Claudia Adena

Unvergessene Liebe - Teil 2

Frank lag auf dem Boden. Über ihm kniete ein Mann. Voller Entsetzen sah Anita das blitzende Messer in der Hand des Mannes, mit dem er immer wieder auf Frank einstach. Frank versuchte den Mann von sich zu stoßen.
Anita wollte schreien, doch ihr Mund war wie gelähmt. Ihr kam es vor, als würde sie sich die Szene eines Filmes ansehen. Ein letztes Röcheln von Frank riss sie aus ihrer Trance. Hysterisch schrie sie. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu schreien. Der Mann ließ von Frank ab und drehte den Kopf zu ihr. Sekunden vergingen. Als der Mann aufsprang, wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie schlug die Türe hinter sich zu und lief so schnell sie konnte - quer durchs Wohnzimmer und die Werkstatt - das heftige Atmen ihres Verfolgers im Nacken. Gerade als sie aus der Werkstatt laufen wollte, holte der Mann sie ein und warf sie zu Boden. Anita verspürte einen stechenden Schmerz am Bein. Wie von Sinnen schlug und trat sie um sich. Es gelang ihr sich von ihm zu befreien und schreiend lief sie ins Freie. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr linkes Bein voller Blut war. Sie humpelte zum Nachbarhaus und klingelte mit letzter Kraft, bevor sie ohnmächtig wurde.

Es dauerte zwei Tage bis Anita das Bewusstsein wieder erlangte. Nicole saß an ihrem Krankenbett.
“Er ist tot, nicht wahr?“
Nicole nickte mit Tränen in den Augen. Anita brach in hemmungsloses Weinen aus. Nicole umarmte ihre Schwester und redete beruhigende Worte auf sie ein. Doch wie sollte man jemand trösten, der das Liebste auf der Welt verloren hatte?

Anita hatte am Anfang Angst, Franks Mörder könnte nach ihr suchen. Immerhin war sie die einzige Zeugin, die ihn belasten hätte können. Doch nichts geschah.
Anita hatte sich das Gesicht des Mannes intensiv eingeprägt und der Polizei eine genaue Personenbeschreibung gegeben. Doch der Mörder wurde nicht gefasst.

Zehn Jahre vergingen. Anita musste noch einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Ihre Schwester Nicole starb an Krebs.
Anita hatte sich in den Jahren sehr verändert. Ihr Haar war inzwischen dunkelblond und kurzgeschnitten. Ihr Gesicht wirkte hart und sie sah älter aus, als sie es war. Der vergangene Schmerz hatte seine Spuren hinterlassen.
Sie hatte einen Job als Sekretärin in einem Verlag und war die rechte Hand ihres Chefs Manfred Friedrich. Manfred wusste, was für ein schlimmes Erlebnis hinter Anita lag und sie tat ihm leid. Mehr noch. Er hatte sich in sie verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Anita mochte Manfred gerne. Doch sie war nicht bereit, wieder eine Beziehung zu einem Mann zu haben.

Anita kam von der Mittagspause zurück und begann die neu eingegangene Post durchzusehen. Überrascht hob sie ihren Kopf, als laute Stimmen aus Manfreds Büro ertönten. Das war ungewöhnlich, denn Manfred war ein friedliebender Mensch. Niemals hatte Anita ihn streiten gehört. Leise erhob sie sich und schlich zur Türe um die Unterhaltung verstehen zu können.
“Ich werde nicht verkaufen!“ schrie Manfred erregt. Anita hörte jemanden lachen.
“Noch ist das letzte Wort in dieser Sache nicht gefallen“, sagte der andere Mann. “Ich habe meine Mittel und Wege, Sie zum Verkauf zu zwingen.“
Ganz unerwartet wurde die Türe aufgerissen. Bei dem Versuch so schnell wie möglich an ihren Schreibtisch zurückzukehren, geriet Anita ins Stolpern und wäre vermutlich gefallen, wenn nicht starke Männerhände sie festgehalten hätten.
“Langsam, Kleine!“ hörte sie eine männliche Stimme neben sich. Sie machte sich aus der Umarmung frei und richtete sich auf. Dann sah sie den Mann ins Gesicht. Er war an die Vierzig mit kurzem blonden Haar und blauen Augen. Mit seiner stark gebräunten Haut und der dunklen Sonnenbrille wirkte er überheblich und arrogant.
Er schien verwirrt zu sein. “Könnte es sein, dass wir uns schon irgendwo einmal begegnet sind?“
Anita schwieg und starrte ihn unentwegt an. Dutzende von Erinnerungen überrollten sie. Sie sah Franks Gesicht vor sich; sie sah seinen Körper - blutüberströmt - und dazwischen immer wieder das Gesicht dieses Mannes.
“Anita!“ Erst Manfreds Ruf holte sie in die Gegenwart zurück. Verlegen sah sie ihn an. Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, in der sie den Mann nur angestarrt hatte.
Er ging zur Türe. Bevor er das Büro verließ, wandte er sich nochmals an Anita.
“Mir fällt es bestimmt wieder ein, woher wir uns kennen. Ich rufe Sie an!“
Krachend flog die Türe hinter ihm zu. Anita lief zum Fenster und sah zum Hof hinaus. Der Mann stieg in einen schwarzen Porsche und raste davon.
“Anita!“ Ungläubig sprach Manfred diese Worte aus und schüttelte den Kopf. “Woher kennst du ihn?“
“Wer ist er?“ Anita stellte nur diese eine Frage.
“Er heißt Reinhard Birner“, erzählte Manfred. “Er ist sehr reich und einflußreich und in Geschäften jeder Art verwickelt. Mein Verlag hat sich im Laufe der Jahre zu einem angesehenen Unternehmen entwickelt, darum will er ihn mir abkaufen. Er ist verrückt. Er glaubt, mich zum Verkauf zwingen zu können. Anita, ich flehe dich an, lass dich nicht mit ihm ein! Er mag noch so gut aussehen, aber er ist gefährlich für dich und das nicht nur, weil er verheiratet ist. Glaub mir, ich sage das nicht weil ich eifersüchtig bin.“
Anita setzte sich an ihren Schreibtisch und ging wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Fast glaubte Manfred diese Unterhaltung hatte nie stattgefunden, denn was sollte ein Mädchen wie Anita für ein Interesse an einem Mann wie Reinhard Birner haben?
Anita machte in dieser Nacht kein Auge zu. Die Schatten der Vergangenheit hatten sie endgültig eingeholt. Ihr erster Gedanke war zur Polizei zu gehen. Endlich konnten sie den Mörder von Frank festnehmen und er würde seine Strafe erhalten. Plötzlich überfiel sie ein anderer, schrecklicher Gedanke. Der Mord lag zehn Jahre zurück und alle Spuren waren verwischt. Würde man Reinhard Birner überhaupt seine Schuld beweisen können? Zwar würde sie als Zeugin aussagen, doch er war reich und mächtig.
Anita liefen die Tränen übers Gesicht. Niemals, so schwor sie sich, niemals sollte dieser Mann so einfach davonkommen.
Als Anita am nächsten Morgen ins Büro kam, war sie noch immer zu keiner Entscheidung gekommen. Überrascht sah sie, dass in Manfreds Büro Licht brannte. Es war erst kurz nach sieben und Manfred tauchte nie vor halb neun Uhr im Büro auf. Anita klopfte an die Türe. Als niemand antwortete, trat sie ein.
Manfred saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände vors Gesicht geschlagen. Er bemerkte nicht einmal Anitas Eintreten. Zögernd trat sie näher und legte eine Hand auf seine Schulter.
“Manfred, was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“
Er zuckte zusammen und hob den Kopf. Er sah fürchterlich aus, als hätte auch er in der vergangenen Nacht keinen Schlaf gefunden. Die Tränen, die in seinen Augen standen, erschütterten Anita.
“Dieser Kerl will mich fertigmachen“, begann Manfred und wich ihrem Blick aus.
Ohne das ein Name fiel, wusste Anita von wem Manfred sprach.
“Was hat er getan?“ fragte sie tonlos.
Und Manfred erzählte ihr alles. Reinhard Birner terrorisierte ihn seit einigen Wochen. Gestern hatte die Geschichte seinen Höhepunkt erreicht. Manfreds Haushälterin fand Simba, Manfreds Schäferhündin vergiftet im Garten. Manfred war fix und fertig, als er von dem Tod des Hundes erfuhr. Doch es ging noch weiter: Den ganzen Abend über läutete das Telefon. Wenn Manfred sich meldete, wurde er beleidigt oder bedroht. Schließlich hatte er das Telefon ausgehängt. Trotzdem hatte er die ganze Nacht nicht schlafen können. An diesen Morgen entdeckte Manfred, daß man in der vergangenen Nacht sein Auto demoliert hatte.
“Du musst zur Polizei gehen“, riet Anita ihm.
Manfred lächelte bitter. “Und was soll ich denen erzählen? Dass jemand mich am Telefon belästigt? Dass jemand meinen Hund vergiftet hat? Dass ein Unbekannter meinen Wagen zerstört hat? Ich habe nicht den geringsten Beweis, dass Reinhard Birner hinter all dem steckt. Ich weiss, er ist viel zu schlau um sich irgend etwas nachweisen zu lassen. Ich überlege, ihm den Verlag zu verkaufen. Sein Angebot ist gut - sehr gut sogar. Und ich hätte dann meine Ruhe vor ihm.“
Energisch schüttelte Anita den Kopf. “Das darfst du nicht tun. Du darfst nicht seinen gemeinen Erpressungen nachgeben. Du hast den Verlag doch zu dem gemacht, was er heute ist und ich weiss wieviel er dir bedeutet.“
“Aber was soll ich tun?“ fragte Manfred verzweifelt. “Dieser Mann wird keine Ruhe geben. Glaube mir, ich kenne ihn!“
Sekundenlang schwieg Anita und sah Manfred nachdenklich an.
“Warum nimmst du dir nicht ein paar Tage frei? Fahre irgendwo hin, wo er dich nicht findet. Vielleicht findet sich inzwischen eine Lösung. Ein paar Tage schaffe ich es hier auch alleine.“
Zweifelnd sah Manfred sie an, dann willigte er ein.
“Du hast recht! Ich werde ein paar Tage Urlaub machen und versuchen, nicht an diese Geschichte zu denken. Aber Montag Morgen bin ich wieder zurück. Das verspreche ich dir!“
Eine Stunde später machte sich Manfred auf den Weg und er sagte nicht einmal Anita, wohin er fahren würde.
Kaum war die Türe hinter ihm zugefallen, verlor Anita die Kontrolle über sich und brach in hemmungsloses Weinen aus.
Wo sollte das hinführen? fragte sie sich verzweifelt. Was war dieser Reinhard Birner nur für ein Mensch? Er würde Manfreds Leben zerstören, das ahnte sie inzwischen. Genauso eiskalt und kaltblütig, wie er Franks Leben zerstört hat. Gab es denn nichts, das diesen Mann aufhalten konnte?
Anita wusste nicht, wie lange sie dagesessen und einfach ins Leere gestarrt hatte. Erst das monotone Klingeln des Telefons riss sie jäh hoch. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nahm den Hörer ab.
“Hallo, Anita“, erklang eine männliche Stimme an ihrem Ohr. Anita wusste, wer am anderen Ende der Leitung war, bevor er seinen Namen nannte. Sie war so überrascht, dass sie sekundenlang schwieg.
“Anita, sind Sie noch dran?“ hörte sie ihn fragen.
“Guten Tag, Herr Birner“, sagte sie. Er lachte laut.
“Sie wissen also, wer ich bin?“
“Wollen Sie mit Manfred sprechen?“ fragte sie.
Er verneinte. “Nein, mit Ihnen.“

So, das ist der zweite Teil. Der dritte und letzte Teil folgt in den nächsten Tagen. Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.Claudia Adena, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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