Hans Pürstner

Indianer mit Schlag



Jeden Sonntag frühmorgens um acht musste ich zur Kirche gehen. So gerne wäre ich noch im warmen Bett geblieben! Nicht um länger zu schlafen, nein, einfach nur unter der Bettdecke verkriechen wollte ich mich, dösen, träumen. Träumen von der großen Welt. Von Amerika, wo die Indianer leben. Von Winnetou, von Rih, seinem Pferd, von Soh Tschih, seiner Schwester.
Aber nein, wir mussten ja in die Kirche. Zum Gottesdienst. Da wo es so eigenartig riecht, wo man sich dauernd hinknien muss, auf so ´ne harte Bank.
Bei den Indianern muss sich bestimmt keiner hinknien. Dort sitzt man am Lagerfeuer und brät sich einen Vogel. Einen, den man selbst geschossen hat, mit Pfeil und Bogen. Mensch, muss der gut schmecken!
Aber, was soll´s, gehen wir eben in die Kirche. Da kommen wir bei der Konditorei vorbei! Wo es so leckeren Kuchen gibt. Nusskipferl, Punschkrapferl. Und Indianer mit Schlag(Mohrenkopf mit Schlagsahne ). Indianer sind das Größte. Weicher Kuchenteig, mit dunkler Schokoglasur. Und gefüllt mit Schlagobers. Mmhh!
Weiter geht’s. „Nun geh schon, Hansi, wir kommen zu spät in die Kirche!“ schimpft meine Mutter.
Die Indianer brauchen bestimmt nicht in die Kirche zu gehen. Die haben ja ihren Manitu, hinter den Bergen.
Oh je, jetzt kommt uns auch noch die Tante entgegen.
„Ja Hansi", ruft sie schon von weitem. "Was bist du groß geworden! Gehst du schon in die Schule? Was willst du denn einmal werden?“
Ich will gar nichts werden, denk ich leise, Ich will ein Indianer sein. Am Lagerfeuer sitzen. Die Indianer brauchen nichts werden, Die sind schon was. Tapfere Krieger, gute Jäger.
Was soll’s. Jetzt sind wir endlich da. In der Kirche kann ich mich wenigstens hinsetzen. Von wegen.
„Komm Hansi, steh schön auf für die Dame!“ ruft meine Mutter. Nichts ist´s
mit dem hinsetzen. Wenigstens muss ich mich dann nicht hinknien auf diese harte Fußbank. Mein Gott, das riecht hier wieder komisch. Mir wird ganz schlecht. Schlecht vor Hunger. Hunger auf einen Indianer. Mit Schlag.
Der Gottesdienst nimmt wieder kein Ende. Doch nun ist es endlich soweit.
"Der Pfarrer sagt: "Gehet hin in Frieden!" "Dank sei Gott dem Herrn", beten die Leute.
Gott sei Dank, denke ich mir. Auf geht’s, zurück nach Hause. An der Konditorei vorbei.
Mensch, Ich möchte so gerne einen Indianer. Mit Schlag.
„Aber Hansi, du kannst doch jetzt keinen Kuchen essen! Dann hast du wieder keinen Appetit zum Mittagessen. Und wenn du nicht brav isst, wirst du nie groß und stark!“
Tja, wieder bei der Konditorei gewesen, wieder kein Indianer. Mit Schlag.

Heute bin ich groß und stark. Indianer mit Schlag könnte ich essen, so viele ich möchte. Aber ich ess keine Schlagsahne mehr. Die macht bloss dick.
Und bei den Indianern in Amerika war ich auch schon.
Die sitzen ja gar nicht am Lagerfeuer, die sitzen im Wirtshaus. Und saufen. Bei den Indianern hab ich auch einen kleinen Jungen gesehen. Der musste zur Kirche gehen! Mit seiner Mutter! Nicht zu fassen! Ich weiss nicht, ob es in Amerika eine Konditorei gibt. Aber bestimmt hat der Junge auch nichts unterwegs essen dürfen. Damit er Appetit hat. Auf das Mittagessen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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