Pierre-André Hentzien

Garris Forest

Es war bereits der sechste Mord in diesem Jahr und das Jahr war noch jung.
Kommissar Breckham saß hinter seinem Schreibtisch und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.
Seit fast zwei Monaten arbeitete er an diesem Fall, aber noch immer tappte er völlig im Dunkeln.
Sechs Morde, und er wußte nichts weiter als die Fakten, die keine eindeutigen Schlüsse zuließen.
Alle Opfer waren noch halbe Kinder, alle Opfer waren männlich und keines war älter als 17 Jahre gewesen.
Jedes der Opfer war auf die gleiche, bestialische Weise ermordet worden.
Das waren auch schon die einzigen Gemeinsamkeit die es gab, oder hatte er doch irgend etwas übersehen?
Der Kommissar war völlig erschöpft, denn er hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen.
Immer wieder sah er die Gesichter der Ermordeten vor sich, wie sie ihn mit weit aufgerissenen Augen und leerem Blick anstarrten.
Was für ein Monster mußte diese Verbrechen begangen haben?

Alles begann am 03. Januar 1975.
Beckham saß in seinem Büro, als sein Telefon klingelte, er nahm ab und meldete sich: “Hier Breckham, Mordkommission!“
“Treavis hier“, antwortete die kalte Stimme am anderen Ende der Leitung, “ich bin im Garris Forest. Sie müssen sofort kommen. Hier würde eine gräßlich zugerichtete Leiche eines Jugendlichen entdeckt!“
“Ich bin unterwegs“, erwiderte Breckham etwas erschrocken.
Auf der Fahrt zum Fundort gingen ihm viele Gedanken durch den Kopf.
Er selbst hatte einen Sohn im selben Alter und unweigerlich stieg Angst in ihm hoch, daß er vielleicht den leblosen Körper seines eigenen Kindes vorfinden würde.
Als er Treavis Stimme im Funkgerät hörte schüttelte er den Gedanken ab.
“Wo bleiben sie denn Chef?“, fragte Treavis gelangweilt.
“Ich bin an der Abzweigung Kensington Lane und Garris Drive - also in etwa 5 Minuten bei ihnen“, antwortete Breckham.
Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe seines Dienstwagens.
Die Wischerblätter der Scheibenwischer schlugen von links nach rechts und zurück, aber trotz des atemberaubenden Tempos in dem sie das taten war die Sicht erbärmlich schlecht.
Nach endlos scheinenden Minuten bog Kommissar Breckham in einen kleinen Waldweg ein und sah Treavis in einiger Entfernung winken.
Breckham hielt wenige Meter vor dem Inspektor an und stieg aus dem Wagen.
Seine Mitarbeiter hatten bereits alle vorhandenen Spuren gesichert und waren schon dabei ihr Arbeitsgerät in die Wagen einzuladen.
Unter einem weißen Leichentuch lag der Leichnam des Jungen.
Als Inspektor Treavis das Tuch anhob wurde Kommissar kreidebleich.
Er kannte den Jungen.
Es war Kent Friedwood, ein Freund seines Sohnes.
Er war entsetzlich zugerichtet.
Der Leichnam war völlig nackt.
Am linken Fuß fehlten drei Zehen, beide Handgelenke und Oberarme waren mehrfach gebrochen, fünf tiefe Einstiche waren in seinem Oberkörper, und im Bereich des Oberbauches zu sehen.
Breckham war einiges gewohnt, denn schließlich arbeitete er nicht erst seit gestern bei der Mordkommission, aber zum ersten Mal war im richtig schlecht.
Nur langsam konnte er seinen Ekel überwinden.
“Mein Gott, Treavis, ich kenne den Jungen. Er war ein Freund meines Sohnes. Unfassbar, daß ein Mensch zu solch einer Tat fähig ist!“, sagte Breckham entsetzt.
“Kann man wohl sagen,“ entgegnete Treavis mit kühler Stimme, “aber für mich ist er nur eine weiter Leiche in meiner 20jährigen Laufbahn!“
“Sie haben recht,“ erwiderte Breckham nach einer Weile, “ich sollte mich nicht zu derartigen Gefühlsäußerungen hinreißen lassen. In unserem Job gibt es eben keinen Platz für Emotionen!“

Nachdem der Körper des Jungen in den Leichenwagen verbracht worden war setzte sich Kommissar Breckham wieder hinter das Steuer seines Wagens und fuhr zu den Eltern des Opfers, um ihnen die schreckliche Wahrheit mitzuteilen.

Dies war der erste Besuch bei den Eltern eines Opfers aus dem Garris Forest, aber es sollte nicht der letzte sein.

Inzwischen war die Anzahl der Opfer auf sechs angestiegen und jedesmal die selben Spuren: Gebrochene Arme, fünf Stiche im Körper und drei fehlende Zehen am linken Fuß.
Was konnten diese Verstümmlungen bedeuten?
Breckham konnte sich keinen Reim darauf machen und vielleicht hätte er das Geheimnis niemals gelüftet, wenn ihm nicht ein Zufall zu Hilfe gekommen wäre.
Der Kommissar wollte den Fall schon an einen Kollegen abgeben, weil er allmählich an seinen Fähigkeiten zweifelte, als er eines Abends im Zimmer seines Sohnes ein merkwürdiges Buch fand.
Auf dem Einband war ein Pentagramm abgebildet.
Als er das Buch aufschlug glaubte er seinen Augen nicht zu trauen.
Dort wurde beschrieben, wie sich die Mitglieder einer Satanssekte zu verhalten hatten, was es für Rituale gab, wie man den Teufel herauf beschwören konnte, und daß nur der oberste Priester das Recht und die Pflicht hatte Menschenopfer dar zu bringen.
Er fand auch eine Liste, in der alle Mitglieder der Sekte aufgeführt waren, darunter auch der Name seines Sohnes.
Breckham war entsetzt und schlug das Buch wieder zu.
Dann sah er, was ihm schon beim ersten Anblick des Buches aufgefallen war.
Die Eckpunkte des Pentagramms ergaben genau die Stichmuster, die die Körper alle Opfer aufwiesen.
Der Kommissar mußte sich setzen, denn ihm wurde schwarz vor Augen.
War es möglich, daß sein Sohn diese fürchterlichen Verbrechen verübt hatte, oder war dies nur ein merkwürdiger Zufall?
Ihm fielen die toten Körper der Jungen ein und er sah vor seinem geistigen Auge die Einstiche.
Ein Einstich unterhalb des Kehlkopfes, zwei oberhalb der Brustwarzen und zwei unterhalb der Rippenbögen; das konnte kein Zufall sein.
Er mußte etwas unternehmen.
Wieder schlug er das Buch auf, um noch einmal die Mitgliederliste durchzugehen.
Keines der sechs Opfer stand auf dieser Liste, dafür aber einige Schulfreunde seines Sohnes.
Plötzlich wurde ihm klar, weshalb sein Sohn seit einigen Wochen so verändert war.
Es war ihm schon eher aufgefallen, aber er hatte nicht die Zeit sich darum zu kümmern und er führte die Veränderungen auf Probleme mit einem Mädchen zurück.
“Marie,“ rief er seiner Frau zu, die unten in der Küche stand und das Abendessen vorbereitete, “ weißt du wo Eric ist!?“
“Keine Ahnung“, rief sie zurück, “er ist direkt nach der Schule zu David gefahren, aber dort ist er sicher nicht, denn sie wollte noch irgend etwas für den Biologieunterricht erledigen!“
“Verdammt“, sagte Breckham zu sich selbst, denn er wußte, daß auch David auf der Liste stand.
Er lief die Treppe hinunter und riß die Haustür auf.
Er rannte zu seinem Wagen, ließ den Motor an und war Sekunden später in der Dunkelheit verschwunden.
Mit eingeschaltetem Blaulicht fuhr Kommissar Breckham zum Garris Forest, dort wo die sechs Leichen gefunden worden waren.
Mit quietschenden Bremsen kam der schwere Geländewagen zum Stehen.
Im Lichtkegel der Scheinwerfer konnte er den am Boden liegenden Körper eins Menschen erkennen.
Er sprang aus dem Wagen und war mit wenigen Schritten bei der Leiche.
Breckham schrie aus voller Kehle und sein Schrei hallte aus dem stockfinsteren Wald wider.
Vor ihm lag der entstellte Körper seines Sohnes.
Kommissar Breckham sank auf die Knie und nahm seinen Sohn in die Arme; sein Körper war noch warm.
Minuten verstrichen bis ihm bewußt wurde, daß er nichts mehr für seinen Sohn tun konnte.

Unbändige Wut und Rachegefühle wichen der Trauer, und Breckham war nicht mehr in der Lage seine Gefühle zu kontrollieren.
Wie von Sinnen sprang er in seinen Wagen und schlug das Buch auf, das er mitgenommen hatte.
Nach wenigen Sekunden fand er, was er sucht: Den Namen des Mannes, der sich als oberster Priester bezeichnete; er fand den Namen des Klassenlehrers seines Sohnes.
“Ich werde dich kriegen Dwayt“, schrie er heraus.
Breckham raste den Waldweg hinunter, dann bog er auf die Landstraße ab.

Nur wenige Kilometer trennten ihn vom Mörder seines Sohnes.
Er konnte diesen Mann nicht ungeschoren davon kommen lassen.
Tränen liefen über sein Gesicht und er fuhr immer schneller.
In einer langgestreckten Kurve verlor er die Kontrolle über den Wagen und geriet ins Schleudern.
Verzweifelt versuchte er gegen zusteuern, aber er hatte keine Chance.
Der Land-Rover krachte in einen vorausfahrenden Pkw, überschlug sich mehrfach und blieb schließlich auf einem Feld neben der Landstraße liegen.
Breckham war auf der Stelle tot.
Das andere Fahrzeug prallte gegen einen Baum und ging Sekundenbruchteile später in Flammen auf.
Breckham konnte nicht mehr miterleben, wie Fred Dwyat in seinem Wagen qualvoll verbrannte.




©Copyright 03.03.1995 Pierre-André Hentzien. Alle Rechte vorbehalten! Verwendung des Textes, auch Auszugweise, nur mit schriftlicher Zustimmung des Autoren!
MaGruPiAH© 01702965039 „Garris Forest“

Man verschone mich bitte mit Benotungen, ohne eine entsprechende Kritik abzugeben (egal ob positiv oder negativ!).
Ich finde es feige eine 6 zu vergeben, nur weil man einer persönlichen Abneigung zuspricht, aber nicht den "Arsch in der Hose hat", derlei auch kurz zu begründen!
Und für all jene, die dies' dennoch so handhaben: Arm, wer ein Gesicht hat, das der Courage nicht erlaubt sich zu zeigen!
Pierre-André Hentzien, Anmerkung zur Geschichte

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