Klaus-D. Heid

Die Krater von Minat - Teil I

Prophezeiung Darell´s aus den Sieben Büchern der Partasos:

"Das Licht der Erde wird sich verfinstern und die Sterne fallen in ein gewaltiges Loch, in dem sie für drei Ewigkeiten begraben bleiben. Die Dunkelheit spannt sich von einem Ende des Weltbildes zum anderen. Ohne Ankündigung stürzen die Elemente in sich zusammen; die Wassermassen der Ozeane ertränken alles Leben, bevor sie sich der gewaltigen Auflösung anschließen und verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Nichts wird an den Menschen und seine Bauwerke erinnern. Nichts wird verschont werden von der Urgewalt der Zeiten.

Und noch bevor der erste Mensch erkennt, welche Rolle er im Chaos spielt, wird die Natur - wie wir sie kennen - vom Nichts für Ewigkeiten verschluckt werden. Drei Perioden lang soll kein Lebewesen und kein Licht die Ruhe der Dunkelheit stören.

Erst dann - wenn die Vergangenheit vergessen hat, was die Zukunft noch nicht weiß - erst dann soll sich Vergangenes aus dem Krater der Dunkelheit offenbaren und eine Welt neu entstehen lassen.

Bis dieser Eine Mensch das Chaos erblickt, werden drei Zeichen das Ende ankündigen - und niemand wird erkennen, was die Zeichen bedeuten. Dann ist die Zeit gekommen..."




1. Orben, der Jäger

Orben spannte seinen Bogen, bis das starke Weidenholz zu brechen drohte. Er hatte nur diese eine Chance und er wollte sie nicht verpassen. Zwischen den Büschen lauerte er, ohne sich nur einen Pert zu bewegen. Wie der Bogen gespannt war, spannten sich auch Orbens Muskeln und seine Augen verfolgten jede Bewegung des Tieres. Gleich, gleich würde der Pfeil aus der Sehne schießen und sich tief in den Leib Ghan´s bohren, das Herz durchdringen und Ghan´s Seele in Orbens Hände geben. Erst wenn sich das warme, schlagende Herz in seinem Besitz befand, durfte Orben mit der Zeremonie beginnen. Und die Zeit drängte; denn der leuchtende Stern am Himmel verlangte seinen Tribut von Orben.

In dem Moment, als sich Ghan still verhielt, weil er durch den Wind Orbens Witterung aufnahm, schnellte der Pfeil unaufhaltsam aus dem Bogen und suchte seinen Weg. Zu spät erkannte Ghan, dass sich seine Seele von ihm verabschiedete. Als hätte das Tier erkannt, welche Gefahr ihm drohte, hob es den Kopf und sah in Orbens Richtung, doch da bohrte sich der Pfeil schon in sein Inneres und beraubte Ghan seiner Seele.

Noch einen Augenblick abwartend, ob Ghan wirklich tödlich getroffen war, verharrte Orben in seinem Versteck. Schon einmal war er zu früh losgestürmt und wollte dem Ghan sein Messer in die Seite stoßen. Damals musste der Pfeil das Herz um eine Winzigkeit verfehlt haben, denn der Ghan sprang Orben noch im Todeskampf an und lieferte ihm einen Kampf, dessen Wunden Orbens Rücken für alle Zeit entstellten.

Also wartete Orben erst ab, ob sich das Tier noch regte und vergewisserte sich, dass kein Zucken des Körpers mehr ein Lebenszeichen bei Ghan verriet. Er näherte sich vorsichtig dem gewaltigen Körper des Ghan und hielt sich jederzeit bereit, zur Seite zu springen, wenn Ghan noch Leben in sich hatte.

"Ein prächtiges Tier!", dachte sich Orben, als er den Körper dicht vor sich sah. Tatsächlich hatte Orben noch nie so ein mächtigen Ghan gesehen.

"Dein Herz wird die Götter erfreuen und dein Fleisch soll mein Volk für lange Zeit sättigen!"

Er begann, den Ghan zu zerlegen, nachdem er das Herz in Blätter eingewickelt und in einem ledernen Beutel verstaut hatte. Während er das Fell vom Fleisch trennte, sang Orben das Lied der Jäger. Das Lied, dass der Seele des Ghan helfen sollte, im Totenreich der Tiere seinen Platz zu finden...

Zwei Tage würde Orben brauchen, bis er das Fleisch, das auf einer Zugbahre befestigt war, ins Dorf geschafft hatte. Ein riesiges Fest würde es geben! Bestimmt waren schon jetzt alle Vorbereitungen in vollem Gange, denn immer, wenn Orben von der Jagt zurückkam, gab es einen Grund zum feiern.

Jah, seine Frau, würde mit den anderen Frauen des Dorfes das Fleisch einpökeln und geduldig darauf warten, dass die Männer ihren Rausch ausgeschlafen hatten. Immer, wenn ein Jäger seine Beute ins Dorf brachte, folgte ein ausgiebiges Saufgelage, von dem die Frauen ausgeschlossen waren.

Orben freute sich darauf, Jah wiederzusehen. Dieses eine Mal würde er versuchen, nicht zwei Tage und Nächte zu saufen, weil er sich nach Jah sehnte und nicht wie besinnungslos auf seinem Lager liegen wollte. Obwohl Orben wusste, dass Jah ihn wie immer freudig begrüßen würde und es verstehen würde, wenn er mit den anderen Männern bis zum Umfallen Make trinken wollte.

"Trink Du nur, Orben! Wenn Du wieder bei Sinnen bist, werde ich Deinen schweren Kopf in meinen Schoß legen, damit er Dir nicht von den Schultern fällt...!"

Bestimmt werden die Männer erwarten, dass das Fleisch des Ghor lange gefeiert wird. Orben vertrieb sich den mühsamen und langen Heimweg mit Ausreden, die er den Männern auftischen konnte, um nicht allzu lange auf Jah verzichten zu müssen...

2. Dolks

Die ersten Anzeichen der Nacht ließen Orben nach einem Lager Ausschau halten, wo er sich und seine Beute gut verteidigen konnte. Überall lauerten Gefahren und wenn das Licht des Tages am Horizont verschwand, musste diese Stelle gefunden sein. Dunkelheit lockte alle möglichen Tiere an und was noch schlimmer war: Dolks rochen Fleisch sogar über Berge hinweg. Dolks waren gierig und grausam. Sie lauerten überall und nur selten entging man ihren Angriffen. Orben hatte nur ein einziges Mal einen Dolk gesehen. Dieses eine Mal hatte gereicht, um für die Zeit der Dunkelheit ein sicheres Versteck zu suchen.

Orben war damals auch von der Jagt gekommen und sah schon von weitem ein riesiges Feuer am Ende des Blickes. Er wusste, dass dort in der Nähe das Dorf der Akki war und ahnte das Unglück. das die Akki ereilt hatte. Schon beim Näherkommen roch er verbranntes Fleisch und atmete den Geruch der verwesten Leichen ein. Die Hütten der Akki lagen in Schutt und Asche und überall waren die Reste von Leichenteilen verstreut. Grausam zugerichtete Leichen, die meist in der Mitte auseinandergerissen, ihre Eingeweide auf dem Dorfplatz verteilten. Es musste schon eine Weile her sein, dass die Dolks dort gewütet hatten, denn die Aastiere hatten sich gesättigt und warteten in einiger Entfernung auf die nächste Mahlzeit.

Ein fürchterlicher Kampf hatte getobt, in dem die Akkis keine Chance hatten. Und doch mussten sie sich wie Ghans gewehrt haben, weil Orben einen getöteten Dolk vor einer Hütte liegen sah.

In Orbens Dorf hatte man viele Geschichten über die Dolks erzählt und bei jeder Geschichte erschienen die Dolks noch grausamer und noch blutrünstiger zu werden. Den Kindern erzählte man Geschichten über die Dolks, wenn sie zu übermütig wurden und sich zu sehr vom Dorf entfernten.

Doch war alles, was sich Orben über die Dolks gedacht hat, nichts, im Vergleich zu dem, was er jetzt mit eigenen Augen sah.

Der getötete Dolk maß bestimmt neun Ehm (ung. zwei Meter fünfzig, der Autor) und hatte einen Kopf, so groß wie zwei Bärenköpfe. Auch war er behaart, wie ein Bär, nur dass er ein gelbes Fell hatte und vier mächtige Arme, von denen jeder Arm so dick war, wie ein Baumstamm. Lange, scharfe Krallen an den Klauen konnten Löcher in die dicksten Hüttenwände reißen und das Gebiss der Dolks war kräftig genug, einen Akki in der Mitte durchzubeißen! Orben konnte nicht verstehen, wie es die Akki geschafft hatten, diesen Dolk zu töten. Sie mussten in Todesangst zu zehnt auf den Dolk gestürzt sein, um ihn umzuwerfen.

Bis zum heutigen Tag hatte Orben den Anblick des toten Dolk nicht vergessen können. Und alleine der Gedanke, in der Dunkelheit von Dolks angegriffen zu werden, machte ihm das Einschlafen schwer.

Die Schlafstätte, die Orben ausgewählt hatte, war eine verlassene Bärenhöhle. Hier war er so gut es ging, geschützt und hatte vom Höhleneingang weite Sicht ins Tal. Er würde versuchen, nur ganz leicht zu schlafen, um für das kommende Licht des Tages gestärkt zu sein. Mit seinem Bogen und dem Speer konnte er sich die meisten Angreifer vom Leibe halten. Und wenn wirklich Dolks Appetit auf sein Fleisch bekommen würden, war es sowieso zwecklos, sich zu verteidigen.

Das letzte, woran Orben dachte, bevor er einschlief, war, dass er bald seine Jah wiedersehen würde. Er träumte schon fast von den vielen Becher Make, die auf ihn warteten und versank in einen tiefen Schlaf...!

Ein seltsames Geräusch riss Orben noch vor dem ersten Sonnenstrahl aus seinen Träumen.

Zu der Jahreszeit des fallenden Blattes war es nicht ungewöhnlich, dass Schlangen, Mintos und Zungentiere sich während der Dunkelheit ihre Beute suchten.

Weil Orben sich die Höhle als Nachtlager ausgesucht hatte, ohne sie gründlich zu untersuchen, konnte er nicht bemerken, wie die Zungentiere sich bei seinem Erscheinen in die hintersten Winkel der Höhle zurückgezogen hatten. Zungentiere liebten die Finsternis und orientierten sich - weil sie keine Augen hatten - nur an Vibrationen, die sie mit ihrer langen, gespaltenen Zunge wahrnahmen. Die Störung durch einen Eindringling veranlasste die Zungentiere, solange unbeweglich zu verharren, bis sie das gleichmäßige Atmen Orbens mit ihren hochempfindlichen Zungen registrierten. Sie ließen während dieser Zeit ihre Schnalzgeräusche nicht hören, die ein wenig an das Zertreten trockener Blätter erinnerten.

Erst als sie ganz sicher waren, dass der Eindringling unbeweglich in den Schlaf verfallen war, näherten sie sich Orben und krochen mit ihren kurzen, schuppigen Beinen näher an ihn heran.

Zungentiere waren nicht sonderlich groß. So lang, wie zwei Männerhände und so ebenso breit und flach hatten sie einen Kopf, der übergangslos zum Körper verlief. Von oben betrachtet, ähnelte ihr Körper einer Baumrinde, was den Zungentieren fast perfekte Tarnung verschaffte. Nur wenn sie sich bewegten, sah man, wie die knorrige Haut ständig ein schleimiges, gelbes Sekret absonderte. Auf diese Weise konnte das Zungentier sich immer orientieren, wo es sich befand und wo es bereits Rückstände des Sekrets zuruckgelassen hatte. Durch die fehlenden Augen erkannte man die Maulöffnung der Tiere erst, wenn sich der Kiefer öffnete und die lange, gespaltene Zunge hervorschnellte.

Jeder, der das Schnalzen dieser Tiere vernahm, wusste, dass es Zeit wurde, zu verschwinden. Zungentiere waren zwar langsam und kein bisschen flink, aber sie waren geschickt im Einkreisen ihrer Beute. Sie verteilten sich so um ihr Opfer, dass jeder Fluchweg abgeschnitten war und begannen, wenn die Umzingelung abgeschlossen war, mit ihren Schnalzgeräuschen. Der Laut, den sie dabei von sich gaben, war so unangenehm, dass sich die meisten Opfer panikartig zur Flucht aufmachten - und feststellen mussten, dass es keinen Fluchweg gab. Hunder- und manchmal sogar zweihundert Zungentiere hatten sich dann bereits um die vermeintliche Beute postiert und schlossen einen immer enger werdenden Kreis.

Wen die Schnalzgeräusche noch nicht in den Wahnsinn trieben, der musste nun erkennen, dass es keinen Ausweg gab, den Zungentieren zu entkommen. Sie krochen wie eine Flut beweglicher Äste auf ihr Opfer zu und begannen mit ihrer Mahlzeit. Die schleimige, gelbe Flüssigkeit, die sie abgesondert hatten, machte den Boden glitschig und ließ auch größere Beutetiere ausrutschen und auf den Boden fallen. Dann begannen Hunderte von festen, scharfen Kiefern, die Beute aufzufressen.

Orben vernahm das Schnalzen und wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er hatte genug Erfahrung auf seinen Jagten gemacht, um zu wissen, was sich da auf ihn zubewegte. Er wusste um die Gefährlichkeit der Zungentiere und hatte - obwohl er eben noch tief und fest geschlafen hatte - genau vor Augen, in welcher Situation er jetzt war. Mit dem Instinkt des Jägers begriff er, dass eine plötzliche Flucht sein furchtbares Ende bedeuten würde. Hellwach dachte Orben fieberhaft darüber nach, welche Fluchtmöglichkeit ihm blieb.

Die Sonne versteckte sich noch auf der anderen Seite der Welt und in der Höhle, die Orben Unterschlupf bot, war nichts zu sehen, als die reflektierende, gelbe Flüssigkeit der Zungentiere. Orben wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Bald schon würden sich Hunderte von Kiefern in seinem Leib festbeißen und seinen Körper bis auf die Knochen abnagen. Wie sollte sich Orben retten und dabei auch noch das Fleisch des Ghan mitnehmen? Es war seltsam! In diesem Moment dachte Orben viel mehr darüber nach, wie wichtig das Fleisch für sein Dorf war, als an seine eigene Rettung. Er sah Jah im Geiste vor sich, die so fest darauf vertraut hatte, ihren Mann wiederzusehen. Sollte er tatsächlich sterben, ohne seine Jah noch einmal in den Armen zu halten?

Vielleicht hatte sich Orben schon mit seinem Ende abgefunden - auf jeden Fall begriff er nicht sofort, was das helle Leuchten am Höhleneingang zu bedeuten hatte. War es das Licht der Sonne, das eine neue Helligkeit ankündigte?

Nun, wo das flackernde Licht näherkam, sah Orben um sich herum die Zungentiere! Unzählige kleine und gierige Kiefer krochen auf gelben Untergrund an ihn heran. Orben griff langsam nach seinem Messer und packte mit der anderen Hand den Speer, um wenigstens nicht kampflos ein Opfer der Zungentiere zu werden.

In dem Moment, als Orben zum Angriff übergehen wollte, erkannte er, dass er nicht mehr alleine mit den kriechenden Monstern war.

Eine brennende Fackel flog vom Höhleneingang direkt in die Mitte der Zungentiere. Eine weitere landete wenige Meter von der ersten entfernt und setzte bestimmt dreißig, vierzig Zungentiere in Brand. Überall dort, wo das gelbe Sekret verteilt war, loderten nun die Flammen und ein bestialischer Gestank verbrannten Fleisches füllte die Höhle aus. Die Zungentiere versuchten, mit ihren kurzen Beinen dem Feuer zu entkommen. Von der Hitze aufplatzende Körper und dabei das grässliche Schnalzen ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Orben erkannte, dass ihm jemand zu Hilfe gekommen war. Eben noch davon überzeugt, gleich gefressen zu werden, sah er jetzt eine Chance, sich und das Fleisch des Ghan aus dem Meer brennender Zungentiere zu befreien.

"Beweg dich nicht! Sieh zu, dass du nicht fällst...!"

Die Stimme, die Orben hörte, war jung und hell. Es konnte unmöglich ein Paffajäger oder Affik sein.

"Bei den Hauern des Dolk! Verhalte dich ruhig und rühr dich nicht! Warte, bis die Zungentiere geflüchtet sind!"

Orben brauchte die Aufforderung gar nicht. Ihm war klar, dass er sich still verhalten musste. Wenn er jetzt stürzen oder ausrutschen würde, müsste Jah lange Zeit um ihn trauern. Also vertraute er darauf, dass der Fremde ihm helfen würde.

"Wer bist du, dass du Orben helfen willst?"

Statt eine Antwort zu bekommen, flogen weitere Fackeln in die wimmelnde Masse der Zungentiere. Immer größer wurde die Schneise, die das Feuer unter den Tieren riss. Am liebsten hätte sich Orben die Ohren zugehalten, so grässlich klang das Schnalzen der brennenden Zungentiere. Die Höhle war inzwischen taghell von den Flammen und ein beißender Qualm trieb Orben die Tränen in die Augen.

"Mach dich nun bereit und bewege dich vorsichtig aus der Höhle. Sieh immer auf den Boden und verliere nicht dein Gleichgewicht, du dummer Jokk!"

Entweder war es ein Kind oder ein besonders mutiger Jäger, der Orben einen "dummen Jokk" nannte. Jokks waren wohl die dümmsten Tiere, die es auf der Welt gab. Sie ähnelten kleinen Ratten und waren das bevorzugte Opfer der Hornhunde und Wölfe. In großen Rudeln lebend, kamen sie von Zeit zu Zeit aus ihren Höhlen und wurden dort meistens gleich gefressen.

Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen, hatten nicht mal Zähne und liefen oftmals ihren Feinden mit einem quiekenden Geräusch entgegen. Wenn der erste Jokk gefressen war, strömten weitere nach, um ein Festmahl für ihre Jäger abzugeben.

Und nun nannte jemand Orben einen Jokk. Wenn Orben erst mal aus der Höhle raus war, würde er dem Fremden zeigen, was ihn von einem Jokk unterschied!

Orben trat auf die verbrannten Körper der Zungentiere und bewegte sich langsam aus der Höhle raus. Bei jedem seiner Schritte spürte er, wie unter ihm die Knochen der Zungentiere brachen und achtete darauf, nicht auf dem glitschigen Boden auszurutschen. Seine Augen schmerzten von dem Qualm und Orben konnte sich nur am Rufen des Fremden orientieren, um nicht in die falsche Richtung zu gehen.

"Hierher, du Jokk! Langsam! Du wirst noch gegen einen Felsen laufen, als hättest du zuviel Make getrunken!"

Natürlich war Orben dankbar für die Hilfe des Fremden, aber wenn er erst hier raus war, würde er genau wissen wollen, wer ihn für einen betrunkenen Jokk hielt! Vorsichtig setzte Orben einen Fuß vor den anderen und rieb sich dabei die Tränen aus den Augen.

"Du hast es geschafft! Die Zungentiere schmoren alle in ihrem eigenen Saft und werden eine gute Mahlzeit für die Dolks abgeben. Komm hierher, bevor du noch über deine eigenen Beine stolperst!"

Nur mühsam schaffte es Orben, die Augen zu öffnen. Er hatte tatsächlich mit Hilfe des Fremden die Flucht aus der Höhle geschafft und erkannte langsam, wer ihm geholfen hatte. Schon wollte er ansetzen, sich über die Frechheit seines Retters aufzuregen, als er verschwommen das Gesicht seines Gegenüber wahrnahm.

"Was siehst du mich so blöd an, Jokk! Hast du noch nie ein Kind gesehen?"

3. Lokohn

Seit sein Dorf von den Dolks vernichtet worden war, lebte Lokohn allein in den Wäldern Minats. Minat war das Königreich, in dem Lov grausam herrschte.

Hohe Abgaben und Steuern zwangen die Bewohner Minats dazu, in Armut und Angst ihr Dasein zu fristen. Besonders die Akkis wurden zu schwerster Fronarbeit gezwungen und mussten einen Großteil ihrer wenigen Besitztümer und Erträge den Steuereintreibern Minats überlassen. Ohne Schutz vor feindlichen Angriffen und ohne Erfahrung im Kampf hatten die Akkis, die Bauern und Feldarbeiter waren, keine Chance gegen die Dolks. Schon als kleiner Junge hasste es Lokohn, nichts gegen die verhassten Söldner Lov´s unternehmen zu können. Mittlerweile war Lokohn dreizehn Jahre alt und hatte gelernt, sich so gut es ging, zu verteidigen. Er war flink und geschickt und hatte sich selbst im Umgang mit Speer und Messer geübt.

Als Lokohn von einem Streifzug durch die Wälder in sein Dorf zurückkam, fand er die Dorfbewohner, seine Eltern und Geschwister - alle von den Dolks vernichtet - vor. Er war der einzige Überlebende und war von da an auf sich alleine gestellt. Er lernte es schnell, kleine Jokks zu fangen und sich von den Eiern der Totenvögel zu ernähren. Lokohn hatte - für sein Alter - einen muskulösen Körper und verfügte über die Schnelligkeit von Hornhunden und einäugigen Katzen. Mit seinen dreizehn Jahren war er schon fast so groß wie Orben, nur dass er - wie alle Akkis - kein Haar auf seinem Körper hatte. Lokohn´s kahler Kopf glänzte, als die ersten Strahlen des großen Lichtes durch die Wolken brachen. Wie ein großer Jäger baute er sich vor Orben auf, richtete seinen Speer auf dessen Leib und begann, schallend zu lachen.

"Ohne mich wärst du jetzt ein Haufen abgeknabberter Knochen, Jakk! Wie konntest du nur so dumm sein und dir eine Zungentier-Höhle zum schlafen aussuchen?"

"Nenn mich noch einmal Jakk und ich werde dir deinen blanken Schädel spalten! Niemand nennt Orben, den Jäger, einen Jakk! Schon gar kein Kind, wie du eines bist..."

Orben sah Lokohn mit zornigem Gesicht an. Noch immer hatte er sein Messer in der Hand und hätte auf jeden anderen einen fürchterlich grausamen Eindruck gemacht. Nur Lokohn schien wenig beeindruckt, denn er grinste weiter von einem Ohr zum anderen, als er sagte:

"Und wo bleibt deine Dankbarkeit, Jakk? Siehst du nicht, dass ich während du schliefst, dein Ghanfleisch aus der Höhle geholt habe? Mit Leichtigkeit hätte ich dein Schnarchen nutzen können, um die die Kehle aufzuschlitzen. Und? Willst du dich nicht bei Lokohn bedanken?"

Erst jetzt bemerkte Orben neben dem Jungen einen großen Hügel, der mit Zweigen und Ästen bedeckt war. Hatte doch tatsächlich dieser Junge in der Dunkelheit das Fleisch aus der Höhle geschafft! Warum, bei allen Eingeweiden des Ghan, hatte dann der Junge solange gewartet, um Orben zu retten? Hatte er vielleicht vor, nur das Fleisch zu stehlen und Orben den Zungentieren zu überlassen?

"Ich will dir dankbar sein, dass du mir geholfen hast, Junge! Aber es wäre mir lieber, du hättest erst mich und dann das Fleisch gerettet und nicht umgekehrt! Weil du noch ein Kind bist, werde ich dich nicht den Göttern opfern, weil du mich Jakk genannt hast, aber nenn mich ab jetzt Orben! Ich bin der Jäger Orben und dich will ich Lokohn nennen, wie wohl auch dein Name ist, Kind!"

4. Das Dorf der Argos

Die südliche Seite des Dorfes grenzte an eine gewaltige Felsenwand, die gleichzeitig Schutz vor feindlichen Angriffen bot. Fast 40 Ehm hoch erstreckte sich diese Wand und niemand konnte so von Süden her die Argos überfallen. In allen anderen Richtungen hatten die Argos einen Schutzwall aus Baumstämmen errichtet und Wachposten gaben acht, dass nicht Dolks oder die Söldner Lov´s das Dorf überfallen konnten, ohne rechtzeitig gesehen zu werden. Schon oft hatte die Söldner versucht, bei den Argos Beute zu machen, aber der Mut und auch die Schutzmaßnahmen, die man ergriffen hatte, verhinderten, dass die Argos von Lov unterjocht wurden. Immer wieder kam es zu Überfällen der Söldner und trotz allem wiederstanden die Argos den Versuchen Lov´s, das Dorf zu vernichten.

König Lov herrschte mittlerweile über ganz Minat. Er hatte mit grausamer Hand und unnachgiebiger Härte fast jeden Widerstand gebrochen, den ihm die Dörfer entgegengebracht hatten. Für König Lov war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Argos seinen Befehlen gehorchten.

Das Dorf bestand aus fast dreihundert Jägern, Frauen und Kindern. Schon von Anfang an übten sich selbst die kleinsten im Gebrauch von Speer, Bogen und Messer. Selbst die Frauen bewaffneten sich bei Angriffen der Söldner mit Äxten und Knüppeln, schützen sich mit Schildern aus Baumrinde und halfen den Männern, das Dorf zu verteidigen. Die Geschicke des Dorfes wurden von den Ältesten geleitet, deren Führer der alte Garban war. Seit langer Zeit hörte jeder im Dorf auf Garbans Rat und jeder sah in ihm einen großen, weisen Vater, der auf alles immer die richtige Antwort hatte.

"Sag mir doch, Garban, wann kommt Orben zurück? Wenn ihm nun etwas zugestoßen ist? Du siehst doch soviel und sprichst auch mit den Geistern. Erkennst du nicht, wie es meinem Orben geht?"

Jah sorgte sich um ihren Mann. Schon seit zwei Nächten hatte sie böse Träume, in denen sie Orbens Leichnam von wilden Tieren zerfleischt sah. In diesen Nächten schreckte sie von ihrem Lager auf und legte sich zu ihren beiden Kindern Marl und Roba. Marl, der jüngere von beiden, war mittlerweile sieben Jahre alt und ihn trieb es schon in die Wälder. Immer wieder musste Jah ihren Sohn suchen, der sich in Gebüschen versteckte, um Jakks zu fangen.

Roba hingegen verabscheute Marl´s Ausflüge. Sie verbrachte ihre Tage damit, der Mutter beim Haushalt zu helfen, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war, ihre langen, braunen Haare zu kämmen. Roba war zwar fünf Jahre älter, als ihr Bruder, aber sie gehörte schon jetzt zu den hübschesten Mädchen des Dorfes. Sie beherrschte es perfekt, die Jungen im Dorf zu ärgern und zu reizen. Wenn die Frauen und Kinder abends das Essen für die Männer bereiteten, war es Roba, die mehr als einmal den Jungen das Blut in die Ohren trieb. Sie brauchte nur ihre braune Mähne ausschütteln und den Jungen einen vielsagenden Blick zuwerfen und schon mussten die anderen Mütter ihre Söhne zum Fluss schicken, um sich abzukühlen.

"Deine Roba wird einmal einen mächtigen Jäger heiraten, Jah."

Alle Frauen des Dorfes beobachteten amüsiert, wie Roba früh anfing, zu flirten und waren sich sicher, dass Roba eines nicht mehr fernen Tages den stärksten Mann heiraten würde, der im Dorf zu finden war.

Jah brauchte in der Zeit der Dunkelheit die Nähe ihrer Kinder, wenn sie an ihren Mann dachte. Auch wenn Garban ihr versicherte, dass er keine Gefahr für Orben sah, fürchtete sie sich doch, ihn zu verlieren.

"Bist du ganz sicher, dass er wohlauf ist, Garban? Ich würde nicht mehr leben können, wenn er nicht zurückkommt..."

"Er hat Gefahren zu überstehen und überall lauern böse Geister und wilde Tiere. Aber sei dir sicher, dass du ihn schon bald zurückbekommst, Jah!"

5. Der Rückweg ins Dorf

Lokohn erzählte Orben seine Geschichte. Er berichtete, wie er in das Dorf der Akki zurückkam und nur Tod und Verwüstung vorfand. Schnell erkannte er, dass es nicht die Söldner Lov´s waren, die gewütet hatten, sondern dass die Dolks über das Dorf hergefallen waren. Der Junge schilderte die grausamen Szenen, die er vorfand und mit jedem Wort, dass Lokohn sprach, wuchs der Gedanke Orbens, einen richtigen kleinen Jäger vor sich zu haben.

"Du bist sehr mutig, Lokohn!" sprach Orben. "Ein Kind in deinem Alter muss tapfer sein, wenn es in der Wildnis überleben will. Sag, seid ihr Akkis nicht eigentlich Bauern? Wie kommt es, dass du mit Bogen und Speer umgehen kannst?"

Bis der große leuchtende Stern in der Mitte des Himmels stand, erzählte Lokohn von seinen Leuten und von seinem Wunsch, lieber Jäger, als Bauer zu sein. Er schilderte Orben, wie ihn sein Vater immer wieder anhielt, auf dem Feld zu helfen und sich mehr mit Ackerbau, als mit der Jagt zu beschäftigen. Je länger die beiden miteinander sprachen, um so sicherer war sich Orben, dass er diesen Jungen mit ins Dorf nehmen würde. Dort konnte Lokohn das lernen, was ihm sein Herz befahl.

Nachdem die beiden sich ein Stück Ghanfleisch geteilt hatten, machten sie sich auf den Weg ins Dorf der Argos. Lokohn schloss sich gerne dem "Jakk" an, denn er spürte, dass Orben bestimmt nicht der Dummkopf war, als den er ihn gerufen hatte.

Orben musste unwillkürlich daran denken, dass sich seine Tochter Roba sofort des Jungen annehmen würde. Bis sie in der Ferne die hohen Palisadenzäune des Dorfes erblickten, sprachen beide kaum ein Wort auf ihrem Weg. Jeder war in seinen Gedanken versunken und bestimmt trauerte Lokohn im Stillen um seine Familie. Orben ließ dem Jungen diese Trauer, in der Lokohn keine Träne vergoß und verdrängte alle bösen Gedanken durch die baldige Wiedersehensfreude mit Jah und seinen Kindern.

"Siehst du mein Dorf, Lokohn? Nun ist es auch dein Dorf, wenn du willst. Die Ältesten werden darüber entscheiden, ob du bleiben darfst, aber ich bin sicher, dass sie dich ebenso gerne um sich haben, wie ich selbst. ...und wie meine Tochter!" murmelte Orben noch leise vor sich hin, ohne dass Lokohn den letzten Teil des Satzes verstehen konnte.

6. Lov, König von Minat

Das Königreich Minat erstreckte sich vom großen Meer des Westens bis an die Täler des Jagur-Gebirges. Über zweitausend Dörfer zählten zum Königreich, über das Lov regierte. Seit er vor zehn Jahren seinen eigenen Vater ermorden ließ, um dessen Platz einzunehmen, herrschte ein Regiment des Schreckens und der Unterdrückung in Minat. Niemand wagte es, auf zu begehren und König Lov die Stirn zu bieten.

Um allen ein abschreckendes Beispiel zu zeigen, wohin Widerstand führt, ließ Lov jeden Tag auf dem Marktplatz der Hauptstadt Minor vermeintliche Rebellen hinrichten. Er suchte sich willkürlich aus den Gefangenen die armen Teufel heraus, die er öffentlich unter dem Jubel der Menge von zwei Moxx auseinanderreißen ließ. Jeder, der sich weigerte, an dem grausigen Schauspiel teilzunehmen, wusste, dass er einer der nächsten sein würde, dessen Körper in zwei Hälften gerissen wurde. Söldner des Königs schritten bei jeder Hinrichtung durch die Zuschauer, um dafür zu sorgen, dass auch jeder Beifall klatschte und laute Zustimmung herausrief.

Die Moxx, elefantenartige Wesen ohne Rüssel mit zwei Köpfen und mächtigen Hauern, waren an dicken Holzpflöcken angebunden. Zwischen ihnen - an Ober- und Unterkörper von dicken Seilen gehalten, warteten die Opfer der Hinrichtung auf das Signal des Königs, die Moxx anzutreiben und die Leiber wie Blätter zu zerreißen.

Alte Frauen, Mütter mit ihren Kleinkindern und jedermann, der in der Stadt wohnte, hatte dieser Hinrichtung beizuwohnen. So herrschte die Angst in Minor und im ganzen Königreich Minat.

Lov, von Statur aus eher schmächtig und klein, verstand sich im Ränkespiel und im Spinnen von Intrigen. Er traute niemandem und selbst seine Minister waren nicht sicher, auch irgendwann von den Moxx zerteilt zu werden. Jeder in Lov´s Nähe hatte Angst! Die einzigen, auf die Lov voll vertraute, waren seine Söldner. Ihnen gab er alles, was sie sich wünschten. Er überließ ihnen einen Großteil der Beute, die sie auf ihren Raubzügen machte und verstand es geschickt, sich durch Großzügigkeit ihre Loyalität zu erhalten. Sie, die Söldner waren die eigentlichen Herren in Minat. Ihr Wort war Gesetz und jeder wusste, dass sich der König niemals gegen seine Söldner stellen würde. Sie waren auch die Garanten für Lov´s Leben, das ohne sie keinen Dahr wert war. Aber auch den Söldnern gegenüber war Lov stets auf der Hut.

Er wusste zwar, dass er sich auf sie verlassen konnte, aber er wusste auch, dass zuviel Macht sie leicht in Versuchung führen konnte, selbst das ganze Königreich zu übernehmen.

So sorgte Lov ständig für wechselnde Leibwachen, die er eigenhändig aus der Mitte der zuverlässigsten Söldner aussuchte.

"Sag mir, Söldner. Warum dienst du mir?"

"Um dich mit meinem Leben zu beschützen, Herrscher..."

Wer ihm diese Antwort gab, würde niemals seine Leibwache bilden. Lov traute niemandem, der etwas aus lauter Loyalität tat. Für ihn gab es nur Macht durch Reichtum. Nur derjenige, der ihm auf die Frage antwortete: "...weil du mir mehr zahlst, als irgend jemand sonst im Land!" hatte das Vorrecht, Lov mit seinem Leben zu beschützen. Überall sah Lov Attentäter und Neider um sich herum. Jeder in seiner Nähe konnte ihm nach dem Leben trachten und Lov tat alles, um jeden zu töten, der ihm in die Quere kam.

Drei dicke, unüberwindbare Mauern schützen Lov´s Burg. Jede dieser Schutzmauern trennte ein tiefer Graben, in dem gefräßige Krokodile hungrig auf einen Eindringling warteten. Ab und an warfen die Leibwachen blutige Fleischstücke in die Gräben, um zu sehen, wie die Krokodile sich mordlüstern darauf stürzten. Nur zwei schwere Hängebrücken machten es möglich, in die Burg reinzukommen oder sie zu verlassen und nur auf persönlichen Befehl des Herrschers durften die Zugbrücken runtergelassen werden.

7. In Argos

Der Empfang für Orben war so, wie er es erwartet hatte.

Blitzschnell sprach es sich herum, dass Orben mit seiner Jagdbeute wieder im Dorf war und eine der ersten, die ihm schon von weitem entgegenliefen, war Jah, Orbens Frau. Laut fluchend rannte sie zu ihm, beschimpfte ihn und drohte mit den Fäusten:

"Orben! Du wagst es, mich so lange warten zu lassen? Weißt du nicht, was ich mir für Sorgen gemacht habe, du lahmer Hornhund? Hast du nicht einmal daran gedacht, was ich machen soll, wenn dich die Dolks gefressen hätten, hä? Komm du mir nach Hause...!"

So böse sie auch tat, so freudig lief sie ihrem Mann entgegen. Sie schmiss sich an seinen Hals und ließ erst von Orben ab, als dieser so tat, als würde er ersticken.

"Lass mich am Leben, Jah! Sonst bin ich schneller unter den Toten, als dir lieb ist..."

Die beiden umarmten und küssten sich, ohne zu merken, dass mittlerweile das halbe Dorf um sie versammelt war. Auch Lokohn wagte nicht, seinen Mund aufzumachen und bestaunte die seltsame Art der Begrüßung durch Jah.

"Hast du wenigstens reichlich Fleisch mitgebracht, du fauler Jakk, oder müssen wir wegen dir nur von Make leben? Sag schon, Orben, wo warst du so lange?"

Erst jetzt bemerkte Jah, dass Orben nicht alleine gekommen war. Widerwillig ließ sie von ihrem Mann ab und betrachtete den Jungen an Orbens Seite.

"Ist das etwa die dicke Beute, die wir erhofft hatten...?"

Mit sanften, glücklichen Augen und Tränen, die ihr übers Gesicht liefen, wand sie sich Lokohn zu:

"Du siehst aus, als müsste man dich von einer Menge Dreck und Schmutz befreien, Junge. Wenn du mit Orben gekommen bist, sei mir willkommen - und wundere dich nicht, wie ich meinen Orben begrüße. Jeder hier im Dorf weiß, dass ich ihn mehr liebe, als das saftigste Stück von einem Ghan!"

Damit war Lokohn in den Kreis der Familie aufgenommen. Nun mussten die Ältesten entscheiden, was mit ihm zu geschehen hatte und ob er im Dorf leben durfte. Zuerst jedoch galt es, Orbens Rückkehr zu feiern! Und entgegen aller Vorsätze würde Orben doch feiern, bis ihm die Make aus den Ohren quoll. Er war sicher, dass Jah ihm dieses Mal noch verzeihen würde!

Zwei Sternenwechsel lang feierte das Dorf Orbens Rückkehr und wie vermutet, musste erst die Make auf falschem Weg Orbens Körper verlassen, bevor er sich ausgiebig seiner Frau widmen konnte. Inzwischen hatte sich der Ältestenrat Argos unter der Führung von Garban versammelt, um über Lokohn´s Zukunft zu beraten. Und wie Orben vermutet hatte, kam man überein, den Jungen in der Gemeinschaft des Dorfes zu lassen. Seine unbekümmerte Art und seine freundliche Ausstrahlung machte den Ältesten die Entscheidung nicht schwer.

Die sieben Alten beschlossen zusätzlich, Lokohn in Orbens Obhut zu lassen. Für sie war es selbstverständlich, dass auch Jah keine Einwände haben würde.

"Lokohn soll bei uns lernen, ein Mann zu werden, Garban! Der Junge hat immerhin schon bewiesen, dass er die Grenze der Kindheit überschritten hat. Geben wir ihm ein neues Zuhause."

Norl, nach Garban der zweitälteste im Rat, war von der Geschichte des Jungen tief betroffen. Irgendwie erinnerte ihn Lokohn an sich selbst, als er vor vielen, vielen Zeitwechseln ebenso seine Familie verlor. Auch bei Norl waren es die Dolks, die ihn zu einem Waisen machten.

Grat, als jüngster in der Runde, hatte zwar einige Bedenken gegen Lokohn, wurde jedoch von Garban freundlich und bestimmt darauf hingewiesen, dass diese Bedenken unbegründet sein.

"Du denkst manchmal um zu viele Ecken, Grat! Wenn Lokohn ausgeschickt wurde, um unsere Befestigungen auszuspionieren, hätte er Orben nicht retten müssen..."

"Aber so hat er doch unser Vertrauen am leichtesten erschleichen können, Garban! Was, wenn er Lov´s Söldnern berichtet, wo unsere Schwachstellen sind und Lov uns eines Tages besiegen kann, nur weil wir zu vertrauensselig waren?"

Der einäugige Blak antwortete für Garban. Blak war in jungen Tagen der mutigste Jäger der Argos und verlor sein Auge im Kampf gegen Lov´s Vater:

"Wer weiß mehr als ich über Lov´s Sippe? Und obwohl ich mein Auge im Kampf gegen die grausamen Söldner gelassen habe, weiß ich doch, dass der Junge auf unserer Seite ist. Wenn du verlernst, zu vertrauen, wirst du als alter, misstrauischer Greis selbst mit den Göttern hadern, die dich eines fernen Tages zu sich holen. Lerne, Grat, dass Weisheit und Freundlichkeit nicht im Widerspruch zu Vorsicht stehen. Wir werden weiterhin wachsam sein - aber nicht dumm und blind!"

Im Grunde seines alten, aber immer noch impulsiven Herzens, war Grat freundlich und verständnisvoll. Ihn sorgte nur die ständige Angst um das Dorf, weil Lov immer wie eine Schlange darauf bedacht war, auch Argos zu unterjochen und unter seine Knechtschaft zu bringen.

Die schöne Jah, Roba, ihre Tochter und Marl, der kleine Jäger, konnten sich endlich wieder um ihren Vater versammeln.

Orben ähnelte zwar nach der vielen Make mehr einem Trockenfisch, als einem großen Ghanjäger, aber er kam ganz langsam wieder zu Verstand, den er in den vergangenen Dunkelheiten aus sich rausgefeiert hatte. Nun wurde es Zeit, seiner Familie alles zu berichten, was er auf der letzten Jagt erlebt hatte. Besonders Roba löcherte ihn mit Fragen zu Lokohn.

"Sag, Vater, hat er dir wirklich das Leben gerettet? Ich kann gar nicht glauben, dass Lokohn noch so jung ist. Wo er doch so kräftig und gutgewachsen ist..."

So hatte sich Orben die Fragen seiner Tochter vorgestellt.

"Findest du nicht auch, Mutter, dass Lokohn viel älter aussieht, als er ist? Mich jedenfalls stört sein kahler Kopf kein bisschen. Im Gegenteil! Die Jungen in unserem Dorf sehen manchmal mit ihren struppigen Haaren wie Moxx aus. Lokohn hingegen..."

Es war an der Zeit, dass Jah die Beschreibungen Robas unterbrach:

"Du stürzt dich auf den Jungen, als hättest du noch nie Jungen im Dorf gesehen, Roba! Mir ist es lieber, wenn du beizeiten lernst, welche Gewürze in eine schmackhafte Suppe gehören und dich weniger für gutgebaute Kerle interessierst...
Dafür bleibt dir später noch genug Zeit. Und ich bin sicher, du wirst nie unter einem Mangel an Bewunderung leiden!"

Auch Marl konnte es nicht lassen, seine Schwester ein wenig zu foppen:

"Was hat dich eigentlich mehr gefreut, Roba? Das Vater wieder bei uns ist oder dass er dir ein neues Spielzeug mitgebracht hat?"

"Du bist ein ekliger, kleiner Jakk, Marl! Und du verstehst nichts von den Gefühlen einer Frau...!"

So miteinander scherzend verbrachte Orbens Familie einen großen Teil des Abends, bis endlich Jah die Kinder schlafen schickte. Lange genug hatte sie auf Orben gewartet und für sie war nun klar, dass es außer Reden noch andere Dinge gab, die in diesem Moment viel wichtiger waren. Orben grinste, als er sah, wie eilig es Jah hatte, die Kinder schlafen zu schicken. Er hoffte nur, dass die Make nicht zuviel angerichtet hatte...

8. Das erste Zeichen

Die bekannte Welt ertrank im Blut von Kriegen und Schlachten. Überall gab es Könige und Herrscher, die nur darauf trachteten, ihren Reichtum auf Kosten der Armen zu vermehren. In allen Ländern jammerten die Menschen wegen hoher Steuern und Abgaben. Die Königreiche untereinander führten Kriege, weil Macht die größte Versuchung für sie war.

Tausende und Abertausende von abgetrennten Gliedmaßen trieben auf den Flüssen und Seen. Furcht war der beste Weggefährte von Flüchtenden, die versuchten, dem Gemetzel zu entgehen. Aber wohin sie auch flüchteten - überall wartete ein neues Grauen auf sie. Nirgends war man sicher und nirgendwo fand der Erschöpfte Zuflucht und Beborgenheit.

Es war die Zeit der verdunkelten Sterne, in der das strahlende Licht nur selten gegen die bösen Mächte der Finsternis siegten. Es war die Zeit der Toten und Erschlagenen...

Ein mächtiges Grollen erschütterte die Oberfläche des Erdbodens. Das erste Zeichen aus der Prophezeiung Darells, die in den sieben Büchern Partasos niedergeschrieben waren, kündigte sich wie ein Donnerschlag an.

Berge schienen zu wanken und Bäume knickten unter dem Getöse des Donners wie kleine Zweige. Nochmehr verfinsterte sich der Himmel, so dass eine tiefe Nacht über die Welt hereinbrach und Angst und Schrecken verbreitete. Die Wassermassen der Meere verwandelten sich in angreifende Giganten, die das Land zu verschlingen drohten. Ganze Dörfer und Landstriche versanken unter den Fluten und begruben die Menschen zu Hunderttausenden. Die Schreie vor der drohenden Vernichtung hallten über alle Länder und niemand war sich sicher, von der Katastrophe verschont zu werden.

Arme und Reiche, Herrscher und Bauern - alle fürchteten um ihr Leben und sahen dem Tod ins Auge.

Erdbeben, Überschwemmungen und in Panik zerquetschte Leiber waren das erste Zeichen, das sich erfüllte. So, wie in den Büchern des Partasos geschrieben war, erkannte niemand, welche Bedeutung dieses Zeichen hatte. Nur die Furcht um das eigene Leben hauste in den Gedanken der Menschen, die von den Zeichen verschont blieben...

Auch Lov, der sich in seiner Burg verbarrikadiert hatte, zitterte um sein Leben. Hundert Söldner mussten auf seinen Befehl hin, Tag und Nacht über das Wohlergehen des Herrschers wachen. Wie ein Schutzwall postierten sie sich um Lov, nur um sicherzustellen, dass einstürzende Mauern und Decken zuerst ihre Körper zerquetschte, bevor sie den Herrscher trafen.

Vier lange Zeiten, in denen Licht und Dunkelheit nicht wechselten, stürzten die Welt in Chaos und Verzweifelung. Erst als sich Leichenberge bis zum Himmel türmten und der Gestank von verwesendem Fleisch von den Winden in alle Richtungen getragen wurde, beruhigten sich die Urgewalten. Die Elemente brachen ihr grausames Schauspiel ab und fanden ihre alte Ruhe wieder...

Lov, der sich die ganze Zeit über verschanzt hatte, kam mit dem Schrecken davon. Was scherten ihn sein Volk, das noch lange Zeit über die unzähligen Opfer weinen und wehklagen würde. Die ersten Gedanken, als sich der Herrscher wieder sicher fühlte und es wagte, die Burg zu verlassen, galten den Steuern, die nun erhöht werden mussten, um Schäden an der Burg zu beseitigen.

Wie in allen Dörfern des Landes hatten auch die Argoser viele Opfer zu beklagen. Auch dort prallten die Elemente aufeinander. Herabstürzende Steinbrocken des Felsens, der Schutz vor Angreifern bot, erschlugen viele Argoser im Schlaf. Und doch war es eben dieser hohe Felsen, der schlimmeres Unglück verhinderte.

Orben und seine Familie, Lokohn und den meisten anderen im Dorf war nichts passiert, aber der Tod des einäugigen Blak stieß das Dorf in eine lange Trauer. Blak, der einer der Ältesten war, schaffte es nicht, rechtzeitig vor einem umstürzenden Baum zu flüchten. Vielleicht hatte er auch genug Elend und Kriege erlebt, um dem Tod lächelnd entgegen treten zu können...

Viel Zeit verging, in der die Bewohner Argos um die Toten weinten und sich dem Aufbau zerstörter Hütten widmeten. Die Heiterkeit und Freude, die so typisch für die Argoser war, wich der Angst um die Zukunft. Was waren die Söldner Lov´s gegen solch übermächtige Kräfte der Natur? Wie sollte man sich gegen Kräfte zur Wehr setzen, die stärker waren, als alle Götter Argos? Trotz allem dankte Orben diesen Göttern, dass sie ihn und seine Familie verschont hatte.

9. Marl´s Verschwinden

Kinder lachen auch, wenn Erwachsene weinen. Sie vergessen zum Glück viel schneller und müssen nicht Nacht für Nacht mit den Dämonen der Träume kämpfen, um das Erlebte zu besiegen.

Jah war es ganz recht, dass Roba und Marl sich nach dem Unglück wieder ihren täglichen Spielen hingaben. Im Gegenteil: Sie ermutigte die Kinder sogar, mehr Zeit mit anderen Kindern zu verbringen, als sie es sonst erlaubt hätte.

"Weißt du, Orben, was uns die Zukunft bringt? Wir sollten unseren Kindern Zeit lassen, das bisschen Glück zu genießen, dass ihnen bleibt. Wer kann schon wissen, ob es nicht schon bald ein Ende hat mit unsrem Leben? Heute sind wir zufrieden und haben reichlich zu essen und schon morgen stürzt die Welt in einen Abgrund... Marl soll ruhig seine Jakks jagen und sich mit Lokohn im Wald messen, wenn ihm danach ist. Auf diese Weise hält er wenigstens Roba davon ab, ständig um Lokohn rumzukriechen...!"

Orben drückte seine Frau eng an sich. Er liebte Jah dafür, dass sie immer das richtige tat und immer die gleichen Gedanken hatte, wie er selbst.

"Was wäre ich ohne dich, kleine Jah! Laß nur die Kinder machen. Sie werden noch schnell genug erfahren, welche schrecklichen Gefahren überall lauern!"

Es war ein schönes Gefühl für Jah, ihren Mann so dicht bei sich zu haben. Sie wusste, dass schon bald die Zeit gekommen war, ihn wieder für lange Nächte zu entbehren. Nicht mehr lange, und Orben würde erneut in die Welt ziehen, um - wie die anderen Jäger - den Ghan zu erlegen und reiche Beute ins Dorf zu bringen.

Marl indessen nutzte die Freiheiten, die ihm seine Mutter ließ. Solange das Licht vom Himmel fiel, durchkämmte er mit seinem Freund Lokohn die Wälder. Beide verstanden sich so gut, dass niemand daran zweifelte, zwei Brüder vor sich zu haben. Sie jagten gemeinsam; brachten sogar einmal einen erlegten Hornhund ins Dorf und kamen nie zurück, ohne vom Kopf bis zu den Füßen mit Erde und Laub bedeckt zu sein.

Sobald sich am Morgen das Licht des Tages zeigte, bewaffneten sie sich mit ihren Bogen; warfen sich die Köcher mit den Pfeilen auf den Rücken und verschwanden in der Tiefe der Wälder.

"Siehst du dort das fette Pokko im Gebüsch, Marl? Sie werden uns zu Hause wie Helden feiern, wenn wir es erlegen können!"

Lokohn´s Augen funkelten und sprühten vor Jagteifer.

"Ich habe noch nie so ein fettes Pokko gesehen, wie dieses hier. Lass uns die Bogen spannen und sehen, wer von uns beiden der bessere Schütze ist...!"

Es gab keine Herausforderung, auf die Marl nicht einging. Auch seine Augen fixierten das Tier, das wie ein nacktes Wildschwein aussah, wenn es nicht sechs Beine hätte und aus seiner großen, platten Nase einen ekligen, giftigen Dampf ausstoßen könnte. Wer sich einem Pokko zu dicht näherte, ohne das Gesicht zu schützen, wurde unweigerlich von diesen Dämpfen eingenebelt und musste langsam und qualvoll erleben, wie die Gesichtshaut bis auf den Schädelknochen abblätterte.

Pokkos waren, obwohl sie dick und lahm erschienen, schnell und wendig. Wenn man sie unterschätzte, rannten sie einen über den Haufen, bespühten einen mit ihren Dämpfen und wälzten sich solange mit ihren schweren Körpern auf ihren Opfern, bis sie sicher waren, es getötet zu haben. Ihr Fleisch galt als wahrer Leckerbissen bei den Argos, was die beiden jungen Jäger noch mehr anspornte, das Pokko zu erlegen.

"Mein Pfeil wird genau in Pokkos Herz landen! Versuch du es gar nicht erst, Lokohn, denn du wirst sowieso danebenschießen!"

Schon spannte Marl seinen Bogen und visierte das fette Pokko an.

"Lass uns doch eine Wette abschließen, Marl! Wenn es dein Pfeil ist, der das Pokko tötet, werde ich fünf Sonnenzeiten deinen Köcher tragen. Und wenn es mein Pfeil ist..., wirst du deine Schwester für mich fragen, wie sie mich findet! Na, was sagst du dazu, Marl, mein Freund?"

"Du bist dir wohl deiner Sache sehr sicher, was? Wie kannst du nur daran zweifeln, das du bald fünf Sonnenzeiten meinen Köcher tragen musst? Gut, mein Freund! Ich bin einverstanden. Allerdings müssen wir uns beeilen, denn dem Pokko wird unsere Wette egal sein. Oder glaubst du, es wartet, bis wir Lust haben, unsere Pfeile abzuschießen?"

Die beiden Jungen pirschten sich noch etwas näher an das Tier heran. Sie mussten nur aufpassen, dass das Pokko ihre Witterung nicht aufnahm und sich auf Marl und Lokohn stürzte.

Gleichzeitig spannten sie ihre Bogen und jeder der beiden, war sicher, besser als der andere zu schießen.

Die Pfeile sausten von den Sehnen und suchten ihr Ziel, als sich gerade in diesem Moment das Pokko bewegte. So flogen die Pfeile, ohne getroffen zu haben, am Pokko vorbei und bohrten sich in einen dicken Baum.

"Du hast auf einen Ast getreten, Lokohn. Jetzt hast du’s verscheucht, du Jakk!"

"Ich? Du selbst hast dich bewegt und das Pokko erschreckt! Vielleicht hat Marl ja von der Make probiert, die sein Vater so gerne trinkt?"

Hin und her gingen die Schuldzuweisungen und keiner der kleinen Jäger bemerkte, dass nun wirklich das Pokko unruhig wurde. Es musste die beiden gerochen haben - auf jeden Fall gab es plötzlich einen lauten, grunzenden Ton von sich und stürmte auf Marl und Lokohn zu.

Lokohn registrierte das Pokko zuerst. Er rief Marl zu, schnell zu verschwinden. Nur noch wenige Ehm trennten die Kinder von der heranstürmenden Bestie.

"Lauf! Lauf um dein Leben, Marl...!"

Fast spürte man schon den unangenehmen Geruch des wilden Pokko. Wild und entschlossen musste es sich vorgenommen haben, diese komischen Kreaturen platt zu walzen.

Marl nahm, wie auch Lokohn die Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Noch nie hatte er so dicht ein Pokko gesehen und noch nie war er so kurz davor, von ihm zerquetscht zu werden. Die beiden Jungen achteten nicht auf Äste, die ihnen ins Gesicht peitschten und merkten gar nicht, wie scharfe Farne tiefe Schnitte an den Beinen hinterließen. Sie sahen nicht nach hinten, liefen nur und hofften, dem Pokko noch einmal entkommen zu können.

Marl und Lokohn spürten den dampfenden Atem der Bestie hinter sich.

"Wir müssen in getrennte Richtungen laufen, Lokohn! Vielleicht weiß das Pokko dann nicht, was es tun soll...!"

Marl wechselte die Richtung und glaubte, dass Lokohn ihn gehört hatte. Ohne nach links und rechts zu sehen, brach er wie ein Ghan durchs Unterholz.

Lokohn war zu erschöpft, um zurück zu blicken. Wenn das Pokko noch hinter ihm war, sollte es ihn doch kriegen...

Er verlangsamte seinen Lauf, holte tief Atem und versuchte, aus seinen Augenwinkeln, Marl zu sehen. Urplötzlich war es ganz still im Wald. Lokohn erschrak fast über die Ruhe, die er spürte, als er stehen blieb. Wo war das Pokko? Hatten sie es abgeschüttelt? Sie mussten es geschafft haben, denn so weit Lokohn auch sah - vom Pokko war nichts mehr zu sehen!

"Marl! Marl!"

Die lauten Rufe Lokohns hallten im Wald und kamen mit einem Echo zurück.

"Marl, wo bist du? Sag doch, wo du steckst! Maaaaarl!"

Doch so sehr Lokohn auch brüllte und rief - von Marl fehlte jede Spur. Es war, als hätte der Waldboden ihn verschluckt und für alle Zeiten unter sich begraben. Der Akkijunge merkte, wie die Angst in ihm aufstieg. In seinen Gedanken sah er Marl vom Pokko niedergewälzt und mit abgeplatzter Haut im Gebüsch liegen.

"Tu mir das nicht an, Marl! Bitte, bitte, tu mir das nicht an..!"

Aber niemand antwortete Lokohn. Er war alleine und von Marl fehlte jede Spur...

Noch lange, nachdem die Dunkelheit den Wald verschlungen hatte, suchte er seinen Freund. Er kümmerte sich nicht um die Schmerzen, die die Schnittwunden an Armen und Beinen verursachten. Bis zur Erschöpfung rief er nach Marl und erst, als er wahrnahm, dass eine tiefe Finsternis sich zwischen den Bäumen verfangen hatte, brach er zusammen und fiel in einen tiefen, unruhigen Schlaf.

Als bei anbrechender Dunkelheit nichts von Marl und Lakohn zu sehen war, fing Jah an, sich zu sorgen:

"Ich spüre etwas böses, Orben! Dieses mal ist den Jungen etwas zugestoßen. Oh, ich fürchte mich, dass sie nicht zurückkommen...!"

Orben ging es nicht anders. Er verspürte auch eine seltsame Unruhe. Ganz anders, als die vielen Male, wenn Lakohn und Marl erst spät aus dem Wald zurückkehrten.

"Mach dir keine Sorgen, Jah! Ich werde aufbrechen und die kleinen Teufel suchen! Vertrau mir! Ich werde sie finden!"

Lahr, Pakar der wendige und weitere zehn Männer schlossen sich Orben an, um die Kinder zu suchen. Ihnen war klar, dass die Dunkelheit es fast unmöglich machte, Marl und Lokohn im Wald zu finden. Und doch brachen sie gemeinsam auf, um es zumindest zu versuchen.

Der helle Stern der Nacht war ihnen keine Hilfe. Wie ein Vorhang aus dicken Blättern verhinderten die Wolken, dass auch nur der kleinste Lichtstrahl durch die Bäume drang. So blieben den Männern nur die Fackeln, die mit ihrem Flackern den Wald in eine Landschaft der Dämonen und Urwesen verwandelte. Endlose Ehm gingen sie mit großen Abständen zwischen sich durch den unheimlichen Wald. Sie schreckten die Tiere auf, die die Ruhe der Nacht nutzten, um sich von der Jagt des Tages zu erholen. Immer wieder brach ein Tier aus dem Unterholz und verschwand ebenso schnell, wie es aufgetaucht war.

"Marl! Lakohn!... Wo seid ihr?"

Es würde nicht mehr lange dauern und das Licht des Tages vertrieb die Dunkelheit. Pakar der wendige hörte ebenso wie Orben nicht auf, nach den Kindern zu rufen. Alle anderen Männer waren so erschöpft, dass sie kaum noch einen Laut herausbekamen.

"Was soll ich nur Jah sagen, wenn wir die beiden Jungen nicht finden, Pakar? Kannst du mir sagen, was ich Jah berichten soll? So wie jetzt habe ich mich noch nie in meinem Leben gefürchtet...!"

Pakar der wendige gehörte zu den besten Freunden Orbens.Schon oft hatten die beiden gemeinsam gejagt und sie wussten immer, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. So war es auch dieses Mal Pakar, der Orben Mut machte und ihn ermunterte, nicht die Hoffnung zu verlieren:

"Garnichts musst du deiner Jah sagen, Orben! Du wirst deine Jungen finden und sie wohlbehalten in ihr Lager legen. Glaub mir, Orben, mein Freund! Morgen, wenn das große Licht am Ende der Welt versinkt, wirst du sie wieder bei dir haben!"

Von Pakar´s Worten angetrieben, suchten die Männer weiter und kämpften sich durch das unwegsame Waldgebiet Minats.

Plötzlich schrie einer der Männer, die weit abseits von Orben suchten:

"Ich habe ihn! Ich habe Lokohn gefunden! Hierher, zu mir! Hier liegt der Bursche und schläft, wie ein Baby...!"

Zusammengekauert und nur spärlich mit Ästen und Zweigen bedeckt, lag Lokohn auf dem Boden. Nicht einmal die lauten Stimmen der Männer ließen ihn wach werden. Erst als Orben den Jungen schüttelte und rüttelte, öffnete er widerwillig die Augen - so erschöpft musste er sein.

"Den Müttern der Geister sei Dank, dass wir dich gefunden haben! Was habt ihr euch bloß gedacht...; und wo ist Marl, Lokohn? Sag mir, wo Marl ist. Bestimmt liegt er hier irgendwo in den Büschen und fürchtet sich davor, meine Hand zu spüren, der Jakk..."

Lokohn war nun hellwach. Es dauerte zwar einen Moment, bis er begriff, wo er war, aber im gleichen Moment erinnerte er sich an das Erlebnis mit dem Pokk.

"... Marl und ich sind vor einem Pokk geflüchtet... und plötzlich schrie Marl, dass wir uns trennen sollten... ich dachte, dass er es geschafft hatte, aber..."

Orbens Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Er sah mit ängstlichen und zornigen Augen auf Lakohn, der nur stammeln konnte und keinen zusammenhängenden Satz herausbrachte:

"... ich hab ihn verloren... verloren,...! Dieser grässliche Pokk... Überall habe ich Marl gesucht. Bestimmt! Überall..."

Es hatte keinen Sinn, jetzt weiterzusuchen. Alle waren zu erschöpft und konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Also beschloss man, hier die Nacht über zu lagern, bis sich der helle Stern am Himmel zeigte. Nur Pakar der wendige bestand darauf, mit Lokohn zurück ins Dorf zu gehen.

"Ich werde Jah berichten, dass ihr weiter suchen werdet, Orben." sagte er. "Sie wird sich ohnehin schon mehr ängstigen, als sie ertragen kann. So hat sie wenigsten Lokohn in ihrer Nähe! Ich werde ihr auch sagen, dass ihr mit Marl wiederkommt. Verstehst du, Orben? Ihr werden mit Marl zurückkommen!"

"Du bist mein bester Freund, Pakar. Bestimmt hast du Recht! Macht euch auf den Weg und kommt gesund ins Dorf. Und sage Jah auch, dass ihre bösen Ahnungen schon zur Hälfte gelogen haben, denn Lokohn ist unversehrt und wohlauf! Vergiss es nicht, Pakar! Sag, dass böse Gedanken nie die Wahrheit sagen und dass sie mir vertrauen soll...!"

Pakar und Lokohn machten sich auf den Weg.

Bis sie übermüdet und totenblass im Dorf ankamen, vertrieb Pakar der wendige, Lokohn die Zeit mit Jagdgeschichten von ihm und Orben. Obwohl Pakar selbst seine Beine nicht mehr spürte, schaffte er es, Lokohn so von dem anstrengenden Fußmarsch abzulenken, dass die Zeit schneller verging, als der lange Weg es verlangte.

10. Die fliegenden Feen von Guun

Irgendwann war sich Marl sicher, dass er den Pokk abgeschüttelt hatte. Die Lungen des Jungen schienen zu bersten und er wagte es, während er noch lief, nach hinten zu sehen. Da war kein Pokk mehr, das ihn verfolgte, aber da war auch kein Lokohn mehr zu sehen, den er eigentlich in seiner Nähe vermutete.

Genauso wie es sein Freund getan hatte, versuchte Marl immer wieder, nach Lokohn zu rufen. Keine Antwort...

Und ebenso, wie sein Freund, überkam Marl eine unsagbare Erschöpfung und er sank auf dem Boden nieder. Schnell schlossen sich seine Augen. Die Gedanken, die ihn in den Schlaf begleiteten, gaukelten ihm vor, dass Lokohn dicht bei ihm war. Nur so schaffte es Marls Unterbewusstsein, dem Jungen die nötige Ruhe zu verschaffen, um durch den Schlaf neue Kraft zu schöpfen.

Lange konnte Marl nicht geschlafen haben.

Als er die Augen öffnete und sich ängstlich umblicken wollte, sah er nichts außer tiefer Schwärze um sich herum. Der kleine Marl dachte nun nicht mehr an Abenteuer und Jagten - im Gegenteil! Sturzbäche von Tränen liefen seine Wangen herunter und mit zittriger, leiser Stimme winselte er nach seiner Mutter. Das einzige, was er jetzt wollte, war, sich in der Begorgenheit seiner Eltern in eine warme Felldecke einzukuscheln und vor dem Einschlafen einen großen Becher Ziegenmilch zu trinken.

Marl erschrak über die Ausweglosigkeit seiner Situation. Hier gab es keine Felldecke, keine Ziegenmilch und kein frisch gebackenes Mehlbrot. Hier gab es nur Dunkelheit und absolute Stille. Nur das Grollen von Marls Bauch und sein kindliches Schluchzen erinnerte daran, dass er nicht in das tiefe Loch von Sazz gefallen war, wo die Toten die Ewigkeit durchreisten.

Ein blendendes Licht, das plötzlich den Wald erhellte, ließ Marl in seinen Ängsten zusammenschrecken. Innerhalb eines Atemzuges verschwand die Dunkelheit und wechselte in ein weißes Strahlen. Marl musste die Augen zusammenkneifen, um den blendenden Schein ertragen zu können...

"Jetzt sterbe ich und falle in das Loch von Sazz.." waren die letzten Gedanken Marls, bevor er von unsichtbaren Händen getragen, die Besinnung verlor.

Unterdessen suchten Orben und die anderen Männern weiter verzweifelt nach dem kleinen Marl.

Aber so sehr der unglückliche Vater auch nach seinem Sohn rief - und so viel sie alle auch in den Sträuchern und Büschen nach ihm suchten - Marl blieb verschwunden!

Der erste, der es wagte, Orben anzusprechen, war Traz. Er hatte - fast wie Orben selbst - den kleinen Marl liebgewonnen und würde sein Leben geben, wenn er damit den Jungen zurückbekommen könnte; doch sprach er aus, was jeder der Gruppe in seinem Herzen fühlte:

"Orben! Ich weiß wohl, wie schwer es für dich ist. Aber Marl zu finden, ist unmöglich..."

"Was redest du, Traz? Denkt ihr anderen etwa ebenso? Geht doch von mir aus zurück und legt euch zu euren Frauen, wenn ihr keine Kraft meht habt. Ich hatte gedacht, ihr seit meine Freunde..."

Wie ein Wahnsinniger kämpfte sich Orben immer tiefer durch den Wald. Irr glänzten seine Augen und wenn auch ihm inzwischen die Kraft fehlte, weiter zu gehen, so trieb ihn jetzt die Angst des Vaters voran, der seinen Sohn finden mußte.

Traz erkannte, dass ihm und den anderen die Kraft fehlte, weiter zu suchen. Erschöpfung und Hunger hatten die Männer so weit es ging, voran getrieben. Nun mussten die Götter das ihre tun, um Marl zu retten.

"Lass uns umkehren, Orben! Wir sind am Ende unserer Kräfte...! Sieh es doch ein und lass uns ins Dorf zurückgehen. Jah wird vor Sorge um dich verrückt, wenn du nicht bald heimkehrst!"

Alle Männer stimmten Traz zu und versuchten, Orben zur Umkehr zu bewegen, doch Orben winkte verächtlich ab und sagte:

"Geht allein! Ich werde meinen Sohn finden. Und bei den Göttern des Waldes: ich werde niemals ohne ihn zurückkommen! Sagt das Jah und geht nun! Geht, und lasst mich tun, was ich tun muss. Er ist mein Sohn und lieber werde ich bis ans Ende meiner Tage durch den Wald streifen, bevor ich die Suche aufgebe...!"

Die unsichtbaren Hände ließen Marl wie eine Feder durch den Wald schweben. Sicher flog er zwischen den Bäumen hindurch, stieß an keinen der tief herunterhängenden Äste und durchtrennte die wallenden Nebel, wie ein Schwert, das sich seinen Weg bahnte. Noch immer umgab den Jungen der grelle Schein, den er vor seiner Ohnmacht wahrnahm. Sein Körper schien völlig entspannt zu sein, während er unaufhaltsam seinen Weg fortsetzte. Marls Gesicht wirkte ruhig und zufrieden. Sogar glücklich wirkte sein Gesichtsausdruck mit einem eigentümlichen Lächeln, so als ob er einen wunderschönen Traum hat...

Endlos weit wurde Marl getragen. Licht und Dunkelheit wechselten viele Male und erst am Ende des Waldes, dort wo das Königreich Lovs an das des Königs Vakaban grenzte, endete die seltsame Reise des Kindes.

"Sohn von Orben, dem Jäger! Öffne deine Augen und fürchte dich nicht; du bist bei den Feen von Guun. Öffne deine Augen und hab keine Angst!"

Zuerst glaubte Marl, eine Stimme aus dem Jenseits zu hören. Er war sich sicher, gestorben zu sein und wagte nicht, seine Augen zu öffnen. Sollten es wirklich so warme und freundliche Stimmen sein, die einen nach dem Tod begrüßten? Erzählten nicht alle im Dorf von mächtigen, gewaltigen Geistern, die einen mit ohrenbetäubendem Donnern zu den Meeren, unten im Krater von Minat, führten? Dort, wo die gewaltigsten Jäger und Kämpfer für alle Ewigkeit auf der Suche nach der Seele waren - dort war er nun auch? Aber was waren es nur für Stimmen, die Marl nun hörte?

"Du bist nicht tot, Marl! Die Feen von Guun wachen über dich, weil du der EINE sein wirst. Und jetzt öffne ohne Furcht deine Augen und sieh, was wir dir zeigen...!"

Er war nicht tot? Lag er nicht eben noch halbverhungert und erschöpft in der Dunkelheit des Waldes? Was war nur mit ihm geschehen?

Marl´s Gedanken versuchten, dagegen anzukämpfen, verrückt zu werden. Er brauchte alle Kraft, um vorsichtig die Augen zu öffnen und blinzelte zwischen den Augenlidern hindurch.

"Wer sind die Feen von Guun? Habt ihr mich aus dem Wald gerettet? Und woher wisst ihr, wer ich bin? Seid ihr die Geister, von denen unsere Alten im Dorf erzählen?"

Noch immer war ein Lichtschein um Marl, aber er konnte nun erkennen, wer die Feen von Guun waren...

Unzählige wunderschöne Gestalten umringten Marl. Ihre blassen und zarten Gesichter lächelten ihm entgegen und verbreiteten eine Aura tiefer Wärme und Geborgenheit. Alle Angst wich aus dem Jungen und jedes Gefühl von Furcht wurde von Glück und Frieden ersetzt. Marl verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Er dachte nicht mehr an Gefahren oder den Tod. Er wusste, dass alles, was jetzt geschah, gut war!

Als würden sie mit einer Stimme zu ihm sprechen, hörte Marl, was ihm die Feen von Guun zu sagen hatten:

"Noch bist du jung und kein Mann. Aber schon bald wird sich viel in deinem Leben verändern, Marl aus Argos! Böse Mächte versuchen, alles Leben zu vernichten. Sie führten schon vor dem Entstehen dieser Welt einen Kampf gegen das Licht, das die Wärme des Lebens spendet. Viele Schlachten hat das Böse gewonnen und viele Schlachten gewann auch das Licht. Wie vor alter Zeit vorhergesagt, wird nun bald der Zeitpunkt der Entscheidung kommen, in dem EINER das Ende der Kriege zwischen den Mächten herbeiführt.

Wenn das Böse siegt, verschwindet für alle Ewigkeiten das Licht von dieser Welt. Kälte und Hoffnungslosigkeit wird sich dann über alle Sterne des Himmels legen und auch diese Welt kann nie wieder erblühen. Zu kaltem Fels werden die Herzen der Menschen erstarren, wenn das Böse die Herrschaft übernimmt.

Doch die Prophezeiung sagt auch, dass EINER aus den Reihen der Menschen zum Kampf gegen die bösen Mächte antritt. Ihm wird das Licht des Himmels alle Stärke verleihen, um den Kampf bestehen zu können und die Welt zu retten!

Du, Marl, bist dieser EINE. Wenn deine Zeit gekommen ist, wirst du der Speer sein, der in unserer Hand liegt, um die Finsternis zu durchbohren!

Höre unsere Worte und erinnere dich daran, wenn wir dich rufen, Marl! Bis dieser Ruf ertönt, werden wir über dich wachen und dich schützen. Könige werden dich jagen und die wildesten Tiere werden dich zerreißen wollen - aber wenn du unsere Worte in deinem Herzen bewahrst, werden wir immer an deiner Seite sein, um dein Leben zu bewahren.

Und nun Marl, kleiner Jäger von Argus und Sohn von Orben: Schließe deine Augen! Du sollst zurückkehren in die Arme deiner Eltern, die sich um dich sorgen!"

Alles erschien ihm wie ein Traum. Konnte es wirklich so wunderschöne Wesen geben, die mit ihm sprachen?

Noch während er versuchte, über das Erlebte nachzudenken, schlossen sich seine Augen und Marl versank wieder in dem Licht von Güte und Wärme, das ihn zurück in die Wälder von Minat trug.

11. Orben und Marl

Seine Beine wollten den Befehlen des Kopfes nicht mehr gehorchen. Immer wieder brach Orben auf seiner Suche nach Marl zusammen und mühte sich erneut auf. Jede Reserve seiner Kräfte war verbraucht, so dass nur die Liebe zu seinem Sohn Orben aufrecht hielt.

Schon lange konnte er nicht mehr nach Marl rufen. Die Lippen waren ausgetrocknet und die Lunge weigerte sich, Orben weiter mit Atem zu versorgen. Hier also würde er sterben, dachte sich der Jäger, den die Schwere des Todes überkam. Nie wieder würde er seine Jah wiedersehen und nie wieder konnte er seinem Sohn das Anpirschen an den Ghan zeigen.

Was für ein Ende für einen mutigen Jäger der Argos! Orben verließen die Kräfte. Ausgezehrt und den Tod vor Augen, ergab er sich seinem Schicksal.

In dem Augenblick, als sich schon die Schatten der Dunkelheit über seine Sinne legten, glaubte Orben, ein helles Leuchten zu erkennen.

"Kommt ihr mich holen, ihr Geister der Jagd...?"

Irgendetwas außerhalb aller menschlichen Kräfte ließ ihn daran zweifeln, dass die Geister der Jagd seine Seele holten. War es so, wenn die Seele den Körper verließ oder gaukelte ihm sein Verstand eine Hoffnung vor, die es nicht geben konnte? Wenn das so war, verfluchte er die Grausamkeit, mit der ihn sein Verstand quälte.

Unmöglich! Oder konnte es sein, dass er noch im Sterben die Stimme seines Sohnes hörte? Was hatte er getan, dass er diese Qualen durchleben musste?

"Vater! Bei allen Moxx und Ghan - ich dachte, ich wäre tot!"

Nur mühsam ließen die Schatten des Todes von Orben ab. Was sie schon fest in ihrer Hand glaubten, wurde ihnen wieder aus den Händen gerissen.

"Erkennst du mich nicht, Vater? Ich bin es, Marl, dein dummer, dummer Sohn...!"

12. Der Angriff auf Argos

Getrieben von dem Gefühl, wieder mit seinem Sohn vereint zu sein, fand Orben die Kraft, den langen und mühsamen Weg ins Dorf anzutreten. Marl musste seinen Vater oftmals stützen, damit er nicht sein Gleichgewicht verlor. Kleine Beuteltiere und Jakks, die Marl fing, sorgten dafür, dass sie nicht unterwegs an Hunger starben. Eine Wasserquelle, über die Marl fast gestolpert wäre, versorgte beide mit genug Flüssigkeit, um wankend und erschöpft den Rand Argos zu erreichen.

Viel Zeit war mittlerweile vergangen.

Noch lange wurde an den Feuern über die seltsamen Erlebnisse von Orben und Marl gesprochen und für alle Zeiten würde Marls Geschichte von den Feen von Guun in Erinnerung bleiben.

Jah und Lokohn, Orben und Marl und auch alle anderen in Argos waren zu ihrer täglichen Arbeit zurückgekehrt. Die Männer versorgten das Dorf mit Fleisch, die Frauen sorgten sich um Brot und wohlschmeckende Gerichte - und die Jungen vertrieben sich die Zeit damit, den Mädchen nachzustellen und Jakks zu jagen.

Lov´s Söldner gierten nach dem Blut der Argoser. Zweitausend Mann unter der Führung von Zamakk dem Bullen, hatten Befehl, Argos zu nehmen, zu plündern und dem Erdboden gleichzumachen. Zamakk der Bulle peitschte seine Leute an und versprach ihnen reiche Beute:

"Der Herrscher hat es uns überlassen, was mit der Beute passiert, die wir machen. Lov von Midiat will nur die Köpfe der Argoser als Beweis unseres Sieges. Gibt es auch nur einen unter euch, der nicht wild darauf ist, den feigen Argosern zu zeigen, was wir mit ihren Köpfen machen wollen?"

Ein Podest, auf dem Zamakk stand, diente dazu, von allen Söldnern gut gesehen und gehört zu werden. Der riesige Zamakk griff - während er sprach - in einen ledernen Sack und holte mit einem Ruck - einen blutverschmierten Kopf heraus. Er hielt ihn hoch über sich und rief den Männern zu:

"Dieser Argoser hatte die Frechheit, unseren Herrscher zu beleidigen. Er behauptete, dass König Lov keinerlei Rechte hätte, von den Argosern Steuern zu verlangen...

...nun seht, welche Rechte unser Herrscher hat! Und beleidigt ein Argoser den Herrscher, müssen eben alle dafür büßen!"

Grölender Jubel brach unter den wilden Söldner aus. Sie waren das Töten zwar gewohnt, aber auch sie hassten die Argoser, die sich den Befehlen der Söldner nie unterwarfen. Für sie war es nun ein Fest, endlich die Köpfe der Argoser abzuhacken und dem Herrscher zu bringen. Dabei war es ihnen egal, ob Frauen, Kinder oder Männer ihre Opfer waren.

Söldner kannten kein Mitleid. Sie mordeten aus Spaß am Töten und sie taten alles für die Beute, die man ihnen versprach.

"Für den Herrscher! Für Zamakk und für uns selber!" schall es aus tausend blutlüsternen Kehlen und damit begann der Marsch auf Argos.

Der wild zusammengeworfene Haufen von gewissenlosen und grausamen Kriegern hinterließ auf dem Weg nach Argos eine Spur der Verwüstung und Verderbnis. Kleinere Dörfer wurden gebrandschatzt, wahllos erschlug man Frauen und Kinder und machte sich einen Spaß daraus, den Männern Arme und Beine abzuhacken. Getrieben von unmenschlicher Gier wurde alles, was den Söldnern in die Hände fiel, verteilt oder einfach vernichtet. Abgeschnittene Ohren hingen als furchtbare Trophäen an den Hüftgürteln vieler Söldner.

In diesem Blutrausch marschierten die Truppen des Herrschers auf Argos zu. Ohne auf irgendeine Taktik zu achten, verließen sie sich auf die eigene Brutalität und Übermacht im Kampf gegen die Argoser.

Frühzeitig erfuhr der Ältestenrat Argos vom Ansturm der Söldner. Flüchtende aus anderen Dörfern suchten Schutz in Argos und berichteten von den Gräueltaten der heranstürmenden Truppen. Sofort, als die ersten Nachrichten darüber in Argos eintrafen, stellten die Ältesten den Kriegsrat zusammen und beschlossen, dass Orben, der Jäger, die Verteidigung des Dorfes organisieren sollte.

"Dieses Mal ist es kein Überfall, wie die vielen Male zuvor, Orben! Diesmal will Lov unser Leben! Flüchtende haben uns berichtet, dass über zweitausend Söldner Tod und Vernichtung hinterlassen und dass sie nun unser aller Leben auslöschen wollen. Orben! Diese Schlacht wird entscheiden, ob Argos stirbt oder weiterhin unabhängig von Lov´s Schreckensherrschaft ist. Von dir hängt es nun ab, ob wir alle sterben oder aber Lov´s Truppen besiegen können!

Und noch eines, Orben: Viele Männer werden ihr Leben lassen müssen, doch wissen wir, dass die Zeit unseres Endes noch nicht da ist! Von dir hängt es ab, Orben, nur von dir...!"

Viele Male hatte Orben gegen die Söldner kämpfen müssen und immer wieder konnte er mit Geschick und Kraft die Horden Lov´s zurückschlagen. Aber bei einer Übermacht von zweitausend Mann...; wie sollte sich da Argos noch verteidigen können? Natürlich standen immer Wachposten bereit, um jeden Angriff schnell zu melden, aber so sehr Orben auch nachdachte - es blieben ihm nur hundertfünfzig Mann, um das Dorf zu verteidigen und den Angriff der Söldner abzuwehren.

Hundertfünfzig Jäger, die gut im Kampf mit dem Ghan waren und schon Moxxherden gejagt hatten - aber wer sollte sich der Übermacht dieser Mörder stellen?

Orben blieb nichts anderes übrig! Er ließ alle Posten doppelt besetzen und ließ neue Pallisaden aufrichten, um zumindest den ersten Ansturm abwehren zu können. Fallgruben wurden ausgehoben, in die man spitze Pfähle rammte. Wurfgeschosse, mit denen riesige Steinbrocken geschleudert werden konnten, sollten dafür sorgen, zumindest einen kleinen Teil der Söldner zu erschlagen. Sogar die Frauen schleppten Steine zu den Wurfmaschinen und errichteten so einen Vorrat, der möglichst vielen Söldnern das Leben kosten sollte.

Von der Felsseite her war Argos uneinnehmbar. Im Süden machte es der Fluss, der Argos mit Wasser versorgte, den Söldnern schwer, schnell die Pallisaden zu überschreiten, aber im Norden und Westen lagen die Schwachstellen der Verteidigung. Hier würden Lov´s Truppen anrennen, weil sie sich den schnellsten Erfolg sahen...

ENDE Teil I

Diese Geschichte ist uralt. Ich habe sie geschrieben, als ich selbst Fantasyromane verschlungen habe. Mittlerweile fonde ich wieder Spaß an Fantasy - und überlege, ob ich sie weiterschreibe. Wie sieht`s aus? Soll sie weitergehen... oder soll ich lieber beim Jenre Satire bleiben?Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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