Hans Pürstner

WM - Fieber

Die Fussballweltmeisterschaft steht vor der Tür und damit auch wieder die Aussicht auf beeindruckende Bilder in den Fernsehübertragungen. Wenn ich sie dann so sehe, die lustigen Gesichter mit den bunten Landesfarben geschminkt, voller Freude über den Sieg, oder die mit Schminke vermischten Tränen, wie sie in breiten Rinnsalen nach einer Niederlage aus dem Gesicht laufen, so kommt mir unwillkürlich wieder die Erinnerung hoch an die WM in Mexiko. Es war das Jahr 1986, in der Großstadt Guadalajara.
Ich hatte einen alten Freund besucht, der seiner großen Liebe folgend, in Mexiko gelandet war, und die Gelegenheit genutzt, mir auch ein paar Spiele der Fussball-WM anzuschauen. Stefan, so hieß er, war mit mir gekommen, zum ersten Mal weg von seiner Heimatstadt, ohne seine Ehefrau. Den Abend vor dem Spiel wollten wir deshalb so richtig einen „drauf“ machen.
Per Taxi ging es in die beste Disco in der Stadt. Die Musik war gut, die Drinks nicht weniger. Aber am meisten beeindruckte mich eigenartigerweise die unorthodoxe Art der Geruchsverbesserung in der Herrentoilette. In dem ansonsten eher stinkenden Rinnsal des Pissoirs lagen unzählige frische halbierte Limonen, bei uns eine Spezialität, üblicherweise für 0,50 € das Stück zu haben, dort pissten wir einfach drauf.
Im Laufe des Abends freundeten wir uns mit einem behinderten Mexikaner an, Stefan hatte wohlweislich vorher seine Ehering abgelegt gehabt, gab sich als Tourist aus, trotz seiner perfekten Sprachkenntnisse nahm man ihm das ab. Irgendwann machte Hector, so hieß der Einheimische, den Vorschlag, Stefan solle mit ihm fahren und seine Schwester abholen, die ihm sicher gefallen würde.
Schwupp, weg waren die zwei, und ich saß mutterseelenallein in einer Bar, tausende Kilometer von zu Hause, kilometerweit vom Hotel entfernt, dessen Namen ich kaum wußte, geschweige denn die Adresse und wie ich da wieder hin kommen sollte, falls Stefan nicht wieder käme. Aber entgegen allen Schauermärchen über Gauner und Verbrecher in diesem Land waren die beiden bald wieder da und mir fiel echt ein Stein vom Herzen. Conchita, die Schwester, war wirklich nicht übel, fast beneidete ich Stefan um seine Spanisch Kenntnisse. Aber am nächsten Tag spielte schließlich “Brasilien gegen Frankreich“, gab es da wichtigeres? Für meinen Freund offenbar schon. Da er an diesem Abend noch nicht bei der Dame landen hatte können und sie ihn auf den nächsten Tag vertröstete, hatte er glatt die mühsam erstandene Eintrittskarte für das Spiel wieder verkauft, um statt des Fussballspiels lieber seine kurze und unverhoffte Freiheit zu genießen. So fuhr ich eben ohne Stefan zum Stadion. Die Gruppe brasilianischer Schlachtenbummler aus unserem Hotel, die uns auch das Ticket besorgt hatten, erlaubten mir auch, in ihrem Charterbus mit zum Stadion zu fahren. Ein unvergessliches Erlebnis, schon diese kurze Fahrt. Alle Fans waren in gelbe T-Shirts gekleidet, grüne Schirmmützen am Kopf, weit geöffnete Busfenster, so ging es unter lauten Schlachtgesängen in Richtung Stadion. Nach kurzer Fahrt ein lauter Knall, direkt neben unserem Bus war ein Auto in den Vordermann geknallt. Was bei uns den Einsatz einer ganzen Polizeiarmada einschließlich Rettungshubschrauber ausgelöst hätte, kostete die Beteiligten nicht mehr als ein paar ärgerliche Kommentare, dann ging’s munter weiter zum Fußballspiel. Im Stadion zehntausende von Brasilianern, ein Meer von gelb-grün wogte auf den Rängen, der Begeisterung schien keine Grenzen gesetzt. Doch je länger das Spiel dauerte, desto länger wurden auch die Gesichter der Brasil-Fans. Die Samba Klänge verstummten langsam, die Schlachtrufe wurden immer leiser, und als die Niederlage, und damit das Ausscheiden von der WM unwiderruflich feststanden, waren auch wie durch ein Wunder die gelben und grünen Farben auf den Rängen verschwunden. Weiß der Himmel, wo die Tausenden von gelben T-Shirts und grünen Kappen geblieben waren, ausgezogen, umgedreht, weggeworfen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich am Ende des Spiels als einziger mit meiner grünen Brasil-Mütze den Heimweg antreten mußte. Der Bus war in dem Gedränge nicht wiederzufinden gewesen, also machte ich mich auf einen längeren Fußmarsch zurück ins Hotel gefasst. Aber so weit würde es ja wohl nicht sein?
Flugs war ich auf der„Avenida de Benito Juarez“, so lautete doch auch die Adresse unseres Hotels. Da musste ich doch bald da sein. Doch weit gefehlt, nach einer Stunde, nach der die vorbeifahrenden Frankreich Fans, die mich laut hupend begrüßt (oder verspottet?) hatten, immer weniger wurden und ich mit meinem Outfit nur noch von vereinzelten Mexikanern mitleidig als „Brasilianischer Verlierer“ bedauert wurde, kam mir alles doch etwas spanisch vor. Ein Polizist, von mir befragt, deutete grinsend mit einem Finger „una hora“, eine Stunde. Das war mir aber dann doch zuviel. Ein gerade des Wegs kommender Linienbus für die ganz Armen, (Nicht nur bei Bussen, sogar bei Taxis gibt es in Mexiko drei Klassen) nahm mich mit, selbst auf meine 10 Peso Münze bekam ich eine ganze Handvoll Wechselgeld wieder, und so kam ich doch noch heil, wenn auch als „Verlierer“, zurück in unser Hotel. Wo Stefan schon sorgenvoll wartete. Musste ich ihm doch bis ins haarkleinste Detail alles über das Spiel erzählen, schließlich sollte ich ja seiner Frau später dann sein „Alibi“ bestätigen, ohne uns zu verplappern.
Aber der größte Witz an der Geschichte kam noch, denn die rassige Schönheit, derentwegen er das nach Expertenmeinung beste Spiel der WM 86 hatte sausen lassen, sie hatte ihn glatt versetzt gehabt. Nichts war’s gewesen mit einem kleinen Abenteuer. So konnten wir am Ende doch noch guten Gewissens seiner braven Carmen gegenübertreten und erzählen:
„Das Spiel war super!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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