Hans-Jürgen Rüstau

Weihnachten und der hinterhältige Computer (5)




Mit Weihnachten war auch der langersehnte Schnee über unsere Stadt gefallen und ich hatte gestern Anka angerufen, um sie für heute einzuladen.
Wir hatten uns schon ein paar Tage nicht gesehen und musste sehr viel an sie denken...

Immer, wenn Schnee fällt muss ich an dich denken.
Denken an eine wunderschöne Nacht,
erfüllter Träume und erweckter Leidenschaft.
Von uns gänzlich unbemerkt fiel der erste Schnee des Jahres.
Er deckte alles zu.
In gewissem Sinne auch uns.
Als der Tag zu erwachen begann, wir unsere Augen öffneten
standen wir minutenlang eng umschlungen am Fenster,
bestaunten diese weise Pracht.
Schnell war dieser Schnee von den Straßen verschwunden,
genauso wie uns der Alltag verschlang.
Dein Bild in meinem Herzen war mit dem Schnee getaut.
Aber immer, wenn es schneit muss ich an dich denken.
Ein Lächeln überzieht mein Gesicht,
erwärmt mein Herz.
Ich glaube,
diese Wärme lässt dein Bild im Schnee entstehen.
Heute hat es wieder geschneit.
Ich weiß,
heute werde ich dich auf jedem Fall anrufen.
Der Schnee hat die Erinnerung an dich erweckt.
Liebe und Leidenschaft.
Dieses reine Weiß bringt es an den Tag.

Es war wie gesagt Weihnachten.
Ich hatte mir selbst einen Computer geschenkt, um meine Gedanken
besser in eine bestimmte Schriftform zu bringen.
Nach und nach gelang mir das immer besser.
Aber Computer sind schon komische Dinger.
Manchmal sind sie regelrecht hinterhältig und entfalten ein enormes Eigenleben.
Es wird immer behauptet PCs sind nur so schlau wie ihre Benutzer.
Wenn dem so wäre, dann ist der meinige eine absolute Null, natürlich rein informatisch gesehen.
Ich wurde aber eines Besseren belehrt. Mein Computer strotzte vor Intelligenz, mit der er mich immer wieder vor unlösbare Probleme stellte.
Da ich wieder angefangen hatte zu schreiben, brachte ich den gesamten Tag vor dem Computer zu.
Ich saß also gedankenverquollen vor meinem Rechner und versuchte schwerfällig den Titel meines neuen Gedichtes, „Mein letzter Tag“, in die Tastatur zu hämmern.
Und siehe da, der letzte Tag passte ihm nicht, er stellte sich quer, fuhr sich fest.
Ich konnte jetzt machen, was ich wollte, drückte alle Tasten.
Nichts passierte!
Meine Geheimwaffe kam zum Einsatz, meine magische Tastenkombination Strg + Alt + Entf und wieder nichts.
Es folgte ein Wutanfall, in dem ich ihn auf die übelste Weise beschimpfte.
Er ließ sich nicht beeindrucken.
Er blieb standhaft und festgefahren.
Mein Herz rast, mein Kopf qualmt und ich überlege, den mir technisch überlegenen Feind einfach aus dem Fenster zu werfen. Aber ich weiß, Computer sind doch auch nur Menschen und ich beginne den Kampf gegen den übermenschlichen Gegner namens PC.

Ich würdige ihm keines Blickes mehr, hintergehe ihn und kappe einfach die Stromverbindung indem ich den Netzstecker ziehe.
Er geht aus.
Ein triumphierendes Lächeln überzieht mein Gesicht. Das Lachen meines Mundes stellt einen körperlichen Kontakt zu den Ohren her. Der glückliche Moment hielt nur kurzzeitig an.
Ich versuchte den PC wieder hochzufahren.
Doch anstatt des gewohnten blauen Bildschirms, nur gähnende schwarze Leere.
System-Error!
Ich verspielte gerade meine letzten Gehirnzellen und versuche mich dann mutig an der Systemsteuerung zu pfuschen.
Es war gerade so, als würde ein Veterinär einen Menschen operieren.
Ich lösche hier, ich lösche dort und hatte das Gefühl, dass ich dieses Spiel gewinne und ich schwur mir, nur noch einmal neu zu starten.
Nach weiteren neun Anläufen hatte ich ihn dann soweit, dass er wieder vollkommen rund lief, nur meine eingegebenen Daten waren verschluckt und weg.
In dieser Schaffensphase klingelt es an der Tür.
Ich rannte mit wehenden Haaren zu dieser und öffnete.
Da stand sie vor mir und blinzelte mich mit ihren großen Augen an.
Anka.
Tachschen, begrüßte sie mich in ihrer altbekannten Fröhlichkeit.
Sofort fuhren ihre Blicke Slalom durch meine neue Wohnung.
Schön hast du es hier, gefällt mir.

Sie fühlte sich sofort heimisch und setzte sich auch gleich vor den Computer an dem ich gerade noch meinen Frust abreagieren wollte.
Sie hatte noch keinen PC, konnte also noch weniger als ich damit umgehen.
Ich wollte ihr auch nicht mein ganzes Dilemma mit meinem Computer erzählen und so tat ich großspurig mein Wissen an die Frau bringen.
Zuvor aber Anka, das ist aber ein kleiner Fernseher bei dir am Computer. Das ist kein Fernseher, das ist ein Monitor, erklärte ich ihr geduldig.
Monitor ist doch eine Fernsehsendung.
Habe ich schon gesehen, entgegnete Anka.
Ich seufzte hörbar in mich hinein und versuchte dann anschließend mein geballtes, aber dennoch dürftiges Computerwissen an die Frau zu bringen.
Bewege mal die Maus forderte ich sie im Oberlehrerton auf.
Sie schaute mich aus ihren zusammengekniffenen Augen an und sagte, na gut.
Stand auf und bewegte verführerisch ihre Hüften.
Nein, nicht doch rief ich und dachte mir, gar nicht so übel.
Ich wurde aber sofort wieder ernst und sagte, sie liegt doch vor dir auf ihrem Mousepad, schau doch mal, hier und ich bewegte die Maus. Anka staunte, dass sich die Bewegungen auf dem Monitor wiederspiegelten und sagte nur – einfach toll!
Ich fing an, in meinen eigenen Dateien nach einem Gedicht, welches ich gestern geschrieben hatte zu suchen
Schau doch bitte mal Anka, ich habe schon ein Weihnachtsgedicht geschrieben...

Nun beginnt die Weihnachtszeit.
Menschen zum Konsum bereit.
Tausende Geschenke nicht gewünscht.
Ideenlosigkeiten übertüncht.

Geschenke welche man nicht kaufen kann.
Vertrauen und Liebe
bringt uns nicht der Weihnachtsmann.
Geschenke groß und übelst schwer.
Weniger ist oft mehr.

Nachdenklich durch diese Tage schreiten.
Menschen einfach Freud’ bereiten.
An andere denken dann und wann.
Nächstenliebe nicht nur unter dem Kirchenbann.

Besinnlichkeit in dieser Zeit.
Ja wir sind dazu bereit.
Nun beginnen die schönen Tage.
Familie und Gemütlichkeit stehen außer Frage.


Das ist aber schön.
Könnte in den Grundgedanken direkt von mir stammen.
Schenkst du mir dieses Gedicht zu Weihnachten, fragte Anka?
Es ist für dich!
An diesem Abend saßen wir noch sehr lange vor dem Computer und ich glaube, er schaute uns ein wenig seltsam zu und plötzlich fuhr er sich von ganz allein runter und schaltete das System ab.
Computer sind schon komische Menschen, dachte ich.
Ich löschte nun auch im Zimmer das Licht. Nur der Weihnachtsbaum spendete ein wenig Licht für den Raum.
Neben mir hörte ich Ankas Atem, welcher immer schneller wurde....
Anka, das Weihnachtsgeschenk, dachte ich mir und fing an, es auszupacken.
Eine schöne Bescherung.


© by hajürü

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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