Hans Pürstner

Das stille Örtchen

Der Gang zu jenem Ort, den bekanntlich selbst der Kaiser zu Fuß aufsuchte, war in meiner Kindheit seit jeher mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden. Unsere komfortable Zimmer-Küche Wohnung (mit fließend Kaltwasser ausgestattet) befand sich nämlich im ersten Stock, während das besagte Örtchen bedauerlicherweise in Parterre lag.
Ließ sich der Gang nach unten absolut nicht länger hinauszögern, dann war das ganze immer wieder wie ein Lotteriespiel. Ob man dasjenige, unten angelangt, auch in dem Zustand antreffen würde, in dem es einem in der höchsten Not sofort Linderung verschaffen würde. Leider war dem oft nicht so, zumal nebenan Frau Pilz, unsere ansonsten heiß geliebte “Tante Pültzi“ wohnte. Ihr Mann, von Beruf Zahnarzt, ging seinem Gewerbe weit weg von Graz nach und kam nur am Wochenende nach Hause. So brauchte sie nicht viel mehr tun als für sich selbst zu sorgen und die übrige Zeit auf der Couch mit dem Lesen von Groschen-Romanen zu verbringen. Und wenn sich dann auch bei ihr mal die Verdauung meldete, war der Weg ja nicht weit. Schwups, Tür zu und schon war besetzt. Meistens gerade dann, wenn einer von uns den beschwerlichen, doch (manchmal sehr) dringenden Weg nach unten angetreten hatte. Gar nicht auszudenken, wenn mal jemand die Sch.....ei bekam! Da wurde man sofort zum frommsten aller Katholiken in der ganzen Strasse, schickte Litaneien von Stoßgebeten zum Himmel, aber zumindest einmal verfehlten selbst diese ihre Wirkung. Na, ja, wir wollen kein weiteres Wort darüber verlieren.
Auf jeden Fall träumten wir schon damals von einer neuen Wohnung, eigentlich mehr noch von einer eigenen Toilette. Bis zur Erfüllung dieses Wunsches sollten allerdings noch einige Jahre ins Land ziehen. So stapfte ich eben jeden Morgen ohne ausgiebigen Besuch besagten Örtchens zur Schule, die sich unglücklicherweise auf dem anderen Flussufer befand. Natürlich auch noch genau in der Mitte des Schulwegs zwischen zwei Brücken. Und dort kam es, wie es kommen musste, genau auf der Hälfte der Strecke und in maximaler Entfernung zum nächsten rettenden Örtchen fing mein Magen regelmäßig an zu grummeln.
Wie schon vorhin erwähnt, das Beten hab ich gelernt als Kind, besser als so mancher Ordensbruder. Einmal hatte ich es wieder besonders eilig, die Schule zu erreichen, da stolperte ich und fiel hin. Schimpfend rappelte ich mich wieder auf, zog die Hosenträger meiner geliebten Lederhose stramm und legte die letzten Meter bis zum rettenden Schulgebäude zurück. Wo dann, wie durch ein Wunder, jedwedes Magendrücken oder Ähnliches verschwunden war. Doch kaum hatte die Schulglocke die erste Stunde eingeläutet, meldete sich einer der Schüler aufgeregt mit erhobener Hand:
“Frau Lehrerin, der Pürstner stinkt!“

Sofort wurde die ganze Klasse von kollektiver Übelkeit befallen, viele hielten sich empört die Nase zu und einige schauten, gelbgrün im Gesicht, sehnsüchtig nach dem noch geschlossenen Fenster. Nur ich wollte mich am liebsten unter der Schulbank verkriechen. Erst jetzt stellte ich zu meinem großen Entsetzen fest, dass ich vorhin bei meinem Sturz in ein Hundstrümmerl gefallen war und dies wegen der schützenden Lederhose gar nicht bemerkt hatte.
“Also Hansi!“rief die gestrenge Lehrerin “Jetzt geh schon raus und putz dich ab!“,
„Aber es ist nur vom Hund!“ beteuerte ich kleinlaut, ohne große Hoffnung, dass man mir glauben würde und schlich mit hochrotem Kopf von dannen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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