Claudia Adena

Unvergessene Liebe - Teil 1


Aufgeregt ging das Mädchen neben der Telefonzelle auf und ab und sah ungeduldig auf die Frau, die angeregt telefonierte und überhaupt keine Notiz von ihr zu nehmen schien. Endlich legte die Frau auf und trat aus der Telefonzelle. Kurz musterte sie das Mädchen, das nach ihr die Telefonzelle betrat. Es war die sechzehnjährige Anita Glas, die ebenfalls in dem kleinen Ort wohnte.
Die Leute hier waren der Meinung, es gehörte sich nicht, wenn ein so junges Mädchen wie Anita, sich ständig mit Jungs herumtrieb.
Aber das braucht mich ja nicht zu kümmern, dachte die Frau, es ist ihre Sache, was sie tut.

Anita war ein bildhübsches Mädchen, dem oft die Blicke auf der Straße folgten. Sie war zierlich mit langen blonden Haaren, die ihr apartes mädchenhaftes Gesicht umrahmten. Früher hatten sie solche Blicke gefreut. Heute jedoch wich sie ihnen aus. Von einem Tag auf den anderen existierte das Mädchen, das laufend die Freunde wechselte, nicht mehr. Vom ersten Augenblick an, als sie Frank gesehen hatte, stand für sie fest: Der oder keiner.

Anita nahm den Hörer in die Hand und wählte die Telefonnummer, die sie bereits auswendig kannte. Bisher hatte sie sich jedoch gescheut ihn anzurufen, was eigentlich nicht ihrer impulsiven Art entsprach. Ihre Hände zitterten und sie glaubte nicht mehr länger atmen zu können. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich eine tiefe männliche Stimme mit “Frank Mardo“ meldete. Sekundenlang schwieg sie, dann nahm sie all ihren Mut zusammen.
“Hallo, Frank!“ begann sie. “Ich bin Anita!“
“Anita?“ Er schien einen Augenblick zu zögern. “Sollte ich dich kennen?“
“Eigentlich kennen wir uns nicht“, gestand sie ihm. “Ich wohne bei dir in der Nähe und finde, wir sollten uns kennenlernen.“
Ein warmes herzliches Lachen am anderen Ende der Leitung erklang und Anitas Herz schlug höher.
“Du hast eine originelle Art jemanden anzusprechen. Das macht mich neugierig. Komm doch einfach mal bei mir vorbei!“
Sie schwieg einen Augenblick, viel zu sehr überraschten sie seine Worte.
“Wie wäre es mit heute Abend?“ fragte sie zögernd.
“In Ordnung“, erwiderte er. “Ich erwarte dich um acht Uhr. Passt dir das?“
“Ja!“
“Gut, bis heute Abend!“ sagte er. “Ich muss weiter arbeiten. Wir können uns heute Abend ausführlich unterhalten.“ Es klang so, als bedauerte er es, nicht länger Zeit für sie zu haben.
Nach dem Gespräch verharrte sie minutenlang in der Telefonzelle. Sie konnte es kaum glauben, dass sie wirklich mit ihm gesprochen hatte.

Seit Anitas Eltern vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, lebte sie bei ihrer älteren Schwester Nicole. Sie ging zur Schule und würde diese im nächsten Jahr mit der mittleren Reife beenden. Der Kontakt der beiden Schwester war trotz des Altersunterschiedes von zehn Jahren so eng, dass es keine Geheimnisse zwischen ihnen gab.

Mit geröteten Wangen betrat Anita das Haus. Nicole konnte ihr die Freude vom Gesicht ablesen. Sie ahnte, wie Franks Antwort ausgefallen sein musste.
Nicoles Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit, bis zu dem Tag, an dem Anita das erste Mal von Frank gesprochen hatte. Es war ungefähr fünf Monate her. Anita ging mit ihrem Hund Sandy spazieren. Dabei begegnete sie Frank auf der Straße. Und die Liebe traf sie wie ein Blitz. Zwar war Anita häufig mit Jungs unterwegs und hatte auch schon den einen oder anderen geküsst, richtig verliebt hatte war sie jedoch noch nie gewesen.
Eigentlich war es kein Wunder, dass Frank bei Anita einen so großen Eindruck hinterlassen hatte. Mit seinen wirren dunklen Locken und den südländischen Teint war er genau der Typ Mann von dem junge Mädchen schwärmten. Geschickt hatte Anita es verstanden mehr über Frank zu erfahren.
Er war neunundzwanzig Jahre alt und vor ein paar Monaten hierher gezogen, wo er sich eine Kfz-Werkstatt einrichtete. Allerdings schien es, als würde er häufig die Frauen wechseln.

Hoffentlich zeigt er Verständnis für Anita, dachte Nicole besorgt, denn sie wusste, wie sensibel ihre Schwester war.
An diesem Abend legte Anita mehr als sonst Wert auf ihr Äußeres. Das hautenge grüne Minikleid, das sie trug, ließ sie erwachsener erscheinen, als sie es war.
Sorgfältig fönte sie ihr Haar, bis es in weichen Wellen ihr schmales Gesicht umrahmte. Bevor sie das Haus verließ, warf sie noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie konnte vor Nicole ihre Angst nicht verbergen.
“Du vermutest, dass es heute Nacht passieren wird!“ sagte Nicole und sah Anita nachdenklich an.
Anita nickte und in ihren Augen stand ein sonderbarer Glanz.
“Ich kannte zwar schon viele Jungs“, meinte sie und das klang wie eine Entschuldigung. “Aber ich habe immer auf den Richtigen gewartet.“
Nicole hielt Anita am Arm fest und drückte ihr etwas in die Hand. Es waren zwei Päckchen Kondome.
“Versprich mir, dass du sie benützt, wenn wirklich etwas passiert!“
Anita nickte und steckte die Kondome in ihre Handtasche. Mit gemischten Gefühlen blickte ihr Nicole nach. Sie wusste wie verliebt Anita war. Doch Frank war um vieles älter als sie. Nicole wollte ihrer Schwester keine Vorschriften machen, sie hoffte nur auf deren Vernunft.

Anita verharrte kurz vor der Werkstatt, dann nahm sie ihren Mut zusammen und klingelte.
Mein Gott, dachte sie voller Panik und wäre am liebsten davongelaufen. Was soll ich tun, wenn er mich nicht mag?
Sie zitterte am ganzen Körper als geöffnet wurde. Sekundenlang schauten sie sich in die Augen.
“Hallo!“ sagte Anita und senkte verlegen den Kopf zu Boden.
Franks aufmunterndes Lächeln beruhigte sie und sie entspannte sich.
“Hallo, Anita! Komm herein!“
Zögernd folgte sie ihm durch die Werkstatt hindurch ins Wohnzimmer und nahm auf der Couch Platz.
“Willst du eine Cola?“ fragte er sie. Stumm nickte sie. Er ging hinaus und brachte ihr ein Glas Cola. Eine Weile verging und sie saßen schweigend nebeneinander.
Plötzlich fing Frank zu lachen an. Irritiert musterte Anita ihn.
“Entschuldige, bitte!“ bat er sie. “Ich komme mir auf einmal albern vor. Wie ein Teenager beim ersten Rendezvous. Das liegt wohl daran, dass du so jung bist. Ich hoffe, es war kein Fehler, dich einzuladen. Wie alt bist du? Fünfzehn?“
Am liebsten wäre Anita aufgestanden und gegangen, so unwohl fühlte sie sich in diesem Moment.
Er schien zu spüren, was in ihr vorging und nahm sanft ihre Hand in die seine.
“Ich wollte dich nicht beleidigen, ehrlich!“ sagte er. “Ich hatte dich deiner Stimme nach älter geschätzt und bin überrascht.“
“Ich bin fast siebzehn!“ entgegnete sie trotzig und sah ihn herausfordernd an. “Ist das ein Problem für dich? Sage es mir und ich gehe!“
Frank schwieg und die Spannung zwischen ihnen steigerte sich ins Unerträgliche. Er schüttelte den Kopf. “Nein, ich will nicht, dass du gehst. Wahrscheinlich begehe ich den größten Fehler meines Lebens, aber ich will, dass du bei mir bleibst.“
Erleichtert atmete sie auf und lächelte ihn an. Langsam begann das Eis zu tauen und es gelang ihnen, sich unbefangen zu unterhalten. Anita kam es vor, als kannte sie Frank schon eine Ewigkeit.
Irgendwann - nach einer schier endlosen Zeit - warf Anita das erste Mal einen Blick auf ihre Uhr und erschrak.
“Ich muss gehen“, sagte sie. “Es ist spät und ich morgen ist wieder Schule.“
Sie stand auf und öffnete die Türe, doch Frank stellte sich ihr in den Weg und schloß die Türe wieder.
Irgend etwas Seltsames - für Anita Undefinierbares - lag in seinem Blick.
“Bitte bleibe hier!“
Leidenschaftlich presste er Anita an sich und küsste sie zum ersten Mal.
Ein Traum ist in Erfüllung gegangen, dachte sie überglücklich, und ich wünsche mir, dass er niemals zu Ende geht.
Sie wollte etwas sagen, doch er schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick wussten beide auch ohne Worte was sie wollten. Behutsam hob er sie hoch und trug sie auf seinen Armen ins Schlafzimmer.
Längst hatte Anita ihre Furcht verloren und fühlte sich geborgen wie noch niemals zuvor.
Sie lag in seinen Armen und er flüsterte ihr ins Ohr: “Ich liebe dich!“

Anita fand in dieser Nacht kaum Schlaf, starrte nur unentwegt an die Decke.
Würde Frank sie noch am Morgen lieben, oder waren es von ihm nur Worte gewesen? Worte, die einfach dazugehörten? Sie hatte wahnsinnige Angst, dass etwas passieren könnte und ihre Liebe zerstören würde.
Sie frühstückten gemeinsam und Anita nahm sich vor, nicht eher zu gehen, bis sie von ihm eine Antwort hatte, wie er sich ihre Beziehung vorstellte.
Doch sie brauchte ihn nichts zu fragen. Er sprach von selbst das Thema an.
“Ich war noch niemals so glücklich“, gestand er ihr und diese Worte zerstreuten all ihre Zweifel. “Hoffentlich bekommen wir keine Probleme wegen deines Alters.“
Sie schüttelte den Kopf. “Nicole hat das Sorgerecht für mich. Sie wird uns keine Steine in den Weg legen und in
1 1/2 Jahren bin ich achtzehn. Du wirst sehen, die Zeit vergeht schnell.“
Frank riß sie wieder in seine Arme und küsste sie.
“Ich warne dich!“ sagte er lachend. “Mich wirst du nie wieder los!“

Anita konnte sich den ganzen Vormittag kaum auf die Schule konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten um Frank. Sie freute sich auf den heutigen Tag. Es war herrliches Wetter und sie wollten zum Baden fahren. Abends würden sie bei Anita zu Hause essen. Nicole bestand darauf, Frank so bald wie möglich kennen zu lernen.
Das ganze Leben ist wie ein Traum, dachte Anita und hätte ihr Glück am liebsten laut heraus geschrien. Doch sie wollte noch eine Weile warten, ehe sie ihre Freundinnen einweihen würde.
Es erschien Anita wie eine Ewigkeit, bis die Schulglocke ertönte. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Heimweg. Bevor sie heimfuhr, wollte sie noch kurz bei Frank vorbeischauen.
Nachdem sie ihr Fahrrad an der Hauswand abgestellt hatte, ging sie zur Werkstatt. Anita wollte klingeln, doch die Türe stand offen. Vorsichtig schob sie sie auf und trat ein. In der Werkstatt war keine Spur von Frank. Aus seiner Wohnung hörte Anita laute Geräusche. Zögernd öffnete sie die Türe zum Wohnzimmer. Wie von selbst fiel ihr Blick auf den Fleck in dem hellen Teppich. Er sah wie Blut aus. Panik stieg in ihr hoch und sekundenlang überlegte sie, ob sie nicht umkehren sollte.
Du bist eine Idiotin, schimpfte sie sich, vermutlich hatte sich Frank bei der Arbeit verletzt.
Die Blutspur führte in Franks Schlafzimmer und Anita folgte ihr. Die Schlafzimmertüre stand einen Spalt offen und Anita warf einen Blick hinein.

Diese Geschichte ist etwas länger, deswegen teile ich sie in drei Teile auf. Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.Claudia Adena, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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