Melanie Landen

Sheeba - Ein Leben für die Katz

Keiner weiß, wann genau, oder wo ich geboren wurde. Jedenfalls wurde ich im Oktober 95 von netten Tierfreunden in einer Plastiktüte in einem Baum hängend gefunden. Was ich weiß, ist das ich eine Supermami gehabt habe. Denn ich war penibelst sauber. Und sehr selbstbewusst.

Im Tierheim, in meinem Käfig, schlabberte ich meinen geliebten Magerquark, als zwei Menschen mit der netten Katzendame den Raum betraten. Verachtend sah ich auf die Meute Katzenkinder, die sich an den Hosenbeinen der Menschen hochzogen, die ihnen immer wieder um die Füße wuselten. Und ich schlabberte weiter meinen Quark. Die Menschen aus dem Augenwinkel beobachtend. Leise hoffend. Denn da war etwas. Ein kleiner Funke. Der mir sagte, das das die Menschen wären, die ICH mir aussuchen würde. Aber sie suchten eine Katze. Wollten nicht gefunden werden. Und gegen den lebhaften Haufen auf dem Boden des Hauses hatte ich keine Chance.

Dachte ich. Denn die Menschin wollte MICH... ja, ihr habt richtig gehört. MICH. Keine andere Katze sollte mit ihr nach Hause kommen. Nur ICH. Mann, war ich stolz. Und zufrieden. Meine Art wegzusehen war die richtige Entscheidung gewesen. Und stolz legte ich mich in den Transportkorb, der mit einem Kissen weich gepolstert war. Und ich dachte. Ja, da werde ich es gut haben. Die beiden mögen Katzen. Und ich erzählte ihnen, wie froh ich war, dass sie mich mitnahmen. Wie schrecklich dieses Tierheim war. Und dankte ihnen immer wieder, auf der Fahrt in mein neues Zuhause, dass sie mich dort herausnahmen.

In meinem neuen Zuhause angekommen wurde die Tür der Box geöffnet, und sofort sah ich, was meine Nase mir schon beim Betreten der Wohnung mitgeteilt hatte. Zwei neugierige Katzen standen vor der Box. Streckten mir ihre neugierigen Nasen entgegen. Na gut, wollen wir doch mal sehen, wer hier in Zukunft das Sagen haben wird, dachte ich mir, und ging – hocherhobenen Kopfes und hocherhobenen Schwanzes – durch die kleine Öffnung. Gab zuerst dem schwarzen Kater, dann der weißen Katze eine Backpfeife. Mann, die Gesichter hättet ihr sehen müssen. Zum totlachen...

Nach dieser Demonstration erkundete ich die Wohnung. Schön war sie. Gross und Katzengerecht. Mit Kratzbäumen, einer eigenen Toilette – das ist sehr wichtig, wisst ihr? – und weichem, niedrigen Teppich unter meinen sanften Pfoten. Und hey, da war auch das Schlafzimmer der Menschen. Ich konnte es riechen. Konnte riechen, dass die beiden anderen Katzen dort nachts mit im Bett lagen. Wow, ein wirkliches Katzenparadies. Auch das, von den Menschen ausgewählte, Futter war hervorragend, und ich machte mich erst einmal daran, den Napf zu leeren. Die beiden anderen neugierigen Katzen, stellten sich mir jetzt als Jimmy und Kimba vor. Meine Menschen hatten sich im Auto überlegt, dass ich Sheeba heißen sollte, und ich war so begeistert von diesem Namen, dass ich meinen neuen Freunden diesen sofort mitteilte. Denn das waren wir schnell. Wir passten super zusammen. Die beiden Menschen, die beiden Katzen und ich. Wir drei stellten jeden Tag aufs neue Unsinn an. Doch unsere Menschen lachten nur darüber. Und kraulten uns. Und ließen uns nachts in ihrem Bett schlafen.

Doch nachdem ich ein paar Tage da war, stellte sich heraus, dass die weiße Katze an Katzenschnupfen litt. Ich entschuldigte mich, denn ich wusste, dass ich sie damit angesteckt hatte. Sie litt. Doch unsere Menschen packten uns zwei zusammen in den Transportkorb und brachten uns zu einem Tierarzt. Zum Glück war die Dicke schnell wieder auf dem Damm. Bei mir kam der Schnupfen erst gar nicht zum Vorschein. So gingen die Tage und Nächte dahin. Tagsüber, wenn unsere Menschen nicht da waren, tobten wir drei durch die Wohnung. Rutschten mit der Satinbettwäsche über das Bett. Spielten. Und abends ließen wir uns kraulen. Es war ein schönes Leben, dort in dieser Wohnung.

Bis eines Tages...

Man uns unsere Möbel nahm, unseren Kratzbaum, zuletzt unsere Toilette und uns. Ein paar Tage vorher war ich kastriert worden. Mein Gott, die Narbe tat noch weh, und jetzt? Was geschah?

Gemeinsam mit unseren Menschen zogen wir in ein neues Revier. Hah, und ich dachte schon, unsere Menschen wollten uns loswerden. Was für ein Glück. Sie nahmen uns mit. In eine größere Wohnung. Dort konnten wir direkt vom Küchenfenster auf die Wiese schauen. Herrlich zuzusehen, wie die Maulwürfe nachts ihre Hügel anlegten. Wie die Mäuse im Garten auf und ab sprangen. Doch eines Tages wurde uns der Zugang zu einem Zimmer verwehrt. Meine Menschin hatte einen sehr dicken Bauch bekommen, in welchem ich einen weiteren Herzschlag spürte. Sollte sie Junge bekommen? So wie Kimba vor einem Sommer? Das wäre ja was. Dann müssten wir bestimmt gehen. Ich hatte schon andere Katzen darüber sprechen hören. Nachts schlief ich auf dem Bauch meiner Menschin. Wollte ihr zeigen, dass ich auch ein Junges akzeptieren würde. Und ich denke, sie verstand, denn sie kraulte zärtlich meine Ohren, und ihre leisen Worte waren Musik in meinen Öhrchen. Sie sagte, dass nichts und niemand uns je trennen könne. Sie hätte die Verantwortung (was auch immer das ist!) für uns übernommen. Im Leben, beim Sterben und im Tod... Weiß ich, was das bedeutete? Nein, ich wusste es nicht.

Aber ich verletzte mich schwer an meinem Hals. Es juckte, und ich kratzte. Das Blut lief an meinem schönen, grau-getigerten Fell hinab.
Mitten in der Nacht fuhr meine Menschin mit mir zum nächsten Tierarzt. Und der gab mir Spritzen, buuuah, ich hasse Spritzen. Und er packte vorsichtig eine Salbe auf die Wunde, und streichelte mich beruhigend. Und ich verstand. Auch dieser Mensch will mir nichts böses. Sondern mir helfen.

Wieder packten meine Menschen ihre Sachen. Wieder ging es in ein neues Revier. Dieses Mal hatten wir Katzen keine Angst. Wir wussten sie würden uns mitnehmen. Und so war es auch. Das neue Revier war noch schöner. Wir durften nicht mehr nur rausschauen. Wir durften draussen im Gras tollen und spielen. Wir durften raus... Und wir gingen, oh ja, wir liefen draussen im Gras umher, und spielten Verstecken in den Büschen. Zumindest Jimmy und ich. Kimba lag meist faul auf einem Holzstapel, und schaute auf uns herab.

Eines Abends hatte ich unheimliches Jagdglück. Eine junge Ratte war mir nicht entkommen. Stolz präsentierte ich diese meinen Menschen. Und es kam, wie ich es erwartet hatte. Andere Katzen hatten mir immer wieder erzählt, dass Menschen es nicht mögen, wenn man ihnen den Jagderfolg schenkt. Und ich hatte ihnen immer widersprochen. Meine Menschen seien anders. Und meine Menschen waren anders. Sie nahmen dieses komische Blitz-Dings, und streichelten mir voller Stolz den Rücken. Sie lobten mich. Weil ich so geschickt war. Und glaubt mir, ich war mindestens drei Meter gross, obwohl ich eigentlich immer eher eine zierliche Katzengestalt war. „Meine Kleine“ nannte mich meine menschliche Gefährtin immer. Und das war ich. IHRE Kleine. Ganz die ihre.

Doch der Spaß mit dem Rauslaufen hatte sich erst einmal, als ich von einem Auto angefahren wurde. Meine Gefährtin war wieder trächtig, der Wurftermin stand kurz bevor... Und ich wollte zu ihr, über die Straße. Ich hab dieses verdammte Auto nicht gehört. Und nicht gesehen. Lief über die Straße... genau in den Reifen hinein. Benommen wankte ich auf meine Menschin zu. Die mich sofort in die Transportbox steckte, und mit mir wieder zum Tierarzt fuhr. Ich hechelte im Auto. Bekam kaum Luft. Alles tat weh. Aber am meisten mein kleiner Katzenkopf. Meine Menschin meinte, ich würde noch mehr schielen wie sonst...

Zum Glück hatte ich nur eine Gehirnerschütterung, und einen schweren Schock, der mich beinah mein kleines Katzenleben gekostet hätte. Ich versprach mir selbst, und meiner Menschin, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Und ich war es. Ich ging abends mit ihr spazieren. Lief neben ihr her... mein Dackelchen nannte sie mich jetzt, und ich fasste es als das auf, was es war. Ein Liebesbeweis von ihr.

Mit den Kindern kam ich ganz gut zurecht. Der ältere der beiden hatte ein paar Watschen von mir bekommen, und wusste nun, wie man sich mir zu nähern hatte. Er konnte schon ausgezeichnet streicheln. Gut erzogen hatte ich mir den.

Bei dem Kleinen stand mir das noch bevor. Aber erst einmal wechselten wir wieder das Revier. Eine riesige Wohnung. Und ein noch größerer Speicher, mit vielen Verstecken stand uns dreien nun zur Verfügung. Ok, wir durften nicht mehr hinaus, weil meine Menschin Angst wegen der vielen Autos vor dem Haus hatte. Aber das machte uns nichts. Wir hatten genug Spielraum, und nutzten diesen ausgiebig. Außerdem kamen wir ja alle drei langsam in ein gesetzteres Alter.

Auch der kleine Mensch lernte mit mir umzugehen. Wie bei dem größeren ging das nicht ganz ohne Blessuren ab, weil ich immer Probleme hatte, meine Krallen richtig einzuziehen. Doch meine Menschin schalt mich deswegen, und gut war. Der Kleine wurde nicht getröstet, weil er mich ja zu grob angefasst hatte. Das war ok. Wenn ich auch nicht verstand, warum sie mich schalt. Aber sie liebte mich immer noch. Und sie zeigte es, mit ihren Streicheleinheiten. Mit Leckereien. Und mit Tränen...

Ja, mit Tränen. Als ich mich vergiftete. Ich weiß gar nicht richtig, was los war. Aber mir ging es so schlecht. Immer schlechter. Und als meine Menschin das mitbekam, kam das, was immer kam. Sie schleppte mich zum Tierarzt. Ich bekam einige Spritzen. Ein paar Tage lang. Bekam eine Nährpaste... zwei Wochen lang. Und meine Zähne wurden vom Zahnstein befreit. Mir ging es langsam wieder besser. Ich war noch nicht wieder richtig fit. Aber so halbwegs wieder hergestellt...

... als der Rückfall kam. Mir tat alles weh. Ich lag auf meinem hohen Schrank in der Küche, und schrie meine Schmerzen hinaus. Und meine Menschin, die mich so sehr liebte litt mit mir... und mein Mensch hob mich vom Schrank herunter. Doch ich wollte keine Gesellschaft. Ich spürte den nahenden Tod. Und ich nahm ihn an... ich verkroch mich hinter der Spülmaschine... kam auch in der Nacht nicht mehr heraus. Sondern maunzte schwach die Katze des Todes an, dass sie mich erlösen möge... Ich wusste, dass meine Menschen sehr unter meinem Fortgehen leiden würden. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft gegen das schleichende Gift anzukämpfen.

Morgens zog mich meine Menschin vorsichtig hinter der Spülmaschine heraus, und fuhr mich zum Tierarzt. Sie weinte viel. Während der Fahrt. Bevor sie mich dort alleine ließ. Allein unter fremden Menschen. Aber ich verstand es. Sie wollte mir helfen, wo keine Hilfe mehr zu geben war. Den ganzen Tag über hing ich an einem Tropf, bekam Spritzen, man nahm mir Blut ab... Untersuchte meine Augen, meine Zähne, meinen Bauch... Ich hätte euch so gern gesagt, was los war. Doch keiner hat mich gehört, da ich immer wieder Bewusstlos wurde... immer wieder glitt ich in diesen tiefen Dämmerzustand.
Ich roch mehr als ich sah, dass meine Menschin wieder da war. Und mit ihr mein Mensch. Und ich spürte ihre Tränen auf meinem Fell, hörte ihr Schluchzen. Wollte sie so gern trösten, doch ich konnte es nicht mehr. Zu weit war das schleichende Gift in meinem Körper gegangen. Hatte meine Leber zerstört. Ich hatte keine Kraft mehr. Nicht mal um wieder klar im Kopf zu werden. Und ich spürte die Hand meiner Menschin auf meinem Kopf. Unter meinem Kinn die zärtlichen Finger, die mich mein Leben lang gekrault hatten. Und die es auch jetzt, in meinen letzten Minuten taten. Und ich ahnte was gleich kommen würde. Und ich war bereit. Bereit für immer zu gehen.

Nach der ersten Spritze dämmerte ich fest ein... die zweite spürte ich schon nicht mehr. Ich spürte nur noch die zärtlichen Hände auf mir. Die streichelnden Bewegungen... und hörte noch einmal die Worte, die meine Menschin vor so langer Zeit zu mir gesagt hatte...

„Ich habe die Verantwortung über Dich übernommen... im Leben.... im Sterben... und im Tod.....“ und ich hörte sie noch einmal schluchzen, bevor mein Herz stehenblieb...



Am 25.Mai 2004 hauchte dieser süsse, kleine Tiger sein Leben aus. Mein kleines Dackelchen, das ich im Oktober 1995 als 12 Wochen altes Kätzchen aus dem Tierheim zu uns geholt hatte.... Nie werde ich sie vergessen. Aber immer werde ich sie vermissen... Ich habe mein Versprechen gehalten... Habe die Verantwortung getragen, so schwer es mir fiel.... über ihr Leben.... über ihr Sterben.... und ihren Tod....

Wir danken dir, Sheeba. Dafür, dass du fast mehr als acht Jahre lang unser Leben bereichert hast.... Danken dir für deine Liebe, dein Vertrauen.... und wir hoffen, dass es dir gut geht, da wo du jetzt bist....

Melanie, Achim, Dominik und Benedikt-Silas Landen

Eigentlich ist alles gesagt, was zu sagen war... mein Kommentar ist der Schluß der Geschichte... einer Geschichte über das leider viel zu kurze Leben einer ganz besonderen Katze.Melanie Landen, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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