle Kopfbewegung, um seinen langen Pony aus dem Gesicht zu entfernen, sehr wohl wissend, dass die feinen und doch lästigen Haarsträhnen schon in wenigen Minuten wieder die Wimpern beim Blinzeln stören werden: „Komm schon, mir kannst du es ja erzählen. Siehst so aus als wärest du von einem weiteren Schwarm enttäuscht worden, weil er nicht auf dich steht.“ Ich schmolle: „Das ist sehr untaktisch von dir.“ lautet meine bittere Antwort. Ray zieht mich gern damit auf das ich bis jetzt noch nie einen Freund hatte.
„Hab ich ins Schwarze getroffen?“ fragt er, ein weiteres mal untaktisch grinsend. Ich rolle mit den Augen, wechsele dann aber das Thema: „Glaubst du an Schutzengel?“ lautet meine nüchtern gestellte Gegenfrage.
Ray´s grüne Augen werden Größer. So eine Frage hat er nicht erwartet, aber zu seiner und meiner Erlösung kommt der Lehrer herein. Ray hat nun fast eine Stunde Zeit um über meine Frage nachzudenken. Ich versuche mich währenddessen auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich darf einfach nicht mehr daran denken. Ich hoffe, Gott hat uns das diesmal noch verziehen, denn ich will meinem Engel erklären, dass das nicht so weitergehen darf. Ja, ich liebe ihn auch. Ich würde alles dafür tun, um mit ihm zusammen zu sein, aber ich würde eher meine Liebe und alles an Küssen und Zärtlichkeiten aufgeben, als dass ich uns trennen lasse.
Es klingelt, die Doppelstunde ist Gott sei Dank zu Ende. Ich frage mich, ob ich Ray mit der Frage für den Rest des Tages abgehängt habe oder ob er noch zu antworten versucht. Aber erst einmal muss ich in an die frische Luft. Draußen angekommen realisiere ich, dass Ray mir gefolgt ist. Unser Geschichtslehrer ist heute mit Aufsicht dran, aber er hat wieder mal nichts Besseres zu tun, als mit dem Schularzt zu sprechen. Ich frage mich oft, ob die beiden nicht schwul sind, da sie sich häufig so benehmen. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, höre ich Ray´s Stimme. Er tritt hinter mich, lehnt sich an die Wand und betrachtet mich: „Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du heute hast.“ Ich zucke mit den Schultern, so als ob es unwichtig wäre: „Und du hast mir immer noch nicht geantwortet ob du an Schutzengel glaubst.“ Ray lacht. „Spinner, bist du etwas einsam und hast niemanden der dich beschützen könnte oder hast du etwa Probleme in der Familie? Das wäre was Neues!“ Ich winke ab und gehe weiter Richtung Rasen um mich unter einen Baum zu setzen: „Es war ernst gemeint, Ray.“ Er lächelte: „Das weiß ich doch...“
„Dann antworte mir, wenn du es weißt.“ hacke ich weiter nach, als ich mich bereits hingesetzt habe und zu ihm aufschaue. Der Dunkelhaarige schüttelt den Kopf: „Nein, ich glaube nicht... ich hab nie darüber nachgedacht....ich weiß es nicht...“ Ich schmunzle: „ Typisch...nie hast du eine direkte Antwort...“ Er setzt sich neben mich und schaut mich traurig an: „Wir sind sehr verschieden, hm?“ Ich nicke abwesend: „Ja..“ lächelnd ergänzte ich : „aber Plus und Minus ziehen sich an.“ Er lächelt sanft zurück. „Aber in mich warst du noch nie verliebt, oder, hm?“ Ich schüttele den Kopf, nicht mehr auf seine Frage eingehend. Dann höre ich wieder seine Stimme, wohl hat er gemerkt, das mir das Thema wichtig ist: „Und wer ist dein Engel?“ Ich schließe die Augen: „Ein Schutzengel eben.“ Ich höre Ray seufzen: „Und wie lange kennt ihr euch?“
Ich seufzte: „Schon ewig“ Ich weiß, dass ich mich komisch anhöre, aber soll Ray doch seine Schlüsse daraus ziehen. Und das tat er auch: „ Also in unserer Sprache heißt es du bist schwer verliebt.“ Ich lächele und schaue hoch zum Himmel: „Oh ja...aber...“ Ray´s Blick füllte sich mit Sorge „aber was?“ hackt er nach. Mein Lächeln wird traurig: „...aber ich darf ihn nicht lieben... “ Ray schmunzelt abermals und zwinkert: „Etwa, weil du ein kleines Genie bist?“ Ich schüttele den Kopf, weiß eine Zeitlang nicht was ich sagen soll.
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll... er ist ein Engel mit weißen Schwingen,
für mich unerreichbar, denn ich bin nur ein Mensch. Ich werde nie fliegen und er wird nie zu Erde kommen...unsere Hände werden sich nie richtig berühren aber unsere Seelen sind trotzdem für immer verbunden...“ bei den letzten Worten wird mir ganz
wohl ums Herz. Ray sagt etwas skeptisches, aber ich realisiere es kaum, verstehe es nicht, denn das warme Gefühl wird immer stärker.
Zu heiß.
Zuerst mein Herz und dann mein ganzer Körper scheint zu glühen. Ich drücke meine Hände an die pochende Brust, weil mein Herz zusammengedrückt wird und das mit einem großen Schmerz begleitet. Ich kann plötzlich nichts hören, nichts sagen und auch nichts sehen. Das Atmen fällt mir schwer und Panik, Angst, Schmerz das alles lässt mich in Ohnmacht fallen. Dass ich währenddessen bereits in den Armen des Schularztes liege und ins Krankenzimmer getragen werde, bemerke ich nicht......
Als ich meine Augen aufmache sehe ich erst schwarz...dann wird es heller...ich liege auf dem Asphalt und Regen prasselt auf die Erde, aber mich treffen nur wenige Tropfen. Ich suche nach der Ursache und sehe hoch über mir eine Gestalt mit großen weißen Flügeln schweben.
Ein Engel? Mein Engel?
Im nächsten Augenblick habe ich mich bereits aufgerichtet um nach ihm zu
greifen. Zum ersten Mal trägt er ein helles Gewand. Unruhe breitet sich in mir aus als ich feststelle, dass ich ihn nicht erreichen kann. Er streckt seine Hand nach meiner aus, nur um mir zu zeigen das es unmöglich ist. Dann lächelt er, zu fröhlich für diese Situation, dreht mir den Rücken zu und lässt mich damit noch nervöser werden, denn so was hat er nie zuvor gemacht. Der Regen wird stärker, er fliegt davon. Ich mache meinen Mund auf und stelle fest, dass ich ihn nicht rufen kann. Es ist noch nie vorgekommen, aber gerade jetzt, gerade in diesem Traum würde ich nur ein Wort über die Lippen bringen können und zwar den Namen meines Schutzengels, aber den kenne ich nicht. Er entfernt sich immer weiter, nicht mal ein geflüstertes „bleib hier“ kommt über die Lippen. Tränen vermischen sich mit dem Regen. Eine Flamme, die ich nie zuvor realisiert hatte, aber jetzt weiß, dass diese sich immer hinter mir befunden hatte , sodass ich sie nur aus dem Augenwinkel sah, erlosch. Seltsame Geräusche, als würde etwas langsam brechen.
Risse!
Risse um mich herum, als sei alles nicht echt. Nein, zeigend, dass alles nur ein Traum ist - eine Illusion. Als wäre ich in einem Würfel aus Glas, das mich zuvor schützte und jetzt zerbrach. Langsam lösen sich einzelne Splitter, verlieren ihre Farbe und Fallen in eine unendliche Tiefe.
Stille....
Mir ist kalt und ich bin alleine. Erst jetzt höre ich meine Stimme wieder. Ein leises „Nein...“ dann sinke ich auf die Knie und schreibe dasselbe Wort. Immer lauten werdend.
Plötzlich wird alles weiß und nur langsam stelle ich fest, dass ich wieder wach bin. Neben mir sitzen Ray und der Geschichtslehrer. Der Arzt schließt gerade einen Schrank. Der Geschichtslehrer versucht Ray anscheinend zu beruhigen. Schockiert stelle ich fest, dass dieser rote Augen hat. Hat er etwa geweint? Nur weil ich ohnmächtig geworden bin? Stimme des Schularztes ist zu hören: „Rafael, lass mal Ray in Ruhe, unser Dornröschen ist wieder wach!“ Er lächelt mich an, aber ich kann das nicht erwidern.
Abrupt drehen sich die beiden anderen um. Sofort hält Ray meine Hand, fragt, ob es mir gut geht, was das plötzlich sollte. Er schluchzt, weitere Tränen zurückzuhalten versuchend. Er sagt es sei so plötzlich gewesen und er hatte Angst. Angst weil ich Krämpfe hatte und das auch während der Ohnmacht, was fast unmöglich sei. Er dachte ich hätte einen Schlaganfall, Herzinfarkt und der Tod wolle mich holen. Ray weiß, dass ich ein schwaches Herz habe, weil meine Mutter, als sie Schwanger war, sehr gestresst war, geraucht hat und bereits 46 Jahre alt gewesen ist. Ich will nicht das Ray sich Sorgen macht, aber ich kann ihn verstehen.
Ich drehe mich weg, nicht in der Lage, zu antworten. Mir ist sehr unwohl, denn etwas fehlt, etwas Wichtiges und ich weiß nicht was das zu bedeuten hat. Als sei mir ein Teil genommen worden. Als er den Tod erwähnt höre ich in meinen Gedanken die Stimme meines Schutzengels: „Der Tod jagt Menschen ohne Schutzengel“ Und dann trifft mich der Schlag der Erkenntnis, denn ich höre die Stimme des Engels nicht wirklich. Es ist nur eine Erinnerung. Das was fehlt ist mein Engel, er ist nicht da, er wurde aus meinen Körper mit Gewalt „gezogen“ und der letzte Traum war eine Art Abschied. Ich rolle mich zusammen. Muss weinen. Haben wir ja doch eine große Sünde begangen und wurden bestraft, getrennt, für immer.
„Kanako? Ist dir schlecht? Tut dir was weh?“ höre ich Ray und gleich darauf den Geschichtslehrer, von dem ich jetzt wusste, dass er mit dem Vornamen Rafael heißt: „Ich glaub sie braucht ein wenig Ruhe. Musst du nicht zum Unterricht, Ray?“ Mein Freund seufzt: „Ja...sie haben Recht... Niko, wartest du hier, bis ich dich nach Hause begleiten kann?“ Ich antworte nicht. Nein, ich will nichts, ich will nicht nach Hause. Will weder was von der Schule noch was von meine Familie oder Freunde wissen. „Ohne ihn macht es einfach keinen Sinn...“ sage ich aus versehen laut. Der Schularzt ist wieder zu hören. „Das darf doch nicht war sein Kanako! Hast du etwa aus Liebeskummer irgendwelche Medikamente genommen?“ Er hört sich aufgebracht an. Der blonde Lehrer versucht den Arzt zu beruhigen: Zen, beruhige dich!“
„So etwas würde Niko-chan... doch nie tun!“ mischt sich jetzt auch Ray ein, flüstert danach unsicher: „Oder... Niko, ARGH...redest du vielleicht deswegen von diesem Schutzengel weil du Tabletten...vielleicht sogar Drogen...?“ Ich lasse ihn nicht zu Ende sprechen, weil ich abrupt aufstehe. Alle drei will ich anschreien, es gelingt mir aber nicht. Zen will, dass ich mich wieder hinlege, aber ich flüchte vor den vielen Händen der drei Männer.
Raus, raus aus diesem Gebäude, raus aus dieser Welt, raus aus dem Leben. Der Tod soll meine Erlösung sein, denn ich werde ihn nie wiedersehen, nie! Und das nur weil wir uns lieben...liebten...nein ich werde ihn immer lieben, auch wenn ich ihn nie wiedersehe auch wenn ich bald sterbe, denn „Der Tod jagt Menschen ohne Schutzengel“.
Ich weine wieder, aber es ist mir egal, ob es jemand sieht, es ist mir auch egal, dass ich kaum etwas sehe. Es ist mir auch egal, als ich auf eine Dose mit meinen Fuß trete, stolpere und falle, beide Ellbogen verletze und Blicke anderer Menschen auf mich zu spüren bekomme. Auch spielt es keine Rolle, dass ich mitten auf der Straße gelandet bin. Dass mehrere Autos schnell bremsen, bevor sie mich verletzen; dass ich eine ganze Katastrophe verursache und dass alle um mich herum schimpfen und schreien, spielt keine Rolle.
Wieso? Wieso bin ich nicht, als ich über die Dose stolperte irgendeine Treppe runtergefallen; wieso habe ich mir nicht deswegen das Genick gebrochen und bin gestorben; wieso hat mich keins dieser Autos überfahren?
Wieso bin ich noch hier, obwohl ich den Tod herausfordere, obwohl dieser mich doch eigentlich verfolgt. Wieso ist um mich noch eine unsichtbare Schutzhülle, wenn ich doch keinen Schutzengel mehr habe?
Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, all das lass ich mit einem Schrei aus. Mitten auf der Straße.
Jemand hebt mich hoch, indem er mir unter die Achseln greift, mich aufrichtet und von der Straße wegbringt. Ich werde auf eine Bank an der Haltestelle gesetzt. Zwei grüne Augen. Zuerst denke ich, es sei Ray, aber ich irre mich. Vor mir ein Junge der etwas älter als ich zu sein schien. Er trug ein Basecap, sodass der dadurch erzeugte Schatten seine blonden Haare dunkler wirken lässt. „Alles o.k.“ höre ich seine Stimme. Es ist mir plötzlich doch peinlich, von einem unbekannten so angemacht zu werden. Ich werde rot vor Scham und will „ja“ sagen, aber es kommt nur ein Schluchzen raus. Ich bin dem Fremden dankbar, dass er nicht weiter auf meinen Zustand eingeht und auch nicht fragt, was los sei. Er sagt nur, sich wegdrehend, zu der Straße schauend, sodass ich jetzt erkenne, dass er seine Haare zu einem Zopf gebunden hat. „Wo wolltest du hin? Heim oder zu Schule?“
Ein Schluchzen, dann antworte ich: „Nach Hause...“ Er sagt es sei komisch, dass ich so früh nach Hause müsse. Meine linke Augenbraune hebt sich hoch: „Du bist auch nicht gerade in der Schule“ Er grinst mich an : „Ich geh nicht mehr zur Schule. Ich lerne hier in der Nähe und hab heute eher Schluss gemacht.Das musste sein ,Leute wie du sind doch auf mich angewiesen! “
Als ich lächle fügt er noch: „Wow! Du kannst sogar Lächeln!“ hinzu.
Tatsächlich verbreitet der Junge gute Laune. Für einen Moment vergesse ich, was los war. Aber schnell erinnere ich mich wieder und mich trifft der Schmerz der bitteren Erkenntnis wieder. Das merkt der Junge anscheinend, weil ich seufze. Er scheint nach einer Ablenkung zu suchen, ihm fällt jedoch nichts besseres ein als:
„Fährst du mit dem Bus?“
Ich nicke, dann grinst er: „Was für ein Zufall ich auch!“ Ich grinse zurück: „Du bist ein komischer Kauz!“ Er zuckt mit den Schultern, lacht aber: „Na los steh auf - der Bus ist da!“
Das weißgrüne Fahrzeug hält neben der Haltestelle an, als sich die Tür in zwei verschieden Richtungen automatisch auseinander schiebt, zieht mich der Junge an der Hand. Wir steigen in den Bus. Der Ältere hält mich immer noch bei der Hand um mich bis hin zu den hinteren Plätzen mit zu ziehen.
Ich frage mich, ob es der selbe Bus sei, wie der mit dem ich heute morgen gefahren bin, denn etwas kommt mir sehr bekannt vor.
Vielleicht gar nicht der Bus, aber etwas Bestimmtes. Da bin ich mir ganz sicher, und weiß noch nicht was. Ich finde solche Situationen immer so unangenehm, weil man nie weiß was los ist. Als wir uns bereits hingesetzt haben, denke ich immer noch darüber nach, was das war, gebe das aber irgendwann auf, weil mein Nachbar schon längst auf mich zuredet.
„Vielleicht bist du es“ sage ich, heute zum zweiten mal, aus Versehen wieder laut. Und frage mich was denn mit mir los sei, das ich gerade heute so oft meine Gedanken laut ausspreche.
Komischerweise sehe ich in den grünen Augen meines Partners etwas aufblitzen, aber er versteckt den Grund hinter den Wörtern : „Was meinst du? Was soll ich sein?“ Ich lächle und drehe mich weg zu der Fensterscheibe, sehr wohl wissend , dass es unhöflich ist, sage dann was ich denke : „Ich dachte ich hätte ein Déjà vu und wusste nicht auf was es sich bezieht.“
„Aha, und was habe ich damit zu tun?“ Der Blonde klingt wirklich ratlos, also antworte ich ehrlich: „Weiß nicht, dachte mir vielleicht wärst du der Grund und ich hätte dich schon mal gesehen...“ Ich höre den Jungen seufzen und verstehe nicht ob ich was falsch gesagt habe. „Kann sein“ sagt er dann leise. „Ich fahre öfters mit dem Bus, wir haben uns sicher schon mal aus dem Augenwinkel gesehen...“ Ich schmunzle: „Glaub mir, wenn es so wäre, würde ich mich daran erinnern.“ So einen hübschen Kerl würde ich sicher nie übersehen haben, aber das durfte ich nicht laut sagen. Der Junge überrascht mich ein weiteres Mal, weil er nicht nach der Ursache fragt oder denkt er solange nach?
Plötzlich stoppt der Bus. Eine Vollbremsung, sodass ich nach vorne geschleudert werde. Dem Jungen neben mir geht´s genau so , aber er schafft es uns beide abzufangen bevor wir mit der Stirn gegen die Lehnen des Vordersitzes hauen. Manchen Menschen war aber genau das zugestoßen, schon fing ein kleiner Junge an zu weinen. Schnell stand ich auf und sprang über die Knie des Nachbarn: „Ich geh kurz zum Busfahrer!“ sage ich aufgebracht. Zuerst will ich diesen nur anschreien, aber mit jedem Schritt wird mir klar, was passiert ist. Und tatsächlich muss ich mir die Hand vor dem Mund halten, als ich den Busfahrer sehe. Der Mann ist nach vorne gebeugt. Sein Kopf traf gegen die Scheibe und er blutet sehr stark.
Ich weiß nicht, ob er lebt oder nicht, aber er muss schleunigst rausgebracht werden. Ich versuche den Busfahrer rauszuholen.
Plötzlich wird es besonders hell und ein Knall geht durch die Luft. Die Leute hinter mir schrecken zurück. Panik bricht aus, denn das Auto, gegen das der Bus gefahren war, ist explodiert. Einfach so? „Der Tod jagt Menschen ohne Schutzengel“ höre ich wieder in den Gedanken. Mich soll es holen, nicht die ganzen Menschen in meiner Nähe. Als ich mich kurz wegdrehe, sehe ich schon ein paar Männer die anderen Menschen aus dem Bus helfen. Und zwar durch die Fensterscheiben, weil es anders nicht möglich ist. Niemand traut sich anscheinend zum Busfahrerpult und ich muss auch so schnell wie möglich weg. Ich muss nur noch den älteren Mann rausholen. Er ist schwer, aber ich schaffe es ihn wenigstens hin zum Flur zu drehen, doch plötzlich kommt es zu einer weiteren Explosion.
Aus Reflex werfe ich den Mann so weit wie möglich nach vorne in den Flur, werde dabei zurückgeschleudert. Ein Stöhnen des Busfahrers lässt mich annehmen, dass dieser am Leben ist. Wenigstens etwas, denke ich erleichtert. Ich realisiere, das Feuer um mich herum, welches sich sehr schnell verbreitet, denn die Vorderseite des Busses, wo sich der Steuercomputer befand, ist ebenfalls explodiert. Noch hat das Feuer mich nicht erreicht, aber ich habe nicht vor zu fliehen. Ich will sterben, jetzt und hier, so schnell wie es geht, egal mit wie viel Leid und Schmerz. Das ganze Fahrzeug ist bereits von Rauch gefüllt. Ich weiß nicht, wer noch übrig ist oder ob alle raus sind. Weiß auch nicht mehr wie viel Zeit vergangen ist, seit ich mein Leben aufgegeben habe.
Ich muss keuchen. Höre jemanden streiten. Verstehe aber nur wenige Wörter. Ein zerrissener Dialog zweier Menschen, einer davon ist sicher der Junge von vorhin, der andere ein älterer Mann.
„..zu gefährlich Junge...“
„aber...vorne ist....mand drin“
„...eib..hier“
„nein!..ich ...ole....rück“
„mach was.. willst“
Meine Augen gehen langsam zu und ich höre nichts, ich höre nicht einmal mein Herz schlagen, obwohl ich doch eigentlich hohen Puls haben muss. Sterbe ich jetzt? Werde ich erlöst? Es wird dunkel.
Ich denke ich sei tot, mache aber die Augen auf. Stelle fest, dass es dunkel wurde, weil jemand mir eine Jacke über den Kopf gelegt hatte. Ich schaue in zwei grünen Augen und erschrecke. Das Feuer sich in diesen Smaragden spiegelnde Feuer lässt die Augen des Jungen braun wirken und sein blondes Haar schient durch das Licht der Flammen um uns einen roten Glanz angenommen zu haben. Das Basecap des Jungen ist weg. Er merkt meinen fragenden Blick und hebt seine Hand hoch in der er seine verbrannte Mütze trägt.
„Damit hab ich versucht mich irgendwie vor den Flammen zu schützen“ sagte er tatsächlich grinsend. Seine Stimme holt mich nun völlig aus der Trance zurück: „Wieso zum Teufel bist du hier? Wieso bist du nicht abgehauen, das Ding wird sicher bald explodieren!“ Ich bin ernsthaft aufgebracht und sauer auf den Jungen. „Weil ich dich rausholen möchte, wieso denn sonst!“ antwortet er laut, ebenfalls eine Sorgenfalte zeigend. „Wir kommen aber hier nicht raus...“ sage ich verzweifelt. Mich dafür strafend, dass ich einen unbekannten Jungen mitreingezogen habe.
Er lächelt sanft und nimmt mich ohne Vorwarnung hoch „Keine Angst, ich werde dich beschützen...“ Die Worte rühren mich noch mehr, ich drücke mich an die Brust des Jungen: „Du bist ihm so ähnlich....“ flüstere ich ganz leise. Ob er mich gehört hat? Es kam mir wirklich vor als würde ich von meinem Schutzengel getragen. Wie unfair es doch meinerseits war, einen Ersatz für ihn, in dem ersten hübschen Jungen zu suchen.
„Hey, ich kann dich schlecht aus dem Fenster rausschmeißen“ scherzt der Blonde trotz der Situation. Alles ist voller Rauch und ich muss husten, aber wir haben es doch tatsächlich fast geschafft, das Feuer ist überwunden, aber jetzt müssen wir aus dem Fenster springen.. Elegant macht der Ältere das vor. Mich zuvor auf einem der Sessel stehen lassend, dreht er sich um und streckt die Arme aus. „Na los“ Ich stehe, komme mir plötzlich so blöd vor, soll ich´s ihm sagen? „Ich habe Höhenangst ... ich schaff das nicht...“ gebe ich, rot werdend, ehrlich zu.
Der Grünäugige versucht mir aber das Gegenteil zu beweisen. „Natürlich schaffst du es, na los!“ Ich schüttele feige den Kopf. „Willst du verbrennen! Das Ding explodiert!“ Ich weiß nicht wieso, aber als er das sagt, rührt sich etwas in mir, nach Freiheit suchend - ich werde plötzlich besonders sauer und schreie den Jungen an: „Ja verdammt! Ich will verbrennen, ich will sterben! Will für die Welt keine Last mehr sein und auch... auch für mich nicht...Ich habe nichts an was ich mich festhalten kann, NICHTS! Und der Einzige, den ich liebe ist nicht mehr da! Also lass mich hier gefälligst sterben.“ Ich drehe mich wütend um. Atme aus und will dem Tod gegenübertreten, als ich plötzlich das verzweifelte Schreien des Jungen höre:
„Niko halt! Tu das nicht!“ er sagt noch etwas aber ich höre das nicht mehr. Mir ist der Atem gestockt. Hatte er tatsächlich meinen Namen genannt, ohne das ich es ihm je vorher gesagt habe, sogar meinen Spitznamen den nur Ray und... und mein...? Ich drehe mich wieder zum Fenster, da steht er immer noch mit ausgestreckten Armen, eine einsame Träne glänzt in seinem Augenwinkel.
Ich überwinde alle Angst und springe. Es kommt mir so vor, als seien mir tatsächlich Flügel gewachsen und ich könnte hoch in den Himmel fliegen und die Hand meines Schutzengels fassen. Als ich mich wieder auf dem Boden befinde, kann ich nicht anders als das Gesicht des Jungen in meine Hände nehmen und immer wider die Wörter sagen: „Du bist es! Du bist es wirklich!“ Er aber sagt nichts, ignoriert mein Benehmen.
Er befreit sich aus meinem Griff, nimmt mich, wie schon vorhin, bei der Hand und zieht mich weg vom Fahrzeug. Es hat sich bereits eine Menge an Schaulustigen gesammelt, auch die Opfer der Katastrophe waren noch da. Sie alle stehen auf einer sicheren Entfernung, als der Bus ein weiteres Mal explodiert. Erleichtert stellte ich noch zuvor fest, dass auch dem Busfahrer geholfen wurde.
Doch ich werde immer weiter gezogen. Irgendwo zwischen vielen Gebäuden bleiben wir stehen. Seitdem ich den Jungen so überrascht habe, hat er kein Wort gesagt. So stehen wir nun hier, er hält meine Hand immer noch fest, sein Rücken zu mir. Ich verstehe was, es war als ich mit dem Jungen in den Bus stieg und ein Déjàvu zu haben schien. Auch da hielt er mich an der Hand und seine Wärme ist der meines Schutzengel ähnlich, aber sie ist viel realistischer, denn sie ist kein Traum. Er kennt meinen Namen, ohne das ich es ihm verraten habe. Und dafür gibt es viele logische und unlogische Erklärungen und ich muss mir gerade die unmöglichste aussuchen. Ich senke meinen Kopf und flüstere eine „Entschuldigung“, höre ihn ausatmen, dann sagt er etwas, was ich gerade jetzt gar nicht erwartet hab : „Mein Name ist Lee, Kanako.“
Ich wiederhole den Namen des Jungen, ganz langsam und leise. Schließe meine Augen: „Kann es wirklich sein?“ frage ich zweideutig, um mich nicht noch mehr zu blamieren, als schon vorhin, falls ich mich irren sollte. Er dreht sich, begleitet von einem leisen Geräusch, zu mir um und dann spüre ich Wärme. Die Hand Lee´s auf meiner Wange. Ja, das ist SEINE Wärme. „Du bist es...“ flüstere ich leise meine Augen aufmachend „Du bist es Lee...“ wiederhole ich noch mal seinen Namen. Er lächelt irgendwie erleichtert. Dann beugt er sich vor. Seine Augen suchen nach meinem Blickkontakt, aber ich kann einfach nicht aufhören auf die weichen und einladenden Lippen Lee´s zu schauen. Als ich mich doch kurz dazu zwingen kann in dieses tiefe Grün zu schauen, lese ich dort zwischen vielen anderen Gefühlen Einverständnis.
Ich hebe meinen Kopf leicht an. Und schon das zarte Berühren der Lippen lässt mich die Kontrolle über meine Gedanken verlieren. Ich umarme ihm, meinen einen Arm um seinen Nacken, den anderen um die Taille legend. Auch er drückt mich an sich. Unsere Münder öffnen sich um den Zungen den freien Lauf zu lassen. Zu schön, zu überwältigend ist dieses Gefühl um an etwas anderes zu denken. Endlich, endlich darf ich ihn küssen, ihn berühren und zwar real, nicht nur im Traum. Ein wohliges Gefühl der Liebe und Zuneigung aber auch das Verlangen und der Lust übernehmen meinen Verstand. Bis eine Frage dies unterbricht: „Dürfen wir das
wirklich?“
Wir lösen uns, als ich dies frage. Lee zeigt weder Trauer noch Zweifeln. Er lächelt, so wie er gelächelt hat, als er in dem letzten Traum gegangen war: „Ich habe an dich geglaubt, deswegen“, sagt er für mich zuerst unverständlich. Er will mich wieder küssen, aber ich dreh mich weg. Er spürt das ich auf eine Erklärung warte.
Mein Beschützer hebt einen Finger hoch und sagt ernst: „ Ich mach´s ganz schnell, denn ich will dich unbedingt wieder küssen!“ Ich schmunzle und puste gegen seinen Finger, den er gleich darauf meine Gesichtskonturen nachfahren lässt, nebenbei erklärt: „Ich sollte dich verlassen und wo anders untergebracht werden, wahrscheinlich würden sie mich dann nie wieder zu einem Schutzengel machen, aber auch nicht zu jemandem der auf einer anderen Art und Weise dich treffen könnte, aber eine letzte Chance haben sie uns ja doch gegeben.
Mein Engelsein sollte ich aufgeben und zu einem Menschen werden, in deine Nähe geraten. Und ohne dass du Beschied wusstest, musstest du mich erkennen. Nun ... nun dürfen wir zusammen sein...als Menschen, Niko... . Du hast jetzt keinen Schutzengel mehr, aber mich als reellen Beschützer.“ Er legt seine Hand um meinen Nacken, drückt meinen Kopf an seine Brust: „Nie, nie werde ich dich wieder alleine lassen! Es tut mir so leid das getan zu haben, aber nun sind wir zusammen und...“ Ein Flüstern war das was ich fragte, aber dies reichte, damit er mich hörte: „Was ist wenn ich dich nicht erkannt hätte?“
Er sagt eine ganze Weile gar nichts, dann hörte ich seine Stimme: „Meine Entscheidung war riskant, denn hättest du mich nicht erkannt, wärst du ohne Schutzengel, was sich sonst auch nicht geändert hätte, aber auch ich wäre dann gestorben, als Mensch....aber es ist ja alles gut gegangen....ich habe an dich geglaubt.“ wiederholte er sich.
Sanft hebt er mit zwei Fingern mein Kinn an und unsere Lippen berührten sich wieder, ich schlage meine Arme wieder um seinen Nacken, während seine Hände über meinen Rücken wandern. Ich seufze, als ich Lee´s Hände an meinem Hintern spüre. Ich ziehe mich an ihm hoch und kann mit der Hilfe meines Geliebten, meine Beine um dessen Hüfte schlingen er hält mich an meinem Hintern fest, unseren Kuss immer weiter vertiefend.
„Hast ... hast du eigentlich einen Schutzengel, als Mensch?“ frage ich ihn, als wir unseren Kuss unterbrechen müssen, um nach Atem zu ringen. Er lächelt freundlich: „ Nein, die Stelle wurde für dich freigehalten, Niko-chan, Liebling“ scherzt er.
„Weißt du was? Ich liebe dich, als Mensch umso mehr!“ Lee´s Augen bekommen einen fragenden Ausdruck und ich antworte auf eine noch nicht gestellte Frage : „Du bist viel lebendiger!“
„Das ist aber sehr zweideutig!“ fügt er grinsend hinzu. „Und weißt DU was?“ imitiert er mich und ich lächele, auf eine Fortsetzung wartend. „Ich liebe dich auch und gerade jetzt will ich mit dir fliegen! Bis hoch in den siebten Himmel!“ Er küsst mich wieder und auch ich habe keine Lust mehr zum Reden. Ob er mich bis nach Hause trägt oder ob er mich hier weiter küsst, interessiert mich nicht. Ich weiß nur, dass das heute der schönste Tag in meinem Leben ist.

Begriffserklärung:
Sensei = Lehrer

Neulich habe ich mich mit Freunden über das Thema Schutzengel unterhalten und dabei kam mir die Frage auf was in solch einem Fall alles passieren könnte.
Ich hoffe es gefällt euch!
Kristin Sperling, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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