Eric Beyer

Wir sind doch Menschen

Wir sind doch Menschen

Es geschah eines Tages, dass ein wohlhabender, dicker und älterer Mann einer Person begegnete, die ihm so gar nicht ähnlich war. Diese Person war sowohl schlampig gekleidet als auch frisiert und stank so wie er aussah. Er war ebenfalls ein älterer Herr, wahrscheinlich das Einzigste, was die Beiden verband. Zu allen Unglück lernten sie sich auch noch in einer Situation kennen, wo jeder das Glück für sich beansprucht. Diese war die Folgende: Der Betuchte und der Unglückliche trafen sich auf dem Bürgersteig. Der kräftige Mann wegen seines alltäglichen Spaziergangs und der Hungrige, weil er sich, indem er den Bürgersteig auf und ab ging, versuchte warm zu halten. Genau in dem Moment, wo sie sich in unterschiedliche Richtungen laufend begegneten, sah jeder ein Portemonnaie vor seinen Füßen liegen. Der Dünne fasste natürlich hastig danach, ohne Notiz von den anderen Finder zu nehmen. Doch dieser griff ebenfalls, aber nach den Dünnen und hielt ihn zurück. Er zerrte ihn hoch und lächelte verschmitzt in das dreckige, narbige Gesicht: „ Mein Freund. Ich weis nicht wer du bist, genau so wenig wie du von mir weist. Dennoch habe ich genauso viel recht auf das Portemonnaie wie du. Dir ist sicher genauso wenig daran gelegen, es der Polizei zu bringen? Doch wir sind ja Menschen. Den Menschen zeichnet nicht aus, dass er gerecht ist. Doch dir gegenüber, mein Freund, will ich es sein. Ich erwarte aber den selben Respekt von dir mir gegenüber. Also mache ich dir einen Vorschlag: Wir legen das Portemonnaie hier auf dieses Fensterbrett, so dass wir es mit einer gesunden Rückenhaltung beobachten können. Dann machen wir ein Geduldspiel: Derjenige, der das Portemonnaie zuerst nimmt, hat verloren und muss dieses denjenigen übergeben, der die meiste Geduld besitzt. So bekommt der ausdauerndste den Gewinn und es wird gleichberechtigt entscheiden wer es bekommt. Wir sind doch schließlich Menschen und keine Tiere, wo derjenige, der es zuerst in den Händen hält, ohne Rücksicht auf Andere einfach die Beute in Anspruch nimmt. Also, bist du einverstanden?“
Den etwas verdutzten Bettler war zwar nicht ganz klar, was der Dicke damit bezwecken will, aber er sah ein, dass er ihm gegenüber fair sein musste, den schließlich war er ja höflich und tolerant. Als der Reiche bemerkte, das der Bettler einverstanden war, nahm er den Preis und legte ihn auf das Fensterbrett. Sie warteten eine kurze Weile und blickten beide mit denselben bedächtigen Blick auf das Portemonnaie. Doch nach einer weile fing der Reiche an zu lachen. Der Bettler schaute ihn auf einmal fragend an.
Doch der Dicke blickte nicht zurück. Stattdessen griff er schamlos das Portemonnaie, steckte es in seine Tasche, drehte sich um und ging wieder seines Weges. Der Bettler, erst verwirrt, dann dämmerte ihn aber, dass der Dicke ihn reingelegt hatte. Er rannte den Betrüger nach und versuchte ihn zu stellen. Da der verfolgte keine Anstallten machte seinen Schritt zu beschleunigen, nein, vielmehr langsamer zu gehen, erreichte der Unglückliche ihn bald und versuchte, die Hosentasche zu erreichen, um seinen wohlverdienten Preis zu bekommen. Hastig begrabschte er den Reichen Mann am teuren Anzug. Der fing allerdings an, den Ahnungslosen zu spielen und laut „Polizei! Hilfe! Ich werde überfallen!“ zu rufen. Die Leute auf dem Bürgersteig schauten sich um, unternahmen aber zum Glück des vermeintlichen Diebes nichts um den vermeintlichen Opfer zu helfen. Der Bettler fing an zu schreien und wild auf den Dicken einzuschlagen. Nun fanden sich aber doch ein paar Staatsbeamte, die sogleich herbeieilten um den wohlbetuchten Bürger zu helfen. Sie nahmen die Prügel und schlugen auf den Bettler ein. Der wehrte sich natürlich und rief andauernd, dass er unschuldig sei, gefolgt von immer häufiger und längeren Schmerzensschreien. Doch die Polizisten ließen nicht locker, bis er bewusstlos vor Schmerzen zu Boden sank. „Der Dieb versuchte mich zu berauben! Ich danke ihnen, das sie dass und vielleicht sogar schlimmeres verhindert haben.“ Doch der Beamte meinte nur, dass die Polizei schließlich da sei um Bürgern in der Not zu helfen. Die Polizisten holten einen Streifenwagen und hievten den Bettler hinein, dann fuhren sie ab. Der Reiche lachte wieder, als die Beamten weg waren und kümmerte sich nicht um die immer noch zahlreichen Zuschauer des kurzen Schauspiels. Er ging nun weiter, denn sein übliches Pensum an Spazierweg hatte er heute noch nicht erreicht.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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