Eva-Maria Herrmann

Frosch oder Delfin? oder Meine erste Tauchstunde

Bei meiner ersten Tauchstunde habe ich mich gefragt, ob aus mir zappelndem Frosch wohl jemals ein eleganter Delfin werden würde?
Die Schwierigkeiten begannen schon damit in den Tauchanzug zu steigen.
Steigen?
Wohl eher hineinklemmen!
Ich dachte immer Strumpfhosen wären das schwierigste Kleidungsstück, aber dieses Teil übertrifft alles.
Langsam, Stück für Stück, ziehe ich mir die millimeterdicke Neoprenschicht über die Haut, dabei hüpfe ich wie ein Gummiball auf und nieder, da ich ständig das Gefühl habe, der Schritt würde mir zwischen den Knien hängen.
Die Schuhe anzuziehen, das ist dann eine leichte Aufgabe.
Und nun den Reißverschluss schließen.
Wo war der doch gleich?
Ach ja! Hinten! Nur wie kommt man da ran?
Irgendwo hing doch da eine Schnur, wenn man die erwischt, dann kann man mit einigen Verrenkungen den Reißverschluss schließen.
Eigenartig, dass der Reißverschluss bei so einem Anzug innen liegt, wo ist da die Logik?
Was heißt das, ich habe den Anzug verkehrt herum an? Reißverschluss nach vorne?
Nach außen! Mann, wie peinlich!
Also wieder herausschälen, dabei dreht sich der Anzug von ganz alleine um, das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, weshalb er verkehrt herum ausgegeben wird.
Und wieder hineinhüpfen und Reißverschluss schließen!
Kaum habe ich das geschafft, fühle ich mich wie in einen Schraubstock gezwängt, unfähig mich zu bewegen.
Wie ein Pinguin an Land sehe ich aus!
Während ich steif auf meinen Tauchlehrer zuwatschle, tröstet er mich, dass sich der Anzug im Wasser wieder etwas ausdehnen würde.
Wäre ich nur schon drin!
Anschließend belädt er mich mit meiner Ausrüstung.
Schnorchel, Taucherbrille, Flossen, Tarierweste, Atemluftflasche und einen Gurt mit 6 Kilo Blei.
Gleich breche ich zusammen!
"Alles klar?" Fragt er mich.
"Logisch!" Antworte ich.
Schließlich will man ja nicht schon am Anfang schlapp machen.
Was ist eine Mischung aus Pinguin und Packesel?
Ein Taucher an Land!
Tapfer schleppe ich mein Equipment Richtung Tauchbecken, mit der Gewissheit, dass im Wasser Alles leichter werden würde.
Nach ein paar Schnorchelübungen, bei denen ich so viel Wasser geschluckt habe, dass ich wohl mittlerweile ohne Blei ins Wasser sinken werde, lege ich meine komplette Tauchausrüstung an. Mit der Flasche und dem Bleigurt auf dem Rücken, grenzt es an ein Wunder, dass ich nicht nach hinten kippe und wie ein Käfer auf dem Rücken mit allen vieren in der Luft, zapple.
Aber nun ab ins Wasser!
Zuerst soll ich mich an ein Gitter, so zwei Meter unter der Wasseroberfläche, hängen.
Brille auf, Flossen an und mit einem Riesenschritt voraus plumpse ins Wasser.
Na bitte, hat ja prima geklappt, ohne mit den Flossen irgendwo hängen geblieben zu sein.
Aber noch treibe ich auf der Oberfläche.
Mein Tauchlehrer gibt das Zeichen zum Abtauchen und so lasse ich vorsichtig etwas Luft aus meiner Tarierweste.
Und da passiert es!
Was mir an Land erspart geblieben ist - wie ein Käfer auf dem Rücken zu zappeln - hier im Wasser bleibe ich nicht davon verschont. Während die Atemflasche und das Blei meinen Allerwertesten in Richtung Beckengrund ziehen, sind sich mein Kopf und meine Füße darin einig, nicht zu folgen. Also fange ich an, mit allen vieren zu zappeln, um mich auf den Bauch zu drehen.
Und endlich gelingt es mir auch.
Mit einer Hand schaffe ich es noch, das Gitter zu greifen und mich nach unten zu ziehen.
Mein Tauchlehrer zeigt mir das OK?-Zeichen und ich mache das OK!-Zeichen zurück.
An Peinlichkeit ist noch keiner gestorben.
Dann lerne ich meine Tarierweste richtig zu gebrauchen.
Luft rein - es geht nach oben.
Luft raus - es geht nach unten.
Na also, ist doch ganz leicht!
Luft rein - es geht rauf...
...Halt, Halt, Halt!
Und schon bin ich wieder an der Oberfläche.
Mist, jetzt muss ich mich wieder nach unten zappeln.
Luft raus - und oh Wunder, es geht auch ohne zappeln nach unten.
Wir lassen uns also zum Grund hinunter.
Autsch, mein Ohr!
Achja, Druckausgleich nicht vergessen!
Rauf und runter, rauf und runter, das macht ja richtig Spaß.
Mit dem richtigen Ein- und Ausatmen funktioniert das auch!
Ich spüre das Gewicht auf meinem Rücken nicht mehr, ich spüre die Enge in meinem Anzug nicht mehr, die Flossen scheinen mit meinen Füßen eine Einheit zu bilden und der Druckausgleich klappt auch prima.
Die Zeit vergeht wie im Flug, ich könnte ewig hier unten bleiben und den Blubberbläschen zusehen, die um mich herum aufsteigen, wenn ich nicht langsam vor Kälte bibbern würde.
Da unter Wasser nur über Zeichensprache kommuniziert wird, muss ich jetzt irgendwie meinem Begleiter klar machen, dass mich friert.
Scharade? Hab ich doch schon immer gern gespielt!
Ich überlege kurz, kreuze dann die Arme und reibe mit den Händen meine Oberarme.
Könnte man auch als "Ich hab dich lieb" interpretieren, wenn er mich jetzt in die Arme nimmt, habe ich mich falsch ausgedrückt.
Aber nein, er zeigt mir: "Alles okay?"
Und ich wackle mit der Hand : "Nicht so ganz!" und mache noch mal das "Mich-friert-Zeichen". Und deute, dass ich auftauchen möchte.
Er gibt mir das Okay zum Auftauchen und langsam lasse ich mich an die Oberfläche treiben.
Nur schnell raus aus dem Wasser.
Pustekuchen!
Ich lerne, man steigt nicht einfach mit voller Montur aus dem Wasser!
Auch nicht ausnahmsweise, nur weil man vor lauter Zittern schon meterhohe Wellen schlägt.
Immer die Ruhe bewahren, die Tarierweste und den Bleigurt im Wasser abnehmen und dem an Land oder auf dem Boot wartenden Begleitpersonal aushändigen.
Okay, frieren einstellen und Tarierweste öffnen, schließlich will ich ja alles richtig machen, auch wenn's mich für eine Sekunde gejuckt hätte, meinem Tauchlehrer den Hals umzudrehen.
Aber er hat ja recht, wenn ich jetzt schon wegen einer leichten Unterkühlung in Panik gerate, wie soll ich dann den Gefahren trotzen, die mich in offenen Gewässern erwartet?
Hai unter mir, Wale neben mir, sechs Meter hohe Wellen... okay, ich übertreibe.
Also, wo ist dieser dämliche Verschluss?
Gefunden!
Aber ich kriege ihn nicht auf!
Ich treibe hier auf dem Wasser und versuche mit meinen klammen Fingern diesen Schnappverschluss zu betätigen und irgendwie fehlt mir die Kraft oder die Zielgenauigkeit oder einfach nur die Ruhe.
Endlich, zwei abgebrochene Fingernägel später (wozu müssen die auch so lang sein?), habe ich es geschafft, alles ordnungsgemäß abgegeben und hieve mich aus dem Wasser.
Mein Tauchlehrer klopft mir auf die Schuler und lobt mich, wie toll es für das Erstemal ging.
Und sofort bin ich wieder versöhnt.
Ich habe es geschafft, ich kann tauchen!
Naja, zumindest sehe ich nicht mehr aus, wie ein zappelnder Frosch!
Aber bis zum Delfin ist's noch ein langer Weg.

Der Tauchlehrer ist übrigens ein Bekannter von mir.
Im Falle, dass du dies liest Mani, verzeih mir, dass ich dir den Hals umdrehen wollte *grinz*
Eva-Maria Herrmann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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