Ellen F.

Zeitreise?!

Geschafft, endlich bin ich wieder zu Hause und mein langersehntes Wochenende steht bevor. Hoffentlich wird es bald Sommer, damit ich dann meine freien Tage in den herrlich wärmenden Strahlen der Sonne verbringen kann. Wie sehr ich mich schon darauf freue endlich meinen neuen Bikini anziehen zu können um dann auf meiner super bequemen Gartenliege, die mit ihren wunderschönen blauen Anstrich prächtig zu meinen hoffentlich saftig grünen Rasenstück passen wird, zu entspannen. Ich schließe für einen kurzen Augenblick meine Augen und mir ist als könnte ich den süßlichen Geruch einer Sonnencreme riechen.
Plötzlich reißt mich ein lautes Grummeln aus meinem Tagtraum. Ich sitze immer noch im warmen Auto und versuche mich aufzuraffen endlich auszusteigen und zu meiner Wohnung zu laufen. Es gießt immer noch in Strömen und ich ärgere mich erneut darüber, dass ich freiwillig in diese Wohnung eingezogen bin.
Zwei winzige Zimmer mit Bad und Flur und da sie im Erdgeschoss ist, hab ich eine kleine Rasenfläche im Innenhof dazubekommen. Von der Decke bröckelt schon der Putz ab, die Fenster lassen sich auch nicht mehr ordentlich schließen. Außerdem liegt ein abartiger Geruch in der Luft, der von dem verstopfen Gulli vor der Haustür in meine Wohnung dringt. Ich weiß nicht, wie viele Duftkugeln ich schon in meiner 45 m2 großen Wohnung verteilt habe, sogar vor diesen penetrant riechenden Duftbäumchen hab ich keinen Halt gemacht, aber ich bekomme diesen fauligen Geruch einfach nicht weg.
Dazu kommt, dass der zum Haus gehörige Parkplatz noch drei Häuserblocks entfernt liegt. Aber so ist wohl das Leben in einer Großstadt. Da muss ich mich als Landei wohl dran gewöhnen. Und das alles mach ich eigentlich nur, um endlich auf eigenen Füßen stehen zu können um nicht immer von meinen Eltern abhängig zu sein. Was heißt nur, ich sollte mich freuen, ich bin 24 und kann nun endlich so leben wie es mir gefällt. Ich öffne die Tür von meinem kleinen silbergrauen Polo, Leo, der mittlerweile schon fast zehn Jahre alt ist. Er hat schon so einige Macken weg, unter anderen ist die Autotür schon ziemlich verzogen, was auch der Grund ist, warum man sie schwer auf und zu bekommt. Es ist jedes Mal ein kleiner Kampf, besonders wenn ich aussteigen möchte. Aber da ich im Moment sparsam leben muss um meine Miete zu zahlen, ist kein neues Auto drin, also muss Leo die nächsten zwei bis drei Jahre noch durchhalten. Ich suche blitzschnell meine Sachen zusammen, schließe ab und laufe so schnell wie es jemandem möglich ist, der mit zwei randvollbepackten Einkaufstüten auf dem Arm bepackt ist, durch den Regen. Hoffentlich weichen die Tüten nicht durch und reißen. Ich hab jetzt wirklich keine Lust, bei dem Sauwetter meine Sachen wieder einzusammeln. Puh! Ein wenig außer Atem und ziemlich nass erreiche ich endlich meine Wohnungstür und schließe auf. Geschickt manövriere ich mich um die Umzugskartons, die mittlerweile seit circa drei Wochen fast unberührt in der sowieso viel zu kleinen Wohnung stehen, herum und lege die Tüten erst einmal auf der Küchenablage ab und gehe ins Schlafzimmer um mich meinen durchnässten Sachen zu entledigen. Außer meinen Bett mit zahlreichen Kissen und einer Decke, sowie einem Schrank mit einen großen Spiegel und einer kleinen Stehlampe ohne Schirm, die einsam in der Ecke steht, ist der Raum leer. Ich stelle mich vor den Spiegel und schaue mir erst einmal gründlich an, was der Regen mit meinen Make-up gemacht hat. Wie viele kleine Rinnsale läuft die Farbe meines Mascaras von meinen Augen über die Wange hinab zum Kinn. Je länger und intensiver ich sie betrachte, desto mehr, immer feinere Linien kann ich entdecken. Ich habe das Gefühl, als ob sie sich vor meinem inneren Auge anfangen würden im Kreis zu drehen. Immer schneller und schneller, bis ich nur noch ein verschwommes Bild vor meinen Augen habe. Ich versuche mich mit meiner Hand an den Spiegel zu lehnen um Halt zu bekommen, denn mir wird etwas schwindelig. Ich schließe die Augen. Doch anstatt der erwarteten kalten Fläche, fasst meine Hand ins Leere.
Ich mache einen kleinen Schritt nach vorne und strecke die Hand ein weiteres mal aus, wieder nichts. Ich mache noch einen Schritt, diesmal etwas größer, doch ich fasse wieder ins Leere.
In mir steigt ein unwohles Gefühl auf, Angst, nein, wieso sollte ich Angst haben, ich bin in meiner Wohnung mitten in Berlin und habe gerade einen kleinen Kreislaufkollaps. Ich atme tief durch und öffne meine Augen. Wo bin ich?
Ich schaue an mir herunter. Meine Füße stehen auf sehr feinem, weißen Sand, um mich herum sehe ich viele kleine Muscheln. Ich blicke auf und sehe vor mir kristallklares, blaues Wasser. Ich kneife mir in den Arm, träume ich schon wieder oder bin ich wirklich am Meer? Langsam habe ich mich beruhigt, ich werde mutiger und mache ein paar Schritte Richtung Wasser. In einiger Entfernung sehe ich einen riesigen, bunten Sonnenschirm, mit allen Farben des Regenbogens, der im Sand steckt. Ein wohliges Gefühl überkommt mich.
Mittlerweile ist es mir egal wo ich bin, ich genieße das Rauschen des Meeres und die Sonne. Neugierig, was sich hinter dem Sonnenschirm verbirgt, mache ich mich auf den Weg. Ich wate durch das warme Wasser, was mir fast bis zu den Knien reicht. Endlich habe ich den Sonnenschirm erreicht. „Hallo du da, wer bist du?“, kommt mir eine Stimme entgegen.
Ich bin im ersten Moment etwas verwirrt, denn außer einigen großen grünen und blauen Handtüchern, einen Picknickkorb, sowie einer Flasche Wasser kann ich nichts und niemanden erkennen. „Ich bin Lisa und du?“, fragt die Stimme erneut. „Wer spricht da?“, antworte ich zaghaft, „Wo bist du?“.
„Na hier !“, kommt es sofort zurück und plötzlich zupft mir etwas an der Hose. Ich drehe mich vorsichtig um. Erleichterung! Ein kleines Mädchen steht hinter mir. Ich muss wohl so in Gedanken gewesen sein, dass ich gar nicht mitbekommen habe, dass sie da ist. Ich hocke mich hin, um ihr Gesicht genauer sehen zu können. Sie muss so ungefähr sieben oder acht Jahre alt sein, würde ich tippen. „Spielst du mit mir?“. Das Mädchen sieht mich mit ihren großen blauen Augen durchdringend an. „Ähm, äh..“. „Toll, komm mit, ich wollte gerade eine Sandburg bauen, aber zu zweit macht das viel mehr Spaß“. Sie greift nach meiner Hand und zieht mich hinterher. Warum eigentlich nicht denke ich mir, und beginne mit einem kleinen Eimer einen Burggraben auszuheben. Ich erzähle Lisa, dass ich den gleichen Namen haben würde.
Ab dem Zeitpunkt an, ist sie nicht mehr zu stoppen, sie stellt mir eine Frage nach der anderen und ist erst zufrieden, nachdem ich ihr alles haarklein erzählt habe. Wir verstehen uns super und in dem Moment wird mir klar, wie gern ich doch eine kleine Schwester haben würde. Die Zeit vergeht wie im Fluge, ich mache alles mit, sogar, als sie mich bittet, wie ein Kamel durch die Wüste zu laufen, sage ich nicht nein, sondern mache mich zu Affen, nur um sie zum lachen zu bringen. Wenn mich jetzt meine Eltern sehen würden, wo ich ihnen doch erst vor kurzem gesagt habe, wie nervig ich Kinder finden würde und wie froh ich doch wäre, endlich erwachsen zu sein.
Als ich gerade dabei bin, wie ein Cowboy nach einem langem Ritt auf dem Sand zu stapfen, verstummt Lisas kindliches Lachen plötzlich. Der Gedanke, ihr könnte was passiert sein, schießt mir durch den Kopf und ich drehe mich suchend nach ihr um. Wo ist sie geblieben? Auch der bunte Sonnenschirm mit den grün, blauen Handtüchern ist weg. Was soll das, was ist los? Ich schließe meine Augen und hoffe, dass wenn ich sie gleich wieder öffne, das süße, kleine, blonde Mädchen mit den Rattenschwänzen und dem roten Badeanzug mit schwarzen Punkten wiederzusehen, wie es sich vor Lachen den Bauch hält.
Doch als ich meine Augen wieder öffne, stehe ich wieder vor meinem Spiegel in meinen Schlafzimmer. Etwas benommen gehe ich in den Flur.
Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne scheint durch ein Fenster herein. Ich werfe ein flüchtigen Blick durch den Raum und sehe einen Holzbilderrahmen auf dem Teppich liegen.
Er muss wohl aus der Kiste herausgefallen sein. Ich bücke mich und hebe ihn auf um zu sehen, welches Bild er einrahmt. Es ist ein Foto. Ein Urlaubsfoto. Ich sehe meine Eltern, wie sie um mich herum vor einem bunten Sonneschirm auf grün, blauen Handtüchern sitzen. Um uns herum kann man ein Stück Meer sehen sowie wunderschönen weißen Sandstrand auf dem eine großen Sandburg thront. Ich habe einen roten Badeanzug mit schwarzen Punkten an und winke.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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