Hans Pürstner

Das Fetzenlaberl


Fußball war unsere Leidenschaft, fast täglich bolzten wir auf der kleinen Wiese in unserem Obstgarten, kein Länderspiel im Fernsehen ließen wir uns entgehen. Leider war ein TV Gerät Anfang der 60 er Jahre in Österreich noch absoluter Luxus, deshalb gingen wir zum kleinen Gasthaus ein paar Häuser weiter. Im dortigen Extrazimmer stand ein solches Gerät, der Wirt freute sich über ein volles Lokal und wir „schauten Länderspiel“.
Allerdings ließ die technische Qualität, besonders die der Antenne damals noch zu wünschen übrig. So passierte es regelmäßig, dass, meistens gerade in den spannendsten Momenten des Spiels, das Bild weg war oder zumindest völlig verschwommen.
„Komm, Pepi, das Bild ist weg!“, schrien wir entsetzt und Pepi, der Wirt, rannte sofort herbei um uns von unserer Verzweiflung zu erlösen. Er drehte solange an der Zimmerantenne, bis das Bild endlich wieder klar und deutlich zu erkennen war. Dummerweise verlor Österreich meistens, außer vielleicht mal gegen Malta oder Zypern (das ist heute nicht anders). Doch wenn wir Kinder anschließend nach Hause gingen und selber Fußball spielten, da gewann Österreich immer. Ich war der Fraydl, der Torwart, Günter war Stotz der Vorstopper und Erwin der Hanappi. Unser Nachbar, der Herr Pilz spielte den Schiedsrichter, und das ganze kommentierte Ing. Edi Finger, der legendäre Reporter. Natürlich nur in unserer Einbildung.
“Stotz schlägt den Ball nach vorn, Hanappi schnappt sich das Leder, schießt und Tooor, Tooor, Tooor für Österreich.“
Leider war das Leder gar kein Leder, es war nur ein Fetzenlaberl, das heisst ein paar alte Lumpen zusammen gebunden zu einem ballähnlichen Gebilde. Bei jedem Torschuss flog es gegen die Mauer und fiel auseinander. Danach mussten wir es erst wieder mühsam zusammenbinden, ehe wir weiter spielen konnten. Ab und zu schaute meine Mutter vom Fenster aus unserem fröhlichen Treiben zu und wenn wir dann wieder enttäuscht stoppten um das Fetzenlaberl neu zusammenzubinden, siegte schließlich ihr Mitleid. Eines Tages kam sie stolz mit einem Paket an, darin war ein Lederball.
Ein Ball aus richtigem Leder! Unsere Augen wurden fast so groß wie der Ball, so begeistert waren wir. Wir hatten einen Lederball wie die echten Fußballer. Keiner kann sich vorstellen, was wir für eine Freude hatten. Ab jetzt kickten wir noch besser. Richtige Weltmeisterkicker waren wir.
Nur Österreich hat weiter verloren. Außer gegen Zypern.
Die haben halt nie mit einem Fetzenlaberl gespielt.

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