Hans Pürstner

Eine Taube namens Goofy

In unserem Haus gab es unheimlich viele Tauben. Die ganze Nacht über gurrten sie vor sich hin. Frau Zierich, die Nachbarin schimpfte oft „Diese blöden Tauben, nichts als scheißen und Lärm machen können sie!“
Aber wir Kinder mochten sie. Eines Tages bemerkten wir, dass eine von ihnen nicht davon flatterte, als wir sie wie schon so oft, spielerisch über den Hof zu jagen versuchten. „Die hat sich bestimmt den Flügel gebrochen“, meinte Herr Pilz, unser Nachbar. Von Beruf zwar Zahnarzt, für uns nichtsdestotrotz der Fachmann schlechthin. Ich fing sie ein und steckte sie in das große Vogelhäuschen, das eigentlich für die Fütterung der Singvögel im Winter gedacht war, nun aber als Notquartier für unseren kleinen Patienten herhalten musste. Schnell war ein Name gefunden: Goofy
D e r Goofy natürlich, da überlegten wir nicht lange. Bald schaute Goofy sehnsüchtig durch das kleine Guckloch nach unten, sicher hatte er Hunger, das war uns schnell klar. Meine Mutter kramte etwas Vogelfutter aus dem vergangenen Winter hervor und dankbar stürzte sich Goofy auf das dargebotene Mahl. Aber er pickte sich nur die Hanfkörner aus der Futtermischung, alles andere ließ er liegen. Ganz schön wählerisch, die Taube, dachten wir Kinder, unbedacht der Tatsache, dass wir selbst auch nicht gerade brave Esser waren.
So lebte Goofy in den Tag hinein, fraß nur teure Hanfkörner, mein ganzes Taschengeld ging dabei drauf. Ab und zu hüpfte er vom Vogelhäuschen runter, das sich auf einem Zaunpfahl befand, und flatterte auch selbst wieder zurück. „Eigenartig", dachte ich verwundert,"einen Meter hoch kann er fliegen, aber nicht höher!“
Manchmal spielte er auch mit den anderen Tauben. Komisch gespielt haben sie, mit den Schnäbeln und so, ich wurde nicht schlau daraus.
Eines Tages hüpfte Goofy die Holztreppe zu unserer Wohnung hoch in den ersten Stock. Ich weiß auch nicht, was er da wollte. Vielleicht hat er mich gesucht, wollte mir was zeigen? Auf jeden Fall hörte ich plötzlich ein leises Poltern, schaute nach und sah, wie ein Ei die Treppe runter rollte. Plop, plop eine Stufe nach der anderen.
„Mutti, der Goofy hat ein Ei gelegt!“, schrie ich aufgeregt.
„Geh Hansi, ein e r kann doch kein Ei legen!“, antwortete meine Mutter schmunzelnd.
„Aber er hat ein Ei gelegt, wirklich!“, rief ich etwas gekränkt, obwohl auch mir als kleinem Jungen dieses biologische Rätsel langsam bewusst wurde.
Nur kaputt war das Ei, kein Wunder, es war ja die Treppe runter gerollt.
„So eine blöde Taube!“, schimpfte ich lauthals, „legt sein Ei auf die Treppe!“ und runzelte die Stirn über so viel Unvernunft.
Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und suchte wie immer als Erstes nach meinem kleinen Freund, der mein ganzes Taschengeld verfraß.
„Goofy, wo bist du?“, rief ich „Goofy, komm doch endlich!“, klang es schon etwas kleinlauter. Angst stieg in mir hoch. Es war ihm doch wohl nichts passiert?
Da kam auch schon Frau Zierich, die Taubenhasserin auf mich zu. „Suchst du deine Taube, Hansi?“, fragte sie mit ernstem Gesicht. „Ja, wo ist er denn, der Goofy?“, fragte ich, immer mehr in Sorge.
„Die Dachdecker haben sie abgemurkst, deine Taube, und mitgenommen zum Essen!“ berichtete sie, ohne großes Bedauern und fuhr fort „Und den Dachboden haben sie auch zugemauert, damit sie alle wegkommen, die Tauben, die blöden.“

Die Tauben sind gar nicht blöd!, dachte ich gekränkt, die Dachdecker sind blöd. M e i nen" Goofy haben sie aufgegessen!
Hoffentlich hat er ihnen nicht geschmeckt, der Goofy!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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