Hans Pürstner

Der Opel “Dreigang“

Nachdem ich nach quälend langen Jahren endlich dem Dreirad entwachsen war, wurde ich zum stolzen Besitzer eines Tretrollers, heutzutage besser bekannt unter dem neudeutschen Begriff des Kickboards. Unsere Straße vor dem Haus war gerade frisch asphaltiert worden, zu meiner großen Freude auch der Gehsteig. So konnte ich nun mit dem Roller vom Haus bis zum Kaufmann flitzen, ohne die holprigen Unterbrechungen alle paar Meter. Aber schon damals war unser aller Streben und Denken auf Autos ausgerichtet. Ein Auto war das Größte, und der Stellenwert eines jeden von uns wurde unter anderem auch durch das Automodell seines Vaters bestimmt.
In den großen Sommerferien war ich im Ferienlager in Edelsgrub. Jeden Sonntag kamen zahlreiche Eltern zu Besuch, sehnsüchtig erwartet von ihren Sprösslingen. Auch von mir, die Freude wurde allerdings empfindlich getrübt durch die Tatsache, dass mein Vater, so sparsam wie er nun einmal war, einen Opel Olympia sein stolzes Eigen nannte. Jener Opel Olympia besaß unglücklicher weise nur eine Dreigangschaltung. Bei der Fahrt über die Stadt- und Landstrassen waren diese drei Gänge damals völlig ausreichend, die nächste Autobahn war unerreichbar weit entfernt. Aber für uns Kinder war das natürlich nicht entscheidend. Ein Opel „Dreigang“ war einfach kein richtiges Auto. Und so kam es wie es kommen musste, sobald die Kinder meine Eltern beim Näher kommen entdeckt hatten, schrien alle wie im Chor
„Ha, ha, da kommt dein Vater mit dem Opel Dreigang!“.
Überaus peinlich für mich, aber die Aussicht auf diverse Mitbringsel wie selbst gebackener Kuchen entschädigten mich für die Schmach.
Diese war im übrigen nicht vergleichbar mit jener meines Schulfreundes, dessen Eltern einen Lloyd Alexander besaßen. Einige werden sich noch an dieses „Auto“ erinnern, dem eine gewisse Ähnlichkeit mit dem legendären Trabbi aus der ex-DDR nicht abzusprechen ist.
Wenn dieses kleine „Spuckerl“ mit qualmenden Auspuff durch die Hauseinfahrt getuckert kam, waren die meisten Kinder weit aus den Fenstern gelehnt, der Rest im Hof versammelt, laut johlend, um den Lloyd zu entsprechend „begrüßen“. Tränen in den Augen hatten wir vor lauter Lachen, mein Freund auch, allerdings weniger aus Freude denn aus Scham. Ich glaube, der hat seinen Vater insgeheim angefleht, bitte kommt mich nicht mehr besuchen!
Und so kam es, dass ich dennoch stolz in unser Auto zu einer Nachmittagsausfahrt einsteigen konnte, in unseren
„Opel Dreigang“.

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