Peter Sparenborg

Die letzten 83 Tage-

aus dem Leben von Marie
von Peter Sparenborg

Wenn "Mensch" geboren wird, macht er seine Augen auf und sieht andere Menschen um sich. Noch nicht bewusst, aber er sieht. Er sieht einen Menschen zu dem er sich hingezogen fühlt - die Mutter. So wird dieser kleine Mensch aufgenommen unter denen die schon da sind. Verläuft sein Leben in " normalen" Bahnen, geht diese Begleitung durch andere weiter durch sein Leben. Die Begleiter wechseln, aber es sind immer welche da, die mit durch das Leben gehen. Erst später, das Leben geht nicht mehr so zügig, werden auch die Begleiter weniger. So mancher ist gerade dann allein, wenn er viel Hilfe zum Leben aber auch zum Sterben braucht. Es ist nun einmal so, oder ist es im Wandel unserer Gesellschaft erst so gekommen. Hat sich unsere Einstel-lung zu Krankheit, zum Alter und zum Sterben so verändert? Haben wir die Geburt überstanden und zum erstenmal die Mutter gesehen, gerochen, gefühlt und geschmeckt beginnt auch der Weg des Sterbens.
Wir leben und wachsen, wir gründen Familien und wir richten uns ein im Leben. Mit einem Ende so mitten im Leben, wo immer das auch sein mag, rechnet niemand. Wir reden viel über den Tod und das Sterben, es wird uns jeden Tag durch den Fernseher ins Wohnzimmer gebracht. Wir sitzen bequem und können zuse-hen. Gott sei Dank, das es uns nicht betrifft!
Es gibt nur wenige Menschen, die den Tod als einen Teil des Lebens sehen. Ganze Wissenschaften haben zu diesem Thema Bücher gefüllt und Theorien auf gestellt.
Ich möchte dieses alles einmal zur Seite schieben und von den 83 Tagen aus dem Leben von Marie erzählen. Es waren die letzten 83 Tage ihres Lebens. Ich konnte als Krankenpfleger Marie auf diesem Weg begleiten. Teile meiner Erzählung habe ich nicht selbst erlebt, weil ein" Rund - um - die -Uhr -Dienst nicht mög-lich ist, das haben mir die Kolleginnen bei den Dienstübergaben berichtet und erzählt. Soweit es mir möglich war, habe ich auch die Wünsche und Gedanken von Marie mit einfließen lassen.

1. Tag
Sportlich gekleidet und dezent geschminkt kam Marie am 1. Oktober auf die Station für Lungenerkrankungen. Sie kam nicht allein, ihre Tochter hatte sie gebracht, auch zwei Enkelkinder sind mit gekommen. Die Tochter war sehr blass und sehr schlank man könnte auch mager dazu sagen. Den Kindern ging es offensicht-lich gut. Sie waren fröhlich, und wollten genau wissen, wo die Großmutter ein Bett bekommt und schlafen würde.
Die Station ist in drei Pflegebereiche aufgeteilt in den 1 - 2 Per-sonen ihren Dienst tun. Meistens sind die Bereiche fest verteilt so das die Patienten einen Ansprechpartner haben. Es erleichtert auch die Beobachtung der Kranken, und Veränderungen können schneller erkannt werden. Marie stand die Überraschung im Ge-sicht als sie bemerkte, dass es sich um eine gemischte Station handelte. Es gibt hier Männer- und Frauenzimmer nebeneinander und leider nur eine Dusche für beide Geschlechter, auch nicht al-le Toiletten sind nach Geschlechtern getrennt, was immer wieder zu Beschwerden von Seiten der Frauen führt. Männer sind nicht immer die "reinsten Ferkel". Maries erstaunen wurde noch grö-ßer als sie erfuhr, dass Krankenpfleger hier auch für die Pflege und Betreuung der Frauen zuständig sind.
An diesem Tag gab es nur noch ein Frauenbett auf der Station und das ausgerechnet in einem 6- Bett Zimmer. Erst im nächsten Jahr wird umgebaut, dann gibt es das nicht mehr, danach hat jedes Zimmer eine eigene Toilette.
Nachdem Sie ein Bett, in meinem Bereich erhalten hatte, war sie" meine Patientin". Sie war nicht gerade erfreut darüber, dass sie in einem Sechsbettzimmer liegen sollte. Es war auch das ers-temal, das sechs Frauen auf der Station in einem Zimmer untergebracht wurden. Meist sind die männlichen Patienten in der Überzahl und dadurch auch in dem großen Zimmer untergebracht. Männer fragen nicht so sehr danach mit wem und wie vielen sie in einem Zimmer sein müssen. Sie bilden unter Umständen richtige Gruppen die gern alles gemeinsam machen würde. Männer tauschen auch mal die Handtücher oder die Zahnpaste. Männer erzählen Geschichten, eine besser als die andere und stimmen müsse sie auch nicht immer.
Frauen sind da anders. Sie beobachten ihre Zimmergenossinnen mehr. Sie schauen genauer hin wie sich Jemand benimmt, welche Kleidung oder welche Nachtwäsche die "Andere" trägt. Sie beobachten, aber sie werden auch beobachtet, und das steigert die Anspannung in einem Zimmer. Kleine Fehler oder Fehlver-halten können schon zu einem echten Problem heranwachsen.
Bei Männer heißt es nur "der spinnt doch" und damit ist die "Ordnung" wieder hergestellt. Streit in Männerzimmern ist ein-deutig geringer.
Marie gab sich aber sehr locker. Sie stellte sich den Anderen im Zimmer vor und erkundigte sich auch nach deren Befinden.
Sie wollte nicht allzu lange bei uns bleiben. Wenn es nach ihren Wünschen gegangen wäre, hätte sie die Wäsche nicht aus der Tasche genommen. Sie fühlte sich im Grunde kerngesund, nur das sie einen Husten hatte, der seit einiger Zeit nicht weichen wollte. Der Hausarzt glaubte an eine chronische Bronchitis und das soll-te doch im Krankenhaus abgeklärt werden.
Nachdem sie nun ein Bett und einen Schrank hatte, konnte sie zusammen mit der Tochter die Reisetasche auspacken.
In dieser Zeit begann für mich die Aufnahmeroutine. Zuerst bekommt die Patientin ein Glas und eine Flasche Mineralwasser. Die Daten werden in den Computer eingegeben. Eine Patienten-akte wird angelegt und das Essen muss in der Küche bestellt werden. Die Patientin wird noch für Daten im Stammblatt be-fragt und der Ablauf auf der Station wird erklärt und Fragen dazu beantwortet.
Ist dies alles abgeschlossen, werden die Aufnahmepapiere studiert. Welche Untersuchungen und Medikamente sind angeordnet? Welche vorläufige Diagnose wurde in der Aufnahmeunter-suchung gestellt?
Bei Marie stand:
Chronischer Husten, Verdacht auf Bronchitis (Hausarzt)
Röntgen der Lunge: ( wird bei der Aufnahme immer durchge-führt) Verdacht auf Lungenentzündung mit einer unklaren Verschattung, fragliche Raumforderung im rechten, mittleren Lun-genflügel, weitere Abklärung durch CT. Die vorläufigen Befunde waren schon ein Grund zur Besorgnis allein aus Erfahrung wie es weiter verlaufen könnte. Trotzdem, für mich ein Fall wie alle anderen auch. "Alles reinste Routine", dachte ich noch an diesem Tag.
Alles, Routine? Alles was zur Routine wird, verliert gleichzeitig auch einen Teil der Menschlichkeit. Jeden Tag kommen und gehen Menschen in ein Krankenhaus, wie am Fließband in einer Fabrik, einer Fabrik der Krankheit und der Genesung.
Mancher durchläuft die Produktion ohne Probleme und geht am Ende freudig nach Hause. Dann gibt es die, die kommen auf ein längeres Band und gehen auch später mit kleinen Fehlern aber funktionsfähig. Und dann gibt es noch einige, die fallen von Band und verschwinden irgendwo in der Produktion.
Routine ist keine schöne Vorstellung und doch wird sie im Krankenhaus immer anwesend sein. Manchmal ist es Scher einen Menschen hier durch zu schleusen ohne die Menschlichkeit zu verlieren. Wir Bemühen uns aber täglich die Menschen davor zu bewahren.

2. Tag
Ich habe Spätdienst. Marie freut sich mich wieder zu sehen. Die Schwestern aus dem Frühdienst mag sie nicht, da sie keine Zeit haben und auf Wünsche ihrerseits nicht immer sehr zuvorkom-mend reagieren. Zur Entschuldigung kann ich ihr nur sagen, das es im Frühdienst mit der Zeit immer sehr knapp ist, da viele Schwerkranke und Bettlägerige versorgt werden müssen. Gerade sie werden sehr schnell ungeduldig und verlangen den Schwes-tern alles. Häufig wird das Pflegepersonal auch mit Dienstboten verwechselt die schnell mal etwas erledigen könnten.
Im Spätdienst kann man sich mehr Zeit für den einzelnen Patien-ten nehmen. Leider ist gerade dann auch die Besuchszeit, und die Patienten haben nicht soviel Zeit für das Pflegepersonal. Marie ging es nicht anders. Ihre Tochter war mit den zwei Enkelkindern und dem Schwiegersohn gekommen. Die Kinder sorgten im gan-zen Zimmer für gute Laune, was nicht immer der Fall ist. So mancher Patient möchte auch nur seine Ruhe haben
Um 1730 gibt es schon das Abendessen, danach ist noch eine Stunde Ruhe auf der Station. Zu dieser Zeit sind auch noch die Besucher in den Zimmern, da es keine festen Besuchszeiten mehr gibt. Um 1830 beginnt die Routine, alle Patienten die nicht mehr mobil sind müssen für die Nacht versorgt werden. Ich will hier nicht schildern wie das im Einzelnen vor sich geht. Im Zimmer von Marie musste ich heute verkünde, dass morgen alle auf andere Zimmer verteilt werden, weil wir einige Männer zur Chemotherapie aufnehmen müssen. Begeisterung löste ich mit meiner Nachricht nicht aus. Sie hatten sich nun schon etwas ken-nen gelernt und festgestellt, dass sie gut mit einander auskamen. Sie wären jetzt auch gern zusammen geblieben
Marie war heute etwas ungehalten da, nach ihrem Empfinden, zu wenige Untersuchungen durchgeführt wurden. Außer einigen Blutentnahmen und einem Lungentest war Ihre Meinung nach nichts passiert. Sie will nicht hier sein und ihre Zeit durch warten zu vertun. Sie will nicht lange Zeit hier sein.

3. Tag
Marie wurde in ein anderes Zimmer verlegt. Sie liegt jetzt in ei-nem Dreibettzimmer mit zwei älteren Frauen zusammen, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Sie brauchen Hilfe bei der Körperpflege und können sich auch sonst nicht versorgen. Marie ist erstaunt, wie viel Arbeit wir doch bei so hilfsbedürfti-gen Menschen haben und wie unangenehm es für diese Men-schen es doch sein muss, sich nicht mehr versorgen zu können. Marie ist überglücklich, da sie nur zu einigen Untersuchungen anwesend sein musste, sie sonst doch recht fit ist. Sie muss nicht im Bett liegen und auch nicht ständig im Zimmer sein. Möchte sie ins Cafe oder Spazieren gehen, sagt sie nur, wo wir sie finden können. Marie hat heute keine größere Untersuchung. Es wurde ihr noch einmal Blut abgenommen und sie schimpft da ihr das Blut von einem Studenten abgenommen wurde. Jetzt hat sie zwei große, blau Flecken am Arm. Sie meint: wenn wir ihr weiter so-viel Blut abnehmen bräuchte sie bald eine Transfusion wegen des hohen Blutverlustes.
Die Blutuntersuchung ergab einige abweichende Werte. Die Blutuntersuchung wies auch auf einen Schaden in der Leber hin. Etwas bei Marie war nicht so wie es sein sollte. Ärzte und Pfle-gepersonal ahnen und denken.Der Patient weiß nicht aber denkt auch. Auch das zweite Röntgenbild ergab einige Abweichungen von der Normalität. Alle Ergebnisse weisen auf etwas hin, lassen aber noch keine festen Schlüsse zu.
Marie war davon ausgegangen, dass sie schon jetzt genaueres über ihre Erkrankung erfahren würde. Sie war ziemlich ent-täuscht das dies nicht der Fall war und der behandelnde Arzt noch nicht über irgend welche Befunde mit ihr sprechen wollte.

4. Tag
Marie lieg auf dem Bett und starrt an die Decke. Ich weiß schon aus der Dienstübergabe das eine Patientin am frühen Morgen ge-storben ist.
Marie kann es nicht fassen, dass jemand neben ihrem Bett verstorben ist ohne das sie es bemerkte und ohne dass Jemand bei der Sterbenden war. Sie hatte die Vorstellung, dass es doch spür-bar sein müsste, wenn der Tod zu einem Menschen kommt. "Ein Mensch stirbt in einem Zimmer neben anderen Menschen und doch ist niemand da, der wenigsten die Hand gehalten hätte". Sie fragt sich  ob wohl Jemand und wenn wer meine Hand hält und mich tröstet, wenn ich einmal sterben muss". Marie kann sich nicht beruhigen, sie weint und hat angst das sich dies noch einmal wiederholen könnte. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett und hielt ihre Hand. Nur sehr langsam konnte sie sich beruhigen. Sie streichelte meinen Unterarm, als ob ein geliebtes Haustier auf ihrem Bett säße. Sie wollte wissen warum es keine Möglichkeit für sie gab in ein Zimmer zukommen in dem garantiert niemand sterben würde. Ich sprach mit ihr darüber, was der Ausdruck " Akutkrankenhaus" heißt. Wir müssen jeden erdenklichen Notfall aufnehmen und können es uns nicht aussuchen wie und wen wir zusammenlegen. Ich konnte ihr nur versprechen, sie bei einer sich bietenden Gelegenheit, in ein anderes Zimmer zu verlegen. Im Augenblick gab es jedoch nur die Möglichkeit mehr aus dem Zimmer zu gehen, da sie nicht im Bett liegen muss und für die Nacht vielleicht etwas zum schlafen.
5. Tag
Auf dem Flur hängt eine große Bildertafel mit den Photos aller Mitarbeiter der Station. Unter jedem Bild steht der Name des Mitarbeiters. Alle Schwestern haben auf dem Namensschild an der Kleindung ihren Vornamen stehen, die Pfleger den Nachnamen. Marie war auf dem Flur und sah sich die Bilder an. Sie kam zu mir und fragte ob sie mich auch mit dem Vornamen anspre-chen dürfte. Ich habe nichts dagegen mit meinem Vornamen an-gesprochen zu werden, da sich die meisten meinen Nachnamen doch nicht oder nicht richtig merken können.
Sechster Tag.
Marie hatte mit einer kleinen Schlaftablette die Nacht gut über-standen. Sie war heute morgen aber trotzdem sehr aufgeregt, das CT soll heute stattfinden. Von anderen Patienten hatte sie gehört, dass viel in der Maschine angst bekommen. Ich kann sie beruhigen "sollten sie beim Probeliegen schon ein ungutes Gefühl bekommen kann sie sich melden und sie erhält einige Tropfen zur Beruhigung. Danach haben sie keine Probleme mehr damit".
Nach einer halben Stunde war sie wieder auf der Station.
Sie strahlte mich schon in der Tür an. "Ich habe nichts gebraucht, es war nicht so schlimm wie es mir von anderen erzählt wurde. Marie war wirklich sehr glücklich, dass sie in der Maschine kei-ne Angstzustände bekommen hatte. So, das CT war gelaufen und für Marie hieß es warten auf das Ergebnis. Marie hätte es natür-lich gern sofort gehab, und war enttäuscht das es noch einen gan-zen Tag dauern sollte.
Sie waren jetzt wieder zu dritt im Zimmer. Ich war nicht sehr glücklich über diese Zusammensetzung. Marie sah sehr erschro-cken auf den Neuzugang. Diese Frau sah sehr alt aus mit der grauen Gesichtsfarbe. Sie hatte durch die Therapie keine Haare und weil sie die Perücke zur Zeit nicht tragen konnte hatte sie sich ein Tuch um den Kopf gebunden. Sie war für uns schon eine alte Bekannte. Seit fast einem Jahr kam sie immer wieder zu uns. Sie machte eine Chemotherapie wegen Lungenkrebs. Dieses mal kam sie wegen der Verschlechterung ihres allgemeinen Zu-stands. Sie bemühte sich so sehr ihre Schwäche vor den anderen zu verbergen. Sie will nicht Mitleid erregen.
Für mich stand fest, dass sie diesen Aufendhalt nicht überleben würde. Marie würde nun jeden Tag mit Ansehen, wie ein Mensch mit Lungenkrebs stirbt.
7. Tag
Marie war nur wenig in ihrem Zimmer. Sie war entweder im Cafe oder ging an der Aller Spazieren. Sie wartete auf die Ergebnis-se ihrer Untersuchungen. Sie wird von einer inneren Unruhe ge-trieben wie es bei allen ist, wenn sie noch nicht wissen, aber schon etwas ahnen.
8. Tag
Marie liegt den ganzen Tag im Bett, die Tochter ist allein zu Besuch. Ich bin im Zimmer, weil ich eine Infusion bei einer Mitpa-tientin wechsele.
Ich bin schon fast aus dem Zimmer, als Marei mich zurück ruft:
"Peter hast du Zeit für mich?"
"Die Untersuchung war nicht gut, Sie haben bei mir etwas ge-funden, Sie haben bei mir etwas gefunden, dass sie genauer un-tersuchen müssen.
Im CT hatten sie einen Tumor in der Lunge gefunden und als Nebenbefund einen Knoten in der rechten Brust.

10. Tag
Ich war zwei Tage im frei. Als ich Marie sah war ich sehr er-schrocken. Sie sah blass aus, die Augen lagen in dunklen Höhlen.
Ihr seid die Ergebnisse der Untersuchungen mitgeteilt worden. Sie weiß jetzt das sie einen Rundherd in der Lunge hat.
Wegen des Knotens in der Brust soll noch eine Mammographie durchgeführt werden um genaueren Aufschluss über den Knoten in der Brust zu gewinnen.
Für Marie nimmt die Gewissheit Krebs zu haben schärfere Kon-turen an und die angst steigt immer weiter in ihr auf.
Sie kann die zerstörende Kraft dieser Krankheit täglich mit An-sehen, wenn sie nur zu ihrer Bettnachbarin schaut.
Liebevoll ist sie bemüht ihrer Bettnachbarin Mut zu machen und ihr zu helfen wo, sie nur kann. Ihre Mitpatientin leidet zur Zeit sehr stark unter den Folgen der Chemotherapie. Sie kann nicht essen und wenn sie etwas trinkt kommt es sofort zum Erbrechen, außerdem leidet sie unter starken Schmerzen die sich nur sehr schwer bekämpfen lassen.
11. Tag
In der Visite wurde Marie mitgeteilt, dass die Untersuchung der Brust schon am nächsten Tag stattfinden wird. Außerdem wurde beschlossen noch eine Untersuchung der Knochen dur5ch zufüh-ren um sicher zu sein das es dort keine Metastasen eines, eventuellen Tumor geben würde.
Die Besprechungen in der Visite laufen häufig so unpersönlich ab, man könnte glauben das es sich um eine völlig fremde Person handelt über die gerade gesprochen wird und die auch nicht an-wesend ist. Nicht dass dies an den Ärzten lieg und sie über den Patienten hinweg reden, die Patienten nehmen gar nicht richtig wahr das es um sie geht
Eine Patientin erzählte mir einmal, dass sie richtig Mitleid mit der kranken Person hatte über die da gerade gesproche4n wurde. Erst als alle wieder aus dem Zimmer waren wurde ihr bewusst, dass es sich um ihre Person handelte. Sie stellte fest, das sie gar nicht richtig wahrgenommen hatte, worüber die Ärzte mit ihr gesprochen hatten.
12. Tag
Marie ist sehr aufgeregt. In der Nacht hat sie nur wenig geschla-fen, gefrühstückt hat sie auch nicht. Seit dem frühen Morgen wartet sie auf die Untersuchung die heute erfolgen soll. Ihre Stimmung ist sehr gereizt. Sie ist mit allem unzufrieden. Sie kann mir aber nicht sagen was der genaue Auslöser dafür ist. Die Untersuchung lässt auf sich warten. Marie gibt mir und den Schwestern die Schuld an der "schlechten Organisation". Erst um elf Uhr ist es soweit, die Untersuchung soll stattfinden. Ich will Marie zur Untersuchung bringen. Sie ist völlig aufgebracht, ja wütend, sie lehnt die Untersuchung ab und will sofort einen Arzt sprechen. Das Gespräch mit dem Arzt ist auch nicht sehr positiv. Der Arzt ist verärgert das der Termin für die Untersuchung platzen wird und die Patientin, weil sie sich schlecht behandelt fühlt.
Ich gehe wieder in das Zimmer um mich anscheinend um die anderen Patientinnen zu kümmern. Marie sitzt stumm in ihrem Bett und vermeidet jeden Blickkontakt. Ich stelle mich neben ihr Bett und nehme ohne etwas zu sagen ihre Hand, sie läst es wortlos ge-schehen. Ich setze mich neben sie aufs Bett und sie fälle mir in die Arme. Sie weint ihr ganzes Elend und auch ihre Wut in mei-nen Kittel. Nach fünf Minuten war sie soweit, dass sie wieder sprechen konnte. Jetzt wollte sie auch die Untersuchung durch führen lassen.
13. Tag
Marie hat für das Wochenende Urlaub vom Krankenhaus erhalten. Die Untersuchungen gehen erst an Dienstag weiter. Sie muss aber schon am Sonntagabend wieder kommen da nur 24 Stunden Urlaub gegeben werden können. Gleich nach dem Frühstück unterschreibt sie den Urlaubsschein und wird von der Tochter ab-geholt.
14. Tag
Marie ist schon am Sonntagmorgen wieder gekommen. Sie sieht nicht gut aus. Sie hatte in der Nacht eine schwere Luftnotattacke. Die Tochter wollte sie schon mit dem Notarzt zurück bringen doch ihr Zustand hatte sich, soviel gebessert das sie mit dem eigenen Auto kommen konnte. Sie fühlt sich jetzt sehr schlapp und ausgebrannt. Seit sie wieder auf der Station ist geht es ihr besser.
Es kommt häufig vor den Patienten früher aus dem Urlaub zu-rück kommen manchmal auch mit dem Notarzt. Zuhause bekommen sie Angst zu weit von der medizinischen Hilfe entfernt zu sein. Dieser Gedanke versetzt sie in Panik, durch die sich die Beschwerden verstärken. Nur die angebliche Sicherheit im Krankenhaus und auf der Station bewirkt schon eine Besserung der Beschwerden.
15. Tag
Marie ist heute sehr euphorisch. Es wurde mit ihr besprochen, dass das Untersuchungsprogramm für sie geändert wird. Schon Morgen soll der Knoten an der Brust entfernt werden und zwar so das die Brust erhalten bleibt. Danach kann dann auch das Gewebe untersucht werden um zu sehen um welche Art von Tumor es sich handelt. Marie ist der festen Überzeugung, das sie damit einen großen Schritt zur Genesung macht. Für mich stellt sich dabei immer wieder eine Frage - soll ich die Person in der Hoffnung unterstützen oder nicht.
Jeder Tag mehr Leben kann schön sein kann aber auch mehr Leiden bedeuten.
16. Tag
Marie ist heute morgen gleich zur OP geholt worden und da-durch blieb ihr das zermürbende Warten erspart.
Schon am frühen Nachmittag hatte Marie die Folgen der Narkose überstanden. Sie stand vor dem Spiegel und hat sich den Verband angesehen, den sie jetzt um ihre Brust trug. Sie war überglück-lich schon an Verband sehen zu können, dass sie ihre Brust noch hatte, wenn sie auch noch nicht denn ganzen Zustand sichtbar war. Der Verband war nicht sehr groß, er bedeckte eigentlich nur eine klein OP- Naht.
Maries Kommentar": kleiner Schnitt- kleine Naht - kleines Problem - halb so schlimm wie angenommen. Nach diesem Eingriff und den für sie noch geringen Folgen, war sie in der Stimmung mehr von sich preiszugeben. Sie hatte das Bedürfnis zu erzählen. Noch kurz vor der Erkrankung hatte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. Sie hatte beim Amtsgericht die Namensände-rung beantragt, ihren Mädchennamen hätte sie gern wieder gehabt. Sie hoffte das dies bald geschehen würde, schon in einigen Tagen.
Sie hatte die Silberhochzeit schon lange hinter sich gelassen. 35 Jahre war sie mit dem Mann zusammen geblieben, davon waren viele die reinste Qual. Häufig wurde sie von ihrem Mann ge-schlagen und oft mussten die Kinder dabei zusehen oder wurden auch geschlagen.
Sie hatten einmal ein Geschäft und eine Werkstatt. Ihr Mann war Installateur für Heizung und Wasser. Einmal wurde ein großen Auftrag nicht bezahlt, die Folge war die Pleite seiner Firma. Das hat ihrem Mann vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie muss-ten beide arbeiten um von dem Schuldenberg herunter zu kommen. Er arbeitete in einem großen Einrichtungshaus und verkaufte Teppichböden und Beläge. Jeden Tag wurde diese Aufgabe für ihn schlimmer, er kam nicht zurecht damit. Jeden Tag kam etwas mehr Alkohol dazu und seine Situation verschlechterte sich immer weiter. Noch heute tut er ihr leid, wenn sie daran denkt, wie er einmal gewesen ist und was aus ihm wurde.
17.Tag
Heute läuft bei Marie das Knochenszinti ( eine Skelett Untersuchung mit einem Kontrastmittel.)
Für uns war das Ergebnis niederschmetternd. Überall an der Wirbelsäule und in den Beckenknochen waren Ansammlungen des Kontrastmittels zu sehen. Metastasen im ganzen Skelett, das wurde damit deutlich, auch wenn die genau Diagnose durch den Facharzt noch nicht vorlag. Der Oberarzt ordnete noch ein Kontrollröntgen der Lunge an, um nach Sechszehn Tagen zu sehen, was sich in der Lunge abspielt.
18. Tag
Marie hat Post bekommen und freut sich riesig, sie hat ihren Mädchennamen schon nach einem viertel Jahr der Scheidung wieder bekommen. Am Vortag hatten wir noch drüber gespro-chen und nun war es soweit. Für uns bedeutet dass Arbeit, da wir jetzt in allen Unterlagen den Namen ändern müssen. Am Nach-mittag kam ihre Tochter und sie tranken, ein Glas Sekt zur Feier des Tages. Sie haben noch bis in den späten Abend zusammen gesessen und sich die Geschichten erzählt, die sie zusammen erlebt haben. Sie erinnerten sich an schöne aber auch traurige Begebenheiten. Es wurde gelacht und auch geweint. Es war schön sie so vertraut mit einander zu sehen.
19. Tag
Marie geht es gut, sie hat kaum noch Schmerzen in der Brust. Ihr Husten ist auch besser geworden. Da sie sechsmal am Tag inha-liert bekommt sie auch besser Luft und hat bei der Ausatmung auch keine pfeifenden Geräusche mehr. Sie war glücklich dar-über, dass es ihr jetzt so gut ging. Sie war noch immer in Aufre-gung über den schönen Nachmittag den sie mit ihrer Tochter hat-te. Das ihr Sohn nicht dabei war trübte ihre Freude aber doch. Er wollte noch nicht kommen. Es ist nicht nur das Krankenhaus was ihn zurück hält. Er hat noch immer Mitleid mit dem Vater, der jetzt allein lebt und mit seinem Leben nicht zurecht kommt. Va-ter und Sohn haben auch häufiger Kontakte während die Tochter nichts mehr von ihm wissen will.
Heute nachmittag, wurde Marie darüber aufgeklärt, dass sich in ihren Knochen Metastasen gebildet haben. Ihr Zustand hat sich sofort verändert. Sie liegt still in ihrem Bett und will nicht mit mir sprechen. Als die Tochter sie besucht, kann sie auch mit ihr nicht darüber sprechen. Der Besuch ist nur sehr kurz und die Gespräche sind rein pragmatisch. Von der schönen Stimmung am Vortag ist nichts geblieben. Sie sagt ihrer Tochter nur was sie noch benötig und was sie noch erledigen muss.
Nach der Besuchszeit haben die Ärzte noch einmal mit ihr ge-sprochen. Es ging dabei um eine mögliche Chemotherapie, die durchgeführt werden müsste. Marie lehnt dies aber noch ab, da sie immer mit Ansehen muss wie es ihrer Bettnachbarin nach einer Chemo geht. Ihrer Bettnachbarin sind gerade wieder die Haare ausgefallen die so schön nachgewachsen waren. Oft herrschte im Zimmer eine große Traurigkeit und dann auch wieder eupho-rischer Überschwang, ging es einer der Frauen wieder besser. Die geringste Verbesserung löste große Hoffnungen aus.
20. Tag
Der Patientin rechts neben Marie geht es heute sehr schlecht. Sie hat starke Schmerzen in der Brust und hinter dem Brustbein. Sie wird von starker Luftnot bedroht. Notfallmäßig wird sie zum Ult-raschall in die Endoskopie gefahren. Die Patientin hat einen großen Pleuraerguß und musste sofort punktiert werden. Fast zwei Liter Flüssigkeit werden ihr abpunktiert. Sie bekam eine Drainage und muss nun konstant, mit einer Absaugung, abgesaugt werden. Der Patientin geht es nach der Punktion viel besser, sie be-kommt regelmäßig Morphin damit sie nicht unter Schmerzen zu leiden hat.
Marie findet es sehr, sehr grausam dass einem Menschen einfach ein Schlauch in den Körper gesteckt wird, und man etwas aus ihm heraus saugt. Sie empfindet es schlimmer als bei einer Ope-ration einen Teil des Körpers zu verlieren.
21. Tag
Marie muss heute zum Röntgen der Lunge, sie macht sich große Sorgen wegen der Strahlenbelastung die dadurch entsteht und die nach ihrer Meinung auch nicht gerade gesund ist. Ich versuche ihr zu erklären, dass die Belastung ungefähr einem schönen Son-nentag im Freien gleich kommt. Marie meint, dass sie sich dann nur noch im Winter röntgen lassen will weil dann die Sonne nicht so lange scheint.
Das Ergebnis des Röntgen ist für Marie kein Gutes. Der Tumor in der Lunge hat sich sehr schnell vergrößert und der rechte, mittlere Lungenlappen ist auf dem Röntgenbild völlig verschwunden. Die Lunge wird hier nicht mehr belüftet.
Eine Lungenspiegelung muss nun Aufschluss darüber geben, wie weit die Bronchien durch einen Tumor verschlossen werden.
Dem Oberarzt fällt es nicht leicht mit Marie zu sprechen. Er weiß nicht was er ihr sagen soll und was nicht. Er sagt ihr dann doch nur, dass er nach dem Röntgenbild keine Entscheidung treffen kann und noch eine Lungenspiegelung durchführen möchte. Ma-rie willigt zu unserer Überraschung sofort ein, sie will jetzt wissen was mit ihr los ist und wie sie weiter behandelt werden kann. Sie will alles tun um so schnell wie möglich wieder gesund zu werden.
22. Tag
Eigentlich habe ich schon Dienstschluss, aber Marie möchte das ich noch zu ihr kommen. Da mein Dienst beendet, ist kann ich mich ohne Zeitdruck für eine halbe Stunde zu Marie setzen und mit ihr sprechen. Auf meine Frage wie es ihr jetzt, geht antwortet sie zunächst: " Es geht mir gut und ich möchte eigentlich bald nach Hause, auf jeden Fall, sobald die Untersuchungen abge-schlossen sind". Ich frage sie, ob sie mit den Nächten zurecht kommt. Sie sieht mich lange an und die Tränen laufen ihr über die Wangen. Nur sehr langsam fast sie Mut zu sprechen. Sie kann nachts nicht schlafen, waren es am Anfang die Mitpatienten die sie störten so sind es jetzt die quälenden Gedanken. Sie hat das Gefühl in einem Körper zu stecken der nicht der ihre ist und in dem sie auch nicht bleiben möchte. Es ist etwas in ihr, dass sie auffrisst.
" So muss sich ein Apfel fühle, wenn sich ein Wurm durch ihn hindurch frisst. Etwas Unheimliches ist in meinem Körper, wie ein Dieb in einem Haus. Man zieht sich die Bettdecke über den Kopf um nichts zu hören und zu sehen, doch der Dieb räumt die Wohnung trotzdem aus. Jemand macht etwas mit mir und ich kann nichts dagegen tun.
Als Pflegepersonal kann man sich noch so viele Worte zurecht legen, die Trost geben sollen. In solchen Augenblicken bildet sich aber doch der Kloß im Hals und der Kopf sucht verzweifelt nach Worten. Mir ging es in diesem Augenblick genau so. Einer-seits wusste ich schon sehr viel mehr als Marie, andererseits konnte ich nicht darüber sprechen da sie noch nicht über das ganze Ausmaß ihrer Erkrankung aufgeklärt wurde.
Aber ich konnte bei ihr sein und ihr die Hand halten und einfach zuhören. Marie wollte auch nicht mehr reden, sie wollte nur dass jemand da wahr, der ihr ein Gefühl von Nähe gab. Je weiter eine Krankheit fortschreitet, je einsamer wird der Kranke da sich die anderen Menschen zurück ziehen. Viele empfinden den Gedanken an Krankheit und Tod als sehr unangenehm. Diese unangenehmen Gefühle möchten wir nicht haben. Deswegen schieben wir sie gern weit weg.
23. Tag
Marie hat die Lungenspiegelung hinter sich gebracht. Die Bron-chien sind zum Teil durch Tumormasse verschlossen, Gewebeproben werden entnommen, die zur Untersuchung ins Labor ge-gangen sind. Für Marie heißt es nun wieder warten. Diese War-ten ist für die Patienten immer eine sehr schlimme Zeit. Einigen, wird die Zeit zu lang, sie ahnen das es nichts gutes geben wird und möchten endlich Klarheit. Dieses Warten im Ungewissen führt häufig zu Aggressionen gegen über dem Personal. Es kommt schon wegen kleiner Nichtigkeiten zu Streitereien. Manchmal ist es besser sich für einige Zeit zurückzuziehen, statt sich darauf einzulassen. Später tut es den Patienten meistens leid, wie sie sich benommen haben. Andere haben Angst vor dem Er-gebnis und möchten am liebsten flüchten und nichts mehr davon wissen. Sie ziehen sich in sich zurück und vermeiden jedes Ge-spräch über ihre mögliche Erkrankung. Häufig haben sie in der Wartezeit keinen Appetit, sie leiden unter Übelkeit durch Nervosität
24. Tag
Marie geht es sehr schlecht, sie hat als Folge der Spiegelung hohes Fieber bekommen. Sie muss ständig husten, wobei immer etwas Blut mit ausgehustet wird. Marie spürt sehr große Angst und es tröstet sie nicht besonders, dass es eine normale Erschei-nung nach so einer Untersuchung ist
Marie bekommt eine Infusion, die das Fieber etwas drückt. Bald danach geht es ihr auch schon besser. Sie war der Meinung das jetzt sogar die Kopfschmerzen besser geworden sind, die sie schon seit etlichen Tagen plagen. Sie hatte noch mit niemandem über ihre Kopfschmerzen gesprochen und auch kein Medikament bekommen oder gefordert.
25. Tag
In der Visite sagt der Oberarzt, das er bei Marie noch eine Ultra-schalluntersuchung vom Bauch machen möchte und dann am Nachmittag mit ihr über alle Ergebnisse sprechen möchte. Da-nach möchte er mit ihr zusammen einen Weg zur weiteren Be-handlung suchen. Die Untersuchung fand an diesem Nachmittag aber nicht mehr statt. Marie hatte mit Ungeduld darauf gewartet war aber dann doch nicht böse das es nicht mehr statt gefunden hat. Ich glaube sie hatte doch sehr große Angst vor diesem Ge-spräch. Sie hatte noch einmal Zeit bekommen, Zeit vor der ge-fürchteten Diagnose, die sie doch selbst schon spürte. Marie war zu diesem Zeitpunkt, in ihren Gedanken, schon sehr viel weiter als sie sich eingestehen wollte. Das Gespräch mit dem Arzt würde ihr keinen gedanklichen Ausweg mehr lassen, dies wusste sie oder ahnte es zu mindestens.
26. Tag
Marie war heute morgen sehr unruhig. Sie lief im Zimmer hin und her, wollte aber nicht raus gehen, da sie noch zur Ultra-schalluntersuchung musste. Sie hatte nur sehr wenig geschlafen, da in der Nacht ihre Mitpatientin stündlich versorgt wurde. Der Zustand hatte sich soweit verschlechtert, dass immer wieder Sek-ret aus der Lunge angesaugt wurde. Die Lungen liefen immer wieder voll. Die Patientin war nur bedingt ansprechbar, Morphin wurde über eine Medikamentenpumpe gegeben. Es war für uns absehbar, dass sie in einigen Stunden sterben würde.
Marie wurde zur Untersuchung abgerufen. Vorher hatte ich ihr noch gesagt das sie in ein anderes Zimmer verlegt würde da wir mehr Platz zur Pflege der anderen Patientin bräuchten.
Während Marie zur Untersuchung war, wurden ihre Sachen in ein kleineres Zimmer, mit nur zwei Betten, gebracht. In diesem Zimmer konnte sie zur Zeit allein liegen und hatte auch mehr Ruhe.
Marie war völlig überrascht, als wir sie in das Zimmer brachten, Sie fand es wunderbar ein Zimmer für sich zu haben, wenn auch nur vorübergehend.
Das Ergebnis der Untersuchung ergab zwei große Metastasen in der Leber, es war schon fast ein Wunder, dass sie noch keine spürbaren Beschwerden dadurch hatte.
Es fiel dem Oberarzt nicht leicht zu ihr zu gehen und über das ganze Ausmaß der Krankheit zu Sprechen. Er nahm sich wirklich Zeit alles mit ihr durch zu sprechen. Über eine Stunde war er mit ihr allein. Alle Möglichkeiten der Behandlung hat er mit Marie durchgesprochen. Über Operation, Chemotherapie und Bestrah-lung und auch die Chancen und Hoffnungen auf eine Heilung oder Besserung ihres Zustands wurden mit ihr besprochen.
Eine halbe Stunde nach dem der Arzt aus dem Zimmer war, ging die Zimmerklingel.
Marie saß auf dem Bett, sie schneeweiß im Gesicht, ihre Hände zitterten, sie war nicht in der Lage zusammen hängende Sätze zu Sprechen. Sie hatte vor Aufregung eine Luftnotattacke. Ich gab ihr zuerst einmal Sauerstoff und versuchte sie etwas zu beruhigen mit nur geringem Erfolg. Erst als sie einige Tropfen zur Beruhigung bekommen hatte, fand sie sich einigermaßen wieder.
Sie versuchte mit mir, über das Gespräch mit dem Arzt, zu Sprechen. Sie musste so sehr weinen, dass dies zur Zeit unmöglich war. Ich nahm sie in die Arme und wir haben nur still dageses-sen. Auch nachdem sie sich, für den ersten Moment, ausgeweint hatte, saßen wir nur da und sprachen kein Wort. Sie streichelte wieder ununterbrochen meinen Arm, als ob sie mich trösten müsste.
Ich fragte sie, ob ich sie jetzt für einige Zeit allein lassen könnte und sie sah mich mir leeren Augen an und nickte.
Leider ist es immer wieder der selbe Zustand, man möchte länger bei den Patienten bleiben aber die Zeit ist sehr eng bemessen.
Kurz vor dem Dienstende war ich noch einmal bei Marie. Sie hatte sich etwas gefangen, sogar etwas von dem Abendessen zu sich genommen. Sie hatte versucht das Gespräch mit dem Arzt noch einmal zu durchdenken. Vieles hatte sie noch nichtverstan-den und auch nicht auf sich bezogen. Der Schock war zu groß gewesen. Sie hatte nicht das Gefühl mit dem Arzt über sich gesprochen zu haben. Gern hätte sie jetzt jemanden um sich mit dem sie länger sprechen konnte. Ihrer Tochter wollte sie auf kei-nen Fall davon erzählen. Hilfe wollte sie von mir jetzt nicht, nur von der Nachtwache später etwas zum Schlafen.
27. Tag
Marie hat laut Nachtwache mit einer Schlaftablette ruhig ge-schlafen. Auch der Frühdienst konnte nichts besonderes berich-ten.
14 Uhr kam ich das Erstemal zu ihr in das Zimmer. Marie sah sehr schlecht aus, sie hatte eine graue Gesichthaut und dunkle Ränder unter den Augen. Sie will aus diesem Zimmer verlegt werden, sie will nicht mehr allein sein da sie dann nur über ihre Krankheit nachdenkt. Sie denkt immer im Kreis und befürchtet davon wahnsinnig zu werden. Es kommt auch fast niemand in ihr Zimmer da sie ja noch kein Pflegefall ist.
Marie glaubt, dass wir alle einen großen Bogen um ihre Zimmer-tür machen, weil wir angst vor ihr haben oder doch wenigsten keine Lust haben mit ihr zu sprechen.
Marie sucht aber selber nicht das Gespräch, sie hat eine unter-schwellige Wut im Bauch. Sie will nicht mitleidsvoll angesehen werden denn sie würde uns nicht den Gefallen tun und bald ster-ben. Sie meint, ich soll mich um kranke Patienten kümmern die meine Hilfe gebrauchen können.
Mit anderen Kollegen studiere ich den Bettenplan, wir suchen nach einer Möglichkeit Marie tatsächlich in ein anderes Zimmer zu verlegen. In einem Zimmer liegen zwei Patienten, die eine Chemo mit scheinbar gutem Erfolg durchgemacht haben, und denen es zur Zeit wirklich gut ging. Es war nicht einfach aber es war möglich Marie in dieses Zimmer zu legen.
Marie wollte nicht. Sie schrie mich an, ich solle sie zufrieden lassen. Ich gab aber nicht auf, denn sie hätte ihre Meinung doch wieder geändert, wenn sie allein geblieben wäre. "Ich brauche diese Zimmer für eine Patientin der es sehr schlecht geht und sie Marie sind kein Pflegefall wie sie selbst gesagten. Ich brauche das Zimmer und außerdem geht es nicht an, das Patienten darüber entscheiden wie die Zimmer belegt werden."
Wütend, und mit aller Kraft warf sie ihre Sachen aufs Bett. Mein Angebot ihre Kleider mit den Kleiderbügeln in das andere Zimmer zu bringen lehnte sie ab.
Im neuen Zimmer, immer noch in meinem Pflegebereich, weigerte sie sich mit den anderen Patienten zu sprechen. Stumm ordnete sie ihre Sachen in Schrank und Waschecke. Danach legte sie sich auf das Bett. Sie bekam keinen Besuch so konnte sie sich der Verweigerung hingeben ohne Angehörige zu verletzen. Heu-te war mit ihr nicht mehr zu sprechen.
28. Tag
Marie hat in der Nacht gut geschlafen und so ist ihre Stimmung auch besser geworden. Sie kommt mit den Anderen sehr gut zurecht. Sie haben sich viel zu erzählen und Marie sieht, dass es den Anderen nach einer Chemo doch sehr gut geht. Alle drei sind voller Zuversicht, dass es bei Marie auch so sein wird.
Jetzt will sie auch wieder mit dem Pflegepersonal etwas zu tun haben. Sie begrüßte mich zum Dienst schon auf dem Flur.
Später im Zimmer weinte sie, sie schämte sich wegen ihres Verhaltens am Vortag. Ich tröstete sie und gab ihr zu verstehen, dass ihr Verhalten völlig normal sei besonders bei so bedrückenden Nachrichten, die sie erhalten hatte.
Ihre Tochter war wieder zu Besuch und hatte die siebenjährige Enkelin mitgebracht. Dieses Kind hatte für die Großmutter eine Stoffkatze mitgebracht, eigentlich ist es das Kuscheltier des Mädchens aber jetzt soll es Großmutter beschützen.
Marie freute sich so sehr, dass sie die Tränen nicht zurückhalten konnte. Sie sprach mit der Tochter nicht über die Untersu-chungsergebnisse. Sie wollte nicht preisgeben, wie schlecht es ihr gerade ging.
Später am Abend machte sie einen sehr bedrückten Eindruck auf mich. Ich glaube sie beginnt über ihre Situation nachzudenken. Marie sagt mir aber das es ihr im Augenblick nicht gut gehe. Es bedrückt sie, dass der Sohn aus Berlin nicht kommen will. Sie macht sich große Sorgen um ihre Tochter die zu Zeit Probleme in der Ehe hat. Ihr Ehemann hat jetzt auch noch die Arbeitsstelle verloren, sie kommen finanziell nicht über die Runden. Marie sagt mir, das finanzielle Probleme schon vor der Arbeitslosigkeit da waren. Zugroße Wohnung und zu große Autos währen wohl das Hauptproblem. Sie glaubt ihre Tochter, in finanziell besseren Zeiten, zu sehr unterstützt zu haben. Hätten sie immer mit dem eigenen Geld auskommen müssen wären die Probleme jetzt nicht so beträchtlich.
Innerlich war ich schon etwas aufgebracht über das Verhalten der Tochter in hinblich des Zustandes der Mutter. Musste sie ihre Probleme der Mutter noch dazu mitbringen. Aber vielleicht gab es der Mutter auch Kraft, der Tochter zu helfen.
29. Tag
Ich komme mir etwas verlogen vor. Heute habe ich einen ande-ren Bereich auf der Station übernommen. Die Krankheit von Ma-rie wird zu einem Problem für mich, das ich vorher noch nie hat-te. Ich nehme sie mit in meine Freizeit. Selten kommt es vor, dass ich Patienten im Kopf mit nach hause nehme. Bin ich zu hause denke ich nicht an den Dienst im Krankenhaus. Jetzt ist es anders, es kommt mit sehr nahe. Ich könnte den Pflegebereich den Kollegen überlassen, und mich ganz zurück ziehen. Das will ich aber auch nicht, und ein bisschen zurück geht nicht. Die Pati-entin würde es nicht verstehen. Das Vertrauen wäre auch nicht mehr vorhanden.
33. Tag
Ich hatte einige Tage im dienstfrei. Meine Patienten hatten mich schon vermisst.
Marie lag im Bett und begrüßte mich nur sehr kurz war aber sonst sehr schweigsam. Auf meine Nachfragen, antwortete sie nur ausweichend. Meine Kolleginnen hatten schon in der Dienstübergabe mitgeteilt das sie sich verändert habe. Marie sucht nach einem Ausweg aus der Krankheit, sie hofft auf Hei-lung, sie will nicht krank sein. Sie ist noch nicht bereit über ein eventuelles Sterben nachzudenken. Wie soll ein Mensch auch darüber nachdenken, ging es im doch vor wenigen Wochen noch ausgezeichnet.
Wir gehen jeden Tag mit dem Tod um. Unser Denken hat sich verändert. Eigentlich müsste doch der Mensch begreifen, dass er sterben wird. Marie hatte einmal gesagt, sie fühle sich im fal-schen Körper. Können wir als Pflegende das begreifen? Wie wä-re wohl unser Empfinden in dieser Situation? Im Kopf bleiben wir jung, die Veränderungen sehen wir bei anderen. Sehe ich in den Spiegel, stelle ich immer wieder fest, dass die Jahre ihre Eindrücke hinterlassen. Gäbe es den Spiegel nicht, so würden wir eine lange Zeit das Altern auch nicht bemerken. Ein alter Mann hat mir einmal gesagt: "Hinter meinen Augen bin ich noch jung nur die Erfahrung sagt mir das es anders sein muss.
34. Tag
Marie hat immer wieder starke Kopfschmerzen, es plagt sie eine innere Unruhe die sie sich nicht erklären kann. Die Kopfschmer-zen ließen sich mit einfachen Mitteln bekämpfen und auch gegen ihre Unruhe konnten wir mit einigen Tropfen etwas unterneh-men. Marie ist aber nicht mehr die Frau, die sie noch vor ein paar Tagen war es hatte sich etwas verändert. Ihre Stimmungen schwankten häufig.
35. Tag
Maries Luftnot ist heute wieder verstärkt, Sie muss richtige A-temarbeit leisten um die Luft aus der Lunge heraus zu pressen. Die Ärzte haben sich nun doch zu einer Chemo entschlossen und auch Marie möchte so schnell wie möglich eine bekommen. Morgen werden wir noch einmal ihr Blut untersuchen, wenn das o.k. ist kann sie schon am nächsten Tag den ersten Kurs der Chemo bekommen.
36. Tag
Die Blutwerte von Marie waren gut und so sollte denn auch bald mit der Therapie begonnen werden. Damit die Chemo ohne Schaden in den Blutkreislauf gelangen kann, muss Marie erst noch einen Venenkatheder erhalten. Gern hat sie nicht eingewil-ligt da sie angst vor Schmerzen dabei hat. Als ich sie von der In-tensivstation, wo die Katheder gelegt werden, abholte hat sie mit mir geschimpft. Es war doch schlimmer als ich es ihr gesagt hatte. Das Legen eines Katheders ist auch sehr unangenehm, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Morgen soll nun endgültig mit der Chemo begonnen werden und Marie ist richtig aufge-kratzt. Sie will von den Mitpatienten noch einmal genau hören wie es ihnen beim erstenmal ergangen ist.
37. Tag
Marie hat nur wenig geschlafen, zu groß war die Aufregung in Erwartung der Therapie. Der erste Kurs hat gleich am Morgen begonnen. Die Dosis wird beim erstenmal gering angesetzt um die Wirkung auf den Patienten zu beobachten, falls sie starke Nebenwirkungen zeigen sollte.
Am Nachmittag lag Marie auf dem Bett und freute sich, sie spür-te noch keine Nebenwirkung.
40. Tag
Drei Tage hat Marie nun Chemo bekommen und der erste Kurs ist damit abgeschlossen. Marie verspürt schon eine Wirkung. Sie kann leichter atmen, aber sie wird auch von Übelkeit geplagt. Auf der Haut hatte sie ein Gefühl von kribbeln.
Bei Marie begannen jetzt schon mehr Haare auszufallen und sie musste weinen als sie ihr Kopfkissen mit den Haaren sah. Bevor die Haare stärker ausfallen wird von uns ein Perückenmacher be-stellt der sich die Patientin ansieht und mit ihr bespricht wie eine Perücke aus sehen soll. Marie wollte kein mit langem Haar, das wäre ihr zuviel Arbeit. Sie bestellte eine mit Kurzem.
Als ich Marie auf dem Flur sah musste ich doch feststellen das die Chemo sie doch mitgenommen hatte. Sie war sehr wackelig auf den Beinen und sie hatte drei Tage nur sehr wenig gegessen.
Neben der Übelkeit und Appetitlosigkeit, war auch die Zunge und die Mundschleimhaut stark in Mitleidenschaft gezogen.
41. Tag
Marie bekommt jeden Tag etwas leichter Luft, sie hofft das sie den Tumor in der Lunge bald los sein wird. Wieder Luft zu bekommen kann nach ihrer Meinung nur ein Zeichen dafür sein. Ich sagte ihr das der wohl noch da sein würde aber eben nicht mehr so groß. Marie ist nun in der Hoffnung das sie doch noch geheilt werden kann, wenn die Chemo so schnell eine Wirkung zeigt. Ich wollte ihr nicht die Hoffnung nehmen und gab ihr zur Antwort, > das ist vielleicht gut möglich <, dümmer konnte man es nicht ausdrücken. Sie sah mich nur mit großen Augen an und beschäftigte sich mit anderen Dingen.
41. Tag
Um gegen die Langeweile zu kämpfen war Marie ständig mit Kreuzworträtseln beschäftigt. Ihre Bettnachbarin las immer in einem medizi-nischen Fachbuch. Sie wollte alles genau verstehen, was mit ihrer Er-krankung verbunden war. In der Visite kam es dann immer zu Fachgesprächen zwischen Arzt und Patient. Diese Gespräche hatten trotz der ernsten Thematik auch ihre Komik da vieles von der Patientin dann doch nicht richtig verstanden wurde.
Marie hatte sich mit den anderen Frauen immer viel zu erzählen. In den Gesprächen kommt es aber nur sehr selten vor das sie sich über ihre Krankheiten unterhalten. Jeder will der Gesündere sein und spricht aus diesem Grund wenig über seine Beschwerden.
42. Tag
Marie schreibt gar nicht mehr. Das Rätselheft liegt auch nicht mehr auf dem Tisch. Marie liegt im Bett, sagt das sie keine Lust mehr hat, zum Rätseln
Sie macht auf mich den Eindruck, als ob sie etwas nachlässiger sich gegenüber wird. Bisher hatte sie sich immer etwas geschminkt, wenn sie die Zeit dazu hatte, jetzt hatte sie es schon zwei Tage nicht mehr getan.
Erst als ich Marie beim Essen beobachten konnte fiel mir auf das sie Probleme mit der rechten Hand hatte. Marie hatte davon nichts gesagt.
Sie konnte das Messer nicht richtig gebrauchen. Irgendeinmal, stimm-ten die Bewegungen nicht. Für mich sah es nach einer leichten Läh-mung aus, wie es bei Patienten mit einem leichten Schlaganfall vor-kommt. Für einen Schlaganfall sprach eigentlich nichts. Sollte sich eine Metastase gebildet haben die jetzt auf einen Nerv drückt oder kam es zu Nebenwirkungen der Brustoperation? Der Oberarzt wollte nicht so recht daran glauben, das es sich um eine Lähmung handelt. Morgen in der Visite will er sich die Patientin genauer ansehen und sie darauf ansprechen, sollte noch etwas von einer Lähmung vorhanden sein. Ich habe an diesem Tag Marie nicht darauf angesprochen.
43. Tag
Marie sitzt bei der Visite im Bett. Sie strahlt die Doktoren an als wollte sie sagen, "seht her, mir geht es gut und ich möchte nachhause". Ihre Hände lagen auf der glattgezogenen Bettdecke. ( Früher, hätte das be-stimmt zum vorbildlichen Patienten gereicht.) Marie gab keine Be-schwerden an. Auf dem Nachtschrank lag noch der nicht unterschrie-bene Behandlungsvertrag. Der Oberarzt nahm diesen Vertrag in die Hand und sah ihn sich an. Er forderte Marie auf diesen Vertrag doch Jetzt zu unterschreiben dann könnte er ihn zu den Akten legen. Marie war der Schreck an zu sehen. Der Doktor hielt ihr den Kugelschreiber hin und Marie begann zu weinen. Sie konnte mit der rechten Hand nicht mehr schreiben. Die machte nicht die Bewegungen, die sich soll-te. In der Visite vereinbarte der Oberarzt mit ihr noch einen CT-Termin mit Aufnahmen vom Kopf und Hals, vielleicht gab es hier eine Erklä-rung, für diese Erscheinung.
Der Terminplan im CT ist immer sehr eng aber Marei erhielt einen der Termin in drei Tagen Laufen kann.
44. Tag
Die Mitpatientinnen von Marie sind heute gegangen, Si kommen in vierzehn Tagen wieder zur Chemo. Marie bekam Angst, dass sie wie-der allein liegen müsste. Da auf der Station immer Bettenmangel herrscht brauchte sie sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen. Die Aufnahme- Ambulanz hatte schon eine junge Frau für uns vorgesehen und wir hatten auch noch einen sogenannten Außenlieger. Außenlieger sind Patienten, die vom Krankheitsbild auf diese Station gehören, für die wir aber noch kein Bett frei haben. Wir konnten es so einrichten, dass Marie nicht mit Schwerkranken zusammen liegen musste. Es ka-men zwei junge Frauen, mit dem Verdacht einer Lungenentzündung zu ihr in das Zimmer.
45. Tag
Marie kommt mit den neuen Patientinnen sehr gut zurecht. Sie genießt es förmlich jetzt der "alte Hase" zu sein, der den Ablauf der Station nach so vielen Tagen schon genau kennt. Normaler Weise liegen Pati-enten mit einer Lungenentzündung 10-12 Tage auf der Station, bei chronischen Erkrankungen der Luftwege auch mal etwas länger.
46. Tag
Marie entwickelt sich unter den Dreien langsam zur Komikerin mit hektischen Zügen. So mancher Spaß entbehrte im Grunde jeder Ko-mik. Wer sie schon länger kennt, konnte dieser Entwicklung nur mit Sorge begegnen. Marie versuchte alle Symptome ihrer Erkrankung zu verdrängen. Sie war auch zu keinem ernsthaften Gespräch bereit. Sie wollte jetzt jung, gesund und witzig sein. Manchmal brauchen Kranke eine Auszeit von der Krankheit, es kann auch mal anders sein.
47. Tag
Das CT vom Kopf hat heute stattgefunden. Die ersten Ergebnisse ver-heißen nichts gutes. Zwei Metastasen an und in der linken Gehirnhälfte wurden gesehen. Die Bilder gingen nach der Befundung, durch den Röntgenarzt, sofort in die Strahlentherapie. Hier soll geklärt werden ob eine Bestrahlung sinnvoll ist oder weiter mit Chemotherapie behandelt werden soll. Metastasen im Kopf, für mich immer noch eine Diagnose bei der ich eine Gänsehaut bekomme. Je weiter sie sich entwickeln, je mehr verändert sie der Mensch. Es kann zu apathischen und aggressi-ven Verhalten der Menschen führen. In manchen Fällen bleibt von dem eigentlichen Charakter nur sehr wenig übrig. Dies führt immer wieder zu Problemen im Umgang mit dem Patienten, weil man doch die Per-son in ihm sucht die einmal so anders war. Als pflegende Person darf ich mich in solchen Fällen nicht von diesem Patienten abwenden. Es kostet manchmal Überwindung, weiter liebvoll an das Krankenbett heran zu treten aber gerade jetzt werden wir gebraucht.
48.Tag
Marie hat wieder eine schlimme Luftnotattacke, dieses mal schlimmer als je zuvor. So war es nicht möglich sie schnell zu beruhigen damit sie versucht ruhig zu atmen. Erst eine Morphiumspritze gab ihr wieder Ruhe und sie konnte sich entspannen. Marie wurde nach dieser Attacke sofort zum Röntgen gefahren. Der Arzt wollte sehen ob sich am Bild der Lunge etwas geändert hat. Der Tumor hatte sich verändert aber anders als wir gehofft hatten, er war um das Doppelte größer gewor-den. Marie wurde über das Ergebnis nicht aufgeklärt, sie stellte auch keine Fragen. Marie ahnte aber bestimmt das es nicht besser geworden war. Sie war sehr unruhig und unzufrieden.
49. Tag
Marie hat sehr schlecht und nur wenig geschlafen. Die Nachtschwes-tern mussten ihr Bett in eine Nische auf dem Flur stellen, weil sie nicht im Dunklen liegen wollte. Marei war schon länger nicht mehr die, die sie bei ihrer Ankunft einmal war. Sie wurde schweigsam, und der kör-perliche Zerfall ging immer schneller voran. Sie konnte nicht mehr al-lein aus dem Zimmer die Kraft dazu war nicht mehr vorhanden.
50. Tag
Heute wurde Marie zum x- mal Blut abgenommen. Es wurde geprüft, ob eine weitere Chemo möglich ist. Marie legt alle Hoffnungen auf ei-ne erneute Chemo. Ihre Blutwerte waren aber so schlecht das es zur Zeit nicht möglich war. Marie sah zu diesem Zeitpunkt aschegrau aus und ihre Wangen waren eingefallen, sie hat stark abgenommen. Sie ist mit uns sehr unzufrieden. Marie forderte jetzt alles an Untersuchungen ein, was nach ihrer Meinung einen Weg zu ihrer Heilung zeigen könnte. Sie wollte auf der Stelle operiert werden, am Kopf und auch an der Lunge und überall, wo sich etwas von ihrem Krebs zeigen würde. Der Oberarzt nahm sich an diesem Tag viel Zeit für Marie. Es war viel Ar-beit sie davon zu überzeugen das zum jetzigen Zeitpunkt und ihrem Zustand ihre Forderungen nicht zu erfüllen sind. Marie zieht sich darauf in sich zurück. Sie will sich nicht versorgen lassen und verweigert auch das Essen.
51. Tag
Maries Blutwerte haben sich weiter verschlechtert. Eine Bluttransfusi-on ist unumgänglich geworden. Wir können sie nicht mit den anderen Patienten in einem Zimmer lassen. Marie muss isoliert werden, ihre Abwehrkräfte sind so geschwächt dass sie sich mit jedem Infekt anste-cken kann und dies für sie zu einer Katastrophe führen könnte.
Marie kann es nicht glauben, dass sie nun allein liegen soll. Sie wechselt aber doch das Zimmer ohne sich zu beschweren. Das wir jetzt aber auch noch mit einem Mundschutz, Handschuhen und einem Schutzkit-tel in ihr Zimmer kommen versteht sie nicht. Selbst ihr Essen kommt jetzt unter einer Schutzhaube aus der Küche. Marie fühlt sich abge-schoben. Es kommt immer wieder zu bösen Kommentaren, komme ich "verkleidet" in ihr Zimmer.
52. - 54. Tag
Ich habe dienstfrei
55. Tag
Marie weint sehr viel. Sie möchte ihre Enkelkinder sehen, die aber jetzt nicht zu ihr dürfen da sie einen Schupfen haben. Die Lähmung der Hand schreitet weiter fort. Sie kann das Essen nicht mehr allein ein-nehmen. Sie kann sich auch nicht mehr selbst versorgen oder zur Toilette gehen. Ich hatte ihr vorgeschlagen, dass sie sich auch von einer Schwester versorgen lassen könnte, wenn es ihr unangenehm sein soll-te, dass ich dies weiter tun würde. Marie legte mir diesem Vorschlag als Flucht aus " du willst mich nur nicht mehr sehen und ich stelle dir wohl zu viele Ansprüche". Sie wollte sich nicht auf andere Personen einstellen. Sie empfand schon denn Wechsel der Schichten als unange-nehm. Sie hätte gern rund um die Uhr nur einen Ansprechpartner. Ma-rie besteht darauf, dass ich sie weiter pflege, wenn ich im Dienst bin.
56. Tag
Maries Tochter ist zu Besuch. Sie steht jetzt im Dienstzimmer und macht sich ihrer Angst und Unzufriedenheit Luft. Sie will einen Arzt sprechen, es sind aber keine mehr im Dienst, die Ihr eine Auskunft ge-ben könnten so bekomme ich ihre Vorwürfe um die Ohren gehauen. Wir sind schuld an dem Zustand ihrer Mutter. Als sie ins Krankenhaus kam war sie noch gesund, nur ein Husten sollte untersucht werden, nun ist sie ein körperliches Wrack. Sie will sich bei der Krankenhausleitung über diese Station beschweren. Sie kennt auch jemanden bei der Zei-tung und dem will sie auch Bescheid geben, denn diese Vorgänge müs-sen nach ihrer Meinung in die Öffentlichkeit. Rechtliche Schritte, wird sie mit einem Anwalt besprechen und einleiten. Zu diesem Zweck hat sie auch meinen Namen aufgeschrieben und den der Schwester aus der anderen Schicht.
Was soll ich machen? Unhöflich werden hat jetzt auch keinen Sinn, obwohl man sich, in solchen Situationen doch sehr bremsen muss. Es sind fast immer nahe Angehörige die versuchen mit diesen Drohungen die Situation der Patienten zu verbessern. Oft wird daraus das Gegenteil, weil sich das Pflegepersonal aus angst vor rechtlichen Folgen auf die nötige Pflege zurückziehen und sich nicht weiter mit dem Patienten befassen.
Ich sage der Tochter nur das sie doch morgen etwas früher kommen soll und ich dem Arzt einen Zettel hin lege für ein Gespräch mir ihr und vielleicht zusammen mit der Mutter. Auf diese Weise kann sie sich in Ruhe informieren.
Ich sage ihr noch, das ich sie von ihren anderen Vorhaben nicht abhalten kann. Ihrer Mutter würde sie damit jetzt auch nicht helfen, da wir doch alles, auch gegen ihre Meinung, für ihre Mutter tun was bei dieser Krankheit im Augenblick möglich ist. Sie sagt nichts beim Gehen aber ich sehe das ihr die Tränen über das Gesicht laufen. Sie geht nicht zur Mutter zurück, sondern sofort von der Station.
Krankenhaus bedeutet für in der Gesellschaft immer noch ein Haus der Rettung und des Gesundwerdens. Ist man nach einem Unfall oder dem Ausbruch einer Krankheit erst einmal im Krankenhaus so wird es auch eine Genesung geben. Verläuft es aber nicht so, kommen die alten Meinungen wieder nach oben. Pflegepersonal ist dann faul und machen viele Kaffeepausen und die Ärzte sind unfähig. Für die meisten Men-schen sind die Einschnitte durch Tod und Krankheit von Angehörigen so stark, dass man sich diese Vorwürfe nicht zu herzen nehmen sollte, sonst kann man nicht weiter arbeiten.
57. Tag
Marie ist heute wütend und traurig. Als ich sie versorge, erzählt sie mir auch warum.
Ihr Sohn, der in Berlin lebt, war lange nicht zu erreichen. Jetzt hat er sich gemeldet, er möchte aber nicht kommen. Er hat angst seine Mutter so krank zu sehen, will sie erst besuchen, wenn sie wieder zuhause ist.
Sie hat ihm nicht gesagt wie schlecht es ihr geht und ich mache ihr schon einen Vorwurf. Sie soll doch ihre Kinder nicht im unklaren lassen, woher sollten sie wissen, wie schlecht es ihr geht, wenn sie es ih-nen nicht sagt. Ich sage ihr das die Tochter gern mit ihr und dem Arzt über ihre Erkrankung sprechen würde und sie die Ungewissheit nicht ertrage. Marie will nicht, das ihre Tochter mit dem Arzt spricht. Ich sag ihr noch einmal das es sehr wichtig wäre für ihre Tochter mehr über ih-re Krankheit zu wissen. Marie darauf " damit sie Zeit haben einen Grabstein für mich auszusuchen?" Immer, wenn Marie richtig in Fahrt ist duzt sie mich. " Sag du mir doch wie viel Zeit ich noch habe." "Ich kann es ihnen nicht sagen, da gibt es nach meiner Meinung eine höhere Instanz die über unsere Zeit entscheidet." " Du bist ein armseliger Krankenpfleger, du weißt gar nichts und auch die unfähigen Ärzte wissen nichts." Jetzt herrschte Stille im Zimmer.
" Sag was," forderte sie mich auf. " Sag endlich was, sag mir die Wahrheit!" " Marie, sie fühlen doch mehr, als ich ihnen sagen kann. Welche Wahrheit, möchten sie von mir hören. Wenn jemand die ganze Wahrheit kennt, dann vielleicht Gott.
Maries Reaktion: " Geh, ich will allein sein und meine Ruhe haben."
58. Tag
Marie hat sich für ihren " Ausbruch" vom Vortag, bei mir entschuldigt. Ich sagte ihr, es kann auch sehr heilsam sein einmal alles aus sich heraus zu lassen was einem die Kehle zuschnürt und das ich deswegen nicht weniger für sie da wäre. Sie hielt meine Hand fest und die Tränen liefen über das Gesicht. Heute gab es keine weiteren Gespräche zwi-schen uns, nur was mit den Pflegemaßnahmen verbunden war.
59. - 62. Tag
Dienstfrei
63. Tag
Heute ist der erste Advent. Die Besucher strömen schon vor dem Mit-tagessen auf die Station. Wenn es auf Weihnachten zugeht erinnern wir uns ja immer gern an "liebe Menschen" die wir lange nicht gesehen oder besucht haben. Oder hatten wir sie einfach vergessen.
Maries Tochter war wie ausgewechselt. Sie hatte mit dem Arzt gesprochen, was aber ihre Mutter nicht wusste. Es gab keine Drohungen mit der Zeitung oder dem Gericht. Sie wusste jetzt nicht wie sie sich ge-genüber dem Pflegepersonal verhalten sollte. Ich spürte deutlich, dass sie mir noch etwas sagen wollte wust3e aber nicht wie. Als die Patien-ten ihren Kaffee bekamen, reichte ich ihr auch eine Tasse mit der Be-merkung" Es ist alles in Ordnung". Auf ihrem Gesicht war ein erleich-tertes Lächeln zu sehen und Marie sah uns fragend an. Ob sie noch darüber gesprochen haben kann ich nicht sagen. Von jetzt an hatten die Gespräche mit der Tochter nichts "lauerndes" mehr. Es war eine offene Atmosphäre geschaffen.
64. Tag
Ein Tag zum Ausspannen. Es will nicht gelingen die Gedanken wandern immer wieder zu Marie.
65. Tag
Marie muss nicht mehr isoliert liegen. Ihre Blutwerte haben sich ge-bessert. Jetzt konnten auch die Kinder wieder zu ihr kommen und dar-über war sie sehr glücklich. Die Enkelkinder saßen bei ihr im Bett und sie versuchte, so gut es ging mit ihnen zu Spielen. Nach dem Besuch war Marie sehr niedergeschlagen. Sie hätte so gern noch gesehen das die älteste Enkelin in die Schule kommt. " Peter, sag mir das ich das noch schaffe", sie erwartete darauf keine Antwort.
66. Tag
Marie bekommt Probleme mit dem rechten Bein. Sie hat ein taubes Gefühl im Fuß. Sie will sich auf den Toilettenstuhl setzen, bekommt aber den Fuß nicht in den Hausschuh, sie kann ihn nicht anspannen o-der zur Seite drehen. Ich helfe ihr auf die Füße, sie spürt nicht das sie mit dem Fuß den Boden berührt. Jetzt macht sich also auch im Bein eine Lähmung bemerkbar. Sie sagt nichts dazu. Sie bemüht sich es nicht so offensichtlich werden zu lassen. Nach dem ich ihr geholfen hatte wieder ins Bett zu kommen, konnte sie die Tränen aber nicht mehr zurück halten
67. Tag
Marie kämpft mit starker Übelkeit, sogar ein Schluck Wasser kommt sofort zurück. Sie leidet an einem starken Schwindelgefühl und kann das Gleichgewicht nicht mehr halten. Allein auf der Bettkante sitzen ist nicht möglich, sie fällt immer wieder zur Seite. Sie hat eine blasse Hautfarbe, man könnte glauben das kein Tropfen Blut mehr in ihrem Körper wäre.
Ich habe sie zusammen, mit einer Kollegin im Bett aufgesetzt. Von beiden Seiten haben wir sie mit Kissen so gestützt, dass sie gerade sitzen blieb und so wenigstens in der Zeitung lesen konnte. Erst eine ganze Weile später bemerkte ich das sie die Zeitung nicht weiter blätterte. Sie las gar nicht, sondern starte nur auf das Papier. Ihre Augen wanderten hin und her. Die Augen waren aber nicht auf der Zeitung.
Sie hatte mitbekommen das ich sie vom Nebenbett mit besorgtem Gesicht beobachtet hatte. Sie sah mich nur wortlos an. Konnte sie mein Gesicht richtig erkennen? Ich weiß es nicht.
Ich ging zu ihr und nahm sie in den Arm und sie begann zu weinen. Sie flüsterte mir zu " ich will nicht sterben es muss doch etwas geben das mir hilft." Ich hatte jetzt keine Worte für sie, ich konnte sie nur in den Armen halten. Lange haben wir so gesessen und jeder ist seinen Gedanken nach gegangen, da sagte sie zu mir " Ich danke dir, das du auch ohne Worte da bleibst."
Ich habe Marie danach vollständig im Bett versorgt. Sie war heute nicht in der Lage, auch nur das Gesicht frisch zu machen.
68. Tag
Die Medikamente von Marie wurden umgestellt. Sie bekommt jetzt Infusionen mit einem Medikament dass den Druck im Kopf senken soll und auf diese Weise den Lähmungserscheinungen zu begegnen und auch die andauernden Kopfschmerzen würden sich vielleicht bessern.
69. Tag
Als ich am frühen Morgen ins Zimmer kam saß Marie schon auf der Bettkante und strahlte mich lachent an. Sie hatte sich selbst aufgesetzt und war überglücklich. Schon nach drei Infusionen mit Dexametason ging es ihr soviel besser. Ihre Augen konnten wieder einen Punkt fixieren, aber lesen war noch nicht möglich, das hatte sie schon probiert.
Ich habe sie dann doch im Bett versorgt sonst wäre sie noch übermütig geworden. Am liebsten hätte sie gleich noch versucht ob sie auch wieder stehen kann.
Marie war jetzt wieder an dem Punkt an dem sie glaubte das doch noch alles besser wird. " Ich glaube jetzt haben die Ärzte das richtige Medikament gefunden, es hat mir so schnell geholfen, damit werde ich vielleicht doch wieder gesund." Wir sollten ihr diese Hoffnung auch nicht nehmen, wenn unsere Erfahrung auch eine andere war.
Heute war ihr Tag, sie war gesprächiger auch mit den Mitpatienten. Wir konnten heute öfter mal ein Lachen aus dem Zimmer hören.
70. Tag
Marie lieg im Bett und bekommt sehr schlecht Luft. Es hilft ihr eine kleine Inhalation und etwas Valium das sie beruhigt. Sie wurde zum Ultraschall in die Endoskopie gefahren. Der Oberarzt findet einen großen Pleuraerguß. 1,8 Liter Flüssigkeit laufen ab und die Lunge kann sich wieder entfalten. Sie bekommt wieder leichter Luft. Sie wird nicht an eine Saugung angeschlossen. Der Arzt möchte sehen, wie viel Flüs-sigkeit und wie schnell nachläuft.
Marie leidet zunehmend unter Schmerzen. In zweistündigem Abstand bekommt sie Morphin gespritzt. Durch die Spritzen wird sie auch ruhiger und müder, sie schläft jetzt mehr. Sie ist aber nicht benommen von den Medikamenten, sie spricht mit der Tochter und beschäftigt sich auch mit den Enkeln soweit das für sie noch möglich ist. Die Kinder fragen sie immer wieder, ob sie nicht bald wieder nach hause kommt. Sie vertröste die Kinder und sagt ihnen das es noch ein wenig dauert, aber vielleicht kommt sie ja Weihnachten wenigsten für ein paar Tage zu ihnen.
Abends überwältigt sie, nach solchen Besuchen, die Trauer und auch die Angst.
71. Tag
Marie lieg, apathisch im Bett und will mit niemandem sprechen. Sie erhält heute ein Medikamentenpflaster damit sie nicht so häufig gespritzt werden muss. Dieses Pflaster gib über die Haut ein Medikament ab und wirkt gleichmäßiger.
Marie trinkt und isst zu wenig, damit sie nicht austrocknet und sich dadurch der körperliche Zustand noch weiter verschlechtert erhält sie nun Infusionen. Durch diese Infusionen können wir ihr auch zusätzliche Ernährung geben.
Sie ist von der Krankheit jetzt so mitgenommen, dass sie sich nicht selbst i9m Bett bewegen kann. Damit es nicht zum Durchliegen kommt, müssen wir sie jetzt in einem Rhythmus von zwei Stunden um-lagern. Zur Lagerung der Patienten wird ein Plan am Bett befestigt und jeder vom Pflegepersonal kann beim betreten des Zimmers sehen ob wieder eine Umlagerung nötig ist. Nachts ist es für die Patienten sehr störend, da sie alle zwei Stunden dadurch geweckt werden. Ein halb-wegs gesunder Mensch dreht sich im Bett ohne jedes mal aufzuwachen.
72. Tag
Maries Zustand ist auf dem jetzigen Stand stabil. Es ist noch zu keinem neuen Pleuraerguß gekommen. Auf jeden Fall nicht so groß das punk-tiert werden muss. Sie zur Zeit sehr still und will auch nicht mit mir Sprechen.
73. Tag
Ich habe Marie heute morgen versorgt. Irgendwie geht es ihr besser aber sie leidet jetzt unter permanenter Übelkeit, immer wieder muss sie erbrechen. Sie hat nicht mehr die Kraft, auch nur einen Arm zu bewegen. Öfter am Tag wird der Mund feucht gemacht und mit künstlichem Speichel ausgewischt. Sie atmet nur durch den Mund und so trocknen die Schleimhäute sehr stark aus. Die Tochter möchte die Kinder nicht mehr mit bringen, sie hat angst sie könnten den Anblick ihrer Großmutter so nicht mehr ertragen.
74. Tag
Ihr Zustand hat sich weiter verschlechtert. Zu der ständigen Übelkeit kommt nun auch noch ein übler Durchfall.
Die Metastasen in der Leber haben sich wahrscheinlich vergrößert, daher der Durchfall. Ihre Haut und auch die Augen weisen eine leicht grünlichgelbe Färbung auf. Nahrung kann sie nicht mehr zu sich neh-men, und trinken ist jetzt auch nicht möglich.
Sie kann nicht mehr auf die Bettpfanne, es bereitet ihr zu große Qualen. Damit sie nicht ständig im Feuchten lieg hat sie einen Katheter erhalten. Windel wären jetzt nicht gut, die Haut ist schon durch das ständige liegen sehr strapazier und würde bestimmt aufgehen.
Meine Kollegen und ich sind im Wechsel der Schichten häufig im Zimmer um ihr ein wenig das Gefühl von Geborgensein zugeben.
Marie sucht wieder vermehrt das Gespräch. Sie kürzt mit jedem Tag ihre Lebensplanung. War es am Anfang noch ein Zeitraum von Jahren die sie noch mit ihren Enkeln verbringen wollte, so wurde mit dem Verlauf der Krankheit auch der Zeitraum kürzer. > Werde ich noch die Einschulung meiner Enkelin im Sommer erleben? Kann ich Ostern noch mit meiner Familie verbringen? Komme ich noch einmal in meine Wohnung und werde ich den Garten noch einmal sehen? Werde ich Weihnachten noch da sein?
In zwei Tagen ist der dritte Advent!
75. Tag
Marie kommt mit den Schmerzmedikamenten nicht mehr aus. Das Schmerzpflaster wurde erhöht, mit der Gefahr das die Übelkeit weiter zunimmt. Trotz ihrer Schwäche wird sie wieder kämpferischer. Sie ist heute der festen Überzeugung das sie es noch einmal schafft." Wenn ich soweit komme das ich wieder richtig essen kann, dann werde ich auch wieder so stark das eine Chemotherapie laufen kann oder vielleicht eine Operation". Sie wird es uns schon noch zeigen, das sie es schafft.
76. Tag
Heute will sie niemanden sehen. Sie verweigert sich. Müssen wir sie wieder einmal lagern, hält sie die Augen geschlossen und erweckt den Eindruck von festem Schlaf. Nur an den nassen Stellen auf dem Kissen, kann ich sehen, dass sie geweint hat. Sie äußert keine Schmerzen, aber ich sehe das sie leidet. Sobald sie sich etwas bewegt wird hält sie die Luft an ud presst die Lippen zusammen.
77. Tag
Heute spricht sie wieder mit mir. Bei der Versorgung bekommt sie starke Luftnot, besonders wenn sie auf der Seite liegen soll. Die Versorgung muss unterbrochen werden und ich spritze ihr Morphin. Eine halbe Stunde später kann ich sie wenigsten frisch anziehen.
Die Luftnot kommt von einem neuen Pleuraerguß, der sich gebildet hat.
Um ihr die Atmung zu erleichtern, muss wieder punktiert werden. Sie nahm diese alles ohne Klagen auf sich, in der Hoffnung auf etwas Erleichterung.
78. Tag
Ich erlebe Marie jetzt nicht am Tag da ich im Nachtdienst bin. Als ich zu ihr ins Zimmer komme macht sie einen glücklichen Eindruck und lächelt mich an.
Beim ersten abendlichen Rundgang bekommen alle Patienten ihre Medikamente für die Nacht, so habe ich nur wenig Zeit für den Einzelnen. Marie bekommt von mir die Medikamente für die Nacht, und ich unterhalte mich noch ein wenig mir ihr. Die Zeit drängt und ich muss zu den anderen Patienten. Sie hält mich mit der linken Hand fest, ich soll noch bei ihr bleiben. Erst nach dem ihr versprochen hatte nach dem Durchgang sofort wieder zu ihr zu kommen, lässt sie mich los.
Auch im Nachtdienst ist die Zeit sehr eng eingeteilt, die Zeit für den einzelnen Patienten ist gering. Viel Schreibarbeit und Vorbereitung für den nächsten Tag muss erledigt werden. Die Medikamente und Infusionen, so wie die regelmäßigen Spritzen müssen vorbereitet werden. Die Station muss aufgeräumt werden, falls es vom Spätdienst nicht mehr erledigt werden konnte. Um sechs Uhr morgens muss die Station in einem Zustand sein, mir dem der Frühdienst seine neue Schicht ohne Probleme beginnen kann.
Nach einer Stunde war ich wieder bei ihr. Mit meiner Kollegin hatte ich eine längere Auszeit abgesprochen. In dieser Zeit würde sie die anfallenden Arbeiten für mich mit übernehmen, falls keine besonderen Vorkommnisse geschehen.
Marie geht es nach der Punktion wieder sehr viel besser, sie hat keine Luftnot. Ich habe ihr das Kopfteil des Bettes hochgestellt so das sie sit-zen kann. Damit wir uns entspannter unterhalten habe ich mich zu ihr auf das Bett gesetzt. Ihre gelähmte rechte Hand liegt in meiner Linken, mit der anderen Hand streichelt sie mir den Unterarm. Sie sagt mir, das ihr das Streicheln meines Armes Freude macht. Meine Armbehaarung fühlt sich gut an und gibt ihr ein Gefühl der Geborgenheit.
Sitzt Marie aufrecht im Bett kann sie auch recht gut trinken. Sie möchte nicht aus einem Schnabelbecher trinken, sie ist der Meinung das daraus alles nach Plastik schmeckt. Wird ihr geholfen, geht es auch aus einem normalen Glas sehr gut.
Marie erzählt mir das ihre Tochter da war. Sie möchte noch soviel mit ihr besprechen aber die Tochter kann immer nur weinen und sie muss es dann auch. Sie hätten noch viel zu sagen aber es geht nicht. Beide können sich noch nicht mit dem Tod auseinandersetzen und nicht darüber Sprechen.
Bevor ich wieder an Arbeit gehe, habe ich sie zum Schlafen hingelegt. Als ich eine Stunde später nach ihr schaue, liegt sie ruhig und schläft.
Um zwei Uhr geht die Klingel, Marie liegt auf dem Rücken und weint.
Sie hat angst, sie glaubt das jemand in ihrem Zimmer war und an ihrem Bett gestanden hat. Sie konnte ihn nicht richtig erkennen. Marie möchte das ich in ihrem Nachtschrank nachsehe ob ihr etwas gestohlen wurde. Ich versichere ihr das Niemand zu ihr ins Zimmer gehen kann ohne von mir Dienstzimmer gesehen zu werden. Sie hat es bestimmt nur ge-träumt, versichere ich. Ihre Nachtwäsche und auch das Bett sind nass vom Schweiß. Wir haben zusammen die Wäsche gewechselt und ich habe sie mit einer Waschung mit Lemongrasöl erfrischt. Als sie wieder im Bett lag habe ich ihr noch ein Glas Wasser gereicht Es schmeckte ihr nicht und Tee oder Saft wollte sie auch nicht. Auf meine Frage was sie denn gern trinken würde, sah sie mich lange an und sagte " ein Glas Wein." Ich versprach ihr mich darum zu kümmern.
Es kostete schon einige Bemühungen, in der Nacht noch Wein in ei-nem Krankenhaus zu finden. Nach einigen Telefonaten hatte ich aber eine auf einer Station für Privatpatienten gefunden. Auf der Privatstati-on konnte sie es kaum glauben das ich um diese Zeit noch Wein für einen Patienten haben wollte. Als ich wieder bei ihr war schlief sie fest. N dieser Nacht hat sie keinen Wein mehr getrunken.
79. Tag
Marie geht es wieder schlechter. Den Tag hat sie noch gut geschafft aber jetzt wirkt sie doch desorientiert. Sie weiß mich nicht einzuordnen. Sie hält mich im ersten Augenblick für den Sohn der noch immer nicht aus Berlin zu ihr gekommen ist. Das Krankenhauszimmer hält sie für die Wohnung ihrer Tochter. Sie hat starke Schmerzen in der rechten Körperseite, durch diese Schmerzen findet sie auch geistig wieder zurück ins Krankenhaus. Sie weiß plötzlich wer ich bin und ich soll ihr doch etwas gegen diese Schmerzen geben.
Nach Rücksprachen mit dem Arzt vom Dienst schließe ich sie an eine Medikamentenpumpe mit Morphium  an. Jetzt bekommt sie regelmäßig und genau dosiert Morphin. Auf diese Art kann ich es so dosieren wie sie es bei den Schmerzen benötigt. Es kann immer wieder gesteigert werden, bis sie wirklich schmerzfrei ist. Als die Wirkung einsetzt schläft sie ruhig. Sie schläft diese Nacht ruhig durch, nur zu den Lagerungszeiten macht sie mal die Augen auf.
80. Tag
Eine fast fröhliche Marie schaut mich an als ich an diesem Abend in ihr Zimmer komme. Sie hat keine Schmerzen und auch die Atmung geht leicht. Sie fühlt sich schlapp aber nicht müde. Sie nimmt mir das Versprechen ab, nach dem Rundgang wieder zu ihr zu kommen und viel Zeit für sie zu haben. Nach einer Stunde bin ich wieder bei ihr im Zimmer. Ich habe sie wieder Aufgesetzt. Ich bin noch einmal aus dem Zimmer, in die Stationsküche gegangen. In der Küche habe ich die Flasche Wein entkorkt. Mit dem Wein und zwei Gläsern bin ich zurück zu ihr gegangen. Marie sah mich verwundert an. Sie konnte sich nicht erinnern, dass wir vor zwei Nächten über diese Flache Wein gesprochen hatten. Sie wollte gern ein Glas trinken hatte aber Bedenken ob sich der Wein mit den Medikamenten vertragen würde. Erst als ich ihr ver-sicherte das es ihr nicht schadet, war sie beruhigt und wollte etwas da-von trinken. Mit einer Hand unterstützte ihr Linke und mit der anderen hielt ich mein Glas. Mit kleinen Hindernissen konnten wir zusammen anstoßen und trinken. Sie hat zwar gelächelt, aber ich glaube der Wein schmeckte ihr doch nicht. Danach war sie so erschöpft das sie eingeschlafen ist. Häufig haben wir in dieser Nacht nach ihr gesehen, sie schlief aber ruhig.
81. Tag
Auch in dieser Nacht habe ich mir soviel Zeit, wie möglich genommen um bei ihr am Bett zu sein. Sie war zwar müden und schlapp wollte aber nicht schlafen. Wir haben viel über ihre Familie gesprochen und auch über Tod und sterben. Sie wollte von mir wissen, wie sie wohl aussehen würde wenn sie gestorben ist. Ob wir sie auch schön hinlegen würden. Würde sie noch etwas mitbekommen von dem was dann mit ihr geschieht
Eine Stunde vor Dienstende war ich noch einmal in ihrem Zimmer. Sie war wach und ich setzte mich zu ihr auf das Bett. Sie bat mich sie etwas aufzusetzen. Sie legte ihren Arm über meine Schulter und hielt mich fest. Leise flüsterte sie mir ins Ohr " jetzt bin ich bereit zu sterben, denn ich habe mich unsterblich verliebt. Schnell gab sie mir einen Kuss auf den Mund und ließ sie auf das Kissen zurück fallen. Ich saß wie vom Blitz getroffen auf ihrem Bett. Was sollte ich ihr sagen und wie sollte ich mich verhalten. Mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet und es ist mir in meiner Dienstzeit auch noch nie widerfahren. Ich blieb noch einige Zeit bei ihr, wir sprachen aber nicht mehr, sie war eingeschlafen. Ich hätte auch nicht gewusst was ich sagen sollte.
Meine Kollegin holte mich zur Dienstübergabe. Ich nahm noch einmal ihre Hand, " bis heute abend zum Nachtdienst " sie sagte nur "vielleicht".
82. Tag
Maries Zustand hatte sich so verschlechtert, so dass die Morphiumgabe stark erhöht wurde. Als ich zum Dienst kam lag sie im Tiefschlaf. In dieser Nacht war sie sehr unruhig. Sie sprach leise und kaum verständ-lich mit Angehörigen die sie um ihr Bett herum sah. Häufig unterhalten sich Sterbende mit Personen die sie sehen, auch wenn diese schon lan-ge tot sind oder sie, sie langen nicht gesehen haben. Marie hat mich in dieser Nacht nicht mehr wahrgenommen. Sie war mit ihren Gedanken schon in einer anderen Welt. In dieser Nacht kam noch der Sohn aus Berlin. Er hat bei ihr gesessen und geweint. Immer wieder versuchte er mit ihr zu sprechen und sie um Verzeihung zu bitten, weil er nicht schon früher gekommen war. Sie hat ihren Sohn nicht mehr wahrgenommen, jedenfalls nicht für ihn sichtbar. Er war sehr enttäuscht das er nicht mehr mit ihr sprechen konnte, und ist auch sehr schnell wieder gegangen.
83. Tag
Mein erster Weg führte mich in ihr Zimmer. Es war leer. Marie war nach 83 Tagen auf unserer Station für immer gegangen. 83 Tage mit vielen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen. Auf der Station waren von ihr keine Spuren zurück geblieben nur in meinem Kopf und Herzenhatte sie welche hinterlassen. Es gibt nicht viele Patienten die so lange bei uns sind. Wir waren alle bedrückt darüber, dass wir ihr in dieser langen Zeit nicht besser helfen konnten.
Am darauf folgenden Tag war das Zimmer wieder belegt mit anderen Menschen und anderen Geschichten und Gefühlen.
Wo anders macht wieder ein kleiner Mensch zum Erstenmal seine Augen auf und will sein Leben leben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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