Kerstin Böhm

Liebe rostet nicht



Es schien wieder ein warmer Tag zu werden. Die Vögel zwitscherten schon eifrig in den Bäumen vor dem Haus und die ersten Sonnenstrahlen hüllten den Balkon in ein weiches Licht. Auf Hertas schmale Lippen stahl sich unwillkürlich ein Lächeln, das sie für einen kurzen Moment mit sich und der Welt versöhnte. Mit einem kleinen Stoßseufzer trat die kleine rundliche Frau wieder in ihre Küche. Fast unbemerkt kullerten ihr ein paar Tränen unter der Brille hindurch, bevor sie sich durch ihren salzigen Geschmack verrieten. Mit einer gewohnten Geste zog Herta ihr Taschentuch aus der Schürze, ging zum Spiegel, der über dem weißen Porzellanwaschbecken hing und trocknete sich die Augen. Versonnen starrte Herta ihr Spiegelbild an. Sie fuhr sich mit den dicken Fingern, an denen die Ringe schon fast eingewachsen schienen, durch ihr weißes gelocktes Haar. Zärtlich berührte Herta ihre goldenen Ohrhänger mit dem blauen Stein. …Und da war es wieder! Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen und verlieh für einen Moment ihrem vom Alter und Schmerz gezeichneten Gesicht jene Schönheit, in die sich Viktor einst verliebt hatte.

So in Gedanken versunken, riss sie das unaufhörliche Summen des Eierkochers in die Wirklichkeit zurück. Schnell wusch die kleine Frau ihr heißes Gesicht mit kaltem Wasser ab, bevor sie mit geschickten Händen die Eier abschreckte. Mit einer Schnelligkeit, die man der alten Dame gar nicht zutraute, hatte sie ihr Frühstücksgeschirr auf ein hölzernes Tablett mit Tragegriff gepackt. Jetzt zog sie ihre blau-weiß gepunktete Kittelschürze aus und richtete sich ihr dunkelgraues Kleid, das überall etwas zu kneifen schien. Sie schlüpfte sogar aus ihren schon etwas ausgetretenen Pantoffeln, um ihre Füße in die weißen Sandalen mit dem hohen Absatz zu zwängen. Erst als Herta mit ihrem Äußeren zufrieden war, stieg sie auf den Balkon hinaus und deckte für zwei Personen den Frühstückstisch.

Sie rückte sich die schwere gusseiserne Sitzgarnitur zurecht und nahm auf dem linken Stuhl Platz. Zum rechten Gedeck stellte Herta ein gold eingerahmtes Foto. Darauf war ein gepflegt aussehender Mann mit einem markanten knochigen Gesicht zu sehen. Seine dunklen Haare waren ordentlich gescheitelt und ein verschmitztes fast bubenhaftes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Ist es nicht ein herrlicher Tag, Viktor?“ Herta wandte sich dem Foto zu. „So friedlich.“ Behutsam strich sie mit leicht zittrigen Fingern über das Gesicht des Mannes und fügte leise hinzu: „Ach Viktor, du fehlst mir so!“
Gerade als Herta sich ein Marmeladenbrötchen schmierte, hörte sie ihren Namen rufen. „Guten Morgen Herta, meine Liebe.“ Sie schaute von ihrem Teller auf und blickte zum Zaun hinüber. Dort stand Luise, ihre Freundin aus Kindheitstagen und jetzige Nachbarin, und winkte ihr fröhlich zu. Sie war wie immer adrett gekleidet und hatte ihr langes Haar zu einem hübschen Dutt hochgesteckt. Obwohl Herta und Luise gleichwohl auf die siebzig zugingen, wirkte Luise doch um Jahre jünger. Vielleicht lag es daran, dass sie sich ihr Haar blond färben ließ, jede Woche zur Kosmetikerin ging und ihre Figur noch immer so schlank war, wie vor fünfzig Jahren. „Oh, Luise, guten Morgen. Möchtest Du auf eine Tasse Kaffee herüberkommen?“ In Hertas Gesicht schien alles Bittere und Schwere der letzten Jahre abzufallen und die Unbefangenheit ihrer Jugend spiegelte sich plötzlich darin wider. „Dankeschön, meine Süsse, ich komme gern. Bis gleich“, rief Luise zurück. Das Herz schlug Herta plötzlich bis zum Hals. Sie sah Luise bewundernd und auch ein bisschen neidisch nach, bis diese in der vornehmen Villa verschwand.

Es dauerte nicht lang und der Summer der Fernsprechanlage ertönte. „Komm nur rauf, Luise“, räusperte sich Herta etwas verlegen. Schnell lief sie ins Bad und legte etwas Parfüm auf, als es schon an die Tür klopfte. Mit pochendem Herzen öffnete Herta die knarrende Wohnungstür. Und ehe sie sich versah, fiel ihr Luise schon in die Arme. „Meine liebe Herta…das uns das Schicksal noch einmal so zusammenführt.“ Mühsam versuchte sie ihre Tränen zurückzuhalten, „ich habe dich die vielen Jahre nicht vergessen. So oft habe ich an dich gedacht.“ Herta strich ihr liebevoll über das Haar und hielt sie fest, ganz fest. „Gehen wir auf den Balkon hinaus, Lu. Von dort sehe ich dich immer, wenn du dich mit deinem Mann in den Liegestühlen sonnst. Es sieht so romantisch aus… die Stühle so dicht beieinander, dass sich die Armlehnen berühren.“ Etwas wehmütig nahm Herta die Hand ihrer Freundin und führte sie hinaus.
„Was für eine schöne Sicht du hier hast“, schwärmte Luise.
„Ja, ich sehe hier euer Haus, den herrlichen Garten mit den alten Linden, die bunten Dahlien, die sich um die Wette am Holzzaun lang recken …und dich, wenn du mit deinem Mann in den Liegestühlen zu einer Einheit verschmolzen sein scheinst.“ Erschrocken über den traurigen Klang ihrer eigenen Worte, legte Herta schnell ihre kräftigen Arme um die zierliche Luise.
„Entschuldige bitte, ich freu mich für dich, Luise. Das musst du mir glauben. …und ich bin dir sehr dankbar, dass du mir diese hübsche kleine Wohnung hier vermittelt hast. Ich bin zwar erst vor zwei Wochen eingezogen, aber ich habe mich gleich heimisch gefühlt.“
„Ach, meine Liebe, wie kann ich dir etwas übel nehmen?“ Luise warf Herta ein strahlendes Lächeln entgegen. „Aber wo bleibt denn nun der Kaffee?“
Ein bisschen durcheinander schreckte Herta auf. „Oh Gott, wie dumm von mir.“ Sie schenkte den Kaffee aus und ihr Blick blieb an Luise hängen. „Auf dem Foto vor dir, das ist Viktor.“
„Was für ein einprägsames Gesicht“, entgegnete Luise und studierte das Bild näher.
„Wir waren fast dreißig Jahre zusammen, haben aber nie geheiratet. Schließlich war er siebzehn Jahre älter wie ich.“
„Hast du … ihn geliebt?“ Luise versuchte das leise Schwanken ihrer Stimme zu verbergen.
„Ich habe ihn geliebt wie einen Vater. Er beschützte mich, trug mich auf Händen und …ich schlief mit ihm, weil ich glaubte, es ihm schuldig zu sein.“ Herta schaute beschämt zu Boden. „Aber das habe ich ihn nie spüren lassen.“
„Weißt du, Herta, ich habe nur geheiratet, weil meine Eltern mich gezwungen haben. …damals, als sie mich mit dir in meinem Bett erwischten. Den passenden Mann hatten sie schnell gefunden. Hermann Boisenberg, gut aussehend, angehender Bankdirektor, vermögend.“ Luises Hand zitterte, als sie die Kaffeetasse ansetzte.

„Wie ich später herausfand, hatte mein Vater deinen Eltern eine stolze Summe Geld gegeben, damit ihr aus Bernbach wegzieht und ich somit jeden Kontakt zu dir verliere.“ Luise verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Was ja auch geklappt hat.“
„Mein Gott, Lu, soviel Jahre mit einem Menschen zusammenleben, den man nicht liebt! Ihr seht von hier oben immer so …so harmonisch aus. Warum hast du dich später nicht scheiden lassen?“
„Du kennst Hermann nicht. Mein ganzes Eheleben war eine Farce. Er hat befohlen, ich habe gehorcht. Nach außen musste unsere Ehe immer beeindruckend aussehen. Hinter geschlossenen Türen war es die Hölle.“ Luise atmet tief durch. „Er nahm mich, wann und wie es ihm gefiel. Oft hatte er noch kleine Freundinnen, die er manchmal sogar zu uns einlud.“ Bei diesen Worten liefen doch die Tränen über das noch so schöne Gesicht. Herta reichte ihr ein Papiertaschentuch, was Luise dankbar annahm. Dann erzählte sie weiter. „Eine Scheidung hätte Hermann nie akzeptiert, es hätte seinem Ansehen geschadet. Und wäre ich einfach weggelaufen, hätte er mich gefunden und so umbringen lassen, dass es wie ein Unfall ausgesehen hätte. Er hatte überall seine Leute.“ Luise blickte Herta fest in die Augen und ihre Stimme wurde stark. „ Irgendwann habe ich resigniert, Herta. Aber ich habe einen Sohn bekommen. Markus. Er war mein Halt, die ganzen langen Jahre. Inzwischen hat er selbst eine Familie und wohnt in der Schweiz, so dass ich ihn nicht mehr so oft sehe. …und dann habe ich die Todesanzeige von Viktor in der Zeitung gelesen, mit deinem Namen darunter. Ich konnte es kaum glauben und ich hatte Angst, dass es vielleicht doch jemand ganz anderes ist.“
„Ich habe die Annonce bundesweit aufgegeben, weil ich wusste, dass er überall Freunde und Bekannte hatte.“ Herta wurde es warm ums Herz. Sie stand auf und umarmte Luise. „Ich liebe dich doch immer noch, meine kleine Lu“, flüsterte Herta ihr ins Ohr.
„Wie wäre es dann, wenn du bei mir einziehst?“ Luise blickte Herta fragend an.
„Aber, da ist doch dein Mann! Ich kann doch nicht …“


„Nein, meine starke Herta. Es gibt keinen Herr Boisenberg mehr, er ist heute morgen um vier Uhr dreißig verstorben. Laut dem Doktor an Herzversagen.“ Luise strahlte. „Nun freu dich doch mal, Herta, ich bin frei und darf endlich das Leben leben, was ich mir immer gewünscht habe….ein Leben mit dir.“ Überglücklich fiel sie Herta um den Hals. Herta fehlten die Worte, ihre Freude auszudrücken. Sie konnte es nicht fassen. Die letzten Jahre ihres Lebens mit der Liebe ihres Lebens verbringen zu dürfen.
„Ich hole uns eine Flasche Sekt und dann stoßen wir auf unsere Liebe an.“ Herta drückte ihrer geliebten Lu einen dicken Kuss auf den Mund und eilte in die Küche.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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