Pierre-André Hentzien

Briefe an eine ferne Freundin ©





















VORWORT

Diese Briefe, einseitig, „ein“-sichtig, Andeutungen, Frage ohne Antworten, vollkommen unvollkommen, sie sind es, was dieses Buch für mich ausmacht. Entstanden durch einen Zufall, entstanden aus der Hoffnung des ewig Hoffenden, aus einer Zeit, die sich nicht vorstellen konnte jemals wichtig zu sein, die verbraucht schien, ehe sie sich ihrer Existenz bewußt wurde. Dies sind Auszüge eines Lebensabschnitts, der voll von Veränderungen, doch im Gleichmaß der Zeit, einen Weg aus den Abgründen einer menschlichen Seele sucht. Interpretationen sind erwünscht, Fragen werden erwartet, Zweifel sind angebracht.
Briefe, geschrieben, zwischen dem 01.03.1998 und dem 14.09.2001. Eine Zeitspanne, die so viele Bedeutungen hatte, die auch voller Zweifel war – an der eigenen Person, an der Person des anderen. Diese skizzierten Briefe, denen immer die Antworten zu fehlen scheint – scheinbar eine Einbahnstraße, dennoch widerspiegelnd die Veränderungen, den Wandel, die Entwicklung zweier Personen, unabhängig von einander, trotz der offensichtlichen Verbindung. Mal oberflächlich, mal tiefgründig, immer aber beseelt von der Existenz des Gegenübers. Zwischen Seelenverwandtschaft und unnahen Weiten, zwischen Illusion und Projektion, zwischen Wahrheit und Fiktion. Oftmals läßt sich erahnen, was das Pendant geschrieben haben mag, manchmal scheint es unbegreiflich, unkenntlich, so wie ein Schatten im Nebel der Vergangenheit, wie ein Blick aus noch träumenden Augen am frühen Morgen. Das Ende ist noch ungeschrieben, aber hier ist der Anfang.
Hinterfragte ich den Sinn dieser Brieffreundschaft, dann wäre ich nicht ich, denn weil ich träume, bin ich nicht...




















Ich bin recht erstaunt über Deinen, doch ziemlich ausführlichen, Brief gewesen.
Ehrlich gesagt habe ich nicht zwingend mit irgendeiner Reaktion auf meine Anzeige gerechnet – und eigentlich haben sich auch gerade mal zwei Leute gemeldet.
Es war mir im Vorfeld ziemlich klar, dass die allermeisten Leute, die sich VIVA anschauen, kaum einen mittelalterlichen Herren (welcher ich niemals war, oder sein werde!), mit Vorliebe für FKK und augenscheinlichem Interesse für jüngere Menschen (denn diese sind ja wohl das Gros des Publikums von VIVA) schreiben werden; um so überraschter war ich von Deinem Brief, der von „ich-will-es-wissen“ zu zeugen scheint. Und damit meine ich, dass er einem das Gefühl vermittelt, dass Du an mehr als dem brieffreundschaftüblichen Blabla interessiert bist, aber ich mag mich täuschen. Wir werden sehen!
Was Du schreibst erinnert mich ein wenig an Lisa von den Simpsons (vonwegen Saxophon und so), während mich Dein Photo ziemlich an Darlyn Connor (Roseanne) erinnert.
Solltest Du gelegentlich mal TV konsumieren, dann weißt Du sicherlich über wen ich hier spreche; falls nicht, dann erkläre ich Dir im nächsten Brief, wen ich meine.
Ich wiederhole noch mal die Anzeigen-Typischen Formulierungen, bevor ich Dir mehr von mir erzähle:
Ich bin am 16.07.1964 in Hamburg geboren, 1,85 m lang, wiege 75 kg, habe dunkelbraune Haare und zwei Augen (links braun, rechts grün), eine Nase, einen Mund. Dann das, was sonst noch so an einem Menschen rumhängt, wie etwa Beine und Arme (Photo zu diesem Homosapiens anbei).
Die geschlechtsspezifischen Merkmale kann man auf der Photographie auch erkennen – sozusagen als letzten und ultimativen Beweis dafür, dass ich ein Männermensch bin.
Das Photo ist von meinem letzten FKK Urlaub auf Korsika 1997.
Inzwischen bin ich also total alt geworden, oder sollte ich weise sagen?
Ich habe den größten Teil meiner Kindheit und Jugend in Heimen verbracht.
Um diesen Konfliktherden zu entfliehen bin ich ab 1972 zu den Pfadfindern gegangen – das war schon eine ziemlich geniale Idee von mir, weil man tierisch günstig gereist ist, ich ganz Europa kennen gelernt habe etc.
Viel ist von dieser Zeit leider nicht geblieben – ein paar Reisetagebücher, Photos, meine Gitarre (die leider schon wieder viel zu lange an der Wand hängt) und ganz tolle Erinnerungen.
Dann bin ich zur Bundeswehr gekommen, bei der ich eigentlich nur meine Zeit abreißen wollte, aber es wurden letztlich vier Jahre daraus.
Ich habe Krieg gespielt … da und dort. Ich spiele immer noch, jetzt allerdings ein wenig mit mir selbst.
Ich bin Erzieher geworden, und arbeitete in diesem Traumjob bis Oktober letzten Jahres -wegrationalisiert, wirtschaftlich nicht tragbar.
Nun sitze ich hier, schreibe Bewerbungen, bis meine Kohle fürs Porto verballert ist…
Es reicht noch für ein paar Briefe an Leute, die nicht wissen wollen, ob ich nach Geld stinke.
Mit dem Reisen ist es jetzt auch erst einmal vorbei – solange bis ich wieder Arbeit habe, wenn denn jemals…!
Welch eine traurige Geschichte.

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Und wieder erstaunst Du mich – ich bin wirklich nicht daran gewöhnt, dass Leute in Deinem Alter derartig prompt auf einen Brief antworten.
Leider sind die Kids, mit denen ich es bisher zu tun hatte, nicht besonders zuverlässig, auch wenn ich die Gründe für deren Unzuverlässigkeit sehr gut nachvollziehen kann.
Wer so aufwachsen musste, der kann eigentlich kein Vertrauen zu Erwachsenen haben.
Ich habe Kinder und Jugendliche betreut, die noch niemals in ihrem Leben Weihnachten gefeiert haben, die total „schockiert“ sind, wenn man ihnen an ihrem Geburtstag ein Ständchen bringt und alles schön macht.
Es hat mich immer wieder tief berührt, wenn sich eines der Kinder irgendwann so weit gefestigt hatte, dass es einen wortlos in die Arme genommen hat – der erste Schritt in eine neue Welt, eine Welt, die vertraut, die glaubt, behütet, konsequent ist, und ich selber war ein Teil dieser Entwicklung.
All dies‘ macht mich auch heute noch stolz auf meine Arbeit, und das ist der Grund, weshalb ich so sehr leide… vielleicht wie ein Vater, der sein Kind nicht mehr sehen darf; es ist einfach die Hölle.
Man weiß, dass die Kinder da sind, dass sie einen noch so sehr gebraucht hätten, aber man kann nichts, aber auch gar nichts dagegen tun, dass sie auf dich verzichten müssen.
Eine Tatsache, die mich unglaublich wütend macht, denn es hätte zu diesen Schwierigkeiten nicht kommen müssen.
Das ich aus wirtschaftlichen Gründen entlassen werden musste, ist auch nur die sichtbare Konsequenz aus Fehlern meiner Arbeitgeber (schließlich konnten sie sich schlecht selbst entlassen, obwohl jeder von ihnen problemlos eine neue Arbeit hätte finden können).
Als Betreiberehepaar einer familienanalogen Wohngruppe und Diakone hätte ich ein wenig mehr pädagogisches Geschick erwartet.
Man kann nicht einfach einen Jungen einsperren, auch wenn er schon fast krankhafte Züge von Entweichungsverhalten aufwies, dann auch noch mit dem Rest der Gruppe das Haus verlassen, diese Umstände der zuständigen Sozialarbeiterin mitteilen, und glauben, dass daraus kein riesen Aufstand wird, scheint mir nicht gerade für die Qualifikationen meiner Chefs zu sprechen…
Die Heimaufsicht hat dann eine, auf sechs Monate befristete, Platzzahlreduzierung verhängt.
„Wie toll doch alles gelaufen ist“ meinten meine Arbeitgeber nach dem Gespräch, auch wenn sie dabei übersahen, dass mein Job in Gefahr war (nur noch vier Plätze, anstatt sechs – da ist ein Mitarbeiter eben nicht mehr zu bezahlen).
Wenigstens hatte man ihnen den Laden nicht sofort dicht gemacht.
Ich war jedenfalls ständig genervt und fing an Bewerbungen zu schreiben, weil mein Arbeitsplatz ja irgendwie nicht mehr so ganz sicher war – meine Chefs fanden meine Reaktion unangemessen, weil ja noch gar nichts entschieden wäre.
Sie konstruierten für sich eine „Der-Will-Nicht-Mehr-Hier-Sein“ Strategie.
In Gesprächen habe ich immer wieder betont, dass alle Bewerbungen darauf hinwiesen, dass ich erst eine neue Arbeit annehmen würde, wenn sich die Lage geklärt habe; aber da war das Vertrauensverhältnis irgendwie schon irreparabel gestört.
Langsam fingen dann die Schikanen an (kein Zugriff mehr auf den Arbeitscomputer, Ausschluss meiner Person bei Erziehungskonferenzen etc.).
Zwei Kinder habe ich fast alleine betreut, weil meine Arbeitgeber entweder mit deren Eltern, Sozialarbeitern oder Lehrern nicht zurecht kamen.
Erziehungskonferenzen haben deshalb auch nie ohne mich statt gefunden, weil ich oft viel mehr wusste, als die Betreiber.
Schlussendlich wurde ich gekündigt (in eine Art Nacht- und Nebelaktion warf man mir das Kündigungsschreiben in den Briefkasten).
Vor all den Schwierigkeiten mit der Heimaufsicht war ich mit meinen Chefs richtig gut befreundet – man traf sich auch Privat zum reden (oft über die Arbeit), zum Feiern etc.
Davon war aber keine Rede mehr.
Ich wohnte in einer Dienstwohnung, die ich natürlich räumen musste.
Bei meinem Auszug war aber keiner der Beiden zugegen – die Wohnung wurde dann vom Vater meines Chefs abgenommen.
Ich habe keinen der beiden jemals wieder gesehen.
Das Ende war voraussehbar, aber nicht die Art und Weise, wie es heraufbeschworen wurde.
Eine Kündigung war unvermeidbar, und zum Schluss war ich froh, dass ich nicht auf die Einhaltung der Kündigungsfrist bestanden habe.
Die letzten Monate waren ohnehin unheimlich schwierig für mich.
Urlaub und Überstunden erlaubten es mir zwei Monate lang nicht zu arbeiten.
Schon nach einer Woche fehlten mir die Kinder und ich wollte abhauen, um nicht mehr in diesem Haus wohnen zu müssen, aber wohin hätte ich gehen sollen?
Als ich dort anfing hatten sich bereits vier andere Pädagogen auf nimmer Wiedersehen verabschiedet, weil der Job ganz schon hart war.
Ich wurde mit Lob überhäuft, als ich nach sechs Monaten immer noch da war.
Ich wäre super, und klasse und man könne sich gar nicht mehr vorstellen, wie man ohne mich hatte auskommen können.
Zwanzig Jahre waren geplant, dann hätte ich den Laden übernehmen sollen…
Du kannst Dir also das Verhältnis so in etwa vorstellen.
Ich hatte noch sehr lange gehofft, dass ich tatsächlich doch bleiben könnte, obwohl ich wusste, dass ich das erste Stück „Möbel“ sein würde, dass man auf den Müll schmeißt, wenn man es sich nicht mehr leisten kann.

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Du schreibst von Deiner Angst vor dem Tod; ich habe keine Angst.
Auch wenn ich keine Angst habe, möchte ich nicht sterben, aber es gab/gibt Moment, in denen ich wünschte nicht geboren zu sein.
Ich, der mit jedem Tag doch ein Schritt mehr auf den Tod zu geht – er muss gar nicht kommen, weil wir ihm ja selbst in die Arme laufen (machen wir es ihm nicht allzu leicht?).
Du bist zu jung um keine Angst zu haben; es würde mich auch sehr ängstigen, wenn die Jugend meinte, sie hätte keine Angst vor dem Tod.
Wir wären dann an einem Punkt, an dem Einzelnen nichts mehr wichtig sein müsste, sein würde.
Ansichten über den Tod: Man verliert Menschen die man liebt, und man leidet. Trennung und Leid sind eine bittere Wahrheit der Freiheit. “Ich liebe Dich, weil ich weiß, dass es Dir freisteht zu lieben wen Du willst, und zu verschwinden, vielleicht für immer!“ Gefühle sind ein Risiko das man eingeht, der Tod eine vertraute Hypothese... Ich habe eine Menge Gedichte über den Tod geschrieben, eine noch größere Menge über das Leben, Gefühle, Kinder...
Welches Gedicht habe ich Dir geschickt?
Ich schicke Dir in jedem Brief eines, so dass wir unsere Brieffreundschaft in ca.15 Jahren als vollendet ansehen könnten (immer vorausgesetzte ich schreibe keine neuen mehr....).
Obwohl, da noch die Kurzgeschichten sind (auch einige Hundert), sowie vier fertige Bücher – aber ich fürchte, dass ich mit dem Vorhaben Dir mein Gesamtwerk „anzutun“ meine Lebenspanne überschreite!
Schreiben war nicht immer eine Lust für mich, und auch heute schreibe ich oft, weil ich muss, mich nicht wehren kann gegen die Flut der Worte, die aus meinem Kopf durch meine Fingern fließen (wie melodramatisch!).
Ich habe niemals viel gelesen, kenne nur das Werk von Rilke, Eichendorff und Shakespeare ein wenig.
Die Fähigkeit zu Schreiben hat mehr mit Talent / Zwang, als mit Arbeit zu tun.
Vielleicht einer der vielen Gründe, weshalb ich nur ein einziges Mal veröffentlicht wurde – ich bin einfach zu schlecht, aber dass hat mich nie davon abhalten können Myriaden von Blättern zu beschreiben.
Na ja, vielleicht habe ich doch ein wenig mehr gelesen, aber wer will das schon wissen?
„Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Eichendorff ist mein Lieblingsbuch, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich mir seine Epoche schöner vorstelle... sozusagen „die gute alte Zeit“.
Musikalisch liebe ich Klassik, besonders Fauré, Beethoven, Delibes, Berlioz und Satié, aber ich höre auch andere Sachen, wie etwa Mike Oldfield, Kenny G, Blackmoore und so weiter und so fort; kaum eine Musikrichtung, mit der ich absolut nichts anfangen kann.
Von diesem Thema auf meine Familie zu sprechen zu kommen erscheint mir doch ein wenig vermessen und unangebracht.

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Gehöre ich mit zu denen, die als nächstes ihr Recht verlieren?
Wie unfair, wie unmenschlich ein Volk wird, wenn es ihm schlecht geht.
Schuld sind immer nur die anderen, draufhauen auf die Schwächsten; ein probates Mittel um die eigene Unfähigkeit zu verschleiern, ihr nicht ins Gesicht sehen zu müssen.
Ich als Denkender, als nicht Angepasster, der sich nicht fügen kann, nicht fügen will, bin auch einer, den man lieber los wäre.
Hätte ich studiert, dann könnte ich diese meine Gedanken an den Meistbietenden verschleudern, erntete Lob für mein großes Wort, doch weil ich nicht studiert bin, weil ich rebellisch bin, ist mein Wort nichts wert, ist mein Denken nur Zeitverschwendung, sind diese Zeilen für den Lesenden unverständlich.

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… Gerade kommt die Sonne heraus und streicht über die Tastatur, ein Hauch nur und doch irgendwie ein Fingerzeig nicht aufzugeben, sich nicht zu beugen, standhaft zu bleiben in diesen widrigen Zeiten.
Ein Funken Hoffnung, der doch kaum in der Lage zu sein scheint ein neues Feuer zu entfachen – fast fehlt mir der Glaube an mein eigenes Talent – den ewigen Willen des „Wieder-Aufstehen-Wollens“.
Dennoch, er ist da; manchmal nur allzu sehr versteckt in den Abgründen meiner Seele, zugeschüttet von den Altlasten meines Lebens.
Welch eine Ironie des Schicksals...zu glauben an das Unglaubliche, zu hoffen in der Hoffnungslosigkeit, zu Warten auf vergang’nes Glück.
„Kopf hoch, es wird schon irgendwie weiter gehen“ – doch manchmal möchte ich das gar nicht, manchmal möchte ich einfach aufgeben, Stille spüren, sorglos sein… doch nein, ich nicht, ich kämpfe weiter, weil ich es mir schuldig bin… so wie Du!!!
Ich bedanke mich für die Offenheit Deiner Gedichte – allzu leicht vergesse ich meine eigenen.
Es gab Zeiten, da schien mir nichts wichtiger, als diese unfertigen Reime, heute fehlt mir die Muse… zur Zeit.
Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn der Frühling mich neu inspiriert.
Die Nächte werde ich mit schreiben verbringen, mit fühlen, denken, einem Glas Wein…
Der Winter war so lang und der Herbst so dunkel; grau in grau schien er letztes Jahr – und ich frage mich, wo wohl all die herrlichen Farben geblieben sind, die den Herbst sonst so verzaubert haben – ich kann mich erinnern wie ich, ertrinkend vom Duft des Laubes, in den letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers im Park auf einer Bank saß… die Augen halb geschlossen, tief atmend und voller Frieden – erfüllt von der Einfachheit des Seins, dem Taugenichts von Eichendorff (ich würde zu gerne mit ihm reisen, in einer Zeit, da es keine Autos gab, keine Schnellstraßen, keine stählernen Brücken – nur Fuhrwerke, Droschken, Wanderburschen, die mit Kähnen über die Donau setzen mussten… ein mühseliges Leben, aber vielleicht ist es so, dass man sich Dinge wünscht, die man niemals haben kann… die Zeit hat all diese Träume verändert – in ihre Schemata passen meine Träume jedenfalls nicht mehr!)
Wie sehr liebe ich diese Erinnerungen und wie sehr schmerzen sie auch.

+++

Was sonst? Ich pflege meine Depressionen, weine über die immer schwächer werdende Beziehung zu meinem Sohn.
Sein Weg ist auch nicht besonders gerade; doch er wischt jeden Einwand vom Tisch, verwirft jeden guten Rat (diesen dummen guten Rat).
Ich bin so ziemlich am Ende meiner Weisheit – mein Leben ist wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt und ich frage mich, wo oft ich mich aus solchen Abgründen werde befreien können… irgendwann werde ich einfach unten bleiben, verschwunden, vergessen, unbeweint…
Ich denke daran fort zu gehen, wie so oft, wenn der Frühling vor der Tür steht.
Es wird noch eine Weile dauern, bis ich mich zu einem Schritt entschließe, der eine Änderung bringen wird.
Vielleicht habe ich ja endlich mal wieder Glück und ich finde einen neuen Job – und weil es sonst niemand tut, werde ich mir selbst ganz fest die Daumen drücken.
Alles so kalt, immer schärfer der Wind, der in diesem Land weht, das ich nicht „mein“ Land nennen kann, nennen will.
Suche durch meine Hirnwindungen hindurch einen Weg, dem ich folgen könnte, aber es gibt so viele Möglichkeiten, von denen sich die meisten leider von selbst ausschließen – natürlich in erster Linie die, denen ich am liebsten folgen würde.
Ich brauche nur drei Wünsche, um wirklich glücklich zu sein: Niemals krank werden, immer jung sein und soviel Geld haben, dass ich es niemals ausgeben könnte.
Welch eine Illusion! Meine Gesundheit schwindet mit dem Alter immer mehr, und das Geld reicht gerade so, um nicht in die Obdachlosigkeit abzurutschen.


+++

Ich hoffe, wir werden uns erinnern, an einander – ein wenig Glück in einige Zeilen getragen.
Ein bisschen von Dir in mir und umgekehrt – vielleicht kann es das geben!?
Ich muss mich gleich auf den Stellenteil des Abendblattes werfen - !hoffend!, dass vielleicht heute eine Anzeige da ist, die mich hoffen lässt.
Scheint es manchmal so, als hoffe ich auf die Hoffnung, oder hoffe ich nur um ihret Willen, dass ich um/auf sie hoffe?
Ein paar Buchstaben zu einem Wort zusammen gefügt und schon kann man damit spielen; sich selbst und die ganze Welt verwirren – das macht mir Spaß… und lässt mich hoffen!
Ich bin so unmöglich in meiner kindlichen Freude über einen Tag, der außer Sonnenschein und den Brief von Dir ebenso ist, wie der vorherige und jener zuvor…
Obwohl jeder ein bisschen anders ist, und ich manchmal nur zu blind bin um die Unterschiede zu erkennen, vielleicht auch nur zu bequem; nicht willens!?
Du bist so hintergründig, manchmal so unscharf – wie ein Blick am frühen Morgen; noch so voller Schlaf und Träume.
Du lässt mir Raum für Interpretationen, auch wenn das Wesentliche ganz klar ist, oder scheint es nur so?
Immer muss ich alles, wenn auch nur für mich selbst, hinterfragen.
Es mag schon sein, dass ich schizophrene Tendenzen habe, auch wenn sie wohl nicht gerade pathologisch sind.
Ich werde hoffentlich nicht in eine Anstalt kommen… als Betreuer könnte ich mir aber schon vorstellen Jugendlichen mit seelischen Problemen zu helfen (ob es wirklich Probleme sind, oder die Erwachsenen nur glauben welche zu sehen?).
Kann es nicht sein, dass es Jugendliche gibt, die in ganz anderen Dimensionen denken, die zu verstehen wir nicht in der Lage sind – ist es denn fair oder gerecht sie als krank zu bezeichnen?
Vielleicht nicht fair oder gerecht, aber es ist leichter, als den Versuch zu unternehmen sie zu verstehen.
Wie komme ich nur auf solche abstruse Themen?
Nichts scheint mir unwichtig zu sein – es scheint nur so.
Nichts scheint mich kalt zu lassen, dabei friere ich.
Das soll einer verstehen.
… Und ist das nicht auch eine Art des Lebenssinn?
Wieso muss ich mich in Normen bewegen, weshalb sollte ich nicht das Recht habe auszubrechen aus der Gesellschaft.
Einerseits wird man ausgestoßen, andererseits soll man dennoch schön normal bleiben – ein Paradoxon!
Die Gesellschaft stellt jeden von uns vor die Frage: Abseits, unnormal, arbeitslos, schwul, lesbisch, RTL, SAT 1, Sport, Politik, Atomkraft, ja, nein, Helmut Kohl, Kanzler Hohl, Opposition, Spott und Hohn, ewig Zweiter, bla, bla, bla, ha, ha, ha…
Wortketten in die Unendlichkeit, geschrieben, verblasst, vergessen.
An einem solchen Tag sollte ich vielleicht doch die leichte Muse wählen, was meinst Du?
Eigentlich bin ich gar nicht so negativ, weil ich gerne lebe.
Dass ich glaube, dem Leben mehr zu geben, als es mir, das ist doch nun wirklich mein Problem… aber es ist ja wichtig, dass man dauernd über sich nachdenkt, auch wenn einem dabei die ganze Lust an der Freude verloren geht.
Kaum zu glauben, dass ich weniger denke, als man glauben möchte, aber es ist so.
Ich denke wohl nur anders – mache mir wichtig, was den anderen unwichtig erscheint.
Und das, meine Liebe, kann mir keiner nehmen.
Man springt auf den Zug, fährt ein Stückchen mit, steigt wieder aus, wechselt die Richtung, um gleich darauf wieder gegen den Strom zu schwimmen.
Was macht es schon, wenn man mich nicht versteht?
Ist es so wichtig?
Ich bin der, der ich bin, Du bist Du – ein Gen ausgetauscht und Du wärest ich und umgekehrt.
Wer will uns beurteilen?

+++

Ist sie wahr, Deine Freude?
Und wenn es nicht so wäre?
Was ginge es mich an, auch wenn ich mich freute für Dich wegen Deines Glücklichseins?
Wie schön er ist der Sonnenschein – macht alles leichter (vielleicht nur scheinbar, wie Du schon bemerktest), aber ich würde die Illusion nicht angreifen; verzichte für dieses Mal auf die Frage nach der absoluten Wahrheit… wenn es sie gäbe für mich.
So ist also der weitere Weg noch im Dunkel dieser Nacht verborgen – wohin wird die Reise gehen?
Ein Etappenziel ist schon einmal ziemlich klar – der Weg zum Briefkasten, um dieses Geschreibsel an Dich in seinen gierigen, abgrundhässlichen Schlund zu werfen.
Ist dies‘ nicht schon die Tat eines Helden, der sich, allen Gefahren zum Trotz, auf den beschwerlichen Weg (immerhin fast 200 Meter) durch die Finsternis macht, sich dem gelben Postmonster entgegen stellt, um seiner verwundeten Weggefährtin eine neue Hiobsbotschaft zukommen zu lassen?
Doch genug des Dramas vom Ritter, der sich all diesen Unbilden des menschlichen Daseins entgegenstemmt, um die Postmonster vor dem Hungertod, und Dich vor den endlos langen Tagen in Krankheit und Bitternis, zu erretten.
Ich hoffe, dass Dich die Zeilen dieses Pamphlets, auf Deinem Krankenlager, nicht zum Totlachen bringen! (So witzig ist das alles nun auch wieder nicht gnädiges Fräulein – bewahren sie doch ein wenig mehr Contenance; doch vom Fieber ihrer Krankheit geschüttelt (oder ist das doch eher ein Lachanfall – bin ich Arzt oder was?), ist sie nicht in der Lage sich dem unausweichlichen zu widersetzen).
Mach’s derweil gut.

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Na, Du leicht behindertes Häufchen Elend!
Wozu habe ich eigentlich mit Dir gehofft, dass Euer Glück hält?
Weshalb hoffe ich immer noch – nun, das Telefon hat nicht geklingelt (seit Wochen nicht), kein Hilfeschrei, der auf einen Brief nicht hätte warten können. Glücklicher Weise…
So hoffe ich, dass Dirk doch positiv war, ist, bleibt…, Du mit der Frühlingssonne um die Wette strahlst, von innen heraus, die Welt überflutend, Liebe verbreitend bis an die entferntesten Gestade Deiner Sehnsucht, Deiner Seele, und eingehüllt, umspült von warmen Glückswellen Deines Traummeeres.
Selten habe ich solch Gefühle gehabt, auch wenn ich noch weiß wie sie sich anfühlen, ich zumindest in der Lage bin sie in Worte zu fassen.

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Leider kann ich nichts Positives berichten!
Zwar habe ich neue Arbeit, aber ich bin sehr unglücklich und desillusioniert – fühle mich ein wenig vom Schicksal betrogen, vom Leben vergessen.
Hausmeister; nicht einmal die Bezeichnung stimmt – Handlanger für niedere Dienste, Sklave der gesellschaftlichen Normen, und ich kann nicht einmal fliehen, weil man mich darauf reduzieren würde; das Arbeitslosengeld würde man mir für 6 oder 8 Wochen sperren und ich kann mir das einfach nicht erlauben – eigentlich müsste ich es, ich sollte es mir wert sein.
Aufgeben ist aber irgendwie nicht meine Art, auch wenn ich weiß, dass mich diese beschissene Arbeit auffrisst; und das nach nur drei Tagen…
Ich möchte lieber wieder Kinderlachen hören, Nasen putzen, Probleme wälzen, Windeln wechseln, in den Arm nehmen, auch mich selbst.
Mir fällt nur Positives ein, jetzt, wo alles so verdammt sinnlos und negativ ist – das macht es nur noch schwerer am Montag wieder um 04.30 h aufzustehen…
Mein Chef ist ein Schleimer und Arschkriecher, erwartet von mir die gleiche demütige Haltung.
Was fällt ihm ein jemanden so etwas zu zumuten?
Er ist so heiß auf einen festen Auftrag von der Behörde, dass er ganz vergisst, dass er auch ein Mensch ist, behandelt andere Menschen aus diesem Vergessen heraus so, wie er sich selbst behandelt, verlangt mehr ab, als ich bereit bin zu geben, geben zu können.
Ich werde nicht kriechen, werde mich nicht beleidigen lassen und dafür auch noch meinen Dank aussprechen.

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Ich bin tatsächlich noch mal eingeschlafen, auch wenn ich mich zuvor eine Stunde lang von einer auf die andere Seite gewälzt habe, mich jetzt fast so fühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen und am liebsten nicht zur Arbeit gehen würde.
Auch der starke Kaffe ist nicht in der Lage meine Lebensgeister zurück zu holen, sie zu wecken aus ihrer Lethargie, ihrer ewigen Müdigkeit, ihrer Abneigung gegen das Heute, gegen den Weg zur Arbeit, gegen die 10 Stunden verlorenen, verschenkten Lebens.
Ich sehe die müden Gesichter im Bus, immer die selben, immer leer, ohne jeden Ausdruck – keine Freude, keine Abneigung, einfach nur voll unendlicher Müdigkeit.
Sind diese Gesichter immer so ausdruckslos, ändert sich etwas, wenn die dazu gehörenden Körper ausgeruht sind, wenn das Denken wieder einsetzen darf?
Haben sie Freude am Leben, an der Arbeit, die ihnen vielleicht eben so zuwider ist, wie mir die meine, oder denken sie wirklich nicht, können sie abschalten, aufhören zu fühlen, die Sekunden ausdehnen, mehrmals umdrehen, so wie sie es mit ihrem Geld tun müssen?
Keine Zeit weiter zu schreiben, muss mich anziehen, muss gehen, den Bus erreichen – und darf nicht mehr denken…

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Fällt es mir heute schwer, das Schreiben – so wie meine Denken; dick, zähflüssig, unentschlossen, gefangen in Ohnmacht, in Selbstmitleid… nicht einfach denken können: „Du hast Arbeit, sei doch froh…!“ Ich bin’s nicht, werde es mit dieser Arbeit, diesem Chef auch so bald nicht wieder sein.
In diesem Moment wünschte ich mir, ich wäre ein Kater – nicht recht denken können, schlafen wann man will… wenn man ein liebes Herrchen hat!
Genug Seele um geliebt zu werden, vielleicht zu wenig um sich Sorgen machen zu können, gestreichelt werden, ohne Hintergedanken an Triebe, Lüste, sich selbst genug sein, andere einbeziehen, wenn einem danach ist, weggehen, wenn es einem zu hektisch wird, keine Erwartungen erfüllen müssen.
… geht es nicht anderen viel schlechter als mir, wenn auch nur auf eine andere Weise, eine Weise, die mir vielleicht nicht das Gefühl geben würde, dass es mir schlecht ginge?
Zusätzlich muss ich Dir nun auch noch gestehen, dass ich Deinen Fernsehauftritt leider verpasst habe – Vorstellungstermin, eben zu dieser Arbeit – hätte ich bloß fern gesehen!!!
Nun habe ich kein Vorstellung von Deinem Auftreten, Deiner Stimme, Deinem IchSein…
Ich bedauere das sehr, auch wenn es Dich mir nicht hätte näher bringen können, als es Deine lieben Briefe tun.
Ich wurde rot vor Freude und Stolz auf diese Zeile: „…wie gelang es mir bloß zu existieren…?“
Du übertreibst maßlos – mach’s noch mal!!
Es würde mich nicht verletzen, auch wenn ich weiß, dass die Wahrheit etwas anders aussieht – ein Spiegelbild in einem sich kräuselnden See, der Silbertopf am Ende des Regenbogens… alles nicht wahr, aber deshalb auch umso schöner… und wenn es die Wahrheit ist? Dann sei nicht sauer, weil ich Dir nicht ganz glauben kann, wenn ich misstrauisch bin.
Mein Kopf so voll, auf der einen Seite, andererseits so leer, des Denkens müde.
Bin heute schon sehr früh zu Hause, und werde versuchen, mich auf ein Minimum an Arbeit in der Behörde zurück zu ziehen.
Eigentlich war telefonisch mit meinem Chef ohnehin ausgemacht, dass ich nur 30 Stunden in der Woche arbeiten sollte, als es dann jedoch ans Unterschreiben des Arbeitsvertrages ging, teilte er mir mit, dass er sich überlegt habe, mir doch ein höheres Quantum an Stunden zu geben, damit es sich für mich lohne (selber Schuld, wenn ich dann trotzdem unterschreibe).
Ich kann gut darauf verzichten, hoffe, dass er es auch kann.
Ich bin inzwischen schon ziemlich gut eingearbeitet, brauche keine Aufsicht mehr.
Gar nicht so schlecht – sehe meinen Chef nicht, arbeite selbständig, teile mir ein, was ich wann wie tun will.
Bleibt nur noch meinen Chef davon zu überzeugen, dass es für beide Seiten besser ist, wenn ich mich auf die Behördentätigkeit beschränke, dort gute Arbeit abliefere, so dass er seinen Vertrag bekommt, ich dort weiter arbeiten kann, so lange, bis ich eine andere Stelle habe.
Ob es ihn interessiert ist eine andere Frage, auch ob ich dort fest beschäftigt bleibe (falls er den Behördenauftrag bekommt) ist nicht geklärt. Wir werden sehen.
Ich tue jedenfalls alles, damit ich mit diesem Job nicht untergehe, sondern ihn nach meinen Maßstäben forme, so weit dies‘ eben möglich ist.

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Erzieher in einem Internat? Ich in Erfurt?
Vorstellbar wäre es, auch wenn ich nicht glaube, in den Augen einer solchen Institution, qualifiziert genug zu sein!
Wäre auch noch zu klären, weil mich zwar jeder als Erzieher bezeichnet, ich diese Funktion jahrelang ausgeübt und erfüllt habe, auch den entsprechenden Salär bezog, aber nicht klassisch ausgebildet bin.
Schon ein Punkt, der mich als Bewerber irgendwie ausschließt, auch wenn ich glaube besser zu sein, als viele von den hoch studierten Pädagogen, es oft genug bewiesen habe.
All das zählt aber irgendwie nur, wenn man Beziehungen hat, einem die Möglichkeit des Probearbeitens gegeben wird – immer dann hatte ich eine Chance, konnte die anderen Bewerber ausstechen, was nicht einmal alleine mein Verdienst war, sondern eher der meines Talentes irgendwie jedem Kind und jeden Jugendlichen offen gegenüber zu treten.
Ich kann es einfach, habe erst viel zu spät gemerkt, dass dieser Umstand nur ausreicht, wenn jemand auf ein Diplom verzichten kann oder darf, es ihm nicht so wichtig ist, ob man die Theorie gepaukt hat, sondern mit Herz und Augen sieht, wie schnell ich Zugang zu den Kids erlange.
Mein praktisches Wissen ist sehr weit gefächert, aber leider überzeugt das nun nicht jeden möglichen Arbeitgeber.
Ich würde mich dennoch bewerben, falls Du der Meinung bist, dass es trotzdem Sinn macht.
Und wenn nicht ist es auch nicht so schlimm… nur verschenken sollte man eine mögliche Möglichkeit nicht.
Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, dass ich wie selbstverständlich von meiner Person als Erzieher spreche, und dies‘ nur, weil mich andere, und auch ich selbst, als einen solchen sehen?
Kann man denn nur etwas sein, was man gelernt hat, bin ich denn nicht auch Schriftsteller, ohne Germanistik oder Literatur studiert zu haben, kann es nicht sein, dass ich in der Lage bin mich das nötigen Wissen selber zu lehren?
Sicher macht es Sinn, wenn eine Instanz überwacht, ob jemand in der Lage ist, diese oder jenes zu tun, aber gilt das zwingend für jeder Tätigkeit, werden den Eltern gefragt, geprüft, getestet, ob sie in der Lage sind ihre Kinder richtig zu erziehen? Und was ist richtig?
Ändert sich nicht alles ständig, wie in einem großen Strom, der sich nicht zwingen, nicht kanalisieren lässt?
Glauben die Menschen alles reglementieren zu können, ganz gleich wie groß und mächtig eine Sache ist?

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Brauche ich Deinen Glücksbringer, um mein eigenes Glück zu finden?
Finden heißt irgendwie auch immer suchen, aber ich weiß doch, wo mein Glück ist, nur dass ich es nicht eben einfach so erreichen kann, weil es sich nicht zwingen lässt, weil es zu mir kommt, wenn es an der Zeit ist für das Glück und nicht dann, wenn ich glaube lange genug ausgeharrt zu haben, glaube, dass ich endlich auch wieder einmal an der Reihe wäre ein wenig von diesem zweifelhaften Glück zu erleben, das sich doch nicht halten lässt, immer abhängig ist von Umständen, die wir Menschen ihm auferlegen.
Was wäre denn all das Glück wert gäbe es da nicht auch das Leiden, die Schmerzen, die Hoffnungslosigkeit?
Wäre es möglich Glück überhaupt zu erleben, wenn es immerdar, allgegenwärtig und für jeden jederzeit erreichbar wäre?
Frage ich mich dies‘ nur, um mein Unglücklichsein zu rechtfertigen, es zum Sinn dessen zu machen wofür ich auf neues Glück warte, hinarbeite?
Jeden Moment könnte meine Antwort auf diese Frage anders aussehen, ein neues Gesicht haben.
Ständig schwanke ich in meiner Beharrlichkeit dem Glück hinterherzulaufen – es lässt sich nicht fangen, lässt sich nur bitten, erhoffen, erwünschen, gibt sich die Ehre, verweigert den Dienst.
Was nutzt all mein Weinen, um dieses und jenes, wenn ich nicht der Faktor bin, der die Umstände zu beeinflussen in der Lage ist, weil immer auch andere Menschen mein Glücklichsein mitbestimmen, ich auf die Güte angewiesen bin, die Gnade die mir ein lieb gewordener Menschen zuteil werden lässt; nicht, weil er es will, nur weil kein anderer erreichbar scheint, ich eine gute Adresse fürs Reden, fürs Sorgen abladen bin.
Wer bitte interessiert sich eigentlich für meine Sorgen, für meine kleine Welt, die mal strahlend, mal voll Gewitterwolken ist?
Nein, ich glaube nicht an Glücksbringer, Weissagungen, Prophezeiungen – zu unwahrscheinlich, zu schön um der Wirklichkeit trotzen zu können.
Fast immer versagen sie, und dennoch glauben so viele Menschen an Schutzengel, Talismänner, an das „Nur-Wollen-Müssen“.
An sich selbst glauben, das Schlechte zum Erträglichen wenden, mehr bleibt mir zur Zeit nicht zu tun.
Eine Aufgabe, die ich immer gerne für andere wahrgenommen habe, die mir selbst aber so fremd erscheint, so beängstigend, dass ich sie fast nicht lösen, nicht in angriff nehmen möchte.
Doch genug der Sorgen, der Probleme, die eigentlich keine sind, sich immer nur aufplustern, so als könne ein Spatz ein Adler sein.
Wünsche ich Dir eine schöne Zeit auf Mallorca, Dir, meiner Freundin, die mir schon jetzt so vertraut ist, deren Fehler ich zu den meinen mache.
Vielleicht sollten wir uns nicht so wichtig nehmen, doch was bleibt uns anderes übrig, wenn wir nichts anderes haben, das es wert wäre wichtig genommen zu werden?
Ich für meinen Teil liebe mich, nicht immer bedingungslos, aber doch sehr intensiv, sehr schmerzlich.
Ich musste lernen mir selbst genug zu sein, mir selbst zu vertrauen, wo auf andere kein Verlass war.
Dennoch kann ich auch anderen vertrauen, nur brauche ich Zeit, oftmals zuviel.
Der Mensch wird sich finden, vielleicht mich finden – so wie Du.
Ich glaube an viele Dinge, auch wenn ich nicht immer weiß, ob es sich lohnt, wert genug ist – weil mein Glaube meist Menschen betrifft, die sich, wie ich Dir schon im letzten Brief geschrieben habe, als etwas ganz anderes entpuppen, als sie es einem über viele Jahre mit ihren Taten und Worten erahnen ließen.
Schwer zu verstehen, weil ich im Grunde eine recht gute Menschenkenntnis besitze; nicht immer gut genug wie mir inzwischen scheint, aber ich will mich nicht beklagen, es würde auch nichts ändern.
Vielleicht bin ich als Person einfach zu schwierig, zu unangepasst, immer auf Abwegen, die mich so oft in irgendwelche Sackgassen geführt haben.
Gar nicht so schlimm, weil dort manchmal einer hockte und nur auf mich zu warten schien – gerade dann, wenn ich niemanden zu finden erwartete.
Ich habe mich immer wieder auf solche vorhersehbaren Wege eingelassen, auch wenn sie in den allermeisten Fällen tatsächlich keinen Sinn machten – was suchte ich, hoffte ich zu finden?
Ich suche gar nicht, entdecke durch Zufall, Schicksal, oder wenn Du es denn so nennen möchtest, Glück und Glaube!
Sollte ich an ein höheres Wesen, einen Gott glauben?
Nein, das ist mir zu wenig – Religionen sind in meinen Augen nichts weiter als der verzweifelte Versuch der menschlichen Existenz einen nachträglichen Sinn zu geben.
Sinn finde ich in anderen Dingen, die mir nicht auferlegen nur an „den“ einen zu glauben, sein Wort zu befolgen und immer schön sittsam und bescheiden zu sein.
Ich fordere meinen Teil an diesem Leben, an dieser Welt… und wenn ich ihn nicht bekomme, dann nehme ich ihn mir einfach, nicht immer wissend, ob dieser Teil tatsächlich für mich bestimmt war, denn schließlich steht kein Name darauf.
Mag sein, dass ich manchmal zu hart war, in unangebrachten Momenten, aber ebenso oft bin ich zu sanft gewesen, unentschlossen, ängstlich, wollte nicht verletzen – es hält sich schon alles irgendwie die Waage, auch wenn mir zur Zeit das Pech am Hintern zu hängen scheint; es wird auch wieder bessere Tage geben (daran „glaube“ ich nicht, das weiß ich!).
Also keinen Grund von einem Brief betroffen zu sein, schließlich ist es nur eine Facette meiner selbst, gehört zu mir, hat lange gebraucht geschliffen zu werden.
Zeit schien mir einmal als etwas Unendliches, aber sie ist für jeden Menschen knapp bemessen, rationalisiert.
Schade, dass die meisten erst so spät anfangen richtig denken zu können, doch das ist nicht ihre Schuld, ist einfach so, aber man verliert so viel Zeit bis es so weit ist.
Genug sinniert.

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Gestern rief ein Bekannter an, der Musikgruppen produziert.
Am Mittwochnachmittag will er mich besuchen und mit mir ein konzeptionelles Gespräch führen – er will gerne, dass ich ein paar Texte schreibe.
Vielleicht bin ich tatsächlich in der Lage rein kommerzielle Reime zu fabrizieren, auch wenn ich nicht gerade begeistert bin, doch vielleicht sollte ich es so sehen, wie ich es in einer Kurzgeschichte beschrieb: Ein berühmter Dichter wird nach dem Sinn, dem Hintergrund eines seiner Gedichte befragt, worauf er trocken antwortet: „Es gab für mich nur einen Sinn dieses Gedicht zu schreiben, nämlich den, meinen Hunger zu stillen – einen anderen Grund suchen die Damen und Herren Literaturstudenten, auch wenn es sie noch so sehr bestürzen wird, vergebens!“
Man hat das geflügelte Sprichwort im Ohr: „Ein voller Bauch studiert nicht gern!“, doch was bringt das, wenn man vor lauter Magenknurren seine Gedanken nicht vernehmen kann?
Gleich und gleich gesellt sich gern, Gegensätze ziehen sich an; was stimmt nun? Wahrscheinlich stimmt beides ebenso sehr, wie es unrichtig ist…
In all dem Wust aus Legende vergangener Jahrhunderte, dahin geschwundener Hoffnung verflogener Generationen ist immer ein Körnchen Wahrheit, auch wenn die Realität der Jetztzeit sie vielleicht verleugnet, ihr nicht den Platz zugesteht der ihr gebührt – bin ich der Richter, der andere richtet?
Manchmal bin ich es, weil ich so oft ein „Aber“ bereit habe, mich ins Gewühl werfe ohne zu denken – all das gefällt mir, weil ich ich bleibe, mich nicht in eine Karikatur meiner selbst verwandle.
Unbewusst lebte auch ich mit unzähligen Masken, passend zu jedem Anlass, aber ich habe so oft die falsche Maske getragen, so dass ich mich selbst und andere betrog – bis zu dem Punkt, an dem ich mir selbst Ehrlichkeit schwor; ganz gleich, ob sie hart, hässlich oder ungerecht schien.
Die nackte Wahrheit – wenn auch nur aus meiner Sicht der Dinge, des Lebens, ohne Limits, ohne Kompromisse.
Was habe ich dabei verloren? Viele falsche Freunde, die mich herumreichten, sich schmückten mit meiner Wortgewandtheit (dabei ist die noch so beschränkt!).
Du bist fordernd, gibt’s Dich wahrscheinlich nicht zufrieden mit dem was ich Dir verschweige…
Ein netter kleiner Kampf der Giganten, wenn auch nur auf unserem Level, nicht so abgedreht, nicht so verwirrend – ich hoffe Du bist nicht verwirrt von meinem Gewäsch!

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Und bist Du den Tränen nah, dann denke dran: Eines Tages ist all das vorbei, Gewesenes wichtig, nicht einerlei.
Du und ich, alles was bleibt sind auch nur Erinnerungen, eng umschlungen, wie Ranken, Efeu, herabhängend von tristen, grauen Mauern hinter denen Träume lauern, Dich verführen, Dich bedrängen, versprechen zu befreien, nicht Dein Leben einzuengen…
… ich irgendwo dazwischen, dabei, sekundenlang Du.
Sinn? Sinn für Unsinn, wenn er auch Sinn sein will!
Die Frage hinter der Frage, die eigentlich die Antwort ist.
Eine Antwort ist aber kein Trugbild, kein schöner Schein: Die Bedeutung Deines Seins für mein Sein, wenn auch erst seit kurzer Zeit, dennoch in mein Hirn, meine Seele, mein Herz eingebrannt mit glühenden Eisen, als eine Art phantastisches, phänomenales Souvenir, ein besonders heller Stern im Dunkel meiner Nächte, hell selbst noch am Tag – was will ich, was willst Du, mehr!?

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Vielen Dank für Deine Beschreibungen, fast so, als wäre ich dabei gewesen, hätte die Sonne gespürt, das Meer gesehen, die Salzluft geschmeckt.
Hier, wo sich das Wetter wie so oft nur von einer traurigen Seite zeigte, fehlt mir manchmal der Glaube, dass ich selbst wieder einmal in den Süden fahren werde.
Gestern kam Dein Brief, Du bist inzwischen schon längst wieder in Erfurt, zurück in der Welt, der allzu oft der Sonnenschein fehlt, die ihr Grau zur Schau stellt, als sei es das schönste was es gibt.
Fast habe ich die Sonnentage vergessen, die mir das Gestern, vielleicht auch das Übermorgen, ein wenig verschönern.
Immerzu denke ich an die Tristesse der Tage – das Aufstehen am Morgen, wo noch alle Welt zu schlafen, zu träumen scheint, fällt schwer.
Irgendwie streife ich die Müdigkeit von meinen Schultern; frage mich, wie ich es schaffe nicht sofort los zu heulen beim Anblick der müden Gesichter an der Bushaltestelle – dann die Tage, wo ich trotz des Regens fröhlich bin, nie grundlos, nie des Lebens wegen, sondern weil ich plane für die nächste Zeit, Ideen habe, die mir verwirklichbar scheinen – so zerrt er sich über den Tag auf, der Frohsinn, stellt sich wieder ein, wenn sich die Zeiger der Uhr gegen Mittag wenden, ich endlich den düsteren Keller der Behörde verlassen kann, den Schmutz, den Müll, die Anweisungen hinter mir lassen; bis zum nächsten Tag…

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Bin seit gestern Leiter der Zweigstelle einer Konzert- und Promotionagentur (schrieb Dir neulich darüber), nichts, mit dem ich in der nächsten Zeit Geld verdienen könnte, aber auf lange Sicht werde ich vielleicht mein Hausmeisterdasein beenden können.
Angefangen hat die Sache eigentlich mit einem Gespräch über Liedertexte, die Frage, ob ich mir zutrauen würde etwas zu schreiben (welch eine Frage!?).
Gruppe, Musik, Sponsoren, alles schon da, nur eben niemand, der ordentliche Texte schreiben kann (fragt sich nur, warum die dann ausgerechnet mich gefragt haben!? Ha, ha!).
Gestern die ersten Texte abgeliefert, viel geredet, von meinen Ideen erzählt – woraufhin ich gleich den Job bekam.
Mehr als Kostenerstattung fürs Telefon, Porto etc. sind derzeit nicht drin, aber da mich die neue Aufgabe begeistert, ich wieder mit Jugendlichen Kontakt habe, ich Ablenkung vom Horrorjob Hausmeister finde, ist mir die Kohle derzeit unwichtig.
Ich schreibe schon wieder an neuen Texten; geplant ist eine komplette CD.
Mal sehen, ob etwas dabei heraus kommt, und wenn nicht, dann ist es eben eine Erfahrung mehr, etwas Verwertbares, Nützliches; ohne jedes Risiko für mich.
Du siehst, auch in meinem alten Leben tut sich noch etwas, wenn auch in anderen Dimensionen als in Deinem – nicht kleiner, nicht größer, nur anders.
Es gibt noch so viele Dinge die ich Dir unbedingt erzählen muss!
Dinge, die ich Dir erst jetzt schreiben könnte, die nicht für jede Augen bestimmt sind, die des Vertrauens bedürfen.
So kannst Du Dich darauf einrichten, dass Du bald einige, Dir, unbekannte, neuartige, ja phantastische Dinge erfahren wirst – verpasse also nicht wieder einzuschalten, wenn es heißt: „Waterfront Stories – die Geschichten des alltäglichen Wahnsinns in einem Hochwasserschutzgebiet an der Elbe, gegenüber vom Forumhotel, nahe der vorgelagerten Insel Entenwerder...“, tja, am Titel muss ich wohl noch ein bisschen arbeiten.
Wenigstens sind die Drehbücher schon vorhanden, ebenso wie die Darsteller und Kulissen.
Bleibt die Frage, ob ich als Regisseur, Hauptdarsteller, Drehbuchautor, Cutter etc. das Einfraupublikum zum Weitergucken animieren kann.
Wenigstens kann ich Dir versichern, dass es keine Werbeunterbrechungen geben wird… “Kaufen Sie das neue Pamir ultra, mit der Waschkraft von 500 Pferdestärken; weiß, weißer, am weißesten – Scheiße, das war Buntwäsche, Du Idiot!“… ups, dumm gelaufen, aber kein Grund nicht wieder einzuschalten, denn sonst verpassen Sie die aufregende Episode, in der unser Titelheld versucht, seinem allzu naiv angelegten Charakter zu entfliehen, die Nebendarsteller aus der Provinz erkennen, dass auch in einer Weltstadt die Bürgersteige um 20.30 Uhr hoch geklappt werden, und der nichtsnutzerische Sohn unseres Hauptdarstellers zum 70 igsten Mal fragt, ob jemand für ihn angerufen hat… all das und mehr, oder weniger, wenn die Sponsoren nicht wieder abspringen…
… Jedes Publikum hat schließlich die Soap-Opera, die es verdient!
So ist es wohl, unser Leben, nicht viel mehr als eine Seifenoper, jeder sein eigener Titelheld, sein eigener Regisseur…
Es bleibt spannend, voller Veränderungen, voll aberwitziger Wendungen.
Wer den Start verpasste, eine Folge versäumte, durchschaut den Wust der Verwicklungen nicht mehr, ist der nächste Kunde in der Videothek, um sich das Verpasste zu leihen, ist der nächste Patient in der Psychiatrie, der dem Wahnsinn verfiel.
Wenn jetzt kein Lächeln über Dein Gesicht huscht, dann weiß ich es auch nicht!
Ich reiß mir hier den Arsch auf, um dem Publikum (sorry, der Publikumin) etwas zu bieten, und was ist der Lohn der Mühe? Ein gelangweiltes Gesicht, müdes Gähnen und der Griff zur Fernbedienung um einen anderen Kanal einzustellen.
Das hab‘ ich jetzt von meiner Gewaltlosigkeit, meiner Sanftheit, meiner Güte, der Gnade die ich der Publikumin erweise – aber Du wirst schon sehen, was Du davon hast einfach umzuschalten… ist doch wahr!
So, jetzt hab‘ ich’s Dir aber gegeben – jetzt bist Du platt, was?
Ja, wer nicht hören will muss lesen, oder so; ist ja auch egal!
Langsam geht’s wieder etwas bergauf (frage mich, wieso es alle so toll finden bergauf zu latschen, wo es bergab doch so viel leichter geht…?)
So meine Guteste, lass den Dickschädel nicht hängen und halte die Schlappohren steif (wie soll das denn gehen?).

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Wie viele Dinge haben wir uns verschwiegen, bewusst oder unbewusst, wer misst die Wichtigkeit dieser Dinge, ihre Tragweite für unsere „Beziehung“… wissen wir genug von einander, könnte es überhaupt mehr sein? Ist die Beantwortung dieser Fragen von Bedeutung, oder können wir darauf verzichten, unsere Briefe sprechen lassen, die bis zu einem Treffen unser gegenseitiges Wissen übereinander auszumachen scheinen – für die anderen zählen nur die Zeilen, ich glaube mehr zu wissen, wünschte mir eine Seelenverwandtheit, eine Nähe, die über jedes Maß hinaus ohne echte Nähe auskommt; schon scheint es mir so, weil nichts dagegen spricht.
Doch ist die Gleichung so einfach; minus plus minus gibt plus, Topf und Deckel, Narr und Närrin, Schwan und Schwanerich, Schatten und Licht, Meer und Strand, Deine Hand in meiner Hand…?
Könnte ich mit Dir schweigen, ohne dass einer von uns peinlich berührt wäre von der Stille, glaubt etwas sagen zu müssen, wo doch unser Schweigen in sich spricht – kann man sich so sehr verstehen?
Vertraute ich Dir mein Glück an, wo Du doch selbst ein Teil davon bist, kann man dem Glück das eigene Glück anvertrauen, es aus der Hand, aus dem Herzen geben, wissend um die Sicherheit die es in Deinem Herzen, Deiner Hand erfahren würde?
Ich würde Dir vertrauen, auch wenn Du viele Wahrheiten noch nicht kennst, nicht weißt welche Geheimnisse sich hinter meiner aufgeblasen Schreibweise verbergen – gibt es denn welche?
Gibt es nicht zumindest ein Geheimnis das Dich verletzen würde, eine kleine Wunde schlägt, nur ganz winzig, die trotz ihrer Winzigkeit dennoch niemals wieder heilen würde?!
Mache ich Dich verrückt mit diesem „um den heißen Brei reden“?
Vielleicht nur ein Versuch meines Egos noch interessanter zu sein – gemein, allzu gemein, allgemein?
Noch scheint es mir nicht an der Zeit dieses Geheimnis zu lüften, noch bin ich nicht bereit Dir mehr als mir selbst zu vertrauen – Geheimnisse… widerlich zu weilen, aber wichtig für mich, schwer für sich zu behalten, manchmal nicht als Geheimnis erkannt, fristen sie ihr Dasein in einer der Kerkerzellen meiner Seele.
Genügsam sind sie nicht, verzehren so manchen Traum, ohne dass ich jemals von ihm erfahren habe.
Blind für die Wahrheit bin ich zuweilen, will vielleicht auch nur nicht sehen, nicht erkennen, nicht verlieren, auch wenn ich es niemals besaß.
So schwierig bin ich schon für mich selbst, wie sehr dann erst für andere?
Wird der Weg leichter, wenn man erste einmal den Berg erklommen, die Wüste durchquert, das Meer durchschwommen hat?
Bleibt nicht ein Trugbild, eine dunkle Schattengestalt, die hinter jedem Fels, in jedem Hain, auf jeder Anhöhe lauert?
Ist das nicht nur das Trugbild, das wir als Kinder fürchteten, wenn man uns in den gruseligen Keller schickte um ein Dose Pfirsiche herauf zu holen, das Monster, das nie da ist, wenn man das Licht anmacht und vorsichtig unters Bett guckt – löscht man das Licht, ist es dann nicht sofort wieder präsent?
… Und habe ich diese unbegründete Furcht verloren, nur weil ich jetzt erwachsen scheine?
Bin ich vielleicht nur beherrscht?
Und was hat all das mit uns zu tun – der alltägliche Wahnsinn…
Treibt mich die Liebe zum Schreiben nicht dazu immer neue, verworrene Sätze zu erdenken, Worte zu erfinden?
Manchmal kenne nicht einmal ich diese Wahrheit… meine Wahrheit.
Kann ich Dir meine Liebe erklären?
Ich fürchte, dass ich es nicht kann, mir zum ersten Mal die Worte fehlen, ich mich fühle wie ein blinder Photograph, ein tauber Musiker, ein Fisch der nicht schwimmen kann; ein Blatt, das im Frühling noch nichts von seinem Herbstschicksal ahnt!!!?
Fiele ich, würdest Du mich von der regennassen Straße aufheben, mich wärmen, mir Schutz gewähren, mich sanft umarmen, wohl wissend um meine Vergänglichkeit?
Alles investieren um doch alles zu verlieren?
Nein, ich würde keinen Baum pflanzen, wenn morgen die Welt unterginge – würde meinen letzten Tag anders verbringen, keinem Wesen leben schenken, obwohl ich um sein baldiges Ende weiß – ich sehe diese Dinge als das was sie sind; nicht zu ändern, unausweichlich, vielleicht vorbestimmt…!?
Kein Grund erkennbar noch ein zusätzliches Opfer zu bringen, denn es wäre verschwendet, taugte nicht zum Andenken, denn es gäbe niemanden der sich erinnern würde.
Ich vermag zu denken, zu schreiben was ich will, und bin mir doch bewusst, dass ich nur dieses eine Leben habe, mein Werk einst Makulatur sein wird, gerade gut genug hinter einer Tapete zu enden oder ein Osterfeuer zu entfachen!
Nie kann ich neu anfangen, wenn doch, dann immer ohne Wissen über mein vorheriges Leben.
Ich bin von der Einmaligkeit, auch der Einzigartigkeit, meiner Person überzeugt – wäre ich es nicht…?
Diesen Gedanken lieber nicht beenden.
Es sieht so aus, als würde ich mich zu sehr hineinsteigern, scheint als verliere ich den Überblick – glaubst Du das?
Könnte ich mich wirklich selbst verwirren, über alle Maßen hinaus, ohne Ausweg?
Was will ich eigentlich, ja, was will ich Dir verdammt noch einmal sagen?
Zur Zeit, zur Zeit – nicht zur Unzeit!
Liebste Freundin, ich werde Dich kaum verwirren können, nicht in der Lage sein Dich staunen zu sehen über meine Art, meine Sätze, Gedankensprünge…

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Ich bin verrückt, muss einfach verrückt sein!
Draußen der schönste Frühlingstag seit Jahren und ich bin betrübt wie an einem grauen Wintermorgen – es gibt nicht einmal den geringsten Grund für mein Gefühl… doch es gibt ihn, aber er ist so abwegig, so krank, so egoistisch (ohne eine Recht auf Egoismus!)
Kennst Du das Gefühl, die Angst etwas verlieren zu können, trotz des Bewusstseins, dass es Dir niemals gehört hat?
Dieser Wunsch, der stärker als jede Vernunft, wider jeder Realität ist?
Es fällt mir unglaublich schwer nicht sentimental und melancholisch zu werden, dabei brauche ich dringend Klarheit, weil nachher noch ein Gespräch ansteht, dass für meinen weiteren Weg sehr wichtig sein könnte.
Kein Text will mehr gelingen, alles weigert sich, hat sich verschworen – dabei bin es selbst, der all dies verbricht, sich gegen jede Norm stemmt, nur des Kampfes wegen, ohne jeden Sinn… vielleicht nur um nicht nachdenken zu müssen – doch ist das Grund genug gleich alles in Zweifel zu ziehen, nichts mehr wichtig zu nehmen, sich zu schämen für sein Leben, für jede Handlung Rechenschaft vor sich selbst ablegen zu wollen?
Niemanden ist es wichtig wie ich bin, was ich fühle, und sie haben recht – ich fühle es nur, weiß den Grund nicht, weiß dass es in Ordnung ist…
Der Versuch zu lächeln, unbeholfen, gezwungen, weil es kein ehrliches Lächeln ist, ich innerlich weine, die Tränen zurückhalte – was für ein Lächeln kann dabei schon heraus kommen?
Und Du weißt zu wenig von mir, als dass Du mich trösten, mir helfen könntest… ich noch nicht in Gänze bereit Dir zu erzählen was für ein Mensch ich bin, muss damit leben, kann Dir schreiben; verworren vielleicht, aber immerhin schreiben.
Bin ich fast schon am Ende meiner Weisheit, finde ich doch noch einen Weg, einen der mich nicht zurück führt?

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Ja, ich liebe Dich und ich bin sicher, dass Du es richtig verstehst, nicht annimmst, ich würde etwas von Dir wollen, was wir beide uns ohnehin nicht vorstellen können – können wir nicht, oder? Nein, wir können nicht, wollen nicht können, sollen nicht wollen um zu können bla, bla, bla…
Ich bin zu frech, um zu schweigen, zu offen um alles auszusprechen, zu verschlossen Dir keinen Schlüssel zu geben, und ich bin verwirrend, einfach, schwierig zugleich – nicht für viele zu verstehen, es ist gut so.
Mache mich nicht allseits beliebt, denn ich würde es ohnehin nicht schaffen, nicht durchhalten bis zu letzt, würde die Maskerade irgendwann abbrechen und alle wären entsetzt über mein wahres Ich – ein Spiel, das man nur mit Leuten treiben sollte, die man eigentlich so wieso nicht mag, zu denen man Dinge sagt wie: „Ich finde dich nett!“ und es auch so meint… Nettes Wetter heute, nettes Auto, wir waren nett essen, haben uns nett unterhalten; wie widerlich, mittelmäßig, nichts für meine Welt.
Doch ich sollte nicht so kritisch sein, weil auch sie vielleicht mal nicht „nett“ sein können, auch wenn es ihnen wohl zu anstrengend wäre.
Muss ich mir den jeden verdammten Kopf der Erde zerbrechen, muss ich immer gut sein, stimmig, kann ich nicht schräg sein, abgedreht – ich kann’s nicht nur, ich bin es ständig, es ist meine Normalität – will ich für mich verrückt sein, dann bin ich eben einen ganzen Tag lang „nett“ zu allen, spreche Belanglosigkeiten aus, als hätte ich nie etwas anderes getan.

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Ich schreibe, gehe nicht ein auf Dich, Deinen Brief, weil ich mich daran halten will, mir nicht auch noch Deine Traurigkeit zu eigen machen soll… was wäre ich für ein Freund, wenn ich es nicht täte, und was verlangst Du da eigentlich von mir… Du solltest mich besser kennen (ich weiß, Du tust es ja)!
Doch wer bin ich, dass ich Dir raten könnte zu kämpfen, oder einen Schluss-Strich zu ziehen?
Du reibst Dich auf, wie ich es tue, bist verletzt, weil auch dies‘ ein Teil Deiner Person ist, nicht nur, weil Dirk sich nicht so geben kann (ich hoffe es liegt nur am nicht Können!), wie Du es Dir wünschen würdest, es Dir vielleicht erhoffst – wäre er dann noch der Mann für Dich – ein Frage, die Du wahrscheinlich nicht beantworten kannst.
Ist Lars nicht auch kühl, unnahbar; er war früher ganz anders.
Nein, ich lasse mir gute Zeiten nicht vermiesen, auch wenn sich einige Menschen zu ihrer eigenen Karikatur entwickeln.
Du kennst Dirk wahrscheinlich gar nicht anders, weshalb willst Du es also anders haben; liebtest Du ihn nicht wegen Dinge die er sagte, tat; hat er sich dort geändert?
Vielleicht braucht ihr Euch nicht, nicht mehr, vielleicht fangt ihr neu an – ihr entscheidet, gemeinsam, jeder für sich – und akzeptiere es, auch wenn Du glaubst sterben zu müssen – zwar kann ich Dir nicht sein, was Dirk für Dich ist, aber ich werde bis in alle Ewigkeit (soll heiße für die Zeitspanne meines Lebens) für Dich da sein.
Auch ich werde Dich verletzen, aber ich werde niemals gehen solange Du mich festhältst…
Als kleines Versprechen, wenn es auch nicht in der Lage sein kann, oder will, Dir Deine / Eure Entscheidungen zu erleichtern; von abnehmen ist hier keine Rede.
Ich glaube, dass Du selbst weißt, wann Du genug gelitten, genug gegeben, genug gekämpft hast – verlass Dich einfach auf Deine Intuition, auf Deinen Instinkt – es gibt immer eine Entschuldigung etwas nicht zu tun…!

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Ich öffne eine Flasche Rosé, am hellichten Nachmittag, vergesse mein Vorhaben eine Stunde zu schlafen, kann nicht aufhören Dir helfen zu wollen, Dich wenigstens zu trösten; vergebens.
Diese Worte zu schreiben ist das Einzige was mir bleibt, doch sie sind so gering, so unfähig – ich weiß nur nicht weshalb, und wozu sie nicht fähig sind.
Ich bedauere, dass ich Dir die Kurzgeschichte geschickt habe, denn ich glaube, dass sie nur alte Wunden aufriss; mehr als sie Dir half ein Stück der Trauer zu verarbeiten.
Ich Idiot schicke Dir etwas ohne darüber nachzudenken; wie roh, wie gefühllos bin ich doch in Wirklichkeit, wie leer mein Hirn, wie groß meine Unwissenheit?
Es tut mir leid, ich wollte Dich nicht verletzen, jetzt, wo Du doch verletzt genug bist – irgendwann kann ich es sicher wagen Dir einmal weh zu tun, weshalb nur tue ich es zur Unzeit?
Fast fürchte ich, dass Du noch einmal anrufen könntest und ich bin versucht den Anrufbeantworter eingeschaltet zu lassen – aber ich werde da sein, werde mit Dir sprechen, werde versuchen…
Ich kann Dich sehen, Rotgeweinte Augen, ein Blick wie durch einen Schleier hinaus durchs Fenster in den grauen Himmel, auf die grauen Häuser, in Deine graue Seele – es bleibt nicht so, und Du weißt es schon.
Warum sollte man nicht verzweifelt, nicht traurig sein, wenn das Leben, das Schicksal seinen trübsinnigen Regen über einen ausschüttet?
So wogt das Leben hin und her, ist sowohl Wüste als auch Meer, ist besiegen und verlieren, gewinnen, lamentieren…
Schweige ich in meinem Sinn, in meiner Einsamkeit?
Zuweilen sehe ich die Monster, die sich niemals besiegen lassen, die unsterblich sind, uns quälen durch alle Zeiten des Daseins.
Das Leben hat Dich nicht vergessen, wird Dich nicht fallen lassen, lässt Dich leiden, vielleicht um Dir zu zeigen, wie wichtig Du Dir selber bist, sein sollst; denn Du bist das Leben.
Ich kann nicht glauben, dass es ein Ende ohne wirklichen Anfang gibt, bin nicht bereit zu akzeptieren, dass Du Deine Welt aufgibst, Dein Leben veränderst für nur einen Menschen, für nur eine andere Seele.
Man kann vieles ertragen, vieles erdulden – Du musst es nicht.
Gib‘ mir Kraft, schenke mir Wärme; sie ist schwer zu finden in dieser Welt.
Kann ich Dir auch nicht glaubhaft machen, dass Du wieder auf die Füße kommst, so glaube mir doch bitte, dass ich Dich nicht verlieren kann, es geht einfach nicht – so unfair kann es in diesem Leben einfach nicht zugehen!
Du Liebe, Liebe!
Sei nicht der Engel oder Teufel meines Lebens, sei einfach Du – es würde mir nicht mehr geben können, wenn Du Engel oder Teufel wärest.
Du sprichst nicht für Einseitigkeit, ebenso wenig wie ich es tue, Du bist nicht nur Du, bist eben so sehr ich, vielleicht mehr, vielleicht wahrhafter.
Wieder sehr wirr mein Wort, wieder sehr schwer zu verstehen, doch ich trage die Überzeugung für Dich in mir, wünschte Du wärest ebenso überzeugt von Dir.
Und ich will mich nicht unersetzlich machen, zu schwer wäre dann ein Verlust, so wie es auch für mich mit großem Schmerz verbunden wäre Dich zu einem unersetzlichen Teil meines Lebens zu machen, Dich möglicher Weise zu verlieren…
Schon ist es zu spät, schon würdest Du ein Lücke hinterlassen, zu groß um eine neue Brücke darüber zu schlagen, zu tief um sie mit Träumen zu füllen.
Ich umarme Dich, weine mit Dir, bin beruhigt wenn Du es bist, schlafe ein mit dem Gedanken an Dein Hiersein, Dein Beimirsein…
Lebte ich für immer, dann wärest Du Grund genug dem Leben jeden Tag neuen Sinn zu verleihen – auch wenn es nur geliehen ist; so ist das Leben, so sind wir.
Was würde ich tun wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte? Und was würdest Du tun?
Ich beantworte keine Frage die sich mir nicht stellt; noch nicht stellt… Ich hoffe sehr, dass auch Du nicht über diese Frage nachdenkst und schon genau weißt, was Du an Deinem letzten Tag tun würdest.
Wenn ich Dein letzter Tag wäre, dann würde ich Dich bitten mich nicht zu verplanen, mich zu nehmen wie ich bin, nicht die Sekunden zu zählen…
Mein Wille ist aber so unerheblich, weil ich nicht daran glaube, dass es jemanden gibt, der sich nach meinem Willen richtet – ich denke nicht, dass ich die Person mögen würde, wenn es sie denn gäbe.

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Vielleicht hast Du recht, vielleicht bin ich nicht anders als Dirk – Papier ist schließlich unendlich geduldig; wie also wolltest Du die Wahrheit erkennen? Das Wesentlich ist für das Auge unsichtbar, und ohne Vertrauen wirst Du niemals wieder zu Dir selber finden, wirst mit jedem Blick nur Dinge sehen, die Dich an „ihn“ erinnern – wenn Du das möchtest, dann tu es, wenn Du es für richtig hältst, dann versuche Dich noch mehr selbst zu verlieren, gib Dich auf für einen anderen Menschen; Du würdest mir unendlich leid tun, aber ich gebe Dir keine Ratschläge die eine Wirkung herbeiführen, gebe Dir höchstens den Anstoß die Dinge von ihrer anderen Seite zu betrachten, nicht immer alles einfach so zu glauben (was Du ja so wieso nicht tust).
Ich weiß schon weshalb es heißt, das Liebe blind macht, aber mir wird nur ganz langsam bewusst, dass sie auch blöd machen kann, man sich wie ein (e) Trottel (in) benimmt – doch auch dazu hast Du das Recht, musst nicht immer mit Bedacht vorgehen, kannst mitten hinein springen ohne zu denken, taktisch unklug reagieren.
Ich werde Dich trotzdem nicht allein lassen, egal wie dumm Du Dich benehmen willst, denn dazu habe ich das Recht – solange, bis Du mir dieses Recht entziehst....
Nichts wird je so schlimm sein, dass ich mich nicht selber trösten kann; ich glaube das Selbe von Dir, und vielleicht sind wir Eins genug um nie wieder alleine zu sein – auch wenn Du irgendwann mal heiratest, Kinder hast etc… ich hoffe zu bleiben was ich heute bin… doch was ich bin verrate ich nicht!
Vielleicht bin ich ehrlich (im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten als Berufslügner), vielleicht bin ich aber auch eine Fiktion, ein Traum, eine Brise vom Meer, eine Zeile in Deinem Poesiealbum, der Tanz der Nacht, der Morgennebel – ich bin alles und nichts davon, denn ganz so wie Du es Dir wünscht wird es nie sein, werde ich niemals sein können, will und kann ich nicht sein!
Und was ich auch täte, schriebe – Du wärest wahrscheinlich immer enttäuscht, weil Träume eben Projektionen schaffen, der keine Realität stand halten kann, zu unvollkommen wird alles sein mit dem Blick des Träumers…
Bist Du jetzt zufrieden, bist Du endlich geheilt vom Traum der absoluten Liebe – kann es sie denn überhaupt geben?
Und schrieb ich das wirrste Zeug zusammen, ich könnte mein wahres Ich nicht vor Dir verbergen, wenn Du es nicht willst – wollen musst Du natürlich!
Hast Du Dich wirklich so abhängig gemacht? Wenn ja, dann muss ich zu meinem Bedauern sagen, dass ich es verstehen kann, es aber dennoch für verrückt halte (ich bin Experte in diesen Dingen, wie Du weißt), weil kein Mensch es wert ist, mehr von Dir geliebt zu werden als Du Dich selbst lieben solltest.
Manchmal hasse ich meine Intelligenz; so vieles wird durch sie erst schwer, unerträglich, doch sie ist nicht in der Lage etwas zu ändern – andere bestimmen.
Machen wir uns nicht selber zum Sklaven der Gefühle? Ja, wir tun es, und wissen genau was passiert, wenn das Ende naht; dennoch machen wir es immer wieder, verlieben uns, hassen uns, hassen sie, ihn, es…
„Ich bin nicht einsam, ich bin nur allein – manchmal wünschte ich nie geboren zu sein!“
Bringe ich es auf diese einfache Formel – zu einfach, keine Uhr der Welt könnte mich am Tage der Empfängnis fragen, ob ich es vorziehen würde lieber nicht geboren zu werden.
Ich liebe mich, ich liebe Dich – was sonst ist wichtig? Alles und nichts, denn der Moment entscheidet, das Gefühl wirft uns nieder, hebt uns in den Himmel… Traurig der Mensch der immer lacht; ihm glaubt man nicht, dass er auch weinen kann, und wenn ihm auch das Herz zerbricht, man sieht es ihm nicht an!

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Eigentlich wollte ich ja nicht gleich wieder schreiben, mir mal etwas Zeit lassen – zum Nachdenken, um mich vielleicht selber etwas mehr zu erkennen, mich nicht immer wie eine Schattengestalt im Nebel zu fühlen, aber irgendwie kann ich es doch nicht lassen… zu schwer Deine Wechsel zwischen „damit abgeschlossen haben“ und „es doch noch nicht richtig wahr zu nehmen“.
Trotzig hören sich Deine Worte an, dann wieder verzweifelt, überspitzt, verletzt – ich kenne diese Gefühle nur zu genau, verstehe sie auf eine Art, die man wohl nicht als logisch ansehen kann.
Doch was macht es schon aus, und was ist schon logisch?
Habe mir dann auch einfach für 200,- Kracher Freizeitschuhe gekauft (na ja, eigentlich, aber da mein Bruder ein hohes Tier bei Karstadt ist, habe ich nur 118,- bezahlt). Ich habe ihn seit Monaten, wahrscheinlich noch länger, nicht gesehen, aber er hat mir die Prozente dennoch aufgedrängt, mit mir einen Kaffee in der Karstadt Kantine getrunken.
Im nachhinein glaube ich, dass er mir etwas Wichtiges sagen wollte, aber ich kann mich irren...
Vom gesparten Geld gehe ich auf den Hafengeburtstag und anschließend wahrscheinlich zum Essen.
Mir kann es gut gehen…
Ich werde wahrscheinlich sogar meinen Sohn einladen, wenn er denn mal Zeit haben sollte.
Inzwischen ist es auch schon wieder 21.30 h, und wenn ich bedenke, dass ich diesen Brief um 14.00 h angefangen habe, dann wird mir ganz anders – was habe ich eigentlich die ganze Zeit über gemacht?
Ich habe es mir gut gehen lassen, nicht darüber nachgedacht, ob es jemanden anderen gut geht; und ich gebe zu, nicht einmal an Dich gedacht zu haben…
… fühle mich deshalb nicht einmal besonders schlecht, weil ich immer sehr intensiv an Dich denke, sehr oft außerdem…
Jetzt, in diesem Moment, schon voll von Wein, bin ich hin und her gerissen – soll ich schreiben was ich denke, oder lieber was ich fühle?
Du, eine Frau (noch gar nicht so lange!!!), bist mir so vertraut, so nahe, und dennoch stehe ich nicht auf Frauen!
Bin ich schwul? Nein, eigentlich nicht! Bin mir gar nicht bewusst, ob es Dir überhaupt wichtig ist, ob es mir wichtig ist, ob es Dir wichtig ist.
Ich weiß eigentlich nicht was oder wen ich lieben soll (körperlich meine ich), nicht einmal wen ich lieben will (immer noch körperlich).
Deshalb kann ich Dich auch lieben, weil ich gar nicht weiß, ob ich Dich befriedigen könnte, es wollte, sollte, möchte; und Du, frage ich nicht nach dem, was Du Dir vorstellst?
Werde ich diesen Brief überhaupt abschicken?
Werde ich Dich verlieren, wenn Du weißt dass ich irgendwie, aber nicht so bin wie Du mich Dir wünschen würdest?
Wenn es so wäre, dann würde unsere Freundschaft nichts taugen, wäre nur oberflächlich, nichts sagend… wenn man sie nur näher betrachtete.
Ich könnte Dir über meine Beziehung zu Mädchen und Jungen schreiben, könnte versuchen Dir die Nähe zu vermitteln die ich spürte, die ich in mir aufsog… es würde keine Änderung bewirken und ich bin sehr gespannt auf Deine Reaktion – weil ich wohl doch auf Typen stehe – ein Schluck Wein mehr und ich kann Dir auch noch beichten, dass Du die erste bist, die mich als Frau anspricht, obwohl ich Dich nicht einmal kenne.
Ich könnte mit Deiner Verachtung leben, könnte verstehen, wenn Dich meine Zeilen jetzt nur noch erschaudern lassen und nicht mehr zum Lachen, zum Weinen, zum Schweigen bringen.
Ich bin so froh, dass Du es weißt, ich nicht mehr darüber nachdenken muss, ob Du mich dennoch liebst – so wie ich Dich liebe.
Ich werde diesen Brief jetzt ausdrucken, bevor ich es mir anders überlege, Dir vielleicht unbegründete Hoffnungen mache – wenn es denn Hoffnung gibt; ich gebe sie nicht auf! – denn vielleicht kann ich auch anders lieben....ob ich es will? Ich wünschte mir Dich jetzt zu sehen, Deine Reaktion zu spüren, und Dir zu sagen: „Ich liebe dich!“

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… Und die Sonne scheint immer noch, auch wenn ich mir nicht 100% ig sicher war, dabei hätte ich mit einem einzigen Moment des intensiven Denkens an Dich wissen können, dass Du nicht der Mensch bist, der andere Menschen wegen ihres „Andersseins“ ablehnt.
Ich bin von Grenzen überzeugt, sicherlich nicht viel weniger als Du – die Richtung ist eben nicht ganz die gleiche.
Schon ist dieser schöne Tag auch fast wieder zu Ende; und Dein Brief kam gestern, ich nicht wissend, wie weit ich meine Ehrlichkeit durch diese Maschine fließen lassen könnte, Dich lieber sehen, spüren wollte – weil ich Dich aber nur über Deine Worte, vielmehr deren Inhalte definieren kann – wünschte ich mir doch mehr… ein Blick in Deine Augen, in Deine Seele möglicher Weise… vielleicht scheint es doch ein wenig vermessen von uns, uns so gut zu kennen zu glauben.
So voll Wahrheit habe ich mich selten gefühlt, so aufgeweckt und gleichzeitig unendlich müde, weil all dies jeden Tag neue Kraft kostet – ich sehe die Jungs, weiß wie sie mich sehen – niemand will glauben wie ich fühle, manchmal nicht einmal ich, aber ich weiß es nur zu genau, kenne diese schmerzhafte Sehnsucht in den Arm genommen werden zu wollen…
Ein lächelnder Junge, ein niedliches Gesicht und ich bin hin und weg – bin ich froh, dass ich nichts mit „wirklichen“ Jungen anfangen könnte, nein, es sind die, die sich selbst entdecken, gerade anfangen auch diesen Teil des Lebens zu erfahren – ich weiß es… nie mit mir, selbst wenn sie wollten; sicherlich würden sie sich nicht trauen „so etwas“ zu zugeben… Doch ich weiß, dass dort einige sind, die sich verstecke, die Angst davor haben ausgelacht zu werden, sich in die Cliquengemeinschaft fügen müssen um nicht allein zu bleiben – wenn sie nur wüssten wie gerne ich ihnen helfen, ihnen ersparen möchte mit dieser Lüge zu leben, vielleicht sogar mit ihr zu sterben.
Ganz im Ernst, mir glaubt es keiner!!!!
Denken denn alle, dass ich mich damit interessant machen will? Wie kleingeistig denken sie, für wie verzweifelt müssen sie mich halten, wenn sie glaubten ich würde es einfach nur so sagen… ich, der, der große Soldat war, der Kämpfer, der Widersacher, Schlichter, besonnen, aber nicht ängstlich, sich wehrend wenn Deeskalation nichts mehr half, sogar selbst angriff… Ein Schwuler kann so etwas doch gar nicht, oder!? Und ob er kann!!
Zu männlich, zu untypisch, als dass es stimmen könnte – deshalb bin ich allein, weil ich die Szene nicht mag, mit ihrer aufgesetzten Weiblichkeit, die, die Frau nur lächerlich erscheinen ließe, wenn sich eine denn so benähme; dieses Gekreische, dieses Getucke… ich hasse es, kann nichts damit anfangen.
Bin eben einfach normal schwul – soll ich mir etwa ein Schild umhängen, damit mich auch die erkennen, die vielleicht Interesse hätten? Ich denke, dass man mir auch dann noch nicht glauben würde.
Nun ist es fast schon 22.30 h und ich sollte so langsam ins Bett gehen, wenn ich denn überhaupt noch schlafen will – müde bin ich zwar, aber ich schäme mich auch, weil ich Dich so lange auf diesen Brief habe warten lassen – dabei weiß ich doch, wie sehr Du auf meine göttlichen Gebote wartest! Ha, ha!
Ich werde diesen Mischmasch aus Herzschmerz, Lebenslust, Allein- doch nicht Einsamsein Schrieb morgen fertig stellen.
Sei bis dahin lieb umarmt und geküsst – das hätte ich vielleicht doch nicht schreiben sollen, aber was macht es schon in einem Leben; Fehler oder Richtigkeit? Ermessensspielraum heißt das wohl – oder wie sehr kann ich Frechheit eines anderen erlauben, erlieben, erwünschen, ersehnen…?

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Guten Morgen meine Freundin!
Ich stelle mir vor, ob Dein Tag auch schon begonnen hat, ob Du Dich vielleicht noch gemütlich in Dein Bett kuschelst – wenn ja, dann hoffentlich mit schönen Träumen (somit keine über mich!!).
Ich stehe nicht gerne früh auf, bin eher ein Nachtmensch, aber ich habe dennoch nie schlechte Laune, egal wie früh ich aufstehen muss.
Mehr zu schreiben ist leider nicht möglich – muss gleich los...darf meinen Bus nicht verpassen.
Heute Mittag wird dieser Brief endlich seinen Weg in den Briefkasten finden, so dass Du ihn als Wochenendgruß erhalten wirst.
Bis nachher also!

Nun hat das Wochenende also endlich begonnen – und gleich mit einem Brief von Dir… den muss ich nun erst einmal lesen, denn ich bin einfach zu neugierig.
… Wäre ich stolz, wenn Du mir einen Titel widmen würdest – nicht über mich schreibend; über unsere Freundschaft… wenn da man nicht mehr ist…!?
Und wieder dieses Wissen bevor die Worte mich erreichten (siehe heute früh) – irgendwie schade, dass ich diesen Brief nicht schon heute Morgen abschickte, so wäre kein Zweifel… nun bleibt es ein wenig komisch, weil ich ja heute Deinen Brief bekam, in dem Du schreibst, was ich Dir in die Träume diktierte, was Du schon vorher träumtest – wie herum auch immer, es ist einfach nur schön; mehr Vertrautheit und ich würde Dich heiraten, aber das ginge ja nicht, weil ich dann Du wäre… Also wenn ich sage ich liebe Dich, meine ich da etwa mich? Und ich liebe mich; keine Frage, ich meine Dich… so in etwa stelle ich mir Seelenverwandtheit vor (von der ich ja auch schon des Öfteren schrieb).
Kann all dieses immer nur ein Zufall sein? Und wenn – lieber glaube ich an das Wunderbare, an Dich, an eine Liebe, die fast schon ohne Worte auszukommen scheint.

Zu Deinem Resümee Dirk betreffend könnte ich so vieles schreiben – erlebte diese Geschichte; aber immer nur für mich, verwickelte nie jemanden darin, liebte schweigend, vielleicht schmerzhafter als Du, da ich wusste, dass ich wohl niemals eine Chance haben würde.
Aus meiner heutigen Sicht hätte ich vielleicht einfach mehr wagen sollen, dann hätte ich wenigstens nicht grundlos gelitten (vielleicht auch gar nicht), geheult, nächtelang, blind am Tage für die Schönheiten, die Du mir zu beschreiben versuchst.
Ich weiß nur, dass uns niemals so etwas passieren wird – Du bist anders als damals (bist Du es?), ich nicht wie Dirk…

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Dein zwanzigster Brief kam heute früh – nun halte ich ihn in Händen, und obwohl ich mir bei jedem Deiner Briefe vornahm ihn erst später, in Ruhe, zu öffnen, habe ich es wieder nicht einhalten können.
Nun klingelt auch bei mir mal das Telefon…: “Nein, Lars ist nicht da… bla, bla, bla!“
Seine Freundin ist’s; sie gehen in die gleiche Klasse, wollten heute zusammen schwimmen gehen... Wird doch wohl heute nicht die Schule geschwänzt haben? … Und wenn? Seine Sache.
Mir geht’s einfach gut – hauptsächlich durch Dich.
Die Sonne macht sich ein Spaß daraus über die Tastatur zu tanzen, mich zu verwirren (in jedem zweiten Wort ein Fehler), dazu ein leichter Wind, der durch die Kastanie vor meinem Fenster weht, die Blütenblätter über die Straße treibt, Kinderlachen auf dem Hof, Geschirr klappert irgendwo, jemand übt Klavier, dazwischen Hundegebell…
Wie hätte ich diese Einfachheiten gesehen, wenn ich nun nicht auch Deine Sichtweise zu verstehen glaubte?
Vielleicht ist es gar nicht so gut, wenn Du weißt, wieviel Du mir beigebracht hast – wärest möglicher Weise eingebildet auf Deine Fähigkeiten; auch wenn mir das bei Dir doch eher unwahrscheinlich zu sein scheint.
… Und doch urteile ich über Menschen, bin nicht immer ohne Vorurteile… sie selbst benehmen sich auf irgend eine Art und Weise, die mir zuwider ist, und schon habe ich ein Urteil gefällt; bin schnell zur Hand mit dem hochmütigen Blick des Richters (der sich doch so schnell erweichen ließe!).
Menschen die ich doch niemals wieder sehen werde – weshalb sollte ich sie nicht beurteilen… im Wagen vor der Ampel, die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht, den Arm aus dem Fenster gelehnt und den Motor wie wild aufheulen lassen – wieso sollte ich nicht meinen: „So ein Idiot!“?
Bin ich eben vollkommen unvollkommen, was soll’s?
… Und je mehr ich lerne, sehe, verstehe, desto unvollkommener werde ich – tausend Seiten bedenkend, die für einen Menschen, die Situation in der er steckt und seine daraus resultierenden Verhaltensweisen entscheidend sein können…! Schwerlich vorstellbar, da ein gerechtes Urteil abzugeben.
So entscheide ich spontan, weiß um die Möglichkeit mein Urteil revidieren zu können; später, vielleicht.
Versuchte mich darin Lars mal wieder zu trösten (es ist schon so lange her, dass er mal über seine Gefühle gesprochen hat).
Die Gründe sind unerheblich für Dich, aber vielleicht ist es Dir wichtig zu wissen, dass ich nicht so wahnsinnig erfolgreich war.
Ich war wohl noch nie sonderlich gut nur mit gesprochenen Worten zu trösten, brauchte immer auch meine Gestik, meine Nähe, streichelnde Hände… so etwas gibt es leider nicht mehr zwischen uns.

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Weder meine Briefe, noch sonst irgend etwas an, oder in mir, sind es wert, dass sich irgend jemand davon abhängig macht, seine Gewohnheiten ändert…
Ich hätte gerne mit Lars über Dich gesprochen, aber er würde uns nicht verstehen, weil er Beziehung zur Zeit auf das „eine“ zu reduzieren scheint.
Er ist zwar inzwischen wieder etwas öfter hier, aber wirklich da scheint er nicht zu sein, immer ein wenig abwesend, mit seinen Gedanken nie ganz bei der Sache - Kilometer voraus, oder Kilometer zurück, wer will das schon beurteilen (ich sollte es können, müsste es können!).

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Mein Vatertag war ziemlich traurig, auch wenn mir Feiertage eigentlich egal sind.
Irgendwie hänge ich doch noch zu sehr an Lars, als dass es mir egal wäre, wenn er sich benimmt, als sei ich Luft – nur wenn er mal Geld braucht, bin ich plötzlich wichtig.
Es tut schon ein bisschen weh, zu sehen wie aus unserer kleinen Familie eine WG wird, in der niemand mehr daran interessiert ist, was der andere macht (ich würde mich schon dafür interessieren, ob es Lars gut geht, aber er redet ja nicht mehr mit mir).
Wenn sich wenigstens eine Freundschaft entwickelt hätte, wenn sie der Ersatz für die Vater- Sohn- Beziehung gewesen wäre… aber es ist einfach nur noch Leere, kalt, herzlos, schwarz.
Ich weiß, ich sollte es positiv sehen, aber es gibt leider nichts Positives daran, vielleicht bin ich auch nur zu blind es zu erkennen, oder will es einfach nicht sehen…!?
Ich versuche locker zu bleiben, aber je mehr ich es versuche, desto verkrampfter werde ich – irgendwie ein scheiß Gefühl.

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Was für einen schönen Tag Du mir beschert hast – ist schon wieder Weihnachten, oder habe ich Geburtstag?
Zwei Briefe an einem Tag und ich komme kaum noch hinterher, muss mich anstrengen Dir zu folgen, will Dich auf keinen Fall aus den Augen verlieren…
Puh, es ist gar nicht so leicht mit der Jugend Schritt zu halten, sie zu verstehen und auch noch den Versuch zu wagen ihr wichtig zu sein, sie etwas zu lehren (ein wenig, da Du schon alles zu wissen scheinst!).
Neben Dir komme ich mir manchmal wie ein kleiner Junge vor, der mit leuchtenden Augen die Akrobaten im Zirkus bestaunt; völlig abwesend, gefesselt von einer anderen Welt.
Bist Du wirklich erst 17?
Was wagen ich mich hier eigentlich – ich weiß doch genau wie unterschiedlich die Menschen sein können, ganz egal wie alt oder jung sie sind.
Ein Blick in den Spiegel und Du stehst neben mir, bist ein Schatten, immerdar, wirst mich niemals verlassen…
Wie beruhigend und aufwallend zu gleich dieses Gefühl ist, so unbeschreiblich, so konfus.
Ich muss eigentlich gar nicht auf Deine Briefe Antworten, könnte sie immer nur lesen – würde mich selber finden, und noch eine ganze Menge mehr.
Es ist so, dass ich noch mehr in mir trage, wahrscheinlich niemals in der Lage sein werde Dir zu erklären wie, wer oder was bin.
Nicht von dieser Welt und doch mitten in Dein Herz hineingeboren, tausende Kilometer Tränen schufen Meere…
Du erahnst die Dinge die auf Dich warten; ohne Angst, hoffe ich.

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Was fällt Dir eigentlich ein, ohne mich auf das Grönemeyer-Konzert zu gehen?
Dieser verrückte Genialist spricht mir so oft aus der Seele, als wäre er ich, oder Du.
„Bleibt alles anders“ ist so mit die höchste Kunst dem Normalo nichts zu sagen, während sie für uns nur ein Gedicht unserer Selbst ist – ich könnte die Wände hoch gehen, weil ich Herbert niemals kennen lernen werde… man kann nicht alles haben!
Vielleicht ist Dir schon aufgefallen, wie sehr sich meine Gedicht von meinen Briefen unterscheiden?
Wie eindeutig meine Gedichte für einen normalen Menschen sind, für jeden verständlich, weil sie aus der Rubrik „Dichtung für alle“ kommen – aber es gibt da auch noch andere Sachen, voll von Verrücktheiten, interpretierbar (sie müssen sogar interpretiert werden!).
Du wirst bald einige Kostproben bekommen.

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… Und schon wieder erreichen mich zwei Briefe von Dir (ausgerechnet jetzt, wo ich mich richtig ätzend fühle – Halsschmerzen, Schlappheit etc.).
Heute war ein ziemlich heftiger Tag, den ich lieber ganz schnell vergessen möchte; wieder einmal helfen mir Deine Zeilen dabei, bin nur noch gefangen von Deinen Worten.
Bin ich es oder Du, der/die hier die Maßstäbe setzt?
Das ist das Schöne an unserer Freundschaft (ich vermeide mit Absicht das Wort „Beziehung“), weil niemand der Führende ist, niemand bestimmt.
Es kommt wie es kommt, und manchmal denke ich, dass wir uns doch niemals sehen werden – ist es überhaupt nötig?
Ich will Dich unbedingt kennen lernen, aber ich würde auch ohne direkte Nähe leben können; zumindest so lange, bis wir uns einmal gesehen haben – was dann wäre, weiß ich nicht zu sagen.
Du kritisierst mich so bedingungslos, ohne eine echte Antwort zu erwarten.
Meine Kurzgeschichten sind nicht besonders gut, das habe ich schon immer gewusst – sieh auf die Daten, dann weißt Du, wie viel ich verbessern, zumindest aber verändern könnte (auf meine Gedichte lasse ich aber nichts kommen!).

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Habe mir für morgen einfach frei genommen – ohne Rücksicht auf die, die meine Arbeit machen müssen, kein Gedanke an die armen Seelen, die ein wenig von sich selbst geben müssen.
Mir geht es nicht einmal schlecht dabei, weil ich mich wirklich beschissen fühle, gar nicht weiß, ob ich morgen überhaupt arbeiten könnte – so habe ich der Zukunft einfach einen Schritt abgenommen, mich selber befreit von der unsäglichen Tätigkeit; zumindest für einen Tag.
Ich leide ständig, auch wenn ich mir inzwischen selbst eingeredet habe, dass es nun einmal so sein muss (von wegen Leistungsgesellschaft und so…).
Ohne Geld ist die ganze Welt nichts (Du siehst wie uns das Geld von einander fern hält!).

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Wieder ein Brief von Dir – kann kaum klar genug sehen um ihn zu lesen.
Musste mich telefonisch mit der Sekretärin meines Chefs ablabern, weil der unbedingt wissen wollte, ob ich morgen wieder arbeiten würde – ja, verdammt ich gehe morgen wieder hin (und wenn ich da zusammen klappe, dann ist es denen so wieso auch egal).
Inzwischen merke ich immer mehr, wie unwichtig man in dieser Welt für diese Welt ist – nicht viel mehr als ein Staubkorn im Auge des Universums, und wärest Du nicht, wüsste ich nicht weshalb ich mir weiter Gedanken über den Sinn und Unsinn des Daseins machte.
Schreibe weiterhin meine Gedichte, Kurzgeschichten (Du meinst sie sind krass? Na warte mal ab!)
und denke mir meinen Teil, spinne mir eine Welt zurecht, in der nur Platz für uns beide wäre, die wir nach kürzester Zeit hassten, weil wir andere Menschen vermissten, uns selbst doch nicht genug wären.
Mir platzt gleich die Schädeldecke weg, aber ich kann nicht aufhören meine Schwachheiten in diesen Kasten zu schreiben (man, habe ich schon viele Nächte mit diesem Ding verbracht – glücklicher Weise bin ich noch nicht schwach geworden, konnte mich beherrschen. Ha, ha.).
Kann es sein, dass Du gerne eine Antwort auf die Frage, ob ich zu Deiner Geburtstagsfeier erscheinen werde, haben möchtest?
Du bist ganz schön hinterhältig, von wegen Dietmars Telefonnummer etc.
Da macht mir die Süße tatsächlich Hoffnung, und vergisst dann die Telefonnummer auch aufzuschreiben (hast Du bestimmt mit Absicht gemacht! Wetten?)
Ich könnte Dir noch gar keine Antwort geben, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich meinen Wünschen tatsächlich gegenüber stehen möchte (was passiert dann?).
Wird nichts passieren? Was erwarten wir von uns? Kann es sein, dass wir ein bisschen bescheuert sind?
Stell Dir einmal vor es gäbe mich gar nicht, ich wäre eine Fiktion, die sich irgend ein Mensch ausdachte – eingefädelt um Dich zu täuschen, perfekt gemacht, mit Photo, Anrufbeantworter; wirklich real?
Eine gemeine Vorstellung, da ich der Meinung bin, dass diese Person zu weit gegangen wäre – aber keine Sorge, ich bin ziemlich echt, und echt verrückt (Du musst schon entschuldigen, wenn ich Dich ein bisschen ärgere, kommt weil ich krank bin; über meine üblichen Krankheitsbilder hinaus!).
Ich war mir meines „Andersseins“ so sicher, und plötzlich kommst Du mit einigen Zeilen in meine kaputte Welt geschneit – alles verändernd, verunsichernd, klärend, aus dem Nebel der Zeit hebend, tanzend durch meinen Sinn, wie ein Schmetterling über hitzeflimmernde Kornfelder flatternd, mich zu einem Teil ihrer selbst machend – Du verrücktes Etwas, verrückt genug um mir ebenbürtig zu sein, mich vielleicht sogar noch überflügelnd im Abgedreht sein.
Stellst Dich gegen die Zeit, versuchst mir mehr zu sein, als ich mir vielleicht wünschen würde, vorstellen könnte, unbeabsichtigt vielleicht, weil ich lese was nicht jeder liest, denke was nicht jeder denkt, hoffe worauf nur Du mich hoffen lässt (und liebe ich das Alleinsein, hasse ich doch die Einsamkeit).
Nein, verwirren kann ich Dich nicht, auch wenn ich vielleicht geschickt mit Worten spielen kann – bin ich doch nur ein Anfänger; es reicht für mich.
Zu wissen was ich heute schrieb bedarf es morgen dieser Maschine, die mich aufklären wird, mich Schwachsinnig nennen darf (welch ein Privileg für ein gefühlloses Monster).
Erst einmal eine Dosis Delibes einschmeißen, wenn denn meine verfluchte Anlage die CD annehmen würde…
Jetzt fummele ich die ganze Zeit mit diesem Miststück rum (CD raus, sauber machen, CD rein, geht immer noch nicht… dann auf einmal doch), wenn ich nicht schon durchgeknallt wäre, dann spätestens jetzt, wo sich die Anlage einfach selbst ausgeschaltet hat.
Lassen wir es gut sein.
Ich werde mich jetzt gleich zum Briefkasten schleppen…
Alles nur, weil ich Dich liebe, meine Liebe.

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… Mittendrin im Lesen Deiner Briefe, die zeigen wie schnell wir uns nahe gekommen sind – fast ist es beängstigend… Nase putzen und weiter geht’s.
So schweigsam im Redefluss; kaum zu glauben wieviel Du mir bedeutest, so dass ich Dir schon wieder schreibe – trifft dieser Brief zusammen mit den anderen ein?
Vielleicht bekomme ich einen halbwegs vernünftigen Brief zu Stande; Moment mal, das schließt sich ja eigentlich aus… ich und vernünftig.
Es ist still hier, ziemlich eintönig, relativ grau und ein wenig kalt – bis ich dann wieder an Dich denke, mir vorstelle wie es wäre… was?
Als wenn ich Fragen beantworten würde, die ich selbst erdachte, gebar – aus Sehnsucht, Angst vor der Realität und hoffen auf sie… Konfusiususknacktus!?
Na ja, nicht halb so konfus geschrieben wie ich es erlebe, aber dass kennst Du ja schon von mir, bist verrückt genug diese Eigenschaft zu mögen.
Wie können wir uns erdreisten von Liebe zu schreiben, unausgesprochen, nicht erlebt, erwünscht – wagen wir der Zukunft ein Ultimatum zu stellen, weil wir uns sehen müssen?
Kennen wir uns nur aus den Worten des anderen, oder gab es einst einen Weg den wir als eine Person gemeinsam gingen – wo, wann und warum verloren wir einander?
Lieber Zufall, wenn du denn der Grund für unsere Freundschaft bist, und nicht die Seelenverwandtschaft von der ich überzeugt bin, ich danke dir!
Wie viele deiner Art habe ich verstreichen lassen, sie nicht beachtet…?
So würde ich mit dem Zufall sprechen, wenn es denn einer war, der uns zu einander brachte, uns vielleicht nur klar machte, was schon geschrieben stand (gehören wir nicht zur gleichen Gattung, so sind wir uns näher als Henne und Ei; fragt sich nur, wer hier wem welches Ei legt?)
Wie sollte ich Dir beweisen, dass ich alles meine wie ich es sage, wie sollte ich Dir klar machen, dass es wohl besser wäre (aus meiner Sicht), wenn Du einen anderen lieben würdest (was Du hoffentlich auch tust).
Wir sind uns nicht versprochen, und wenn… jeder kann sich mal versprechen!
… Das ist es, wir müssen keine Beziehung dieser Art (Sex ist gemeint!) haben um, uns zu lieben, lieben uns der Worte wegen, der Verbundenheit zum Dank – kam sie nicht über Nacht, die Nacht in der ich träumte Dein Glück zu sein, Dir schwörend Dich nie zu verlassen, auch wenn ich zugebe niemals gleichartig zu sein, mich nicht wandle sondern nur meine Vielfältigkeit auslebe – durch Dich kann ich es, durch Dich wirkt alles wichtig was mir unwichtig schien – und ich kenne Dich doch gar nicht… oder?
Muss ich Dir das überhaupt erklären? Kann ich es überhaupt, bin ich willens?
Im Moment bin ich einfach nur gut drauf, auch wenn es mir zum Sterben schlecht geht – was tust Du mir nur an, zwingst mich Dir zu schreiben, hinaus zu gehen, Briefmarken holen, Brief abschicken… welche Medizin könnte besser sein als Deine imaginäre Umarmung, so realistisch, dass ich sie spüren kann (hey, was soll denn das werden; da bin ich kitzelig! Lass das sein!).
Phantomzärtlichkeiten, einfach genial; also passend zu unserer Freundschaft – nicht perfekt, aber genial…

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Nun ist endlich das Wochenende eingeläutet – bis Montag Abend hält der Frieden, dann ist wieder Krieg (ich werde nicht aufgeben, nicht zurückweichen; auch wenn ich es hasse dort zu arbeiten!)
Die Süße ist also auf Studienfahrt, kommt heute wieder nach Hause und findet ein bisschen Post von mir… müsste eigentlich mal lesen, was ich Dir so geschrieben habe; Moment bitte…
Na ja, klingt im Grunde nicht anders als sonst, auch wenn ich nichts mehr davon weiß diese Worte geschrieben zu haben; ändert es doch nichts an ihrem Wahrheitsgehalt – kann ich sie doch bedingungslos unterschreiben, was ich anscheinend ja auch getan habe.
Wieder einmal Post von Dir – wie sehr mir Deine Briefe fehlen merke ich erst, wenn an einem Tag mal keiner kommt (wage es ja nicht mich länger als… nun, sagen wir mal, mich einen halben Tag warten zu lassen – also gut, ich gebe mich auch mit zwei Tagen zufrieden, aber höher kann ich echt nicht gehen, sonst würde es mich emotional kaputt machen (schließt sich hier gleich der irrwitzige Gedanke an ein mögliches Ende einer unser beiden Personen an – ich bin wohl ohne Dich nicht mehr lebensfähig (dass ich das Mal zu einer Frau sagen würde hätte ich im Leben nicht (im Tod ebenso wenig) gedacht))
Ich glaube jetzt reicht es erst einmal mit der Verschachtelung von Sätzen – ich werde selber irgendwann nicht mehr durchblicken…
Also klare, kurze Sätze, ohne Anspruch… was sind wir wieder witzig; als wenn ich das überhaupt könnte (fühle mich fast wie ein Grönemeyer für Sozialhilfeempfänger)!
Du hast mein Herz geklaut… okay, ich hab’s Dir aufgedrängt, mich angebiedert, rumgeschleimt, Dich bestochen – hat doch geklappt (der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel (welch ein Unsinn...wer’s glaubt wird selig gesprochen!?)).
Wer hatte nun mehr Glück? Du oder ich? Ich sehe keinen Unterschied, weil Vorsehung nichts mit Glück zu tun hat… wie sieht Madame das eigentlich?
Du wunderschönes Wesen, Menschin, geliebte Träumerin – verzaubert mich Dein Wort nicht aufs neue, wenn ich erst den nächsten Brief erhalte; vielleicht schon vorher?
Immer wieder stehe ich der Unglaublichkeit unserer Freundschaft staunend gegenüber, kann mich nicht satt lesen an Dir, bist tief in mir, vermengst die Realität mit traumwandlerischer Sicherheit mit der Illusion meiner Person, Du mittendrin, scheinbar ohne Sinn – ohne zu wissen warum… sei es drum.
Hey, PA, man kann’s auch übertreiben (neben dem Irrsinn auch noch zum Größenwahn zu neigen ist vielleicht keine ganz so gelungene Mischung – auch wenn ich es liebe über Dich zu philosophieren, bis in den letzten Winkel meines kranken Gehirns!)
Völlig unschuldig bist Du ja nun auch nicht an meinem Empfindungsstatus – hast einfach absolut neue Parameter in mein Leben gebracht… bin ich ein minderwertiger Computer!
Wollte ich Dir nicht eigentlich berichten, dass es mir schon wieder etwas besser geht (so gut es mir ohne Dich eben gehen kann!)?
Das wird alles zur Nebensache neben Dir, durch Dich…
Ja, ich habe es zugelassen, habe nicht den Hauch von Gegenwehr geleistet – na und?
Wenn ich es doch in Ordnung finde – wer will mir widersprechen?

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Es ist so ätzend, wenn man sich nichts leisten kann, aber wem sag ich das?
So müssen wir wohl noch ein wenig länger auf ein Treffen warten – war es denn anders zu erwarten?
Vielleicht soll es einfach nicht sein, vielleicht ist unsere Beziehung einfach noch zu jung, zu verletzlich… obwohl ich das nicht glauben kann, und ich weiß, dass Du es ähnlich siehst.
Geduld – ein paar Monate ziehen ins Land und dann…
Sträube ich mich auch noch so dagegen mir das Treffen vorstellen, so gelingt es mir dennoch nicht in Gänze; immer irgend etwas mit diesem Treffen verbinden… ich sollte es nicht tun, sollte mich überraschen lassen (Du weißt wie schwer das ist).
Ewig schwingen die Interpretationen in meinen Gedanken und Träume mit… Wünsche bar jeden Sinns, Hoffnung auf die Unendlichkeit unseres Briefwechsels, hoffen auf mehr, dann wieder auf weniger, weil der Volksmund sagte Weniger sei mehr…
Schreiben, schreiben, warten auf Antwort, Antwort ohne zu fragen, ohne zu warten, vorgreifend den Ereignissen des anderen Gedankengangs…
Was kann sich die Welt bedeuten – mehr als Du mir bedeutest? Ich glaube kaum; bin mir so sicher, diesmal.
… Und zweifle ich daran? Nicht mehr als eine Sekunde seit wir uns kennen.
Ich war mir schon so oft so sicher, glaubte nie wieder sicher sein zu können.
Aber Du bist hier, gehst, wirst wieder kommen, so wie die Sonne wiederkehrt (wer wagte daran zu zweifeln?).
Eine kleine Ewigkeit, alles umspannend, was ich zu wissen glaubte; wie weit sind die Grenzen entfernt, seit ich von Deiner Existenz weiß?
Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich sie wohl niemals erreichen werde…

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Toll – komme von der Arbeit nach Hause und finde zwei Briefe von Dir im Briefkasten (der eine so merkwürdig geformt; was da wohl drin ist?).
Natürlich habe ich nicht eine Sekunde, nachdem ich die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ, und den Rucksack auf mein Bett warf, gezögert und sie sofort geöffnet (keine Selbstbeherrschung der Kerl!).
Nur ruhig bleiben und nicht wie ein Gummiball durch die Wohnung springen (so was in meinem Alter und während der Mittagsruhe…!).; bei dem Gehüpfe kann man ja kein Wort lesen!
So, jetzt habe ich mich wieder etwas unter Kontrolle, auch wenn sich mein Herz irgendwie nicht an die Mittagsruhe halten will und wie wild von eine Körperseite auf die andere springt.
Es ist kaum noch zu überbieten, wie sehr ich mich über Deine Briefe freue… obwohl es da doch noch etwas gäbe… Du weißt schon was!
Doch sollten wir unsere Geduld nicht so überstrapazieren, auch wenn sich nichts, aber auch gar nichts daran ändern lässt… wie wenn man sich etwas bestimmtes zu Weihnachten gewünscht hat, es aber einfach nicht bekommt, dabei ist es nicht einmal teuer, es dachte nur niemand daran, hielt es für unwichtig, oder gar zu winzig um als Schenker solcher Dinge erkannt zu werden… so blieb der Wunsch ein Traum und man war gar nicht in der Lage sich über irgend etwas zu freuen, fühlte sich missachtet, missverstanden, vielleicht sogar ungeliebt.
Das bisschen Geld, und doch habe ich es nicht; würde sonst wohl einfach in den nächsten Zug steigen, ohne Rücksicht auf das Geld, weil ich weiß, dass Du es wert bist, ohne Rücksicht darauf, ob es Dir und Deiner Familie gerade passen würde – bei meinem Glück wärest Du wahrscheinlich nicht zu Hause, oder ich würde in eine Situation hinein platzen, in der Du mich nun absolut nicht gebrauchen könntest.
Also würde ich es wohl doch nicht einfach machen – Angst davor völlig fehl am Platze zu sein.
So warten wir auf eine bessere Zeit um uns zu sehen… warten wir.
Schon ist dieser schöne Tage fast zu Ende, ist müde geworden von all den Ereignissen, auch wenn sich ein sehr schlimmes darunter mischte… dieses Zugunglück macht mich traurig, auch wenn ich niemanden an Bord des Zuges kannte; vielleicht hätte ich jemanden kennengelernt, doch nun wird es niemals passieren – so viele Kinder die starben, ausgelöscht, von dieser Welt gerissen, brutal, schnell, unerwartet und unmenschlich. Niemand sollte so sterben müssen, niemand sollte sein Kind, sein Frau, ihren Mann, einen Freund oder Feind auf diese Weise verlieren.
Stelle ich mir die Frage nach dem Sinn, wenn ich denn an Gott glaubte, so würde ich keinen sehen können und meinen Glauben verlieren; verlöre ich ihn nicht, dann müsste ich diesen erbarmungslosen, kaltherzigen alten Mann verfluchen.
Traurigkeit umfängt mich, unbegründet vielleicht, schmerzlich in jedem Fall.
Vorhin noch der Traum mich in den nächsten Zug zu setzen, sprach ich schon aus, was ich noch gar nicht wusste… unbewusste Angst einen solchen Tod sterben zu müssen?
Keine Angst vor dem Tod an sich, aber ich hätte Angst vor der Art, denn es gibt so schrecklich Möglichkeiten sein Leben zu verlieren (auch ohne das man stirbt!)
Nun habe ich auch keine Muse mehr Deine Kassette anzuhören, oder die Aufnahme für Dich fortzusetzen – all das muss erst einmal warten, sich gedulden, so wie wir es auch müssen.
Erst Morgen werde ich diesen Brief beenden und abschicken; heute ist tot, und der Tod brachte heute reiche Ernte ein…
Es lässt mich einfach nicht los – Geduld erbitte ich von Dir, denn ich bin zu weich einfach zur Tagesordnung über zu gehen.
Ich liebe Dich!

+++

Nach einer wirr durchträumten Nacht, und dem schlafwandlerischen Nachgehen meiner Arbeit, bin ich nun endlich wieder zu Hause.
… Und wieder ein Brief von Dir, schwer, wichtig und ziemlich frech!
Du bist schon ein Früchtchen mich so nieder zu machen, wo Du mich doch aufbauen wolltest.
Ich denke, dass Du manche Äußerung nicht als so wichtig ansehen solltest, nicht jedes Wehwehchen als Anzeichen für ein Ende, nicht jeden Versuch Dich zu reizen als objektive Absicht anzunehmen… ich schreibe oft einfach vor mich hin, aus dem Bauch, dem Herzen, der Seele heraus.
Bruchteile von Sekunden überdauert ein solches Denken kaum – ehrlich gesagt ist es erst so seit Du da bist.
Ich bin nicht wirklich alleine (Du lässt mich ja einfach nicht! (nicht gleich wieder ernst nehmen!)), was sollte ich also anderes schreiben um Dich zu reizen, als dass wir uns vielleicht niemals sehen werden?
Eine schöne, platte Anmache – und Du fällst doch glatt darauf rein… (Mann können Frauen naiv sein; hi, hi, hi!)
Du würdest merken, wenn ich eine richtig miese Phase hätte, aber ob Du jemals eine erleben wirst ist wohl eher fraglich; jetzt wo Du mich bezwungen hast, oder sollte ich sagen überwunden?
Ein bisschen kreuz und quer kommen Deine Brief an, so dass ich ein wenig den Überblick verloren habe – schrieb ich tatsächlich Du sollest einen anderen lieben? Es war auch so gemeint – welche Art Liebe es ist bleibt Dir überlassen! Ich würde es nicht wagen Dir irgend etwas vorzuschreiben, zu befehlen oder ähnliches, aber ich bin davon überzeugt, dass es in Deinem Sinne ist mich nicht so sehr zu fixieren! Ich will in der Kürze dieses Brief nicht erklären, wie ich das im einzelnen meine, aber ich glaube, dass brauche ich auch gar nicht; nicht bei Dir.
Sicher will ich von Dir geliebt werden, und wage ja nicht damit aufzuhören, aber ich bin nicht der einzige Kerl auf der Welt – das ist Dir wahrscheinlich auch schon aufgefallen!? Ich möchte so langsam zum Ende kommen (aber nur für diesen Brief… nicht was Du schon wieder denkst!)
Ich hoffe sehr, dass es Deinem Bruder bald wieder besser geht (wenn du magst, dann grüße ihn und Deine Mutter von mir!), Dir soll es so wieso gut gehen!
Da Dir Deine Familie so wichtig ist, wäre es wohl eine eingleisige Liebe, wenn ich sie ausklammern würde; sind sie doch alle ein Teil von Dir – jetzt auch von mir?!
Genug der Verwirrungen – ich werde jetzt die Kassette zu Ende aufnehmen.
Viel Spaß beim Anhören!
Ich umarme Dich mit jedem Lied… und was Du Dir sonst so wünscht (meine Phantasie reicht nicht aus um mir vorzustellen, was Du Dir so wünschen könntest! (Wer’s glaubt…!).

+++

Vielleicht wird es Dir nicht gefallen, aber irgendwie kann ich Deine Mutter schon ein bisschen verstehen; auch wenn ich sie und ihr Motive nicht kenne.
Geht es mir mit Lars nicht auch manchmal so…!? Ständige Angst, dass er sich auf komische Geschichten einlässt, negativ beeinflusst wird etc. Aber natürlich hast Du recht, wenn Du Deine eigenen Erfahrungen machen willst – unternimm doch mal etwas mit Deiner Mutter; etwas was ihr gefällt, nimm Dir ein bisschen Zeit für sie! Elternliebe hat eben nicht nur positive Seiten, aber ich bin sicher dass Du weißt, dass sie es gut meint!
Zeig ein bisschen mehr Wertschätzung für das Geschenk ihrer Anwesenheit – hierzu ein Gedicht… (zu schnell kann es für Liebe zu spät sein!).
Bin ich nicht viel zu alt für einen Menschen wie Dich (auch wenn Du sagst, dass das Alter keine Rolle spielt und Du mit jüngeren Typen nichts anfangen kannst)?
Könnte ich nicht fast Dein Vater sein?
Du weißt doch selbst wie die Leute denken, wie wenig sie über Dich wissen – hören sie Dein Alter, dann bist Du weder Kind noch Erwachsene… eben nur eine Jugendliche.
Viele sind sicher neidisch auf Deine Jugend – auch ich bin es ein wenig… viele nehmen Dich nicht für voll.
Ich wollte nie erwachsen werden, wollte immer ein Junge sein, den man nicht verlacht, nur weil er singend durch den strömenden Regen tanzt, dem Streiche verziehen werden, der keinen großen Ärger bekommt, wenn er in Nachbars Garten ein paar Äpfel klaut… all das wird mir nicht mehr nachgesehen, nur in mir bin ich ein Junge geblieben, während meine Hülle mit jedem Tag eine Schritt näher auf den Tod zu geht.
So ist es nun einmal, weil die Zeit keine Gnade kennt – Du wirst es selbst auch erleben, es vielleicht auch nie ganz akzeptieren können, immer dagegen rebellieren (auch wenn Du schon jetzt weißt, dass es keinen Sinn machen wird).
Spekulieren wir lieber nicht über die Zukunft, versuchen wir lieber nicht uns alle Möglichkeiten auszumalen – wie Du schon so richtig bemerkt hast ist Zukunftsplanung nur bedingt nötig, zuviel davon und das Leben wird nicht nur uninteressant, sondern auch unberechenbar, weil ungeplante Schicksalsschläge die ganze Welt ins wanken bringen (mir kann das nicht passieren, weil ich nicht sehr weit voraus geplant habe – wozu auch, kann mich doch morgen ein Lkw platt fahren, und bei meinem Stil Mountainbike zu fahren ist die Wahrscheinlichkeit nicht mal allzu klein dafür).
Wir können eben nicht verlangen dass alles so läuft wie geplant, zu viele Faktoren spielen eine Rolle – unüberschaubar das Gewirr von möglichen Möglichkeiten, von Änderungen, von Menschen, die uns veranlassen könnten etwas zu tun oder zu lassen… weshalb also sollte man seine Zeit mit dem Nachdenken über die mögliche Zukunft verschwenden?
Es gibt so viele Menschen denen Sicherheit über alles geht, die nicht schlafen können, weil sie vielleicht ihren Job verlieren könnten, nicht wissen, wie es weiter gehen soll, weil der Sohn die Kfz Lehre hinschmeißt und unbedingt Dekorateur werden will (wer soll später bloß Papis Auto reparieren? Außerdem werden nur Schwule Dekorateur (Himmel, unser Junge ist ein warmer Bruder, dabei hatten wir uns so auf Enkelkinder gefreut…!), die Tochter etwas anderes tut als geplant – nicht studiert, sondern sich als Friseurin verdingt und in eine Lesben WG zieht (dabei ist sie doch so intelligent und hübsch dazu – wie kann sie uns das nur antun?!).
Plötzlich läuft alles ganz anders als geplant, und dann fragt man sich, wozu man überhaupt gelebt und geschuftet hat… kann mir auch nicht passieren, denn wenn Lars schwul wäre, wäre es mir egal und sein Zukunft hat er schon längst in die eigenen Hände genommen (ich bin für ihn da, wenn es schief geht, verlange aber auch ein bisschen Zeit für mich, bin nicht nur Vater, sondern verlange auch Freund, Ratgeber, Vertrauter, Kritiker zu sein…).
Es läuft nicht alles glatt und er fühlt sich manchmal ungerecht behandelt – aber so ist es eben im Leben.

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Hey, was ist denn das für ein Brief?
Irgendwie wirr, traurig, fast ein bisschen leer und ohne Lust.
Cool bleiben, wir werden uns schon noch früh genug sehen, und selbst wenn es erst in ein paar Jahren sein wird – noch scheint es keinen Grund dafür zu geben, schließlich platzen ja alle Deine Vorhaben, in dieser Hinsicht, wie Seifenblasen in einem kalten Oktoberregen…
Ich habe jedenfalls beschlossen mich nicht mehr darauf zu versteifen ein Treffen auf biegen und brechen hinzukriegen – planen scheint es sich ja nicht zu lassen!
Vielleicht ärgerst Du Dich ja aber auch nur darüber, dass Du nicht zum „Phantom der Oper“ kannst!?
Wie schon gesagt, bei dem Schreibstil kann ich echt nicht so ganz durch blicken, aber vielleicht muss ich den Brief einfach noch mal lesen (zum zehnten).
… Nein, ich kann da echt keinen roten Faden finden, wahrscheinlich weil es keinen gibt – aber der erste Teil übersteigt wirklich mein Denkvermögen, mein Phantasie…
Vielleicht bin ich heute einfach zu blöde um irgend etwas zu verstehen… so wie Lars, der mich ständig fragt ob ich nachher weg gehe oder bleibe (seine Freundin kommt).
„Wenn Du willst, dann gehe ich“, habe ich zu ihm gesagt – nee, das soll ich selber entscheiden, meinte er; aber ich könne auch ruhig hier bleiben, ihn würde es nicht stören; gehen könnte ich aber auch, aber ich solle selbst entscheiden… und so weiter und so fort.
Gut, entscheide ich also selbst, auch wenn ich gar nicht verstehe, was ich da nun entscheiden soll (nun, eigentlich weiß ich es schon, würde mir nur ein klares Wort von ihm wünschen).
Er will nicht mit ihr schlafen und braucht meine Anwesenheit als Entschuldigung… gerne gebe ich sie nicht.
Seine Freundin kann nicht verstehen, weshalb es auch Jungen gibt, die nicht gleich dazu bereit sind… sie hat wohl die irrwitzige Vorstellung, dass ein Junge wollen muss, wenn erst einmal das Mädchen dazu bereit ist (ob die schon mal etwas von Gleichberechtigung in einer Beziehung gehört hat?).
Irgendwie mag ich sie wegen ihrer Einstellung nicht, weil ich weiß, dass Lars immer etwas mehr Zeit braucht – es kommt nur Scheiße dabei heraus, wenn man ihn drängt.
Aber warum schreibe ich Dir das eigentlich? Nun, er gehört halt noch zu mir; nicht mehr lange, aber noch.
Es ist so was von egal, schließlich will er, ebenso wie Du, unbedingt sein eigenes Leben führen; sollte er da nicht offen zugeben wie es ihm geht, auch wenn er dann wohl nicht mehr der obercoole Typ ist?
Ich kann diese Frage nicht für ihn beantworten und würde es auch gar nicht wollen.
Es macht mich ein bisschen traurig, dass er sich zwar traut Gefühle zu zeigen, aber nur bei mir – so war meine Erziehung eigentlich nicht gedacht (geplant war gar nichts, eben nur nicht gedacht…).
Dennoch möchte ich nicht der Puffer in seiner Beziehung sein (diese Funktion habe ich öfter mal übernommen und kann nur negative Erfahrungen daraus beschreiben), möchte nicht als Entschuldigung herhalten, auch wenn es mir scheißegal ist, ob sie sauer auf mich ist oder nicht – wenn sie die Wahrheit wüsste…!
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen heute ins Schwimmbad zu gehen (auch, wenn ich damit wieder ein kleines Loch in mein Portemonnaie reiße), aber das Wetter ist einfach zu schlecht, und ich befürchte, dass ich eine Rückfall kriege, wenn ich mich ins Wasser wagte.
Mist, dabei klang der Wetterbericht so gut – man kann sich eben auf nichts mehr verlassen (Du bist da die strahlende Ausnahme!!!… Die leider aber auch wieder einmal die Regel bestätigt).
Dein Bruder scheint ja ein richtig kleiner Held zu sein (hört sich fast wie Dein Vater in klein an).
Ich würde mich freuen, wenn ich Deine Familie mal kennen lernen könnte, aber wenn es nicht mal mit unserem Treffen klappt…
Unsere Freundschaft kann wenigstens über die Distanz bestehen – schließlich gab es ja bisher auch nichts anderes.
Vielleicht etwas, dass sie so besonders erscheinen lässt (wenn auch nur für uns beide).
Kein Eindringen von Außen, nur ein paar Störungen (Deine Mutter mit ihren Bedenken, und Lars mit seinem: „Schreibst Du Kristin schon wieder… es ist schon wieder Post von Kristin gekommen!“) – irgendwie rührend, findest Du nicht?
Wir gehören uns allein, egal wen es stört, wer sich für uns freut etc.
Ich rede nicht viel über Dich, es gäbe auch niemanden, dem ich von Dir erzählen möchte – da hast Du es besser, hast Steffi, Dietmar und all die anderen...was die wohl von mir halten (hängt sicherlich davon ab, was Du über mich erzählst – komme ja nicht auf die Idee mich in den Himmel zu heben!! Zu zutrauen wäre es Dir immerhin).
Hatte übrigens überlegt, ob ich Deiner Mutter mal schreiben soll, um ihr einige Sorgen zu nehmen – was meinst Du dazu? Wahrscheinlich keine so gute Idee…!
Aber Du kannst sie und Deinen Bruder ja trotzdem von mir Grüßen, ebenso Steffi, und wenn Du sonst noch so im Auge hast.
Ich hoffe sehr, dass Du nicht noch ein Mitglied Deiner Familie an den Krebs verlierst – ich wüsste nicht wie ich Dir helfen sollte, könnte nur für Dich da sein; eine grässliche Vorstellung… also Schluss damit!

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Es regnet wieder, so wie gestern, als wir klitschnass nach Hause gekommen sind.
Eigentlich nicht so schlimm, aber da ich noch nicht wieder ganz fit bin, habe ich mir schon ein bisschen Gedanken gemacht.
Der gestrige Abend war echt klasse – Grillen bei meiner Mutter auf dem Balkon, viel geredet, einfach Spaß gehabt…
Ziemlich selten diese Tage, dafür aber um so schöner.
Ich werde jetzt langsam zum Schluss kommen, und mir überlegen, ob ich nun doch noch weggehe oder nicht.
Mach’s derweil gut! Fühle meinen Kuss auf Deiner Wange und meine Hand auf Deiner Schulter – ich stehe neben und zu Dir; auf ewig (kann aber nicht sagen, wie lang unsere Ewigkeit sein wird)!
Ich liebe Dich!

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Ich muss Dir einfach noch mal schreiben – wo ich sonst doch immer so faul bin (Du hast mir schon 32 Briefe und zwei Karten geschrieben, dieses ist erst der 28 von mir, oder so).
Wie Du unschwer bemerkt hast ist auch wieder ein Kassette dabei (noch mehr Lieder die, die Welt nicht braucht), ich hoffe dass Dir zumindest einige Stücke unbekannt sind und Deine Zustimmung finden.
Was ich eigentlich schreiben wollte weiß ich gar nicht mehr so genau (ist auch schon 22.00 h und ich voll von Wein, Liedern und schönen Gedanken an Dich!).
Ich hoffe, dass Du dennoch einiger maßen schlau aus diesen Zeilen wirst, nicht völlig verwirrt davor sitzt, so wie es mir vorhin mit Deinem Brief ging.
Obwohl ich ihn inzwischen noch einige Male gelesen habe ist mir der Sinn immer noch nicht so ganz aufgegangen, aber ich muss ja auch nicht alles verstehen und nicht alles muss einen Sinn haben; wissen wir doch beide, dass so vieles sinnlos auf dieser Welt ist (allein Deine vergeblichen Versuche mich zu treffen scheinen mir ein gutes Beispiel zu sein – nicht dass das Treffen sinnlos wäre, aber Deine Bemühungen sind es irgendwie… so wie scheinbar auch einige Deiner Bewerbungen um eine Ausbildungsstelle – schon mal ans Studieren gedacht?).
Ich würde gerne studieren, aber ich bin schon zu alt, habe auch nicht die entsprechenden Zeugnisse um zu dürfen, auch wenn ich glaube es trotzdem packen zu können, aber wen interessiert das schon!?
Irgendwie ist man doch immer wieder auf Zeugnisse angewiesen, auch wenn sie eigentlich nur belegen, dass man klug genug war einen ordentlichen Abschluss zu machen – gerade in Hinsicht auf die Arbeit mit Kindern merke ich immer deutlicher, wie wichtig Zeugnisse sind.
Immer, wenn ich mich irgendwo vorstelle sind die Leute irgendwie von mir angetan, aber wenn die Frage nach der belegbaren Qualifikation auftaucht, muss ich achselzuckend passen.
Leider kann ich es mir aus finanziellen Gründen nicht leisten nochmals die Schule zu machen – vielleicht gibt es noch die Möglichkeit einer berufsbegleitenden Zusatzausbildung; dass würde bestimmt ziemlich hart werde, weil ich nach der Arbeit noch zur Schule müsste.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde – möchte auch meine wenige Zeit nicht mit einer Sache verschwende, von der ich weiß, dass ich sie ohnehin nicht beenden kann; aus welchen Gründen auch immer.
Ich hätte längst Sozialpädagoge, Familienpfleger oder sonst was sein können, aber nein, ich musste ja meine Freiheiten habe.
Ich kann Dir mit Worten gar nicht beschreiben, wie sehr mir die Arbeit mit den Kindern fehlt… es tut manchmal einfach nur wahnsinnig weh (zum schreien und fast real):
Nein, in dieser Hinsicht ist mein Zug wohl abgefahren und eigentlich habe ich mich auch damit abgefunden; es gibt halt nur Tage, an denen ich an dem derzeitigen Erziehungssystem zweifle, weiß, dass ich so vieles besser machen könnte… es wird mir niemand zuhören, weil ich nicht qualifiziert bin.
Auch für eine ehrenamtliche Tätigkeit komme ich nicht in Frage (zu gerne schmücken sich sogenannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit diesen Aufgaben, weil sie ja, ach, so sozial eingestellt sind…).
Ich werde mir überlegen, ob ich nicht meinen DLRG Schein in Gold machen soll, dann könnte ich Kindern wenigstens Schwimmunterricht geben.
Auf jeden Fall muss ich irgend etwas tun, sonst sehe ich nur noch Dich als meinen Lebenssinn… ein bisschen viel Bürde für Dich, wie ich meine.

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Nun will ich Dir noch ein bisschen mehr von mir schreiben: Ich liebe schottischen Maltwhisky, bin ganz vernarrt in Kinderlachen, wollte immer einen eigenen Kamin haben, sammle Messer, trage bequeme Klamotten, halte nichts von Trends, verabscheue Nazis und andere Extremisten (dabei sind wir beide selbst so extrem – nur glücklicher Weise eben nicht negativ), ich liebe Musik von Mike Oldfield, William Ackerman, John Denver, Fauré, Beethoven (die Aufzählung würde in diesem Teilbereich nur sehr schwer ein Ende finden… also ist hier Schluss), ich liebe die Sonne, den Regen, streichelnde Hände auf meiner Haut, den Duft von dunklen Haaren (frag mich mal wieso!), ich liebe Korsika, hasse New York, ich mag keine Pferde, liebe Hunde und Katzen, habe keine Freunde nur Bekannte (Peter war der einzige echte Freund, obwohl das „Echt“ nicht mehr stimmt), Mond und Sterne bringen mich zum Weinen, weil sie mir die Winzigkeit meines Daseins vor Augen führen, ich bin gerne zu Hause, ebenso gerne unterwegs, ich hasse Politik, auch wenn ich mich für sie interessiere, ich bin super pünktlich, kann Verspätungen nicht ausstehen, ich bin extrem schwierig (zumindest manchmal – dann kann ich mich selber nicht verstehen), ich kann kein französisch (bei dem Namen ist das ein Affront! Was sich aber nur auf die Sprache bezieht… was ich damit wohl wieder meine!?), ich liebe Sport und hasse doch Fußball, ich mag alte Sachen, Spieluhren, die eine schöne Melodie haben, Kerzenlicht.
Eigentlich könnte ich diese Aufzählung bis in die Unendlichkeit fortführen, aber ich glaube nicht, dass Du alles auf einmal wissen musst oder willst – es wird ohne hin langsam Zeit für mich mein Kissen zu belauschen.

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Das Wochenende war wieder einmal sehr kurz, aber irgendwie auch lang, weil man ja am Sonntag auf Post verzichten muss…
Ich hoffe, dass es mit Deinem Vorstellungstermin in Hamburg klappt, aber bei unserem Glück kommt doch wieder irgend etwas dazwischen – na ja, hierzu hast Du ja heute (oder doch erst morgen?) einen Brief von mir bekommen, so dass ich dieses Thema lieber außer Acht lassen sollte.
Wenn man nicht schon verrückt wäre, dann könnte man es dabei fast werden.
Aber all das Jammern und Weinen macht keinen Sinn; auch wenn man es manchmal einfach raus lassen muss, bringt es doch kein Treffen herbei (was für Weisheiten! Ich bin ja so klug, und nett, und schön, und liebenswert – verdammt, jetzt ist mir doch glatt der eigene Lobesschleim auf die Tastatur getropft; und das Zeug geht so schlecht wieder ab!!!).
Ist ja nicht mein Computer, auch wenn er in meinem Zimmer steht.

So, da bin ich wieder – man, wie nervt mich dieses Einkaufen, an der Kasse anstehen, und die überhöhten Preise (dabei kaufe ich nur bei Aldi ein).
Irgendwie bekommt man für sein Geld so gut wie nichts mehr, oder sollte ich eher sagen, dass das Geld nicht mehr viel Wert hat!?
Ich bin eigentlich ziemlich sparsam, aber ich komme immer nur gerade so hin (wie heißt der schöne Spruch doch gleich: „… das am Ende des Geldes immer noch so viel Monat übrig ist…“).
Oft genug laufe ich mir die Hacken krumm, um irgendwo ein Sonderangebot wahrzunehmen.
Am liebsten würde ich jetzt schon ein kühles Bier trinken, aber es ist erst 13.55 h und Lars würde wieder rummeckern; auch wenn ich ja wohl machen kann was ich will (zumal ich auch so früh ins Bett muss, dass für mich der Abend praktisch schon angefangen hat.)
Also mache ich mir doch eine Flasche auf....
Puh, das wäre geschafft (welch eine Leistung!).
Ach, hätte ich doch fast etwas vergessen! Also, am Samstag, war Lars Freundin bei uns (hab‘ ich Dir ja auch schon berichtet) und ich hatte ihn gebeten sich doch ein bisschen um die Wäsche zu kümmern… alles kein Problem.
Als ich dann wieder zu Hause war, bin ich fast ausgerastet, weil er natürlich so gut wie gar nichts gemacht hatte.
In seinem Liebeswahn hat er sogar fast die Waschmaschine kaputt gemacht, in dem er ein Programm laufen ließ, ohne den Trommeldeckel (von einem Toplader) zu schließen.
Glück gehabt, es ist nichts weiter passiert – außer, dass ich mich tierisch aufgeregt habe und Lars richtig zusammenschrie!
Später hat er sich dann entschuldigt, verlangte aber gleichzeitig auch eine Entschuldigung von mir, weil er meinte, dass es unmöglich von mir sei ihn vor seiner Freundin fertig zu machen (der Arme, jetzt hält sie ihn bestimmt nicht mehr für cool!).
Ich habe ihn natürlich nur ausgelacht und ihm gesagt, dass er nicht glauben soll, dass ich mich dafür entschuldige, nur weil sein Mädchen alles mit angehört hätte, schließlich habe er die Scheiße ja hauptsächlich wegen ihrer Anwesenheit gebaut – außerdem solle er seine Pflichten gefälligst auch wahrnehmen, wenn er schon welche übernehme…
Vielleicht hältst Du meine Reaktion ja auch für übertrieben, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich eine neue Waschmaschine hätte kaufen müssen… dann vergeht mir echt das Lachen.
Wahrscheinlich hätte Lars die ganz Zeit unser Wäsche mit der Hand waschen dürfen bis ich das Geld für eine neue Maschine zusammen gehabt hätte – vielleicht wäre das ja eine gute Therapie gewesen…!?
Irgendwie passiert andauernd etwas, wenn sie hier ist (er lässt die Herdplatten an, schaltet die Kaffeemaschine nicht aus, lässt seinen Kater hungern, vergisst Versprechungen etc.).
Einerseits kann ich es verstehen, aber ich werde es dennoch nicht einfach hinnehmen, denn ich glaube nicht, dass es gut wäre ihm alles durchgehen zu lassen; es würde ihm sicher nicht helfen – falls er irgendwann mal Arbeit haben sollte.
Doch genug davon, schließlich habe ich Deine Nerven mit meinem Gejammer schon genug strapaziert.

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Wieso glaubst Du, dass Dein Vater nur auf Distanz an Eurem Leben teil nimmt?
Ist er nicht mitten in Dir, in allem was Du denkst, tust, was Dich erfreut, Du erleidest?
Wenn es einen gnädigen Tod gibt, dann wird man nicht nur als stiller, teilnahmsloser Beobachter „weiterleben“ – es käme einer Bestrafung gleich… Mag man nun an Gott und ein Weiterleben nach dem Tod glauben oder nicht; gäbe es das, dann wäre diese Existenz mit Sicherheit nicht so schlimm, so ausgegrenzt, wie Du sie Dir in Deinem Brief glauben machen willst.
Es wird immer behauptet der Mensch habe eine Seele – oft glaube ich dieser Behauptung, aber manchmal denke ich mir nur, dass die Intelligenz uns diesen Wunsch vorschreibt; wir müssen einfach an ein Leben nach dem Tod, an eine unsterbliche Seele glauben – wer wollte ein Leben ertragen mit der Gewißheit, dass das Ende das Ende ist und nichts anderes folgt?
Welche Moral würde herrschen, wenn man nicht an Verdammnis, ewige Höllenqualen und den Zorn Gottes glauben würde – ethisch gesehen macht der Glaube also sogar einen Sinn, auch wenn er durch die Kirchen, oder besser gesagt durch ihre Vertreter ausgenutzt wird.
Über Theologie zu philosophieren habe ich eigentlich schon lange aufgegeben, denn Glaube ist nun einmal auch eine Frage der Erziehung, der Herkunft, vielleicht sogar des Geschmacks.
Suchen sich denn nicht einige Menschen das Beste aus den Religionen heraus? Sind sie weniger gute Gläubige als jemand der beschloß Atheist zu sein?
Es gäbe so viel Möglichkeiten Glauben zu verwerfen, aber wer glauben will, der soll es tun.
Natur als Religion der anderen Art – das ist vielleicht mein Glaube, greifbar, wenn auch nicht weniger unverständlich wie Götter, aber immerhin nachvollziehbar… wehrt sich die Natur nicht gegen uns, ist sie nicht auch übermächtig, und ist nicht der Mensch das wahre Übel dieser Erde?
Es wird keinen Frieden auf der Welt geben, solange der Mensch diesen Planeten bevölkert, ihn sich Untertan macht – die Rache der Natur wird immer schrecklicher, gnadenloser, immer verheerender werden.
Vielleicht wird sie sogar die ganze Menschheit von diesem Planten wischen; zu Recht wie ich meine!
Dennoch muss man kein Barbar sein, nicht jeder Freude blind nachgehen; man kann sich für andere einsetzen und sein Leben dennoch genießen.
Es ist kurz, dieses Leben, und ich tue gutes, weil ich es will, nicht weil ich auf einen Platz im Paradies hoffe, und ich tue schlechtes, weil ich es auch will, ohne Angst vor der Verdammnis…
Mein Leben ist ausgewogen – wenn auch nur für meine Augen; und wenn ich mein eigener Gott wäre, dann wäre ich zufrieden mit mir.
Ich lebe um des Lebenswillen, wenn auch nicht um jeden Preis, erhoffe mir keine gute Note von einem imaginären Gottlehrer, lässt er mich doch alleine mit den Lebensaufgaben, lehrt mich nichts.
Ich verlange nicht, dass sich jemand meine kleinen Weisheiten zu eigen macht, möchte niemanden der mir folgt ohne meine Gebote zu hinterfragen, dann auch eine Antwort von mir bekommt.
Die Götter schweigen nur, geben keine Erklärung, weshalb es ihnen gefällt jemanden zu sich zu nehmen (welch ein Schwachsinn: „Gott hat es in seiner unendlichen Güte gefallen… zu sich zu nehmen!“).
Was Du glaubst, wie euch Dein Vater sieht, das kann Dir keiner nehmen – aber Du musst auch nicht so hart zu ihm sein, denn ich glaube, dass er euch viel näher ist als Du es Dir vorstellen kannst.
Welch eine Abhandlung – ich bin auch so hart in meinen Haltungen, nehme es den Gläubigen deshalb nicht übel, wenn sie es auch sind, wenn sie auch ohne jeden Beweis glauben.
Doch wo führte uns das schon hin – zu einem Hitler; auch dem glaubten die Massen.
Ich lüge Dich an und doch glaubst Du mir immer weiter? Das ginge doch gar nicht, wäre wider dem Leben, wider dem Geist unserer Menschlichkeit (wenn es so etwas überhaupt gibt).
Genug davon!
Dieser Tag ist grau in grau, erhellt nur durch Deinen Brief, dem Wissen, dass Du da bist, neben mir, in mir.
Ich hoffe, dass Du mir ein wenig Zeit schenken kannst, wenn Du tatsächlich nach Hamburg kommen solltest – ein paar Stunden nur (ob das klug von uns ist; dieses Treffen?).
Ich glaube, dass es etwas verändern könnte…
Wie sehr?

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Sag niemals nie!
Die Geschichte mit Daniel hört sich doch ganz gut an, und dass aus Freundschaft Liebe werden kann ist doch allseits bekannt (muss doch einmal versuchen, ob ich nicht auch als Kuppler tauge, auch wenn ich es in diesem Falle nicht sein kann, mir die Vorstellung fehlt, wer wohl wirklich gut zu Dir passen würde!).
Wir sind uns teilweise so ähnlich, dass ich mir eine Beziehung nicht vorstellen kann, denke, dass wir auch schon zu gute Freunde sind um mehr daraus werden zu lassen.
Ich mit meiner Unwissenheit über meine Wünsche bezüglich der Person mit der ich mein Leben (wenn auch nur ein wenig) teilen möchte, kann gar nicht wissen ob Du nicht besser zu Dirk paßt, besser zu Daniel oder wem auch immer – wie können wir glauben, dass wir etwas besonderes haben, nur weil wir uns lieben (tun das nicht Millionen anderer Leute auch?), diese Liebe für besonders, sie für anders als alle anderen Lieben halten? Wir tun es, weil jede Liebe besonders ist!
Macht die Unbekanntheit nicht eine Menge aus, verfliegt der Zauber, wenn wir uns persönlich kennen lernen?
Du siehst, ich betrachte unsere Freundschaft auch mit Zweifel, vielleicht, weil sie mir als zu perfekt erscheint, ich manchmal glaube mir nur selber zu schreiben, deshalb viele Antworten schon gebe, bevor die dazu gehörige Frage gestellt wurde…
Sehe ich diese Sache zu kompliziert, aus Angst, dass wir sie durch ein Treffen unwiederbringlich verderben könnten…? … doch selbst wenn es so wäre, würde ich niemals auf das Treffen mit Dir verzichten, weil ich Dich einfach liebe, mehr als ich dachte es zu können, auch wenn es eben doch eine besondere, andere Art der Liebe ist – es kann aber auch sein, dass ich noch niemals zuvor richtig geliebt habe, und jetzt nur zum ersten Mal erlebe wie das ist; und all dass ohne Dich persönlich zu kennen! Außenstehende müssen uns doch einfach für verrückt halten, was bleibt ihnen anderes übrig?
Es ist einfach zu schön Dich zu haben, begleitet mich auch ständig die Angst Dich zu verlieren…

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Natürlich werde ich Dir auch meinen Senf, Entschuldigung, meine Interpretation zu Deinem Gedicht geben:
„Neben der tiefen Zugewandtheit zum Leben, schwingt nach meiner Ansicht, auch das Wissen um den Tod in der ersten Strophe mit. „Weiße Rose heller Schein…“ eine möglich Adaption an die Lebenskraft, die Freude über das Sein, gefolgt vom erahnen des Endes „Blütenknospen wanken…“
(Möglicherweise ist aber auch ein erster Windhauch des Herbstes gemeint, der den nahenden Winter ankündigt).
Dann die vollständige Erkenntnis über den Weg des Lebens, sich widerspiegelnd im Tod.
„immer wieder grau zu blau…“, gibt mir ein Gefühl von Himmelsweite, von Unendlichkeit, vom Hoffen auf ein Fortbestehen nach dem Ende.
Die Sonnenblume als Symbol für die Sonne, die Freude.
Die Sau scheint Dich selbst darzustellen, eine die sich einmischt, die widerspricht, während sich die meisten anderen den Normen beugen, zufrieden sind mit dem was sie nicht wissen, nicht haben, die nicht hinterfragen…“.
Soweit meine Einschätzung zu Deinem Gedicht (vielleicht etwas abgehoben und anders als andere Interpretationen, die Du bisher bekommen hast – aber was erwartetest Du anderes von mir?)
Ich hoffe, dass Du meine Betrachtungsweise nicht zu kritisch findest, und wenn, dann kann ich es auch nicht ändern.
Jedenfalls gefällt mir das Gedicht lange nicht so schlecht wie Dir (das Reimmaß ist ein bisschen verunglückt, aber das ist die Freiheit des Dichters; außerdem müsste ich es mir mal von Dir vorlesen lassen, um mir die Betonungen nicht nur vorzustellen!).
Einfach zu verstehen ist es aber nicht unbedingt, und vielleicht liege ich genau so falsch wie alle anderen!?
Es könnte natürlich auch sein, dass ich viel mehr in das Gedicht hinein interpretiert habe, als Du damit aussagen wolltest, auch wenn ich mir das bei Dir nicht vorstellen kann (dazu bist Du einfach zu tiefsinnig und hintergründig).
Jetzt kannst Du Dich ja mal an einem meiner Gedicht auslassen – mal sehen, wie gut Du mich wirklich kennst.

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Hier schon wieder eine Kassette – gleich das erste Lied könnte unsere Beziehung kaum besser beschreiben – „… ich werde es auf die Mauern der Welt schreiben, so dass jeder heute von der Liebe weiß die ich in mir für Dich trage und die Sonne wird die Worte nicht vergehen lassen, die ich zu Dir sage: „Ich liebe Dich!… ich fühle mich, als kenne ich Dich seit tausend Jahren…“
So in etwa fühle ich mich, und doch noch ganz anders, so unbeschreiblich, so frei und doch gefangen von Dir – und wenn mir niemand glaubte, auch Du nicht, dann würde ich es dennoch auf die Mauern der Welt schreiben.
Mike Batt ist einfach zu genial für mich… nicht so schwer zu verstehen wie Herbert, aber auf seine Art auch ein Genialist.
Alles kribbelt, wenn ich an unser Treffen denken, möchte schon heute dort stehen, wo Du mich hin beorderst, möchte warten, auch wenn ich es eigentlich hasse, möchte die Sekunden zählen, die mir auf der Arbeit so unendlich lang vorkommen, möchte hinter jedem Lächeln Dein Gesicht sehen, auch wenn es nur meine Einbildung ist.
Verdammt, hätte ich Dich gerne an meinem Geburtstag bei mir, mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt (Lars vielleicht ausgenommen) – keine Geschenk könnte mir mehr Freude bereiten.
Doch wollen wir es hier nicht übertreiben… das erste Treffen soll uns reichen; vielleicht bist Du dann ja, in nicht allzu ferner Zukunft öfter, wenn nicht immer, in Hamburg.
Der Nähe so nahe zu sein, dem Denken des anderen verwoben, verstrickt in nicht enden wollende Glücksgefühle…
Dass ich immer so übertreiben muss, bin ich doch nicht für solch eine Selbstaufgabe (was soll ich mit Dir bloß machen, Du gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, komme mir vor wie ein kleiner Schuljunge der von seiner Klassenlehrerin schwärmt (wohl wissend, dass er sie nie erreichen kann)).
Mehr will ich gar nicht schreiben… lasse die Musik sprechen… spreche durch sie.
Bin ich nur ein Wort in Deinen Gedanken… ich wäre Dein „Freund“.

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Morgen steht ein treffen mit meiner Ex (Mutter von Lars) an.
Vor ein paar Monaten hatte sie versprochen ihn finanziell ein bisschen zu unterstützen, aber bis heute ist nichts dabei heraus gekommen.
Lars sollte nichts davon wissen, damit er sich nicht auf diese Art ein bequemes Leben macht, aber da sie ohnehin ihre Versprechungen nicht hält, nützt es Lars und mir gar nichts.
Eigentlich weiß ich auch nicht, weshalb ich mich mit ihr treffen soll, habe ich doch die siebzehn Jahre unserer Beziehung längst hinter mir gelassen, will auch keine Freundschaft, weil man sich nicht auf sie verlassen kann (waren vor ein paar Jahren fast obdachlos, weil sie monatelang keine Miete bezahlt hatte; ich konnte es gerade noch so abbiegen – es gab auch schon einmal einen Haftbefehl gegen sie, weil sie irgendwelche Zahlungen vergessen hatte).
Bis auf dieses Manko ist sie aber ein wirklich lieber Mensch, der eigentlich immer nur Nackenschläge eingesteckt hat.
Ich konnte aber nie verstehen, dass sie trotz ihres ständigen Arbeitens nie die Miete zahlen konnte, wir teilweise nichts zu Essen im Haus hatten – wegen Lars gab es öfter Krach, weil ich sie haßt für die Gefahr der sie ihn aussetzte (von wegen Obdachlosigkeit).
Wir haben uns zwar nicht im Streit getrennt, aber irgendwie ist der Kontakt sofort nach unserem Auszug abgerissen; Lars wollte sie nicht mehr sehen.
Ich habe immer versucht neutral zu bleiben, damit er nicht denken sollte seine Mutter habe keine Ahnung wie die finanzielle Seite des Lebens funktioniert, dass sie Schuld an unserer Situation wäre, aber er hat mit Sicherheit einiges mitbekommen.
Es ist schade, dass er sich so völlig von ihr zurück gezogen hat – aber er muss selber wissen, was er tut.
Vielleicht ändert sich seine Einstellung ja, wenn er erst richtig erwachsen geworden ist – gemessen an meinem Erwachsensein ist das dann also niemals....

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Man, Du bist ja eine richtige Intelligenzbestie!
Ich habe gerade mal den Hauptschulabschluß, und weiß nicht, wie man Hirmuriden richtig schreibt!
Dafür habe ich andere Qualitäten, die mir und der Umwelt bisher leider verborgen blieben – na ja, ich habe ja auch erst fast 34 Jahre nach ihnen gesucht, bin eben nicht der Schnellsten einer.
Übrigens habe ich vor einigen Jahren mal versucht dem „Verband deutscher Schriftsteller“ bei zu treten.
Die Antwort auf mein Schreiben und meine Kurzgeschichten war als Frage nach meiner Nationalität gestellt – ob ich denn Deutscher wäre.
Man ist meine Rechtschreibung schlecht…
Heute amüsiere ich mich darüber, weil diese Leute nur hochgestochene Artikel, Kurzgeschichten und Gedichte verfassen, die einem engen, sehr elitären Kreis vorbehalten sind.
Zu so etwas möchte ich gar nicht dazu gehören (geschrieben mit dem Brustton der absoluten Überzeugung!).
Wenn ich mir vorstellen, wie die sich gegenseitig in den Himmel heben und Lobgesänge auf sich selber abhalten, dann könnte ich kotzen!
Leider habe ich damals das Schreiben dieses Verbandes weggeworfen (ich war so was von beleidigt und verletzt!), sonst hätte ich es Dir gerne mal geschickt!
Du hast Dich ja gar nicht zu meiner Kritik an Deinem Gedicht geäußert, oder habe ich die erst in einem späteren Brief gemacht?
Du wirst schon irgendwann dazu kommen.

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Eine Briefmarke kann ich mir gerade noch so leisten…
Hörst Du mal auf so unverschämt zu übertreiben, dass ist ja fast schon Götzenanbetung!
Langsam wird es mir fast unheimlich.
Vor lauter Zahnschmerzen fällt mir irgendwie gar nichts mehr ein (ich werde mir heute wohl mal ein paar Termine holen; einer wird nie im Leben reichen – hab‘ ich einen Schiß, wenn ich nur daran denke!).
Wenn ich das hinter mir habe, dann werde ich nicht mehr so leichtsinnig sein, sondern wirklich alle sechs Monate zur Kontrolle gehen.
Na ja, obwohl ich schon seit einiger Zeit hin und wieder Zahnschmerzen habe, ist heute dennoch der erste Tag, an dem ich dagegen eine Aspirin nehmen mußte.
Ich bin eben ziemlich hart im nehmen, auch wenn ich mir die Zähne am liebsten unter Vollnarkose machen lassen würde.
Ich bin echt gespannt was, die Zahnärztin zu meiner Gruft sagen wird (ist bestimmt nur halb so schlimm wie ich es mir vorstelle. Entweder das, oder doppelt so übel).
Nachher mehr, oder weniger.
War wohl nichts mit dem Termin (weil ich ewig nicht bei irgendwelchen Ärzten war ist mir wohl entfallen, dass am Mittwochnachmittag niemand Sprechstunde hat).
Vielleicht schaffe ich es ja morgen – sicher wird mir aber irgend etwas einfallen, um doch wieder keinen Termin zu machen (habe deshalb auch Lars gebeten einen für mich zu machen – der wird das mit Sicherheit nicht vergessen (am liebsten würde ich ihn bei der Restaurierung meiner Kauleisten dabei haben; irgendwie kindisch, oder?)).
Ansonsten ist nicht allzu viel passiert; bin genervt vom Wetter, dass ewig wechselt.
Würde gerne endlich mal ins Freibad gehen, auch wenn meine Kohle diesen Monat dazu nicht mehr ausreicht (ich hoffe der Juli wird etwas beständiger – in welche Richtung auch immer).
Wenigstens könnte man sich dann auf eine Wetterlage einrichten (mein Kleiderschrank platzt fast vor Pullovern, T-Shirts etc. ; nichts kann man auslagern, weil man es am nächsten Tag bestimmt wieder braucht).
Ich mag jede Wetterlage, aber irgendwie sollte es doch schon jahreszeitliche Unterschiede geben, im Moment ist alles nur noch ein Einheitsbrei.
Praktisch wird an jedem Tag das ganze Jahr vom Wetter widergespiegelt (fehlte nur noch, dass wir Frost kriegen und es zu schneien anfängt).
Jetzt scheint im Sturm die Sonne, lässt das Thermometer auf 27.0° C steigen (heute morgen waren es 9.0° C, aber ich bin trotzdem mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, brrr, ganz schön kalt gewesen).

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Habe eben Deinen Brief zum x-ten Male gelesen und blicke dennoch nicht ganz durch… eigentlich auch egal, vielleicht bin ich einfach nur zu müde (aber auch heute wird mein Mittagsschlaf wohl ausfallen – dieser Brief, meine täglichen Tagebucheintragungen und vieles andere werden mich nicht dazu kommen lassen).
Deine Mutter hält unsere Beziehung (welcher Art sie auch sein mag) nicht für Ideal, oder bin ich damit gemeint – wenn ja, dann kann ich nicht verstehen, weshalb Du, als meine hörige Dienerin, Deinen Gott nicht in Schutz genommen hast… ich bin wirklich sehr enttäuscht (wer’s glaubt).
Vielleicht sagst Du Deiner Mutter mal, dass wir wahrscheinlich keine Liebespaar im eigentlichen Sinne sein werden, auch wenn Du mich und meine Gefühle ganz durch einander gebracht hast… aber das ist ein anderes Thema.
Ich werde diesen Brief gleich abschicken (wenigstens hast Du ihn dann am Samstag – oder auch nicht).
Am Dienstag muss ich nun zum Zahnarzt (auch, wenn sich alles in mir sträubt werde ich trotzdem gehen – wenn ich es noch länger hinaus zögere, dann kann ich mir auch gleich ein Gebiß machen lassen (wieso muss ich nur immer so schrecklich übertreiben?).
Manchmal finde ich sogar meine Gefühle für Dich übertrieben, halte sie für herbei gewünscht, kann aber nicht bezweifeln, dass sie aufrichtig sind, weshalb sollte es sonst weh tun, weshalb vermisse ich Dich dann?
Wirklich normal ist unsere Zuneigung sicher nicht, aber Du weißt ja selbst, wie weit wir von der Norm entfernt sind.
Welchen, außer unseren eigenen, Schemata könnten wir entsprechen?
Immer und überall anders zu sein, ist auf die Dauer ganz schon anstrengen; nicht das anders Sein an sich, aber die ewigen Erklärung die man abgeben muss, besser gesagt will.
Zeit zum Schluss zu kommen – wollte Dir aber noch zu Deiner bestandenen Prüfung gratulieren; ich hoffe, dass wir mal gemeinsam Auto fahren werden (ich bin ein ziemlich guter Beifahrer!).
Zumindest laber ich nicht immer dazwischen, oder weiß alles besser.
Ich liebe Dich, Du fremdes und doch so vertrautes Wesen… und liebte ich nur Deine Briefe, Deine Art Dinge in Worte zu fassen, es wäre Grund genug Dich zu lieben.
Sei ganz lieb umarmt und grüße Stefan und Deine Ma.

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Welch ein überragend übertriebener Brief – treibst Du Dich auf Wolke Sieben rum?
Hattest mal wieder recht mit Deinem Gefühl, was den Brief von mir am Samstag betrifft (immer voraus gesetzt, dass die Post nicht wieder trödelt).
So kann ich Dir hoffentlich dieses Wochenende ein wenig Abwechslung bereiten; wovon rede ich eigentlich? Schreibe doch ewig die selbe Scheiße zusammen!
Kreisend um den Begriff der Liebe habe ich ganz spontan, auch mal gezwungen, irgendwelche Worthülsen aufs Papier gebracht… irgendwie nichtssagend.
Sollte ich nicht einfach die drei Worte für sich sprechen lassen? Würde das schon reichen Dir ein Lächeln auf Dein Gesicht zu zaubern?
Etwas wenig für meinen Zwang nach dem Schreiben, das ich doch mehr und mehr vernachlässige, meine Zeit mit Unwichtigkeiten verbringe, mich der Zauber der Worte scheinbar nicht mehr als einen würdigen Gefangenen ansieht…
Schleppend wie die Schritte eines alten, kranken Mannes zieht sich mein Geschreibsel über dieses Blatt Papier – wünschte mir oft, ich hätte diesen Blättern ihre Jungfräulichkeit nicht genommen, hätte sie weiß und unbefleckt gelassen.
So viel unsinniges Zeug entspringt derzeit meinen Hirnwindungen; wo sonst, als bei Dir, sollte ich es lassen?
Meine Anlage hat nun endgültig ihren Geist aufgegeben; sehr leise ist es nun seit einigen Tagen bei mir, höre den Lärm der Straße um so deutlicher… doch er erscheint mir leblos, nur hin und wieder unterbrochen von Kinderlachen, Hundegebell und dem Rauschen des Windes in den Bäumen.
Würde ich meine Phantasie anstrengen, könnte ich dann den Straßenlärm zum Rauschen eines nahen Flusses machen?
Früher konnte ich es, frage mich an solchen Tagen, wo sie geblieben ist, diese kindliche Kraft, diese naive Zuversicht… wird sie wiederkehren, wenn sich am Montag nun endlich herausstellt, ob ich von der neuen Firma übernommen werde? Ist mir das überhaupt wichtig? Nun ja, wichtig nur um der Sicherung meines Lebensunterhalts, nicht wegen der Arbeit als solche (erwähnte ich nicht allzu oft, wie sehr ich meine Berufung vermisse?).
Keine Chance mehr etwas neues zu beginnen, werde mich in die ungeliebte Tätigkeit fügen – wer weiß, vielleicht ergibt sich ja eines Tages doch noch etwas anderes!?
Hoffe ich nicht schon wieder der Hoffnung wegen, wider der Hoffnung, wissend aber nicht verstehend?
Ein Schulfreund von Lars war am letzten Samstag zu Besuch – habe ich mich in dieses Wesen verknallt? Dürfte ich es Dir schreiben, wenn es so wäre?
Es stimmt, ich würde ihn gerne näher kennen lernen, konnte mich nicht abwenden vom diesem Jungengesicht, doch ein Junge ist er nicht; nicht mehr.
Schon 19, doch noch so zuversichtlich scheinend – welche Zukunftsträume umgarnen wohl sein Hirn?
Ich bin zu feige ihn zu fragen, habe zu großen Angst vor Zurückweisung…!
Würde gerne einfach sagen: „Hey, ich mag Dich ohne Dich zu kennen! Du bist mir sympathisch wegen Deiner Art…!“ Wo nähme ich die Unverfrorenheit her so etwas zu sagen, etwas derartiges zu wagen?
So schweige ich und darf mich nicht beklagen über meine Geduld, die eigentlich die pure Ungeduld ist.
Diese Angst vor dem Verlust ohne etwas zu besitzen – wie schizophren bin ich eigentlich?
Ich weiß zu genau, dass er nichts, aber auch gar nichts von mir will… leichter macht es das nicht.
Ich schweige, obwohl ich reden will, ich weine, weil ich schweige und ich vermisse Dich, vermisse mit Dir zu reden (Brief sind so unaktuell, immer ist schon wieder etwas passiert, noch bevor sie den Empfänger erreichen).
Habe Angst Dich zu verletzen mit diesen wenigen Buchstaben; aneinander gereiht zu diesen und eben keinen anderen Worten.
Dennoch liebe ich Dich nicht weniger, liebe Dich nur andersartig.
Dieses wilde Verlangen nach Nähe deutet sich nur an, weil wir sie nur durch unseren Briefwechsel haben – ihn sah ich schon… und der Wunsch meine Gefühle auszuleben sind sofort präsent gewesen.
Machte es Sinn mich dafür zu hassen, weil ich doch genau weiß, dass ich einem Wunschtraum, einer Illusion hinterher hänge?
Liebe ist etwas für Träumer, Sex ist für alle – ich weiß schon, weshalb ich so oft der Träumer, so selten alle bin.
Ich weiß so gar nichts von der Liebe, weiß so wenig von Dir, weiß so wenig von ihm, so wenig von mir selbst.
Würde gerne einmal erleben, wie es ist, wenn man liebt und gleichzeitig Sex hat (habe ich es doch wohl nur einmal gefühlt, habe ich es?).

Schon bereite ich mich auf ein Basketballspiel mit Lars vor.
Werde deshalb hier auch zum Ende kommen.
Ich wünschte mir Dein Verständnis, wünschte mir Deine Liebe zu behalten, auch wenn ich sie nicht halten kann, es an Dir liegt, ob Du weiter lieben willst, oder nicht… ich werde sie nicht verlieren, nicht wegen diesen Briefes, nicht wegen der Ehrlichkeit meiner Worte.
Wenn ich das befürchten würde, dann wäre unsere Freundschaft nicht das Porto wert…
Ich freue mich darauf, wenn Du endlich vor mir stehst! Umarme Dich im Gedanken aber jetzt schon!

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Ab Juli bin ich nun wahrscheinlich wieder einer der vielen Arbeitslosen in diesem Land.
Die neue Firma wollte mir einen Bruttostundenlohn von 11,22 DM bezahlen.
Ich kann es überhaupt nicht fassen, wie wenig Arbeit wert sein soll und halte diesen Stundenlohn für tariflich abgesicherte Ausbeutung (dass ich da nicht mitmache, kannst Du Dir ja vorstellen; müsste ca. 200 Stunden im Monat arbeiten, damit ich das gleiche an Geld bekäme wie jetzt. Wüßte echt nicht, wann ich dann noch mal Zeit hätte zu leben).
Schwanke zwischen Wut und totaler Frustration; hatte eigentlich gehofft, dass ich mich nicht so schnelle in solchen Gefühlswelten wiederfinde, aber scheinbar geht es doch immer noch ein Stück weiter abwärts, ist nichts so schlimm, als dass es nicht noch schlimmer werden könnte – scheinbar gibt es keine wirkliche Sicherheit mehr, frage mich nur, warum es schon wieder ich bin, den es trifft.
Doch ich will Dich hier nicht voll dröhnen, habe meine Gefühl auch schon meinem Computertagebuch anvertraut - sollte wohl reichen (es wird nicht reichen, aber ich kann es mir ja zumindest einreden).

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Hast Du das Thema „Lars Schulfreund“ mit Absicht übergangen, oder willst Du einfach nicht darüber schreiben?
Irgendwie hatte ich schon gehofft, dass Du mir einen Rat geben würdest.
Ich hätte ihm gerne geschrieben, aber Lars will die Adresse nicht rausrücken, einen Brief will er auch nicht übergeben.
Im Grunde also keine Chance mit ihm in Kontakt zu treten – würde wahrscheinlich ohnehin keinen Sinn machen, aber ich hätte es gerne versucht.
Eben gibt Lars sein Senf dazu und meint, dass er doch bereit ist einen Brief zu überbringen – das wird dauern, weil ich ganz genau überlegen will was ich schreibe, besser gesagt wie ich die Sätze formulieren soll.
Man, ich bin deswegen jetzt schon nervös (Lars zieht mich immer damit auf, dass ich ein bisschen verknallt bin; er sagt, dass ich mich genau so benehme wie er es tut, wenn er verknallt ist – das kann gar nicht sein!!!).
Und wenn doch…?
Na ja, sicherlich fällt es Dir nicht so ganz leicht meine Empfindungen nachzuvollziehen – wie könnte ich das auch erwarten?
Muss jetzt in die Badewanne.
Vielleicht nachher noch etwas mehr, ansonsten morgen.
So, da bin ich wieder.
Eigentlich hatte ich ja vor, Dich mit Geburtstagsglückwünschen (welch ein Wort!) zu überhäufen, aber ich habe dann doch wieder davon Abstand genommen – wäre ja auch noch schöner, wenn sich eine Gottheit zu solchen profanen Dingen herab lassen würde.
Statt dessen werde ich Dir einfach huldigen, Dich in den Kreis meiner Schafherde aufnehmen und Dir gestatten Dich an meiner Existenz zu erfreuen!
(Wenn das jemand liest, der nicht weiß worum es geht, würde man uns sicherlich gleich einweisen – schön, wenn man eine gemeinsame Gummizelle für uns vier hätte, oder sind wir doch eher zu sechst?)
Es regnet seit heute Mittag, konnte also nicht einmal Basketball spielen (wenn Lars Lederbasketball naß werden würde, dann könnte ich mich auf etwas gefaßt machen), so musste ich mich dann mit einem Spaziergang im Regen zufrieden geben – spürte Deine Nähe, sah Dein nasses Haar, konnte seinen Duft erahnen… drehte ich mich um, so wärest Du für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich an meiner Seite.
Ich liebe Dich für diese Nähe, die mir nie zu viel wird, von der ich nie genug bekomme.
Ein bisschen Sonne hast Du heute wieder in meinen Tag gebracht; wie schaffst Du das bloß bei meiner derzeitigen Situation?

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Hatte Deine Reaktion auf meinen letzten Brief schon befürchtet, aber nicht damit gerechnet, dass Du gleich die Flinte ins Korn wirst – ich weiß ja selbst nicht einmal, ob ich nicht doch zu einer „normalen“ Liebe fähig wäre, oder willens bin.
Vielleicht weiß ich mehr, wenn wir uns endlich gegenüber stehen, auch wenn ich, ebenso wie Du, für nichts garantieren kann.
Alex ist eben nun mal greifbarer, auch wenn ich ihn wohl niemals werde anfassen dürfen.
Lust auf die Lust? Ich weiß nicht, ob es nicht nur das ist!
Ich wäre wohl eine erbärmliche Kreatur, wenn ich nur dazu fähig wäre – vielleicht bin ich es...
Woher weißt Du, auf welche Art ich Dich liebe, wo ich es doch selber nicht einmal weiß – ich hätte irgendwie richtig Angst davor Dich mit allem zu lieben was ich habe, denn wie sollte ich dann je wieder ohne Dich sein, wie könnte ich damit leben zu warten, dass Du wieder einmal nach Hamburg kommst.
Es ist alles doch ziemlich schwer, weil ich mir nicht vorstellen kann, das eine Beziehung auf Dauer der Entfernung stand halten kann…
Sieh Dich selber an, sieh Deinen Versuch mit dem Theorieschüler; was wolltest Du damit beweisen, wolltest Du mich verletzen, mich eifersüchtig machen?
Nun, ich war eifersüchtig, aber eigentlich nur darauf, dass er direkt mit Dir reden konnte – würde ich Dich kennen, dann wäre meine Eifersucht vielleicht nicht zu ertragen gewesen, aber wie soll ich das wissen?
Wieso nimmst Du meine Reaktion vorweg, indem Du behauptest, dass ich Dich abweisen würde?
Ich werde nichts dagegen tun, wenn ich Dich auch auf eine andere Art lieben möchte (vielleicht wirst Du ja Deine Meinung ändern und mich nicht mehr wollen?).
Ich weiß einfach nicht was passieren wird, weiß nur, dass ich Dich liebe, Dich immer lieben werde; aber ich weiß nicht, ob meine Liebe immer von der selben Art sein wird – kannst Du das denn nicht verstehen?
Ich werde Alex schreiben, mache mir aber keine Hoffnung, weiß nicht einmal, ob ich ganz direkt vom „verknallt sein“ schreiben werde…
Vielleicht werden wir Freunde, aber ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass mehr daraus werden könnte – es ist ebenso unsicher dass ich Dich „lieben“ kann, wie ich ihn „lieben“ darf.
Warum sollte ich mich nicht offenbaren, wenn ich ihn auch so nicht sehe – mein Brief kann es nicht schlimmer machen.
All dass ändert nichts an dem was wir haben, auch wenn Du gleich befürchtest, dass mein Gefühl für ihn eine „normale“ Beziehung ausschließt… denn Liebe ist es nicht, wird es vielleicht niemals sein, aber wenn doch, dann werde ich mich nicht dafür entschuldigen jemanden zu lieben und gleichzeitig auch eine andere Person…
Ich kann es Dir einfach nicht erklären, Du musst mir einfach vertrauen – und wenn Du es nur versuchst, weil Du mir glaubst, dass ich Dich wirklich liebe!
Ich wünsche Dir alles aller Beste, alles Liebste, geliebte liebe liebende Frau, zu Deiner Volljährigkeit!
Möge dieser Tag viele Wünsche erfüllen, neue Träume gebären und weiter Deine Liebe nähren!

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Ich wundere mich nicht darüber, dass mir Alex, wenn auch scheinbar recht freundlich, aber doch sehr bestimmt, zu verstehen gegeben hat, dass ich meine Träume weiterhin als solche ansehen soll.
Persönlich habe ich es nicht von ihm gehört, er sprach lediglich mit Lars darüber…
Ich kann es ihm nicht mal verübeln; ich, in seinen Augen, nahe dem Rentenalter und er gerade mal den Kinderschuhen entwachsen.
Dir kann ich nicht ganz glauben – ich hätte eine mögliche Beziehung nicht so leicht hin genommen wie Du es zu tun scheinst.
Glücklicherweise über das Alter hinaus mir unbegründete Hoffnung zu machen, habe ich schon damit gelebt ohne ihn zu sein, noch bevor ich den Brief an ihn schrieb.
Ich denke nicht einmal darüber nach, ob ich eine größere Chance gehabt hätte, wenn ich etwas anderes geschrieben hätte – welche Worte ich auch wählte, es wäre niemals zu Nähe gekommen; nicht über die Nähe hinaus die ich verspüre, wenn ich mich mal verknallt habe und doch wusste, dass meine Wünsche niemals mehr als Träume sein würden.
So wird es auch weiter gehen – werde vielleicht einmal Vaterersatz sein, aber ohne die Art von Liebe, die ich mir wünsche, und je älter ich werde, desto weiter entferne ich mich von der Jugend, vom Leben dieser Generation; sie würde mich auch gar nicht wollen (Du ausgenommen).
Du bist so optimistisch – ich kann es langsam nicht mehr sein, will es auch gar nicht, aber ich fühle mich nicht etwa mies – es macht nur einfach keinen Sinn.
Ich gebe nicht auf, aber ich erwarte nicht, dass mir das Schicksal etwas Gutes zukommen lassen wird.

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Hätte gerne gewusst, von welchen „Freunden“ Du auf welche Art enttäuscht worden bist – las diesen Satz und musste richtig kämpfen ihn nicht einfach weiter zu spinnen, ihn als dass zu nehmen was er ist: eine Andeutung, eine Aufforderung nachzufragen?
Weshalb schreibst Du mir Deine Sorgen nicht, auch wenn sie Dir unwichtig erscheinen, Du niemanden damit belästigen willst – Du kannst mich nicht belästigen…!

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Lars und Abi, dass ich nicht lache! Er ist nicht eben dumm, aber das Zeug zum Abitur hätte er nie, abgesehen davon, dass er stinkend faul ist – ebenso wie ich, aber mir ist ja leider alles zugeflogen (auch wenn nicht viel daraus geworden ist).
Nein, er geht zum Berufsförderungwerk, aber nicht um etwas zu lernen, sondern um die Zeit rum zu kriegen – wohin er strebt weiß ich nicht.
Ich mache mir ziemlich große Sorgen um ihn, um seine Zukunft (so viele Wünsche wird er sich mit seiner Einstellung nie erfüllen können), um seinen Weg, doch er hat mich auch schon hinter sich gelassen, tut was er will.
Ich wehre mich nicht mehr dagegen.

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Noch wach, ohne einen einzigen Gedanken an Morgen zu verschwenden.
Was wird kommen, was erwartet mich?
Traf vorhin ganz zufällig den obersten Chef des Jugendhilfe e.V. (der Zuständige Mann für die Kooperation mit meinem früheren Arbeitgeber; sozusagen der Risikoträger) – er machte mir ein wenig Mut, sagte ich solle nicht aufgeben, wäre in jedem Fall geeignet und, dass sich zur Zeit eine ganze Menge bewege, ich solle mich öfter mal melden.
Dennoch werde ich nicht auf einen Anruf von ihm warten, werde mich selber um meine Zukunft kümmern.
Trotz dieses zufälligen Treffens glaube ich nicht mehr so recht an ein weitere Arbeit mit, oder doch zumindest für, Kindern und Jugendlichen.
Ich bin davon überzeugt, dass es besser ist diesem Traum nicht weiter hinterher zu jagen – er lässt sich ohnehin nicht zwingen.

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Lars schläft schon längst – er kam vorhin weinend zu mir, erzählte dass er eine große Dummheit begangen habe.
Sie war wirklich sehr groß und ich gab mein Bestes um ihn zu beruhigen, aber ich konnte ihm nicht wirklich helfen – ich denke, dass er sich zum ersten Mal wirklich bewusst geworden ist, dass er nun für seine Handlungen selbst verantwortlich ist, dass es nicht verkehrt sein muss auf mich zu hören.
Er schlief mit seiner Freundin ohne ein Kondom zu benutzen – Angst ist hier, Angst schläft bei ihm, Angst schläft bei mir.
Es gibt manchmal keine Erklärung für solche Leichtsinnigkeit; auch wenn wir alle um den Schatten wissen, der sich so eisig über die menschlich Liebe gelegt hat.
So viel Nähe habe ich von ihm schon lange nicht mehr erfahren, soviel stumme Hilfeschreie lange nicht mehr vernommen.
Ich sollte Dir nicht darüber schreiben, aber ich möchte damit nicht alleine schlafen gehen – ich fürchte die Träume dieser Nacht, will mich der Müdigkeit nicht ergeben, wehre mich, trotz der Sinnlosigkeit, vor dem Unausweichlichen…
So türmen sich die Sorgen zu einem unüberwindlich scheinenden Gebirgsmassiv, über dem sich schon drohend schwarze, unheilschwangere Gewitterwolken breit machen.
Ich bin der Ungläubige in Mitten der Heiligen, ich bin das schwarze unter den Schafen, bin der mit dem IQ von 135, der sich nicht selbst findet, dem seine Intelligenz nur Schmerzen bereitet.
Am Rande zu Schwachsinnigkeit, fallen mir die lichten Momente doppelt schwer aufs Gemüte, so wie einem Menschen mit Alzheimer ganz plötzlich sein unheilbares Leiden bewusst wird.
Wenn nicht jetzt, wann dann werde ich endgültig meinen Verstand verlieren, wenn nicht jetzt, wann dann sollte ich meine Waffen strecken, mich ergeben, mich besaufen bis zur Besinnungslosigkeit?
Nein, ich tue es nicht, ich werde nicht klein beigeben, werde nicht die Augen schließen und nur noch auf den Tod als Erlöser hoffen – Du bist direkt hinter mir, siehst mir über die Schulter, während ich versuche meiner Verzweiflung einen Weg aus meinem Herzen zu bahnen, während ich kläglich scheitere mit der Wahl meiner Worte.
Nun lass mich schlafen, lass mich auf gute Träume hoffen… Liebste, sei hier bei mir, wie Du es immer bist, verlass mich nicht in dieser dunklen Stunde; Du wirst es nicht bist der Tag anbricht…
… Und eine kleine Träne rinnt ganz sacht über diese dunkle Nacht, fängt die Träume und die Sorgen, bannt das Heute, bricht das Morgen. Trocknet, lässt den Schmerz zurück; vergeht in Trauer und im Glück.
… Gute Nacht!?

… schwer war sie, diese Nacht, überall Stimmen, die mir bald wispernd, bald schreiend allerlei gute Ratschläge und böse Verwünschungen entgegen brachten.
Bin ich wach oder träume ich noch? Ich fühle mich, als hätte ich gar nicht geschlafen, aber mein Bett ist noch warm und ich erinnere mich, dass Lars heute Morgen einen Kuss auf meine Wange hauchte, ich irgend etwas murmelte, dass er auf sich aufpassen solle…
Zurück zum Tagesgeschäft? Wenn das nur so einfach wäre wie es sich schreibt – wie besessen gleiten meine Finger über die Tastatur, niemals vorher schrieb ich schneller!
Meine Handgelenke tun wehe, als hätte ich die ganze Nacht eine schwere Last über meinem Kopf ausbalanciert.
Könnte ich nur an etwas anderes denken…
Selbst mein Gefühl für Dich scheint plötzlich weniger wichtig, weniger groß zu sein – und schreibe ich, dass ich Dich liebe… wieviel Wahrheit birgt sich noch in diesem Satz, wieso diese grauen Zweifel?
Leere, ein kleines Licht, das ganz langsam auf mich zu gleitet....09.07. 16.00 h Ballindamm – wann und wo ist das?
Werde ich dieses Treffen wahrnehmen, werde ich kommen?
Liebste Freundin, ich weiß es nicht zu sagen – doch wäre unser Treffen am heutigen Tag, dann würdest Du vergeblich auf mich warten, auch wenn ich Dich liebe…

+++

Ich weiß schon jetzt, dass Dir dieser Brief nicht sonderlich gefallen wird und das wird wahrscheinlich noch untertrieben sein.*
Weshalb ist es so, weshalb kann ich nicht sein wie all die anderen, die sich keine Gedanken über ihr Sein machen, sich höchstens um die Deckung ihres Kontos den Kopf zerbrechen?
Ich werde neue Wege gehen, Wege die ich selber nicht kenne, vor denen ich eine unglaubliche Angst habe.
Lars lügt mich nur noch an, bringt mich in Gefühlswelten, die ich niemals auch nur erahnte – Du immer dazwischen, bereit mich aufzufangen, doch immer zu spät, bedingt durch die Verzögerung des Postweges.
Ich will Dich nicht mehr meinen Schwierigkeiten aussetzen, schon gar nicht in einem persönlichen Gespräch.
Ich sage Dir jetzt schon endgültig ab, sage, dass ich Dich niemals kennen lernen werde – und Du wirfst Deine Stirn in Falten, fühlst wie sich Deine Augen mit Tränen füllen – völlig überflüssig, weil ich es nicht wert bin, weil mein Leben niemals mit Deinen Vorstellungen konträr gehen könnte, ich immer wieder anders wäre als Du es erwarten würdest.
Ich wünschte mir Dich meine Sicht der Dinge sehen zu lassen, doch das geht einfach nicht, wird nie gehen.
Mit jedem Moment meiner Existenz erhöht sich auch die Anzahl der Menschen die mich verabscheuen, die nicht durchblicken, die nicht verstehen können.
Ich hoffe, dass wir Brieffreunde bleiben können, weil ich hoffe, dass Du irgendwann verstehst, was mich so sein ließ wie ich bin, denn ich bin es nicht allein.
All die Schicksalsschläge in den letzten Jahren haben mich hart werden lassen, ich hab‘ mich leergeliebt, so dass nun kaum noch etwas an Liebe für mich oder andere Menschen vorhanden ist.
Lars hat den Brief an Alex nicht übergeben… ich ließ ihm die Wahl es zu tun oder zu lassen, doch weshalb lügt er mich dann an? Weshalb kann er nicht einfach sagen, dass ich nicht das Recht habe seine Freunde zu mögen, geschweige denn zu lieben – vielleicht, weil er Liebe mit Sex verwechselt… ich weiß es nicht, will es fast auch gar nicht mehr wissen.
Ständig gibt es Streit und immer bin ich der Böse, immer muss ich der Schuldige sein… alles was er tut ist richtig, über jeden Zweifel erhaben; ich könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Ich sitze hier in meinem Zimmer, er schmollt bei sich… ist tief gekränkt, wovon?
Ich mache Fehler, aber ich lüge nicht, gebe Fehler zu!
Was bin ich für ein Freund, was für ein Vater, der sich immer als Mittelpunkt des Universums ansieht? Ich tue es nicht, aber jeder versucht es mir weiß zu machen – redet von nicht existieren können, von Verlust… ich weiß die Wahrheit, gebe nichts auf die schwülstigen Worte… Du als Ausnahme, in der Gesamtheit, hast einen schweren Stand, musst auch oft herhalten, weil ich einfach nicht mehr vertrauen kann, auch nicht mehr vertrauen will, weil es mich immer wieder ins Abseits bringt.
Sage ich gute Nacht für heute, in aller Kürze – nicht sicher, ob ich diesen Brief in dieser Form auch abschicken werde; doch ich werde es, weil ich wenigsten mir und Dir gegenüber ehrlich bleiben will.
Dein Brief vor mir, lese wieder die Sätze, die ich schon kannte bevor Du sie in den Computer hämmertest, bevor sie aus Deinen Fingern flossen.
Du hast so recht – sehe ich die Zeit, die, wenn sie auch oft mein Feind zu sein scheint, doch alles weniger schlimm aussehen lässt; manchmal kann sie so gütig sein, die Zeit.
Schon hat sie ihn vergessen lassen was noch vor ein paar Tagen seine ganze Seele aufwühlte; doch vielleicht spielt er auch nur den Coolen, will immer so sehr Mann sein, verwechselt dieses Mannsein mit Kälte, mit Härte, mit Gleichgültigkeit – was verdammt hat ihn so werden lassen und weshalb muss ich mir seine Sorgen zu eigen machen?
Liebe – dieses Gefühl ein Teil des anderen sein zu wollen, am Leben teil zu haben, so oft vergebens, so oft sinnlos… doch verschenkte ich mein Gefühl nicht, gebe es, weil ich es will, nicht anders kann als Menschen zu lieben; das macht mich verletzbar, angreifbar, aber ich bin glücklich damit… auch mit den Stunden der Einsamkeit, wenn mich der Himmel zu ersticken scheint.
Habe oft darüber nachgedacht, weshalb man mir diesen Körper gab, meine Seele aber so verletzbar schuf… welch ein Widerspruch (gäbe es Gott, so hätte er an mir wirklich keine große Freude – was soll’s? Schließlich wäre ich doch auch nur einer, den er nach seinem Ebenbild geschaffen hätte!).
Ich schrieb die Wort die Du gelesen hast, zeigte Dir auch diese Seite; die völlige Verzweiflung – doch ich raffe mich auch daraus wieder auf, gebe nicht klein bei.
Was die Finanzen angeht hast Du mich aber völlig falsch verstanden – es geht hier nicht um Dinge wie Sportschuhe, Champagner, Kaviar oder Austern – Alltäglichkeiten sind es die ich meine.
Stellt sich mir doch die Frage, wie ich meine Wohnung halten soll, wie ich Strom und Telefon finanzieren kann…
*Entspanne Dich, trockne die Tränen, denn ich werde Dich sehen, werde auf Dich warten.
Wir werden ein paar schöne Stunden haben, auch wenn das nichts anderes heißt, als dass wir uns endlich treffen.
Trotz all der Probleme freue ich mich riesig, bin nervös und aufgekratzt – alles wegen Dir… alles aus Liebe!
Ob Dich dieser Brief noch rechtzeitig erreicht? Wirst Du ihn erst lesen, wenn Du zurück in Erfurt bist?
Mann und Frau kann sich ja nun einmal nicht auf die Post verlassen.
Meinen letzten Brief wirst Du inzwischen wohl bekommen haben – na, waren wir ein bisschen schockiert?
In Momenten, in denen ich neben mir zu stehen scheine, mich ansehe, mir zuhöre, in diesen Momenten habe ich manchmal Angst um mich, bin mir nicht sicher, ob ich mich selber auffangen könnte, wenn der Fall einmal allzu tief sein würde – sollte ich nicht einfach beiseite treten und den Sturz ganz unbeteiligt mit ansehen – wenn es nur ginge!
Egal wie alt ich auch werden würde, ich glaube, dass ich mein Leben und seinen Sinn oder Unsinn niemals ganz verstehen könnte.
Habe die Uhr abgestellt, bin ins Bett gegangen, habe mich in den Schlaf geträumt, während der Regen beständig, in eintönigem Takt, auf den schwarzen Asphalt der Straße schlug – das ist derzeit meine Uhr, dieses Trommeln des Regens, der niemals zu enden scheint, auch wenn im selben Moment, in dem ich dies schreibe, die Sonne durch ein Loch in den Wolken hervor blinzelt, um mich Lügen zu strafen – einen Augenblick lang nur, bis sich das ebenmäßige Grau wieder seinen angestammten Platz zurück erobert… hört es denn niemals auf zu regnen?
Ein Liebeszeichen? Oder einfach nur ein liebes Zeichen?
Sehe vielleicht zu vielen Unwichtigkeiten hinterher, verbringe wahrscheinlich zu viel Zeit mit dem Blick auf diese Welt… wehrte sie sich nur noch ein wenig mehr, vielleicht könnte es die Menschheit dann verstehen; und wenn sie reden könnte? Die Tage und Nächte wären wohl erfüllt von ihrem Weinen, ihrem Stöhnen, ihren wütenden Schreien… wäre es so, oder würde sie stumm ertragen, sich nur denken: „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt mich so zu behandeln…!
Ich weiß, dass ich nichts tun kann, wenn ich, so wie sie, selbst ohne Zukunft bin; so wie jetzt – lebe im Moment nur für das Treffen.
Werde heute wieder die Wohnung räumen, damit ich nicht im Wege bin.
Schon komisch, was man der Liebe wegen alles ertragen kann!?

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Unser Treffen – wie oft stellte ich mir vor wie es wohl sein würde… hast Du die Zeilen wirklich ganz allein geschrieben, oder war ich dabei?
Zahnarzttermin? Wollte ich etwa zum Zahnarzt? Muss mir doch total entfallen sein!
Auch ich drücke mich immer wieder vor dem unausweichlichen Termin; auch wenn ich dazu erst einmal einen machen müßte.
Ich finde immer eine Entschuldigung, weshalb ich denn nun absage.
Donnerstag… keine Absage diesmal!
Ich hoffe sehr, dass wir nicht allzu enttäuscht von einander sein werden – könnten wir beide je so gut sein, wie wir glauben mit Worten umzugehen?
So große Erwartungen....müssen sie da nicht zwangsläufig enttäuscht werden?
Liegt es allein an uns, ob wir uns wirklich mögen (Liebe, ist dieses Wort nicht doch ein bisschen zu groß, wenn man sich nur durch einige Briefe zu kennen glaubt?).
Weshalb streue ich Zweifel in mein Herz, in meine Seele – nicht einfach in der Lage es auf mich zukommen zu lassen… ich bin schon irgendwo ein Idiot! Jeder bekommt eben das was er verdient.
Der Idiot liebt Dich (wenn er vielleicht auch nur so sehr Idiot ist, dass er sich das nur einredet!?)!

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Dein Brief vor mir, lese diese Verzweiflung, diese chaotische Leere, überfrachtet mit dieser Liebe, die doch immer nur eine Freundschaft sein konnte.
Hörte von Lars, der sich über Dein Verhalten beschwerte, dass Du scheinbar ein Hotel erwartetest in dem Du kommen und gehen kannst wie Du willst.
Dem war und ist nicht so – bot ich Dir in einem Brief an das Wochenende hier zu verbringen, so habe ich doch zumindest erwartet, dass Du Dich dazu äußerst, nicht ohne jede Erklärung davon ausgehst, dass ich für und mit Dir plane.
Wäre ich dagewesen, dann hätte ich Dir erklärt, dass ich nicht davon ausging, dass Du der Überzeugung wärest nur bei mir sein zu wollen.
Ich habe auch keine schöne Zeit gehabt, nun noch weniger, wo ich das Gefühl habe, dass Du so viel erwartet hast; wenn auch nur meine Zeit.
Dieser lange, nicht enden wollende, Monolog den ich am Freitag an Dich richtete machte mir angst, angst vor Deinem Schweigen, eine Mauer mit der ich versuchte eine Diskussion zu führen…
Höre „Solo“, nicht wissend, wie leer ich mich fühle, keine Hoffnung mehr…
Vorstellungsgespräch – welch eine Enttäuschung, alles schon klar, doch nur scheinbar, zu früh gefreut und wieder Leere, mehr als vorher.
Alles in Frage gestellt, die Zukunft eine dunkle Straße, Regen, Sturm und Einsamkeit vereinigen sich zu einer privaten Hölle, meine Hölle.
Verkaufte eben meine Fernseher; es war mir gleich was die Leute bezahlen wollten, verschleuderte das Gerät und ebenso wird es wohl mit dem Fahrrad sein – weil mir alles egal ist… !
Würde mich am liebsten besaufen, weglaufen, verstecken, blind und taub sein.
Glaube im Moment nicht daran, dass es auch wieder bessere Zeiten geben kann, auch wenn ich es wissen sollte – wie tief kann eine Schlucht sein, wie tief der Schlund meiner Zweifel an meinem Leben?
Ich blicke nach oben, sehe in der unendlichen Ferne ein kleines Licht; unerreichbar, weil ich nicht gehen kann, versteinert bin.
Nur meine Gedanken fließen langsam hinauf, lassen mich allein zurück in dieser Finsternis.
Nein, Du hast nichts damit zu tun, bist nicht der Grund für meine Misere.
Ja, ich verstehe Dich, verstehe Deine Träume, Deine Wünsche…
Würde Dir gerne Mut machen, aber ich weiß nicht wie, wo mir doch selbst der Mut fehlt…
Wenn da nun also kein Sinn mehr ist, weshalb sollte ich dann nicht aufgeben?
Weil ich Dich liebe, weil ich nicht Nichts sein möchte, weil mir dieses verdammte Leben etwas schuldig ist (auch wenn ich genau weiß, das dem Leben meine Existenz völlig unbekannt und gleichgültig ist).

+++

Nun habe ich die nächsten zwei Monatsmieten sicher, wieder ein wenig Luft, ein bisschen Raum, einige Tage Zeit, in denen ich mir überlegen kann, ob ich weiter in dieser Gesellschaft leben möchte oder mein Leben auf eine ganz andere Bahn lenken will.
… auch wenn mein Leben eher einem Führerlosen Schiff gleicht, dass nur rein zufällig nicht am nächsten Kliff zerschellt.
Lars voll Eifersucht auf Dich – welch eine Ironie! Ihn, den ich nie so geliebt habe wie er es verdient hätte, dem ich nur alles gab was ich hatte, der nie verstehen konnte, weshalb ich so bin, weshalb ich Liebe so anders definiere als er es kann oder will.
Mein Traum, der so viel mit ihm zu tun hat… zu spät einen neuen Traum zu träumen, zu müde um sich zu ändern; wo auch der Wille nicht will wie er soll.
Rasend schnell vergehen diese Tage, die mich unserer Trennung immer näher bringen, so lang für mich, meine Gedanken, Hoffnungen – werde ich sie begraben, wenn er mich erst verlassen hat, kann ich weiter leben ohne ihn?
Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich ihn immer lieben werde, seine Nähe vermisse, sein Lächeln ersehne… all dies, was ich doch niemals erfuhr.
So endet dieser Brief, der ohne jeden Anfang wart, der immer nur endet im Ende, so wie er beginnt.
Ich, allein mit mir, meinen Sorgen, doch immer begleitet durch Dich von Dir.
So ist sicher, dass unsere Freundschaft nicht enden wird, bis ich denn den letzten Atemzug getan habe – sicherlich werde ich nicht mitbekommen wann es soweit sein wird, Du an meiner Seite, ganz gleich wie weit Du auch räumlich von mir entfernt sein magst.
Was bliebe mir noch zu schreiben – jetzt, in diesem Moment?
Die Nacht hat mich eingefangen, sträubte ich mich? Und wenn, wer wollte mich anklagen?

+++

Nun schwieg ich schon so lange, denn ich weiß nicht, ob es Sinn macht Dir zu schreiben – von Sorgen, von dem Gefühl wie ein Zombie durch die Gegend zu laufen, sich irgendwie unwirklich zu fühlen.
Auch jetzt weiß ich nicht, was ich Dir eigentlich schreiben soll, schreibe Dir vielleicht nur, weil ich glaube es Dir schuldig zu sein… doch eigentlich möchte ich nichts sagen, möchte schweigen.
Kein Gedanke, den ich dachte, habe ich zu Ende geführt, immer nur begonnen, verworfen, Leere gespürt.
Nun, trotz der Sonne, fühle ich mich unendlich einsam, warte auf die Zeit, die mir wieder ein wenig Hoffnung machen könnte.
Keine Pläne mehr, keine Wagnisse – wo ich doch schon so viel wagte in den vergangenen Jahren.
Ich, ja, ich verdammt denke an Stefan, frage mich, wie er sich wohl fühlt mit einer Schwester wie Dir.
Du kannst so viel fordern… wer soll diese Forderungen erfüllen?

+++

Jetzt, wieder ziemlich nüchtern, war ich kurz davor die Zeilen der letzten Nacht zu löschen, aber ich werde es nicht tun – warum sollst Du nicht auch diese Seite kennen lernen, warum nicht auch noch ein bisschen mehr von meiner „Wahrheit“ erfahren. So oft schweigen wir, reden im falschen Moment die falschen Dinge am falschen Ort zu Personen, die uns nicht kennen – wie sollten sie auch, wo wir uns selbst nicht einmal richtig begreifen.
So saufe ich mich durch die Nächte, falle sehnsuchtstrunken in mein einsames Bett, gebe mir Wärme, die so schwer zu finden ist in dieser Zeit; spüre dennoch die Kälte, das Gefühl des Verlassenseins, den unglaublichen Wunsch nach Zärtlichkeit…
Frühstück zwischen den Zeilen, einen Becher Kaffee hinter die Hirnwindungen gekippt, den Rauch der Zigarette gegen den Monitor geblasen, so als könnte mich das ändern, zumindest meine Art zu leben, zu denken, auch zu schreiben – könnte ich nur ein Schriftsteller sein! Ich würde mich verbunden fühlen mit meiner Leserschaft, würde nicht das große Geld erwarten, nur genug zum Leben, zum mal wieder Urlaubmachen, mal wieder am Strandliegen, durch die Berge meiner geliebten Insel fahren.
Verlange ich den so viel vom Leben, ist dieser kleine Wunsch immer noch zu groß: Sich nicht jeden Tag aufs neue Sorgen um den nächsten Tag machen zu müssen, einmal auf zu wachen und den Tag einfach zu genießen, egal ob er Regen, Schnee oder Sonne bringt, die große Liebe, den Schmerz – nur keine Sorgen um den nächsten verdammten Tag?
Wieder ein Tag zu Ende, abgehakt, ausgelöscht, aber nicht vergessen, zumindest bis zum nächsten Morgen.
So schließe ich diesen Tag, werde vielleicht morgen weiter berichten, wenn es denn nun etwas neues zu berichten gibt.

+++

Frage mich schon jetzt, was ich mit diesem Tag anfangen soll – der Himmel mal wieder grau in grau, die Gedanken schwimmend im Brei meiner unsicheren Zukunft, gefangen von den Sorgen, die sich nicht vertreiben, nur betäuben lassen.
Könnte vielleicht an meinem Buch weiter schreiben, doch heute fehlt mir der Zwang, der Drang, den ich sonst immer verspüre, der mich oftmals nicht ruhen lässt – es ist immer so, wenn ich mich in ganz extremen Situationen befinde; entweder keine Ruhe vor diesem ruhelosen Geist, oder er schweigt beharrlich, so als wolle er mich zusätzlich durch nicht enden wollende Langeweile quälen.
Frage mich, ob Du schon auf dem Weg nach Kroatien bist?
Wie wirst Du auf diesen Brief reagieren; eine Frage, die mir im Moment so völlig gleichgültig ist, mir sonst immer so wichtig schien.
So schicke ich diesen Brief ab, unvollständig wie so oft.
Ich grüße Dich ganz herzlich, auch Deine Mutter und Stefan - hätte ich nur auch eine Familie...
Schicke mir doch mal ein Photo von Euch allen… auch wenn Ihr nichts mit mir zu tun habt!?

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Sei bedankt für Deine Zeilen, bedankt für Deine Versuche mich nicht einschlafen zu lassen; vielleicht für immer.
Du, Deine Familie, nicht die meinige, wünschte ich mir auch dazu zu gehören, die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache, hat einen anderen Sinn, eine andere Wahrheit… sie bleibt mir verborgen und so blicke ich nur voller Sehnsucht auf die Photos, beginne zu weinen, umarme Euch allzu heftig; schon haben die Photos einen Knick – macht Euch das nicht sogar noch lebendiger?
Wieder ist der Himmel nur eine einzige Ansammlung von Grautönen, kaum lebendiger als ich selbst.
Draußen ein Rasenmäher, voller Inbrunst die Köpfe der Grashalme absäbelnd.
Zerrissen die Stille von vor ein paar Minuten.

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… Welch eine pädagogische Leistung! Ich bin nicht sicher, ob ich jemals wieder so handeln werde, aber ich weiß genau, dass meine Reaktion in diesem Falle die richtige war.
Vier Jungs, die sich am hellichten Tage an meinem Fahrrad zu schaffen machen, die Gangschaltung abbauen; nun komme ich dazu, greife mir einen der Jungs. Die anderen sind sofort verschwunden.
Benny hatte ich schon einmal im Schwimmbad gesehen, er steht vor mir, die Tränen laufen über seine Wangen, als ihm klar wird, dass es kein Entkommen mehr gibt, er meiner Gnade ausgeliefert ist, aber ich sehe auch die Angst in seinen Augen, Angst vor Strafe, Angst vor der Polizei, Angst vor Schlägen.
Frage ihn, was er sich nun vorstellt… nur ein Stottern: „Ich weiß es nicht!“
Langsam kommen auch seine Freunde dazu, bestreiten etwas mit der Sache zu tun zu haben, geben sich unschuldig – der Mittäter hält sich noch bedeckt, ist einige hundert Meter geflüchtet, kommt erst, als ihm klar wird, dass er vielleicht mit einem blauen Auge davon kommen wird.
Die beiden versuchen nun die Gangschaltung wieder an zu bringen – zunächst vergeblich, weil man nur das Werkzeug zum Abbau dabei hat.
Ich hole anderes Werkzeug, nachdem ich eines der Fahrräder der Jungs angeschlossen habe.
Nach etwa zwei Stunden, in denen wir uns etwas unterhalten, man mir schmeichelt, dann aber auch wieder ganz schön frech ist, sind die beiden endlich fertig.
Alle entschuldigen sich bei mir, ziehen dann Freude strahlend wieder ab, während ich ihnen hinterher blicke und nur noch mit dem Kopf schütteln und mir ein Lächeln nicht verkneifen kann.
Ich hoffe, dass ihnen dies allen eine Lehre war, auch wenn ich leider nicht so ganz daran glauben kann.
Frage mich zugleich ob sie mich noch kennen werde, wenn ich ihnen auf der Straße begegne, auch, ob es richtig war so gehandelt zu haben – und bin davon überzeugt.
Andere hätten die Polizei geholt, vielleicht auch nur die Eltern der Jungs informiert – dabei glaube ich an diese Kinder, als unsere Zukunft, als den Spiegel unserer Selbst, als die Hoffnung, die ich ihnen gab.
Bin ich das Opfer, oder sie sind sie es? Eine Chance, ein wenig Angst und der Glaube, dass ich vielleicht einen Anstoß zur Rückkehr geben konnte.
Steht es mir doch ohnehin nicht zu zu richten, zu verurteilen…
Doch wünschte ich mir mehr tun zu können, weiter für sie da zu sein; denn ich könnte es.

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Die Zeit tickt Dir eine kleine Frist, tickt die Schärfe aus dem Zwist – nichts als Zeit…
Denke an Dich, an Luise Rinser und wie Dir das Buch wohl gefallen hat; würde Dich gerne bitte es auch Stefan zu leihen, auch Deiner Mutter, würde gerne wissen, was sie dabei empfinden, welchen Sinn sie sehen, wo doch alles und nichts sinnhaft ist, verwirrt, klärt und uns doch letztendlich mit diesen Gefühlen allein lässt : „… ich ertrinke im todgleichen Frieden!“
Ein wenig mehr Hoffnung, dadurch, dass die Arbeitslosenhilfe doch etwas üppiger ausgefallen ist als erwartet – so halte ich noch ein Jahr durch, mit Suchen, mit dem Wissen um meine Fähigkeiten, mit Schreiben, mit dem Glauben, dass ich mich endlich, wenn auch nur einen Schritt, von Lars gelöst habe – doch so kommt ein Schritt zum anderen, und wenn ich daran glauben will, dass der Weg das Ziel ist, dann scheine ich doch recht gut unterwegs zu sein, nur will ich daran glauben…?
Tanzte ich nicht noch gestern unter einem hellen Stern? Und vorgestern, und an dem Tag davor?
Doch dazwischen immer wieder unendlich scheinende schwarze Löcher, die mich doch nicht halten können, die mich nicht klein kriegen, nicht kleiner als ich ohnehin schon bin.
Weiß ich auch um den Umstand meiner Winzigkeit, so ist es dennoch alles was ich bin, bewege mich in diesen Grenzen, überschreite sie, messe neu aus und werde mich niemals festlegen oder festlegen lassen.
Du, ein Grenzstein, eine Festung in meinem Leben, so wie Deine Mutter, Dein Bruder, auch Dein toter Vater… ich kenne Dich, kenne sie, ohne all das wirklich zu begreifen – weil ich eben nicht alles wissen muss, weil ich mir darüber klar bin, dass ich Eure Nähe nicht verliere.

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Wieder ein Brief ohne Anfang, mit Sicherheit ohne Ende.
Betrunken wie ich bin, werde ich wieder den nächsten Morgen abwarten, ob ich diesen Brief in dieser Form auch abschicken werde.
Doch wie ich mich kenne, werde ich keinerlei Rücksicht auf Deine Bedenken und die meinigen nehmen.
Nichts mehr zu trinken im Haus, so dass ich nun erst einmal sehen muss, ob ich noch irgendwo Nachschub bekomme.
Also bis gleich…
Zurück von diesem kurzen Weg, schwer der Weg die Tasten immer noch einigermaßen zu treffen, schwer Dich glauben zu machen, wie sehr Du und Deine Familie mir fehlen…
Wie kann ich es wagen, Dir solche Sorgen auf zu erlegen… Du, Stefan, Sigrid, ich völlig außen vor und doch mitten drin – stellte mir vor Dein Vater zu sein, der Vater Deines Bruders, der Mann Deiner Mutter, Dein Mann, der Freund Deines Bruders, der Sohn Deiner Mutter, Dein Gott, Du der meine.
Nur betrunken kann ich so etwas schreiben, unendlich ehrlich sein, mir wünschen ein Teil Deiner Welt zu sein, ein Teil der Welt Deines Bruders, ein Teil der Welt Deiner Mutter.
Dich zu lieben, Deinen Bruder zu begehren, Deine Mutter zur Göttin zur erheben – all dies und noch so viel mehr, mehr als ich im Stand zu schreiben, zu formulieren bin.
Glücklicher Weise muss ich mir nicht aussuchen, wessen Nähe ich am ehesten vermisse – ich als Schwuler müsste wohl Deinen Bruder benennen – was, verdammt, lässt meine Person so sehr nach Menschen sehnen, die ich doch eigentlich niemals erreichen kann?
Stefan gefangen in seiner Welt, keinen Blick verschwendend auf den Rest der Zeit, geschweige denn auf mich, Deine Mutter immer noch trauernd (wer trauert um mich), Du auch mit besorgtem Blick auf die Zukunft…
Kaum zu glauben, welch starken Tobak ich da in der vergangenen Nacht geschrieben habe – kein Grund, den ich sehen würde, um mich anders zu besinnen und doch alles zu löschen.
Wahrscheinlich schaffe ich es sogar Dich auf diese Art davon zu überzeugen, wie unwichtig ich für Dich und Dein Leben bin.
Ich hatte einen Anflug von Tagträumen, stellte mir vor, dass ich Dir nur noch ganz „normale“ Brief schreibe, aber mir ist schon klar, dass ich so etwas gar nicht kann, Dir damit auch kaum gerecht werden würde.
Wie schockiert Du wohl über den ersten Teil dieses Briefes bist – stelle mir Dein entsetztes Gesicht vor, so als hätte ich geschrieben, dass ich was von Stefan will, Deine Mutter heiraten möchte und Dich sofort und auf der Stelle ans Bett fesseln könnte – doch nicht mal in dem Zustand der vergangenen Nacht könnte ich irgend etwas davon wirklich tun wollen.
Verdammte Selbstkontrolle, hat alle Instinkte einschlafen lassen.
Welch ein Tier ich wohl wäre, wenn ich mich einfachen fallen ließe?
So bin ich einfach nur ein Menschentier, nicht Fleisch, nicht Fisch, nicht am Leben, noch nicht ganz tot.
Hört sich wieder einmal verdammt deprimiert an, aber ich bin eigentlich ziemlich gut drauf.
Freue mich schon auf das Wochenende, aufs Schwimmbad (wenn denn das Wetter tatsächlich mal halten sollte was die Meteorologen versprechen), auf ein bisschen leben unter Lebenden, Lachen vielleicht.
Auch wenn bei meinem Glück wahrscheinlich doch alles ins Wasser fällt (ich weiß, nicht immer gleich so schwarz sehen!).
Las noch einmal alle Zeilen, jedes Wort und sah mich selber im Spiegel an, folgte mit dem Blick den Bewegungen meiner Finger, meiner Augen, meiner Gedanken. Erkannt ich mich wirklich wieder, oder bin ich doch ein anderer, jemand den ich niemals kennen werde?

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Bin noch wach, denke an meine Bewerbung, die vorhin noch weg gebracht habe.
Las einen Artikel im regionalen Wochenblatt, in dem sich unser Haus der Jugend ein bisschen vorstellt.
Dort scheint es doch noch einige Ressourcen zu geben, vielleicht eine Chance für einen Neuanfang.
Ich könnte mir sehr gut vorstellen in diesem Bezirk für die Kids tätig zu werden (nötig ist es in jedem Fall – zu viel wurde versäumt: siehe nur meine Erfahrung mit den Jungen, die meine Gangschaltung klauen wollten).
Ich mache mir aber keine wirklichen Hoffnungen, denn ich glaube nicht daran, dass es noch weitere Mittel für diese Einrichtung geben wird.
Bin erst gegen 05.30 h ins Bett gegangen, noch viel geschrieben, die ganzen Briefe, die ich an Dich geschrieben habe gelesen, mein Buch ein wenig voran getrieben.
Endlich scheint mal wieder ein bisschen die Sonne, auch meine imaginäre.

Weil ich träume bin ich nicht, weil ich Träume träume.
Weil ich sehe, bin ich blind… und weil ich hoffe, leide ich.

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Zehn Minuten verstrichen, ohne dass ich auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte.
Schweige über Deinen Brief, weil ich mir nicht sicher bin, was ich Dir antworten soll.
Möchte Dich nicht verletzen, nur weil ich in einigen Sekunden unseres Lebens dachte, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn wir uns niemals persönlich kennengelernt hätten, ich eben wieder eine dieser Sekunden erwischte, die mir mit markerschütternder Stimme befahl mich nicht auf ein zweites Treffen einzulassen, unsere Freundschaft durch dieses Treffen nicht zu zerstören, nur Brieffreunde zu bleiben…
Lass uns halten was wir haben, nicht wünschen nach dem Unmöglichen.
Hingewünscht zu jenem Augenblick, war ich hernach völlig enttäuscht, traurig, verletzt.
Will mich nicht noch einmal so fühlen, werde kein zweites Treffen abmachen.
Ich weiß, dass Du mich nicht verstehst, nicht glaubst, dass es so einfach ist persönliche Nähe abzulehnen, zu verleugnen, aber es ist so einfach, schwer ist nur, die Kraft zu finden dies auch zu schreiben, Dir mit diesen Worten weh zu tun.
Unsere Welt kann nunmehr aus nichts anderem bestehen als aus Buchstaben, aneinander gereiht zu Worten, zu Zeilen, zu Briefen, zu Leben.
Hart ist das nicht, eher die Konsequenz aus dem Leben meiner Person, dem widrigen Denken, dem Nachjagen verstohlener Hoffnungsblicke, dem Zweifel an der Wahrheit, dem Tanz mit den kleinen Lügen…
Ich bin Dein Freund in Deinen schrecklichsten Stunden, wehr nur wenige Sekunden, doch das Leid wird überwunden – Deine gesunden Gedanken folgen den kranken, ich weiß den Weg und Deinen Feind in seine Schranken – den blanken Wahn vor der Stirn, Mädchen wenn Du Dich fragst, was geht ab in seinem Hirn, hörst du ein Klirren, Dein Herz schlägt im Takt und hallt hell, ich schalte den Schmerz ab, prompt und schnell.
Bin von dieser Welt, doch bin es wiederum nicht, bin ein Kind der Dunkelheit, doch ich führe ins Licht, sprich mir nach, wenn Du glaubst, dass Du mich brauchst, ich bin ein Streicheln über Dein Haupt und ein Schlag in den Bauch.

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Was spielst Du Dich auf, auf zum Richter über die zu Richtenden, wie kannst Du es wagen Forderungen zu stellen, mir etwas abzusprechen?!
Ich sehe schon worauf das ganze hinaus läuft, auch wenn ich nicht glauben kann, dass Du nur an das denkst was Du willst, was Dich bewegt, was Dich verletzt!
Bist am Boden zerstört trotz der neuen Liebe, dieser fernen Liebe, machst dieses Gefühl an mir fest, an eine Person, der Du nur Schweigen entgegen brachtest, deren Angst vor diesem Treffen Du nicht realisiertest. Es war kein Treffen, war nur ein Traum, geboren aus dem verzweifelten Wunsch nach Nähe, die es doch gar nicht gibt, niemals gab, geben wird – nicht zwischen uns!
Wollte ich jemals mehr als eine Brieffreundschaft, wenn auch nur für eine Sekunde?
Ich wusste um unseren Fehler, dieser Fehler, der scheinbar bereit ist auch diese Brieffreundschaft zu zerstören.
Wir hätten ihn nicht zulassen dürfen, hätten uns nicht hineinsteigern sollen in dieses Wunschtreffen.
Nur ein Fehler und doch so bedeutsam für Dich, scheinbar so unwichtig für mich!
Wie kannst Du es wagen mich als Ignorant zu bezeichnen, mir zumindest Ignoranz zu unterstellen?
Bevor ich weiter schreibe werde ich erst einmal ein wenig darüber nachdenken, was ich weiter tun werde, ob ich noch das Bedürfnis habe mich mit Dir auseinander zu setzen, einer Toten zu schreiben…

Fast sind 12 Stunden vergangen seit ich diesen Brief an Dich begonnen habe.
Glaubte ich vorhin noch, es könne / sollte der letzte sein, so weiß ich jetzt, dass ich Dich nicht einfach so aufgeben kann, auch wenn es vielleicht besser für Dich wäre, doch was weiß ich schon, was gut für Dich ist?
Du kannst mich beschimpfen, kannst mich demütigen, indem Du mir absprichst zu fühlen was ich fühle – auch das gehört wohl zu dieser Freundschaft.
Wenn der Schmerz überwiegt, dann solltest Du jedoch nicht zögern diese „Beziehung“ zu beenden – hier, neben meiner Ignoranz, auch noch meine Arroganz, weil ich annehme, dass Du es nicht möchtest, vielleicht sogar nicht einmal kannst!
Ich erdreiste mich zu diesen Worten, diesen Zeilen, nicht wissend, was Du wohl darüber denken wirst, auch wenn ich da so meine Vorstellungen habe – so wie ich sie immer habe, so oft erahnte, wenn nicht gar wusste, wie Du reagieren würdest.
Ich bin schon ein bisschen erstaunt, das Du Dich nur zu meiner Ablehnung für ein erneutes Treffen äußerst – habe ich den gar nichts anderes geschrieben, war das schon alles was Dir erwidernswert schien?
Glaubte meine Freundin, die Gestrige, noch an mich als einen Freund, hat die Freundin von heute all das bei Seite geschoben, vergessen gemacht!
Was machen die Worte meines Lebens aus? Weil ich träume bin ich nicht - nichts macht das aus im Weltengefüge, nichts bedeutet dies‘ dem „Schöpfer“, den Du so wortgewandt beschwörst, dem Du Deine Seele, Deinen Körper weihst.
Ist es denn nicht genug Beweis für den Sinn Dir selbst genug sein zu müssen, wenn Du schon ein Ende in der Liebe zu Timo voraussiehst?
Ich bin mir selbst genug, doch Du übersiehst, dass Du ein Teil dieses „Selbstsein“ bist, übersiehst, dass Nähe sich nicht über reale Entfernung definiert, sondern über die Entfernung, die wir uns selber auferlegen.
Du hast Dich so weit entfernt, weil Du es wolltest, nicht weil ich einem erneuten Treffen nicht zustimmen will.
Deine Vermischung von Kind sein, weise alte Frau sein und Mädchen sein, scheinen Dich vergessen zu lassen, was Dir vor einiger Zeit noch so wichtig schien – ein Timo im Schwabenland; was hindert Dich dort zu sein, was hindert Dich Dir seine Nähe dauerhaft zu sichern? Ist es nur die Angst vor der Veränderung, um die Du doch so genau weißt, von der Du mir so oft berichtet hast?
Ich bin mehr, als nur jemand, dem Du nahe sein kannst, denn ich bin in Dir (wenn auch nur auf Zeit).
Deine Brief schweigen nicht, so wie Du es getan hast, sie sagen mir so viel von Dir über Dich, suchen nach dem Verstehen, nach dem Verständnis.
… und sie akzeptieren meine Worte, weil sie um die Ehrlichkeit wissen, die ihnen inne wohnt – Ich liebe Dich!
Weil ich Dich liebe bin ich nicht? Bin ich nicht ich?
Du selbst entscheidest über Sinn und Unsinn – Deine, meinen, unseren…

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Blickte häufig aus dem Fenster in den letzten Tagen, suchte die laut schweigende Kristin, sah sie als fallendes Kastanienblatt auf den feuchten Asphalt der Straße gleiten, hörte den prasselnder Regen ihr Schweigen übertönen, bis ein großer blauer Speditions-LKW das Blatt zuerst überfuhr und dann im Sog seines Fahrtwindes mit sich riß, fort von hier, aus meinem Herz, hinein in das unendliche Grau des herbstlichen Himmels.
Du, als Abgesang eines meiner Leben, von denen ich so viele lebte, bist nur noch ein ferner Klang, ein leichter Hauch einer Melodie, die sich unaufhörlich mit den Geräuschen der Straße vermischt, immer unkenntlicher wird, bis zuletzt nur noch die Erinnerung bleibt.
Ist es schon so weit, schwingt nicht auch die Hoffnungslosigkeit meines Lebens in diesen Worten mit, die ich nicht auf Dich und unsere Freundschaft beziehen sollte, und ist es nicht immer so mit mir, wenn der Herbst vor der Tür steht?
Mehr Traurigkeit wo die Hoffnung zusehends schwindet, wo der Sinn seinen Sinn mehr und mehr zu verlieren scheint, der Glaube an mich selbst einem großen Zweifeln weicht und die Einsamkeit der einzige Gast ist, den ich nicht mehr brauche.
Momente in denen ich wünschte Dich nicht zu kennen, weil ich nicht verletzen möchte, wenn auch nur mit Worten, die zu verstehen Du nicht mehr im Stande zu sein scheinst.
Verzehrend die Zeile, Aufmerksamkeit fordernd, gleichwohl sie ihre Zurückweisung nicht verhehlen.
Ungereimtheiten, Irrsinn… nein, ich will noch nicht sterben bin ich auch allein, nur manchmal da wünscht‘ ich niemals geboren zu sein.
Wie groß doch dieses “Manchmal“ wird, wenn sich der Traum des Sommers, der doch niemals einer war, auf den Schlaf des langen Winters vorbereitet.
Schenkte ich ihm ein Lied zur Nacht, würde der Schlaf kürzer sein, tiefer und somit dem Sterben ein wenig ähnlicher?
Tristesse, meine Liebe, durch nichts zu ändern, auch meine Tränen vermögen es nicht.

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Wischte den Staub von meinem Leben, konnte meine Seele nicht erreichen, so bleiben die Erinnerungen in eine dicke Staubschicht geschrieben, werden nach und nach bedeckt von immer mehr Staub, Staub als Laub meines Herbstes - sollte mir den Staubsauger ins Hirn schieben, vielleicht hilft das ja!
Noch ist draußen alles grün, lebendig, noch scheint die Sonne durch das Blätterdach vor meinem Fenster, noch fiel ich nicht vom Kastanienbaum.
Lars geht in nächster Zeit, auch wenn er eigentlich schon eine ganze Weile nicht mehr hier ist – immer unterwegs, rastlos, voll Erwartungen an das Leben.
Nun gut, ich wusste, dass es nicht ewig so weiter gehen konnte, muss mich nun um einen neuen Untermieter kümmern, denn ohne käme ich finanziell überhaupt nicht mehr zu recht.
Es wird nicht leicht bei meinen Ansprüchen!
Keine Flucht mehr, bin eingefangen, bin besiegt – was macht es schon in einem Leben?
Alles wäre so viel leichter, wenn ich nicht ohne meine geliebten Kinder wäre.
Reiße mir die Beine aus, um wenigstens einige Stunden in der Woche wieder unter Menschen zu sein, aber ich bekomme einfach kein Bein auf die Erde (kein Wunder, wo ich sie doch gerade eben erst ausgerissen habe).
Würde das leere Zimmer gerne als betreute Unterbringung für eine (n) Jugendliche (n) nutzen, aber die Aussichten sind mehr als schlecht.

Begann heute dieses Buch, auch meine Reiseerinnerungen sind schon bei Seite 70 angelangt – bin sehr fleißig gewesen in den letzten Wochen; hauptsächlich, um mich abzulenken.
Nahm mir vor jeden Tag mindestens 5 Seiten zu schreiben, wenigstens aber 5 Stunden zu arbeiten – habe mich selber übertroffen, auch wenn ich in den vergangenen vier Tagen doch nichts mehr schrieb, nur noch las, korrigierte.
Dieses Wochenende werde ich noch frei machen, um am Montag wieder voll dabei zu sein, vielleicht schon das zweite Buch zu meinen Reiseerinnerungen beginnen.
Viel Papier wird sich stapeln, weil Lars seinen Computer natürlich mitnehmen wird.
Klar, dass ich deshalb vorarbeiten muss – vielleicht kann ich gar nicht mehr mit der Hand schreiben, auf jeden Fall nicht so schnell, wie mit diesem Kasten.

Langsam schlägt das Pendel zurück, weist mir den Weg hinaus aus dem dunklen Tal.
Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis ich wirklich zu mir selbst gefunden habe, bin auch nicht sicher, ob ich mich wirklich finden will, muss mich erst einmal selbst betrachten, um zu sehen, ob ich mehr bin, als nur meine Kurzgeschichten, meine Gedichte, meine Bücher, meine Briefe an eine ferne Freundin.
Kann sein, dass ich den Schriftsteller mehr mag als den Menschen, auch wenn sie eigentlich zusammen gehören – leider stört mich der Mensch nur allzu oft beim Schreiben.

Wieder einmal war im Hamburger Abendblatt keine einzige geeignete Stelle für mich, muss wieder aufs nächste Wochenende warten.
Das Wochenende war indes wenig ereignisreich.
Bin nicht sonderlich müde, habe schon wieder so viele Wochen Zeit gehabt mich auszuruhen, aber zur Ruhe bin ich dennoch nicht gekommen; auch jetzt nicht, werde gleich diesen Brief einstecken.

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Hört sich der letzte Brief tatsächlich positiver an, als es die vorherigen taten?
Habe ich wirklich hoffnungsvolle Züge in die Zeilen hinein gesponnen? Las den Brief noch einmal und muss Dir recht geben, auch wenn ich weiß, dass die scheinbare Hoffnung doch nur ein Strohfeuer war – warum sollte ich mir selbst etwas vormachen, warum sollte ich mich aufbauen, und vor allem wozu? Mag es auch traurig klingen, es ist wirklich keine Hoffnung in mir.
Langsam habe ich das Gefühl, als würde mir die Hoffnung durch die Finger rinnen, als würde sie sich nicht halten lassen, nicht mehr halten lassen wollen.
Würde gern beschließen nie wieder Mensch zu sein, nur noch Schriftsteller, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nur noch schreiben, in meiner Phantasie leben, neue Welten erschaffen, bessere als die meine (wenn ich nur davon leben könnte!).
Ich habe so vieles versucht, gab mir die größte Mühe, lief von Pontius zu Pilatus, bot mich an, flehte um eine Chance – wie tief kann man sinken, nur damit der Traum, den man hat, nicht völlig stirbt? Ich bin zu weit gegangen, habe mich zu weit fallen lassen, um diesen Traum zu bewahren, sehe ihn davon schwimmen im Meer meiner Illusionen.
Ich bin alt geworden mit ihm, auch mit meinen Illusionen, doch sie blieben jung, verstanden mich und meine Beharrlichkeit immer weniger.
Was soll ich tun, was soll ich noch anfangen mit meinem Leben, was soll ich arbeiten, wie soll es weiter gehen?
Suche ich auch nach der Antwort – zur Zeit sehe ich sie nicht, kann sie nicht einmal erahnen, weiß den Weg nicht mehr und bin verzweifelt.
Ich weiß, dass Dir dieser Brief Angst macht, Angst um mich, aber Du solltest Dir nicht immer meine Probleme zu eigen machen – Du wirst es tun, wieder und wieder, und es ändert sich auch nichts daran, weil es egal ist was ich Dir schreibe, weil Du Dich nicht lösen kannst.
Nun ist Timo da, nun bist Du nicht mehr allein, spürst die Nähe auch über die Entfernung – auch wir hatten diese Macht, doch ich habe sie verloren.
Glaube ich daran, dass sie zurückkehren wird? Nein, im Moment ist es so unwichtig, so Zweit- oder Drittrangig; bestenfalls!
Es ist traurig etwas derartiges zu schreiben, es hört sich nach einem endgültigen Ende an (aber ich bin trotz des ganzen Chaos sicher, dass es noch nicht zu Ende ist, wenn es denn überhaupt jemals ein Ende geben wird!).

Möchte immer noch gerne wissen, was Du vom „Septembertag“ hältst, was er Dir sagt – oder hast Du Dich schon dazu geäußert und ich habe es vergessen? Was weiß ich eigentlich noch?
Nicht mehr viel, wie es scheint, auch wenn ich es besser wissen sollte.

Noch bis 06.00 h auf gewesen, konnte aber nicht mehr schreiben, auch jetzt fällt es mir schwer, irgendwelche Worte mit ein wenig Sinn zu erfüllen, ihnen Leben ein zu hauchen, ihnen Gewicht zu geben.
Auch am Samstag war im Abendblatt wieder nichts für mich (was hatte ich erwartet?).
Drei, vier Stellen, die für mich in Frage kämen, sind leider nur mit Führerschein zu bekommen.
So sitze ich weiter, wie ein Uhu, im stockfinsteren Wald, schreie meine Trauer hinaus in die Dunkelheit und vernehme dennoch nicht einmal das Echo meiner Stimme, so als sei all das ein Traum, als wäre die Welt und alles was in und auf ihr existiert nur eine wirre Phantasie, eine destruktive Fiktion, geeignet dazu mich vollends in sich aufzunehmen – wenn ich es nur zuließe…
So negativ, so verlassen, so voll Selbstmitleid, so in sich gekehrt, verschlossen für die Augen der anderen, schweigend für die Ohren der Hörenden, so tot für die, die leben, glauben zu leben.
Welcher Weg wohl der wahrere ist?
Melancholie, nahe dem, was man Depressionen nennen könnte und doch so weltenweit davon entfernt, so zu mir gehörend, so vertraut und dennoch so sehr mit ein wenig Furcht behaftet – sie will mir dieser Tage nicht gefallen, die Melancholie.
Versuchte sie „fortzuschreiben“, ihr doch wenigstens ein bisschen Sinn zu geben, sie als Teil meiner Selbst anzunehmen, sie durch das Annehmen weniger negative erscheinen zu lassen – Traurigkeit als Antrieb sich auf zu raffen, als Sinn zum Überleben?

Genug für dieses Mal.
Scheint dieser Brief auch negativ, zwischen den Zeilen ist mehr, als nur dies‘ eine Gefühl.

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Kurz ist er, Dein Brief; vielleicht, weil er wirklich nur Dein Brief ist, er sich gibt, als sei er gar nicht an mich gerichtet, als wären Deine Gedanken zur Zeit nur zu dem einen Gedanken fähig – wer wollte es Dir verdenken? Ich wäre der Letzte, der es täte!
Ich freue mich für Dich über die scheinbare Unendlichkeit Deiner / Eurer Liebe, über die neue Familie, über den neuen Sinn Deines Lebens, auch wenn es bedeutet, dass nun etwas weniger Platz in Deinem Herzen für mich ist (ich werde mich ganz klein machen, werde nicht stören, werde nicht hinsehen, wenn Du so grenzenlos glücklich bist – vielleicht, weil ich es nicht ertragen kann selbst so unglücklich zu sein, andere so glücklich zu sehen, auch wenn sie es verdient haben!).
Die Anzeige, die Du mitschicktest ist wirklich sehr interessant, eigentlich sogar ideal und ein Wunsch, den ich schon so lange hatte, aber leider kommt eine solche Unterbringung für mich ab dem 01.01.1999 nicht mehr in Frage. Habe die Wohnung gekündigt, muss mir eine billigere, und somit kleinere, suchen. Ich bin sehr enttäuscht von Lars, kann diese Enttäuschung kaum vor ihm verbergen, würde am liebsten überhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben (ich weiß, dass es nicht so bleiben wird, aber im Moment könnte ich ihm einfach nur stundenlang in die Fresse hauen – lange her, dass ich derart primitive Gelüste verspürte).
Heute kam, neben Deinem Brief, ein Umschlag mit Bewerbungsunterlagen zurück, die ich im Januar abgeschickt hatte! Ist es nicht unglaublich, was sich die Leute erlauben? Und dann ist noch nicht einmal ein Begleitschreiben dabei, so als wolle man mir das Desinteresse in aller Deutlichkeit vor Augen führen – all das macht mich noch ein wenig wütender; diese Arroganz...!
Am Wochenende, nach ziemlich langer Zeit, endlich wieder einmal etwas in der Zeitung – immerhin zwei Bewerbungen konnte ich schreiben – mache mir keine großen Hoffnungen, habe keine Kraft die möglich Enttäuschung zu ertragen.
Eine neue Wohnung zu finden ist derzeit auch wichtiger, als mich mir über eine möglich Anstellung den Kopf zu zerbrechen, zumal sich beides auf einmal kaum erfüllen wird, auch wenn einer Stellung aus der Zeitung in Zusammenhang mit einer Wohnung steht – hierzu sollte ich wohl doch noch ein paar Worte schreiben:
Fand, wie schon gesagt, Anzeigen im Abendblatt, eine davon nur mit Telephonnummer. Habe mich an den PC gesetzt und versucht die zugehörige Anschrift heraus zu bekommen, was auch wunderbar geklappt hat. Bin nun natürlich etwas zwiespältig, da die betreffende Familie ja nur telephonische Bewerbungen erwartet. Erklärte in meiner Bewerbung, wie ich an die Adresse käme und weshalb ich nicht in der Lage wäre anzurufen. Meine Vorgehensweise kann sowohl positiv, als auch negativ aufgenommen werden (beweist sie doch Phantasie, zugleich aber auch Dreistigkeit...).
Beworben habe ich mich übrigens bei Christin Herzog von Oldenburg Güldenstein (welch ein Name!).
Die Familie lebt in Harmsdorf, hundert Kilometer nördlich von Hamburg.
Ich, der sich bisher kaum vorstellen konnte außerhalb Hamburgs zu arbeiten und zu leben, würde gerne hier weg gehen, würde gerne woanders neue anfangen, alles Alte hinter mir lassen.
Ein Wagnis das ich, falls ich die Stelle denn bekäme, eingehen würde.
Vier Kinder müssen betreut werden, Nähen und Kochen muss die Person können...paßt das nicht 100% ig auf meine Person? Aber ich weiß schon, dass ich nicht genommen werde, weil man sich bestimmt daran stößt, dass ich keinen Führerschein habe und es bestimmt auch qualifiziertere Bewerber gibt.
Muss warten, Geduld üben.

Wenn ich an den bevorstehenden Umzug denke, dann wird mir ganz schlecht – ein noch größeres Chaos, als es ohnehin schon herrscht.
Wieder alles in Kisten und Kartons verpacken, wieder die Tür hinter mir schließen, ein Stück gewordene Heimat verlassen.
Wenn ich keine Wohnung bekomme, dann muss ich erst einmal wieder zu meiner Mutter ziehen; auch nicht gerade das schönste was ich mir vorstellen kann.
Immerhin weiß ich, dass ich nicht auf der Straße liegen werde – auch schon was wert, oder?
Viel mehr will ich heute auch nicht schreiben, auch wenn es noch so vieles zu schreiben gäbe.
Grüße an Deine Mutter und Stefan!
Ich liebe Dich!

+++

Ich betrachte mich wieder einmal, komme mir heute nicht vor wie ein Fremder, auch wenn ich nicht behaupten kann mich wirklich gut zu kennen, vielleicht bin ich auch einfach noch zu jung dafür, habe noch nicht die nötige Erfahrung, um die Situationskomik meines Daseins zu erkennen. Keine allzu gute Sitcom wie mir scheint, die Einschaltquoten bleiben weit hinter den Erwartungen zurück und die Werbeeinnahmen haben sich halbiert – mit diesen Realitäten wird diese Serie bald abgesetzt und ich kann mir eine neue Aufgabe suchen. Ich fühle mich schon ein bisschen verlassen, allein gelassen, zurück gelassen, vergessen und ausgeraubt.
Ich glaubte an eine Freundschaft mit Lars, wenn wir schon unsere Vater-Sohn-Beziehung nicht weiter führen, aber ich scheine nicht die Parameter zu erfüllen, die Lars an einen Freund stellt und meine Funktion als Vater habe ich erfüllt, werde als Vater nicht mehr gebraucht – das habe ich jetzt von der Erfüllung des Satzes: „Wenn die Kinder klein sind, dann gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, dann gib ihnen Flügel“ – denn wenigstens weiß ich jetzt wozu man ihnen Flügel geben soll: Damit sie einem aus der Luft auf den Kopf scheißen können. Als er noch sein Wurzel hatte, da hat er mir nur hin und wieder mal ans Bein gepinkelt, aber jetzt stehe ich voll in seiner Scheiße, die er mir aus der Höhe seiner Glückseligkeit über den Kopf verteilt hat, dazwischen immer ein Kreischen, wie von einer Möwe, die einen auslacht, während sie ihre Notdurft über einen verrichtet, so als sei all dass mit Absicht geschehen – der Möwe kann ich das Versehen glauben, Lars unterstelle ich Vorsatz.
Glaubte ich mir gestern noch, dass es mich kalt lässt, so bin ich heute unsicher, ob es nicht ganz anders ist, ich mich nur hinter dieser Kälte verstecke, damit man meine Liebe zu ihm nicht sehen kann. Ich weiß nicht ob ich mich selbst belüge, ob ich mich nur glauben machen will, dass ich froh über die Endgültigkeit unserer Trennung bin. Wut und Enttäuschung machen es mir sehr schwer objektiv zu bleiben, vielleicht das Gute in der ganzen Angelegenheit zu sehen, auch wenn mir derzeit beim besten Willen überhaupt nichts Gutes einfallen will, ich es noch viel weniger sehen kann, von spüren will ich hier gar nicht erst sprechen. Meine Gefühlswelt hat sich einfach zu lange um ihn gedreht, als dass ich von einem auf den anderen Tag von dieser Emotionsdroge die Hände lassen könnte. Ich selber habe auch nicht entschieden die Droge nicht mehr zu nehmen, nein, er war es, der sie mir einfach wegnahm, ich war nicht in der Lage ihn daran zu hindern, sollte ihm wohl sogar dankbar für den abrupten Entzug sein – nicht gerade jetzt, aber ich sehe doch ein wenig Sinn, auch wenn es weh tut und unglaublich traurig für mich ist. Ich hoffe auf sein Pflichtbewußtsein, damit ich nicht am Hungertuch nagen muss und ich bin froh darüber, dass ich ein wenig Zeit habe, mich langsam an den Gedanken des Alleinsein zu gewöhnen, nicht sofort damit leben muß.

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Die schlechten Dinge die jetzt passieren, sind in ein paar Jahren „die gute alte Zeit“ und wenn ich, abgesehen von den vergangene 1 ½ Jahren, zurück blicke, dann könnte dieser Spruch sogar zutreffen, könnte der Maßstab dessen sein, was ich mein Leben nenne, aber ich gebe mich nicht mit solch kleinem, dem kleinsten, Nenner zufrieden.

Immer wenn ich aufwache und aus dem Bett steige, bleibt die eine Hälfte meines Selbst liegen, weigert sich den Tag mit mir zu teilen, will nicht mit erleben, was dieser Tag an schönen und schrecklichen Momenten zu bieten hat, verweigert sich einfach und ich wünschte selbst diese Hälfte zu sein.
In dieser Nacht sollte ich aufatmen, sollte mich freuen, weil die Wohnungssuche praktisch schon ein Ende hat.
Schrieb ich insgesamt acht Genossenschaften an, so haben sich am nächsten Tag gleich zwei, voll Euphorie, bereit erklärt mich als Mieter nehmen zu wollen – allzu früh wie mir scheint, gehen bis zu meinem Auszug doch noch über hundert Tage ins Land.
Doch ich kann keinerlei Freude empfinde, sehe mich als Abziehbild meiner Selbst auf irgendein anderes Leben appliziert, werde nicht müde, immer aufs Neue, mein eigenes Leben in Frage zu stellen.
Der Sommer, der nie einer war, ist vergangen, diese Zeit ist nicht für den Sonnenaufgang geeignet und ich will mich nicht ins Bett legen, auch wenn ich unsagbar müde bin, meine Augen kaum mehr offen halten kann.
Lars hat heute Geburtstag – wer hat Geburtstag? Jemand den ich nicht kenne, nicht mehr kenne, vielleicht niemals kannte.
Mein Verstand herrscht in diesen Tagen, ist hart zu ihm, lässt ihn abperlen, so wie Regen von einem gewachsten Mantel abperlt; und ich glaube, dass es gut so ist, glaube, dass es mich töten würde, wenn ich der Verzweiflung allzu viel Raum gewährte.
So viele Momente, in denen ich seine Versuche nach Nähe nicht ertragen kann, sie für aufgesetzt halte, als Mittel zum Zweck, als den letzte Beweis dafür, dass ich ohne ihn nicht sein könnte.
Es ist wahr, ich habe ihm soviel gegeben, war kurz davor mich aufzugeben; um so verständlicher scheint mir meine Reaktion – es ist die einzig richtige!
Ich werde diesen Brief nachher zu Ende bringen, vielleicht auf Deinen antworten, falls denn einer da sein sollt.

Lars macht sich einen schönen Abend – ich bin nicht eingeladen, bin ausgegrenzt, vielleicht sogar schon vergessen...
Es sollte mich traurig machen, doch ich empfinde nichts, bin nur froh allein zu sein, endlich Freiheit von den ewigen Sorgen um ihn gewonnen zu haben, und frage mich im selben Moment, ob dies‘ nicht ein Selbstbetrug ist, ob ich nicht vielleicht mehr leide als ich zu ertragen im Stande bin, und nur deshalb in eine Art Koma falle?
Ich bin ernüchtert, bereit zu neuen Taten, bereit mich den zukünftigen Ereignissen zu stellen und so viel wie möglicher an ihrer Gestaltung teil zu haben.
Ich will mich nicht zurück ziehen, will nicht stumm leiden, will diese ganze Angelegenheit einfach nur abhaken, auch wenn dies‘ vielleicht die Quintessenz der Verdrängung ist.
Ich lebte so viele Tage stumm mit dem Scheitern meiner eigenen Wünsche, dass ich fast vergessen habe, dass es nicht meine Wünsche waren, sondern immer nur die Wünsche für ihn, für sein Wohlbefinden, für seine Zukunft.
Ich habe wohl all die Jahre nicht für mich gelebt, mich selbst aufgegeben, war zu blind, um hinter die Fassade meiner eigenen Idiotie zu blicken und gab dem Sinn, dessen was ich bin, nur einen einzigen Antrieb, den, Lars zu lieben, ihn zu beschützen, im seine Freiheiten zu lassen, auch wenn ich sah, wie wenig richtig der Weg war, den er beschritt.
Nun ist er zwanzig und ich sehe wirklich keinen Grund, weshalb ich mich weiter um seine Probleme kümmern sollte.

Hart klingt so manches in diesem Brief, aber ich werde wohl nicht anders können als hart zu sein, damit ich diese Abhängigkeit, diese Einseitigkeit endlich überwinde.
Wo hatte sich in all den Jahren nur die Individualität meiner Person versteckt, warum ließ ich es zu und weshalb glaube ich dennoch nicht daran, dass es verlorene Jahre gewesen sind?
Mag sein, dass sich mein Optimismus seine Stärke bewahrte, auch wenn ich nicht weiß, wie das möglich sein kann – ich freue mich einfach, dass es so ist, bin überzeugt endlich nicht mehr einsam zu sein, wenn ich auch alleine bin.
Ich habe lange nachgedacht und musste feststellen, dass ich der einzige bin, der wirklich etwas für mich übrig hat, der sich wirklich um mich sorgt, denn ich kann nicht selber vor mir weglaufen.
Bis auf die Erfahrung, dass alles endet, hat alles in meinem Leben nur ein Ziel gehabt: Mir klar zu machen, dass Beziehungen niemals die Liebe zu einem selbst ersetzen können.
So schön auch manche Beziehung gewesen sein mag, letztendlich stand ich doch immer allein da.
Es ist nicht schlimm diese Erfahrung gemacht zu haben und ich werde auch weiterhin Beziehungen eingehen, aber ich werde lange nicht mehr so viel in sie investieren wie ich es bisher tat, werde mich niemals mehr so abhängig machen, werde nicht erlauben, dass sich jemand zum Sinn meines Lebens aufspielt, denn ich bin der einzige Sinn, den mein Leben letzten Endes für mich haben kann und wird – wenn’s an Sterben geht, dann bin ich ohnehin allein, werde meinen letzten Atemzug ohne jede Nähe zu einem anderen Menschen tun, mögen die Mensch auch neben meinem Sterbebett stehen.

Liebe Freundin, wie geht es Dir wohl, ich hoffe gut genug, um sich an den Beginn des Herbstes zu erfreuen.
Ich möchte unbedingt bei Dir sein, falls Du Timo tatsächlich heiraten solltest, möchte ihn, Sigrid und Stefan kennenlernen. Ich möchte Deine Familien sehen, möchte einen Augenblick zu einem Teil Deines Glücks werden.
Und wenn dann alles getan ist, wenn der Tag seine Augen schließt, dann möchte ich neben Dir auf dem Balkon Deiner Wohnung stehen und sagen, dass all dies richtig war, dass das Leben uns nicht vergessen hat, uns in seinen Händen hält und uns nicht fallen lassen wird.
Freunde und Freude – wer braucht mehr auf dieser Welt, wenn er sich doch auch selbst genug ist.
Die Gewißheit, dass man nicht auf andere angewiesen ist – wer wollte mehr Freude in mein Leben bringen, als dieses Wort: Ich.

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Die Sache mit Lars ist vielleicht schwerer zu erklären, als man es meinen könnte, auch wenn im Grunde alles ganz einfach ist.
Unsere derzeitige Wohnung haben wir nur unter großer Mühe bekommen – meine Mutter hinterlegte 10.000 ,- DM bei meiner Vermieterin, denn ansonsten hätte wir überhaupt keine Chance gehabt sie zu kriegen.
Ich war gerade erst drei Monate ohne Arbeit und bekam deshalb vom Wohnungsamt auch keinen § 5 Schein (man darf nicht mehr als 35 tausend DM brutto im Jahr verdienen, damit man einen Schein bekommt – berechnet wird der Verdienst aber erst nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit (bis dahin wird gerechnet, als wenn man noch den alten Lohn bekäme, auch wenn man gleich nach der Kündigung nicht mehr den selben Verdienst hat, sondern nur noch Arbeitslosengeld bekommt – dem Wohnungsamt ist das völlig gleichgültig gewesen).
Ich habe mit Lars ca. zwei Monate bei meiner Mutter gewohnt. In dieser Zeit haben wir uns bestimmt 20 – 30 Wohnungen angesehen, aber immer wieder hieß es: Keine Arbeit, keine Wohnung.
Ich habe mich bestimmt 50 mal um einen neue Arbeit beworben, einmal hatte ich ein acht stündiges Vorstellungsgespräch, und eigentlich war alles auch schon klar, dann hat sich aber plötzlich niemand mehr gemeldet.
Neben der Wohnungs- und Arbeitsuche, haben wir auch noch im Weihnachstgeschäft auf der öffentlichen Toilette (wo meine Mutter und meine Schwester arbeiten) ausgeholfen.
Wie auch immer, letztendlich fanden wir diese Wohnung – nicht eben ein Traum, aber immerhin ein Zuflucht, inzwischen ein Stück gewachsene Heimat.
Die Entscheidung für eine 2 Zimmer Wohnung fiel nach einem langen Gespräch mit Lars.
Wir entschlossen uns erst einmal zusammen zu wohnen, da wir beide finanziell ziemlich unten waren. Wir hatten auch festgelegt, wie lange unser Zusammenwohnen dauern sollte. Mindestens drei Jahre sollte es dauern, damit jeder allein klar käme.
Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, seit wir in diese Wohnung gezogen sind und schon entschließt er sich auszuziehen.
Er wollte sich zum März / April eine eigene Wohnung suchen, aber ich habe mich entschlossen schon zum 31.12. zu kündigen.
Eigentlich kann er es sich nicht leisten eine eigene Wohnung zu haben und ganz sicher wird er seinen Zahlungsverpflichtungen mir gegenüber nicht nach kommen (da wird er sich bestimmt nicht anders als seine Mutter verhalten).
Wenn ich seine Situation betrachte, dann kann ich sein Verhalten überhaupt nicht verstehen und wenn ich dazu meine Situation ansehe, dann bleibt nur der Schluss, dass er sich aus seiner Verantwortung stehlen will – es bleibt gar kein anderer Schluss, weil er nicht arbeitet, höchstens
1000 ,- DM vom Arbeitsamt bekommen wird, wenn überhaupt.
Nehmen wir für ihn eine günstige Wohnung von 500 ,- DM an, dazu Strom und Telephon. Im besten Falle wird er nur 650 ,- DM bezahlen müssen, aber mir schuldet er monatlich 400 ,- DM, was bliebe ihm also zum Leben?
Es bleibt nur, mir gar nichts zu bezahlen. So wird es wohl auch kommen.
Mit anderen Worten: Er fickt mir ins Knie und denkt sich nichts dabei, es ist ihm völlig gleichgültig.
Um so mehr hoffe ich auf die Stelle bei den herzöglichen Herrschaften, auch wenn ich mit Sicherheit nicht Standesgemäß bin.
Es wird eng, wenn ich diese Stelle nicht bekomme, aber ich werde auch bei einer Ablehnung nicht aufgeben.
Doch genug davon, denn es scheint mich doch selbst sehr viel komplizierter als gedacht – so richtig kann ich es in einem Brief wahrscheinlich nicht erklären.
Als Fakt bleibt nur: Er ist fein raus, ich kann sehen wo ich bleibe.

Einen anderen Untermieter finden? Hört sich auch ziemlich einfach an, aber wenn Du meine Person betrachtest...wer wollte da mein Untermieter sein?
Nein, das ist wirklich aussichtslos, zudem auch zu spät.
Am meisten graust mir vor dem Umzug (ich wollte eigentlich nicht so schnell wieder von vorne anfangen).

Die nächste Woche wird ziemlich hektisch und ich freue mich schon jetzt, wenn ich die ganzen Termine mit dem Wohnungsamt, den Baugenossenschaften etc. hinter mir habe.
Ich werde Dir berichten, was dabei heraus gekommen ist.

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Nun ist es also amtlich – ich ohne PC muss wieder lernen mit der Hand zu schreiben; nicht allzu erfolgreich, wie mir diese ersten Zeilen zeigen.
Lars zwang mich zu meinen Entscheidungen und ich sehe meinen Stand, ihm gegenüber, wirklich sehr kalt und verklärt.
Es ist einfach zu viel passiert und ich habe im Gegenzug zuviel hingenommen, habe allzu selten, auch in seinem Sinne, den richtigen Weg gewählt.
Er, immer noch ein halbes Kind, will sich emanzipieren – ich werde keinen seiner Fehler mehr korrigieren. Stand der Dinge und Schluß.
Der Platz, den er in meinem Herzen einnahm, ist leergefegt, allenfalls bedeckt von Laub, bedeckt von Wut...und der Weg ist nicht länger eine zweispurige Straße.
Er sagte: “Ende!“ – ich zweifelte wider dem Wort, der Klarheit des Wortes, nahm mir die Zeit zu bedenken, wessen ich mir bewusst werden wollte, sollte, musste und es endete wirklich in einem „Ich“, sonst nichts.

Versuche derweil immer noch die günstigste Lösung für all meine Probleme zu finden – erst Ende September und ich habe den Optimismus, die Wohnungssuche betreffend, fast verloren.
Die Baugenossenschaften verlangen teils sehr hohe Entgelte für die Anteile, so dass viele von vornherein für mich ausscheiden.
Hoffnung weicht, Zweifel kehren ein und der Blick in die nähere Zukunft ist ein Blick aus tottraurigen Augen; ohne dass ich jedoch ans Aufgeben denke – noch nicht.
Lars wird es wohl auch nicht viel anders gehen, auch wenn ich keinerlei Ahnung von seiner Situation habe. Sicherlich hat er aber genug Freund und Bekannte, bei denen er notfalls unterkommen kann.
Ich werde mich wohl auf die Anzeigen in den Zeitungen verlassen müssen.
Dachte ich gestern, noch unendlich viel Zeit zu haben, so ist es jetzt, als hätte ich sie verschlafen, verträumt, vertrödelt, dabei habe ich schon so viel getan, vieles im Zweifel an seinen Sinn; ist der Sinn doch immer auch zweifelnd gewesen.
Kreuz und quer durch die Stadt gefahren – doch selbst mit § 5 Schein ist die Wohnungssuche äußerst beschwerlich.
Ansonsten hat sich auch nicht viel ereignet, was der Erwähnung wert wäre.
Schaue nun den Kastanien bei ihren Fallspielen zu, höre das dumpfe „Bum“, wenn sie auf die Dächer der geparkten Autos fallen und ich sehe die Kinder, die fast in Streit geraten, weil man sich nicht einig wird, wer welche und wie viele haben soll.
Gerade fährt die Frau, die immer das Wochenblatt bringt, um die Ecke und biegt in unsere Straße ein – ich hatte schon nicht mehr mit ihr gerechnet; zu unregelmäßig kommt sie.
Es ist auch gleich schon 19.30 h und die Dämmerung senkt sich auf die grauen Fassaden der Häuser.
Ich werde mich jetzt auf machen, um diesen Brief abzuschicken – einer mehr.
Wollte Dich noch bitten, eher fragen, ob du nicht das Vorwort zu „Briefe an eine ferne Freundin 1998“ schreiben möchtest?
Dachte da so an 2 DIN A 4 im Computerdruck.
Ich halte Dich für prädestiniert – wer weiß mehr über die Briefe an Dich als Du?

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Nun ist auch der PC verkauft – somit zunächst keine Fortsetzung der „Briefe an eine ferne Freundin 1998“.
Es ist nicht leicht alles auf einmal schwinden zu sehen, sich nicht an die Veränderungen gewöhnen zu können; allzu schnell geschieht alles, lässt sich nicht aufhalten.
Hingegen Du so beharrlich an Deiner Liebe zu ihm, er an seiner Liebe zu Dir festhält.
Ich wünschte mir, dass Du wirklich schon jetzt den Sinn Deines Lebens gefunden hast. Nichts will ich beschwören, will nicht auch nur einen einzigen wankenden Gedanken in Dir wecken – aber ich kenne so viele Menschen, denen die Entfernung alles nahm, was sie zu lieben im Stande zu sein schienen.
Ich, ewiger Optimist, Pessimist, Protagonist, Einfaltspinsel...
Glaube manchmal, widerspiegelnd, Deine Angst zu sehen, Deinen Glauben ein wenig schwinden. Was macht es aus, 400 oder 900 km?
Wenn Dich Deine Liebe nicht verläßt, dann könntest Du auch auf einem anderen Stern leben.
Weil Nähe uns aber so viel bedeutet, ist Dir räumliche Nähe so wichtig. Hast Du denn nichts gelernt, lehrte Dich unsere Beziehung nichts?
Für uns war es jedenfalls kein Fehler – diese Entfernung (auch wenn es nur eine besondere Liebe ist. Doch wenn Nähe die stärke der Liebe bestimmt, dann ist schon eine Wand, eine Tür zwischen zwei Seelen zuviel).
Du hast eine große Chance durch diese Situation erhalten – versuche sie zu erkennen, versuche zu verstehen und vor allem zu lernen...
Ungerecht ist das Schicksal niemals, auch wenn es vielleicht oftmals so aussehen mag. Hat es Euch nicht zusammengeführt, und ist es nicht im Recht, wenn es Euch nicht alles leicht macht?
Wachse nicht auch ich an dem, was wir Schicksal nennen? Nun, in der Tat fühle ich mich nicht besonders groß, aber wer bin ich schon, mich groß fühlen zu wollen?
Berechtigen mich einige Geschichten, Gedichte und Bücher schon dazu, mich als groß zu bezeichnen, wenn auch nur in meiner kleinen Welt? Auch wenn da noch so viel mehr ist...für das Schicksal ist es eben doch ohne jede Bedeutung wie sehr wir leiden.
Immer die Erinnerung daran, wie viel wir schon gelitten haben, nie bedenkend, wieviel uns schon geschenkt wurde.
Der Augenblick verblaßt, die Hoffnung schläft ein – dass sie nicht tot ist; ist es nicht Grund genug, weiter einen Weg zu suchen, der uns nicht zweifeln, nicht verzweifeln lässt?
Anfang und Ende – in jedem von uns. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern viele Male.
Getragen von dem, was wir uns bewahrten – vielleicht der einzige Grund uns wichtig zu nehmen, zu glauben, wir hätten das Recht auf ein kleines Glück, auf Sinn, auf Hoffnung, auf beständige Unbeständigkeit, auf dieses ewig währende Auf und Ab...
Da ich den Sinn nur vermute, aber nicht erkenne, deshalb hoffe ich auf Glück – fände ich Klarheit, dann könnte ich mir selbst mein Gott sein.
Nicht ich werde sterben, an dem Tag, der da schon für mich bestimmt ist. Gut zu wissen, nichts zu wissen – und wenn das schon paradox ist, weshalb sich dann mit mehr auseinander setzen als mit sich selbst und den Seinen?

Gruß an die Deinen (grüße ich mich damit nicht schon wieder selbst?).
Es bleibt ein wenig Angst, doch keine Sorge, ich werde nicht selbst zur Schlachtbank traben!

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Bin ein wenig betrübt, weil ich diesen Brief an eine ferne Freundin derzeit nicht in die Schlange einreihen kann.
Würde Dir gerne das Versprechen abverlangen, dass Du mir alle handgeschriebenen Briefe schickst, sobald ich wieder einen PC habe!? Du bekommst sie mit Sicherheit zurück, sobald ich sie übertragen habe! – Ein wenig weit der Blick in eine unsichere Zukunft; interessiert mich wirklich nur noch meine Schreiberei?
Zur Zeit, denn ansonsten ist ja nicht allzu viel geblieben.
So werden die Tage kürzer, ebenso wie Die Spanne, die mir noch bleibt jemanden etwas unsinnig Sinnvolles zu hinterlassen. Was wohl von mir bleibt?
Werden es wirklich nur die Sätze und Worte sein, oder könnte ich auch Glück erzeugen?
Es würde mir leichter fallen die Nächte zu überstehen, wenn es einen Sinn macht, dieses Geschreibsel.
Doch was schreibe ich da, wo es doch die Nächte sind, denen ich die meisten meiner „Kinder“ verdanke. Frage mich ernsthaft, ob ich jemals etwas hätte schreiben können, wenn es keine Nächte gebe? Schutzlos im Schutz dieser Nächte.

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Lange nichts von Dir gehört und ich hoffe, dass es wegen positiver Ereignisse so ist!
Besser geht es mir derzeit noch nicht – weder eine neu Wohnung, noch Arbeit ins Sicht.
Ein kleines, wenn auch explizites, Problem wirft sich noch zusätzlich auf. Wie ich Dir ja schon berichtete, hat Lars den PC verkauft; leider habe ich jetzt meinen Lebenslauf nur auf Diskette und bekomme ihn aus dem Kopf nicht mehr zusammen.
Ich war so felsenfest davon überzeugt, dass ich ihn noch ausgedruckt hatte, aber ich habe mich geirrt.
Natürlich könnte ich mich jetzt auf einige Stellen bewerben, denn logischer Weise gibt es passende Anzeigen gerade in dem Moment, wo mir ein entscheidender Teil der Bewerbungsunterlagen nicht zur Verfügung steht! Ich kann aber auch so was von blöde sein, und selbst die knifflige Lage, in der ich derzeit stecke, scheint mir als Entschuldigung nur teilweise zu taugen. Warte jetzt auf eine Absage, der hoffentlich auch meine Bewerbungsunterlagen beiliegen.
Soll nicht in allem Schlechten immer auch etwas Gutes sein? Nun, ehrlich gesagt sieht alles Schlechte einfach nur schlecht aus; derzeit und scheinbar auch für die nähere Zukunft.

Gestern kam Dein Brief, der mich auch nicht gerade aufheitern konnte, vielleicht auch nicht sollte, durfte – hätte auch gar nicht zu der derzeitigen Stimmungsphase gepaßt.
Ich habe irgendwie das Gefühl, als wäre nichts mehr, wie es noch vor einigen Monaten war; nicht einmal ich selbst.
Ich bin richtig hart geworden, will nichts mehr fühlen, weil die Angst verletzt zu werden immer größer wurde, und ich glaube bei der nächsten Katastrophe vollends unter zu gehen.
Lars ist mir so fremd geworden, spricht in tausend fremder Sprachen, ist mein Babylon.
Es ist sehr still um und in mir geworden, ich beendete die Suche nach meinem Ich, folge nunmehr meiner „Kreativitätstheorie“ und „der neuen Langsamkeit“ – beides neue „Werke“ einer geprügelten Seele, an deren Schmerz ich ebenso schuldig bin, wie der Rest dieser beschissenen Welt.
Ich, ohne echte „Nähe“ zu irgendwem, suche meine Liebe, ziehe mit dem Wind, um meine „Insel“ zu finden – habe derweil nicht gelernt zu leben, vergaß, aus Angst, einen wirklichen Freund zu haben – hätte ihn wohl ohnehin verloren.
So sehr ich mir auch wünschte, mir selbst genug zu sein, so wenig ließ sich dieser Wunsch erfüllen.
Was schien mir gestern noch wichtig, welcher war der wichtigste Sinn in meinem Leben? Wen kümmert es wirklich, wer kann mir sagen wozu, und wem könnte ich etwas bedeuten?
Vollkommen ernsthaft sind diese Fragen natürlich nicht, aber sie helfen mir dabei meine „Menschlichkeit“, von der ich behaupte, dass ich sie so gerne abstreifen würde, zu bewahren und das Weinen nicht zu verlernen.
Sprüche, Worthülsen und Selbstbetrug – ohne echte Heimat, verlassen von einem geliebten Menschen, so als wäre man ohne eine Chance auf ein wertes Leben geboren. Ich habe die Chance genutzt alles zu verlieren was ich besaß, warte auf die gute Fee, die mich heim führt, denn ich kann den Weg nicht finden.
So traurig, so ohne Hoffnung, und doch so beseelt vom Willen nicht aufzugeben, mich nicht kleinkriegen zu lassen, an mich selbst zu glauben - wider jeder Realität. Doch wie lange kann man so etwas durchhalten? Ich weiß es nicht, und vielleicht sollte ich über diese Unwissenheit glücklich sein, auch wenn das die Angst nicht kleiner werden lässt, sie nur ein wenig in den Hintergrund drängt und in einem Nebelschleier verbirgt – dennoch ist sie anwesend.
Es ist mit Sicherheit ein Fehler, etwas dort zu suchen, wo es nicht sein kann, aber ich weiß nicht, wo ich sonst suchen soll, weil überall „Nichts“ ist.
Sein Vertauen in das Leben zu verlieren ist unendlich traurig, aber meine Wirklichkeit spricht eine sehr eindeutige Sprache, und lässt keinen Zweifel an meiner Situation.
Vielleicht sind meine negativen Gefühle der Grund für alles was schief läuft, doch wie erzeugt man positive Empfindungen, wenn alles so gründlich daneben geht? Na, hast Du einen netten kleinen Zauberspruch parat? Oder vielleicht sonst irgendeine Weisheit, die nicht an meinem Jetzt zerplatzt?
Wäre ein gnädiger Gott die Lösung? Könnte ich nur an irgend etwas glauben, aber ich kann es nicht, will nicht können, weil es doch nichts ändern würde, ich mich niemals so total ändern könnte, vom Wollen ganz zu schweigen.
Der Wille bleibt und er muss reichen für die nächste Zeit, muss mir heraushelfen aus diesem Dilemma aus Wohnungs- und Arbeitsuche, dem Abschiednehmen, dem Zwang zu einem Neuanfang.
Ich werde mich nicht alleine lassen, nicht verstoßen, nicht der Hoffnung berauben, denn es muss doch irgendwann wieder aufwärts gehen – scheint es auch so, als fände ich in jedem Abgrund, in den ich falle, eine neue, noch tiefere, noch schwärzere Bodenlosigkeit.
Danke für Deine unnahe Nähe, für die Liebe!

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Ich habe sicherlich nicht das Recht, die Fröhlichkeit, die positive Ausstrahlung und den Willen zum Glücklichsein Deines Briefes zu kritisieren, auch wenn es mir vorkommt, als könnte ich soviel Glück kaum ertragen – zur Zeit jedenfalls nicht.
Bin ich denn wirklich so negativ, so depressiv? Habe ich nicht jedes Recht auf mein Leben zu blicken und die Fehler zu bedauern, sie zu beweinen?
Und wenn ja, muss ich dann eine bestimmte Zeitspanne einhalten, wo ich doch genügend Momente im Laufe eines Tages habe, an denen ich fast vergesse wie meine Situation aussieht?
Wir wissen beide ganz genau, dass sich das Glück nicht zwingen lässt, und ich verlache all jene, die meinen, man könnte allein durch positives Denken und Hoffen eine Wende herbei zaubern.
Und der Herbst, den Du so malerisch und romantisch beschreibst, ihn fast verklärst zu eine Art Offenbarung, der ich nicht folgen, nicht beipflichten mag? Für Dich scheinen die letzten Sonnenstrahlen, das fröhlich bunte Laubwerk einer Verheißung ähnlich – den kommenden Frühling versprechend. Ich hingegen empfinde den Wandel dieser Jahreszeit als schmerzliches Ende eines Lebensabschnitts, sehe den Regen durch das dünn gewordene Blätterdach fallen – fast wie ein verwittertes Haus wirkt das alles auf mich; schön anzusehen ist diese Ruine für den Außenstehenden, doch derjenige, der in ihr wohnen muss, kann nur den Kopf über all diese Ansichten schütteln.
Was Lars betrifft: Er will diese Wohnung übernehmen, wird wohl seine Freundin zu sich holen.
Es ist okay, selbst die Tatsache, dass ich nichts mehr für ihn bedeute.
Ich weiß, dass ich ihn nie wiedersehen werde – wenn doch, dann nur, wenn er in Not ist (ich werde ihm trotz allem helfen, das weiß ich genau. Andere würden ihn hassen, wenn er ihnen so übel mitgespielt hätte, und selbst als ich dachte es auch zu können, wusste ich doch, dass ich ihn immer lieben werde – ganz gleich was er mir antut).
Ich habe vergessen, welche finanziellen Opfer ich für ihn gebracht habe, doch werde wohl immer mit Wehmut daran denken, wieviel Gefühl ich fehlinvestiert habe.
Weshalb sollte ich die Scherben weiterhin wie einen Schatz bewahren? Ich kehre alles zusammen, werfe es weg – doch die Erinnerung kann ich nicht so einfach entfernen.

Noch zwei Monate, dann werde ich hoffentlich eine neue Wohnung haben, ansonsten erst einmal zu meiner Mutter ziehen.

Es ist noch keine Antwort auf meine Bewerbungen gekommen, und ich hatte viel Zeit nichts zu tun; jetzt, wo es diese riesen Probleme mit meinem Lebenslauf gibt (hatte ich Dir davon geschrieben?).
Irgendwie scheint mir das alles nicht so wichtig, als dass ich Dich damit belästigen sollte.
Wahrscheinlich würde es Dich derzeit ohnehin nicht interessieren!

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Habe den Tag verschlafen, versäumt, verträumt (parce que moi je réve, moi je ne le puis pas...)
Und bin fast schmerzlich berührt, wenn ich aus dem Fenster blicke, vor dem der Sturm die letzten Blätter der Kastanie von den fast schon kahlen Ästen zerrt, der Regen alles zu einem schmierigen, glitschigen Brei vermengt – so wie schon im vergangenen Jahr.
Diese Gegensätze unserer beider Leben, die mir Dein Brief überdeutlich beschreibt, zeigen mir die Absurdität meiner Träume, verkehren sie zur Melancholie; diese kühne Melancholie, die mein Fleisch mit einem stummen Schrei zerreißt, um es der Langweile zu opfern. Sie, die mich quält in den Nächten, wenn ich nicht mehr weiß, was ich anfangen soll in meinem Leben, an diesem kalten Abend meines schwärzesten Tages. Ich habe ihr hundert mal meine Schuld bezahlt. Von der Glut der Asche bleibt mir nur die Asche, von einem Schatten die Lüge der Wahrheit, von der sie wollte, dass ich sie verstehe.
Momente, in denen ich, im Spiegel meiner Selbst, Hemingway zu erkennen glaube, ohne jedoch dessen Genialität zu besitzen. Wage ich es dennoch mich mit ihm zu vergleichen, dann bleibt nur die trügerische Melancholie und die Fähigkeit mich, über alle Maßen, selbst zu bedauern, ohne jedoch den letzten Schritt auch nur in Erwägung zu ziehen. Schön zu wissen, das Aufgabe noch nicht zu meinem Wortschatz gehört, keine Existenzberechtigung hat.
Frage ich mich, wieviel ein Mensch ertragen kann, so werde ich hoffentlich niemals die Antwort auf diese Frage erhalten. Ist es genug, für einen Menschen wie mich, einfach nur zu leben um des Lebens Willen, wo ich doch so große Ansprüche an mich selbst und das Leben, mein Leben, stelle? Wie kann ich nur erwarten, dass Du die Antworten kennst?
So jung zu sein, so voller Träume, ist ein Geschenk, dessen Glanz für mich erloschen scheint, dessen scheinbare Verheißungen ich nicht mehr glauben kann und dessen Glückseligkeit die Schmerzen der Realität nicht aufzuwiegen im Stande sind.
Doch was nützt all das Klagen über die Ungerechtigkeiten, die mir das Schicksal scheinbar zu teil werden lässt? Scheint es zu einfach das Schicksal für die derzeitige Misere meines Lebens verantwortlich zu machen, auch wenn ich die Grenzen meiner eigenen Möglichkeiten schon vor langer Zeit überschritten habe, sie jeden Tag aufs Neue überschreite? Was soll ich noch tun, welche Möglichkeiten habe ich vielleicht übersehen?
Es bedarf so vieler Stunden, um dennoch nicht auch nur den kleinsten Hoffnungsschimmer zu entdecken; grabe ich auch noch so tief, streife ich auch durch noch so weit entfernte Höhlen und Täler meines Lebens.
Rekapituliere ich das vergangene Jahr, dann könnte ich schon der Verzweiflung anheim fallen – ich werde es in besseren Zeit geschehen lassen, damit ich eben nicht verzweifle, sondern darüber lachen kann.
Diese Unverfrorenheit des immerwährenden Glaubens ist schon irgendwie anormal, aber ich werde ihn nicht ziehen lassen.

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Ich habe mich schon ein wenig aufgerappelt, auch wenn es noch immer nicht den geringsten Anlass zu einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft gibt.
Leider verläuft meine Wohnungssuche ohne jeden Erfolg, und es beängstigt mich schon, zumal meine “Pechsträhne“ schon so lange anhält, und auch die Jobsuche wenig positiv verläuft.
Eine bezahlbare Wohnung zu finden erscheint mir derzeit am bedeutendsten, denn ich verspüre nicht den Hauch von Lust zu meiner Mutter zu ziehen.
Alles in allem hat sich nicht viel getan, außer das mein Verhältnis zu Lars, mit dem näher rücken der „Trennung“ immer schlechter zu werden scheint – liegt es an mir? Sicherlich tragen die vorhandenen Probleme nicht dazu bei, dass ich mich auch noch mit seiner Lebenssituation auseinandersetzen will oder kann, ich auch sehr reserviert bin und seine Wünsche nicht mehr berücksichtige. Das Gefühl ausgenutzt worden zu sein, ist nicht von der Hand zu weisen, aber da die Entscheidung nun einmal so und nicht anders ausgefallen ist, habe ich schon längst mit ihm abgeschlossen. Das eine Trennung unvermeidlich war, ist völlig unbestritten; ich möchte sogar behaupten, dass sie notwendig war, aber die Art und Weise hat mein kleines Weltbild doch einigermaßen ins Wanken versetzt. Ändern lässt sich nichts mehr, und ich würde es auch nicht mehr wollen, dafür ist das Vertrauen einfach zu sehr gestört – auch wenn ich der Überzeugung bin, dass alles wieder in Ordnung kommen wird; wann, wie lange wird es dauern?

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Klar kannst Du etwas von mir vorlesen – allen Fans kannst Du auch meine Adresse geben; für Autogrammwünsche etc. (Wie witzig!)
Bei Dir in der Klasse oder auf der Schule gibt’s doch bestimmt einige Jungs, die nicht nur den Intelligenzquotienten einer Weißbrotscheibe haben, oder? Falls Du also einen schwulen Jungen kennst, oder einen, der es werden möchte, der vielleicht Lust auf eine Brieffreundschaft (oder mehr) hat, dann wäre ich echt dankbar, wenn Du einen Kontakt vermitteln könntest.

Da ich während des Weihnachtsmarktes jeden Tag mit meiner Mutter arbeiten werde, habe ich mir schon jetzt einen neuen PC bestellt. Eigentlich hatte ich mit Lars abgemacht, dass er ihn bezahlt, aber ich kann mich auf Lars ja leider nicht mehr verlassen.
Das Geld, das ich während des Weihnachtsmarktes verdienen werde, reicht locker für den Kauf aus – es wird sogar noch so viel übrig bleiben, dass ich die erste Miete für eine neue Wohnung bezahlen könnte, wenn ich denn nur eine finden würde.

Ich brauche unbedingt einen PC, weil mich die Übertragung der handschriftlichen Aufzeichnungen schon jetzt einige Tagen kosten wird.
Alleine die Tagebucheintragungen haben eine Stärke von 45 DIN A 4 Seiten erreicht, dazu kommen die Kurzgeschichten, die beiden Bücher etc.; ohne PC bringt das alles nicht viel, denn ich möchte mich jetzt endlich einmal ernsthaft auf die Suche nach einem Verlag machen und brauche dafür ordentliche Skripts – handschriftlich werde ich wohl kaum eine Chance haben (fehlertechnisch).

Eigentlich wollte Lars die Wohnung ja übernehmen, aber meine Vermieterin hat, obwohl sie ihm schon eine mündliche Zusage gegeben hatte, jetzt vor sie zu verkaufen. Dass diese Frau nicht einen Funken Anstand besitzt, war mir irgendwie schon klar, auch wenn ich für Lars gehofft hatte, dass alles gut ausgehen würde. Wieder einmal vergeblich gehofft. Für ihn ist die Wohnungssuche aber erheblich einfacher, als für mich. Er hat schließlich Arbeit, auch wenn es ein beschissener Job ist.

Ich hoffe, dass Du weiterhin so viel Freude an Deinem Schicksal haben wirst.
Deine Karte kam am Samstag und bisher war jeder weitere Blick in den Briefkasten vergebens.
Ich hatte sehr auf ein paar Zeilen von Dir gehofft, mir gewünscht, dass mir in diesen widrigen Zeiten, Deine Worte ein wenig Mut machen würden, Du die Freundin bist, die nicht auch dazu übergeht ihre Zeit zu verplanen. Immer seltener kommen Deine Briefe, immer weniger Zeit bleibt für das freundschaftliche Verhältnis.

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Heute kam nun doch ein Brief von Dir, rechnete kaum noch damit für die nächste Zeit, auch wenn ich jeden Morgen ungeduldig auf den Postboten wartete.
Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich Dir in den letzten Briefen schrieb, doch mein Gedächtnis scheint schon jetzt immer schlechter zu werden – Alter ist ebenso relativ, wie alles andere im Leben.
Welch‘ eine Verplanung Deiner Lebenszeit, kaum glaubhaft, wenn ich frühere Brief von Dir lese.
Lebe in ständig wiederkehrenden Deja Vus; was sich als neuartig entpuppt, denn ich vergesse was ich weiß – nur die Ahnung ist geblieben.
Wußte ich eben noch genau, was ich schreiben wollte, so hat sich der Gedanke schon wieder weit entfernt, hängt an einer langen Angelschnur, die ich erst mühsam einholen muss – oft springt dann der Gedanke doch noch vom Haken und das ausgeworfene Netz bleibt wieder einmal leer.
Du hattest meiner Person so viel Gewicht verliehen, und ich glaubte fast daran, auch wenn ich genau wusste, dass diese „Gewichtigkeit“ nicht beständig sein konnte.
Ich sehe den Tag, der mir Stille verheißt – oder droht er sie an? Irgendwann werde ich ihn lieben, weil ihn zu hassen sinnlos ist und ich immer weniger Sinn in meiner geliebten Sinnlosigkeit sehe.
Hatte ich Dir folgende Gedankengänge schon angetan?: Ich finde meine einzigen wahren Freuden in der Einsamkeit – meine Einsamkeit ist mein Palast, meine Burg; da habe ich meine Stuhl, meinen Tisch, meinen Wind und meine Sonne. Wenn ich woanders sitze, als in meiner Einsamkeit , dann sitze ich im Exil, sitze ich in einem trügerischen Land.
Gerade jetzt spüre ich die Übermacht der Probleme derart deutlich, dass es mir schmerzlich bewusst wird, wie wenig wir bedeuten für die Geschichte, für die anderen Milliarden; namenlos sind wir, bleiben wir, leben und sterben wir.
Ein Abgesang, eine Ode den Namenlosen dieser Welt – doch wer sollte sie schreiben?

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Ich stelle mir die Frage, wie man so weit im Voraus planen kann? Hochzeit am 12.08.2003? Zusammen ziehen am 01.08.1999? Wie sicher seid Ihr Euch schon jetzt, wo ich nicht einmal daran glauben kann, dass Du im Schwabenland zu Hause sein wirst?
Sicher, ich kenne Dich noch viel weniger als Timo es tut, aber mein Gefühl zweifelt an der Möglichkeit, dass alles so läuft, wie Du es Dir erträumst.
Ich beneide Dich nicht, denn ich sehe Dich von diesem Glück derart gefangen, dass es ein wenig nach „das oder gar nichts“ aussieht.
Ich wünsche mir, das alles so wird, wie Du es Dir wünscht – auch wenn ich an das vollkommene Glück nicht glauben mag. Doch wann Du ganz sicher bist, dann freue ich mich für Euch, werde aber auch dann für Dich da sein, falls es schief läuft.
Ich hoffe, dass Du verstehst, dass ich nicht so wahnsinnig viel Zuversicht in die Zukunft habe – nicht nur für mich selber; auch wenn mich Dein Leben nur so viel angeht, wie Du es erlaubst.
Irgendwie fehlen mir die richtigen Worte, um dir wirklich nahe zu bringen, was ich ausdrücken möchte.
Deine Beziehung zu Timo ist so voller Euphorie, so himmlisch, so stark, dass ein Ende möglicher Weise einem „Ende“ gleichen könnte.
Meine Skepsis sollte Dich nur nachdenklich machen, nicht der Auslöser für Zweifel sein – so erfahren bin ich auch nicht.
Allzu großes Glück hat mich schon immer stutzig gemacht – ich weiß, dass Du es anders siehst; ich hoffe Du hast recht!

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Längst war es an der Zeit Dir wieder einmal zu schreiben. Der neue PC hat mich ganz schön auf Trab gehalten.
Das Einrichten der Systeme war noch das geringste Probleme – konnte mich einfach nicht losreißen, als ich erst einmal angefangen hatte alles nachzutragen, was ich in den letzten Monaten zu Papier gebracht hatte. Es wird noch einige Zeit dauern, bis alles fertig ist, zumal ich ja auch noch die Briefe an Dich übertragen muss (also bitte demnächst schicken, sobald Du Zeit findest!).

Ich verstehe einiges viel besser, als es noch vor einigen Tagen der Fall war.
Viele Lieder von Herbert bekommen mehr Klarheit, jetzt, wo ich ein wenig mehr von seinem Schicksal weiß – auch wenn das, was wir wissen nur sehr wenig sein dürfte, er immer seine Arbeit von seinem privat Leben getrennt hat, er nur durch seine Lieder einen kleinen Einblick gewährte, ohne jedoch völlig verständlich zu sein.
Solch ein Schicksal zu ertragen, scheint mir unermeßlich schwer, meine eigenen Probleme im Vergleich so winzig – aber was wage ich mich hier zu sinnieren, meine Existenz der seinen gleichzustellen; weshalb sollte ich es nicht wagen, wie sollte ich anders verstehen können, was wohl in ihm vorgeht?
All das lenkt ein wenig ab, lässt mich fast vergessen, wie wenig diese Wohnung noch ein Zuhause ist, und wie weit entfernt eine neue Heimat zu sein scheint – Dir geht es auf eine bestimmte Art und Weise auch nicht viel anders, und die Parallelen unserer Leben scheinen doch nicht so wahnsinnig unterschiedlich zu sein, auch wenn das Level so viel anders ist.
Zeit tickt herunter ohne unterlaß, soviel von so wenig, und obwohl ich noch immer ohne Aussicht auf Arbeit bin, ohne Hoffnung auf Obdach, fließt auch mir die Zeit davon.
Schon bald beginnt der Weihnachtsmarkt auf dem Gehard Hauptmann Platz und ich werde jeden Tag bei meiner Mutter auf der Toilette mithelfen. Lust habe ich keine, aber ich kann das zu verdienende Geld sehr gut gebrauchen, habe deshalb in den vergangenen Wochen schon öfter dort gearbeitet – zumal Lars in diesem Monat noch nicht einen einzigen Pfennig Miete, oder seine Lebensmittel bezahlt hat.
Er stöhnt unter der gewaltigen Anzahl von Arbeitsstunden, auch wenn er vorher darum wusste – die Theorie ist meist doch völlig anders als die Wirklichkeit, und die Erwartungen werden ziemlich bald von ihr eingeholt.

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Draußen ist es schneidend kalt, gerade einmal null Grad und dazu ein eisiger Ostwind. Wenigsten scheint die Sonne von einem blaßblauen Himmel, auch wenn sie nicht in der Lage sein wird, die aufkommenden Schleierwolken aufzulösen.
Alle Bäume in unserer Straße sind schon völlig kahl, fast so wie ich sie bei unserem Einzug in diese Wohnung vorfand – wenigstens sah ich sie ein Mal blühen, auch wenn der Frühling und der Sommer kaum dazu geeignet schien irgend etwas aufblühen, aufleben zu lassen.
Warte auf das erste Jahr, in dem sich die Natur verweigert und alles kahl, und leblos bleibt. Ich werde es wohl nicht mehr erleben.

Ansonsten hat sich auch nicht viel getan, und mir fehlen die Gedankenblitz, die mich sonst immer trafen, wenn ich einen Brief an Dich begann. Vielleicht sollte ich warten und nicht versuchen auf biegen und brechen einen Brief hin zu bekommen – irgendwie schreibe ich nur Müll zusammen, und dass hast Du kaum verdient.

Ich würde mich freuen, wenn Du mir über die Lesung etwas berichten würdest, auch wenn es mir im Moment relativ egal ist, ob meine „Werke“ Anklang gefunden haben oder nicht. Sie sind schon so alt, gehören irgendwie nicht mehr zu mir (sind vielleicht ein bisschen wie Lars, der sich lieber gestern als heute von mir zurückziehen möchte – mit Recht, wenn ich daran denke, wie anstrengend ich sein kann).
Sehe nun lieber der Geburt der „Briefe an eine ferne Freundin“ entgegen, von der ich noch gar nicht weiß, wann sie statt finden wird. Ich will dieses Kind einfach nicht so groß werden lassen, möchte mich entscheiden können, wann es soweit ist, wie viele Brief ich einfließen lassen will, und ob ich nicht lieber auch auf eine Fortsetzung spekulieren sollte. Ich müsste einmal ausrechnen, wie sich das Verhältnis zwischen DIN A 4 Seiten und einem Buch in Taschenformat zeigt. Verdoppeln werden sich die Seiten mit Sicherheit, so dass das Buch irgendwann zu dick sein wird. Noch eine Trilogie? Oder eine Serie? Woher soll ich wissen, wie lange wir uns noch schreiben werden, wie soll ich erahnen, in welche Richtung sich mein Schreiben entwickeln wird, wann ich angekommen bin und meine „Werke“ einen Punkt erreicht haben, an dem ich nichts mehr verbessern kann, weil mein Potential einfach aufgebraucht ist? Ich weiß, dass es noch sehr lange dauern wird, bis ich wirklich nie mehr anders schreiben werde.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine alten Kurzgeschichten wirklich verändern, und ihnen ihre Ursprünglichkeit nehmen sollte, zeigen sie doch, wie ich mich entwickelt habe.
Es gibt so einiges, was ich anders machen würde, und es reizt mich auch, ihnen einen neuen Schliff zu geben, aber ich denke, dass das ein Fehler wäre, den ich irgendwann bereuen würde.
Diese kindlich naive Schreibweise ist mir doch jetzt schon so sehr abhanden gekommen, weshalb sollte ich da noch nachhelfen, in dem ich alte Sachen nach meinem heutigen Gusto verändere?
Mit meinem heutigen Wissen noch einmal 17 sein? Das habe ich mir oft gewünscht, aber ich halte es inzwischen für falsch, möchte nicht noch einmal leben, um alles richtig machen zu können, denn ich liebe die Fehlschläge vergangener Jahre inzwischen, habe ihnen viel Erkenntnis, Mut und den Willen nicht aufzugeben zu verdanken – ob ich diese Eigenschaften hätte, wenn ich von Anfang an alles richtig gemacht hätte, könnte ich mit solch einer Perfektion einen heutigen Schicksalsschlag überhaupt ertragen? Wahrscheinlich würde ich einfach untergehen.

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Morgen ist wieder Abendblattzeit, und ich habe wirklich einiges zu tun, wenn ich denn dazu komme.
Wohnungsanzeigen studieren, den Stellenmarkt abgrasen, abends vielleicht noch Bewerbungen schreiben, am Montag mit den Vermietern telephonieren – seit Wochen sehen mein Samstag und der Montag so aus.
Es wird ziemlich stressig, wenn ich ab dem 23.11. jeden Tag arbeite und nebenbei noch Wohnung und Arbeit suchen will, außerdem meinen Auszug vorbereiten muss, aber ich werde es schon irgendwie hinkriegen. Die Arbeit brauche ich unbedingt, damit ich den Umzug überhaupt bezahlen kann, auch wenn ich es nur wegen des Geldes tue, ansonsten überhaupt keine Lust dazu habe.
Ich will dich hier aber nicht mit solch abgeschmackten Geschichtchen langweilen.
Ich hoffe bald wieder von Dir zu hören!

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Vielen Dank für die Briefe und natürlich auch Deinen Brief.
Habe die Übertragung abgeschlossen und schicke Dir alles zurück (was ist das bitte für ein Satzstellung?).

Du musst Dich mit dem Vorwort nicht beeilen, denn ich habe immer noch nicht entschieden, wie viele Seiten ich in das Buch einfließen lassen will (die letzten Briefe werden wohl zum Teil außen vor bleiben – habe ich unter dem Druck der letzten Monate doch hauptsächlich Schrott zu Papier gebracht).

Das ein Buch von mir veröffentlicht wird, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich, eine Lesung damit eher für wenig sinnvoll, auch wenn ich nichts dagegen hätte – wenn die Voraussetzung hierfür aber ein Buchveröffentlichung ist, eine Veröffentlichung einer Kurzgeschichte (besagte „Belohnung für treue Dienste“ ist im Purpur Verlag veröffentlicht!) dazu nicht ausreicht, dann wird es wohl nichts werden.
Ich habe auch keinerlei Vorstellungen, welche Parameter das Lehrerkollegium eurer Schule für eine Lesung ansetzt, welche „Erfolge“ ein Autor haben muss, um eingeladen zu werden, oder ob die bloße Vorstellung, der Autor könne den Schülern etwas vermitteln, ausreicht um Gelder für ein solches Vorhaben bereit zu stellen.
Ich würde wirklich gerne eine Lesung halten, und außer einer Einladung durch die Schule auch gar nichts weiter erwarten (übernachten würde ich ja wohl hoffentlich bei Dir können, oder?).
Na ja, Du wirst Dich schon erkundigen, wie viele Lorbeeren einer schon geerntet haben muss, um als würdig erachtet zu werden – freute / freue mich über die Reaktionen der Schüler / innen, und wäre sehr gerne dabei gewesen!
Was den Jungen angeht, den Du in Deinem Brief erwähntest – es ist nicht weiter tragisch, wenn er sich nicht meldet. Ich hoffe nur, dass es nicht aus Angst vor meinem Schwulsein ist – schließlich lebe ich in Hamburg und habe nicht vor irgend jemanden durch seine Träume zu verführen.
Du weißt ja, dass es mir mehr darum geht Leute moralisch zu unterstützen, auch selbst Unterstützung zu empfangen, sie nicht von der Notwendigkeit des Outings überzeugen möchte, oder gar das Bedürfnis habe mich als Meister auf zu spielen, der sich allwissend gibt. Ich habe ganz andere Intentionen, aber wem sage ich das?
Natürlich würde es mich interessieren, was ihn möglicher Weise fasziniert hat, aber er sollte sich schon selber dazu durchringen, wenn es für ihn denn überhaupt irgendeine Bedeutung hat; aber auch das wird sich zeigen.
Ich bedanke mich aber schon jetzt für Deine Unterstützung.

Etwas eigenartig hört sich die Geschichte mit Timo schon für mich an (stelle ich mir doch die Frage, weshalb er sein Handy ausschaltet, obwohl er wissen musste, dass Du ihn anrufen würdest), aber davon willst Du bestimmt nichts hören, es auch nicht glauben wollen, hätte ich nun recht oder nicht.
Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Dich, und ich glaube, dass es mir als Deinen Freund, schon wichtig sein sollte, was da so passiert.
Ich würde Dir auch unschöne Wahrheiten sagen, wenn sie auch unsere Freundschaft belasten würden - eine wirklich Freundschaft muss das schon aushalten.
Könntest Du nicht erst einmal zur Probe mit ihm zusammen ziehen? Ist es den klug, sich so Hals über Kopf in unbekannte Gewässer zu stürzen? Du wähnst Dich auf der sicheren Seite; bist Du es? Kennst Du ihn schon so gut, dass Du ohne jeden Zweifel sagen kannst, dass Deine Entscheidungen die richtigen sind? Wird durch Euer Zusammenleben nicht alles anders, kommt nicht der Alltag, in dem einem die Fehler des anderen erst richtig bewusst werden, sie nicht mehr einfach nur niedliche Marotten sind?
Du weißt, dass nicht alles so himmlisch und unbeschwert bleiben wird.
Weshalb diese Kassandrarufe? Ich liebe Dich und möchte Dich nie wieder leiden sehen.
Wäre ich nicht schwul, dann könnte man denken, dass ich eifersüchtig bin, aber das ist nicht so. Im Gegenteil, ich freue mich sehr, dass Du glückliche Zeiten verlebst, Deine Sehnsucht manchmal übermächtig zu sein scheint – auch das gehört zum Lieben.
Versuche einfach das schwarze Loch zu umgehen!
Übrigens hast Du wohl alles Recht der Welt misstrauisch, zumindest aber vorsichtig, zu sein.
Vergleich mit anderen Menschen sind nun einmal die einzigen Parameter, die wir machen können, um wenigstens ein minimales Maß an Sicherheit zu erlangen.
Dass Du Dir seiner sicher sein möchtest ist doch nur verständlich, zumal Du diesen großen Schritt ins Schwabenland machst. Für ihn gab es genug Gründe nicht nach Erfurt zu kommen, für Dich soll es genug Gründe geben ins Schwabenland zu ziehen....!? Man wird ja wohl mal fragen dürfen, zu welcher Seite sich die Waagschale neigt, wer die größeren Opfer für eine gemeinsame Zukunft bringen muss / will – ist es nicht so?
Lass Dich vor Liebe blind sein, aber werde deshalb bitte nicht blöde. Dein Leben muss Du letztendlich ganz alleine leben.

Entschuldige die Eindringlichkeit dieses Appells an Deinen Intellekt, aber ich werde schon leiser werden, wenn alles gut läuft – so lange wirst du aber gut gemeinte Ratschläge und Mahnungen erdulden müssen; wenn sie auch nerven und Du glaubst, dass mich Eure Beziehung nichts angeht und ich mir ein völlig falsches Bild von Timo mache (ich wünsche mir mich zu irren, kein bisschen recht zu behalten!!!)
Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wieviel mir daran liegt, Dich glücklich zu sehen, wie wichtig es mir ist, dass es auch so bleibt!

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Dein Brief hat mich beruhigt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht alles so unbesehen glauben kann.
Ich erinnere mich da an eine Phase, in der Du endlich zu gegeben hattest, wie sehr Dein Leben einer Fassade glich. Noch bin ich nicht so emphatisch veranlagt, dass ich sagen könnte, ob dieses Mal alles stimmig ist. Aber wie ich schon erwähnte, es würde mich nichts glücklicher machen, als Dich glücklich zu wissen.
Nun ist es ja auch so, dass Du bisher nicht soviel von Timo, dem Schwabenland und alledem, was damit zusammen hängt, erzählt hast – doch selbst wenn, ich bin nicht sicher, ob ich nicht dennoch ein imaginäres Schreckgespenst an die Wand gemalt hätte.
Es ist ein sehr großer Schritt in eine neue, noch ziemlich unbekannte Welt, und selbst ich würde nicht wissen, ob ich es mir nicht genau so ginge in dieser Situation – würde ich um einer Beziehung Willen doch auch eine Menge Dinge auf mich nehmen...Mit dem Blick des Liebenden, der so wenig Augen für die möglichen Wahrheiten hat.
Es ist schwierig den richtigen Gradmesser für eine halbwegs gerechte Beurteilung zu finden, wo doch so viele Dinge eine Rolle spielen.
Ist es nicht ebenso mit meinen „Werken“? Würde ich zur rechten Zeit, das rechte „Werk“, an den richtigen Verlag schicken; hätte ich dann auch noch das Glück, dass es der richtigen Person in die Hände fällt, dann wäre ich längst ein Schriftsteller vor den Augen derer, die da so hochtrabend über Autoren und ihre Werke diskutieren.
Vielleicht könnte man sogar vor den gestrengen Augen eines Marcel Reich-Ranicki oder Karaszek bestehen. Müßte sich vielleicht gefallen lassen, dass sie dieses Werk ein wenig unreif und undezidiert finden, würden aber sicher auch die Frische und das jugendliche Tembré entdecken (wie komme ich darauf irgend etwas jugendliches an mir zu haben, und frisch wird ein 34 jähriger Kohlkopf wohl auch nicht gerade sein!).
Nun denn, lassen wir uns überraschen.

Morgen werde ich hoffentlich einen Vorvertrag für eine neue Wohnung unterschreiben können, auch wenn ich lieber ein bisschen sparsam mit meiner Vorfreude umgehen möchte, sollte, aber irgendwie nicht will, kann.
Endlich sieht es so aus, als würde ich nicht zu meiner Mutter ziehen müssen.
Morgen weiß ich mehr.

Das Weihnachtsgeschäft auf dem Klo läuft sehr schleppend an und ich werde meine Vorjahrserträge kaum erreichen. Dennoch werde ich wohl die erste Miete und die Kaution bezahlen können.
Ich habe jetzt auch nicht mehr viel Zeit zu schreiben, weil ich morgen um 08.00 h aufstehen muss, dann am Nachmittag die Besichtigung / Unterzeichnung des Vorvertrages (mit etwas Glück), schließlich wieder zur Arbeit.

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War wohl nichts mit dem Vorvertrag, von einer Wohnung ganz zu schweigen!
Meine Vorahnungen, dass man mich als Arbeitslosen nicht haben will, bestätigten sich wieder einmal.
Natürlich bin ich ziemlich frustriert, aber ich kann mir kaum Zeit nehmen, um wirklich eingehend über die Situation nach zu denken.
Heute habe ich, zusammen mit Lars, gearbeitet und wir hatten nicht eine einzige ruhige Minute; konnten nicht mal eine Scheibe Brot essen.
Die Leute waren so ätzend und arrogant, dass ich einigen am liebsten die Fresse poliert hätte.
Ich werde jetzt ins Bett gehen, denn ich bin körperlich und seelisch am Ende.
Morgen mehr.

Mir geht es nicht besonders gut (körperlich), ansonsten ist eigentlich alles okay, auch wenn ich mich immer noch nicht richtig beruhigt habe, was die Ablehnung angeht.
Heute Vormittag habe ich in dieser Sache auch noch einige Telephonate geführt, aber man konnte nur erneut bedauernd ablehnen.
Die Wohnungen sind so günstig, dass ich sie mir leicht leisten könnte, aber selbst das Angebot eines Mietbürgen stieß nicht auf Interesse.

Du wirst noch einen Tag länger auf eine Antwort warten müssen, weil ich morgen Frühschicht habe und gleich ins Bett will.

Ich habe mich wie ein Zombie durch den Tag geschleppt, auch wenn es mir jetzt etwas besser geht.
Irgendwie scheine ich diesen Brief so unfertig zu beenden, wie ich ihn begonnen habe.
Du wirst mir sicher nachsehen, wenn ich jetzt schließe – der nächste Brief wird hoffentlich wieder etwas gehaltvoller (wenn auch nicht zwingend länger).

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Fast hatte ich schon gar nicht mehr mit Post von Dir in diesem Jahr gerechnet (was natürlich keine Kritik sein soll, zumal ich weiß, wieviel Du zu tun hast – außerdem bin ich ja nicht der einzige Mensch in Deiner Welt).
Meine Tage verlaufen in gleichmäßiger Ungeregeltheit; stets die Suche nach Wohnung und Arbeit und stets nur Absagen – immer die alte Leier.
Eben rief meine Mutter an, dass ich am Freitag eine Wohnung besichtigen soll. Hört sich irgendwie zu schön an, um wahr zu sein. Ich werde mich wohl überraschen lassen müssen.
Um das Ergebnis der Besichtigung zu erfahren, wirst Du diesen Brief auch erst am kommenden Montag haben.

Wenig Grund zur Hoffnung ist mir nach diesem Freitag geblieben – ein „Verhör“ bei der Wohnungsbaugesellschaft ließ mich an meiner Menschenwürde zweifeln. Ich sei unstet, wechsele ja ständig Wohnungs- und Arbeitsplatz...
Was für ein rhetorischer Unsinn! Ich musste meine Dienstwohnung verlassen, nachdem das Arbeitsverhältnis beendet war; schon das wird mir als sprunghaft ausgelegt, und der Umstand, dass ich zwischenzeitlich auch noch als Hausmeister tätig war (um nicht ewig auf Kosten des Staates zu leben), wird als mangelnde Stabilität ausgelegt.
Ich redete und redete, meine Mutter dazwischen, die sich wiederholt als Bürge anbot – vergebens, auch wenn ich erst am Dienstag weiß, ob ich nun als Mieter akzeptiert werde oder nicht.
Es kann eigentlich nur ein „Nein“ dabei heraus kommen; alles andere wäre eine Art Weihnachtswunder (kannst Du mir verdenken, wenn ich an solche Dinge nicht mehr glauben mag?)

Habe vor einigen Tagen mit einem neuen Buch begonnen. „Hamburg Untertage“ beschreibt die Arbeit meiner Mutter und meiner Schwester - aber was soll ich groß erklären, wo ich doch nur ein Konzeption zu Stande gebracht habe (wenn wundert‘s, bei all den Unbilden der letzten Wochen und Monate!)
Auch heute wird dieser Brief nicht fertig, Du wirst immer noch ein wenig Geduld haben müssen!
Ich hoffe, dass Du Dich über Dein Weihnachtsgeschenk ein wenig freuen wirst, auch wenn ich heute noch nicht versprechen kann, ob es rechtzeitig bei Dir sein wird (ich werde mir die größte Mühe geben, aber ich bin nur ein kleiner Faktor im Räderwerk des Weihnachtsmannes!).
In jedem Falle wird es etwas Besonderes (für Dich vielleicht von großem Wert) sein; aber ich will nicht zuviel verraten.

An diesem Wochenende werde ich nicht arbeiten, mich ganz auf die Vorbereitung für den Umzug konzentrieren (obwohl ich nicht einmal weiß, wo ich nun landen werde – wahrscheinlich erst einmal bei meiner Mutter).
Da es mit der neuen Wohnung wohl nichts wird, habe ich mehr Kohle, als ich brauche (hätte sonst 3500,- DM Genossenschaftsanteile bezahlen müssen).
Lars hat für diesen Monat überhaupt nichts bezahlt, sonst würde ich (zumindest für meine Verhältnisse) in Geld schwimmen – doch was ist schon Geld, wenn ich hilflos mit ansehen muss, wie sich ein Teil meines Herzen immer weiter von mir weg bewegt.
Wie klar mir auf einmal wird, wie sehr mir dieses Grinsen, das Lachen, das Fordern, die scheinbare Sorglosigkeit fehlen werden; es kommt mir vor, als wenn ich neu lernen muss zu leben.
Doch genug für jetzt, denn ich bin unsagbar müde, auch wenn ich noch wach genug bin, um Dich ganz lieb in dem Arm zu nehmen (könnte es nur Realität sein – wenn Du mal wieder in Hamburg bist, dann will ich Dich unbedingt sehen!).

Regen, Regen, nichts als Regen, der scheinbar mit Erfolg meine Gedanken mit sich fortschwemmt.
Was wollte ich nicht noch alles schreiben, worüber wollte ich mich noch beklagen (ohne jeden Sinn versteht sich)?
Hatte zumindest ein erfreuliches Ereignis am Freitag – habe einen Verrechnungsscheck der Steuerkasse bekommen und war auf einen Schlag um 1100,- DM reicher.
Na ja, das Geld wäre / wird ja für die Genossenschaftsanteile drauf gegangen / gehen sein.

Nun möchte ich noch auf Deine letzten beiden Briefe eingehen (obwohl mich eigentlich nur der erste geschockt hat).
Alles hört sich plötzlich ganz anders an, keine Rede mehr davon, dass ihr eine gemeinsame Wohnung nehmen wollt, die dann auf Deinen Namen läuft!?
Kristin, Du solltest nicht in das Haus Deiner zukünftigen Schwiegereltern ziehen – siehst Du denn gar nicht, wie abhängig Du von ihnen wirst?
Ja, Du träumst, und solltest schnellstens aufwachen! Weißt Du denn nicht, was es bedeuten würde, wenn Eure Beziehung doch nicht hält? Dann bist Du in einer Wohnung mit einem Mann, denn Du nicht mehr liebst, lebst im Hause seiner Eltern, die Dich vielleicht fertig machen wollen.
Klar hältst Du das jetzt alles für völlig abwegig und meine Meinung für Blödsinn, aber ich bin mir sicher, dass Du Dich noch wundern wirst, wie anders Menschen sein können, wenn man ständig mit ihnen zu tun hat.
Du glaubst nicht, dass Timo auch ein mieser Hund sein kann? Er kann, und vielleicht wird es eines Tages auch für Dich sein – Du wirst hoffentlich nicht glauben, dass seine Eltern dann zu Dir halten; das wird nicht passieren!
Logisch ist es viel günstiger bei ihnen zu wohnen, aber das darf nicht das alles zwingende Argument sein, denn wenn es schief geht, dann wird dieser Umstand ihr größter Vorteil sein (ich weiß, dass Du denkst, dass sie so etwas niemals tun würden – aber ich habe eine solche Situation erlebt. Da hieß es dann, dass ich ja wohl ohne sie ein Nichts wäre, mich gefälligst so zu verhalten hätte, wie sie es erwarteten etc.).
Menschen sind nicht so gut, wie Du sie durch Deine rosarote Brille siehst, scheint meine Wahrnehmung aus der Ferne auch völlig überzogen.
Welchen Grund gibt es denn, dass Du plötzlich doch keine Wohnung auf Deinen Namen nehmen willst? Spielt da nur die Miethöhe eine Rolle, wollen seine Eltern Euch nur helfen, können sie ihn nicht gehen lassen, wollen sie Euch kontrollieren, oder sind sie einfach nur herzensgute Menschen?
Ich weiß genau, welche Fragen ich mir stellen würde, auch wenn ich von Dir zur Zeit nicht glaube, dass Du an irgendeine negative Situation denken kannst, willst.
Ich war so beruhigt, als Du mir geschrieben hast, dass Du Dich nicht von Timo und seinen Eltern abhängig machen würdest – alles ist anders, hat sich um 180° gedreht, steht auf dem Kopf, und Du bist so abhängig, wie man es nur sein kann.

Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll.
Ich liebe Dich, aber ich werde Dich kaum davon abhalten können, Deine eigenen Fehler zu machen.

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Ich habe mich sehr über das Buch gefreut, auch wenn ich noch nicht weiß, wann ich die Muse haben werde es zu lesen.
Du wirst noch einige Tage auf diesen Brief warten müssen, denn der Umzug erfordert noch so viele Überlegungen.

Nun kann ich doch noch ein wenig Zeit erübrigen (auch wenn es eigentlich noch genug zu tun gäbe).
Das ich zu meiner Mutter ziehe, wirst Du ja inzwischen auch schon mitbekommen haben – wenn dies auch nicht die perfekte Lösung ist, so doch zumindest eine vorläufige.
Ich werde mich demnächst noch intensiver um eine neue Wohnung bemühen, auch wenn ich eigentlich schon alle Möglichkeiten ausgenutzt zu haben glaube (überraschende Wendungen scheint es in meinem Leben derzeit ja leider nur im negativen Sinne zu geben; was mich aber auch nicht wirklich fertig macht!).
Fragte mich sonst zu diesem Zeitpunkt eines jeden Jahres, was mir wohl das neue bringen wird, so bin ich im Moment eigentlich eher uninteressiert, wenn auch nicht gleichgültig.
Das Wohnen bei meiner Mutter ist doch mit einigen Einschränkungen verbunden, die ich dann auch nur so kurz wie möglich auf mich nehmen möchte.
So kommt auch irgendwie keine Freude auf, dass ich nicht direkt auf der Straße lande – so wie schon im April, als ich mich über eine neue Arbeit überhaupt nicht richtig freuen konnte (schon jetzt sind das alte Kamellen, die mir so unwirklich vorkommen).

Nun will ich mich zu Deinen Einwenden, Wohnung und anderes betreffend, nicht äußern.
Es macht keinen Sinn, wenn Du Derzeit ohnehin nur Deinem Herzen folgen kannst, Dir meine Lebenserfahrung doch eher unwichtig ist und Du Dein Recht in Anspruch nehmen willst, Deine eigenen Fehler machen zu wollen.
Ich werde mich nicht schlecht fühlen, wenn ihr Euch wirklich gefunden habt, es die Beziehung ist, die Du Dir erträumtest, und ich mein Bauchgefühl völlig falsch interpretiert habe.
Ich erwarte nicht, dass ich recht habe, denn ich kann nur nach Deinen Beschreibungen urteilen (die mir teils so übertrieben rosarot vorkommen, so honigsüß, dass man es fast schmecken kann, so verträumt, dass ich fast glauben möchte, dass Du schläfst).
Nun hätte ich fast wieder angefangen Dich voll zu sülzen...

Viel mehr werde ich auch nicht schreiben, werde Dich am 31.12.1998 um Mitternacht ganz fest in die Arme nehmen, für eine Sekunde die Stelle Timos an Deiner Seite einnehmen und dann an meine angestammte Zuflucht in Deinem Herzen, Deiner Seele zurückkehren.
Den Bruchteil einer Sekunde alles durch Deine Augen sehen, Dein Gefühl erspüren und mich dann fallen lassen in die Arme eines neuen Jahres.
Liebste Freundin, die Du immer willkommen bist in meinem Leben, wie kann ich Dir beschreiben, was ich wäre ohne Dich als meine Hoffnung, als mein Licht in dunkler Nacht, als mein Trost in der Tristesse meiner Unwichtigkeit für diese Welt?
Eine kleine Frist wird verstreichen, einige Tage auf der Weltenuhr herunterticken, so dass ich vielleicht in der Lage bin Dir zu erklären was mich treibt, Dir verständlich zu machen, was ich bisher verschwieg, was ich verschleierte mit dem Talent des Schreibenden – bin ich eingebildet? Nein, ich glaube an meine Fähigkeiten, und nicht nur an die, die das Schreiben betreffen.

Ich sende viele liebe Grüße an alle, nachträglich die Hoffnung, dass Ihr eine schöne Weihnachtszeit verlebt habt und dass wenigstens einige Eurer Träume und Sehnsüchte im Jahr 1999 ihre Erfüllung finden – nicht alle auf einmal, denn sosehr wird uns das Schicksal nicht verwöhnen.

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Nachdem sich die Wogen der Irrungen und Wirrungen des vergangenen Jahres nun etwas gelegt haben, habe ich endlich etwas Ruhe und kann mal wieder einige Schwachsinnigkeit an Dich los werden – sicherlich noch ein wenig holperig und unausgewogen, aber irgendwie doch besser als gar nicht zu schreiben.
Nun bin ich auch fast schon 10 Tage bei meiner Mutter und ich hoffe, dass ich bis zur Mitte diesen Jahres wieder eine eigene Wohnung haben werde. Zu diesem Zwecke habe ich mich auch wieder bei der Saga als Mietinteressent eintragen lassen.
Meine Ansprüche an eine Wohnung sind doch relativ gering, und so sollte es wohl möglich sein eine geeignete Wohnung für mich zu finden.
Wieder haben sich die Inhalte unserer Brief ein wenig überschnitten – schrieb Dir ja schon, dass es mit einer Wohnung nicht mehr geklappt hat.
Nun will ich aber wirklich mal ein bisschen von Peter schreiben.
Alte Wunden reißt Du mit Deiner Frage nach ihm nicht auf, auch wenn ein wenig Wehmut in mir mit schwingt, wenn ich an ihn denke, aber das hat nichts mit Deiner Frage nach ihm zu tun, denn ich denke ohnehin öfter an ihn, frage mich wie es ihm geht, wie sein Leben wohl verlaufen sein mag.
Im Grunde waren wir zwei einsame Wölfe, die sich im Strudel der Zeit trafen, sich mochten, verstanden, sich halfen und doch hat das Stahlseil unsere Freundschaft der Realität nicht trotzen können.
Ich habe ihn im Alter von acht Jahren in einem Kinderheim kennengelernt, und seit der Zeit waren wir Freunde (damals dachte ich für die Ewigkeit, musste aber feststellen, dass es so etwas nicht zu geben scheint).
Wir zogen gemeinsam von Heim zu Heim, bis sich unsere Wege (wohnungstechnisch) trennten.
Aber auch nachdem wir nicht mehr das selbe Zimmer teilten, hatten wir doch sehr häufig Kontakt, lebten noch einmal auf der selben Stube bei der Bundeswehr, bis sein Wehrdienstzeit abgelaufen war (ich habe ja insgesamt vier Jahre beim Bund verbracht).
Wir verbrachten zusammen viel Zeit im Ausland, arbeiteten als Personenschützer oft zusammen, waren gemeinsam bei der Fremdenlegion, und retteten uns gegenseitig einige Male das Leben.
Weniger und weniger sahen wir uns, als wir aus unserer jugendlichen Verrücktheit heraus gewachsen waren.
Beruflich beschritten wir sehr unterschiedliche Pfade – ich als Pädagoge, er als Handwerker.
Einige Urlaube verbrachten wir auf Korsika zusammen, aber irgendwann war auch das vorbei.
Die Pubertät mit ihm zu verbringen war die Hölle, weil ich ihn liebte, so wie ich ihn niemals lieben durfte. Ich habe ihm auch erst sehr spät erzählt, dass ich schwul bin – es macht ihm nichts aus, auch wenn er eine Beziehung zu einem Typen natürlich völlig ablehnte.
Es gibt sicherlich noch sehr viel zu schreiben was ihn betrifft, aber letztendlich habe ich ihn seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, nur gehört, dass seine Zeit als einsamer Wolf sein Ende mit seiner Hochzeit, der Geburt eines Kindes etc. fand.
Ich habe niemals begreifen können, weshalb er sich plötzlich (sozusagen von einem auf den anderen Tag) nicht mehr meldete, habe immer wieder versucht ihn zu einer Erklärung seines Verhaltens zu bewegen.
Ich erhielt niemals eine Antwort, auch wenn ich sie schon, in Form eines alten Briefes, lange erhalten hatte.
Damals war ich wohl nur zu blind zwischen den Zeilen zu lesen – heute ist mir vieles klarer, auch wenn noch so viele Fragen offen bleiben, die wahrscheinlich niemals eine Antwort bekommen werden, nur Spekulationen als Inhalt haben.
Ich ging meinen eigenen Weg, kreuzte nie wieder den seinigen – aber vielleicht war es auch umgekehrt.
Ich konnte mich immer auf ihn verlassen (auch wenn er grundsätzlich (nach Gewöhnung daran, pünktlich) eine halbe Stunde zu spät zu Verabredungen erschien).
Ich suche weiter nach den Gründen, weshalb man einen wahren Freund verliert, es nicht nur eine Zeit gibt, in dem man sich eben nicht mehr so häufig wie ehedem sieht, sondern plötzlich ein Gefühl aufkommt, das einem vermittelt, dass man sich diese Freundschaft möglicher Weise nur eingebildet, sie erträumt hat – nur sein Brief erinnert mich daran, dass seine Person nicht meiner Phantasie entsprungen ist, dass alles was wir zusammen erlebten auch tatsächlich passiert ist.

Ich möchte für heute schließen, diesen Brief an Dich, und Dich in meine Arme.

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Anbei die ersten 10/70 Seiten des Buches „Briefe an eine ferne Freundin ©“.
Erwarte harte Redigation, frohes Streichen, Verbessern, Abändern etc.- würde Dich gerne als Coautorin haben (nicht nur das Vorwort betreffend). Wenn Du Lust hast, dann würde ich bei der weiteren Entwicklung dieses Werkes gerne Deine Mitarbeit in Anspruch nehmen!
Du wirst einige Streichungen entdecken, veränderte Wortwahl bemerken, oder Dir unbekannte Passagen ausmachen.
Ich bitte Dich wirklich um schonungslose Offenheit und konstruktive Kritik, außerdem natürlich um Ratschläge und Forderungen (was soll weggelassen werden, wie weit soll dieses Buch gehen etc.?).
Ich selbst bin immer weniger begeistert, würde gerne alle bla, bla Passagen einfach ausstreichen, so dass nur noch ein rundes, perfektes Bild bliebe – aber das wären nicht mehr die Briefe, die ich an Dich geschrieben habe, die offenbarten, wie oft ich auch unter meiner Schwäche zu leiden habe, die zeigten, dass es eben einen Unterschied macht, ob man Briefe schreibt, oder sich an einem ausgedachten Roman versucht, den man dann nach belieben verändert – mit meinen Briefen kann ich es einfach nicht machen, kann sie nicht nur den Sonnenschein vorspiegeln lassen, und so tun, als gäbe es keine Phasen von Legasthenie, von stolpernden Worten und Sätzen. Ein bisschen so, wie ich es Dir schon mit den Kurzgeschichten zu verdeutlichen versuchte – Entwicklung aufzeigen, nicht nur den schönen Schein herauskehren...

Hoffe ohnehin in den nächsten Tagen auf Post von Dir – habe schon so lange auf einen Brief warten müssen (wußtest wohl, dass mir kaum der Sinn nach tiefschürfender Korrespondenz stand?!).
Doch genug für heute! Ich werde morgen auf den Postboten warten, um eine mögliche Antwort, auf einen möglichen Brief von Dir, noch in diesem Brief unterzubringen.
Wollte auch gerne mal wissen, ob sich in der Sache mit der Lesung irgend etwas getan habe, oder ob ich nun doch eher nicht in Frage komme...
Gute Nacht!

Gestern nun auch noch keine Post von Dir und so werde ich diesen Brief heute, ohne Kommentar auf Deine nächsten Zeilen, abschicken.
Endlich sind nun auch wieder ein paar mögliche Stellen für mich im Abendblatt, auf die ich mich noch bewerben will (... aber bitte nicht so eilig, wo all das auch bis morgen warten kann, mir die rechte Lust zum Schreiben, ohne die Möglichkeit zu fabulieren, gänzlich zu fehlen scheint, ich mich zwingen muss, wenn ich denn eine Art Formbrief hinbekommen will...).
Noch immer nicht ganz von innerer Ruhe beseelt, schreibe ich auch heute wieder ungeschliffen und gehaltlos – kurz außerdem.

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Ich muss zugeben, dass Dein Brief nicht gerade sonderlich aussagekräftig war, etwas verwirrend außerdem (hatte ich Dir doch die neu Anschrift bisher noch gar nicht mitgeteilt, aber schon einen Brief von Dir durch Nachsendung erhalten...!?). ...und was die Lesung betrifft: War gar nicht anders zu erwarten, wo sich doch wirklich alles gegen mich verschworen zu haben scheint, ich mir keine wirklich Hoffnung auf dieses kleine bisschen Glück gemacht habe. Nichts desto trotz würde ich dennoch gerne eine Lesung halten, würde für die entstehenden Kosten selbst aufkommen, wenn ich denn dazu ermutigt und eingeladen würde. Du kannst es ja in dieser Form mal anregen (bin sehr gespannt auf die Reaktion! Auch wenn ich nicht glaube, dass es irgend jemanden interessiert, ob ich kommen würde oder nicht!).
Sollte man Fragen haben, dann kann sich ja eine interessierte, sich für diese Lesung verantwortlich zeichnende, Person mit mir in Verbindung setzen – erneute Freigabe der Anschrift (was ja leider auch nichts gebracht hat – nicht mal in Hinblick auf die Literatur Interessierten, von denen, die vielleicht auch auf „Abwegen“ sind ganz zu schweigen. (Wie war das doch gleich: *„Im Grunde macht Dein Tod mich froh, denn noch schlimmer als auf Erden, kann’s beim besten Willen nicht in der Hölle für Dich werden...!“ Mag schon irgendwie stimmen, auch wenn ich im Vergleich zu wirklich armen Schweinen noch ganz gut da stehe) (mit dem Blick des sensiblen Dichters, des Schreiberlings, des Unausgegorenen, des ewig aufbegehrenden Querdenkers ist dieser Vergleich irrelevant, wenn nicht gar widersprüchlich zur eigenen Person – vielleicht, weil mir meine Existenz nur durch meine geistigen Ergüsse derzeit wichtig erscheint – aber macht nichts, ohne die Aufmerksamkeit werde ich weiter das Leben eines „armen Poeten“ führen (Carl Spitzwegs Bild ist so typisch für meine Utopie, für meinen Wunsch nach ein wenig Licht im Dunkel der Nacht...), und vielleicht meinen Erben mit einem großen, postumen Salär beschenken – auch was wert, selbst wenn ich das Bedürfnis hätte, die Kohle selbst unters Volk zu bringen).
*Reinhard Mey „Abgesang ©“

Anbei die nächsten zehn Seiten – nicht mehr gelesen, seit ich sie schrieb; vielleicht ein, zwei Mal redigiert, aber eben nicht gelesen (fing gestern tatsächlich an eine alte Kurzgeschichte umzuschreiben, dabei wollte ich das doch auf keinen Fall tun...!).
Und was hat sich bei Euch so getan? Immer noch alles im Lot?
Ob ich diese Frage ernsthaft stelle, weiß ich selber nicht ganz genau (immer noch ein wenig irritiert von Deinem Brief, nicht ganz verstehend, was Du da eigentlich geschrieben zu haben glaubst).

Nachher vielleicht noch ein bisschen mehr; wenn ich erst einmal wieder wach bin, und alle anstehenden Termin hinter mich gebracht habe.
Bon nuit!

Alles so weit erledigt – Lohnsteuererklärung für das letzte Jahr und andere, weniger erfreuliche Dinge.
Ansonsten hat sich aber nichts weiter ereignet, was der Erwähnung wert zu sein scheint, aber vielleicht habe ich auch nur einfach keine Lust darüber nach zu denken.

Wunderte mich ein wenig darüber, dass Du so gar nichts zu meiner Geschichte mit Peter bemerktest, auch wenn es durchaus möglich ist, dass morgen Post von Dir da ist.
So halte ich diesen Brief noch bis morgen zurück.

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Nein, keine Post; weder von Dir, noch von anderen Leuten, von denen ich eigentlich Post erwartete.
Immer kommt allen etwas dazwischen, immer sind andere Dinge wichtiger, immer ist man nur zweite Wahl – okay, ist auch nicht so wichtig, ziemlich egal, ob ich ein wenig Unterstützung, wenn auch nur moralischer Art, brauchen könnte (bin ich doch auch oft genug nicht für andere da...).

Inzwischen bin ich auch ziemlich sicher, dass sich Lars nicht mehr melden wird, ich glaube damit recht gut klar zu komme (auch wenn ich mir das vielleicht nur einrede).
Weshalb ich es nicht verstehe ist mir ein Rätsel – ich bin nicht einmal ein Nichts für ihn.
Doch genug davon, sonst muss ich mir von Dir doch nur wieder sagen lassen, dass die Jugend nun einmal so ist, und sich später wieder alles normalisiert – wenn ich es dann überhaupt noch will, nach all den Arschtritten der letzten Monate (übertreibt die Jugend grundsätzlich so?). Ich werde wohl, wenn auch schweren Herzens, nicht mehr klein beigeben und mich zum Affen machen; scheißegal, was ich mir selbst mit diesem Verhalten nehmen werde.
„Alles hat auch sein gute Seite...!“, was für ein rhetorischer Unsinn, was für ein furchtbares Gefühl nicht davon laufen zu können, auch wenn ich weiß, dass ich vor mir selber nicht fliehen kann, alle Sorgen, die wahrscheinlich nur für mich welche sind, immer mit mir herum schleppen werde, der Versuch mit ihnen leben zu lernen von fortwährendem Scheitern gezeichnet ist, und ich dennoch nicht sagen kann, dass meine Zeit mit Lars für mich völlig sinnlos gewesen ist, wenn ich auch den Sinn vergeblich suche (habe wieder einmal in den falschen Gegenden nach ihm gesucht).

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Tausend Gedanken fliegen zur gleichen Zeit durch mein Hirn, welche, die Dir mit intelligentem Unterton Vorwürfe machen wollen, andere, die Dir raten wollen nur ja Dein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren usw.
Ein bisschen sortieren, und nicht wieder nur so emotional sein, statt dessen rational und angepaßt.
Hin und her gerissen zwischen dem, was ich fühle und dem, was ich nicht fühlen will – es gibt kein Entrinnen aus diesem Dilemma, weil überall keine Zeit ist, weil jedes Gesicht Lars ist, und weil ich mich so entsetzlich gefangen fühle, dass ich lieber tot wäre.
Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und zu trinken, der Computer, die ferne Freundin, und doch ist all dies so unwichtig, macht mich nicht mehr froh – und weiß ich auch um die besseren Zeiten, von denen Du behauptest, dass sie mich finden werden, von denen ich meine, dass sie mich nicht einmal suchen, weil sie mich für tot halten, aber ich sehe nur eine grau Masse, die sich von einem Horizont zum anderen in meinem kleinen Land erstrecken, die alle vier Himmelsrichtungen zu einer einzigen werden lassen, die keinen Blick in eine blaue Unendlichkeit gestatten, die keinen Sonnenstrahl auf meine kargen Boden erlauben, die jedem Lebensfunken den Spiegel seiner Selbst vorhalten, es verlachen und in tiefer Trauer zurücklassen.
Ja, was habe ich mir nicht alles selber durch meine Faulheit genommen, was hingegen hat mir meine Intelligenz gegeben, die eben doch nur blanke Intelligenz und keine Klugheit ist.
Wäre ich wirklich klug, dann könnte ich aus den bescheidensten Mitteln etwas Grandioses zaubern, aber weil ich eben nur intelligent bin versage ich, verlange ich von anderen, dass sie meinem Denken folgen sollen, mein Wort verstehen müssen – arrogant und ignorant (wie Du selber schon bemerktest) bin ich.
Wie soll ich jemanden finden, der sich dem stellen will? Wie kann ich verlangen, dass Du an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen sollst? Aufmerksamkeit um jeden Preis? Dann sollte ich vielleicht lieber einen Amoklauf starten, oder mich selber vor den Augen Tausender richten (alles verloren und doch nicht aufgegeben – Held oder Idiot? Kommt es nicht nur auf die Sichtweise, den Blickwinkel an?).
Ja, ich glaube, dass Du mich irgendwann vergessen haben wirst, aber auch das wird mich nicht wirklich umbringen, nicht solange ich noch schreiben kann (wobei es überhaupt keine Rolle spielt, ob ich damit Geld verdiene oder nicht, wobei es fast unwichtig ist, ob auch nur ein einziger Mensch auf der Welt etwas von mir gelesen hat). Meine „Kinder“, viele von ihnen längst den Kinderschuhen entwachsen, dennoch so naiv wie ich sie schuf; weil ich es bin, der sich von ihnen entfernt hat, der sich weiter, aber vielleicht auch nur zurück entwickelt hat, bleiben mir, verlassen mich nicht, wie es Menschen tun – Geisteskrank, weil ich mit den allermeisten Leuten nichts anfangen kann? Okay, bin ich eben gestört (Maschinen kann man irgendwie immer nachsehen, wenn sie nicht mehr funktionieren, weshalb nur fällt es uns bei Menschen so schwer? Hat jemand die Grenze seiner Leidensfähigkeit erreicht, dann muss doch irgend etwas „kaputt“ gehen!). Sicherlich habe ich schon ein paar Risse in meinem Seelenkostüm, aber irgendwie hält mich doch noch einiges aufrecht – ich muss Dir gar nicht erklären, welche Faktoren es sind, die dafür sorgen, dass ich nicht untergehe...

Fehlen Dir die Worte nicht hauptsächlich wegen des Gedichts? Komm‘ mal wieder runter; ist es doch schon uralt, lange vor Deiner, für mich relevanten, Existenz geschrieben worden.
...Und habe ich mich nicht immer wieder aufgerappelt, nicht immer wieder von vorne angefangen?
Nicht einmal ein Jahr, und Du hast schon so viel „Leiden“ gelesen...weil ich es nicht verschweigen will.
Lerntest Du von mir? Wirklich? Dafür dank ich Dir! Zu lernen und es auch zu sagen, weil man wohl irgendwann erkennt, dass man nicht alles wissen kann, und weil ich auch von Dir lernte und lerne – dafür sind Freunde da.
Ich unterlasse den Versuche mich bei Dir zu bedanken, weil der Gedanke des Bedankens schon mehr als genug Dank ist...und Du lernst auch dieses und verstehst, was ich zu sagen nicht im Stande bin, nicht nötig es auszusprechen, wo Dein Verständnis, Dein Fühlen mehr versteht als Dein Verstand – vielleicht, weil Du mit dem Herz verstehst...
Auch diese Worte: Ich liebe Dich!

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Scheint, als wärest Du nicht in der Lage ein gerechtes Mittelmaß in Deine Rechnung über Pflichten und Bedürfnisse zu bringen – alles mit Blick und Bedacht auf die Zukunft!?
Ist es denn so verkehrt, nur weil Du ein Gefühl der Auszehrung zu verspüren glaubst?
Ich kann Dir nichts raten, kann Dir nicht einmal sagen, dass ich verstehe, wie Du Dich im Moment wohl fühlst – ich habe mich niemals solchen Zwängen unterworfen, Du hingegen scheinst sehr darauf bedacht zu sein, allen Ansprüchen genügen zu wollen!? Sicherlich ist das eine so verkehrt wie das andere, aber für mich ist die Vergangenheit nichts als eine Erinnerung, gerade gut genug, um sie hin und wieder aus eine Schublade des Lebens hervor zu kramen, sie anzusehen und sich zu fragen, was man da eigentlich gemacht hat – alles mit dem Wissen, dass man sie niemals zurück holen kann, diese Zeit, diese Momente, manchmal auch nur ein kleiner Augenblick. Ich habe so oft gewünscht sie festhalten zu können, habe es mir mit diesen Wunsch nur selber schwer gemacht, litt immer mehr, als es notwendig gewesen wäre.
Und es bleiben so viele meiner Fragen der letzten Brief unbeantwortet, weil ich zu sehr auf meine eigene Situation fixiert war, die Deinige überhaupt nicht realisierte.
Vielleicht sollten wir beide mal eine Auszeit nehmen, von einander, von den Briefen, vom Wunsch nach Kommunikation.
Zurück finden zu uns selber, erkennen was wir nicht sind, nicht immer nur fragend nach dem Sinn des scheinbar erreichbaren Seins – nie sind wir uns selbst genug, versuchen immer wieder jemand anderer zu sein, für uns selber, für andere...
Es bleibt wie es ist – wir werden nicht anders werden, nur weil wir es uns wünschen, wir werden uns nicht ändern, nur weil wir vielleicht etwas erreichen, dass dem anderen versagt bleibt; wenn doch, dann bleibt der Blick zurück im Zorn auf all die verpassten Gelegenheiten, auf die Verluste, die uns dieses Streben abverlangte...weil eben nichts umsonst ist, weil es nichts gratis gibt, weil wir immer eine Gegenleistung erbringen müssen, auch wenn man uns immer wieder weiß machen will, dass das Glück auf der Straße liegt und man es nur aufzuheben braucht...
Ich hatte dieses Glück, habe es mir schwer erarbeiten müssen, habe nur selten eine Gegenleistung erhalten – Undank ist der Welten Lohn? Kein Grund es noch einmal genauso zu machen, auch wenn ich nicht meine, dass ich Lars vergeben habe – ich kann ihm nicht vergeben, weil er es nicht will, es ihm völlig gleichgültig ist (das ist der Unterschied zu dem, was Du geschrieben hast), ob ich ihm verzeihen würde oder nicht. Ich könnte ihm auch nicht mehr glauben, weil er sich niemals die Mühe machen würde, neues Vertrauen aufzubauen.
Ich weine sehr oft wegen ihm, bis ich mir dann klar mache, dass es nicht lohnt, die Tränen nur auf eine öde und leer Wüste fallen, dennoch überkommt es mich immer wieder, wenn auch immer seltener...
Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich mir selber eingestehen werde, dass ich ihn vergessen habe, dass er nur hin und wieder das Aufstoßen eines bitteren Nachgeschmacks ist, wenn man am Morgen mit ausgetrockneter Kehle erwacht, ich nicht mehr mit pochendem Herzen auf Plätze trete, die mich so sehr an ihn erinnern – das hat er aus mir gemacht, das hat er mir angetan, und ich bin nicht weniger schuldig als er, weil ich es zu ließ. (...aber ich würde ihm verzeihen...)

Heute keine neuen Seiten der „Briefe an eine ferne Freundin“, keine Frage nach der Lesung, keine Frage zu meinen Äußerung wegen Peter, und dem was mich mit ihm verbindet oder verband – ich bin sicher, dass Du Dich irgendwann dazu äußern wirst.
Heute ist ohnehin schon morgen.

...kein Schlaf zu finden, und so sehr ich auch versuche meine Gefühle zu betäuben, bleibt doch immer dieses Gesicht vor meinen Augen – auch die Augen zu schließen nützt nichts, im Gegenteil: Noch viel klarer wird dieses Bild, vermischt sich mit der Vergangenheit zu einem schwarz weiß Film mit Untertitel – von mir selbst geschrieben. (ob er weiß, wie wichtig er mir noch immer ist, was ich alles für ihn tun würde?)
Ich verachte mich für meine Schwäche, für mein Gefühl, für meine Sensibilität – wie kann ich erwarten in dieser Ellenbogengesellschaft meinen Platz zu behaupten?
Ich werde ihn nie vergessen können, werde niemals aufhören ihn zu lieben, auch wenn ich dieses Mal meinem Kopf die Kontrolle über mein Herz gegeben habe (alles andere hätte mich über kurz oder lang auch umgebracht).
Er wird nicht anrufen, wird mich nicht sehen wollen (wenn es auch vielleicht nur sein verletzter Stolz, seine verletzte Eitelkeit ist, die ihn so sein lässt). Und dieses Vielleicht hütet die kleine Hoffnung auf Besserung – auch wenn diese, möglicher Weise, nur darin besteht, dass ich lerne mit diesem Schmerz zu leben; glauben kann ich noch nicht daran, hoffen werde ich weiter.
Zusätzlich diese endlos scheinenden Tage, an denen ich mich nicht beschäftigen kann, die sich in die Länge ziehen...

Verzweifelt überlege ich, ob es nicht doch Sinn macht den ersten Schritt zu tun – was macht es schon aus, auch wenn er sich verweigert, sich nicht von mir überzeugen lässt...?
Aber ich will mich nicht selber zum Opferlamm machen, habe doch sehr große Angst vor seinem Nein, diesem kategorischen Nein, das vielleicht noch mehr in mir zerstört, als es ohnehin schon der Fall ist.
Weil es mir so wichtig ist? Weil ich nicht glauben kann, dass ich ihm wirklich so unwichtig bin?
Nein, ich werde mich nicht melden, werde nicht klein beigeben, nicht dieses Mal...
Fehler oder nicht?

Was halten eigentlich Sigrid und Stefan von mir – was wissen sie von mir? Liebste, liebste Kristin – diese Fragen zu beantworten, wichtiger, als mich zu trösten, weil ich gerne geliebt bin, zumindest aber ein Teil des Denkens – und sei es auch nur ein Bruchteil einer Sekunde. Hältst Du einen der beiden für fähig eine BF mit mir zu führen, kannst Du mich teilen? Lass mich doch bitte noch einen Blick mehr auf Dein Leben werfen, aus einer anderen Sicht...

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Nachdem ich wirklich sehr lange auf einige Zeilen von Dir gewartet haben, dachte ich schon, dass Du Dir meinen Vorschlag des letzten Briefes zu eigen gemacht hättest – irgendwie ist es ja auch so, wenn Du selbst auch eher von Leere sprichst, die Dich, zumindest was meine Person betrifft, ergriffen hat.
So relativieren sich die Präferenzen, aber ich kann nicht sagen, dass mich dieser Umstand überrascht.
Dass Du nurmehr Glück über Timo und dessen Welt definierst paßt zwar, nach meinem Dafürhalten, eigentlich nicht zu Dir, aber ich habe schon lange geglaubt, dass Du Dich mehr und mehr in diesen Traum hineinleben würdest – überwältigt, das richtige Wort, der beste Begriff? Wenn Du Dich hast überwältigen lassen, dann ist er wohl passend…
Doch will ich hier nicht schon wieder anfangen Deine Entscheidungen zu kritisieren, nicht später, möglicher Weise, derjenige welcher sein, der Dir sagt, dass ich es ja gewusst hätte, Du aber nicht auf mich hören wolltest. Dafür ist es ohnehin zu spät, war es von vornherein.
Ich will eigentlich auch gar nichts über Timo, seine Familie und Deine zukünftige Heimat wissen, weil es mich nichts angeht, ich mich dafür auch nicht mehr interessieren will, ich auch schon zu viele Widersprüche einwarf…Allzu schnell geht mir das alles, zu perfekt außerdem – wenn Dich schon ein kleiner Streit zu „liebevoller Wut“ (was immer das heißen mag) veranlaßt.
Dies‘ sind nun auch die letzten Sätze, die ich zu diesem Thema verlieren möchte (sah ich Dich doch nur schweigend auf all meine Fragen zu ihm reagieren – belassen wir es dabei; auch für den Fall, dass es einmal Schwierigkeit geben könnte – ich würde Dir nicht in gerechter Weise helfen können).
Glaube von mir aus an Eifersucht – von der ich schon mal hörte, sie aber niemals selbst empfand…

Und es sind auch Geheimnisse, die mich von Lars entfernten – der ständig unterwegs, als eine Art Geheimagent, nicht auch nur ein Staubkorn seines jetzigen Lebens von sich preis gibt.
Nun ist es tatsächlich passiert: Es ist mir gleich, er ist mir gleich, ist nur noch ein Unbekannter, der ein unbekanntes, für mich uninteressantes Leben führt.
Ich hatte diese Angst vor dem Moment, da sich mein Gefühl in diese Richtung neigt, aber sie verflog, war wohl gar nicht wirklich da – nun bin ich glücklich, dass ich ohne ihn glücklich sein kann, dass er keine Bedeutung für mein weiteres Leben hat, ich keinen verstohlenen Blick mehr auf Personen werfe, die ihm ähnlich sehen.
In meiner neuen Wohnung werde ich als erstes alle Bilder von ihm aus den Rahmen nehmen, ihn vollständig aus meiner Welt tilgen; keine Schuld mehr anerkennen, die er mir mit seinem Schweigen auferlegte.
Auch kein Wort mehr über dieses Thema (so langsam gehen mir wohl die Themen für eine BF aus!!!).

In anderer Hinsicht hat sich eigentlich nicht viel ereignet – immer noch auf der Suche nach Arbeit und Wohnung.
Gebe inzwischen zwei mal in der Woche für zwei Stunden Deutschnachhilfe für einen Jungen aus Georgien (lange wird er mich nicht brauchen, denn er ist ziemlich intelligent. Gerade mal drei Jahre in Deutschland und spricht unsere Sprache fast perfekt.). Die wenigen Schwächen bei der Schrift werden sich wohl bis zu den Sommerferien in Wohlgefallen auflösen.
Alexander ist elf, lebt ganz in der Welt der Filmhelden, hat ebenso wie Dein Bruder kein Interesse am Schreiben (wen wundert’s?).
So kann mich Deine Mitteilung auch nicht verletzen, wo doch nur für ganz wenige Menschen in ihrem Alter Worte Freunde sind, sie sich eher als Last entpuppen – nicht für ewig hoffentlich.

Hatte einen kleinen Disput mit dem VIVA Text (eigentlich doch eher nicht, da man auf meine Einwände bisher nicht reagierte).
Nun bin ich also zu alt, um eine Anzeige im VIVA Text (zumindest in der Rubrik „Gleich sucht Gleich“) aufzugeben.
Hier meine kleine Eingabe an die VIVA Börse:
„Nach dem Studium Eurer Infoseiten, habe ich nun bemerkt, woran es liegt, dass Ihr meine Anzeige nicht veröffentlicht habt.
Zwar ist es mir ein wenig schleierhaft, weshalb Ihr ein bestimmtes Alter als Grund für eine Ablehnung, welcher Art auch immer, anführt, aber ich werde dieses Geschäftspolitik wohl oder übel akzeptieren müssen. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es Personen gibt, die es verstehen durch geschickte Formulierung ihrer Anzeigen, allzu junge Leute anzusprechen, deshalb aber gleich alle anderen Personen entsprechenden Alters ebenfalls von der Rubrik „Gleich sucht Gleich“ auszuschließen, halte ich doch für eine reine Albi-Aktion, zumal Ihr ja wohl kaum die Antworten auf die Chiffre Anzeigen kontrolliert (hier liegt ein viel größeres Potential, um sich an Minderjährige heran zu machen).
Wenn es bisher Ärger gab, dann verstehe ich nicht, weshalb Ihr bestimmte Personen, die schon durch Anzeigen auffällig waren, nicht explizit ausgrenzt, sondern diese Ausgrenzung auf mehrere Generationen von Menschen ausdehnt.
Vielleicht solltet Ihr auf der Textseite 100 einen Hinweis darauf geben, dass Ihr nur ein Publikum bis zu einem Alter von… akzeptiert. Scheinbar sind alle über dreißig, die eine Anzeige in besagter Rubrik aufgeben wollen ohnehin nur alte Lüstlinge, die lediglich die Verführung Minderjähriger im Auge haben.
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich werde mich bestimmt nicht mehr vor den Fernseher setzen und Euren Sender einschalten – so wie ich es sehe, ist Euch das nur recht, aber seid doch bitte so offen und ehrlich es auch für jeden erkenntlich zu bekunden.


Vielen Dank für Euer Desinteresse, Eure Arroganz und Menschverachtung (auch wenn sie scheinbar nur dem Schutze von Minderjährigen gilt (wenn dieses wirklich Euer Anliegen wäre, dann würde ich Euch hundert prozentig zustimmen, so bleibt ein schaler Beigeschmack)).“

Soweit also mein Brief. Ändern werde ich damit natürlich gar nichts, aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

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In welche Richtung Du auch immer gehst…immer muss es gleich so extrem sein!
Absolute Liebe, absolute Krankheit, absolute Angst!
Immer auch die Furcht um andere, obwohl man genau weiß, dass es Momente im Leben eines anderen gibt, in denen man aber auch gar nichts für ihn tun kann. Neben Deiner Krankheit ist es diese, vom Menschen geschaffene, Urgewalt, die sich durch nichts aufhalten läßt.
Es zu nehmen wie ist, kann das Einzige sein, was Dir zu tun übrig bleibt – magst Du auch vielleicht das Beten zu Gott anfangen; er ist es nicht, der Deine Cousine in diese Lage gebracht hat.
Nicht, weil ich glaube, dass er nicht existiert, sondern weil ich schon sehr lange der Meinung bin, das die Menschheit, ohne Rücksicht auf die Zukunft unserer Erde, so tut, als gäbe es einen anderen Planeten, auf den wir umziehen, wenn wir diesen erste einmal zu Grunde gerichtet haben.
Die Natur lässt sich unsere Arroganz nicht mehr gefallen!…und es wird noch schlimmer kommen! Nicht die Welt wird untergehen, sondern die Menschheit wird (wie ich Dir schon einmal geschrieben habe) von dieser Erde gewischt, wie der Staub vom Wohnzimmerschrank. Es ist keine Schwarzmalerei, es ist die Realität! Was uns aber nicht daran hindern wird so weiter zu machen wie bisher.

Rein theoretisch müsste Deine Cousine nun außer Gefahr sein, wenn es stimmt, dass alle Personen, die evakuiert werden wollten, auch evakuiert wurden; zumindest würde dies‘ im RTL Nachtjournal behauptet, und ich hoffe, dass es auch so ist.

Nachher werde ich für meine Mutter arbeiten – sozusagen als zusätzliches Geburtstagsgeschenk.
Lust habe ich wieder einmal keine, aber ich halte meine Versprechen.
Ansonsten hat sich aber nicht viel ereignet, so dass ich Dir nur meine neueste Abhandlung schicken kann – vielleicht bringt Dich das ja ein bisschen zu Schmunzeln!?

Ich wünsche Dir gute Besserung!


Aphantlunk zuhr ummganksschbrachlichän eksperiemäntällen Laudschrivd,
basiehränt auf der aktuällsden Rächdschreiprevorm

oder
©
Hauptsache man weiß, was gemeint ist

Eine, nicht ganz ernst gemeinte Spekulation über die weitere Entwicklung der deutschen Wortsprache -
Eine Abhandlung für humorvolle Liebhaber der deutschen Sprache


Vorwort

Es liegt mir sehr am Herzen Ihnen mitzuteilen, dass ich ein großer Verfechter des deutschen Sprachgutes bin, einer, dem sich die Nackenhaare aufstellen, wenn er durch die offizielle Rechtschreibreform dazu genötigt wird Delphin ohne „ph“ schreiben zu müssen, und diese beiden beseelten Buchstaben durch ein ganz profanes „f“ zu ersetzen hat.
Wo bleibt da die Romantik, wo die Verwurzelung zu dem, was wir da dereinst Tradition und Werteerhalt nannten?
Nein, ich kann da gar keinen Sinn sehen, in dem, was von hochstudierten Herren (wird es sie bald nicht mehr geben? Werden es „Menner“ sein?) und Damen (die jetzt wohl auch nur noch Frauen heißen, weil man sonst ja der Idee verfallen könnte, das Wort Dame sei in etwa so „Dahmee“ zu schreiben – obwohl auch „Pfrauhen“ kann man ganz schön falsch schreiben!) in langen, kalten und dunklen Winternächten in einsamen Kämmerchen bei Kerzenschein, und einem Glas billigem Rotweines, erdacht wurde.
Was machten sie aus unserem geliebten Kuss? Wollen wir doch ehrlich sein: Sie entrissen ihm, ohne einen Anflug von Skrupel zu zeigen, das weiche, anschmiegsame „ß“ und ersetzten es durch zwei harte, spitzkantige „ss“ (war da nicht mal so ein Gerücht, man wollen nichts mehr mit dieser Zeit zu tun haben, und hatten nicht gerade deshalb die ehemaligen Strassen ein leibliches „ß“ bekommen? Und dieses soll nun wieder alles verkehrt sein?).
Ebenso erging es unserem Fluß, der beliebten und allseits geschätzten Nuß, und auch unseren Fuß haben sie nicht ungeschoren gelassen.
Ich, der so verliebt in meine Geographie, Photographie und Delphine war, soll nun auch die Geografie (oder doch eher ohne „e“ am Ende?), die Fotografie und den Delfin lieben lernen? Und wieso überhaupt „lernen“, müsste (auch so ein neues „ss-Wort“!) es nicht viel eher „lehrnen“ heißen (ja, ich weiß, mit „ss“), wo es doch, für jedermann (auch falsch geschrieben?) offensichtlich vom „Lehren“ und „Lehrer“ kommt; oder doch nicht?
Was wird uns wohl bleiben, wo wir jetzt doch auch irgend wann, irgend wie etc. zusammen schreiben sollen?
Und wo bitte ist die Höflichkeit, der Respekt und die Wertschätzung für unser Gegenüber geblieben, wenn man uns weiß machen will, dass die persönliche Anrede auch kleingeschrieben nicht an Ehrerbietung verliert?
Vielen Dank, nicht mit mir.
So wie ich die ganze Sache sehe, wird es, in etwa, wie folgt enden…(zum besseren Verständnis liegt dieser Abhandlung eine Übersetzung ins „alte Deutsch“ bei!)

……………………………………………………


Die schöne neuee Zaid isd entlich angebrochhän! Weck fom Klaingheisdigän, hinn zuhm Globaalän, zuhm alläs Uhmspannänden.
Wie wahr sie traurich, die Zaid in der wier, föllich wäldvrämt, nur unsähr aigenes Sübhjen kochden, dehm Patoss där aigenen Forstellunggen nachhiengän, und genslich unvehik schinen uns aals Wäldbürger zu betrachtän?
Aalles isd so fiel bessär gewordän, unt auch das Schraiben fellt uns jedsd sherr fiel laichtär, had mann unz doch fon ainär Mänge unsinniegär Rechdschraipregäln bevraid, unsären Gaisd führ die neue Wäld geöffnäd – auh wenn wier das in diesär Vorm fielaichd nich so gärne woltän…
Was brauchd där Ainzälne häute noch an Sbrachfärsdentnis, wenn doch aigändlich allees richdich, wenn auch richdich valdsch, geschriebän isd – Haubtdsachhe mann waiss, was gemaind isd!
Unt so isd ess auch mid diesär Laudschrivd, die sich rühmän kan das modärnsde Kint där neuhen Genärazjohn fon wäldbürgärlichhän Analfabeetän zu sain – ich vür mainän Tajel vinde das Klassee, waijel ich jedsd nieh wiedär Veelär machän wärde, wenn ich ergäntainär Inztitozjohn mahl wiedär ainige Zailän zukomhen lassän muss!
Schade nur, dass ich nichd mähr zur Schuhle gehä, sonzd wehre ich beschdimmd ainär der bäsden im Deudschän; auch wenn aigändlich allee glaich gud wehrän, waijel jahr alläs richdich und niks valdsch isd.
Wehre aigändlich ga nichd so fehrkärd, wenn man diese Forgehänzwaise auch auv die Mateematieg übärtragän würde; so wehre jedär rehlatif gud, wenn auch das Gandse totaal daneebän isd – abär wehn würde das dann noch intärässierän? Denn wenn alle alles glaich valdsch machän, dann wirt es schon irgäntwie unt irgäntwann richdich sein; hovve ich jedänfallz.
Im Grunde genommän vrage ich mich ja auch nur, wäshalp wir schdendich alles endärn wollän, auch wenn es aigändlich bissherr imer gands gud vungzionierd had, so wie es wahr? Das mährehreh Genärazionen von deudschsbrachigän Mändschän, die nich mähr in der Lage odär Willänz sint, die neuän Schraipwaisän zu ärlärnen, mid ainäm Mahle so ein Ard neuäs Analfabeetentuhm zwankswaise begründän müssän, schaind mir doch ein wenich Paradoks – nich nur, dass Unsumän für die Revormierunk där deudschän Wordschrivd ausgegebän wurdän, nin, mann fükd där deudschän Folgswirdschavd ainän zusedslichhen Schadän in immänseäm Ausmassee zu, da alle möklichän Beraiche däs öfendlichän Lebänz betrofvvän sint. Ich möchde hier nur auv die Nachschulunk där Beahmdän färwaisän, dänn es kann doch nichd angehän, dass unsäre Schulkindär ein bessäräs Däudsch schaipän, als es die Ädälkasde unsärär Schdadzbediendsdetän tun, odär?
Dehn Leerärn und Leerärinnän wirt dies indäs wänik nüdsän, dänn wänn sie auch die ärsdän sint, die in dehn Genuss odär die Kwahl, gands wie es sähän möchde, där, nännän wir es einmahl hövlig, Zvanksmodärnisierunk der däudschän Wordschbrache untär Berügsichdigunk däs rapiede sinkändän allgemain Ferschdandäs, kommän, dann wärdän sie sich schlußäntlig als „Leerkörpär“ wiedärvindän – zumindäsd isd das vür mich das aindzich logiesche Resuhltad aus däm, was man alds angäplichä Ärlaichdärunk vür unsärä Kindär unt Jugäntlichän ersan.
Blaipd dännoch zu bezwaiväln, op die „neuän Däudschän“ mid irär neuän däudschän Wordschbrache glüglich wärdän.
Was für ain Gepfühl muss äs für ainän jungän Mändschän sain, wenn är in ain par Jarän färsuchd den “Taugänicks“ fon Aichändorv zu lesän; muss är sich da nichd totaal hintärgangän unt betrogän forkommän?
Ich sehä sie schon for mir, die tausänt unt abertausänt jungär Pänneleer, die ferzwaiväld und kobvschütdälnt durch die Pausängengä ihrär Schulän schlaichän, und all die wundärschönän Graviehtis nichd mähr endzifvärn könnän…
Posd wirt es dann wohl auch kaine mähr gebän, wo doch gerade die Posdbediendstetän noch immär untär ihräm Rauhswurv aus där Schdaadlichkaid zu laidän habän unt auch irgäntwie sauher auv alle unt jedän sint – isd doch auch klah, schlisslich bekommd vasd jedär Posd und da gipd äs so ainigäs zu beachtän! Äs isd nuhn nichd mähr damid getahn die korägte Posdleidzaal härraus zu suchän, nain, mann muss jädzt auch sainän „Rächdschreiprevormtransleetär“ zu Rate ziehän, damid mann die Schdrasennamän nur ja nichd faldsch schraipd…wenn doch: Anschrivd unbekannd, zurüg an dähn Apsändär!
Unt das isd genau das, was wir auch mid där Rechdschreiprevorm machän soltän – abär auf mich hörd ja onähin kainär.

Übersetzung der Abhandlung zur umgangssprachlich experimentellen
Lautschrift, basierend auf der aktuellsten Rechtschreibreform

Die schöne neue Zeit ist endlich angebrochen! Weg vom Kleingeistigen, hin zum Globalen, zum alles Umspannenden.
Wie war sie traurig, die Zeit in der wir, völlig weltfremd, nur unser eigenes Süppchen kochten, dem Pathos der eigenen Vorstellungen nachhingen, und gänzlich unfähig schienen uns als Weltbürger zu betrachten?
Alles ist so viel besser geworden, und auch das Schreiben fällt uns jetzt sehr viel leichter, hat man uns doch von einer Menge unsinniger Rechtschreibregeln befreit, unseren Geist für die neue Welt geöffnet – auch wenn wir das in dieser Form vielleicht nicht so gerne wollten…
Was braucht der Einzelne heute noch an Sprachverständnis, wenn doch eigentlich alles richtig, wenn auch richtig falsch, geschrieben ist – Hauptsache man weiß, was gemeint ist!
Und so ist es auch mit dieser Lautschrift, die sich rühmen kann das modernste Kind der neuen Generation von weltbürgerlichen Analphabeten zu sein – ich für meinen Teil finde das Klasse, weil ich jetzt nie wieder Fehler machen werde, wenn ich irgendeiner Institution mal wieder einige Zeilen zukommen lassen muss!
Schade nur, dass ich nicht mehr zur Schule gehe, sonst wäre ich bestimmt einer der Besten im Deutschen; auch wenn eigentlich alle gleich gut wären, weil ja alles richtig und nichts falsch ist.
Wäre eigentlich gar nicht so verkehrt, wenn man diese Vorgehensweise auch auf die Mathematik übertragen würde; so wäre jeder relativ gut, wenn auch das Ganze total daneben ist – aber wen würde das dann noch interessieren? Denn wenn alle alles gleich falsch machen, dann wird es schon irgendwie und irgendwann richtig sein; hoffe ich jedenfalls.
Im Grunde genommen frage ich mich ja auch nur, weshalb wir ständig alles ändern wollen, auch wenn es eigentlich bisher immer ganz gut funktioniert hat? Das mehrere Generationen von deutschsprachigen Menschen, die nicht mehr in der Lage oder Willens sind, die neuen Schreibweisen zu erlernen, mit einem Male zwangsweise so ein Art neues Analphabetentum begründen müssen, scheint mir doch ein wenig Paradox – nicht nur, dass Unsummen für die Reformierung der deutschen Wortschrift ausgegeben wurden, nein, man fügt der deutschen Volkswirtschaft einen zusätzlichen Schaden im imensen Ausmaße zu, da alle möglichen Bereiche des öffentlichen Lebens betroffen sind. Ich möchte hier nur auf die Nachschulung der Beamten verweisen. Es kann doch wohl nicht angehen, dass unsere Schulkinder ein besseres Deutsch schreiben, als es die Edelkaste unserer Staatsbediensteten tun, oder?
Den Lehrern und Lehrerinnen wird dies indes wenig nützen, denn wenn sie auch die Ersten sind, die in den Genuß (oder die Qual, ganz wie man es sehen möchte) der, nennen wir es einmal höflich, Zwangsmodernisierung der deutschen Wortsprache unter Berücksichtigung des rapide sinkenden Allgemeinverstandes, kommen, dann werden sie sich schlußendlich als „Leerkörper“ wiederfinden – zumindest ist das für mich das einzig logische Resultat aus dem, was man als angebliche Erleichterung für unsere Kinder und Jugendlichen ersann.
Bleibt dennoch zu bezweifeln, ob die „neuen Deutschen“ mit ihrer neuen deutschen Wortsprache glücklich werden.
Was für ein Gefühl muss es für einen jungen Menschen sein, wenn er in ein paar Jahren versucht den “Taugenichts“ von Eichendorff zu lesen; muss er sich da nicht total hintergangen und betrogen vorkommen – oder werden jetzt überhaupt alle Bücher umgeschrieben?
Ich sehe sie schon vor mir, die tausend und abertausend junger Pennäler, die verzweifelt und kopfschüttelnd durch die Pausengänge ihrer Schulen schleichen, und all die wunderschönen Graffitis nicht mehr entziffern können…
Post wird es dann wohl auch keine mehr geben, wo doch gerade die Postbediensteten noch immer unter ihrem Rauswurf aus der Staatlichkeit zu leiden haben und auch irgendwie sauer auf alle und jeden sind – ist doch auch klar, schließlich bekommt fast jeder Post und da gibt es so einiges zu beachten! Es ist nun nicht mehr damit getan die korrekte Postleitzahl heraus zu suchen, nein, man muss jetzt auch seinen „Rechtschreibreformtranslater“ zu Rate ziehen, damit man die Strassennamen nur ja nicht falsch schreibt…wenn doch: Anschrift unbekannt, zurück an den Absender!
Und das ist genau das, was wir auch mit der Rechtschreibreform machen sollten – aber auf mich hört ja ohnehin keiner.

© Copyright 25.02.1999 Pierre-André Hentzien. Alle Rechte vorbehalten! Verwendung des Textes, auch Auszugweise, nur mit schriftlicher Zustimmung des Autoren!
PAHPress © 0177 / 689 46 39 „Hauptsache man weiß, was gemeint ist“

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Vieles hat sich ereignet, schon ehe ich Dir den letzten Brief schickte (hast Du ihn überhaupt schon erhalten?).
Habe Briefkontakt zu zwei Typen – ich kann das alles nicht in ein paar Sätzen erklären, wenn ich es denn überhaupt kann, bin ganz verwirrt, weil ich das Gefühl habe, als würde sich mein Leben vielleicht bald ändern, ich seit langer Zeit wieder einmal etwas Positives erlebe (auch wenn es natürlich nicht so bleiben muss – siehst Du, da geht es schon wieder los mit meiner Angst; sowohl vor dem Beginn einer möglichen Liebe, als auch davor, dass es doch alles nichts werden könnte – wohl der Grund, weshalb ich immer nur ein guter Brieffreund war, aber nicht zu einem realer Freund tauge…). Mein Alleinsein inmitten all dieser Menschen verleitete mich immer mehr dazu auf alles verzichten zu wollen; und die Frage nach dem „Wozu das alles?“ drängte sich mir täglich auf – nicht ein mal, sondern viele Male. Verzweiflung, nahe der Selbstaufgabe, nahe der Selbstzerstörung!
Und nun? Ich bin ein wenig glücklich, suche nicht mehr beständig nach einem Grund mich zu verleugnen, mich zu mißachten.
Am einfachsten wäre es wohl, wenn ich Dir einfach die entsprechenden Stellen aus meinem Tagebuch aufschreibe:

>>Mittwoch, 17.März 1999 / 01.32 h
Gestern zwei Briefe auf meine Anzeige im Viva Text bekommen.
Ich bin wirklich ziemlich erstaunt, wer sich da gemeldet hat.
Nun noch etwas zu den beiden Briefen: Der eine Junge heißt Fabian, ist 16, und hat mich sehr eindringlich gebeten nicht zu glauben, dass ich zu alt bin, um geliebt zu werden. Ich habe die Hoffnung, dass er auch meint, was er schreibt – es wäre schön, wenn sich aus dieser Sache etwas entwickeln würde. Der andere Brief kam von einem Oliver, der 23 ist. Ziemlich allein scheint er zu sein, kann wohl nicht so sehr gut mit seiner Neigung umgehen.
Aber alle schreiben eben nicht sehr viel über sich selbst, schicken kein Photo. Was soll man davon halten?

Lange nichts von Kristin gehört – ich werde noch die heutige Post abwarten, und dann einfach noch mal schreiben, falls sie sich dann immer noch nicht gemeldet haben sollte.

23.03 h
Natürlich wieder keine Post von Kristin – aber ob ich ihr heute noch schreiben werde weiß ich nicht, zumal ich morgen für Patricia arbeite.

Über zwei Stunden mit Fabian, dem ich vorgestern einen Brief schrieb, telephoniert.
Er will mich demnächst besuchen. Mamele ist damit einverstanden.
Ich habe mich sehr über seinen Anruf gefreut – bin wirklich sehr gespannt, wie er aussieht (er hat versprochen ein Photo von sich zu schicken).
Samstag wir sein Brief wohl hier sein.

Freitag, 19.März 1999 / 00.11 h
Ich würde sehr gerne noch einiges über Fabian schreiben, auch wenn ich so gut wie gar nichts von ihm weiß. Er scheint mir so erwachsen, auch wenn mir das irgendwie ein Hindernis zu sein scheint – weshalb kann ich es nicht einfach nehmen wie es ist? Er will mich kennen lernen, ich würde ihn gerne sehen – was gibt es da noch für ein Problem? Ich bin das Problem, ich bin der, mit der unbestimmten Angst, der mit den Zweifeln, der mit dem Glauben an all das Schlechte im Menschen. Und wenn er nur Sex will? Ich würde wahrscheinlich nicht nein sagen, auch wenn mich nach mehr dürstet, ich nicht länger mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden sein möchte…
Einfach den Gedankenstrom abschneiden – vielleicht sollte ich das jetzt tun; wenn es nur ginge…
Doch so einfach ist das nicht, doch einfacher war es nie – nur dieses schwere Menschsein trennt mich immer wieder davon andere Menschen zu erleben – werde ich jemals daraus schlau, hört es denn niemals auf zu regnen?

Immer noch kein Brief von Kristin, und ich mache mir so langsam Sorgen um sie – dabei habe ich seit geraumer Zeit nicht mehr sonderlich oft an sie gedacht.

Sonntag, 21.März 1999 / 01.01 h
Noch ein Fax von Oliver bekommen – am Montag wird wohl Post von ihm da sein. Bin wirklich gespannt, wie er aussieht.

Eben noch Kristin geschrieben – wann sie sich wohl wieder melden wird?

Montag, 22.März 1999 / 19.22 h
Ich bin verliebt, verliebt in das Abbild eines Typen – jetzt habe ich wohl völlig den Verstand verloren.
Abgesehen davon, dass ich gestern so viel Geld verballert habe, dass ich mir selber eigentlich mal in die Fresse hauen müßte.
Aber mir geht es trotzdem supi gut, auch wenn es natürlich klar war, das wieder ein Wermutstropfen das ganz Glücklichsein trübt – doch der Reihe nach: Also der Oliver ist derartig niedlich, dass ich gar nicht weiß, wie ich es in Worte fassen soll. Ich würde es ja versuchen wollen, aber ich kann es im Moment vor lauter Freude noch gar nicht. Mal sehen, was aus dieser Geschichte wird.
Fabian wird ja vielleicht am Wochenende kommen – bin gespannt, wie er so ist.
Alexander hat mich ziemlich enttäuscht – hat in den Ferien gar nichts gemacht, gesagt, er habe keine Zeit gehabt. Habe ihm den Kopf gewaschen, weil er irgendwie nicht besser wird, obwohl er es locker könnte. Schlußendlich saß er ganz bedröppelt vor mir, und sah aus, als wenn er anfangen wollte zu weinen. Nun, wir werden sehen, ob das alles etwas genützt hat.

23.30 h
So richtig fassen kann ich all das immer noch nicht – wieso lerne ich auf einmal gleich zwei Typen kennen, die ich sehr niedlich finde, den einen sogar zu „lieben“ glaube, wo sich doch jahrelang überhaupt nichts getan hat?
Verstehen tue ich das nicht, aber ich werde es auch nicht hinterfragen, werde es einfach nur genießen, solange es eben geht – denn es wird nicht ewig gehen…

Dienstag, 23. März 1999 / 13.27 h
Nun, völlig unerwartet, doch wieder einmal Post von Kristin. Und was schreibt sie?
So genau kann ich das gar nicht sagen, auch wenn es so eindeutig scheint: Was schwingt in ihr, und was bringt sie zum Schwanken? Diese unbestimmte Angst, vermengt mit unbeschreiblicher Freude - kenne ich sie nicht allzu gut? Dennoch scheint mir diese Mädchen, diese Gefühle, die Welt in der sie lebt, absolut fremd, unglaublich und unbeschreiblich unglaubwürdig…Doch noch ein Mädchen, obwohl sie sich durch Timo so sehr als Frau sieht und fühlt…?
Ich bin nicht verwirrt, aber traurig, weil es mir im Moment völlig egal ist, wie es Kristin geht, weil ich nicht wissen will, was sie durch macht…Eine Lüge, wo sie mir doch immer wichtig ist…
Kann ich ihr das so direkt schreiben, soll ich ihr von den Dingen erzählen, die mich bewegen? Wie soll ich ihr helfen, ohne sie zu verletzen?

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich es wirklich wagen soll diesen (teils halbdokumentarischen) Roman zu veröffentlichen! Spekulationen werden sich wie Efeuranken um die Zeilen schlängeln.... das ist beabsichtigt!

Man verschone mich bitte mit Benotungen, ohne eine entsprechende Kritik abzugeben (egal ob positiv oder negativ!).
Ich finde es feige eine 6 zu vergeben, nur weil man einer persönlichen Abneigung zuspricht, aber nicht den "Arsch in der Hose hat", derlei auch kurz zu begründen!
Und für all jene, die dies' dennoch so handhaben: Arm, wer ein Gesicht hat, das der Courage nicht erlaubt sich zu zeigen!
Pierre-André Hentzien, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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